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Full text of "Archiv für Dermatologie und Syphilis"

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r 



BegrQadet von H. Auspitz und F. J. Pick. 

ARCHIV 

für 

Dermatologie und Syphilis. 



Prof. M'CALL ANDtII80M, Dr. ARMINO, Prot. BEHRBHD, Dr. BE8KIER, Prof. BBRQH, Dr. 
BLABCHKO, Prof. BOEOK. Prof. DCHRmO. Prof. t. DÖIUKa. Prof. BHRtUHH, Dr. BLSBN- 
BERO,Dr.FABBT,PTDLFlNeBI{,Dr.GLt)CK J)r. J.ORCNFBLD.Frof JlAI.I.OPEAn,Pn>tBASLUHD , 
Dr. HERXHEDIIiK. Df, HOOHSINaER, Prof. JADASSOHN, Prof. JAN0V8KT, Dr. JOSEPH, 
Dr. KLOTZ, Pnf. KÖBKER, Prof. KOPP. Prof. KREIBICB, Prof. LANO, Dr. LBDEKUANN, 
Prof. LUKABIEWICZ, Dr. LtlSTOARTEN, Prof. t. MARSCHALKÖ. Prof. UERE, Dr. da KBSim,, 
Prof. MRACEK. "rot. NEmANN, Prof, t. PETEBSBS, Prot. POSPBLOW, J. K. PROKSaH. 
Prof REDEB, Prof. RILLE, Prof. RONA, Dr. O. ROSENTHAL, Prof. BCHIPF, Dr. BCSOTZ, 
Dr. SCUUBTER, Dr. BOBIUUCHER II., Dr. 8ZADEK, Prof. TA&NOWBXY, Dr. TOUTON, Dr. 
ULUIAMN, Dr. VEIEL, Dr. VOLLMER, Dr. WAELSOH, Dr. t. WATRASZEWSKI, Prof. 
W-BLANDBR, Dr. WINTXRNITZ, Pnf. WOLFF, Prot WOLTERS, Prot T. ZBI8BL 



Prot Cnpur, Prol. Dntniiiiicit, Prof. Leuer. Prot. Htlsur, Pnl. Bleu, 

KBaitibart Bons Bari In BmUB Wien 

heraa^egeben von 

Prof. F. J. Pick in Prag. 
Achtundsechzigtter Band 



Hit fftnfaadiwkoiig Tafeln. 



Wien und Leipzig. 
Wilhelm Braamfliler, 

k. a. k. Bot- and DilT«niaHbnchhlBdI«r. 

1903. 





K* v. k. Hoflrachdinekeral A. Hasse, Praff. 



I n h a lt. 

Original-Abhandlttngeii. 

AtiB Prof. Ehrmanns Laboratorium in Wien. Zur Patholoffie der sy- 
philitisohen Initialsklerose des Penis. Von Prof. Dr. 8. Enrmann. 
(ffiesu Taf. I— V.) 8 

AoB der kgl. dermal. Klinik des Herrn Prof. Dr. Posselt za Manchen. 
Zar Lemre von den TalgdrAsengesohwülsten. Von Dr. Richard 
Kothe. (Hiezu Taf. XV— XVIII.) 83, a69 

Ans dem Institut für pathologische Anatomie des Prof. Przewosld. 
Zur pathologischen Aiiatomie des Herpes progenitalis. Von Dr. med. 
W. K o p y t o w s k i, Primararzt im St. Lazarusbospital zu Warschau. 
(Hiezu Taf. XIX— XXI.) 66, 887 

Aus der k. k. Universitätsklinik fär Syphilis und Hautkrankheiten 
(Hofrat Prof. Neumann). Über eine eigentümliche Form der Haut- 
atrophie bei Lepra. (Dermatitis atrophicans leprosa universalis.) Von 
Dr. Moritz Oppenheim, Assistent der Klinik. (Hiezu Taf. VI — VTH.) 81 

Aus der dermatologischen üniversitätsklinilc (Professor Jacobi) zu 
Freiburg i. Br. Zwei Fälle von ausgedehnten ülzerationsprozessen 
an Mund und Genitalien, hervorgerufen durch Diphtheriebazillen. 
(Subakute Haut- und Schleimhaut-Diphtherie.) Von Dr. Th. Schwab, 
fr&herem I. Assistenten der Uniyersitätshautklinik in Freiburg i. Br. 101 

Über Dermoidcysten und jparai^ethrale Gänge der Genitoperineal- 
raphe. Von Dr. Wilhelm Weoh seimann in Berlin. (Hiezu Taf. IX.) 128 

Über atrophische Formen des Liehen planus. Von Prof. Dr. Wladis- 
law Reiss. (Krakau). (Hiezu Taf. X— XIL) 187 

Ans der Universitätspoliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten 
in Berlin (Direktor: Professor Dr. Lesser). Lymphangiektasien der 
Wange. Von Dr. G. Bruhns, Privatdosenten und ehemal. Assis- 
tenten der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der 
königl. Charite in BerUn. (Hiezu Taf. XIII u. XIV.) 147 

Aus der k. k. deutschen dermatologischen Universitätsklinik von 
Prof. F. J. Pick in Prag. Über zwei Fälle von Antipyrinexantbem. 
Von Dr. Karl Löwy, Sekundararzt der Klinik 167 

Ans der k. k. deutschen dermatologischen Universitätsklinik von 
Prof. F. J. Pick in Prag. Über Bazillenbefunde bei Syphilis. Von 
Priv.-Doz. Dr. Ludwig Waelsch in Prag, gew. Assistenten der 
Künik 179 

Über einen Fall von malignem Plasmom. Vorläufige Mitteilung von 
Dr. med. Rudolf Hoffmann — München 217 

Das Wachstum der Haare in der Achselhöhle und der angeborene 
Defekt der Brustmuskeln. Von Dr. Moriz Schein (Budapest) . . . 328 



IV Inhalt. 

Ans der k. k. dermatologiechen Uniyenitfttsklinik von Prof. Pick in 
Prag. Zar Frage der metastatischen Lymphdräsenerkranknn^ beim 
Rhinoaklerom. Von Dr. Alfred Kraus, U. Assistent der Klinik . . 845 

Insonte oberflächliche (Ano-) Genitalgeschwüre bei Frauen. Von Prof. 
Edvard Welanderin Stockholm. (Hiezn Taf. XXII— XXV.) ... 403 

Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete der Dermatoiegle 

und Syphilis. 

Die Blastomykose. I. Referat von Privatdozent Dr. A. Bnschke, 
I. Assistent der Königl. Universitfttspoliklinik fär Haut- uad Ge- 
schlechtskrankheiten in Berlin 416 

Verhandllungen der Wiener dermatologischen Gesellschaft 485 

Verhandlungen der Berliner dermatologischen Gesellschaft 444 

Geschlechtskrankheiten 221 

Bantkrankheiten 268, 465 

Bucbanzeigen und Besprechungen 818, 478 

Sehindelka, Prof. Dr., Hugo. Haatknnkheiten. 
K r o m a j e r,..l*rof. Dr. B. Repetitoriam der Haat- und GeschleehUkraukhelten fttr Sta- 
dlerende und Ärste. — Lnlthleq. Therapie der HautkranUieiten. — M b i u •, P. J. 
Geichlecht and Krankheit. — Thibierge, Georges. SyphüU et D^ontologle. 

Varia 820, 480 

ErkUrnng. 
y. Internationaler DerraatologenkongreB. 



Originalabhandlungen. 



Areb. f. Dermat. v. Syph. Bd. LXVUI. 



Ana Prof. ZlirxnMits LAboratoritun in Wien. 



i^ 



^ 




Zur Pathologie^^^^u^^tmtischen Initial 

Sklerose des Penis. 



Von 

Prof. Dr. 8. Ehrmann. 

(ffiezu Taf. I— V.) 



I. Mitteilung-. 

Ober die Blut- und Lymphgefäße, ihre Injelction, Ober 
Lymphangitis indurativa und Bubonuli. 

EÜDische und anatomische UDtersuchungen lehrten mich 
seit längerer Zeit, daß viele in der Literatur vorkommende tat- 
sächliche Angaben über die Anatomie der Initialläsion und über 
ihre Beziehung zu den Blut- und Lymphgefäßen, einer Revision 
bedürfen. Gleichzeitig gewann ich die Überzeugung, daß manche 
Zweifel nur durch eine große Beihe von Untersuchungen an 
guten Injektionspräparaten zu lösen sind und nur durch Mit- 
einbeziehung der entfernteren Umgebung der Initialläsion in 
die Untersuchung klare und unzweideutige Urteile geschöpft 
werden können. 

Die Initialschanker des überlangen Präputium bieten der 
Untersuchung alle diese erwünschten Vorteile. Es hat zwar vor 
Jahren schon Biesiadeckian zwei zufallig zur Obduktion ge- 
langten Fällen Sklerosen die Blutgefäße injiziert und bei dieser 
Oelegenheit die als Lymphstränge bezeichneten Gebilde der mi- 
kroskopischen Untersuchung unterziehen können. 

Doch sind seine Resultate später wieder in Frage gestellt 
worden. Außerdem konnte Biesiadecki eine größere Reihe von 



4 Ehrmann. 

Beobachtungen an der geringen Zahl von ein oder zwei Fällen 
nicht machen. Ich habe deshalb seit einer Reihe Ton Jahren 
ein reichliches Material für die Untersuchungen gesammelt, 
indem ich aUzulange Präputien, welche Sitz Ton Genitalsklerosen 
waren, durch Zirkularschnitt entfernte, wobei es möglich war, 
palpable, indurierte Lymphgefäßstränge auf ziemlich weite Strecken 
im Zusammenhange mit der Initialläsion zur Injektion und Unter- 
suchung zu gewinnen. 

Über einige Resultate habe ich vor Jahren kurz be- 
richtet: Das erste Mal im Jahre 1886 in einem wenig bekannten 
Aiiikel der W. klin. Rundschau, dann auf dem 1. Kongresse 
der deutschen dermatologischen Gesellschaft in Prag 1889, das 
dritte Mal auf dem Kongresse derselben Gesellschaft in Breslau 
1893, ferner in verschiedenen Sitzungen der Wiener dermato- 
logischen Gesellschaft 1899, in der Gesellschaft der Ärzte und 
endlich auf dem internationalen dermatologischen Kongresse in 
Paris 1901, immer mit Demonstration der betreffenden Präparate. 

In den letzten Jahren traten noch die Untersuchungen 
über die Beziehung der elastischen Fasern zu den Lymph- 
gefäßen und dem Infiltrat der sklerotischen Masse hinzu, Unter- 
suchungen, die im Jahre 1899 in meinem Laboratorium von 
Komel Beck bei nicht injiziertem Ödema indurativum begonnen 
und in yiel ausgedehnterem Maße sodann Ton mir bei der 
Untersuchung an Injektionspräparaten der Initialläsion und an 
nicht injizierten Sklerosen überhaupt fortgesetzt wurden. 

Über diese letzteren, sowie über die Untersuchung ge- 
wisser Veränderungen der Lymphgefäße in der Sklerose und 
in den Lymphdrüsen wird in einer weitern Arbeit berichtet. 

Technik der Untersuchung. 

Die Injektion der Blat- und Lymphbahnen wurde folgendermaßen 
▼orgenommen : Das durch einen Zirkularschnitt amputierte noch warme 
Präputium wird behufa Fixierung auf ein dickeres, auf zwei Stützen 
schwebend erhaltenes Stäbchen aufgezogen, dann eine feine Kanüle in die 
größte, angeschnittene Arterie^) eingebunden, die zuerst mit einer dünnen 
Gelatinelösung gefüllt war, um Lufteintritt zu verhindern. Ist dies ge- 
schehen, so werden die zirkulären Schnittränder der äußeren und inneren 

^) Dies ist das Schwierigste an der ganzen Technik und gelingt 
nur nach längerer Übung. 



Zar Pathologie der syphilitischen Initialsklerose des Penis. 5 

Lamelle durch eine fortlaufende Kaht vereinigt und eine provisorische 
Schlinge gemacht. Hierauf wird mit ca. 100 g der Thierschschen, durch 
Flanell gut filtrierten BerlinerblauLeimmasse warm injiziert, bis die In- 
jektionamasse aus den angeschnittenen Venen reichlich hin ausfließt. Dann 
wird die provisorische Schlinge so zugezogen, daß der Faden auch um 
die Arterienkanüle geknüpft wird, und noch immer lojektionsmasse ein- 
gespritzt werden kann. Sollte jetzt noch aus kleinen Venen Injektionsmasse 
hervorquellen, so wird mit einem zweiten Faden das Präputium unmittel- 
bar anschließend an den Schnittrand samt der Kanüle zugeschnürt, dann 
noch injiziert. Das Präputium schwillt gleichmäßig an und färbt sich 
blau. Und nun wird die Spritze von der Kanüle vorsichtig abgenommen, 
die letztere rasch mit dem Finger verstopft, provisorisch damit zugehalten 
und ebenso schnell ein gutpassender Propf eingeführt, po daß keine In- 
jektionsmasse zurückfließen kann. 

Ist die Injektion der Blutgefäße auf diese Weise durchgeführt, so 
wird das Ganze auf 6 — 10 Minuten in den Eisschrank gestellt und hernach 
eventuell zur Injektion der Lymphgefäße geschritten. 

Selbstverständlich werden die kleinern im Wundrande angeschnittenen 
Arterien nicht mitinjiziert. Die Gefaßgebiete, welche vom Präputiumrand 
bis ganz nahe an die Schnittwunde reichen, sind aber in der Regel bei 
gut durchgeführter Ii^ektion vollständig gefüllt und bei den nichtgefällten 
Arterienstämmchen des Schnittrandes kommt es häufig vor, daß sie selbst 
zwar leer sind, daß aber ihre Vasa vasorum, die von den vorderen 
Arterien gespeist wurde, in der schönsten Weise gefüllt sind. Die Venen 
erscheinen durchgehends gefüllt samt ihren Vasa vasorum. £s kommen 
allerdings Objekte vor, bei welchen von der Hauptarterie nicht das ganze 
Objekt injiziert werden kann — diese worden für die Frage über die 
Gefaßverteilung auch ganz unberücksichtigt gelassen, hiefür wurden nur 
die tadellos injizierten Objekte berücksichtigt. Deren habe ich von etwa 
81 Präparaten 16 sorgfällig ausgewählt. 

Die Lymphgefäße können bekanntlich wegen der Klappen der 
größeren nicht zentrifugal von den ganz groben Lymphgefaßstämmen 
gegen die kapillaren Ursprünge injiziert werden, sondern umgekehrt von 
den Kapillaren gegen die großen Stämme, also zentripetal. 

Die Injektion geschah in der Weise, daß ich mit der Nadel einer 
Pravaz sehen Spritze horizontal unter das Epithel einstach und einspritzte 
oder mit einer Stamadel subepithelial die Papillenspitzen anstach, und 
dann erst mittels eines dünnen Spritzenansatzes, der aber so dünn wie 
eine Pravaz sehe Nadel war, injizierte. Ich glaube, daß dieser Vorgang 
etwas schonender ist und bessere Resultate liefert. Durch diese Injektions- 
methode wird selbstverständlich nur das Gebiet einer beschränkten Zahl 
von Papillen injiziert, aber mit den dazu gehörigen Stamm chen des sub- 
kapillaren Gefaßnetzes und der in das subkutane Gewebe absteigenden 
Lymphgefllßstämmohen ; doch werden noch weiterhin von da aus grobe 
Lymphgef&ße des subkutanen Gewebes gefüllt, oder es wird das subpapiU 
lare Lymphgefaßsystem auf weite Strecken hin injiziert, so daß man 



6 Ehrmann. 

oft in einer Entfernung von S — 4 cm Stämme des sabpapil- 
laren Gefäßnetzes aasgefüllt findet, während die sage- 
hörigen darüberliegenden Lymphcapillaren der Papillen 
nicht gefüllt sind, weil sie sieh rückläufig nicht füllen 
können. Will man eine große Area mit Injektion der Papillengeflße 
versehen, so muß in geringer Entfernung (6—7 inm) von dem einen ein 
zweiter und so fort beliebig viele Einstiche gemacht werden. Auf diese 
Weise gelingt es auf ziemlich weite Strecken eine vollständige Lymph- 
gefaßii^jektion zu erzielen, die sowohl den Papillarkörper, als das übrige 
kutane und subkutane Gewebe betrifft. Als Iigektionsmasse wurde nach 
ausgedehnten Versuchen, die ich schon vor Jahren im Wiener physio- 
logischen Institute angestellt hatte, das offizineile Ferrum oxydatum 
dialysatum verwendet, das eine sehr leichtflüssige, dann fest werdende 
und ungemein haltbare Iiy'ektionsmasse darstellt. 

Im übrigen werden wir in einer zweiten Abhandlung sehen, daß, 
wenn die Blutgeflßinjektion gut gelungen ist, und man die elastische 
Faserfärbung damit kombiniert, die Lymphgefäße auch ohne Injektion 
so schön hervortreten, daß man viele Verhältnisse derselben oft viel 
besser studieren kann, als in injiziertem Zustande. 

Das eine aber ist sicher, daß man ohne Injektion der 
Blutgefäße und ohne Färbung der elastischen Fasern und 
ohne Injektion der Lymphgefäße zu einem richtigen Be- 
sultate über den Bau der syphilitischen Initialsklerose 
nicht gelangen kann und dadurch wichtige Tatsachen über 
die Pathologie der syphilitischen Infektion übersieht. Die 
Möglichkeit, daß bei nachträglicher Injektion der Lymphgefäße Blutgefäße 
sich fallen könnten, ist bei gut gefülltem Blutgefäßsystem ausgeschlossen. 
Das könnte allenfalls bei Füllung der Blutgefäße mit löslichem Berlinerblau 
geschehen, nicht aber bei vorher erstarrter Berlinerblau-Leimmasse. Selbst 
bei nicht völliger Erstarrung der letzteren wegen zu kurzen Aufenthaltes 
im Eisschranke habe ich immer gesehen, daß wenn nachträglich die In- 
jektion der Lymphkapillaren vorgenommen wurde, kleine Blutkapillaren, 
die dem Lympbgefäßlnmen enge sich anschlössen, durch Ausdehnen des 
Lymphgefäßes an einzelnen Stellen rissen und aus ihnen eine ganz ge- 
ringe Spur von Berlinerblau ins Bindegewebe gelangte. Nie drang aber 
I^jektionsmasse aus dem Lymphgefäße in sie hinein. 

Zur Eontrolle verwendete ich normale Genitalien, die von der 
Arteria pudenda communis aus an der Leiche iigiziert wurden und eine 
so vollständige Injektion aufwiesen, daß man an vollständigen Schnitt- 
ierien von der nachträglichen Lymphgefäßi^jektion nie Injektionsmasse 
aus den BlutgeflÜ3en in die Lymphgefäße eingedrungen fand oder umge- 
kehrt. An normalen Genitalien wurden die Lymphgefäße durch eine von 
mir bereits früher infolge einer zufälligen Beobachtung ausgearbeiteten, 
ich möchte sagen, natürlichen Ii^ektionsmethode gefüllt. Es wurde näm- 
lich bei der Injektion der Blutgefäße von der Arteria pudenda communis 



Znr Pathologie der lyphilituchen InitialeUeroM des Penia. 7 

ent eine lehr rerdfiiuite, «orgüUtig nbereitete nnd filtrierte Gelatine- 
lötnng durch du Qefäßcjitem rorgeapritit. 

Dmbei ßllten sioh die Ljmphgenfie mit ungefärbter Qelktinelöenng, 
ongeAhr «o wie wir in yvto «ehr häaüg beobaohten, daß bei reichlioher 
TruiHndation aoi den Blutgefäßen bei aknten Ödemen die Lymphgefäße 
reiehlioh Sertun anfnehmen und sioli fallen, ao daS man (. B. bei Gonor- 
rhö«, bei kleinen Terletaungen de« Peni«, anah bei gewöhnlicher Balano- 
pottitia daa LymphgeflßaetE ungemein reiohlioh mit Senun angefüllt und 
wie an einem Injektioniprftparat lohön herrortreten Bieht. Ich beiitce naoh 
dem Leben angefertigte Abbildnngen solcher freiwillig gefüllter Lymph- 
gefäßnetce, die an >VollitAndigkeit alle Iigektioiupr&parate übertreffen. 
Ich habe aie teineraeit beim Präger und anoh beim Brealaoer EongreMe 
heromgeredoht 



Aaf dieielbe Weiie fallen sich non die LymphgeASe mit der in 
die BiDigef&Se inijiierten verd&nnten QelatinelÖBiing, und wenn man dann 
dicke Berlin erblaa-Leimmasie uachapritit, »o fallen sich nur die BlntgefSSe 



8 Ehrmann. 

mit der letzteren. Die in den Lymphgefäßen enthaltene schwache Gela- 
tinelÖBnng nimmt nur hie and da einen bl&alichen Ton an. 

Werden die so ixijisierten Präparate gehärtet, so erscheint auf dem 
mikroskopischen Durchschnitt die Gelatinemasse in den Lymphgefäßen 
etwas geschrumpft (weil sie ja verdünnt war), aber farbbar mit den ver- 
schiedenen Farbstoffen, mit denen die Schnitte behandelt werden, während 
die Berlinerblan-Leimmasse, mit der die Blutgefäße injiziert waren, keine 
Schrumpfungserscheinungen zeigt Auf Figur 1 des Textes sieht man ein 
Stück eines lateralen, vom Frenulum nach aufwärts aufsteigenden Lymph- 
gefäßes mit den dasselbe umspinnenden Blutgefäßen anf diese Weise 
gefüllt Durch Vergleiohung der normal injizierten mit den pathologischen 
Präparaten läßt sich der sichere Nachweis erbringen, daß die patho- 
logischen Befunde von Lymphgefäßen auch wirklich Lymphgefäße be- 
treffen und die an Blutgefäßen, Blutgefäße, abgesehen davon, daß die 
Struktur der Blut- nnd Lymphgefäße im Präputium durchgehends sehr 
charakteristisch ist, was im 2. Teil dieser Abhandlung besonders aus- 
geführt wird. Ich bemerke, daß diese Yergleichung bei allen Befunden, 
die als pathologisch geschildert werden, in reichlichem Maße geschehen 
ist, auch wo dies nicht ausdrücklich hervorgehoben wird. 

A. Die Blutgefäße. 

Die Form des ZelÜDfiltrats der Initialsklerose und die des 
zugehörigen Blutgefäßnetzes muß notwendigerweise überein- 
stimmen. Bisher hat man aber angenommen, die Form der 
Initialsklerose sei direkt abhängig von der ursprünglichen Form 
des Blutgefaßbaumes. Dies hat sich nach meinen Untersuchungen 
als nur zum Teil richtig dargestellt Die Form der Initialsklerose 
ist wesentlich bedingt : erstens durch das Verhalten der Binde- 
gewebs- und namentlich der elastischen Fasern zu den Gefäßen 
und nur insofeme als die Blutgefäßverteilung besonders der 
neugebildeten Blutgefäße von diesen letzteren beeinflußt wird, 
ist sie auch von der Verteilung der Blutgefäße abhängig. Zum 
größten Teil jedoch ist die Form der Initialskle- 
rose abhängigvon den Lymphgefäßen, beziehungs- 
weise davon, welcher Teil des Lymphgefäßbaumes 
in das Infiltrat jeweilig einbezogen ist und dies 
letztere hängt offenbar wiederum davon ab, 
welche Wege das syphilitische Virus gegangen ist. 
Ich will über die verschiedene Form der Sklerose in dieser 
ersten Mitteilung nicht sprechen. Sie wird das Thema der zweiten 
beziehungsweise dritten Mitteilung bilden. Jetzt will ich nur 
das erwähnen, was allen Sklerosen gemeinsam ist und nur ge- 
legentlich auf die Form selbst eingehen. 

Die Initialsklerose besteht aus einer Hauptmasse des In- 
filtrats, die sich um die unmittelbare Eintrittsstelle des Virus 



Zar Pathologie der syphilitisohen InitialskleroBe des Penis. 9 

massiert und die ich als das „Massiv der Sklerose^ bezeichnen 
wilL (Fig. 1.) Die Eintrittsstelle selbst ist gewöhnlich markiert 
durch eine dichtere Anhäufung der das Infiltrat bildenden 
Zellenarten und durch eine nachträglich erscheinende, ober- 
flächliche Nekrosierung, die wir als ^Erosion der Sklerose** 
bezeichnen (Fig. 2). Von dem Massiv der Sklerose, welche Form 
sie auch haben mag, gehen Infiltrationsstreifen in das untere 
und seitlich liegende (Gewebe, mit dem wir uns noch des weiteren 
befassen werden. Für jetzt wollen wir die Verhältnisse des 
Sklerosenmassivs besprechen. 

In dem peripheren Teil der Sklerose bis in den erodierten 
Abschnitt hinein zeigt sich im Vergleiche zum Ver- 
halten derselben Stelle des normalen injizierten 
Präputiums eine entschiedene und sehr reichliche 
Vermehrung der Blutgefäße (Fig. 1); im erodierten Teile 
selbst, namentlich in seinem zentralen Anteil unmittelbar unter der 
erodierten Fläche kann man jedoch eine entschiedene Abnahme 
der Blutgefäße, ein Zugrundegehen derselben feststellen. Das 
überaus reichliche Blutgefaßnetz des Sklerosenrandes bildet auch 
reiche Kapillarschlingen in den Papillen, und so wie diese und 
die zwischen den Papillen gelegenen Reteleisten gegen den 
erodierten Teil bis an die äußerste Grenze derselben hin 
an Länge bezw. Tiefe zunehmen, ja sogar als schwachverzweigte 
Epithelstreifen in die Tiefe dringen, so nehmen auch die 
kapillaren Schlingen an Länge und Breite, an Reichlichkeit 
der Maschen zu. Das reichhaltige Blutgefäßnetz verliert un- 
mittelbar an der Grenze des erodierten Teiles unter dem zuge- 
schärfteu Band des Epithels, wo die Papillen schwinden, seine 
papilläre Anordnung, nicht aber seine Reichhaltigkeit; ja die 
letetere nimmt womöglich noch zu. (Fig. 2.) 

Im erodierten Teil der Sklerose selbst zeigt das Blut- 
gefaßsystem eine Anordnung, die für die hier herrschenden 
Zirkulationsverhältnisse ungemein lehrreich ist. (Fig. 2.) Un- 
mittelbar unter der nekrotischen, ganz blutgefaßlosen Schichte 
zeigen die Kapillaren des Blutgefäßnetzes eine enorme Aus- 
weitung, die stellenweise zur Ausbuchtung der Eapillarwand 
fuhrt. Dieses enorm erweiterte, oberflächliche Netz der Kapillaren 
wird gespeist von einem aufsteigenden System ungemein dünner, 
kapillarer und subkapillarer Stämmcfaen, die von unten die In- 
filtrationsmasse durchsetzend, in das obere Netzwerk der erwei- 
terten Blutgefäße übergehen und an der Übergangsstelle, sowie 
auch weiter unten, ranken- und korkzieherformig gewunden er- 
scheinen. Für die Zirkulationsverhältnisse kann man daraus 
schließen, daß die zur Oberfläche aufsteigenden, neugebildeten 
Blutgefäße durch das dichte Infiltrat komprimiert werden, so 
zwar, daß der arterielle Druck noch zureicht, um den Wider- 



XO Ehrmann. 

stand zu überwinden und das Blut bis in das oberflächliche 
Blutgefäßnetz zu treiben, daß aber der venöse Blutdruck nicht 
hinreicht, um das Blut wieder abzuleiten. 

So entsteht in dem oberflächlichen Eapillametz eine 
Stauung und infolge dessen die Ausdehnung. Die Folge dieser 
Ausdehnung ist eine reichliche EztravasieruDg Ton roten Blut- 
körperchen, deren Farbstoff die oberflächliche nekrotische Schichte 
grünlich, bräunlich färbt, und der Erosion des Initialschankers 
die charakteristische aus braun und rot und grün sich zusammen- 
setzende Farbe erteilt. 

Stellenweise vertrocknet die Sklerose, ohne daß das 
Epithel gänzlich abgestoßen ist Da scheinen die vom gewucherten 
Stratum spin. eingeschlossenen, durch Schrumpfung spiralförmig 
gewordenen Eapillarschlingen der Papillenspitzen ganz nahe 
der Oberfläche im Belage derselben zu liegen und erinnern 
ihrer Form nach lebhaft an die als schlauchförmige Parasiten 
von Schüller beschriebenen Gebilde. Nach dem Abstoßen der 
nekrotischen Schicht gehen aus diesen Blutgefäßen die neuge- 
bildeten Kapillaren für die Bildung der Granulationen hervor. 
Von dem erweiterten kapillaren Blutgefaßnetz gehen viele Äste 
in der Nekrose zu Grunde, und wenn das Infiltrat in der Mitte 
eine gewisse Dichte übersteigt, so schwinden überhaupt auch 
die tieferen Blutgefäße, die sonst oberflächliche Nekrotisierung 
kann auch tiefere Schichten ergreifen. 

Die hier geschilderten Verhältnisse erklären die täglich 
zu machende Beobachtung, daß Initialsklerosen beim kleinsten 
Druck und beim kleinsten Versuch, sie zu biegen, an der Um- 
biegungsstelle anämisch werden. Dies kommt daher, daß das 
in dem oberflächlichen, erweiterten Blutgefäßnetz vorhandene, 
gestaute Blut leicht in die Peripherie verstrichen werden kann, 
daß aber von unten nur spärlich Blut nachgeschickt wird und 
selbst dieser Zufluß bei dem geringsten Druck zeitweise aufhört. 
Vfie schon oben erwähnt und wie es schon seit langem bekannt 
ist, gehen vom Sklerosenmassiv dünnere und breitere Streifen 
von Infiltrat in die Tiefe und in die Umgebung. Ein Teil der- 
selben hat noch die dichte Anordnung des Sklerosenmassivs 
und wir werden sehen, daß in ihrem Innern Lymphgefäße ver 
laufen; sie sind aber auch durchsetzt von einem ungemein 
reichlichen Netze kapiUarer und subkapillarer Blutgefäße. Außer 
diesen ziemlich dicken ganz deutlich von Lymphgefäßen aus- 
gehöhlten Infiltratsstreifen und Fortsätzen (Fig. 1) finden wir 
dünnere und ganz dünue, meistens auch schüttere Zellstreifen, 
in denen wir ohne feinere Untersuchung oft kaum ein Lymph- 
gefilß nachweisen können, wohl aber ein ungemein fein ent- 
wickeltes, in die Umgebung rechts und links feine Schlingen 
aussendendes Netz feinster Kapillaren, das von einem kleinereu 



Zar Pathologie der syphilitüehen Initialsklerose des Penis. H 

arteriellen oder subkapillaren GefaBchen gespeist wird. (Fig. 1, 
2 und 5) 

Das Infiltrat nnd seine Eapillarnetze schließen sich sehr 
häufig dem Verlaufe anderer Gebilde an, am häufigsten Bün- 
deln Yon glatten Muskelfasern (Fig. 5) und Nervenbündeln, ja 
sie umgeben oft die P a c c i ni sehen Eörperchen. (Fig. 3.) Durch 
Vergleich mit normalen Präputien, bei deren In- 
jektion Yor der Arteria pudenda communis viel 
günstigere Verhältnisse obwalteten^ sowie mit den 
nicht erkrankten Stellen der pathologischen Prä- 
putien, kann man sich überzeugen, daß diese Netz- 
werke sämtlich neugebildet sind, und wenn noch 
ein Zweifel bestehen könnte, so würde es die 
große Anzahl junger, noch nicht gefüllter, von den 
oben beschriebenen, rechts und links ausladen- 
den, feinen Kapillarschlingen ausgehenden kapil- 
larer Sprossen beweisen. (Fig. 1, 2, 5.) 

Wir werden über diese Netze bei den Lymphgefäßen, zu 
denen sie in den meisten Fällen gehören, noch sprechen. Hier 
möchte ich nur noch erwähnen, daß die Dichte der Infiltrations- 
streifen, welche sie begleiten, sehr verschieden ist, und daß 
sehr oft gerade bei den dichtesten und feinsten kapillaren 
Netzen nur eine sehr spärliche Anzahl von Leukocvten vor- 
handen ist. Es sind dies immer die, welche von der Sklerose am 
weitesten vorgeschoben sind. Es scheint also die Neubildung 
von Kapillaren dem Infiltrat vorauszueilen. Die den Infiltrats- 
streifen beiderseits begleitenden Kapillarschlingen sind nichts 
anderes als aus den Sprossen hervorgegangene allerjüngste 
Kapillaren, die wiederum Sprossen aussenden. 

B. Die Lymphgefäße. 

Von der Einstichstelle (s. Fig. 1), welche die Spitzen der 
Papillen trifft, dringt die Injektionsmasse bei gut gelungener 
Injektion in die kapillaren Schlingen einer Gruppe von Papillen 
und füllt zunächst in jeder Papille ein schlingenformiges Netz 
von Lymphkapillaren, welches sich in den das Gewebe gleich- 
mäßig durchsetzendem Infiltrate mit den ebenfalls schUngen- 
fbrmig, aber reichlicher entwickelten Blutgefäßkapillaren durch- 
schlingt. Von den kapillaren Lymphgefäßschlingen des Pa- 
pillenkörpers füllt sich durch kurze Verbindungsstücke ein 
unterhalb der Papillen im Stratum reticulare liegendes, 
horizontalesNetz von etwas größeren Lymphgefäßkapillaren. 
Bis zu diesem letzteren kann eine Entscheidung darüber, ob die 
Blut- oder Lymphgefäße den Grundstock des Infiltrats bilden, 
nicht aufgestellt werden. Blut- und Lymphkapillaren durch 



12 EhrmauD. 

spinnen einander im Infiltrat in gleichmäßiger Weise, die nur 
durch den viel größeren Querschnitt der Lymphkapillaren 
gestört wird. Aber schon das subpapillare Stratum 
zeigt, daß das Infiltrat hauptsächlich die Lymph- 
gefäße umhüllt und das den Infiltratsmantel 
durchsetzende Blutkapillarnetz wie ein Korb um 
die Lymphgefäße herumgesponnen ist. 

Das Infiltrat, welches hier das subpapillare horizontale 
Lymphgefäßnetz umgibt, erstreckt sich nun als Infiltratsmantel, 
die in der Cutis noch keine Muskelelemente und keine Wand- | 

schichten zeigenden Lymphgefäßstämmchen umhüllend, in das 
umgebende und tiefer gelegene Bindegewebe. Solche Infiltrats- { 

mäntel sind eben die sub A erwähnten, in die Tiefe greifenden 
Infiltratsstränge, die von einem feinen Blutgefaßnetz durchsetzt 
werden, so daß es zugleich mit dem Infiltrat einen Mantel um 
das Lymphgefäß bilden. Bei den pergamentförmigen, 
platten- und knopfförmigen Sklerosen erstreckt I 

sich das Massiv des Infiltrats nur bis an das sub- j 

papilläre Lymphgefäßnetz, und die gröberen Stämm- 
chen desselben ragen schon aus dem Infiltratsmassiv hervor 
(Fig. 1), umgeben bloß von einem zum Teil isolierten, in 
nicht infiltriertes Gewebe vorspringenden Infiltratsmantel, der 
sich dann in die eben erwähnten nach abwärts reichenden die 
absteigenden Lymphgefäße umgebenden Infiltratsstränge fort- 
setzt. (S. Fig. 1.) Die aus dem horizontalen Blutgefäßoetz nach 
unten laufenden Lymphgefäße tibergehen an der Cutisgrenze 
oder im subkutanen Gewebe in solche, die paralell zur Haut- 
oberfläche verlaufen und die bereits mit spärlichen glatten Muskel- 
fasern versehen sind. Diese setzen sich dann zusammen zu 
größeren, bei spontaner Füllung der Lymphgefäße infolge ent- 
zündlicher Ödeme auch makroskopisch sichtbaren Stämmchen, 
welche sich ihrerseits zu den tast- und sichtbaren paralell zur 
Corona verlaufenden Hauptlymphgefaßen vereinigen und dann 
in die bekannten longitudinalen Lymphstränge übergehen. 

Auf diesem ganzen Wege können noch kapillare Lymph- 
gefäßchen in größere einmünden und es gibt kein noch so 
starkes Lymphgefäß, welches nicht kapillare Lymphgefäßchen 
aufnehmen würde. Die tiefen Lymphkapillaren füllen sich selten 
direkt von dem subepithelialen Einstich, sondern sie füllen sich 
nur bei tieferem Einstich, am häufigsten dann, wenn es bei der 
Lymphgefäßinjektion zu einem Extravasat in die Haut gekommen 
ist, von diesem, und häufig genug sah ich ein von diesem 
Extravasat aus gefülltes, tiefes kapillares Lymphgefäß in die 
vom Papillarkörper aus durch Einstich gefüllten groben Lymph- 
gefäßstämmchen einmünden. Wir werden später sehen, daß die 
Form der Sklerose mit davon abhängt, ob diese tiefen Lymph- 



Zar Pathologie der sypbiÜtiichen iDitiaUklerose des Penis. IH 

kapillaren ebenfalls von einem Infiltratsmantel umgeben sind. 
Sind sie es nicht und reicht das Infiltratsmassi? nur bis an 
das horizontale^ subpapillare Lymphgefäßnetz, dann ist die 
Sklerose platten-, knöpf- oder pergamentförmig. Erstreckt sich 
das Massiv des Infiltrats auch auf diese tiefen Lymphkapillaren, 
dann haben die Sklerosen die Form eines Knotens oder des 
indurativen Ödems. Unabhängig von der Form der Sklerose 
ist das Infiltrat, welches an die groben Lymphgefäßbahnen 
sich anschließt. Die im subkutanen Gewebe tastbaren Stränge 
gehen sowohl aus knoten- als plattenförmigen Sklerosen hervor. 
Die letzteren verhalten sich zu dem Lymphstrang oft wie der 
Hut eines Pilzes zu seinem Stiel. Aber auch aus dem indu- 
rativen Ödem gehen bekanntlich Sklerosenstränge hervor, wor- 
über im klinischen Teile des näheren gesprochen werden wird. 

Sowie die Blutkapillarschlingen, so zeigen auch die Lymph- 
gefaßkapillarschlingen in der Nähe der Erosion eine Verlän- 
gerung und Vermehrung, verlieren unmittelbar an der Grenze 
des erodierten Teiles ihre papillenförmige Anordnung, aber 
nicht ihren Reichtum, büßen dann auch allmählich wie die 
Blutgeföße ihre FüUbarkeit ein und bieten eine Erscheinung 
dar, auf die ich in der letzten Mitteilung in extenso eingehen 
werde, nämiich eine Infarzierung mit Lymphocyten, welche mir 
für die Pathologie der Initialsklerose von sehr großer Wichtig- 
keit zu sein scheint. Inzwischen wollen wir uns mit der Ver- 
teilung des Infiltrates im Detail befassen. 

Wenn wir das Verhältnis, in welchem das Infiltrat zu 
den Blut- und Lymphgefäßen steht, näher betrachten, so finden 
wir folgendes: Das Infiltrat legt sich, wie bereits früher er- 
wähnt wurde, an die absteigenden Lymphgefäße an, und es 
entsteht nun die Frage : steht es zu den Lymphgefäßen in einem 
innigeren Verhältnis wie zu den Blutgefäßen? Betrachten wir 
die großen Arterien und Venen, so finden wir ja auch, daß sie 
hie und da von Infiltrat begleitet sind, aber das Verhältnis 
desselben zu ihnen ist nie ein so inniges wie zu den Lymph- 
gefäßen. Es ist nicht das große Blutgefäß selbst, sondern 
es sind immer nur die im äußersten und lockersten adven- 
titiellen Bindegewebe verlaufenden, ernährenden Blutkapil- 
laren, welche in das Infiltrat eingebettet sind. Zwischen dem 
Infiltrat und der eigentlichen Gefäßwand liegt noch intakte 
Adventitia, Media und Intima, in welcher auch nicht eine Spur 
von Ezsudation, von Leukocytenansammlung zu bemerken ist. 
Selbst wenn in seltenen Fällen das Infiltrat die Neigung zeigt, 
um die Arterie einen Mantel zu bilden, so umgreift dieser in 
in sehr weiter Entfernung von der eigentlichen Wand die 
Arterie und entspricht eigentlich dem äußersten adventitiellen 



14 Ehrmann. 

Bindegewebe, oder besser gesagt, eigentlich dem periarteriellen 
Lymphraum und nicht der Arterie selbst (Fig. 1, a). 

HäujQg genug findet man in diesem Raum mit Endothel 
versehene, kapillare, injizierte Lymphgefäße, welche den eigent- 
lichen Grundstock dieses Infiltrats bilden, und noch häufiger 
findet man. daß diese Lymphgefäße die oben erwähnte, später 
noch genauer zu besprechende Erscheinung des Lymphzellen- 
Infarktes darbieten und erst dadurch sichtbar werden, während 
sie sonst unserer Beobachtung entgehen würden. Die Blut- 
kapillaren, welche das Infiltrat längs der groben Gefäße be- 
gleiten, sind, wie der Vergleich mit normalen injizierten Prä- 
putien, größtenteils ebenfalls neugebildet um Lymphgefäß- 
spalten herum und um Lymphgefäße, welche mit 
den Arterien und Venen verlaufen. (Fig. 6, v.) 

Das neugebildete Kapillarnetz des Infiltrats wird gewöhnlich 
nicht von derjenigen Arterie gespeist, welche es im weiten 
Umkreise umgibt und zu welcher es topographisch gehört, son- 
dern kommt von einem kleineren, entfernteren, weiter vorne 
liegenden Gefäß, oft von einem anderen Infiltratsstreifen, der 
erst sekundär an die Arterie herantritt und seinerseits von einer 
eigenen Arterie versorgt wird. So sieht man oft im Wundrande 
der Vorhaut, daß schön injizierte Blutkapillaren mit ihrem 
Infiltrat eine Arterie umgeben, welche selbst nicht gefüllt ist, 
weil sie von einer im Amputationsschnitt des Präputium lie- 
genden, angeschnittenen Arterie herstammt. Es müssen also 
die Kapillaren von einem anderen weiter vorne liegenden Arterien- 
stämmchen abgezweigt sein. 

In den allermeisten Fällen sind die Arterien 
des subkutanen Gewebes überhaupt ganz frei von 
Infiltrat. Nur die an der unteren Fläche des In- 
filtrats befindlichen Arterien zeigen stellenweise 
das oben erwähnte, im weiten Umkreise sie um- 
greifende, denperivaskulärenLymphgefäßspalten 
entsprechende, reich vaskularisierte Infiltrat. 

Ober den Infiitratiotlsmantel der gröberen Lymphgefäßstämme 

und Ober die sogenannten Bubonuli. 

Das Infiltrat längs der absteigenden, noch muskelfreien 
Lymphgefäße, sowie längs der tiefen, mit Muskelfasern verse- 
henen großen Lymphgefäße, ist bald kontinuierlich, bald zeigt 
es Unterbrechungen ; in beiden Fällen können jedoch an ver- 
schiedenen Stellen derselben knotenförmige, spindelförmige 
Anhäufungen von Infiltrat sich bilden, die zum Teil aus Lym- 
phocyten, zum Teil aus Plasmazellen gebildet, das Lymph- 



Zur Pathologie der syphilitischen Initialsklerose des Penis. 15 

gefäß bald in der ganzen Circumferenz, bald nur einseitig 
halbmondförmig umgeben, bald auf der einen, bald auf der 
anderen Hälfte der Gefäßperipberie mächtiger entwickelt sind, 
oft auch rankenförmig eine Strecke des Lymphgefäßes einhüllen. 
Diese Formen ergeben sich durch Betrachtung von Schnittserien 
der längs- sowie quergeschnittenen klinisch tastbaren indurierten 
Lymphstränge. Sie werden als Knötchen und Unebenheiten des 
indurierten Lymphgefäßstranges in yerschiedenster Form durch- 
getastet. 

Bekanntlich sind die Lymphstränge oft erst in einiger 
Entfernung von der Sklerose zu palpieren, fangen scheinbar 
diffus an und können dann — worüber im klinischen Teil des 
näheren gesprochen wird — in die Drüsen der Leisten verfolgt 
werden. Li anderen Fällen hören sie scheinbar diffus a^, 
wiederum in anderen ist kein kontinuierlicher Strang, sondern 
bloß reihenformig angeordnete Knötchen zu fühlen, die in 
einiger Entfernung von einander in eine mehr oder weniger 
gerade Linie gestellt sind. 

Bei Serienschnitten durch solche Präputien findet man, 
daß der entwickelte Infiltrationsmantel stellenweise massig ist, 
stellenweise fehlt, dann allmählich anfängt, eine Strecke weit 
sehr stark wird, um dann wieder abzunehmen. Aber überall 
schließt sich das Infiltrat an die Muskularis bezw. das Lymph- 
gefäßlumen an, während das der Arterie oder Vene, wenn sie von 
einem Infiltrat begleitet wird, immer durch eine Schichte nicht 
infiltrierten adventiellen Gewebes von diesem getrennt ist. Auch 
das ist des wiederholten Feststellens wert, daß das Infiltrat beim 
Lymphgefäß bis an das Endothel heranreicht, bei den Arterien 
lind Venen jedoch nicht einmal bis an die Muskularis. Sowohl 
bei dem röhrenartig entwickelten, als bei dem knotigen Infil- 
trationsmantel ist das Lymphgefäß der Grundstock. Die Blut- 
gefäße bilden ein dichtes Kapillametz in dem röhrenförmigen 
Mantel oder Knoten, welcher von einem entfernteren kleinen 
Arterienstämmchen gespeist wird. Besonders bei dem Infiltrats- 
knoten kann man sehen, daß ein jeder derselben ein in sich 
abgeschlossenes Blutgefaßnetz besitzt, so daß vielfach die Mei- 
nung laut wurde, man hätte es hier mit einem Lvmphknoten 
zu tun, der sich aus einem vorgebildeten Lymphfollikel ent- 
wickelt hätte. 

Man kann jedoch Schritt für Schritt, durch alle möglichen 
Zwischenstufen den Nachweis erbringen, wie aus einem schütteren 
Infiltrat durch Zunahme der Zellen und Zurückdrängen des 
Bindegewebes und Zusammendrängen desselben in der Peripherie 
des entstehenden Knotens, namentlich der elastischen Fasern 
eine eigene Kapsel entsteht und wie durch Sprossen neuer 



16 Ehrmanu. 

Kapillarschlingen das geschlossene Blutgefaßnetz entsteht (Fig. 
3, 4 und 6). 

Wir werden später sehen, daß dieser Knoten an den 
größeren Lymphgefäßen namentlich dort sich bildet, wo kleine 
kapillare und subkapillare Lymphgefaßstämmchen an sie her- 
antreten, um in sie einzumünden. (Fig. 5 und 6.) 

Bei den kleineren Lymphgefäßen, welche noch keine Spur von 
Muskularis besitzen, schließt sich die Substanz des Knotens in 
ununterbrochener Masse so eng an das Lumen, daß sie bis an 
das Endothel reicht. Dort jedoch, wo eine, mehr oder weniger 
ausgebildete Muskularis vorhanden ist, sieht man das Infiltrat 
nur stellenweise mit seiner ganzen Dichte ununterbrochen bis 
an das Lumen herantreten. An den anderen Stellen reicht 
die Hauptmasse des Knotens nur bis an die Muskularis und 
dann sieht man nur vereinzelte Leukocyten die Muskularis 
jener Gefäße durchsetzen und unter dem Endothel des 
Lymphgefäßes eine zweite dünnere, mehr oder 
weniger dichte und kontinuierliche Infiltrats- 
schichte bilden, welche von dem Massiv des Kno- 
tens durch die Muskularis getrennt ist. (Fig. 5, 6.) 
Wir werden später sehen, daß auch die elastischen Fasern 
eine klare Trennung dieser beiden Schichten bewirken, worauf 
hier vorerst nicht näher eingegangen werden soll. 

An jenen Stellen, wo die Trennung zwischen äußerem und 
innerem Infiltrat fehlt, sieht man auch, daß die Muskularis 
gänzlich oder teilweise fehlt. (Fig. 5.) 

Wenn wir uns die Frage vorlegen, in welchem Gewebe 
das innere Infiltrat abgesetzt wird, so können wir die bestimmte 
Antwort geben, daß es in einer Bindegewebsscbichte geschieht, 
welche unter dem Endothel in verschiedener Ausdehnuag und 
Dicke die Innenfläche des Lymphgefäßrobrs schon de norma 
auskleidet. Dessen Begrenzung nach außen bildet an den Lymph- 
gefäßen des Genitales ia der Regel ein plattenförmiges Netz 
elastischer Fasern, von dem in der zweiten Abhandlung noch 
ausfuhrlicher gesprochen wird. 

Von diesem Netze strahlen in jenen Lymphgefäßen, die 
noch keine Muskularis haben, die elastischen Fasern in das 
Bindegewebe der Umgebung aus, in jenen Fällen jedoch, wo 
eine Muskularis vorbanden ist, schließt die elastische Platte 
dieselbe nach innen ab, während nach außen von der 
Muskelschicht es wieder eine zweite dichte Lage elastischen 
Gewebes gibt, die in das Bindegewebe der Umgebung ausstrahlt. 
Wo bereits eine Differenzierung von Intima — Media — Adventitia 
stattgefunden hat, könnte man von einem intimalen Binde- 
gewebe sprechen. Da jedoch das subendotheliale Bindegewebs- 
Stratum auch schon an den subkapillaren Lymphgefäßen, die 



Zur Pathologie der syphilitischen Initialsklerose des Penis. 17 

eine solche Schichtung der Wand nicht haben, zu finden ist, 
so schlage ich für dessen Bezeichnung einfach „s abendo- 
theliales Bindegewebe" vor. 

Das snbendotheliale Bindegewebe stellt nicht eine einfache 
wandständige Schichte dar, sondern springt in Form von sichel- 
förmigen Falten ins Lumen vor und grenzt so haustrafÖrmige 
Ausbuchtungen desselben ab. (Fig. 5,) 

Wenn die Yorsprünge weit in das Lumen hineinreichen 
und so schräg gestellt sind, daß sie von rückgestauter Lymphe 
aneinander gelegt werden können, so stellen sie die Lymph- 
gefaäklappen dar. 

Noch komplizierter in seiner Bildung erscheint uns dieses 
Bindegewebe, wenn es in den absteigenden Lymphgefäßen der 
Cutis und in denen des subkutanen Gewebes als ein System 
von Balken- und Scheidewänden, in dem Lumen des Lymph- 
gefäßes ausgespannt ist und einen Teil desselben in ein System 
von Kavernen umwandelt. (Fig. 5.) 

Dieses letztere ist zuweilen um einen axialen derberen 
Strang angeordnet, so daß der ganze Lymphstrom in eine Reihe 
von Nebenläufen gespalten wird, die dann wieder zusammen- 
kommen im weiteren Verlauf des Lymphgefäßes. Oft ist nur 
die eine Hälfte des Lumen, oder ein seitlicher Teil desselben, 
in ein solches Kavernensystem aufgelöst, während ein anderer, 
bald größerer, bald kleinerer Rest ohne Septa den Hauptlauf 
der Lymphe darstellt. Wieder in anderen Fällen springen 
zungeuförmige, sporenförmige, halbinselförmige, mit der wand- 
ständigen Schichte schmäler oder breiter zusammenhängende 
Vorsprünge in das Lumen vor. Sowohl die Septa — als die 
sichelförmigen — wie auch halbinselförmigen Bildungen des 
snbendothelialen Bindegewebes sind mit Endothel überkleidet. 
An dem äußersten Innenrande sind die Bildungen oft so dünn, 
daß sich zwei Schichten des Endothels mit ihren basalen Flächen 
einander zu berühren scheinen, sozusagen nur eine Duplikatur 
des Endothels darstellen. In all diesen Bildungen verzweigen 
sich kapillare Blutgefäße, die ich an gelungenen Präpai'aten auf 
das schönste gefüllt antraf; sie sind spärlich in normalen Prä- 
putien, ungemein reichlich bei der die Initialsklerose beglei- 
tenden Lymphangitis, wo sie dichte, ungemein zierliche Netze 
darstellen, so daß auch hier eine Neubildung von 
kapillaren Blutgefäßen in den subendothelialen 
Bindegewebsbildungen des Lymphgefäßes un- 
zweifelhaft ist. 

Ebenso wie diese Neubildung von Blutkapillaren in den 
Bindegewebsspalten und in der Umgebung der Lymphgefäße 
dem Infiltrat vorausgeht und es begleitet, so tut sie es auch hier. 

Arch. f. Derniat. n. Sypb. Bd. LXVIIT. q 



18 Ehrmann. 

Das Bindegewebe der Eayernensepta erscheint je nach 
dem Grade der Erkrankung verschieden dicht durchsetzt von 
infiltrierenden Leukocyten, mitunter so dicht wie das äußere 
Infiltrat. Namentlich die halbinselförmig vorspringenden Bil- 
dungen, die mit einem schön ausgebildeten Eapillametz ver- 
sehen sind, findet man dicht infiltriert, so daß die duplikatur- 
ähnlichen Bänder des Endothels vom Infiltrat auseinander- 
gedrängt und abgerundet erscheinen. 

Das innere Infiltrat zeigt merkwürdige Beziehungen zu den 
einmündenden kleineren Lymphgefäßen besonders solchen ka- 
kapillaren Kalibers. Letztere treten an die größeren, bereits 
mit Muscularis versehenen heran, begleitet von einem Infiltrat 
oder eingebettet in einen Infiltratsknoten, dringen durch eine 
Lücke der Muscularis nach innen, gehen hierauf eine kurze 
Strecke in dem inneren Infiltrat weiter und münden dann ent- 
weder in das freie Hauptlumen, oder sie senken sich in den 
kavernösen l'eil des Lumens ein. Dieses Verhalten findet sich 
nicht nur bei den kleineren, eben erst aus den unteren Haut- 
schichten sich entwickelnden Stämmchen, sondern auch bei 
den großen dorsalen Hauptgrundgefäßen, die wir durchfühlen 
und seit altersher als Lymphstränge bezeichnen. (Fig. 7.) 

Nach dieser kurzen Abschweifung wollen wir uns den 
Infiltratknoten wieder zuwenden. Sie entstehen nicht nur als 
deutliche Anhänge der größeren Lymphgefäße, sondern sie 
können auch scheinbar mitten im Bindegewebe sich bilden, ja 
sich sogar an Gebilde anschließen, von denen man es am aller- 
wenigsten erwarten sollte, wie beispielsweise an glatte Muskel- 
bündel, an Nerven und an die als Nervenendorgane bekannten 
Vater-Paccinischen Körperchen. (Fig. 3.) Geht man jedoch den 
Dingen näher auf den Grund, so findet man erstens, daß in vielen 
dieser scheinbar freiliegenden Knoten feine Ljrmphgefäßstämm- 
chen oder Lymphgefäßnetze wenn auch nicht prall injiziert sind, 
(Fig. 4), und je besser eine Lymphgefaßinjektion gelungen ist, 
desto weniger solcher lymphgefäßloser Knoten findet man. 
Außerdem findet man in diesen und anderen Knoten, nahezu 
immer schöne Infarkte der Lymphgefäße, die durch Ansamm- 
lung von Lymphocyten und später dichte Anschoppung der 
Lymphgefäße mit zusammenfließenden Lymphocyten gebildet 
sind, über welche in einer späteren Abhandlung gesprochen wird. 

Es findet sich hier in den scheinbar frei im Gewebe 
liegenden Knoten entweder ein großes Lymphgefäß; das erfüllt 
ist mit einer konfluierten Masse von Leukocyten, oder man 
findet namentlich in den Knoten, welche Nerven und Pac- 
cinische Körperchen umschließen, sowie auch in anderen großen 
Knoten, welche scheinbar mit Lymphgefäßen nicht zusammen- 
hängen, ein Netz oder einen Baum von solchen infarzierten 



Zar Pathologie der syphilitisohen Initialsklerose des Penis. 19 

kapillaren, subkapillaren und größeren Lymphgefäßen, die dem- 
jenigen entgehen, der diese Bildungen nicht kennt, namentlich 
bei nicht entsprechender Härtung und Färbung, und so wurden 
sie auch, da ihnen bisher niemand Beachtung schenkte, immer 
übersehen. 

Zum Schlüsse will ich noch auf eine Erscheinung hin- 
weisen, welche die Aufmerksamkeit der Autoren vielfach erweckt 
hat und zuletzt von Koch, einem Schüler Jadassohns, be- 
handelt wurde. Es sind das die als Bubonuli bezeichneten, 
erweichenden Knoten im Verlaufe eines Lymphgefäßes, oder 
auch scheinbar unabhängig von einem solchen, von denen Koch 
annimmt, sie hingen von den Blutgefäßen ab.. Koch steht nicht 
an, sie als Gummen zu bezeichnen und glaubt, sie seien dem- 
entsprechend als Begleiter des rezenten Stadiums verhältnis- 
mäßig selten. Nun ist es richtig, daß die großen, etwa höhnen* 
förmigen oder noch größeren Knoten mit Idinisch nachweisbaren 
Erweichungen nicht alltäglich Torkommen. Bei der mikrosko- 
pischen Untersuchung wird es jedoch klar, daß wenn nicht alle, 
so doch nahezu alle knotigen Infiltrate in der Umgebung der 
Sklerose — seien sie nun klinisch deutlich an einem großen 
oder nur mikroskopisch sichtbar an kleineren Lymphgefäßen 
gelegen — immer durch zentrale Erweichungen schwinden. 
Die letztere habe ich bereits vor drei Jahren in einer Sitzung 
der „Wiener dermatologischen Gesellscbaff^, und darauf beim 
internationalen dermatologischen Kongreß zu Paris demonstriert 
Die Erweichungen werden so eingeleitet, daß zunächst an einer 
etwa in der Mitte oder mehr peripher gelegenen Stelle des 
Knotens das Netz neugebildeter Kapillaren schwindet, und 
der getroffene Teil des Infiltrats, beziehungsweise dessen Zellen 
durch fettige Degeneration zerfallen, nie aber durch jenen 
molekularen Zerfall, der für Yerkäsung der Gumen charakte- 
ristisch ist. Dieser zentrale Zerfall zeugt nicht für 
den abnormalen Verlauf des Prozesses und ent- 
spricht auch nicht einer vorzeitigen Gumenbil- 
dung, sondern ist ganz analog dem nekrotischen 
Zerfall an der Oberfläche der Sklerose, der ge- 
wöhnlichen Schankererosion, eine gewöhnliche 
Involutionserscheinung. 

Auch die letztere wird eingeleitet durch Schwund der 
neugebildeten Gefäße an jenen Stellen, wo die Bedingungen für 
die Zirkulation des Blutes wegen der Dichte des Infiltrats am 
ungünstigsten sind. Das ist beim Sklerosenmassiv der von den 
großen zuführenden Gefäßen durch das komprimierende Infiltrat 
der Sklerose getrennte, zentralste Teil der Schanker Oberfläche 
und bei den Knoten das innerste Zentrum (Fig. 2, 4, 5, 6). 

2* 



20 £hrmann. 

Das Lymphgefäß, sei es nun frei durchgängig oder injiziert 
oder infarziert, liegt zumeist etwas peripher im Knoten 
selbst und hat anfangs keine direkte Beziehung zu der Er- 
weichungsstelle. Die infarzierten Lymphgofäßkapillaren ziehen 
um die Erweichungsstelle herum, nur hie und da sieht man 
in einer solchen gut erhaltene infarzierte Lymphgefäße liegen. 
Das die Kapillaren des Knotens speisende arterielle Gefäß hegt 
außerhalb am Bande des Knotens, so daß dieser scheinbar 
am Gefäße hängt. (Fig. 4, 5, 6.) 

Bemerkungen zur Literatur und Klinik des Gegenstandes. 

In der Literatur des Gegenstandes werden vielfach die Veränderungen 
in der Initialsklerose von denen des extraparenchymatösen Lymphstranges 
geschieden nnd demnach auch getrennt behandelt, so von Biesiadecki, von 
Audry, Eoulneff. Ich übergehe hier die ziemlich bekannten und in 
Bezug auf Details nicht wichtigen makroskopischen und klinischen Befunde, 
von denen die wichtigeren, wie die von Pick, ja noch später Berücksichti- 
gung finden sollen. Koch in neuester Zeit sagt Nobl in seiner sehr fleißigen 
Monographie : „Mit der feineren Topographie und Beschaffenheit der Lymph- 
kapillaren und Zweige im Bereiche der primären Induration selbst haben sich 
in neuerer Zeit in besonders eingehender Weise R. Rieder und S. Ehr- 
mann beschäftigt, doch kommt dieses Lymphgebiet für die Beurteilung 
der uns interessierenden Läsionsformen viel zu wenig in Anbetracht, um 
die diesbezüglichen Feststellungen hier des genauem zu erörtern.*' Wie 
wir gesehen haben, sind jedoch in Wirklichkeit die pathologischen Grund- 
erscheinangen im ganzen Lymphgefaßbaume dieselben und Nobl hat an 
excidierten größten Lymphgefäßen bei Syphilis dasselbe beschrieben, was 
von mir bereits bei den kleineren subkutanen Lymphgefäßen in- und 
außerhalb der Sklerose beschrieben wurde und hier wiederum beschrieben 
wird, abgesehen davon habe ich auch die Veränderungen der größeren 
Lymphstränge mit untersucht, aber im Zusammenhang mit kleineren, ' 

während die anderen Forscher sie isoliert untersuchten, was meiner An- | 

sieht nach kaum als ein Vorzug anzusehen ist. | 

Ein Unterschied zwischen jenen Lymphgefäßen, die in der Haut i 

und solchen, die in der Subcutis erkranken, wird nur durch die hinzu- 
tretende Muscularis begründet, infolge deren eine Schichtung der Gefäß* 
wände eintritt, was in den vorhergehenden Seiten ja genügend erörtert 
wurde. Ein weiterer Umstand, den Nobl in seiner Arbeit hervorhebt, 
ist der, daß manchmal grobe Lymphstränge nicht tief im subkutanen 
Bindegewebe, sondern im kutanen verlaufen und mit der Haut fixiert 
sind. Dies kann zweierlei Ursachen haben: entweder es verläuft ein 
großer, mit Muscularis versehener Lymphgefaßstamm in manchen Fällen 
in der Cutis statt in der Subcutis, oder aber es setzt sich die Infiltration 
nach rückwärts nicht längs eines groben Lymphgefaßstamm chens, sondern 
längs eines subkapillaren Lymphgefäßes fort, welches noch dem kutanen 
subpapillaren Gefäßnetz angehört. 



Zur Pathologie der syphili tischen iDitialsklerose des Penis. 21 

Wir haben ja oben gesehen, daß sich beim Einstich in 
den Papillarkörper des Sklerosenmassivs nicht bloß die 
Lymphgefäße desselben füllen, d^Q die Injektions- 
masse eioh nicht bloß in den Lymphgefäßen des subku- 
tanen, sondern auch denen des kutanen Gewebes, nament- 
lich des snbpapillaren Netzes, aufweite Strecken hin fort- 
bewegte. Die Fortbewegung der Injektionsmasse entspricht oft dem 
Infiltrat, das von der Sklerose aus auf weite Strecken hin sich längs 
eines dem subpapiUaren Gefaßnetz angehörenden, kapillaren oder sub- 
kapiUaren Lymphgefäßes weiter erstreckt und wir finden dann, wenn 
wir Schnitte durch den Lymphstrang und die mit ihm zusammenhängende 
Haut anfertigen, daß die Haut selbst normal, der Papillarkörper normal 
ist, auch die Lymphgefäße der Papillen sind normal, nur im subpapiUaren 
Stratum zeigt das Lymphgefäß einen Infiltrationsmantel, der an lojektions- 
präparaten von einem schönen Kranz kapillarer Blutgefäße durchsetzt ist. 
Sind auch die Lymphgefäße von der Sklerose aus injiziert worden, so hl^be 
ich häufig gesehen, daßsichnur diese auf größere Entfernung hin mit Infil- 
trat umgebenen Lymphgefäße der subpapiUaren Schichte gefüllt haben, 
während die Lymphgefäße der darüber befindlichen normalen Papillen 
nicht gefallt waren, was auf einen direkten Zusammenhang des erkrank- 
ten Lymphgefäßes mit der Initialsklerose schließen läßt; die Injektions- 
masse hat hier denselben Weg genommen, den das Virus eingeschlagen hat. 

Bei der klinischen Untersuchung findet man zuweilen ein solches 
Gefäß unbeweglich mit der Haut verwachsen; in manchen Fällen tastet 
man besonders hinter dem Sulcus coronarius ein Netz solcher Lymph- 
gefiiße, und es kommt an anderen Stellen selbst vor, daß das indurierte 
Nets so dicht ist, daß die einzelnen Lymphgefaßchen nicht mehr von 
einander geschieden werden können, sondern daß das Lymphgefäß in 
eine von ihnen gebildete Platte von harter Haut übergeht und aus der- 
selben wieder hervorkommt, um dann gegen die Lymphdrüsen als 
Einzelgefäß weiter zu ziehen. Wir haben das Recht, diese Platten als 
kapillare Lymphangitiden, mithin als Oedema indurativum zu bezeichnen ; 
vrir finden sie am häufigsten am Mons veneris der Frau und des Mannes, 
und sehen, daß der dorsale Lymphstrang in dieselben übergeht und aus 
denselben wieder gegen die Lymphdrüsen weiter zieht; dementepreohen 
beobachten wir auch diese bräunlich geröteten und schuppenden indnrierten 
Hautfiächen unter Umständen bald mehr auf der einen, bald auf der an- 
deren Seite des Mons veneris. 

Einmal sah ich eine solche kapillare Lymphangitis auch bei einer 
Sklerose des rechten Nasenflügels auf der Wange längs der Nasolabial- 
falte hin gegen die Drüsen der Submaxillargegend ziehen und habe diesen 
Fall in der Dermatologisohen Gesellschaft vorgestellt; in einem anderen 
Falle sah ich eine solche auf dem Oberarm bei einer Initialsklerose des 
Fingers zugleich mit Induration des ab- und zuführenden Lymphgefaß- 
stranges. 



22 Ehrmann. 

Über das Verhalten der Lympbstrange zar Sklerose einerseits und 
zu den Lymphdrüsen andererseits wird in einem späteren Teile der 
Stadien aasffihrlich gesprochen werden. Hier möchte ich nur gegenüber 
älteren Angaben von Au spitz, dann von Unna and Anspitz, hervor- 
heben, daß man bei richtig vorgenommener klinischer Untersnchang 
nicht gar so selten in die Lage kommt, den Zusammenhang der an der 
Symphyse umbiegenden Stränge mit den Lymphdrüsen der einen oder 
der andern Seite sicher zustellen. 

Es genügt, die im subkutanen Gewebe liegenden Oefaßbogen von 
Seite des Membrum so auszuspannen, daß er das Bestreben zeigt, aus 
der Richtung der Bogenlinie in die gerade Richtung der Bogensehne zu 
gelangen ; dann wird in jenen Fällen, wo die Lymphgefaßalteration bis an 
die Lymphdrüsen zu verfolgen ist, durch Anspannung der Stränge ein 
zeltartiger Anteil der Drüsenkapsel emporgehoben, aber auch direkt in 
die Drüsensubstanz läßt sich der Übergang tasten. Es gelang mir dies in 
18 Fällen bei 682 Initialsklerosen, wovon 89 tastbare Lymphangitis indu- 
rativa hatten, von denen wieder 80 Lymphangitis dorsalis überhaupt 
zeigten. Daß der Zusammenhang der Stränge mit der Sklerose oft so 
deutlich ist, daß man denselben an den Strängen tasten kann, und 
daß dabei direkt die Lymphgefäße der Sklerose in das indurierte Lymph- 
gefäß übergehen, kann man nicht bloß an pathologischen Fällen sehen, 
sondern man kann sie auch mit dem normalen Verhalten vergleichen, 
da man an gut injizierten Präparaten die Lymphgefäße der Coronna 
konvergierend im Sulcus coronarius zu den nach rückwärts long^tudinal 
verlaufenden Oefäßen zusammentreten sieht. Daraus erklärt sich auch die 
konische oder pyramidenförmige, mit der Spitze nach rückwärts gerichtete 
Form mancher Sklerosen im Sulcus coronarius. 

Besonders schön kann man unter Umständen auch den Zusammen- 
hang des Lymphstranges mit den plattenknopfförmigen oder münzen- 
förmigen Sklerosen der äußeren und inneren Lamelle beobachten. 

In einem Falle von mir, der auch anderweitig interessant ibt, 
netzte sich die Sklerose in das Lymphgefäß so fort, wie der Hut eines 
Pilzes in den Strunk desselben. Icn will die Krankengeschichte kurz 
anführen: N. Josef tritt am 29. April 1898 in die Pflege meines Ambu- 
ratoriums; auf der Haut des Membrum und Skrotum 11 Sklerosen, deren 
Lokalisation ich hier übergehe. Die Drüsen an beiden Leisten schmerzlos, 
multipel, wallnußg^oß und taubeneigroß angeschwollen. Eine Sklerose an 
der unteren Fläche des Membrum von der Größe einer 2Hellermünze geht 
in einen scharf begrenzten, knorpelharten, schmerzlosen, bindfadendicken 
Strang über, der von der Seitenfläche in langgezogener Spirale dorsalwärts 
zur Symphyse zieht, von wo er in die Drüsen der linken Seite abbiegt ; bei 
Anspannung desselben kann er bis an die Drüsenkapsel verfolgt werden, 
was bei dem Mangel eines echten Fettpolsters sehr leicht möglich ist. Bei 
Anspannung des Stranges fühlt man nach innen zu einen zeitformigen 
Teil der Drüsenkapsel angespannt. Die Sklerose ist vom Strang nicht zu 
isolieren, und hängt mit demselben wie der Hut eines Pilzes mit seinem 
Strunk zusammen. 

Am 8. August. Patient hat ein reichliches, makulopapulöses 
Exanthem. Am 4. September. Nach 80 Einreibungen ist der Strang verdünnt, 
an einzelnen Stellen diflhs geworden, auch der Zusammenhang mit der 



Znr Pathologie der syphilitischen luitialsklerose des Penis. 23 

Sklerose ist verwaschen. Ich bemerke, daß der Patient noch wiederholt 
wegen Bezidiven in Behandlung war. Es ist noch eine Reihe von anderen 
Fallen in meinen Protokollen verzeichnet ; sie werden aber im Zusammen- 
hang behandelt werden in einer Arbeit, welche den Zusammenhang der 
Lympbang^tis mit Reindnrationen, mit Spätresidiven, namentlich mit 
Onmmen, zum Gegenstände hat. 

Solche Fälle, wie der eben angeführte, wo der Zusammenhang 
einerseits mit der Sklerose, andererseits mit der Lymphdrüse sichergestellt 
ist, dann die Füllung der Lymphdrüsen bei der Injektion von Seiten der 
Lymphbahnen und der durch kontinuierliche Schnittserien solcher Prä- 
parate zweifellos sichergestellte ununterbrochene Zusammenhang mit den 
Lymphgefäßen des Papillarkörpers, lassen noch klarer den Irrtum von 
An spitz erkennen, welcher ihn seinerzeit bewog, die indurierten 
Lymphstränge als von Yenen herrührend zu erklären. Erklärlich ist aber 
dieser Irrtum, wenn man sieht, wie oft Lymphgefäße so enge sich an 
Blutgefäße anlegen und ein Infiltrat, das von ersteren ausgeht, sich an 
die Blutgefäße herandrängt, wie das Lymphgefftßlumen unsichtbar wird, 
einesteils, weil es komprimiert, andererseits, weil es durch die bereits 
erwähnten, in einer späteren Mitteilung näher zu würdigenden Lymph- 
gefaßinfarcte mit Lymphocyten verlegt wird und deshalb verschwindet, 
während das Blutgefäß selbst vom Infiltrat verschont und mithin sicht- 
bar bleibt. 

Nur die Injektion oder die Färbung auf elastische Fasern, die 
von mir in einer 2. Mitteilung besprochen wird, hätten Auspitz vor 
diesem ominösen Irrtum bewahren können. Leider verfugte er über keines 
der beiden Mittel. Die Einführung eines feinen Drahtes ins Lumen von 
einem eröffneten Bubonulus aus, wie sie Neu mann vorgenommen hat, 
läßt immer noch den Einwand offen, daß durch die Einfuhrung ein künst- 
licher Zusammenhang mit dem Lumen des Lymphgefäßes von Seite eines 
Bubonulus geschaffen wurde. Die Bubonuli und die Lymphgefäße, an denen 
sie entstehen, kommunizieren in der Tat erst, nachdem der Durchbruch 
ihrer Erweichung ins Lumen der letzteren stattgefunden ; früher jedoch 
ist eine solche Kommunikation nicht vorhanden, wie später gezeigt wird. 

Unna hält noch in neuerer Zeit au der Meinung fest, daß das 
ursprünglich Erkrankte die Arterie, beziehungsweise Vene ist. 

Dies ist schon durch meine frühere Untersuchung widerlegt. Da- 
gegen läßt sich seine Behauptung, daß die Lymphstrangsklerose eine 
Fortsetzung des Initialaffektes sei, nicht von der Hand weisen; das 
kann niemand leugnen, der die Sklerose im Zusammenhang mit dem 
Lymphgefäß selbst untersucht. Und ich muß hier Nobl umsomehr wider- 
sprechen, wenn er dieser Anschauung entgegentritt, als er ja selbst in 
seinem Schlußsätze YI, pag. 130, folgendes sagt: 

„Die in die äußeren Hüllen der alterierten Lymphgefäße und in 
die umschichtenden Texturen eingelagerten derben Infiltrate zeigen dem 
Bau und Charakter nach ein analoges Verhalten mit der Initialsklerose.'' 

Dagegen kann ich dem Lehrsatz VIH von Nobel: „Blutgefäße 
höherer Ordnung sind nie an der strangformigen Gewebeindnration be- 



24 Ehrmann. 

teiligt, wie denn auch in dieser Phase der syphilitischen Infektion weder 
an den extraparenchymatös verlaufenden Arterien noch an größeren 
venösen Gefäßen irgend welche Anzeichen einer spezifischen entzündlichen 
Alteration zu bemerken sind,*^ umsomehr beipflichten, als die dadurch zum 
Ausdruck gekommene Tatsache schon von mir auf dem Dermatologen- 
Kongresse zu Breslau 1893 demonstriert wurde. Im Protokoll findet sich 
hierüber folgendes auf Seite 876: f,iyie größeren Blutgefäße aber sowie 
das ihnen zugehörige Netz der Yasa vasorum war vom Rundzellen - 
gewebe frei." 

Da wir nun wohl berechtigt sind, das Rundzelleninfiltrat auf die Wirkung 
des Virus zu beziehen , so läßt das beschriebene Verhalten sich nur in der Weise 
deuten, daß das Fortschreiten desselben vom Initialaffekte aus den Lymph- 
bahnen folgt, und daß die indurierten Stränge und Knötchen, die wir 
oft schon durch den Tastsinn wahrnehmen, Lymphgeföße sind, in denen 
das Virus fortgeführt wird und dabei in den sie umspinnenden Blut- 
gefäßen eine reaktive Entzündung mit Knotenbildung erzeugt. Die Initial- 
sklerose ist aber als eine reaktive Entzündung, welche durch das ein- 
dringende syphilitische Virus am Orte der Invasion erzeugt wird, anzu- 
sehen. Wenn also auch ursprünglich und schlechthin nicht eine Gefäßalte- 
ration durch das luetische Virus erzeugt wird, da es ja zunächst in die 
Gewebsspalten gelangt, so zeigt doch die Untersuchung, daß das Gefäß- 
system mitbeteiligt ist, u. zw. durch Neubildung ungemein reichlicher 
Blutkapillaren, überall dort, wo das Virus in den Lymphgefäßspalten 
vordringt, und dann um die Lymphgefäßbahnen herum selbst, in welche 
es aus den Lymphgefäßspalten hineingelangt. 

Deshalb ist im Sklerosenmassiv, welches die unmittelbar und zuerst 
vom Virus getroffene, am längsten den Veränderungen ausgesetzte Stelle 
betrifft und wo das Infiltrat am dichtesten ist, nicht mehr möglich zu 
konstatieren, ob das Infiltrat zuerst um die Lymphgefäße beziehungsweise 
der Lymphspalten entstanden ist, weil es ganz gleichmäßig von dem 
neugebildeten Gefäßnetz durchsetzt wird; dagegen kann es dort, wo das 
Virus noch im Fortschreiten ist, wohl keinem Zweifel unterliegen, daß 
es von den großen Lymphgefäßbahnen und nicht von den großen Blut- 
gefäßen ausgeht. 

Dieser Gefäßneubildung folgt Exsudation von Leukocyten, die be- 
gleitet ist von einer Veränderung des Bindegewebes, namentlich die 
Vergrößerung der Fibroblasten, aber nicht bloß um die Blutgefäße hemm, 
sondern im ganzen Bindegewebe um das Infiltrat, wie schon von Unna 
beschrieben worden ist. 

Es ist also die Lymphangitis indurativa eine Fort- 
setzung der Initialsklerose, unbeschadet der Tatsache 
daß sie eine wirkliche Lymphangitis ist und nicht ein 
Plasmom und Fibrom der Blutgefäße, wie Unna meint. 

Wie dicht beisammen am Dorsum die großen Blutgefäße namentlich 
die Venen und der Lymphgefäße' verlaufen, zeigen Fig. 2 des Textes, die 
das Phetogramm eines Querschnittes von einem normalen mit Gelatine- 



Zur Palbologie der «yphilitischen Initialakleroae des Penis. 25 

and Berli Derblau- Oelatioe injiEJerten Penis leigen. Die vaea nutrilia 
der Lymphgefäße liegen dicht am LnmeD, die der Vene, besonders 
aber der Arterie sind weit von demsulbeu entferot. Der leere Kaum nm 
das Lymphgefäß ist durch Bchrumpfnng der daaselbe ausfüllenden 
Gelatine bei der Härtnng entstanden. Bei Überwiegen des Äußeren 
Infiltrates in diesem Räume kann das liymphgeflBlamen leicht komprimiert 
werden, während die aogrenzende Vene und Arterie sichtbar bleibt nnd 
eoheinbar den Grundstock des Inßltrates Uildei. 



Kl ist in dieser Beziehung ein prinzipieller Unterschied zwischen 
der Iniiialsklerose und den eekundiren Syphiliden. Im ereteren Fall gebt 
die Infektion von den Lympt^^efäBen, im letzteren von den Blutgefäßen 
ans, wie ich das bereits in einem Vortrage io der OeselUchaft der Ärztu 
anaeinandergesetit habe. Wiener klinische Rundschau 1697. Es kann 
anoh in der lekund&ren Periode einmal das TiruB in die Lymphgefäße ge- 
langen und von da aus wirken; darans entstehen dann die versohiedenen, 
ala postinitiale Infektion, als Bcindaration beschriebenen Fälle, weil dann 
im sekundären Stadium dasselbe klinische Bild vorliegt wie bei der Initial- 
•klerorn. 



26 Ehrmann. 

Was nun das innere snbendotheliale Infiltrat, welches stellenweise 
an der Innenwand das Lnmen der Lymphgefäße auskleidet, aber durchaus 
nicht überall vorhanden ist, betrifft, und über welches ich in meinem 
Vortrage in der Wiener Dermatologischen Gesellschaft im Jahre 1898, 
dann später auf dem Dermatol. Kongresse in Paris 1900 zuerst gesprochen 
habe, so geht dieses zweifellos von einem streckenweise an den Lymph- 
gefäßen entwickelten snbendothelialen Bindegewebe aus. Auch die in 
das Lumen vorspringenden halbmondförmigen und halbinselformigen 
. Falten und das im Lumen bald mehr zentral, bald mehr peripher aus- 
gespannte Balkenwerk dieses Gewebes sind in vivo vorgebildet, wie ich 
es nicht bloß an normalen Präputien, sondern auch an der Schleimhaut 
der Lippe gesehen habe. Auch die Blutkapillaren, welche entweder die 
Muscularis oder die elastische Grenzschichte durchbrechend in dem sub- 
endothelialen Gewebe sich ausbreiten, sind bis zu einem gewissen Grade 
vorgebildet. 

Sie werden durch das Syphilisvirus nur zu reichlicher Proliferation 
angeregt, dann zur Exsudation, worauf das Bindegewebe sich ebensosehr 
vermehrt wie die Blutgefäße, was die jungen Fibroblasten und Kapillaren 
innerhalb des Bindegewebes beweisen. Die Frage der feineren Verhält- 
nisse ist übrigens nur im Zusammenhange mit der systematisch durch- 
geführten Darstellung der elastischen Fasern in der Sklerose, die bisher in der 
wünschenswerten Genauigkeit und Ausdehnung nicht vorgenommen worden 
war, und die den Gegenstand der zweiten, unmittelbar auf diese folgenden 
Mitteilung bilden soll, zu lösen. Hier will ich nur erwähnen, daß Nobls 
Annahme, wonach die multiplen kleinen Lumina innerhalb eines großen 
Lymphgefäßes ohneweiters als Neo Vaskularisation eines früher obliterieren- 
den Gewebes, durch Neubildung von Lymphgefaßbahnen in einem früher 
verschlossenen Lymphgefäß, zu erklären sind, ni^ ht ganz zutrifft, da aohon 
de norma im Präputium eine Septierung der Lymphgefäß-Lumina vor- 
handen iat, und nicht erst durch Perforierung eines obliterierenden Ge- 
webes entstanden ist, und daß im Gegenteil durch Zunahme des Gewebes 
zwischen den Teillumina die letzteren eingeengt und zum vollständigen 
Verschwinden gebracht werden. Nachträglich wäre allerdings die Ent- 
wicklung neuer oder vielleicht Wiederwegbarmachung alter Lymphgefäße 
in dem okludierenden Gewebe denkbar; das mußte aber jedenfalls erst 
im konkreten Falle bewiesen werden und' könnte nur für ganz spezielle 
Fälle gelten. Festgehalten muß werden, daß alle diese Infiltrationen streng 
innerhalb des Lumens des Lympfagefößes von präformierten Blutgefäßen 
ausgehen. 

Über die Knoten an den Lymphgefäßen und die Bubonuli. 

Über die Nodositäten an den Lymphgefäßen und die 
durch Erweichung derselben entstehenden „Bubonuli^ sind 
von verschiedenen Autoren verschiedene Meinungen aufgestellt 



Zur Pathologie der syphilitischen Initialsklerose des Penis. 27 

worden. In Wirklichkeit konnte man an solchen Präparaten, 
die nicht injiziert waren und an denen die elastischen Fasern 
nicht in genauer Weise dargestellt wurden, auch nicht zur 
richtigen Vorstellung gelangen. Das ist bisher nicht geschehen. 
Der erste, der ihren Zusammenhang mit Lymphgefäßen über- 
haupt angenommen hat, war N e u m a n n. Trotzdem wurden sie 
später Ton Koch wieder mit Blutgefäßen in Verbindung gebracht 
und deswegen, sowie wegen der zentralen Erweichung als vor- 
zeitige Gummen angesehen. Zuletzt hat N o b 1 ihren Zusammen- 
hang mit Lymphgefäßen behauptet ; über die Art des Zusammen- 
hanges jedoch konnte er nicht ins klare kommen. Er nimmt 
an, daß sie Ton der Lymphgefäßwandung ausgehen, er ist 
auch geneigt, sie als in .die Lymphbahnen eingeschaltete prä- 
formierte Lymphfollikel, wie sie Finger zuweilen hinter dem 
Sulcus coronarius in der Mittellinie, hie und da vor der Sym- 
physe oder im Mens veneris gefunden hat, anzusehen. Als 
das histologische Substrat der beulenförmigen Strangerweichung 
will Nobel ein durch bindegewebige Verdichtungszüge um- 
grenztes Granulom feststellen können, daß sich in spindel- 
förmiger Verjüngung sowohl in proximaler als distaler Richtung 
bis in die Kontinuität der Strangformation verfolgen ließ: 

,1 Gleichzeitig war es hiebei möglich geworden, den- all- 
mählichen Übergang eines die Achse des Stranges formierenden 
Lymphgefäßes bis in die fluktuierende Geschwulst nachzuweisei), 
sowie die Fortsetzung des alterierten Gefäßes in dem oberhalb 
des Herdes gelegenen Strangsegmente aufzufinden, hiemit also 
den innigen Zusammenhang zwischen der Lymphbahnalteration 
und der eingeschalteten knotenförmigen Erweichungszone in über- 
zeugender Weise darzutun/ 

In Wirklichkeit gehen die Knoten zunächst 
nicht von der Lymphgefäßwand als solcher aus, 
sondern sind stärkere Anhäufungen des äußeren 
Infiltrates des Lymphgefäßes; sie sind auch keine 
Lymphfollikel, denn dazu sind sie viel zu zahlreich, während 
die von Finger gefundenen Lymphknoten nur äußerst selten 
vorkommen und auch dann spärlich sind. Man kann ihre Ent- 
stehung verfolgen aus dem weniger scharf umschriebenen Infil- 
trate, wie sie durch Massenzunahme desselben in dem peri- 



28 Ehrmann. 

yasknläxen Bindegewebe und Neubildung von Blutkapillaxen 
sieb entwickeln. 

Durch Verdrängung des Bindegewebes uud Verdichtung 
desselben zu einer Art Kapsel und Ausbildung der neugebildeten 
Blutkapillaren zu einem geschlossenen Netze bekommen sie das 
Aussehen vonLymphfollikeln (Fig. 4), durch das Vordringen bis an 
die Muscularis des Lymphgefäßes (dort wo schon eine vorhanden 
ist) erscheinen sie mit dem Lymphgefäße fest verbunden und 
diese Muscularis selbst auseinandergeworfen, an deren Innen- 
seite sich das innere Infiltrat anschließt. (Figur 5, 6, 7.) 

Die spindelförmige Gestalt derselben beruht darauf, daß 
das Infiltrat zuweilen rings um das Lymphgefäß herum geht 
und eine Strecke weit nach oben und unten abnehmend das- 
selbe begleitet, aber die reine Spindelform ist selten, gewöhnlich 
ist die Buckelform, Symmetrie der Spindel nie vorhanden. 

Die Erweichung aber geht nie von dem in der ganzen Länge 
der Spindel verlaufenden großen Lymphgefäße aus, sondern ent- 
steht seitlich mitten in dem knotigen äußeren In- 
filtrat, welches allerdings zumeist an jenen 
Stellen Knoten bildet, wo kleinere Lymphgefäße 
von der Seite in das große Lymphgefäß einmün- 
den; den Grundstock des Infiltrats bildet immer das große 
Lymphgefäß, dieses, sowie die kleinen, einmündenden sind 
häufig von Lymphocyten angeschoppt (infarziert) (Fig. 5, 6). 

Die Erweichung des Knotens geht in der Weise vor sich, 
(Jaß zunächst das kapillare Blutgefaßnetz inmitten des Infiltrats 
s ch windet (Fig. 4, 5, 6), dann verfetten die Rundzellen in der gefaßlos 
gewordenen Partie und es entsteht eine Erweichungshöhle ; einen 
echten molekularen Zerfall, wirkliche Verkäsung wie bei Gummen, 
findet man, wie ich schon im Jahre 1898 in meinem Vortrage 
in der dermatologischen Gesellschaft hervorgehoben habe, nicht 
Dasselbe hat in letzter Zeit Nobl ebenfalls gefunden. 

Die Spindelgestalt mit zentraler Erweichung entsteht zu- 
nächst niemals in der Weise, daß ein im vomhinein spindel- 
förmiges, ein Lymphgefäß einschließendes Infiltrat im Zentrum 
der Spindel etwa in der Weise einschmilzt, daß das Lymph- 
gefäß in die erweichte Partie einmündet und wieder aus 
tierselben heraosleitet. In Hunderten von solchen Erweichungen. 



Zur Pathologie der syphilitisohexi Initialsklerose des Penis. 29 

die in meinen Präparaten zu sehen waren, ist mir nie ein 
solches Yorgekommen; die Erweichung erfolgt vielmehr stets 
seitwärts vom Lumen, und wenn durch Ansammlung von 
Flüssigkeit die Erweichungshöhle und der ganze Bubonulus aus- 
gedehnt wird, so wird dadurch zunächst das Lumen des Lymph- 
gefäßes nicht bloß komprimiert, sondern auch nach außen yer- 
drängt, so daß es zwar wirklich in eine spindelförmige Masse 
an der einen Spindelspitze eintritt, aber dann nicht in der 
Achse derselben fortläuft, sondern nach außen verschoben im 
Bogen zur anderen Spitze herumgeht ; erst nach der Perforation 
kann das eintreten, was man so oft beschrieben oder besser 
gesagt bloß vermutet hat: Einmündung des Lymphgefäßstumpfes 
in eine Höhle imd Wiederauftritt eines anderen aus derselben. 
Aber dies geschieht tatsächlich nur bei den größten Bu- 
bonulis, bei den kleinen Bubonulis erfolgt Resorption ohne 
Perforation ins Lymphgefäß, so daß man nach der Abtheilung 
nichts mehr findet als den Rest eines . Rundzelleninfiltrates, 
worüber noch in einer späteren Abhandlung gesprochen wird. 
Die Erweichung ist hier ein Analogen des oberflächlichen Zer- 
falls der Sklerose, wie schon oben auseinandergesetzt wurde, 
und ist nichts abnormes, sondern die Regel. 



Schlußsätze und Resum6. 

Wenn wir aus den anatomischen Befunden auf die Ur- 
sache derselben, das heißt auf das Syphilisvirus, einen Rück- 

') £b hat sich in den letzten Jahren der Usus ausgebildet, daß 
man jeder Arbeit eine Reihe von Thesen anschließt, selbst dort, wo diese 
nicht einer zeitlich beschränkten wissenst^haftlichen Versammlnng zur 
Diskussion vorgetragen werden. Bei einem Kongresse hat dieses Vor- 
gehen seine volle Berechtiganf, weil die Thesen ein concises Substrat 
rar die Verhandlungen einer schnell vergehenden Stunde darbietet. Bei 
wissenschaftlichen Arbeiten aber, von denen gewünscht wird, daß sie 
gänzlich gelesen werden, ist dies von Kachteif, weil es unmöglich ist, 
selbst nur das Wichtigste, was man dem Leser zu sagen hat, m kurze 
Sfttse zusammenzufassen und ihm die Detaillektnre zu ersparen. 

Tatsächlich macht man die Erfahrung, daß die Diskussion in der 
Literatur sich dann auch lange Zeit nur um die kurzen Thesen dreht, 
und vieles beiseite läßt, was sonst wichtiges oder bemerkenswertes in den 
Arbeiten vorkommt. Wenn ich nun trotzdem diesem Gebrauche folge, so 
geschieht dies nur unter Verwahrung, als ob ich alles, was ich zu sagen 
habe, in diesen Sätzen gesagt hätte. 



30 Ehrmann. 

Schluß zu ziehen berechtigt sind, so kann man beides in fol- 
gende Sätze fassen: 

I. Die ersten Veränderungen betre£fen die Oewebsinter- 
stitien an der Eintrittstelle des Virus, in welchen eine reich- 
liehe Neubildung kapillarer Blutgefäße der Infiltration Toran- 
geht und sie begleitet. Man muß also annehmen, daß das Virus 
zunächst in den Gewebsspalten vorwärtsschreitet 

II. Die nächstfolgende Veränderung ist, daß die subka- 
pillaren und die kapillaren Lymphgefäße, welche yon der durch 
Infiltration der Lymphspalten entstandenen Induration aus- 
gehen, in einen mit neugebildeten Blutkapillaren durchsetzten 
Infiltrationsmantel eingeschlossen werden; zugleich zeigt sich 
im subendothelialen Gewebe dieser Lymphgefäße ein inneres 
Infiltrat, welches man erst bei genauer Untersuchung der ela- 
stischen Fasern mit Sicherheit differenzieren kann. Außerdem 
findet man auch noch Infiltrat in den Bindegewebs- beziehungs- 
weise Lymphspalten um infarzierte Lymphkapillaren des sub- 
kutanen Gewebes, glatte Muskelfasern. Nerven, Pacinische 
Eörperchen u. s. w. 

III. Man muß also anuehmen, das Virus finde seinen Weg 
aus den Gewebsspalten in das Lumen differenzierter kapillarer 
und großer Lymphgefäße, hier eine Reaktion erzeugend so- 
wohl im subendothelialen also auch im perivaskulären Gewebe 
mit reichlicher Neubildung von Blutkapillaren, in beiden 
Schichten und daß es chemotaktisch Zellenexsudation aus diesen 
neugebildeten Blutkapillaren in beiden Schichten erzeugt. 

IV. Das äußere Infiltrat der Lymphgefäße bildet Knoten, 
welche dem Tastsinne zugänglich sind, und hauptsächlich an 
den Einmündungsstellen kleinerer kapillarer und subkapillarer 
Lymphgefäße in größere Lymphgefäßstämmchen entstehen. Sie 
kommen auch an solchen Stellen vor, wo das Lymphgefäß 
selbst sonst in seinem Verlaufe nicht soviel äußeres Infiltrat 
besitzt, um tastbar zu sein. In den Knoten kommen mit Lympho- 
cyten infarzierte einfache und verzweigte kapillare und größere 
Lymphgefäße vor, die auch in die innere Wucherungszone der 
größten Lymphgefäße eindringen und dann in das Lumen der- 
selben ausmünden. 

V. Wir können also sagen: Das äußere Infiltrat beruht 



Zar Pathologie der syphilitischen loitialsklcrose des Penis. 31 

zum Teil auf der Wirkung jenes Virus, welches von den Lymph- 
spalten und kleinen Lymphgefäßen den größeren zugeführt wird, 
zum Teil auf der Einwirkung des im Innern der größeren 
Lymphgefäßen vorhandenen Virus oder Toxins auf das sie um- 
gebende Gewebe. Die Wirkung besteht in Neubildung von Blut- 
gefäßen und Infiltration. In den kleineren Lymphgefäßen kann 
das Virus außerdem Anhäufung von Lymphocyten und voU- 
ständige Infarzierung ganzer Lymphgefaßverzweigungen mit 
Lymphkörperchen bewirken. 

VI. Das Erweichen der den Lymphgefäßen aufsitzenden 
Knoten beruht auf regressiver Metarmophose des Infiltrates 
selbst, die mit Schwund der neugebildeten Kapillaren beginnt 
und mit Bildung peripher dem Lymphgefäß aufsitzender 
Höhlen endigt, welche entweder samt dem Infiltrate durch Resorp- 
tion einfach schwinden, oder, wenn die Knoten und Höhlen 
größere Dimensionen angenommen haben, in das Lymphgefäß 
sekundär perforieren können. Diese Erweichung ist keine Ne- 
krobiose, kein molekularer Zerfall, keine Verkäsung wie bei 
einem Gumma, sondern ist eine Involution durch Verfettung, 
wie man sich bei Färbung mit Osmiumsäure überzeugt. 

VII. Zum Schlüsse möchte ich noch, einer späteren Arbeit 
vorgreifend, vorausschicken, .daß ich namentlich die Infarzierung 
der Lymphspalten als eine Schutzvorrichtung gegen das Vor- 
dringen des Virus ansehe. 

Literatur. 

Au spitz und Unna. Archiv f. Dermat. 1877. p. 196. 

Audry. Examen histologique d^une lymphite syph. Cliniqne de 
Dermat. et Syph. Toulouse. Fase. 4. 1897. 1899. 

Biesiadecki. Untersuchungen aus dem path.-auat. Inst. Erakau. 
1872. Sitzungsber. d. kais. Akad. Wien. 1867. 

Ehr m an n a. a. 0. u. Sitzuoffsber. der Wiener dermat. Ges. Feber 1899. 

Koch. Bubonuli syph. Arch. Derm. 1895. 

Eounneff. Etüde sur la pretendue Lymphangite etc. Paris. 1889. 

Keumann. Arch. Derm. 1885. 

Rieder. Zentralblatt f. allg. Pathol. etc. Bd. IV. 

Unna. Histopathologie. 

Erklärung der Abbildtingen auf Taf. I— V. 

Fig. 1. Enopfformige Sklerose an der äußeren Lamelle des Präpu- 
tiums nahe dem Limbus. Das Präputium durch Zirkulärschnitt amputiert 
Ii^ektion von einem ziemlich großen Arterienstumpf mit Berlinerblau- 
Leimmasse. Injektion der Lymphgefäße mit Ferrum oxydat. dialys. von 
der Iivjektionsstelle J J. M Massiv der Sklerose mit den Blutgefäßen 
und Lymphkapillarschlingen des Papillarkörpers Pp. Rechts die Papillen 
vergrößert, da sie der unmittelbarsten Nähe des erodierten Zentrums 
entsprechen. S snbpapillares Lymphgefäß, L absteigendes Lymphgefäß; 



32 Ehrmann. 

beide von einem neovaskalarisierten Infiltrationsmantel nmgeben. Man 
sieht überall kleinere Lymphkapillaren auch unterhalb des Sklerosen- 
massivB in die größeren einmünden, sam Teil mit Infiltrat nmgebeo. 
^ Oewebsspalten, in welchen nengebildete Lymphkapillarnetze teils das 
Infiltrat begleiten, teils demselben vorausgehen. Ä Arterie, V Vene: bei 
Iteiden, namentlich bei der Arterie, siebt man nengebildete Kapillaren in 
ziemlich großer Entfernung und in weitem Bogen von der Gefaßwand 
dieselbe umgeben ohne Infiltrat. Färbung mit Gzokors Cochenillealaun. 
Vergrößerung: 30 : 1. 

F i ^. 2. Aus dem Randteil der erodierten Skleroseopartie ans dem- 
selben Objekt wie Nr. 1. Die oberflächliche, bin tge faßfreie Schichte ent- 
spricht dem nekrosierten Belage N, L L infarzierte Lymphgefäße. In der 
Schichte G die ausgedehnten, rankenförmigen und schraubenzieherförmigen 
Blntgeföße, welche aus den Gefaßschlingen des Papillarkörpers sich gebildet 
haben. Q durch das Infiltrat komprimierte Blutgefäße des Sklerosenmassivs. 
Sp in den Lymphspalten entstandene Kapillarnetze, zum Teil mit mebr 
oder weniger Infiltrat. Färbung mit Csokors Cochenillealaun. Ver- 
größerung : 4Q : i. 

Fig. 3. Umschriebenes lymphfolUkelähnliches Infiltrat mit neu- 
gebildetem abgeschlossenen Gefaßnetz, entstanden in einer Gewebsspalte 
um ein Vater Paccinisches Körperchen. In der Mitte das Vater Paccinische 
Körperchen. L L Infarzierte Lymphgefaßkapillaren. Färbung mit Czokors 
Cochenillealaun. Vergrößerung: 90:1. 

Fi^. 4. Ein Knoten im subkutanen Bindegewebe vom Dorsnm 
penis bei einer am Rande des Präputiums sitzenden Sklerose, ca. 2 cm 
vom Sklerosenrande entfernt. Man sieht das nengebildete Blutgefaßsystem 
des zu- und abführenden Blutgefäßes. L L mit Ferrum oxyd. dialys. 
angefüllte Lymphgeföße. E erweichte Stelle des Knotens mit Schwund 
der Blutgefäße. Färbung mit Czokora Cochenillealaun. Vergrößerung: 60 : 1. 

Fig. 5. Ein subkutanes, parallel zur Corona verlaufendes indn- 
riertes Lymphgefäß mit äußerlich tastbarem Knötchen von derselben 
Sklerose wie Nr. 3 und 4. X L Hauptlumen des Lymphgefäßes. /' sind 
septierte Teile des Lumens mit geteilten Lymphgefäßbahnen. / einmün- 
dende kapillare Lymphgefäße, nicht infarziert. V infarzierte einmündende 
Lymphgefäße. K K knotenförmiges äußeres Infiltrat. E erweichte Stelle 
desselben mit Gefäßschwund. Man sieht das äußere Infiltrat, von einem 
eigenen Blutgefäßsystem durchsetzt, an den knotigen Stellen die Muscu- 
laris vollständig durchdringen. Das innere Infiltrat sieht man in den 
Septen zugleich mit dem inneren Blutgefößnetz entwickelt J J, 8p eine 
daneben ziehende glatte Muskelbündel. In Lymphspalten ein sie beglei- 
tendes, nengebildetes Netz von Lymphkapillaren mit jungen Kapillar- 
sprossen. Färbung mit Czokors Cochenillealaun. Vergrößerung: 90:1. 

Fig. 6. Querschnitt eines größeren, subkutanen, longitudinalen 
Lymphgefäßes (Lymphstranges) mit knotig angehäuftem K äußeren 
Infiltrat und einer kontinuierlichen Schichte inneren Infiltrates. Beide 
Infiltratschichten zeigen ein eigenes Blutgefaßnetz. M Muskelschiohte des 
Lymphgefäßes. E erweichte Stelle im Knoten (Bubonulus). Ä Arterie Sp 
nengebildetes Netz von Blutkapillaren in der äußersten Schichte des 
adventitiellen Bindegewebes der Vene, welche einer Gefäßspalte entspricht . 
Aus dem Infiltrat entwickelt sich ein infarziertes Lymphgefäß L*. Färbung 
mit Czokors Cochenillealaun. Vergrößerung : 90 : 1 . 

Fig. 7. Querschnitt eines großen dorsalen medianen Lymphstranges . 
Injektion mit Berlinerblau-Leimmasse von der Initialsklerose aus. Ä äußeres 
Infiltrat, J inneres Infiltrat. M Muscularis. Im äußeren wie im inneren 
Infiltrat Blutkapillaren, im letzteren auch ein infarzierte» Lymphgefäß L', 
m Bündel glatter Muskelfasern, von Blutgefäßen begleitet. Färbung mit 
Czokors Cochenillealaun. Vergrößerung: 90:1. 



Aichiv f Dermalologie u Syphilis Band IXVID. 



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Archiv f Dermatologie uSyprilis Band LXVm. 



Archiv f. DermatologteuSjphiUs Band LXVül. 



Archivf Dermatologie u Syphilis Band Dftlll. 



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Ans der kgl. dermatolog. Klinik des Herrn Prof. Dr. Fesselt 

zu Hnnchen. 



Zur Lehre 
von den Talgdriisengeschw (listen. 

Von 

Dr. Richard Kothe, 

(Hiezu Taf. XV— XVIU.) 



Die Adenomatasebacea gelten im allgemeinen als eine 
sehr seltene Erkrankung. Während im übrigen, besonders 
bez. der Histogenese die Meinungen auseinander gehen, sind 
über die Seltenheit der Affektion die meisten Autoren einig. 
Nor Rosen thal (96) glaubt, daß die Fälle nicht so selten seien, 
als. es nach dem Vorkommen in der Literatur den Anschein 
hat, da die meisten, weil sie keine Beschwerden verursachen, 
unbeachtet bleiben. 

Das Adenoma sebaceum kommt in mehreren klinisch ver- 
schiedenen Formen vor. Monti (69) unterscheidet das Ade- 
noma sebaceum disseminatum und c i r c u m - 
scriptum. Die disseminierten oder multiplen Talgdrüsenade- 
nome sind bisher nur im Gesicht beobachtet worden. Es handelt 
sich bei denselben, nach der Beschreibung von Jarisch (54), 
um das Auftreten multipler, gelblicher oder gelblich-roter, 
häufig auch braunroter, fester, stecknadelspitz- bis linsen- 
großer, keinen Perus aufweisender, im Gesicht lokalisierter 
Knötchen, welche hauptsächlich die mittleren Teile desselben 
einnehmen und besonders um die Nase, an den Nasenwinkeln 
und den Nasolabialfalten dicht gedrängt stehen. 

Da diese Form zuerst von Pringle (86) beschrieben 
wurde, wird sie auch vielfach als Adenoma sebacum „Typus 
Pringle" bezeichnet. 

▲reh. f. Dermal, n. Syph. Bd. LXVUI. 3 



34 Kothe. 

Bei der zweiten Form handelt es sicli um weniger zahl- 
reiche, oft sogar nur in der Einzahl vorkommende, aber meist 
bedeutend größere, wohlumschriebene Tumoren. Während nun 
diese, schon wegen ihrer Größe, außerdem aber wegen ihrer 
Neigung zu Ulzerationen und vielleicht sogar zu maligner 
Degeneration (Adenocarcinom), mehr in das Gebiet der Chirurgie 
fallen, interessieren uns hier besonders die multiplen Adenome 
des Gesichtes. 

Aufiallend bei denselben ist schon das klinische Bild, das 
multiple Auftreten und die fast stets vollkommen symmetrische 
Anordnung der Knötchen im Gesicht. Bemerkenswert ist ferner, 
daß auch andere Hauterkrankungen ein im höchsten Grade 
ähnliches, oft sogar vollkommen gleiches Bild darbieten. Es 
kommen differentialdiagnostisch folgende Erankheitsformen 
in Betracht: das Epithelioma adenoides cysticum, der Naevus 
verrucos. vasculos. faciei (Darier, Kopp), das Hidrocystoma, 
das Hydradenoma eruptivum. Letzteres, welches nach der 
AuffassungvonJ arisch (55), Wolters(113), Waldheim(llO) 
als ein Haemangioendothelioma aufgefaßt werden muß, ist 
dadurch von den anderen Neubildungen verschieden, daß es 
auch auf der vorderen oberen Brustwand lokalisiert vorkommt. 

Hieraus ergibt sich, daß eine sichere Diagnose nur auf 
Grundlage des anatomischen Befundes zu stellen ist. Die histo- 
logischen Untersuchungen der bisher beobachteten Fälle von 
Adenoma sebaceum haben ergeben, daß die Frage, ob es sich 
um wirkliche Geschwülste oder nur um einfache Hypertrophie, 
resp. Hyperplasie der Talgdrüsen handelt, außerordentlich schwer 
zu beantworten ist, hauptsächlich weil der Begriff des Adenoms 
so verschieden gedeutet wird. Nun war es auffallend, daß in 
vielen Fällen die Affektion in früher Kindheit aufgetreten, in 
einigen sogar schon bei der Geburt vorhanden gewesen sein 
soll. Daraus glaubte man schließen zu dürfen, daß alle Fälle 
auf eine kongenitale Anlage zurückzufuhren und als Naevi auf- 
zufassen seien. 

Nachdem diese Hypothese zuerst von französischen und 
englischen Autoren aufgestellt worden war, wurde sie dann ganz 
besonders von Jadassohn (52) vertreten, und zwar auf Grund 
des histologischen Befundes in systematisierten Talgdrüsen-Naevi, 



Zur Lehre von den TalgdräsengeschwüUten. 35 

welche zum größten Teil durch Vermehrung und Vergrößerung 
der Talgdrüsen gebildet waren. Jadassohn glaubte diese Naeyi 
mit den Adenomata sebacea des Gesichtes identifizieren zu können, 
und stellte für beide Affektionen die Bezeichnung Talgdrüsennaevi 
auf. Diese Anschauung fand in späteren Beobachtungen anderer 
Dermatologen vielfach Zustimmung. Auch Ziegler hat den 
Begriff Naeyi sebacei in die neueste Auflage seines Lehr- 
buches eingeführt. 

Anderseits fehlt es auch nicht an gegenteiligen Stimmen; 
J arisch (54) äußert sich hierüber folgendermaßen: „Wie 
weit nur einzelne der hieher gerechneten Anomalien, oder alle 
hereditär veranlagt sind und demnach zu ihrer Auffassung als 
Naevi berechtigen, muß erst durch weitere Beobachtungen 
sichergestellt werden.^ Pick (78) gibt zwar die Berechtigung, 
diese Gebilde klinisch zur Naevusgruppe zu rechnen, zu, betont 
aber, daß man auch den pathologisch-anatomischen Verhältnissen 
Rechnung tragen müsse, und die Existenz eines anatomischen 
Namens nicht negieren dürfe. 

Bei dieser Unsicherheit, die in Rede stehenden Neubildungen 
pathologisch-anatomisch zu rubrizieren, ist die Mitteilung eines 
neuen Falles von Adenoma sebaceum, der vielleicht 
zur Klärung der Sachlage beitragen kann, wohl nicht unangebracht. 
Dieser Fall kam im Sommer 1902 auf der dermatolo- 
gischen Abteilung des Krankenhauses München 
1. J. zur Beobachtung, und wurde mir von Herrn Professor 
Posselt in liebenswürdigster Weise zur Bearbeitung überlassen, 
wofür ich ihm zu aufrichtigem Dank verbunden bin. Auch Herrn 
Privatdozent Dr. Jesionek sage ich für das Interesse, das 
er dieser Arbeit entgegenbrachte, meinen besten Dank. 

Ich lasse hier zunächst die Krankengeschichte folgen: 

F. K., 83 Jahre alt, Drechsler, ging dem Krankenhaus wegen einer 
Eontosion des rechten Fußes zu, welche jedoch sehr gering^fuRig war 
und binnen kurzer Zeit heilte. Dagegen fiel als interessanter Nebenbefund 
eine eigentümliche Erkrankung der Haut des Gesichtes auf, wegen welcher 
Pat. auf die dermatologische Abteilung verlegt wurde. 

Anamnese. 

Der Ausschlag im Oesicht besteht angeblich seit 26 Jahren, trat 

also im 4. Lebensjahr auf. Zuerst sollen es rötliche Flecken gewesen sein, 

die sich ganz allmählich Tergrößerten und schließlich zu dss Niveau der 

umgebenden Haut überragenden, kleinen Knötchen heranwuchsen. Vor 

3* 



36 Eothe. 

zwei Jahren worden dieselben galvanokaastisch behandelt, wodurch eine 
wesentliche, aber offenbar nicht nachhaltige Besserung erzielt warde. Die 
Effloreszenzen wuchsen vielmehr zu ihrer früheren Größe darnach wieder 
heran. Sonst ist anamnestisch nichts bemerkenswert, auch nicht in Bezug 
auf die Familie des Pat, 

Objektiver Befund: 

Mittelkräftig gebauter Mann von mäßigem Ernährungszustand. In- 
telligenz vollkommen normal. Der Ausschlag im Gesicht besteht aus Steck- 
nadelkopf- bis haufkomgroßen, nicht stark prominierendan, etwas platt 
gedruckten Knötchen von mäßig derber Konsistenz, über welchen sich 
die Haut fettig anfühlt. Die Farbe derselben ist geblich, gelblichrot bis 
braunrot. Der rote Farbenton ist durch das Vorhanden sein von für das 
bloße Auge eben sichtbaren Teleangiektasien bedingt. Außerdem ist die 
Haut der Nase und angrenzenden Wangenteilo in leichtem Grade diffus 
hyperämisch. Manche der Knötchen sind von eigentümlicher Transparenz 
oder von mattem, wachsartigem Glanz. Nur bei wenigen bemerkt man 
im Zentrum kleinste, gelblich weißliche Pünktchen, offenbar kleine Talg- 
drüsencysten. Derartige Effloreszenzen finden sich nun teils einzeln, teils 
in Gruppen beieinander stehend und sich dicht anschmiegend, ohne indes 
zu konfluieren, hauptsächlich auf der Nase, auf den angrenzenden Partien 
beider Wangen, deren laterale Hälften völlig frei sind, ferner an den 
Nasolabialfurcheu, unterhalb der Nasenöffnungen und auf der Unterlippe 
bes. an den Mundwinkeln. Die Verteilung auf beide Gesichtshälften ist 
ziemlich symmetrisch. Auf der linken Seite des Kinns sind sie zahl- 
reicher vne rechts, und sind daselbst zu einer dichten Gruppe vereinigt» 
An einigen Stellen, so auf dem Nasenrücken und am Kinn, finden sich weiß- 
liche oder hellrote Narben, angeblich von früheren Operationen herrührend. 

Auch auf den oberen Augenlidern sitzen beiderseits, bes. links 
ähnliche Knötchen, jedoch etwas kleiner und in ihrer Farbe von der der 
umgebenden Haut wenig verschieden. Auf den untern Augenlidern sind 
sind sie nur mit der Lupe zu erkennen, ebenso auch auf der hinteren 
Fläche der Ohrmuscheln. Die vorderen Flächen der letzteren wie auch 
die Stirn sind frei. Dagegen belinden sich auf der Stirn zahlreiche Epheliden. 

An der Innenseite der Unterlippe bemerkt man ferner ca. mohn- 
komgroße Knötchen von bläulichroter Farbe in großer Anzahl, stets iso- 
liert, versehen mit zahlreichen Teleangiektasien. Die Knötchen erstrecken 
sich beiderseits auf die Wangenschleimhaut, sie finden sich aber auch 
auf den vorderen Ganmenbögen und auf der Uvula. Viel größere, breit- 
aufsitzende, flache Erhebungen bemerken wir am Zahnfleisch, und zwar 
bes. des Oberkiefers, sowie auch an den anstoßenden Teilen des harten 
Gaumens. Sie sind etwas blasser als die übrige Schleimhaut, von ziemlich 
derber Konstistenz, hanfkom- bis kleinerbsengroß, meist mit einander 
konfluierend. Zwei ähnliche papillomartige Gebilde auf dem Zungenrücken 
2—3 cm hinter der Zungenspitze. 

Ganz ähnliche Knötchen wie im Gesicht zeigen sich auch am Hals 
im Bereich der bebarteten Haut, sie sind ziemlich zahlreich, etwas kleiner 



Zar Lehre Ton den Talgdrüsengeschwülsten. 37 

-wie im Gesicht, von bräunlich roter Farbe, nnr wenig pro minieren d, oft 
dicht in Gmppen vereinigt, teilweise von erweiterten Kapillaren durch- 
zogen. Dazwischen wie anch am Nacken zahlreiche Epheliden. 

Am behaarten Kopf vereinzelte hanfkom- bis erbsengroße breit 
aufsitzende, flache, derbe Oesohwülstchen mit teils glatter, teils höckriger 
Oberfläche, teils behaart, teils haarlos, von der Farbe der umgebenden 
Haut. Von diesen Gebilden unterscheidet sich ein in der linken Occipital- 
gegend befindlicher bobnengroßer Tumor durch stärkere Prominens, 
gelbliche Farbe, elastische Konsistenz und dadurch, daß die Haut darüber 
leicht verschieblich ist. 

Am Nacken neben spärlichen, erbsen- bis bohnengroßen, bräunlich- 
roten, halbkugeligen Knötchen etwas zahlreichere schlaffe, weiche, ge- 
stielte Gebilde, die zwischen den Fingern einen harten Strang erkennen 
lassen. Dazwischen kleine, weißliche Stellen, offenbar Narben, die angeblich 
nach Abschneiden der gestielten Fibrome entstanden sind. Letztere finden 
sich auch auf der vorderen Begrenzung beider Achselhöhlen. 

über die Schultern und den ganzen Rücken verbreitet zeigen sich 
bei genauerer Betrachtung zahllose, stecknadelspitz- bis stecknadelkopfgroße 
Knötchen, in der Farbe von der der umgebenden Haut nicht verschieden. 
Diese milienartigen Gebilde sind oft zu pfennigstück- und darüber großen, 
breitaufsitzenden Erhebungen von derber Konsistenz uud mit höckriger 
Oberfläche konfluiert, deren Farbe meist hellrosagelblich, manchmal 
dunkelbraun ist. 

Die seitlichen Partien von Thorax und Abdomen sind weniger er- 
griffen als der Rücken; die vorderen Teile fast vollkommen frei. An den 
oberen Extremitäten nur in der Ellenbeuge einige Knötchen. Über dem 
1. Radiusköpfchen eine warzige Effloreszenz mit bräunlicher, zerklüfteter 
Oberfläche. Die am Rücken beschriebenen, kleineren Knötchen setzen sich 
auf die Glntäalgegend und Hüften beiderseits fort, von da aus in all- 
mählich abnehmender Zahl auf Ober- und Unterschenkel. 

An der Innenfläche der oberen Drittel beider Oberschenkel 
zeigen die Effloresrenzen ein eigentümliches Verhalten; sie gleichen im 
allg. jenen der Gesichtshaut. Sie sind hier außerordentlich zahlreich, 
auf beiden Seiten ziemlich symmetrisch angeordnet, von bräunlicher 
Farbe und oft von einem matten, wachsartigen Glanz, stecknadelkopf- 
bis linsengroß. Auf der Basis einiger erheben sich gestielte, schlaffe, 
längliche Geschwülstchen; ferner bemerkt man auch breit aufsitzende, 
verruköse Gebilde in spärlicher Zahl. Am Skrotum vereinzelte milienartige 
Knötchen. 

An den Händen und Füßen befinden sich EfRoreszenzen nur im 
Bereich der Nägel. Die Fingernägel sind mit längsverlaufenden Leisten 
und oberflächlichen Fissuren versehen. Ans der Matrix sprossen an allen 
Nägeln stielförmige, rötliche, stricknadeldicke, mehrere mm lange Gebilde 
hervor, die durch große Härte ausgezeichnet sind und mit einer scharfen 
Spitze endigen. Auch an den Zehennägeln ähnliche Bildungen. Die Nägel 
beider großen Zehen sind fast vollkommen verschwunden, angeblich in- 



38 Kothe. 

folge von Verletzangen; die übrigen N&gel ähnlich denen der Finger. 
Die Nagelplatie jedoch hier seitwärts oder auf- resp. rückwärts gerichtet^ 
ähnlich wie bei Onychogryphosis. Ans der Nagelmatrix wuchern an allen 
Zehen über hanfkomgroße, rundliche, z. T. leicht gestielte Knötchen hervor, 
die zum größten Teil oberhalb der Nagelplatte zu liegen kommen, manch- 
mal aber auch am Nagelbett unterhalb der Nagelplatte hervorkommen. 

Um den klinischen Befand kurz zasammenzufassen, so 
handelt es sich um kleinste, geschwulstartige Efflorescenzen, 
die fast über die gesamte Eörperoberfiäche verteilt, bald 
spärlicher, bald zahlreicher vorhanden sind, und an den ein- 
zelnen Regionen ein mehr weniger verschiedenes Aussehen 
zeigen. Dem Ausschlag im Gesicht und am Hals sehr ähnlich 
waren die Knötchen an der Innenfläche der Oberschenkel. Eine 
sichere Diagnose auf Grund der klinischen Beobachtung konnte 
nicht gestellt werden, wahrscheinlich handelte es sich um Ade- 
nomata sebacea. Die übrigen Gebilde wurden zum größten Teil 
als Fibrome, der Tumor in der 1. Occipitalgegend als Atherom 
angesprochen. 

* Zum Zweck der mikroskopischen Untersuchung wurden von ver- 
schiedenen Körperstellen kleine Hautstückchen ezcidiert, und zwar vom 
Kinn (etwas unterhalb der Unterlippe), vom oberen Augenlid, aus der 
Schleimhaut der Unterlippe, vom Hals, Rücken, Brust, Innenfläche der 
Oberschenkel, femer je ein Knötchen von der Nagelmatriz eines Fingers 
und einer Zehe, uud schließlich das Atherom am Kopf. Die Hautstücke 
wurden in verschiedener Weise fixiert, und zwar einmal sfimtliche in 
Alkohol, daneben aber einige (vom Hals, Brust, Augenlid, Mundschleim- 
haut und das Atherom) auch in Flemmingscher Lösung. Die in Alkohol 
fixierten Stücke wurden dann in Paraffin eingebettet und in Serienschnitte 
zerlegt, welche mit Hämatoxylin-Eosin, polychromem Methylenblau, 
nach Van Gieson, Unna-Tänzer etc. gefärbt wurden. 

Aus der Krankeogeschichte sei noch mitgeteilt, daß die sämtlichen 
Knötchen im Gesicht einzeln mit dem Galvanokauter zerstört wurden. 
Nach 2—3 Wochen zeigte sich jedoch ein Nachwachsen derselben, so daß 
eine nochmalige Kauterisation vorgenommen wurde. 

Zur Excision hatten wir im Gesicht die Gegend zwischen Unter- 
lippe und Kinn gewählt. In den meisten der bisher veröffentlichten Fälle 
von Adenoma sebaceum stammten dagegen die mikroskopisch untersuchten 
Hautstückchen vom Nasen wink el, also aus einer Gegend, wo schon de 
norma außerordentlich viele und große Talgdrüsen dicht neben einander 
liegen. Zur Sicherunq^ der Annahme, daß den Knötchen wirklich eine 
Massenzunahme der Talgdrüsen zu Grunde lag, ist es aber nach dem 
Rat von Jarisch (54) besser, auch von anderen Hautstellen das Unter- 
suchungsobjekt zu nehmen. 



ZxiT Lehre von den Talgdrüsengeschwülsten. 39 

Zam Vergleich exstirpierten wir außerdem bei einer männlichen 

Leiche mit gesnnder Gesichtshant ein Stückchen von der identischen 

Stelle am Kinn. 

Mikroskopischer Befund: 

Die Präparate von Knötchen am Kinn and Hals nnseres 
Fat. zeigen nun im allgemeinen eine große Übereinstimmung. Bei den ersteren 
(Fig. 1) erkennt man auf den ersten Blick, daß die wesentlichsten Ver- 
anderangen im Corium orelegen sind, und zwar einmal die Talgdrüsen 
betreffen, welche ungemein zahlreich und groß sind, und zweitens in 
einer Hypertrophie des Bindegewebes bestehen. 

Die Epidermis zeigt eine höchst unregelmäßige Oberfläche. Es 
finden sich zahlreiche, größere Hervorwölbungen, welche wohl klinisch 
den Knötchen entsprechen, und die von einander durch trichter- oder 
becherförmige, manchmal aber auch breitere Vertiefungen, in welche meist 
mehrere Haarbalgtrichter einmünden, getrennt sind. An den vorgewölbten 
Stellen ist das Epithel etwas verdünnt, die Papillarfortsätze kürzer, oft ganz 
abgeflacht; sonst aber zeigt das Epithel nirgends Abweichungen vom 
normalen Bau. Die basalen Zellen enthalten meist reichliches, hellbraunes 
Pigment Das Stratum spinosum und granulosum gut ausgebildet; die 
Zellen des letzteren reichlich erfüllt mit Keratohyalin. 

Das Corium ist zum größten Teil eingenommen von massenhaften 
Talgdrüsen, welche sehr tief, bis über die Kegion der Schweißdrüsen 
hinaus, reichen, nur im Stratum papilläre etwas spärlicher sind. Daß die 
Talgdrüsen in der Tat viel zahlreicher und außerdem viel größer als in 
der Norm sind, zeigt sich an den Kontrollpräparaton von normaler Haut 
des Kinns. Merkwürdigerweise finden sich nur Lanugohaare, welche im 
Gegensatz zu den Drüsen sehr klein und rudimentär sind. Ihre Zahl bleibt 
hinter der der Drüsen zurück, so daß es scheint, als ob nicht alle Talg- 
drüsen zu Haarfollikeln in Beziehung stehen können, vielmehr einige 
Drüsen mit selbständigen Ausführuugegängen frei an die Oberfläche der 
Haut münden. Die Mündungen dieser Gänge sowie der Haarfollikel finden 
sich meist in den beschriebenen Vertiefungen des Epithels, zuweilen aber 
auch auf der Höhe der Erhebungen. 

Ebenso wie die Drüsen im ganzen sind auch die einzelnen Läpp- 
chen meist von bedeutender Größe. Es lassen sich zwei Zellarten unter- 
scheiden; die peripheren Zellen sind im allgemeinen kubisch, manchmal 
etwas abgeplattet, besitzen einen großen Kern und spärliches Protoplasma. 
Auffallend ist nun, daß diese Zellen, welche die Fortsetzung des Follikel- 
epithels darstellen, viel zahlreicher als in normalen Drüsen vorhanden 
und in mehreren Lagen übereinander geschichtet sind. Auch dringen 
sie häufig in Gestalt von Septen zwischen die centralen Zellen hinein, 
und bilden so ein weitmaschiges Netz, dessen einzelne Zellen mehr 
weniger abgeplattet sind. Die Zellen im Innern des Läppchens haben 
den typischen Bau der eigentlichen Talgzellen. Sie sind viel größer als 
die peripheren, scharf konturiert, meist polygonal gestaltet; das reichliche 
Protoplasma hell, durchscheinend und mit einem feinen Netzwerk ver- 



40 Kothe. 

sehen. Der Kern der äußeren Talgzellen ist rundlich, scharf begrenzt, 
gut farbbar, relativ klein und besitzt 1 — 2 Eemkörperchen. In den zen- 
tral gelegenen Zellen aber wird der Kern unregelmäßig, eckig, zackig; 
schließlich verschwindet er ganz, während das Kemkörperchen schon 
früher zu Verlost gegangen ist. 

Neben diesen größeren, ausgebildeten Drüsenläppchen kommen 
auch neuangelegte, kleinere vor, auf welche wir noch zu sprechen kommen. 
Ans einer großen Zahl von Läppchen setzt sich nun eine Drüse zusammen. 
Die einzelnen Lobnli, welche von einer nicht immer deutlich ausgebildeten 
Membrana limitans begrenzt sind, liegen teils von einander mehr weniger 
entfernt, teils sehr nahe zusammen, oft nur durch sehr schmale Bindege- 
webszüge getrennt. Der Bau der ganzen Drüse zeigt mitunter die aben- 
teuerlichsten Formen, wie sie normalerweise wohl nicht beobachtet werden. 
(Kg. 2.) 

Die Drüsen münden nun zum größten Teil, meist mit einem kurzen 
Ansführungsgang, in Haarfollikel ein, aber nicht, wie in der Norm, nur 
am Hals des Follikels, sondern in allen Abschnitten desselben, ja sogar 
auch in der Gegend der Haarzwiebel. Die Zahl der zu einem Haar in 
Beziehung tretenden Drüsen ist oft außerordentlich groß. Je S-^i Drüsen 
münden häufig in mehreren Lagen übereinander ein. Auf Querschuitten 
sind die Follikel, die überhaupt wie ein rudimentäres Anhängsel der 
mächtigen Drüsen erscheinen, von einer vollständigen Rosette umgeben. 
Manche Drüsen besitzen auch, wie erwähnt, einen selbständigen Aus- 
führungsgang, welcher einem Haarfollikel sehr ähnlich gebaut ist. Er ist 
ausgekleidet mit geschichtetem Plattenepithel, welches der Epidermis 
entspricht Zwischen die Epithelzellen sind häufig einzelne oder in kleine 
Gruppen vereinigte Talgzellen eingestreut. (Fig. 2.) Die Ausführungsgänge 
sind mit Talg gefüllt, wozu sich, bes. in den oberen Abschnitten, Hörn- 
massen hinzugesellen. Häufig sind sie cystisch erweitert (Fig. la), und 
zwar hauptsächlich an der Einmündungsstelle der Drüsen. Weiter oben 
nimmt dann der Gang wieder seine normale Weite an, bleibt aber stets 
gut durchgängig. Die Cysten sind meist kugelig gestaltet; einige sind so 
groß, daß man sie schon makroskopisch an den Schnitten als kleinste, 
weißgelbliche Pünktchen erkennen kann. Eine der größten läßt sich auf 
ca. 160 aufeinanderfolgenden Schnitten verfolgen, der daran anschließende, 
wieder verengte Gang nur auf 15. Bei den größeren Cysten ist, offenbar 
durch den Druck des angestauten Inhaltes, das auskleidende Epithel voll- 
kommen platt gedrückt und verschmächtigt ; es besteht dann aus einer 
peripheren Lage kubischer Zellen, an welche sich 2 — 3 Lagen sehr platter, 
Endothelien gleichender Zellen anschließen. Auch die an das Lumen 
der Cysten angrenzenden Talgdrüsenzelleu können eine Veränderung 
ihrer Gestalt erfahren, indem sie rhombische, ja sogar spindelige Form 
annehmen. 

Neben diesen kugeligen Cysten kommen ferner zylinderförmige 
Erweiterungen größerer Strecken der Talg- sowie auch der Haarfollikel 



Zar Lehre von den Talgdrüsengeschwülsten. 41 

▼or. Mitunter Terschmelzen dicht neben einander liegende Cysten, es 
lassen sich dann meist noch Reste der früheren Zwischenwand erkennen- 

Die Haare sind, wie schon angegeben, spärlich und rudimentär; 
auch finden sich keine gröberen Barthaare, sondern nur Wollhaare, die 
eines M. arrector entbehren. Die äußere Haarwarzeischeide besteht aus 
nur S— 4 Zellagen. Die innere Scheide ist äußerst dünn uad stellt eigent- 
lich nur eine einzige homogene Zone dar. Besser entwickelt ist der 
Haarbalgirichter, welcher der Epidermis analog gebaut ist. Der binde- 
gewebige Haarbalg ist ziemlich dünn; er besteht aus zirkulär und längs- 
verlaufenden, feinen Bindegewebsfibrillen, zwischen denen elastische Fa- 
sern in mäßiger Anzahl verlaufen. Eine deutliche Glashaut fehlt 

Bei vielen Haaren sind die Zwiebeln in kolbenartige Gebilde um- 
gewandelt, die Papillen atrophiert, das Haar selbst nach oben gerückt 
Der untere, leere Teil der Haarwurzelscheide ist verschmälert, und setzt 
sich nach unten in einen bindegewebigen Strang (Haarstengel) fort (Fig. 
8 a), z. T. sind die Haare ganz ausgefallen. Offenbar befinden sich die 
so Teränderten Haare im Kolbenstadium. Im Zusammenhang damit stehen 
wahrscheinlich Proliferationsvorgänge der epithelialen Elemente der leeren 
Wurzelscheiden; diese äußern sich eiomal in einfacher Verdickung des 
Epithels in Gestalt von flachen Wülsten, zweitens aber in Bildung sehr 
zahlreicher knospen- oder astartiger Ausstülpungen des Epithels (Fig. 3). 
Letztere sind im allgemeinen ziemlich schmal, bestehen ans 3 — 4 Lagen 
annähernd kubischer Zellen mit großem Kern und geringem Protoplasma, 
und kommen an allen Abschnitten des Haarfollikels von der Zwiebel bis 
zum Hals desselben vor. Sind die Follikel der Länge nach getroffen, so 
bemerkt man, daß meist zwei Knospen sich gegenüber stehen und in 
einem Bogen nach unten verlaufen. An Querschnitten aber läßt sich er- 
kennen, daß die Zahl der in einer Höhe abgehenden Fortsätze viel zahl- 
reicher ist, so daß ein quergetroffener Follikel oft die Gestalt eines Stech- 
apfels annimmt. Die Epithelstränge verlaufen meist gewunden, so daß sie 
in einem Schnitt oft längs und quergetroffen sind (Fig. 8). Sie erreichen 
jedoch nie eine erhebliche Länge; auch wo mehrere Follikel nahe zu- 
sammenliegen, scheint doch nie eine Anastomose zwischen den Zapfen 
der einzelnen Follikel vorzukommen. Manchmal kann man an den freien 
Enden der Knospen eine Ansammlung von Bindegewebszellen bemerken, 
wodurch es dann zur Aushöhlung derselben und Bildung einer Art Haar- 
zwiebel kommt. Solche nach embryonalem Muster entstehende Papillen- 
haare sind indes sehr selten und scheinen meist rudimentär zu bleiben. 

Ahnliche Ausstülpungen des Epithela finden sich nun auch, wenn 
schon in geringerer Anzahl, an den Ausfahrungsgängen der Talgdrüsen. 
Hier bestehen sie aber nur z. T. durchweg aus nicht differenzierten 
Zellen; häufiger findet man im Innern der Eaiospe einige typische Talg- 
zellen. Dabei handelt es sich nicht etwa um tangential getroffene, größere 
Drüsenläppchen, wie sich an Serienschnitten nachweisen läßt. Diese Art 
von Epithelfortsätzen haben wir daher als Anlagen junger Talgdrüsen 
anzusehen. Oft schwellen die erst schmalen Stränge nach kurzem Verlauf 



42 Kothe. 

EU kugeligen Gebilden an, deren innere Zellen in Talgsellen omgewandeH 
Bind. (Fig. flb.) Manchmal finden aicli sogar mehrere derartige Anschwel- 
lungen eingeschaltet. Wenn nan diese jungen Drosenl&ppohen wachsen 
und sich ausdehnen, so werden sie bald einander berühren und schließlich 
ganz zu einer einzigen Drüse verschmelzen, welche, wie leicht verständ- 
lich ist, meist eine unregelmäßige, abenteuerliche Gestalt hat. Das pe- 
riphere, kubische Epithel der bisher isolierten, kleinen Läppchen kommt, 
wenn diese konfluieren, mitten zwischen Talgzellen zu liegen, es wird 
abgeplattet und durchkreuzt netzartig die nun ausgebildeten größeren 
Drüsenläppchen. (Fig 2c.) 

Die von den Haarfollikeln ausgehenden Epithelknospen lassen hie 
und da ebenfalls eine mäßige Anschwellung erkennen, welche durch Ein- 
lagerung einzelner oder mehrerer Talgzellen bedingt ist. 

Schweißdrüsen (Fig. Ic) fanden sich nur in äußerst geringer An- 
zahl; wahrscheinlich sind sie infolge des Druckes der Talgdrüsenmassen 
atrophiert. 

Das Bindegewebe ist in den Papillen mächtig entwickelt; infolge 
davon scheint das Gros der Talgdrüsen nach unten verdrängt zu sein. 
Es zeichnet sich hier ferner besonders durch großen Zellreichtnm aus. 
Diese Zellen, welche sich als echte Bindegewebszellen erweisen, besitzen 
einen teils rundlichen, teils ovalen, manchmal auch unregelmäßig ge- 
stalteten Kern und einen deutlichen Zelleib. Sie gleichen ganz den 
jugendlichen Bindegewebszellen, wie wir sie z. B. im Granulationsgewebe 
finden. Nirgends entzündliche Erscheinungen. Die fi brilläre Grundsubstanz 
ist relativ gering entwickelt. Die Bindegewebsfasern, welche sehr schmal 
und zart sind, ordnen sich zu welligen Bündeln an. Ihr Verlauf ist ein 
zweifacher. In den untern Schichten, also direkt oberhalb der Talgdrüsen- 
region, verlaufen sie parallel zur Oberfläche der Haut; von hier aus 
streben sie in senkrechter Richtung dem Epithel zu. Die Lymphspalten 
sind etwas erweitert. Die Blutgefäße zeigen keine Besonderheiten; nur 
finden sich häufig in der Umgebung der Kapillaren Anhäufungen von 
Bindegewebszellen. Nahe der Epidermis sind zahlreiche pigmenthaltige 
Zellen vorhanden ; stellenweise scheinen sie sogar zur Hautfärbung einen 
größeren Beitrag zu liefern als die pigmenthaltigen Epithelzellen. Das 
Pigment ist in Form bröckeliger oder scholliger Massen um den Kern 
herumgeiagert, erstreckt sich aber auch manchmal in Gestalt von zackigen 
oder bandartigen Ausläufern in die Umgebung, häufig zwischen die 
Epithelzellen hinein. Dieser letztere Befund scheint für die Einschlep- 
pungstheorie des Pigmentes zu sprechen. 

Ganz anders verhält sich das Bindegewebe im Stratum reticulare; 
es ist, da die Talgdrüsen nicht mehr viel Platz für andere Gebilde übrig 
lassen, spärlicher entwickelt als in den Papillen. Von diesem unterscheidet 
es sich auch noch dadurch, daß der Gehalt an fibrillärer Substanz größer, 
der an Zellen jedoch viel geringer ist. Um die Talgdrüsen herum bildet 
das Bindegewebe eine Art Kapsel, welche stärker entwickelt ist als der 
bindegewebige Haarbalg. In dem Raum zwischen den Talgdrüsen nehmen 



Zur Lehre von den Talgdrasengeschwülsten. 43 

die im allgemeinen wenig gewellten Bindegewebsfasern einen ganz regel- 
losen Yerlanf, und bilden ein nicht sehr fest gefQgtes, unregelmäßiges 
Netzwerk. Die Breite der einzelnen Bündel ist ziemlich beträchtlich, auch 
die einzelnen Fasern sind dicker, plumper als wie in normaler Haut. Die 
Kerne der protoplasmaarmen Zellen sind l&uglich, spindelförmig. Inter- 
iibrillare Saftspalten sind in geringer Menge vorhanden und nicht er- 
weitert. Bei van Qieson-Färbung nehmen die Bindegewebsfasern hier 
eine gelbrote Farbe an, während sich jene des Stratum papilläre schön 
granatrot färben. 

Die elastischen Fasern wurden nach Weigert und Unna -Tänzer 
gefärbt, Yorfarbung der Kerne mit Lithionkarmin. Im Stratum papilläre 
verhalten sie sich normal Sie sind hier ziemlich spärlich entwickelt, sehr dünn, 
wellenförmig oder mehr gradlinig, und verlaufen ähnlich wie die Binde- 
gewebsfibrillen. Weiter unten aber, also zwischen den Talgdrüsen, nimmt 
ihre Menge außerordentlich zu, zugleich ändert sich ihre Struktur. Die 
elastischen Fasern werden dicker, plump, sind meist nicht sehr lang; so 
bilden sie ein dichtes verfilztes Netzwerk, z. T. häufen sie sich auch zu 
formlosen bröckeligen Massen an. Nur innerhalb der Kapsel um die Talg- 
drüsen verlaufen normale Faser in mäßiger Zahl. 

Die Präparate vom Hals liefern im allgemeinen ganz ähnliche 
mikroskopische Bilder wie diejenigen vom Kinn. Auch hier sind die 
Talgdrüsen sehr groß und zahlreich, aber doch nicht in dem Maße ver- 
mehrt wie im Gesicht. An Osmiumpräparaten koLnte in den Drüsen 
und Ausfuhrungsgängen Fett nachgewiesen werden. Es war also hier die 
Funktion erhalten; dasselbe dürfen wir wohl auch für die Talgdrüsen 
der Knötchen im Gesicht annehmen. 

Auch in den Präparaten vom Hals liegen die Talgdrüsen sehr tief, 
sie nehmen das ganze Stratum reticulare ein. In Bezug auf Form und 
feinere Struktur gleichen sie ganz jenen der Gesichtshant. An den einzelnen 
Läppchen ist die Schicht der peripheren kubischen Epithelzellen vermehrt, 
welche auch hier das Talgdrüsengewebe netzartig dnrchflecbten. Die Talg- 
zellen sind in typischer Weise ausgebildet. Die beschriebenen Epithel- 
knospen an den Ausführungsgängen der Talgdrüsen und an den Haar- 
follikeln, als Anlagen neuer Drüsen oder von Papillenbaaren, bemerken 
wir hier ebenfalls in großer Zahl. Haare sind spärlich; es wiegen Lanu- 
gohaare vor, und diese befinden sich häufig im Kolbenstadium. Daneben 
sind auch einige gröbere Haare mit gut ausgebildeten Wurzelscheiden 
vorhanden. Die Talgdrüsen stehen meist in Zusammenhang mit Follikeln 
von Haaren, bes. Wollhaaren; nur wenige besitzen selbständige Ausfüh- 
rungsgänge. Cysten sind viel seltener als im Gesicht. 

Die Schweißdrüsen sind in Bezug auf Zahl, Größe und Struktur 
vollkommen normal. 

Das Bindegewebe läßt ähnliche Veränderungen wie im Gesicht 
erkennen. Stratum papilläre hypertrophisch, sehr reich an jungen Binde- 
gewebszellen, arm an Zwisohensubstanz. Die Zellen stehen oft in Grup- 



44 Kothe. 

pen beieinander, häufig sammeln sie sich im Verlauf der Gefäße an^ 
Keine Lenkooyten. 

• Im Stratnm reticalare sehr wenig Kerne. Die Veränderungen der 
reichlieh vorhandenen Bindegewebsfasern hochgradiger als im Oesicht. 
Die elastische Substanz erscheint nur wenig vermehrt. Die Fasern nach 
Weigert etc. gut förbbar; ihre Struktur in gleicher Weise, wie oben 
beschrieben, verändert. BlutgeföBe sehr reichlich vorhanden, bes. in den 
Papillen, etwa erweitert. 

In einem vom 1. oberen Augenlid excidierten Knötchen zeigen 
sich zwar auch ziemlich zahlreiche Talgdrüsen^ aber doch viel weniger 
und kleiner als in den Schnitten vom Kinn und Hals. Die Zahl der 
Lanugohaare steht durchaus nicht hinter der der Drusen zurück. An den 
Follikeln, die teilweise etwas erweitert und mit durch Osmiumsäure ge- 
schwärztem Fett erfüllt sind, ebenfalls die beschriebenen Epithelknospen 
in mäßiger Anzahl. Den hauptsächlichsten Anteil an der Neubildung 
scheint hier das Bindegewebe zu haben, welches bedeutend vermehrt ist, 
und gleich wie die elastische Substanz Veränderungen seiner Struktur 
aufweist. 

In einem der Mundschleimhaut (Unterlippe) entnommenen 
Knötchen zeichnet sich das Plattenepithel durch außerordentliche Dicke 
aus. Im Corium finden sich vereinzelte Talgdrüsen von normalem Bau, 
und reichliche, strotzend mit Blut gefällte Kapillaren. 

Der Tumor von der 1. Occipitalgegend wurde nach der £x- 
stirpation in der Mitte durchgeschnitten; es findet sich ein erbsengroßer 
Hohlraum, der mit fettiger Masse erfallt ist, welche sich mit Osmiumsäure 
schwarz färbt. Die Cyste ist von wenigen Lagen stark abgeplatteter 
Epithelzellen ausgekleidet, und von einer schmalen bindegewebigen 
Kapsel umgeben. Die darüber hinwegziehende Epidermis ist verschmäch- 
tigt, die Papillen verstrichen. Die Haut der Umgebung ohne Besonder- 
heiten; Haare und Talgdrüsen normal. 

In Präparaten von Effioreszenzen, die von der Innenfläche der 
Oberschenkel excidiert waren (Fig. 4), ist die Epidermis normal ge- 
baut; die Foßzellen enthalten, bes. in den peripheren Abschnitten der 
einzelnen Geschwülstchen, sehr reichliches braunes Pigment. Die Papillar- 
fortsätze sehr zahlreich und ziemlich lang. 

Auch hier ist das Corium Sitz der hauptsächlichsten Veränderungen, 
die jedoch denjenigen in Präparaten von der Gesichtshaut nur zum klei- 
neren Teil gleichen. Von einer Vermehrung der Talgdrüsen ist hier 
nämlich keine Spur zu finden. 

Lanugohaare, in für diese Körpergegend entsprechender Anzahl vor- 
handen, stehen in Verbindung mit durchaus normalen Talgdrüsen. An 
den Follikeln spärliche seitliche Sprossenbildung. 

Der Tumor ist hier einzig und allein durch Hypertrophie des 
Bindegewebes gebildet. Die Papillen sind außerordentlich reich an Zellen, 
die in ihrer Massenhaftigkeit, bes. in der Umgebung der Blutgefäße, den 
Kindruck einer kleinzelligen Infiltration hervorrufen. Bei starker Ver- 



Zur Lehre Ton den Talgdrdsengeschwalsten. 45 

größeniDg erkennt man jedoch, daß es sich lediglich um meist jugend- 
liche Bindegewebszellen handelt. Bindegewebsfasern sind hier gar nicht 
Torhanden. 

Bas Stratum reticnlare ist in seinem Tiefendurchmesser ungemein 
mächtig entwickelt, und zeigt ähnliche Ycränderungen wie in der Ge- 
sichtshaut, nur in viel höherem Grade. Kerne sind äußerst spärlich, etwas 
zahlreicher nur im Verlauf der Gefäße. Die Bindegewebsfasern sind sehr 
▼erdickt, straff, zu breiten homogenen Bändern verschmolzen, welche 
Ähnlichkeit mit Muskelfasern haben. Sie sind meist ziemlich kurz und 
verlaufen ganz regellos. Die Kapsel um die Talgdrüsen und der binde- 
gewebige Haarbalg sind gut ausgebildet; hier sind die Veränderungen 
des Bindegewebes noch am geringsten. 

Die elastischen Fasern sind ebenfalls bedeutend vermehrt und zeigen 
ähnliche, aber weiter fortgeschrittene Veränderungen wie in den Knötchen 
vom Kinn.. 

Schweißdrüsen vollkommen normal. Auffallend ist der Unterschied 
in ihrer Kntfemung von der Epidermis zwischen den zentralen und pe- 
ripheren Teilen des Tumors. 

Über die Neubildungen am Rücken ist wenig mehr za sagen, 
da sie den eben beschriebenen sehr ähnlich sind. Es bestehen nur gering- 
fügige Unterschiede. So finden sich hier im Stratum papilläre spärliche 
Fibrillen. Die Degeneration des Binde- und elastischen Gewebes in den 
tieferen Partien des Corium ist vielleicht noch hochgradiger (Fig. 5). 
Bei Färbung nach van Gieson gibt sich der Unterschied zwischen 
den normalen Fasern in den Papillen und den degenerierten des Stratum 
reticnlare sehr deutlich zu erkennen. Erstere sind dünn, granatrot gefärbt » 
letztere erscheinen als gelbrote, dicke, bandförmige oder schollige Massen, 
zwischen denen sich so gut wie gar keine Kerne befinden. Die elastischen 
Fasern sind entschieden etwas spärlicher als am Oberschenkel, sie sind 
verdickt, kurz, zersplittert, in Klumpen zusammengeballt oder in Bröckel 
zerfallen. 

Ähnlich verhält sich der Befund bei einem Knötchen aus der 
Claviculargegend. 

Ein von der Matrix eines Fußnagels ezstirpiertes Knötchen be- 
steht aus gewachertem, zellreichem, sonst aber normalem Bindegewebe, 
in welchem zahlreiche, weite Blutgefäße verlaufen, und welches sehr arm 
an elastischen Fasern ist. Die Epidermis ist ziemlich dick; bes. Stratum 
lucidum und corneum sind mächtig entwickelt. Papillarfortsätze im allgemei- 
nen abgeflacht, fast verstrichen. An vereinzelten Stellen aber erreichen sie 
eine ganz bedeutende Länge. Unterhalb der Epidermis, mitten im Corium, 
bemerkt man dann oft 1 bis 2 isolierte rundliche Haufen von Epithelzellen, 
welche, wie sich auf Serienschnitten verfolgen läßt, Querschnitte von 
verlängerten Papillarfortsätzen darstellen. 

Die Keubildungen an den Nägeln der Finger ergeben ganz ähn> 
liehe histologische Verhältnisse; sie bestehen auch hier der Hauptsache 
nach ans Bindegewebe. 



i 

46 Kothe. 

Die histologische Untersttchung der excidierten Ge- 
schwülstchen hat also ergehen, daß es sich um verschieden- 
artige Bildungen handelt. 

Bei den Effioreszenzen im Gesicht haben wir es vornehmlich 
mit einer von den Talgdrüsen ausgehenden Neu- 
bildung zutun, die ihren Ausdruck findet in dem zahlreichen 
Vorhandensein von neuangelegten kleinsten Drüsen, die nach 
embryonalem Muster aus dem Epithel der Talg- und Haar- 
follikel entstehen, und in der Vergrößerung der ausgebildeten 
Drüsen. Die Talgdrüsen müssen natürlich infolge ihrer Ver- 
mehrung und Vergrößerung einen größeren Raum einnehmen; 
indes ist doch auffallend, daß sie sich in allen Schichten des 
Corium vorfinden und sogar bis über die Region der Schweiß- 
drüsen hinausgewuchert sind, so daß man fast von einem infil- 
trierenden Wachstum sprechen könnte. 

Die gleichen anatomischen Veränderungen, wie in den 
Schnitten von Knötchen am Kinn, dürfen wir wohl auch in 
denen an der Nase und Wange annehmen. Somitentspricht 
also das Exanthem im Gesicht dem Bild des Adc- 
noma sebaceum „Typus Pringle". 

Die Neubildung abmt im großen und ganzen den Typus 
der Talgdrüsen, von denen sie ausgeht, mehr weniger exakt 
nach ; doch finden sich gewisse geringe Abweichungen 
vom normalen Bau. Ungewöhnlich ist die Vermehrung des 
wandständigen Epithels der Lobuli und das Hineinwucbern 
derselben zwischen das Talgdrüsengewebe, ist femer die oft 
eigentümliche, unregelmäßige Gestalt der Drüsen. Die Zahl 
der in einen Haarfollikel einmündenden Drüsen ist meist außer- 
ordentlich groß. Manchmal aber kann kein Zusammenhang 
nachgewiesen werden; die Drüsen scheinen vielmehr mit einem 
eigenen Ausführungsgang frei an die Oberfläche der Haut zu 
münden. Auf diesen Befund möchte ich jedoch kein besonderes 
Gewicht legen. Ein großer Teil der Haare befindet sich im 
Kolbenstadium, z. T. sind die Haare bereits ganz ausgefallen. 
Es liegt somit die Annahme nahe, daß die vermeintlichen 
selbständigen Drüsenausführungsgänge nichts anderes darstellen 
als leere Haarfollikel. Interessant ist ferner die große Menge 
von Epithelknospen an den Follikeln, welche sich zum Teil 



Zar Lehre yon den Talgdrüsengeschwülsten. 47 

zu kleinen Drüsenläppcben differenzieren, zum Teil aber wohl 
mit dem Kolbenstadium der Haare in Beziehung stehen, d. h. 
als abnorm reichlich angelegte Haarkeime aufzufassen wären, 
die aber, da typische Papillenhaare sehr spärlich sind, in der 
Mehrzahl rudimentär bleiben. Die Talgfollikel sind oft cystisch 
erweitert. 

Als weitere VeränderuDg ist Hypertrophie des Binde- 
gewebes in den Papillen zu konstatieren. Im Stratum reti- 
culare ist Binde- und elastisches Qewebe strukturell, jedoch 
nicht tinktoriell Tcrändert Wahrscheinlich handelt es sich um 
beginnende kolloide Degeneration; die Veränderungen 
am Kollagen und Elastin verlaufen noch parallel, die Ver- 
bindung der degenerierenden Produkte zu einem einzigen 
Körper, dem KoUastin von Unna, ist hier noch nicht erfolgt. 

Die Tumoren am Hals zeigen dieselben Veränderungen 
wie die im Gesicht. Die Definition von J arisch (54) wäre 
also dahin zu erweitem, daß Adenomata sebacea auch am 
Hals vorkommen können. 

Merkwürdig dagegen ist, daß in den Knötchen vom linken 
Augenlid die Veränderungen der Talgdrüsen zu gering sind, 
als daß man hier von Adenomen reden könnte. Überrascht 
waren wir auch durch den histologischen Befund bei den Ge- 
bilden an der Innenfläche der Oberschenkel, die wir wegen 
ihrer klinischen Ähnlichkeit mit denen im Gesicht (symme- 
trische Anordnung, Farbe etc.) für Talgdrüsenadenome halten 
zu dürfen geglaubt hatten. Entgegen unserer Vermutung waren 
hier die Talgdrüsen vollkommen normal. Die Veränderungen 
betrafen vielmehr nur Binde- und elastisches Gewebe, welche 
dieselben Veränderungen erlitten hatten wie in den Efflores- 
zenzen des Gesichtes, nur in etwas höherem Grade. Da das 
Corium mächtig vergrößert ist, so muß zuerst eine Hyper- 
trophie des Kollagens und Elastins erfolgt sein. Es handelt 
sich um Fibrome mit kolloider Degeneration. Einen ähnlichen 
Befund ergibt die Untersuchung der Tumoren von Brust und 
Rücken. Die Geschwülste endlich, die von der Matrix der 
Finger- und Zehennägel ausgehen, stellen reine Fibrome dar. 

Wir wenden uns nun der Besprechung der Literatur 
zu. Barlow (9) hat vor 8 Jahren in einer gediegenen Arbeit 



1 



48 Kothe. 

alle bis dabin veröfFentlichten Fälle von multiplen TalgifrOsen- 
adenomen (»Typus Pringle^) zusammengestellt. Seitdem ist 
aber wieder eine Reihe von weiteren Fällen bekannt geworden. 
Man kann sagen, daß wir erst jetzt auf Grund eingehender 
histologischer Untersuchungen einen klareren Einblick in die 
pathologisch - anatomischen Verhältnisse dieser Affektion ge- 
wonnen haben, während wir anderseits auch über exakte kli- 
nische Beschreibungen verfägen. Wir wissen ferner, daß nicht 
alle Fälle, die unter dem gleichen klinischen Bild einhergehn, 
als Adenomata sebacea gelten können. Es ist nach den Unter- 
suchungen von J arisch (55), Wolters (113) u. a. jetzt 
wohl nicht mehr zu bestreiten, daß die Fälle Ton Balz er und 
Grandhomme (6) und Balzer und Menetrier (7), welche 
Barlow (9) noch hieherrechnete, zum Epithelioma adenoides 
cysticum gehören. Ebensowenig kann auch der eigene Fall yon 
Barlow, schon wegen der klinischen Unterschiede, in dieser 
Gruppe untergebracht werden. Wenn wir nun weiters aus den 
von Barlow zusammengestellten Fällen diejenigen, die einer 
mikroskopischen Untersuchung entbehren, ausscheiden, so bleiben 
nur vier sichere Fälle von Adenoma sebaceum, nämlich die 
von Pringle (86), Caspary (22), Crocker (28), Taylor 
und Barendt (105). 

Von späteren, genauer beobachteten und histologisch 
untersuchten Fällen sind sodann zu nennen die Ton: Rosen- 
thal(96), HallopeauundLeredde (46), Pezzoli (2Fälle) 
(76) und Mar Uli (66). 

Diesen 9 Fällen könnte schließlich noch ein Fall von 
Pick (78) angereiht werden, der sich aber sowohl klinisch in 
gewisser Beziehung von den übrigen unterscheidet, als auch 
besonders histologisch dadurch, daß er eine Kombination von 
Adenoma sebaceum und Epithelioma adenoides cysticum dar- 
stellt. 

Die übrigen, m der Literatur mitgeteilten Fälle von 
multiplen Talgdrüsenadenomen des Gesichts sind nicht als 
sichere zu bezeichnen; denn, wennschon sie sich klinisch ganz 
ähnlich verhalten, so sind sie doch histologisch z. T. gar 
nicht, z. T. zu ungenügend untersucht worden. Bei einigen 
endlich konnte ich deshalb über die Richtigkeit der anato- 



Zur Lehre von den TalgdrüBeDgeschwülsten. 49 

mischen Diagnose kein Urteil gewinnen, weil mir die betr. 
Arbeiten nicht im Original zur Verfügung standen. Ich teile 
auch hier nur die Namen der Beobachter mit: Brocq (86), 
Vidal(86), Hallopeau(86), Jamieson (53), Gaspary (25), 
Crocker (28), Taylor undBarendt (105), Feulard(39), 
Besnier (12), Anderson (3), Brooke (18), Laver (63), 
Coloman(63),Jada88ohn(52)»),Savill(99), Dockrell(35). 

Wir wollen nun an der Hand aller dieser Fälle zunächst 
yersuchen, das klinische Bild der multiplen Talgdrüsen- 
adenome zu beschreiben, welches, wie wir finden werden, im 
allgemeinen yoUkommen mit der Schilderung von Jari seh (54) 
übereinstimmt. 

Die Lokalisation der Knötchen im Gesicht ist eine 
überaus charakteristische. In erster Linie, und zwar, wie fast 
überall betont wird, in vollkommen symmetrischer Weise, sind 
die Nasenflügel, die seitlichen Partien der Nase, die angren- 
zenden Wangenteile und Nasolabialfalt-en befallen. Etwas spär- 
licher sind die Effloreszenzen auf der Lippe und am Kinn, an 
den Augenlidern und den lateralen Partien der Wange; am 
wenigsten ist die Stirn in Mitleidenschaft gezogen. Eine Aus* 
nähme bildet der Fall von Pick (78), in welchem die Neu- 
bildungen nur auf Stirn und Schläfen lokalisiert und viel 
spärlicher waren. Bei unserm Fall ist zu bemerken, daß sich auch 
zahlreiche Adenome an den oberen Partien des Halses fanden. 

Die Farbe der Gebilde wird als gelblich, gelbrot, rötlich- 
braun, rosa- bis dunkelrot angegeben, sie schwankt je nach 
dem Vorhandensein von Teleangiektasien, die wir un- 
gefähr in der Hälfte der Fälle annehmen können. Die Größe 
variiert zwischen der eines Stecknadelkopfes und der einer 
kleinen Erbse. Die größeren Knötchen sind mitunter gestielt. 
Die Konsistenz ist fest, prall-elastisch. Erweiterte Talgdrüsen- 
ausführungsgänge sind nur in wenigen Fällen bemerkt worden; 
einigemal ließ sich eiu kleiner Sekretpfropf ausdrücken. 

Beide Geschlechter sind in gleicher Weise befallen; auf- 
fallend dagegen ist, daß die Kranken meist in jüngerem Lebens- 
alter, durchschnittlich im 20. — 25. Jahre stehen. Von vielen 
wird die Affektion im Gesicht in die früheste Kindheit zurück- 



1) l. c. pag. 898. 

Arch. f. DermaL n. Syph. Bd. LXVUT. 



50 Eothe« 

datierti bei einigen scheint sie sogar kongenital gewesen zu 
sein, während sie bei anderen erst später enstanden ist. 

Was die Intelligenz der Kranken anlangt, so finden 
wir darüber bei einigen Fällen keinen Vermerk; in anderen 
waren die betroffenen Individuen geistig YoUkommen normal 
(Pezzoli, Marullo, Savill und in unserm Fall); andere 
Beobachter erwähnen bei ihren Fällen Nervenstörungen (Epi- 
lepsie) und geringe geistige Entwicklung (Pringle, Crocker, 
Taylor nnd Barendt, Hallopeau und Leredde u. a.). 

Im mikroskopiß^^i^ jjll^^*^^?^ zeigen sich keine 
wesentlichen UnterscU^^L^ We hauptsaiDi^^ten Veränderungen 
liegen im Corium u/cB^estehen darin, dm^Vie Talgdrüsen 
außerordentlich zalMAItfilF daffliseht groß sind, wie 
sich durch VergleicMnit Schnitten von gmnder Gesichtshaut 
ermitteln ließ (Casp^^^ S^zorli',^ J^jxk und in unserem 
Fall). ^v..öKJ)^2>-" 

Die Drüsen werden, abgesehen von der Menge und Größe, 
im allReroeinen stets als normal beschrieben; d. h. der Bau 
der Drüsenläppchen, die Struktur und Funktion der Zellen 
entsprechen den gewöhnlichen Verhältnissen. Die Produktion 
von Talg wurde von Caspary und Pezzoli und mir an 
Osmiumpräparaten nachgewiesen. Wenn man aber genauer 
nachforscht, so wird man doch in einigen Fällen geringe 
Abweichung von ihrem normalen Typus finden (z.B. 
bei Pringle, Taylor und Barendt, Pezzoli, und ganz 
besonders bei unserm Fall). Auf diese werden wir später 
noch zu sprechen kommen. Die Haarfollikel sind meist rudi- 
mentär, und ihre Zahl viel geringer als die der Talgdrüsen. 
Es wird daher vielfach angenommen, daß ein großer Teil der 
letzteren mit selbständigen Ausführuogsgängen frei an die Ober- 
fläche der Haut mündet. Man muß aber doch bedenken, daß 
jeder Haarfollikel stets mehrere Drüsen aufnimmt. In unserem 
Falle lag außerdem noch die Annahme nahe, daß diese Aus- 
führungsgänge als leere Haarfollikel aufzufassen sind. 

Die Menge der Schweißdrüsen ist zum Teil normal, 
zum Teil vermindert, in einigen Fällen, z. B. Taylor und 
Barendt, konnten gar keine gefunden werden, während sie 
bei Crocker und in einem Fall von Pezzoli bedeutend 



Zur Lehre von den Talgdrüsengesohwfilsten. 51 

vermehrt und auch erweitert waren; stets aber war der Bau 
der Drüsenschläuche und die Struktur der Zellen yollkommen 
normaL 

Das Gorium ist oft, und zwar besonders im Stratum 
papilläre, stark hypertrophiert (bei Pringle, Grocker, 
Taylor und Barendt, Kosenthai; Pezzoli und in 
unserem Fall), und zeichnet sich durch einen großen 
Reichtum junger Bindegewebszellen aus. Die Epidermis ist an 
den Stellen, an welchen sich eine Hypertrophie des Bindege- 
webes findet, verdünnt, die Papillen abgeflacht, im übrigen 
aber normal. Nirgends finden sich im Gorium entzündliche 
Erscheinungen, die Gefäße bieten keinen besonderen Befund, 
abgesehen Yon Teleangiektasien. 

Das Verhalten der elastischen Substanz ist nur in 
den wenigsten Fällen erwähnt; es scheint fast, als ob dasselbe 
meist überhaupt nicht Gegenstand der mikroskopischen Unter- 
suchung war. Und doch kann man aus folgenden Gründen 
Termuten, daß dasselbe häufig beteiligt ist. J arisch (54) wies 
schon darauf hin, daß die Adeoomata sebacea durch ihre gelbe 
bis braunrote Farbe ausgezeichnet sind. Nach Juliusberg (57) 
kann man es als sicher annehmen, daß eine eigentümliche 
gelbe bis gelbbräunliche, etwas durchscheinende 
Farbe auf eine spezielle Beteiligung des elastischen 
Gewebes hinweist, welches man daher auch als gelbes 
Gewebe bezeichnen kann. 

Marullo fand in seinem Fall das elastische Gewebe 
normal angeordnet, im Gebiet der infiltrierten Partien das 
Elastin resorbiert, in tieferen Goriumteilen Spuren von Elacin. 
Sehr hochgradige Veränderungen werden von Pick beschrieben, 
und zwar betrefien sie die Struktur sowohl der elastischen, 
wie auch der Bindesubstanz. Tinktoriell verhalten sich die 
elastischen Fasern normaL Es handelt sich also um Kollast in, 
das Produkt der gemeinsamen Degeneration des Kollagens und 
Elastins. Die Veränderungen gleichen vollkommen denjenigen, 
wie sie sich in unserem Fall vorfanden. Es kann sich hier 
allerdings vielleicht um einen akzidentellen Befund handeln. 
Auf diese Vermutung führt uns insbesondere der Umstand, 
daß bei unserem Pat. auch in denjenigen Effloreszenzen, in 

4* 



52 Eothe. 

welchen keine Erkrankung der Talgdrüsen vorhanden war, die 
gleichen Degenerationsvorgänge, meist in höherem Grade, an- 
zutreffen waren. 

Verändemngen der elastischen Fasern wnrden zuerst von Schmidt 
(100) in seniler Haut gefunden, von Beizenstein (89) dann auch 
in der Wangenschleimhaut jugendlicher Personen nachgewiesen. Bei 
den unter dem Namen Kolloidmilium (Wagner), kolloide De- 
generation (Besnier, Balzer), Golloidoma miliare (Jarisch) 
(56) beschriebenen Krankheitsformen glaubte man zuerst, das elastische 
Gewebe als Substrat der Degeneration auffassen zu müssen, bis Unna 
(107*) und 108) auf Grundlage seiner verschiedenen Färbemethoden die 
Beteiligung des elastischen Gewebes sowohl, wie des kollagenen an der 
Bildung kolloider Massen behauptet hat. Nach Ansicht von Julius- 
b e r g (57), welcher in jüngster Zeit 8 Fälle von kolloider Degeneration 
der Haut, speziell in Granulations- und Narbengewebe, beschrieben hat, 
bedürfen indes die von Unna geschilderten Degenerationsprodukte noch 
weiterer Untersuchungen. Verwandt mit dem EoUoidom ist wahrscheinlich 
noch das Pseudoxanthoma elasticum (Darier). 

Neben dem Hautausschlag im Gesicht sind in vielen 
Fällen noch andere Veränderungen erwähnt, die zum Teil 
ebenfalls von dermatologischem Interesse sind. Comedonen, 
Akneknötchen, Epheliden und Lentigines im Gesicht oder am 
Stamm werden nur selten erwähnt. Dagegen kommen häufig 
weiche, schlaffe Tumoren vor, welche etwas größer als die im 
Gesicht sind, meist am Rücken sitzen und teils als Fibromata 
molluBca (Laver, Anderson, Besnier), teils als Lipomata 
pendula (Marullo) bezeichnet werden. 

Nävusartige Flecken, bald charakterisiert durch Pigmeut- 
hypertrophie, Vaskularisation oder Bindegewebswucherung, bald 
zusammengesetzt aus einzelnen Effloreszenzen, welche manchmal 
Ähnlichkeit mit Milien haben (Laver), an den verschiedensten 
Stellen des Körpers lokalisiert sind, treffen wir in vielen Fällen 
(Pringle, Gaspary, Hallopeau und Leredde). Von Ab- 
normitäten ist noch zu erwähnen, daß in dem einen Fall von 
Pezzoli eine Hasenscharte vorhanden war. Auch in unserem 
Fall konnten wir eine große Zahl von Nebenbefunden ver- 
zeichnen. 

Nachdem wir den klinischen und histologischen Charakter 
der sog. Adenomata sebacea „Typus Pringle" geschildert 



^) 1. c. kolloide Degeneration. 



Zur Lehre Ton den Talgdrüaeng^schwülBten. 53 

haben, müssen wir nun die Frage erörtern, welche patho- 
logisch-anatomische Bezeichnung wir diesen Gebilden 
geben sollen. Wie schon eingangs angedeutet wurde, konnten 
die yerschiedenen Autoren in dieser Frage noch zu keiner 
Einigung gelangen. Diese Verwirrung erklärt sich zum Teil 
daraus, daß man anfangs unter dem Begriff „Adenoma sebaceum^ 
Terschiedene Dinge zusammengefaßt hatte, die, wie man jetzt 
weiß, teilweise zu anderen Erankheitsbildern gerechnet werden 
müssen. In den Fällen von Balz er (6 u. 7) handelt es sich 
um die Wucherung solider, proliferierender Epithelstränge, die 
deutlich Yon fibrösem Gewebe umschlossen sind, und nur stellen- 
weise an Talgdrüsen erinnern. In den nachdem Pringle sehen 
Typus gebauten Fällen besteht dagegen die Neubildung in 
einer Vermehrung von mehr, weniger typischem Drüsengewebe. 
Ghambard (24) hat daher die Fälle von Balz er für meta- 
typische tubulöse Epitheliome erklärt, während sie von Ja- 
risch (55) u. a. zum Epithelioma adenoides cysticum gerechnet 
werden. 

Dagegen hält Hallopeau (46) die von Balzer und 
die von Pringle u. a. beschriebenen Fälle für identisch; er 
scheint die Differenzen zwischen denselben nur für quantitativ 
zu halten, und ist überzeugt, daß sie, ebenso wie ein klinisch 
sehr ähnlicher Fall, den Darier (30)') beschrieben hat, bei 
dem die Talgdrüsenyermehrung fehlte, alle eine Krankheit 
darstellen, „welche nicht immer dieselben klinischen, noch 
selbst mikroskopischen Erscheinungen darbietet, aber deren 
wesentliche Charaktere sind: der Beginn in der Kindheit, die 
Symmetrie der Veränderungen im Gesicht, die lobuläre Form.** 
Diese Krankheit nennen Hallopeau und Leredde (47) in 
ihrem Lehrbuch „Naevi symmetriques de la face^ und teilen 
sie in 3 Gruppen ein, und zwar, je nachdem die Neubildung 
vorwiegend die Elemente der Talgdrüsen (Typus Balz er = 
Adenomes sebaces) oder die Blutgefäße (Typus Darier- 
P ringle = Naevi telangiectasiques ) oder das Bindegewebe 
(Typus Hallopeau-Leredde =r Naeyi fibreux) befällt. 

Wir yermögen uns dieser Einteilung nicht anzuschließen. 
Es ist nicht richtig, die Fälle Ton Balz er als Typus der 

*) Ein analoger Fall wurde später von Kopp (61) beschrieben. 



54 Eoihe. 

Adenomata sebacea aufzusteUen, ferner dürfen die Fälle von 
Darier und Pringle wegen der histologischen Unterschiede 
nicht identificiert werden, während anderseits die Fälle von 
Pringle und Hallopeau und Leredde nicht getrennt zu 
werden brauchen. Schwieriger ist die Beantwortung der Frage, 
ob, wie es hier geschehen ist, die Talgdrüsenadenome des 
Gesichtes zu den Naevis zu rechnen sind. 

Für die Naevusnatur ist von deutschen Autoren bekanntlich 
insbesondere Jadassohn (52) eingetreten. Er gelangte zu 
dieser Auffassung durch das Ergebnis seiner histologischen 
Untersuchung bei 2 Fällen von linearem Naevus, die ganz oder 
doch für einen wesentlich Teil aus an sich normalen, nur in 
ihrer Größe und Massenhaftigkeit für die betreffende Stelle 
der Haut abnormen Talgdrüsen bestanden. Solche ^^systema- 
tisierten Talgdrüs ennaevi*' sind auch Yon anderen Autoren 
beobachtet worden. Hieher gehört, worauf schon Jadassohn 
aufmerksam machte, zunächst der Fall von Pollitzer (80)^ 
und möglicherweise auch die von Grocker (27) als „Milium 
congenitale en plaques" beschriebenen Fälle. Weitere Beob- 
achtungen wurden in neuerer Zeit von Bandler (8), Oppen- 
heimer-Maerklin (71) und Dorst und Delbanco (36> 
mitgeteilt. (ScMob folgt.) 



Die Abbildungen erscheinen am Schlüsse der Arbeit 

im nächsten Hefte. 



Ans dem Institut ffir pathologische Anatomie des Prof. Przewoshi. 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes 

progenitalis. 

Von 

Dr. med. W. Kopytowski, 

Prixnararst im Bt. LazarashoBpiUl su Wftnchaa. 

(Hiezu Taf. XIX— XXI.) 



Während die Klinik der erwähnten Erkrankung Gegenstand 
zahlreicher Untersuchungen war, ist die pathologische Anatomie 
dieses Leidens noch wenig berücksichtigt worden. In der mir 
zugänglichen Literatur fand ich eine genaue Darlegung der 
anatomischen Veränderungen der Haut bei Herpes genitalis und 
faciei nui* im Handbuche Unnas. Diese Beschreibung stammt 
aus dem Jahre 1894. 

Unna beschreibt drei Herpesfalle, bei welchen das Unter* 
suchungsmaterial intravital, und einen Fall von Herpes labialis, 
in welchem es postmortal entnommen wurde. Diese Fälle be- 
trafen verschiedene Krankheitsstadien : im ersten Fall hatte man 
es mit dem Entwicklungsstadium der Bläschen zu tun, im 
zweiten waren dieselben bereits im Begriff einzutrocknen, im 
dritten fehlten sie schon. Dagegen befanden sich die Bläschen 
im vierten Fall von Herpes labialis im Stadium völliger Aus- 
trocknung und Borkenbildung. 

Der Fall I wird von Unna folgendermaßen beschrieben: 
Das Bläschen war zwischen Epithel- und Papillarschicht loka- 
lisiert. Die obere Blasenwand zeigte Schichtenbau. Unter der 
verdickten Homschicht bemerkt man 6 — 8 Reihen degenerierter 
Zellen, welche an den Seite der Blase unmittelbar in die gra- 
nulierte und Stachelzellen- Schicht übergingen. 



56 Eopytowski. 

Die Zellen waren vergrößert, mit gezähnten Hüllen ver- 
sehen und vollkommen kernlos. Die Zellen sahen wie Elümp- 
chen aus, ließen sich auf Fibrin gut färben, dagegen nicht mit 
Methylenblau. Nach Unna wären die erwähnten Veränderun- 
gen der Gohnheim-Weigertschen Faserstoflf-Degeneration zur 
Last zu legen. Zwischen den Zellen waren Leukocyten vor- 
handen. 

Unterhalb der beschriebenen Zellschicht befindet sich 
eine Lage wenig veränderter, flacher, normal tingierter Zellen, 
erst darunter liegt die eigentliche, mit einem Fasersto&etze 
gefüllte Blase; in den Maschen der letzteren befinden sich die 
beschriebenen Elümpchen und mehrkernigen Leukocyten. 

Die den Boden des Bläschens bildende Papillarschicht 
war fast ganz epithellos und gleich den Epithelien um die Blase 
stark ödematös. Die Cutis ödematös, die Blut- und Lymphge- I 

fäße erweitert, von Infiltraten umgeben. Die Zahl der Binde- ' 

gewebszellen vermehrt; ihre Gestalt und Anordnung erinnert 
an Plasmazellen und enthalten dieselben viel netzförmiges, körn- 
chenloses Protoplasma. Nach Unna machte in diesem Falle 
der entzündliehe Prozeß zwei Stadien durch. Die primären Ver- 
änderungen betrafen alte, oberflächliche Epithelien der Stachel- 
zellenschicht, welche fibrinförmig degenerierten; erst in der 
weiteren Folge trat die Bläschenbildung zwischen Epithel und 
Papillen hinzu. Das Bläschen unterhalb der Hornschicht war 
die Folge des Zusammenfließeos von Interzellularräumen. 

Zugleich betont Unna ausdrücklich den Unterschied 
zwischen den pathologischen Vorgängen in den Zellen bei Herpes 
progenitalis, Pocken und Herpes Zoster. Der Unterschied soll 
darin bestehen, daß bei Pocken und Zoster die Unna sehe 
ballenartige Entartung auftritt, wobei hauptsächlich junge 
Stachelzellen degenerieren; dieselben verlieren die Stachelfort- 
sätze, behalten ihre Kerne, die sich amitotisch vermehren und 
werden durch sauere Farbstoffe tingiert. 

In den weiteren, nur kurz beschriebenen Herpesfällen 
wird von Unna eine starke Leukocytose, sei es des Bläschen- 
inhaltes, sei es des Papillargewebes, in den späteren Krank- 
heitsstadien hervorgehoben. 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 57 

Im vierten Falle von Herpes labialis wurden bei der 
Untersuchung von im Konvaleszenzstadium gebildeten Borken 
zahlreiche Saprophyten gefunden. 

Außer diesen vier Fällen sind mir keine anderen Be- 
schreibungen anatomischer Veränderungen bei Herpes bekannt. 
Auch in dem Werke von Pfeiffer: „Die Protozoen als Krank- 
heitserreger'' (Jena 1891) fand ich nichts über Herpes pro- 
genitalis. 

Aus diesem Grunde gehe ich unmittelbar zu der Beschrei- 
bung der anatomischen Veränderungen bei Herpes progenitalis 
— die ich Gelegenheit hatte zu beobachten — über. 

In chronologischer Reihenfolge werden hier 24 Fälle be- 
schrieben, in welchen es mir gelang, erkrankte Hautpartien zu 
excidieren. Die Präparate stammten sämtlich von Weibern, 
welche im St. Lazarus-Hospital wegen verschiedenartiger vene- 
rischer Erkrankungen behandelt wurden; der Herpes trat nur 
akzidentell während des Spitalsaufenthaltes auf. Wie dies in 
jedem Falle ausführlich erwähnt, entstammte die kranke Stelle 
am häufigsten der Innenfläche des Oberschenkels in der Nähe 
der Geschlechtsorgane; anderweitige Lokalisation war viel sel- 
tener. Die Präparate wurden in verschiedenen Krankheitsstadien 
entnommen; zuweilen konnte die erkrankte Hautpartie bereits 
12 Stunden nach Beginn des Leidens excidiert werden; in der Regel 
wurden jedoch Hautstückchen mit deutlichen Bläschen benützt, die 
bekanntlich bei Herpes progenitalis sehr rasch auftreten : zuweilen 
bereits nach wenigen Stunden, meist nach 24 — 36 St. Nach dem 
Verschwinden der Bläschen und während der Borkenbildung 
war das Material schon schwieriger erhältlich ; in diesem Stadium 
eignet es sich übrigens wenig für histologische Untersuchungen, 
da die für Herpes progenitalis spezifischen Veränderungen, wie 
dies schon Unna nachgewiesen hat, nur im ersten Krankheits- 
stadium, während der Bläschenbildung auftreten. Die in den 
folgenden Krankheitsstadien auftretende Eiterung verwischt voll- 
ständig das mikroskopische Bild. Das obengesagte gilt umsomehr 
für das Stadium der Borkenbildung. 

Das Material für die histologischen Untersuchungen wurde 
von mir 4 Jahre lang gesammelt. 



58 KopytowskL 

Wie aas den weiter angefahrten Daten ersichtlich, traten 
bei einigen Kranken die Effloreszenzen periodisch auf. Doch 
gelang es mir nicht in allen Fällen Untersachungsmaterial zu 
bekommen. 

In den ersten zwölf Fällen wurde die Excision der er- 
krankten Hautpartie unter Eokainanästhesie Yorgenommen, in 
den übrigen nur die Haut desinfiziert. Die Präparate wurden 
in Sublimat, Alkohol, Formalin, Müllerscher, Flemmingscher und 
Eultzitzkischer Lösung, sowie Brechweinstein fixiert und in 
Paraffin eingebettet, sodann auf Yioo ^^ Dicke mittels des 
Schantzeschen Mikrotoms geschnitten. Die Färbung der Schnitte 
geschah mit Hilfe der verschiedenen, gegenwärtig in der Der- 
matologie üblichen Methoden. 

Fall I. 27. X. 1899. Achtzehn jfthrige Frauenspenon. Am linken 
Oberschenkel, in der Nähe der Genitalien, eine kleine Gruppe kleinsteck- 
nadelkopfj^roDer Bläschen, welche inmitten eines leicht geröteten Hant- 
bezirkes hegen und mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt sind. Die 
Krankheit dauert 24 Stunden. Patientin klagt über Brennen an der be- 
troffenen Stelle. Unter Kokainanästhesie wurde ein Teil |des erkrankten 
Hautbezirkes ezcidiert und das Präparat in Weingeist fixiert und in Pa- 
raffin eingebettet. 

Die Färbung geschah mit Hilfe von Hämatoxylin-Eosin, polychromem 
Methylenblau Unnas allein und mit Eosin, Methylenblau und Eosin, 
Thionin -Eosin nach van Giesson, endlich nach Weigert scher Fibrin- 
methode und nach Weigert und Unna-Tänzer auf elastische Faser. 

Bei schwacher Vergrößerung nimmt man an den Schnitten eine 
flfut ausgebildete Blase in der Epithelschioht wahr, ferner ein umschrie- 
benes, rundliches, entzündliches Infiltrat, welches hauptsächlich in der 
Cutis lokalisiert ist und in die Höhe an die ganz abgeflachte Papillar- 
Bchicht herantritt; die oberhalb und an den Seiten des Infiltrates befind- 
lichen Papillen sind stark elongiert und abgeflacht. Am Schniitrande be- 
merkt man einen Teil einer gut ausgebildeten Blase. 

Bei starker Vergrößerung stellt sich das Bläschen als rundliches, 
in der Cutis ganz oberflächlich liegendes Gebilde heraus. Die obere Wand 
der Blase besteht aus einer Hornschicht zerfaserter, welliger Plättchen. 
In der Mitte der Blase erhebt sich die Hornschicht bedeutend, indem sie 
gleichsam einen Auswuchs bildet, welcher mittels Homplättchen in ein- 
zelne unregelmäßige Räume geteilt wird. Einer dieser Räume ist teilweise 
mit einem serösen, feinkörnigen, mittels Eosin rosarot tingierten Exsudat 
gefüllt. Die obere Blasenwand, zumal ihre mittlere Vorwölbung, ragen 
über das Niveau der angrenzenden gesunden Haut bedeutend hervor. 

An den Seiten der oberen Blasen wand befindet sich eine Reihe 
keratohyalinhaltiger Zellen mit geschrumpften Kernen. Das Keratohyalin 
ist hier unregelmäßig angeordnet in Gestalt verschieden großer unregel- 
mäßiger Klümpchen. An den Seiten der Blase erscheint diese Schicht 
stark entwickelt. Der mittlere Teil der oberen Blasenwand besteht aus- 
schließlich aus einer dünnen Hornschicht, welche gegen die Peripherie 
der Blase infolge hinzutretender granulierter und Stachelzellen an Dicke 
zunimmt. 

Die Zellen dieser^ Schicht liegen teils dicht aneinander, teils schon 
gesondert; sie sind klein, ei- oder spindelförmig, ihre Kerne sind teils 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 59 

geschrumpft und stark tingierbar, teils bläschenförmig, schwach gef&rbt 
Zellgrenzen nndentlich, zusammen fließend. Die solitären spindelförmigen 
Zellen sind häufig kernlos und sehen dann intensiv gefärbten Klnmpchen 
ähnlich. An eiuiffen Stellen hängen von der oberen Blasenwand gegen 
das Innere Uornplättchen von unbestimmter Struktur. 

Diesen Bälkchen liegen stellenweise, sei es einzelne Leukocyten- 
herde, sei es solitäre auf oben beschriebene Weise veränderte Epithel- 
zellen an, endlich etwas fdnkörniges £xsudat. 

Die eigentliche Blase ist im oberen Abschnitt fast leer; stellenweise 
enthält dieselbe etwas feinkörniges Eiweiß-Exsudat. Der mittlere und 
untere Abschnitt der Blase ist vollständig mit einem Inhalt erf&llt, 
welcher ans Exsudat, Leukocyten, mehr oder weniger veränderten Epithel- 
zellen besteht, endlich aus kugelformiffen, länglichen oder anregelmäßigen 
Gebilden, welche in der Mitte rundliche von Protoplasma umgebene 
Kömchen enthalten. 

In den mittleren Blasen partien tritt das Exsudat reichlicher auf, 
als in den unteren ; dieses Verhalten hängt von der großen Menge zahl- 
reicher morphologischer Elemente ab, welche den unteren Abschnitt des 
Bläschens fast vollständig ausfällen. An den von obigen Elementen freien 
Stellen tritt das Exsudat hie und da auf in Gestalt eines feinen Netzes 
oder feinkörniger, Zellgebilde untereinander verbindender Massen. Die 
zahlreichsten lieukocyten findet man in der mittleren Blasenpartie, 
während ihre Zahl gegen die Basis des Bläschens allmählich abnimmt 
und an ihre Stelle veränderte Epithelzellen und andere morphologische 
Elemente treten. 

Die Lenkocyteo sind teils wenig verändert, teils zerfallen und ent- 
halten gewöhnlich mehrere Kerne; das Protoplasma tritt zuweilen als 
schmaler, lebhaft tingierter Streifen auf. Zwischen den Leukocyten liegen 
stark veränderte vereinzelte Epithelzellen. Diese teils randlichen, teils 
ovalen Zellen besitzen gewöhnlich je einen, selterer zwei oder drei ge- 
schrumpfte, mit KernfarbstolFen lebhaft tingierbare Kerne. Das Proto- 
plasma erscheint in Gestalt eines verschieden intensiv gefärbten Streifens. 
Zuweilen treten zwischen Kern und Protoplasma ringförmige, leere Räume 
auf. Die Zellmembran dieser gewöhnlich stark vergrößerten Zellen weist 
zuweilen eine lebhaftere Färbung auf, als das Protoplasma, meistens laßt 
sie sich jedoch vom letzteren nicht differenzieren. Die erwähnten Zellen 
enthalten nirgends Protoplasmafortsätze (Stacheln). Manche Zellen waren 
kernlos und glichen dann stark tingierten, homogenen Klümpchen, welche 
stets auf sauere Farbstoffe reagieren. 

Im unteren Blasenabschnitt treten in den Vordergrund rundliche, 
die umgebenden Epithelzellen an Größe vielfach überragende Zellen, 
welche einen, zwei oder mehrere eiförmige, verschieden gruppierte und 
mit Protoplasma umgebene Kerne enthalten. Diese Zellen waren im un- 
teren Blasenabschnitt besonders zahlreich. Ihre Kerne waren gewöhnlich 
größer als die bläschenförmigen Kerne der Epithelzellen, seltener von 
derselben oder geringeren Größe; sie waren homogen gefärbt, wobei der 
Kemrand intensiver gefärbt erschien. Die Kerne schienen zuweilen kleine 
Kemkörperchen zu besitzen; in anderen Kernen schien wiederum das 
Innere leer zu sein, und der Inhalt derselben als schmaler Streifen oder 
Halbmond in der Nähe der Zellmembran aufzutreten; zuweilen war der 
Keminhalt atrophisch. Hie und da enthielt ein solcher Kern auch einen 
Chromatinherd in Gestalt unregelmäßiger, solitärer Klümpchen, welche 
zuweilen außerhalb des Kernes lagen oder zerflossen. Manche Kerne 
waren stark geschrumpft und intensiv gefärbt. Das die Kerne umgebende 
Protoplasma war mehr oder minder reichlich, unregelmäßig gruppiert» 
undeutlich kontnrirt ; zuweilen schien dasselbe zu zerfließen, aber es war 
schwach kömig. Die erwähnten Zellen besaßen 1—20—30 Kerne. Gegen 



60 Eopytowskl. 

die Seiten eu ffingen die die seitliche Begrenzung des Bläschens bil« 
denden Zellen des Stratum spinosnm allmuilich in die oben beschrie- 
benen Gebilde über. Allmählich löste sich der Zusammenhang der£pithel- 
sellen, letztere verloren ihre Protoplasmafortsätze, die Kerne wurden 
bläschenförmig, vergrößerten und vermehrten sich amitotisch, verloren 
ihr Chromatin und es entstanden schließlich in der Mitte der Blase die 
oben beschriebenen vi elkemigen Gebilde. Die Basis des Bläschens bestand 
aus Gutisgewebe. Letzteres war stark infiltriert, die Fapillarsohicht unter 
dem Bläschen atrophisch, die erweiterten Gefäße enthielten zuweilen 
spärliche Erytbrocyten. Die Bindegewebszellen vermehrt und gequollen. 
Die elastischen Fasern gut erhalten. 

Die Fortsätze der Stachelzellenschicht in der Umgebung der Blase 
verlängert, die Interzellularräume erweitert, so daß die Interzellularbälk- 
chen sehr deutlich auftreten. Zwischen den Zellen zahlreiche Leukocyten. 
In der Papillarschicht um die Blase herum erweiterte Gefäße mit stark 
gequollenem Endothel ; die fixen Binde^ewebszellen qualitativ und quanti- 
tativ vermehrt. Das Papillargewebe zeigt schwache Leukocyteninfiltration. 
In der Cutis an einer ganzen Schnittserie starke unregelmäßig gruppierte 
Infiltrate. Ein schon oben erwähntes Infiltrat liegt etwa 10-12 Papillen 
weit von der beschriebenen Herpesblase in der Cutis, ohne die Epithel- 
schicht zu berühren. Die Papillarschicht ist hier ganz abgeflacht ; das Infil- 
trat ist von der Epithelschicht mittels eines dünnen, welligen, mit spärlichen 
Leukocyten infiltrierten Cutisstreifens getrennt. Die Epithelzellen über 
dem Infiltrat wie verändert, die Interzellularräume sehr schmal. Die Ver- 
änderungen der Zellen betreffen meist die Kerne, welche teils bläschen- 
förmig mit einem oder zwei Kernkörperchen, teils geschrumpft sind. 
Zwischen den Epithelzellen zahlreiche Leukocyten. In diesem Infiltrat 
bemerkt man schwach konturierte epitheloide Zellen mit bläschenförmigen 
Kernen und 1 — 2 Kemkörperchen. Die Kerne scheinen zuweilen das 
Chromatin zu verlieren und mit dem Protoplasma in rundliche, homogen 
gefärbte Klürapchen zusammenzufließen. Der Herd enthält zahlreiche 
polynucleäre Leukocyten; man findet auch wenig veränderte, gequollene, 
spindelförmige Bindegewebszellen. 

An einer Schnittserie sieht man, wie ein ähnlichem Infiltrat in die 
Epitbelschicht hineinragt; letztere erscheint stark verdickt. Die Epithel- 
zellen erscheinen auf oben beschriebene Art verändert, ihr Zusammenhang 
gelockert. Die obere Grenze des Herdes besteht aus Homzellen. In diesem 
Herde, welcher kein eigentliches Bläschen ist, bemerkt man zahlreiche 
in Zerfall begriffene Leukocyten, Epithel seilen mit bläschenförmigen, 
chromatinlosen oder chromatinarmen Kernen ; polynucleäre Gebilde fehlen 
hier vollständig; die veränderten mononucleären Epithelzellen waren den 
bereits für die Blase beschriebenen analog. 

Drüsen, Haare, Nerven fehlen an den Präparaten. 

Fall II. 17jähriges Frauenzimmer. 28. X. 1899. An der Innen- 
seite des linken Oberschenkels in der Nähe der Genitalien bemerkt man 
eine leicht gerötete, unregelmäßig geformte Hautinsel von der Größe 
eines Quadratzentimeters; innerhalb derselben befinden sich mehrere 
kleine, mit trüber Flüssigkeit gefällte Bläschen und einige etwas kleinere 
Hauterhebungen. Starkes Jucken der erkrankten Hautpartie. Das Leiden 
dauert 24 Stunden, die Eruption der Blasen wenige Stunden. 

Es wurde ein Stückchen Haut excidiert und in Weingeist fixiert 
Präparate aus Paraffin, von der Dicke V^ mm, Färbung wie im vorher- 
gehenden Falle. 

Bei schwacher Yer^ößerung sieht man eine gut ausgebildete, etwas 
tiefer unter der Hornschicht, als im ersten Falle liegende Blase, ferner 
einen großen entzündlichen Herd in der Cutis und zwei kleinere, teils in 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 61 

Zerfall begrifiene Etnsfindangsherde ; dieselben liegen in der Homschicht 
in Gestalt breiter Spalten, welche bereits von der Stachelzellenschicht 
mittels neo^ebildeter, stäbchenförmige Kerne enthaltender Homsubstans 
geschieden ist. 

Stärkere YergroßeruDff ergibt einen dem ersten Falle analogen Bau 
des Bläschens; nur enthält letzteres mehr Leukocyten, Epithelzellen mit 
geschrumpften, dnnkelgefärbten Zellen, sowie amorphe, homogene Elümp- 
chen; hingegen ist die Zahl der polynadeären Gebilde mit homogenge- 
färbten Kernen bedeutend geringer. 

Der erwähnte Entzündungsherd ist yon der kurz beschriebenen 
Blase kaum einige Papillen weit entfernt, liegt in der Cutis selbst, von 
der Epithelschicht durch einen ziemlich breiten, nicht infiltrierten Cutid- 
streifen geschieden. Die seitlichen Grenzen des Infiltrates sind wie von 
kleinen Epithelinfieln umgeben; das Hautbindegewebe erscheint fester ge- 
fugt; dasselbe gilt für die untere Begrenzung des Infiltrates. Letzteres 
ist eiförmig, an der einen Seite etwas breiter, als an der anderen (siehe 
Taf. Nr. 2). Der Inhalt des in einen kleinen Abszeß übergehenden Infil- 
trates besteht aus Leukocyten, Epithelien, homogenen Klnmpchen, poly- 
nucleären Gebilden, Bindegewebszellen und entzündlichem Exsudat. Der 
Herd euthält zahlreiche ein- und mehrkemige Leukocyten, welche bereits 
zum Teil zerfallen sind und in Gestalt feiner, intensiv gefärbter Körn« 
eben auftreten. Die intensiv gefärbten Leukocyten sind in dem Herde 
ziemlich gleichmäßig gefärbt, während die epitheloiden Zellen regellos 

frappiert sind. Letztere sind ziemlich groß, übertreffen bedeutend die 
tachelzellen desselben Schnittes und enthalten stark geschrumpfte Kerne» 
Zuweilen enthalten diese Zellen zwei, drei oder mehr Kerne in verschie- 
denen Stadien des Zerfalles, z. B. einen großen und einen kleinen ge- 
schrumpften Kern oder einen bläschenförmigen, chromatinhaltigen, den 
anderen geschrumpften Kern. 

Die Kerne dieser Zellen sind sehr häufig von leeren, ringförmigen 
oder unregelmäßigen Räumen umgeben. Zuweilen sind diese den verän- 
derten Kern umgebenden farblosen Räume wie mit einer feinkörnigen, 
schwach tingierten Masse geiüllt. Letztere enthält öfters gröbere^ stärker 
gefärbte Kerne Das Protoplasma tritt in verschiedener Quantität auf, 
färbt sich intensiv mit saueren Farbstoffen, ist stark lichtbrechend und 
gleichsam faserig oder hyalin. Zuweilen scheinen die epitheloiden Zellen 
zu Inseln zusammenzufließen. 

Das Infiltrat enthält zahlreiche homogene Klömpchen, welche ebenso, 
wie das Protoplasma der oben beschriebeneD epitheloiden Zellen, gefärbt 
erscheinen, doch kleiner als die epitheloiden Zellen und stark konturiert 
sind; zuweilen erscheinen sie in der Mitte schwach gekörnt. 

Ferner findet man in diesem Herde auch spärliche Gebilde, wie sie 
ausführlich für den Fall I in der ausgebildeten Blase beschrieben wurden. 
Es sind dies Körperchen von der Größe zirka eines bläschenförmigen 
Kernes des Stratum spinosum; sie sind oval oder eiförmig, und sei es 
intensiv und homogen, sei es schwach oder gar nicht gefärbt. Das Ghro- 
matin gruppiert sich an ihrer Peripherie in Gestalt von Körnchen; 
manche Korperchen sind völlig chromatinlos. Diese Körperchen liegen 
entweder vereinzelt oder in mehreren und konfluieren nicht; sie sind von 
Protoplasma umgeben. Im Infiltrate sind diese Gebilde unregelmäßig, 
häufchenweise verteilt. Die Bindegewebszellen sind im Infiltrate als solche 
schwer differenzierbar. 

Das entzündliche Exsudat tritt an manchen Stellen des Infiltrates 
in Gestalt zarter, kömiger oder netzförmiger Massen auf. An einigen 
Serienschnitten ist das Exsudat in beträchtlicher Menge im unteren Ab- 
schnitt des Herdes sichtbar, wo es, frei von morphologischen Elementen, 
allein einen bedeutenden Raum einnimmt; anderswo ist es wiederum 



62 Eopytowski. 

spärlicher und tritt iiiir als Kittsubstanz der morphologischen Elemente 
auf. An auf elastische Fasern nach Weigert und Uuna-Tänzer ge» 
förbten Schnitten sieht man verschieden dicke und lange elastische Fasern 
in Gestalt dünner, schwach welliger, senkrecht oder schräg zur Haut- 
Oberfläche verlaufender Linien. Die Zahl der elastischen Fasern ist im 
unteren Abschnitt des Infiltrates beträchtlich; gegen die Oberfläche zu 
verdönnen sich und atrophieren die Fasern vollständig. Außer dieses 
ausführlich beschriebenen Infiltrates besteht am Schnitte auch bedeutende 
Infiltration der Papillen und Cutis. Das Papillargewebe erscheint leicht 
ödematös, die Bindegewebszellen deutlich, die 6e&ße zerstreut. Die Pa- 
pillen enthalten zuweilen kleine Pigmentzellen. Die Infiltrate in der Cutis 
sind herdweise gruppiert, obwohl letztere am ganzen Schnitte zahlreiche 
zerstreute Leukocyten aufweist. 

Die Homschicht allenthalben festgefugt, gut erhalten; an zwei 
Stellen eingekapselte kleine Zerfallsherde, aus grobkörnigen Massen be- 
stehend, in welchen noch Reste wenig veränderter Epithelzellen und 
Leukocyten zu finden sind. Die granulierte Schicht tritt in Gestalt einer 
oder zwei Lagen Eeratohyalinzellen auf. 

Die Stachelzellen und Zylinderzellenschicht wenig verändert. Manche 
Zellen sind vakuolenhaltig, ihre Konturen nicht durchweg deutlich. Er- 
wähnte Schichten enthalten vielfach solitäre und gruppierte Leukocyten. 
Drüsen, Haare, Nerven fehlen. 

Fall IIL Frau, 19 Jahre alt. 22. XI. 1899. Auf der äußeren 
Fläche der rechten großen Schamlippe und mehr nach hinten zu befindet 
sich innerhalb leicht geröteter Haut ein kleiner, erbsengroßer Herd, 
welcher aus zahlreichen teils zusammenfließenden, teils einzeln zwischen 
den Haaren liegenden Bläschen besteht Starkes Jucken. Die Eruption 
ist vor 36 Stunden aufgetreten. 

Es wurde ein Hautstückchen excidiert und in Sublimat fixiert 
Paraffineinbettung; Färbung wie oben. 

Bei kleiner Vergrößerung sieht man an einer Schnittserie zwei 
große, unmittelbar über der Hornhaut liegende und in die Cutis hinein- 
ragende Bläschen. Eines von denselben ist mittels eines Haares in zwei 
ungleich große Teile geschieden; der größere Teil enthält den Querschnitt 
eines anderen Haares samt Haarscheiden. 

Femer bemerkt man einen keilförmigen, mit der Basis gegen die 
Hautoberfläche gerichteten Herd ; derselbe liegt in der Epithelzelfenschicht 
und besteht aus veränderten, gelockerten Epithelzcllen, Leukocyten und 
spärlichem serösem Exsudat. Endlich nimmt man unter der Hornschicht 
zwei kleine, eiförmige, mit serösem Exsudat gefüllte Höhlen wahr; die 
den Boden dieser Höhlen bildende granulierte Schicht besteht ans 4—6 
Lagen Keratobyalinzellen. 

Bei starker Vergrößerung sieht man, daß die obere Wand der 
Bläschen aus festem Horngewebe und einer Lage granulierter Zellen be- 
steht. Diese Schicht ist überall stark ausgeprägt und besteht aus 2—4 
Lagen Eeratohyalinzellen; über der Blase ist sie weniger deutlich. Von 
unten liegen der oberen Blasenwand Leukocyten, Epithelzellen mit ge- 
schrumpften Kernen und stark tingiertem Protoplasma, amorphe Hom- 
Slätt'hen und feinkörniges, entzündliches Exsuaat an. Seitlich werden 
ie Bläschen von mehr oder weniger veränderten, gelockerten Retezellen 
begrf'nzt. Die untere Begrenzung der Bläschen infolge starker Infiltration 
undeutlich. Das eine Bläschen enthält viel, das andere nur sehr wenig 
seröses Exsudat. In den oberen Partien der Blase treten die Leukocyten 
herdweise aber spärlich auf; gegen das Innere zu werden sie reichlicher. 
Die Epithelzellen treten zahlreich, jedoch degeneriert auf. Auch findet 
man, wie in den vorhergehenden Fällen, polynucleäre Zellen mit chro- 



Zar pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 63 

m atinhaltigen, intensiv homogen gef&rbten Kernen, um jeden Kern sieht 
man einen reinen, farblosen Rin|^, welcher von einem breiten, stark 
tingierten Streifen umgeben ist. Diese Zellen enthalten 2, 8 bis lOEerno. 
Homogene El&mpchen fehlen. 

Wie schon erwähnt, ist ein Bläschen dnrch ein Haar oder vielmehr 
durch seine Scheiden in zwei ungleiche Teile getrennt. In dem ^ößeren 
Teile liegt ein fast quer durchtrenntes Haar samt Haarscheiden. Die Achse 
des Haares besteht aus gefalteten, regellos zusammengerollten und zer- 
faserten, amorphen Homplättchen. Die änfieren Haarsoheiden bestehen 
ans zusammengezogenen, schwach spindelförmigen, fast flachen, mittels 
ihrer Spitzen einander berührenden Zellen; auf diese Art en^teht ein 
Netz mit flachen, spindelförmigen, leeren Maschen. In den Zellen der 
äußeren Scheiden bemerkt man stäbchenförmige, intensiv gefärbte Kerne. 
Die granulierte Schicht um das Haar stark ausgeprägt. Die Epithelzellen 
der fiaarscheiden klein, mit geschrumpften Eemen; das Ghromatin nimmt 
die Mitte der Eeme ein, der Rand der letzteren erscheint als breiter, 
intensiv gefaibter Eern. Die Interzellnlarräume sind schmal, die Brücken 
deutlich erhalten; in den Zwischenräumen vereinzelte Leukocyten. 

Der ausfuhrlich beschriebene, in einem Blasenteil befindliche Haar- 
dnrchschnitt erscheint einer Insel gleich, welche von Leukocyten, großen 
gelockerten Epithelzellen mit geschrumpften Eemen, polynucleären Zellen, 
endlich feinkörnigen Exsudatmassen umgeben ist. Die Scheidewand in 
der Blase besteht aus Haarscheidezellen und hat die Gestalt eines 
schmalen Trichters, dessen breites Ende der Haut zugewendet ist Der 
untere Teil der Scheidewand besteht aus deutlich konturierten Hom- 
plättchen, deren geschrumpfte Kerne undeutlich sind. 

Nach oben zu verlieren die zelligen Bestandteile der Haarscheiden 
ihre Kunturen und Kemreste. Diese Zellen färben sich mit saueren 
Farbstoffen« Die Spitze der Scheidewand besteht aus zerfaserten, flachen, 
homogenen, teils mit saueren, teils mit alkalischen Farbstoffen tingierbaren 
Homplättchen. Außen ist diese ganze Hornschicht von einer Lage zer- 
faserter, gedehnter, spindelförmiger, mit intensiv geflLrbten Kernen 
versehener Zellen umgeben. 

Der Boden des Bläschens liegt tief in der Cutis, und läßt sich 
von derselben, wegen starker Infiltration nicht unterscheiden. Auch die 
einzelnen morphotischen Elemente lassen sich nicht differenzieren. 

Die Hornschicht am ganzen Schnitte festgefugt, die granulierte 
Schicht deutlich. In der Schleimzellenschicht zahlreiche vacuolenhältige 
Zellen Die Zylinderzellenschicht erscheint verdickt. Die erweiterten 
Interzellnlarräume des Stratum Malpighi enthalten zahlreiche Leukocyten. 
Das Papillargewebe ödematös, die OeHlße erweitert ; die Zahl der fixen 
Bindegewebszellen beträchtlich, die Leukocyten reichlich. Das Papillar- 
gewebe enthält spärliche kleine Pigmentzellen. Die Cutis stark, ungleich- 
mäßig infiltriert. In der Tiefe dieser Schicht an einer Scbnittserie 2 kleine 
rundliche, mit «erösem Exsudat gefüllte Höhlen. Die elastischen Fasern 
in den tieferen Hautpartien wie gequollen, in den oberen Grade, verdünnt. 

Die Talgdrüsen sichtbar unverändert, von zahlreichen Leukocyten- 
Infiltraten umgeben. Schweißdrüsen und Haare fehlen. 

Fall lY. 20jähriges Mädchen. 22./XI. 1899. 

Auf der Innenseite des rechten Ob^'rschenkels, in der Nähe der 
Schenkelbeuge bemerkt man eine kleine Bläschengruppe, von der Größe 
eines Stecknadelkopfes — in Mitten blasser, leicht ödematöser Haut. 
Die Blasen sind teils mit durchsichtiger, teils mit trüber, gelber Flüssig- 
keit geflillt. Die EfRoreszenz erzeugt Brennen. Die Eruption ist seit ca. 
36 Stunden aufgetreten. Es wurde ein Hautstückchen ausgeschnitten und 
in Sublimat gelegt. Bei schwaoher Vergrößerung sieht man iwei gut 



64 Kopytowski. 

ausgebildete Blasen, deren eine nnmittelbar anter der Homschicht, die 
andere in der Stachelzellenschicht gelesen ist; femer zwei in Entsteh unpr 
begriffene entzündliche Herde in der Tiefe des Stratum Malpighi und 
in der Papillarschicht. Der Bau der Bläsöhen ist ganz so, wie in den 
bereits besprochenen Fällen; der geringe Unterschied besteht darin, daß 
in der einen dieser Blasen von der oberen Wand streifen degenerierter 
Epithelzellen herabhängen. Der Boden der Bläschen ist wegen starker 
Infiltration schwer differenzierbar, ragt jedoch bereits in die Papillarschicht 
hinein. Der Inhalt der Bläschen besteht aus zahlreichen, teils eosino« 

?hilen Leukocyten, degenerierten Epithelien von oben beschriebenem 
'ypus, d. h. mit geschrumpften, intensiv gefärbten Kernen und hyalinem 
Protoplasma, oder mit bläschenförmigen zum Teil chromatinlosen Kernen. 
Das Protoplasma dieser Zellen ist homogen gefärbt. Endlich findet man 
homogene Elümpchen. 

Polynucleären Zellen begegnet man in großer Anzahl in den tieferen 
Blasenabschnitten, u. z. in Gestalt von Gebilden, welche gleichmäßig mit 
eiförmigen, homogeffenförbten, dicht anliegenden Kernen gefüllt sind; 
andere Kerne enthalten wiederum Chromatin in der Mitte, diese Kerne 
sind von einem farblosen Ringe und einer dunklen Linie umgeben. 

Zwischen diesen zwei typischen Formen polynudeärer bemerkt 
man allmähliche Übergangsformen. Der Blaseninhalt besteht überdies aus 
reichlichem serösem Exsudat in Gestalt feinkömijp^er Massen. Die oben 
erwähnten zwei kleinen Infiltrate liegen in den tiefen Lagen der Stachel- 
zellenschicht und sind von einander durch 4 stark ödematöse Papillen 
S getrennt. Eines von ihnen, zwei Papillen breit, ffeht schon in eine kleine 
Siterblase über, enthält nämlich zahlreiche Leukocyten, degenerierte 
Epithelien, vielkemige Zellen und etwas seröses Exsudat. Das zweite 
Infiltrat bietet ein früheres Entwicklungsstadium. Die Veränderungen 
betreÖen die tiefe Stachelzellenschicht, die Epithelzellenschicht und die 
Papillen. Die Epithelien sind in ihrem Zusammenhang gelockert, ver* 
Heren die Protoplasmafortsätze, ihre Kerne sind stark vergrößert, bläschen- 
förmig ; das Chromatin samt Kernkörperchen nimmt die Mitte des Kernes 
ein, welcher zuweilen von Yacuolen umgeben ist; viele Zellen sind 
mehrkernig. Ihr Protoplasma ist schwach konturiert, wie zerfließend, ab 
und zu ganz unsichtbar. Viele solitäre Zellen gruppieren sich unterein- 
auder. Infolge der Lockerung der Schlei mzellenschicht, ist letztere von 
Spalten, selbst größeren, leeren unregelmäßigen Räumen durchsetzt; 
letztere enthalten etwas seröses, feinkörniges Exsudat; zuweilen findet 
man hier meist polynucleäre Leukocyten. Da in diesem ilerde die 
regenerativen Vorgänge nicht so weit vorgeschritten sind, ist er jünger, 
als der erste. 

Die Veränderungen der diesen Herd überdeckenden Epithelschichten 
betreffen die Kerne, welche oft bläschenförmig und chromatinlos werden; 
zuweilen treten Vacuolen auf. Die InterzelluTarräume verengt, enthalten 
solitäre Leukocyten, Zwischenbalken unsichtbar. Die Zellmembran in- 
tensiv gefärbt. Die überall etwas gelockerte Hornschicht tritt in Form 
welliger, zerfaserter Plättchen auf. Diese Schicht bildet über der Blase 
breite, unregelmäßige Spalten und Maschen, in welchen Leukocyten und 
seröses Exsudat stecken. Die granulierte Schicht erscheint schwach und 
ungleichmäßig entwickelt. Sie fehlt gänzlich über den Bläschen. 

Die Stachelschicht enthält zahlreiche Vacuolen. Die Zylioderzellen- 
schicht schwach entwickelt. Diese Schichten enthalten zahlreiche Leuko- 
cyten. Dasselbe gilt von den etwas ödematösen Papillen. Die Cutis 
unter den Blasen leicht infiltriert. Die fixen BindegeweDszellen zahlreich, 
ihre Kerne vergrößert, enthalten zuweilen an den Bändern Chromatin. In 
der Cutis bemerkt man zwei rundliche, mit serösem Exsudat gefüllte 
Räume. Letztere von der Größe von 6—8 Epithelzellen. Die elastischen 
Fasern deutlich und intensiv gefärbt. Drüsen, Haare, Nerven fehlen. 



Zar pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. ß5 

Fall y. Fat. 19 Jahre alt. 26./XL 1899. An der Innenseite des 
rechten Oberschenkels, in der Nähe der Leistenbeuge bemerkt man* im 
Bereiche einer üngernagelgroßen Haatpartie Bläschengruppen. Die 
Bläschen sind solitär, mit trüber Flüssigkeit gefüllt und liegen innerhalb 
wenig veränderter Haut. Die affizierte Partie juckt und brennt; das 
Leiden dauert seit 24 Standen. Es wurde eine Hautpartie excidiert, in 
Sublimat fixiert, in Paraffin eingebettet and in üblicher Weise gefärbt. 
Am Präparat nur eine ausgebildete Blase sichtbar. Die Homschicht 
zerfasert, wellig, über den Blasen stark erhoben. Die granulierte Schicht 
schwach ausgeprägt, fehlt über den Blasen gänzlich. Die obere Blasen* 
wand besteht aus Homschicht und zum Teile zumal an den Seiten aus 
2-— 4 Lagen stark elongierter, spindelförmiger Stachelzellen mit langen, 
vacuolenhaltigen Reihen. Die obere Blasenwand besteht in der Mitte 
aus unvollständig verhornten, flachen Zellen, welche noch hie und da 
Reste intensiv gefärbter, geschrumpfter Kerne enthalten; an einer Stelle 
bilden einige solche Zellen ein spindelförmiges, in das Blaseninnere 
herabhängendes Bündel. Auch am Blasenboden erheben sich mehrere 
Zellgruppen in die Höhe. Ein Teil der Scheidewand fehlt. Die seit- 
lichen Wände festgefügt, bestehen aus länglich-spindelförmigen vacuolen* 
haltigen Retezellen; die Interzellularräume undeutlich; gegen den Boden 
der Blase zu enthalten diese Zellen zuweilen 2 — 3 ovale Kerne, welche 
teils homogen intensiv gefärbt, teils von einem farbbaren Ring umgeben 
sind. Der Boden liegt in der Cutis, bedeutend unter dem Niveau der 
umgebenden Papillen; starke Infiltration beeinträchtigt die Deutlichkeit 
des Bildes. 

Der Blaseninhalt besteht aus entzündlichem, faserigen Exsudat, 
welches keine charakteristische Reaktion bietet, aus solitären Leukocyten, 
degenerierten Epithelien in Gestalt homogener Klümpchen oder kern- 
haltiger, vacuolenreich er Körperchen ; manche Zellen besitzen einen oder 
mehrere homogen gefärbte, eiförmige Kerne, teils mit fingierter Mitte 
und hellem Rande. Die Zellen erscheinen protoplasmaarm und wie zu- 
sammenfließend. Unter der Blase ein beträchtliches Infiltrat. Die 
Papillen in der Nähe der Blase schwach infiltriert, die Bindegewebszellen 
gequollen. Das Papillargewebe enthält zahlreiche kleine Pigmentzellen; 
die Geföße erweitert, leer. Die Cutis enthält zahlreiche Bindegewebs- 
zellen mit gequollenen Kernen; zahlreiche regellos angeordnete Leuko- 
cyten. Haare, Talgdrüsen und elastische Fasern ohne deutliche Ver« 
änderungen. Die Schweißdrüsenknäuel von Infiltraten umgeben. Manche 
von ihnen enthalten feinkörnige Exsudatmassen. Die Endothelien der 
Schweißdrüsengänge gequollen, mit gequollenen Kernen. Nerven fehlen 
im Präparat. 

Fall VL 18jährige Patientin. 2./XIL 1899. An der Innenseite des 
linken Oberschenkels, in der Nähe der plica inguinalis befindet sich eine 
Gruppe verschieden großer, zusammenfließender, mit gelblicher Flüssigkeit 
gefüllter Bläschen. Die Haut unter den Blasen und in der Umgebung 
normal. Starkes Jucken. Krankheitsdauer 48 Stunden. Es wurde ein 
Teil der Effloreszenz samt gesunder Haut excidiert, in Sublimat fixiert, 
und daraus Vj^q mm dicke Paraffinpräparate verfertigt. Färbung wie oben. 

An den Präparaten ist nur eine große, durch zusammenfließen 
zweier oder mehrerer Blasen gebildete Blase sichtbar. Das Bläschen 
liegt fast im Niveau der umgebenden Haut und hat die Größe von 
6 — 10 Papillen. Die obere Grenze der Blase wird durch die Homschicht 
gebildet. Letztere erscheint allenthalben verdickt und besteht im oberen 
Abschnitte aus zerfaserten, welligen, kernlosen Hornplättchen. Im unteren 
Abschnitte sind die Hornplättchen fest aneinander gefügt. Intensive 
Tinktion mit saueren Farbstoflen. Darunter liegt angedeutet die Kömer- 

Areh. f. Dermat. n. Syph. Bd. LXVIII. 5 



66 Kopytowski. 

Schicht, welche in f^eringem Maße seitlich auf die obere Blasenwand 
fibertritt; in der Bütte der Blase fehlt diese Lage vollständig^. Von der 
oberen Blasen wand hängen zahlreiche Hornstreifen herab; dieselben be- 
steben aas Epithelzellen, welche zum Teil yerhomt, kernlos sind und ein 
dickes Fasernetz besitzen. In den auf diese Weise gebildeten Maschen 
liegen haufenweise Leukocyten. Die seitlichen Blasenwände bestehen 
aus der Stachelzellenschicht. Die Stachelzellen besitzen große, bläschen- 
förmige Kerne, in welchen das Ghromatin entweder die Mitte einnimmt 
oder ganz fehlt; dann erfcheinen die Kerne als blasse, bläschenförmige 
Gebilde. Die Bänder der Kerne sind einmal deutlich, ein anderes Mal 
verschwommen. Die Zellen sind zwei- bis mehrkemig. Das Proto- 
plasma erscheint entweder ffeschrumpft, intensiv gefärbt oder zerfließend, 
schließlich auch atrophisch; im letzteren Falle begegnet man Haufen 
soliiärer, vergrößerter Kerne. Die die seitliche Begrenzung der Blasen- 
wand bildenden Zellen liegen nicht dicht aneinander, wie in den anderen 
Fällen, sondern erscheinen hie und da gelockert und fallen in das Innere 
der Blase hinein. 

Infolge starker Infiltration läßt sich der Boden der Blase von der 
infiltrierten Cutis nicht unterscheiden. 

Der Blaseninhalt besteht hauptsächlich ans Exsudat in Form teils 
eines feinen Netzes, teils grober Fibrinfasem. Das Netz läßt sich mit 
Faueren Karbstofien intensiv färben, ohne die klassische Fibrinreaktion 
zu geben. Außerdem enthalt die Blase stark degenerierte Epithelzellen, 
analog den seitlich befindlichen; diese Zellen, oder vielmehr ihre Kerne 
vereinigen sich zu großen, polynucleären Gebilden. Die Kerne sind ent- 
weder homogen oder nur in der Mitte und am Rande gefärbt, während 
dazwischen eine farblose Zone erscheint. Ferner finden wir zahlreiche 
homogene Klumpchen, mit Resten dunkel geerbter, atrophischer Kerne. 
Endlich begegnet man zahlreichen polynucleären Leukocyten. An einer 
Stelle sitzt m der Hornschicht ein kleiner, ovaler, mit feinkörniger 
Exsudatmasse g(*fullter Heri. 

Die Stachelzellenschicht in der Nähe der Blase besitzt teils ge- 
schrumpfte, vacuolenhältige, teils bläschenförmige, chromatinarme Kerne. 
Auch erscheinen darin zahlreiche Leukocyten, welche zum Teil in 
höhlenfbrmigen Interzellularräumen stecken. Die Zylinderzellenschicht 
ist verdickt und enthält zahlreiche braune Pigmentkömer, femer kleine 
spindelförmige, intensiv gefärbte Zellen mit großen Kernen uud wenig 
Protopltfsma. Die Papillen stark infiltriert, die Gefäße dilatiert, ihr 
Endothel gequollen. Die fixen Hindegewebszellen vergrößert. Zahlreiche 
braune Pigmentzellen- und Körner. Die Cutis stark infiltriert, haupt- 
sächlich in der Nähe von Gefäßen ; letztere erweitert und bl itüberfüllt. 
Die Umgebung der Schweißdrusen stark infiltriert. Die elastischen Fabem 
gequollen. Baare, Talgdrüsen, Nerven fehlen im Präparat. 

Fall VII. 18jährige Patientin. l./IY. 1900. An der Innenfiäche 
des rechten Oberschenkels, in der Nähe der Genitalien befindet sich eine 
gerötete, im Durchmesser ly, cm messende Hautinsel mit mehreren bis 
stecknadelkop^roßen, mit trüber Flüssigkeit gefüllten Bläschen. Brennen 
und Jucken. Die Eruption dauert 24 Stunden. 

Ein mit Bläschen besäetes Hautstückchen wurde ausgeschnitten, in 
Sublimat fixiert, in Parafi'iu eingebettet und daraus Vioo ^'"^ dicke Schnitte 
verfertigt. Färbuntr wie in Fall I. An einer Scnnittserie sieht man 
eine firoße, auf>gebildete Blase, an der anderen kleine, mit Leukocyten 
infiltrierte Herde, welche teils in der Hornschicht, teils in den oberen 
Stachelzelleolagen liegen. 

Die beträchtliche Blase unterscheidet sich von den in den vorher- 
gehenden Fällen beschriebenen dadurch, daß an einer Seite unten sich 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. QJ 

einige kleine Spalten befinden, gebildet darch Streifen elongierter nnd 
lerfallender Stachelzellen; diese Maschen enthalten £]terkörperchen und 
feinköroiges, seröses Exsudat. Die ganze Blase ist mit serösem Exsudat 
und sahireichen Eiterzellen gelullt; am Boden der Blase zahlreiche poly- 
nncleare Gebilde. Die Kerne sind in der Mitte gefärbt; zwischen der- 
selben und dem intensiv gefärbten Rand Hegt eine farblose Zone. Diese 
Gebilde sind unregelmäßig gestaltet, eiförmig; die Kerne von spärlichem, 
hyalinem, zerfließendem Protoplasma umgeben Die die Blase umgeben- 
den Stachelzellen besitzen meist geschrumnfte Kerne mit großen Vacuolen. 
Der Boden der Blase ist infolge starker Infiltration undeutlich abgegrenzt. 

An einer anderen Schnittserie sieht man zahlreiche kleine Herde 
mit Leukocyten und Resten zerfallener Epithelzellen ; letztere erscheinen 
teils eingekapselt, d. h. von völlig verhornter Zellschichte umgeben, oder 
aber es besteht die untere Begrenzung eines solchen Herdes aus unvoll- 
ständig verhornten Zellen mit stäbchenförmigen Kernen. Nach unten zu 
fehen diese Zellen allmählich in das Stratum spinosum über. An anderen 
teilen befinden sich obige Herde im Stadium der Entwicklang. Zwischen 
den stark ödematösen und vergrößerten Stachelzellen mit bläschenförmigen 
oder geschrumpften vacuolenhaltigen oder protoplasmahaltigen Kernen 
entstenen f^oße Spalten. An diesen Stellen fließen die Grenzen der 
Stachelzellen zusammen, während die Zwischenbalken vollständig schwinden. 

In den Spalten liegen zahlreiche polynucleäre Leukocyten. Wo 
das Epithelffewebe stärker gelockert und ödematös erscheint, haben wir 
ein ungleichmäßiges Netz vor uns; dasselbe besteht aus veränderten 
Epithelzellen und beherbergt Leukocyten, degenerierte Zellen und 
ihre Kerne. 

Die Homschicht an beiden Schnittserien wellig, zerfasert, verdickt ; 
granulierte Schicht unsichtbar; hie und da bemerkt man solitäre kera- 
tobyahnhaltige Spindelzellen. Die Homschicht grenzt unmittelbar an 
eine Zellschicht mit eiförmigen Kernen. Weit entfernt von den be- 
schriebenen Herden treten in der Stachelzellenschicht spärliche Vacuolen 
auf. Die Interzellularräume deutlich; die Zylinderzellenschicht verdickt. 
Beide Schichten enthalten zahlreiche Leukocyten. 

Papillen schwach infiltriert; die Bindegewebs- und Endothelzellen 
gequollen; die am Präparat spärlich auftretende Cutis enthält Herd- 
iofiltrate; letztere enthalten gerade, wie verdünnte elastische Fasern in 
verschiedener Quantität. Die zahlreichen Bindegewebszellen enthalten 
mndliche, eiförmige, gequollene Keru'^, analog den Kernen der Epithel- 
schicht. Haare, Drüsen, Nerven fehlen am Präparat. 

Fall Vni. Patientin 20 Jahre alt. 21./iy. 1901. An der Innen- 
seite des linken Oberdchenkels in der Nähe der Plica femoralis bemerkt 
man eine kleine Gruppe von teils mit trüber, weißlicher Flüssigkeit ge- 
füllten, teils mit roten Börkchen bedeckter Bläschen; die Haut selbst 
erscheint leicht ödematös und gerötet. Krankheitsdauer zirka 3 Tage. 
Ks worde ein Teil der Effloreszenz excidi^rt, in Weingeist fixiert und in 
Paraffin eingebettet.« Schnitte von Vioo Dicke. Färbung wie gewöhnlich. 

An Serieoschnitten keine Blasen. Man sieht nur in den oberen 
Abschnitten der Stachelzellenschicht und der Homschicht Zerfallsherde, 
welche abgekapselt und in Elimination begriffen erscheinen. Ferner be- 
findet sich in der Stachelzellenschicht ein ^oßer, aus degenerierten 
Kpithelien, Leukocyten und Fibrin bestehender Herd. Dieser Fall ist 
dem Fall VII ganz analog; diese Herde enthalten zuweilen Kpithelzellen 
in Gestalt teils homogener, teils geschrumpfter, intensiv gefärbter Kerne 
nnd homogen ffefarbtes Protoplasma besitzender Klümpchen. Polychromes 
Methylenblau Unnas färbt den Herd — gleich der Homschicht — blau; 
die degenerierten Epithelzellen färben sich dunkelblau, die übrigen Ge- 

5* 



68 EopytowBki. 

webe violett. Ton der Stachelzellenschicht werden diese Herde darcb 
eine dicke Lage spindelförmiger Zellen mit stäbchenförmigen, elongierten 
Kernen geschieden. 

Der große zerfallende Herd erscheint nur am Rande des Pr&parates, 
weshalb man von seinem Umfange keinen richtigen Begriff bekommt. 
Der am Präparat sichtbare Teil des Herdes nimmt die Breite von drei 
Papillen ein. Der Herd sieht wie eine vertrocknende Blase des Stratum 
spinosum ans und war in den Frühstadien (die späteren Stadien sind 
schon oben beschrieben worden); unter dem Herde nämlich besteht bereits 
eine 6 — Sschichtige Epithellage; die Epithelien enthalten noch zum Teil 
Yacuolen und in den Interzellularräumen zahlreiche Lenkocyten. Dieser 
netzförmige Herd besteht ans degenerierten Epithelzellen in Gestalt homo- 
gener Klümpchen, aus Klümpchen mit geschrumpften Kernen, aus struktur- 
losen Hornplättcfaen, Lenkocyten und einem Fibrinaetz. Polynucleäre Zellen 
fehlen in diesem Herde. Unter dem beschriebenen Herde starke Infil- 
tration der Cutis und Papillarschicht. Die Hornschicht überall verdickt, 
zerfasert, wellig. Die granulierte Schicht läßt sich nicht differenzieren. 
Die Stachelzellenschicht stark verdickt; zahlreiche Zellen, selbst weit von 
den entzündlichen Herden sind vacuolenhaltig. Die Interzellularräuroe 
erweitert. Zahlreiche zerstreute Lenkocyten. Die Zylinderzellenschicht 
pigmeutreich. Die Papillen gequollen, leukocytenreich ; die Gefäße 
dilatiert; ihr Endothel und die fixen Bindegewebszellen gequollen. Die 
Cutis von zahlreichen Herdinfiltraten durchsetzt, desgleichen die Um- 
gebung der Schweißdrüsen und Haarscheiden. Die Zahl der Bindege- 
webszellen vergrößert. Die elastischen Fasern, Haare, Drüsen sichtbar 
unverändert. Nerven fehlen im Präparat. 

Fall IX. 17jährige Patientin. 4./y. 1900. An der Außenfläche der 
linken großen Schamlippe, mehr nach hinten zu, im Bereiche der Haare 
eine Bläschengruppe. Die stecknadelkopfgroßen Bläschen unregelmäßig 
zerstreut, verursachen Jucken und Brennen. Die Symptome danern seit 
36 Stunden. 

Es wurde ein Teil der Effloreszenz excidiert, in ßO^o wässeriger 
Formalinlösung fixiert, in Paraffin eingebettet. Dicke der Schnitte Vioo ^^» 
Färbung wie oben. 

Bei schwacher Vergrößerung sieht man zwei umfangreiche Infil- 
trate der tieferen Hautscbichten: die Infiltrate betreffen die Epithelschicht, 
die Papillarschicht und z. T. die oberen Cntisschichten ; ein Infiltrat nimmt 
die oberen Cutisschichten und teilweise die Papillarschicht ein. Die Epithel* 
Schicht wenig verändert. 

Bei starker Vergrößerung stellt sich das erste Infiltrat als eine in 
Entwicklung begriffene, das zweite als eine bereits ausgebildete Blase dar. 
Die obere Grenze des ersten Bläschens besteht aus schwach entwickelten 
Homschichten und 2 — 4 Lagen ovaler Stachelzellen mit geschrumpften 
Kernen und großen Vacuolen; die zweite Blase liegt unmittelbar unter 
der sehr dünnen Hornschicht. Die Seitenwände sowie der tief in der Cutis 
liegende Boden beider Bläschen treten wegen der stanken Infiltration un- 
deutlich hervor. Außer den gewöhnlichen Inhaltsbestandteilen des Bläschens 
— wie Exsudat, degeneriertes Epithel in Form von homogenen oder teils 
kernhaltigen Klümpchen — begegnet man zahlreichen polynucleären, 
rundlichen oder eiförmigen Gebilden mit homogen tingierten Kernen, 
welche im Protoplasma Chromatinreste enthalten; ferner findet man Inseln 
von Epithelzellen mit verschiedenen Graden von Kemdesorganisation 
und Cbromatinverlust ; endlich viele Erythrocyten. Der untere Abschnitt 
des Bläschens enthält vereinzelte elastische Fasern. 

Das Infiltrat in der Cutis ist unregelmäßig halbkugelig und etwa 
fünf Papillen breit; seine untere konvexe Partie liegt tief in der Cutis, 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 69 

während sich die Seiten gleich Ästen in die Höhe erheben, bis an die 
interpapillären Epithelauswächue herantreten und mit denselben konfluieren. 
Die Mitte dieses in der Papillarschicht liegenden Herdes stellt ein weit- 
maschiges Bindegewebsnetz dar; die Maschen sind teils mit feinkörnigem^ 
serösem Exsudat gefüllt. Der Herd enthält zahlreiche polynucleäre Leuko- 
cyten, epitheloide Zellen mit bläschenförmigen, homogen gefärbten, stark 
konturierten Kernen, zahlreiche polynucleäre Zellen mit dunkelgefarbten, 
geschrumpften oder bläschenförmigen Zellen, die Gruppierung des Eem- 
chromatins mannigfaltig. Diese Zellen sind rundlich, eiförmig oder spindel- 
förmig; das Protoplasma der Kerne zuweilen netzförmig. Nach unten zu 
geht dieser Herd allmählich in ein großes Infiltrat über, m welchem man, 
besonders an der unteren Grenze einzelne rundliche Kerne von Bindegewebs- 
zellen wahrnimmt; die Kerne verlieren ihr Chromatin und sind den in 
polynucleären Zellen enthaltenen Gebilden ähnlich. 

Die Homschicht allenthalben dünn, wellig, zerfasert. Die deutliche 
granulierte Schicht besteht aus 2 — S Lagen keratohyalinhaltiger Zellen. Die 
Stachelzellenschicht stark entwickelt, besitzt zahlreiche bläschenförmige, 
vacuolenhaltige Kerne. In vielen Kernen ist das Chromatin randständig, 
wodurch der Kern homogen gefärbt mit stark tingiertem Rande erscheint. 
Die Zwischenzelienräume gelockert. Die interpapillären Epithelzapfen 
enthalten in den unteren Abschnitten zahlreiche Leukocyten. Die Papillen 
gequollen, enthalten zahlreiche spaltenförmige, leere Räume. Die dilatierten 
Gefäße blutstrotzend; ihr Endothel und die fixen Bindegewebszellen ge- 
quollen; starke leukocytäre Infiltration hauptsächlich der Papillenbasis. 
In der Bindegewebsla^e bemerkt man außer den beschriebenen umfang- 
reichen zahlreiche kleme Infiltrate in der Umgebung der Gefäße und 
Schweißdrüsen, ab und zu auch der Haarzwiebeln. Die Gefäße der Cutis 
erweitert, enthalten zahlreiche Erythrocyten. Die Kerne der Talgdrüsenzellen 
sind hie und da geschrumpft, ihr Chromatin zuweilen randständig. Starke 
Infiltration um die Talgdrüsen; solitäre Leukocyten zwischen den Zellen 
der Schweißdrüsen. Zahlreiche Haardurchschnitte am Präparat. Die granu- 
lierte Schicht im Bereiche der Haarscheiden deutlich. Die Haarscheiden 
geschrumpft^ wodurch zwischen denselben weite Räume zu stände kommen. 
Die trichterförmige Mündung der Haarscheiden enthält zahlreiche zer- 
faserte, homogene Hornplättchen. Die Hautmuskeln enthalten zuweilen soli- 
täre Leukocyten und sind öfters von Infiltraten umgeben ; die elastischen 
Fasern ohne deutliche Veränderungen ; in den oben beschriebenen Herden 
atrophisch. Nerven fehlen im Präparat. 

Fall X. Pat. 22 Jahre alt. 2./V. 1900. An der Innenseite der linken 
großen Schamlippe befindet sich eine Gruppe konfluierender, mit trüber 
Flüssigkeit gefüllter Bläschen, welche inmitten geröteter und leicht öde- 
matöser Haut sitzen. Krankheilsdauer 48 Stunden. Heftiges Jucken. Es 
wurde ein krankes Hautstück nebst etwas gesunder Haut excidiert und in 
Sublimat fixiert. 

An mehreren Serienschnitten sieht man je 3 — 7 ausgebildete Bläschen 
auf einem Präparat, jedes 2 — 5 Papillen von dem benachbarten entfernt. 
Manche Bläschen besitzen Scheidewände, aus 2—3 Reihen Epithelzellen 
bestehend. 

Bei starker Vergrößerung erscheint die Homschicht sehr schwach 
ausgeprägt, zerfasert, desgleichen die Keratohyalinzellenschicbt. Die obere 
Blasenwand meist erhalten, zuweilen fehlt sie vollständig ; sie besteht aus 
zerfaserter Homschicht, an welche von unten einzelne degenerierte Stachel- 
Zellen, selbst zwei Reihen derselben herantreten. 

Einzelne Bläschen, zumal die kleinen, sind mittels dünner Scheide- 
wände aus Epithel in zwei bis drei Abschnitte getrennt ; die Scheidewände 
bestehen aus elongierten, spindelförmigen, oft vacuolenhaltigen Stachel- 



70 Kopytowtki. 

Zellen. Zuweilen besteht nur ein Teil der Scheidewand, während der andere 
zerfallen ist; dann hängt im Innern der Blase von der oberen Wand ein 
langer Streifen herab. Die seitlichen Bläschengrenzen undeutlich; die 
dieselben bildenden Stachelzellen gelockert, wobei die einzelnen deffe- 
nerierten Zellen von zerfallenden Leukocyten sich schwer unterscheiden 
lassen. Der Boden der Blase — infolge starker Infiltration und Degene« 
ration der Epithelzellen — undeutlich. Die Infiltrate reichen tief in di» 
Cutis hinein. Der Inhalt der Bläschen ist analog den übrigen Fällen und 
besteht aus reichlichem, serösem Exsudat, zahlreichen Leukocyten und 
degenerierten, teils kernhaltigen Epithelien; femer findet man rundliche 
Zellen mit großen, bläschenförmigen, chromatinhaltigen Kernen und poly- 
nucleäre Zellen. Letztere besitzen 2 — 20 teils homogene, teils nur in der 
Mitte und am Rande gefärbte Kerne. Zahlreiche Zellen enthalten Kerne 
beider Art. Das reichliche Protoplasma schlecht gef&rbt^ in einzelnen 
polynucleären Zellen zerfließt es gleichsam, wodurch die einzelnen Zellen 
konfluieren. Das Protoplasma enthält zahlreiche, feine, braune Pigment- 
körner. 

Die interpapillären Epithelzapfen enthalten überall zahlreiclie 
Leukocyten; die Färbung der Zellen undeutlich, diffus; dieselben ent- 
halten viele Kerne mit Vacuolen und zerfallendem Chromatin. Die Inter- 
zellularräume undeutlich. Die Zylinderzellenschicht pigmentreich. Papillen 
stark ödematös, enthalten z. T. seröses, feinkörniges Exsudat. Die Struktur 
einzelner Papillen — infolge starker Infiltration verwischt. Die Binde- 
gewebszellen und das GefaSendothel stark gequollen. 

Das Bindegewebe stark infiltriert; in der Umgebung der Gefäße, 
Haarscheiden und Talgdrüsen einzelne umfangreiche Infiltrationsherde. 
Haare und Muskeln fehlen im Präparat. Die Bindegewebsschicht enthält 
in der Tiefe umfangreiche, endothellose, mit schwachgefarbten, feinkörnigen 
Exsudatmassen gefüllte Räume. Die elastischen Fasern sichtbar, unver- 
ändert. Am Boden der Blase einzelne, düone, elastische Fasern; des- 
gleichen in den tieferen Infiltraten. Nerven fehlen im Präparat. 

Fall XI. 19jährige Frauensperson. An der Innenfläche des rechten 
Oberschenkels, in der Nähe der Leiste befindet sich eine Gruppe kleiner, 
mit trüber, opalisierender Flüssigkeit gefüllter, iomitten etwas ödematöser 
und geröteter Haat liegender Bläschen. Starkes Brennen. Dauer des Aus- 
schlages kaum 24 Stunden. 

Ein Stückchen der Effloreszenz wird excidiert und in Flemming- 
scher Lösung filtriert. ParaffineinbettuDg. Dicke der Schnitte Vj^q mm. 
Färbung mit Safranin 0, Safranin und Pikrinsäure, polychromem Me- 
thylenblau Unnas. 

Am Präparat sieht man eine ausgebildete, flache, breite Blase in 
den oberen Lagen der Staohelzellenschicht. Seine obere Grenze wird von 
der zerfaserten, schwarzgefärbten Hornschicht gebildet; dieselbe erscheint 
im ganzen Präparat gleich. Darunter liegen teils rot mit Safranin 0, 
teils violett mit polychromem Methylenblau gefärbte Hornlagen. Auch 
diese Schicht ist zerfasert; an ihrer unteren Grenze, gegen die obere 
Blasenwand zu, bemerkt man solitäre, homogene, hie und da kernhaltige 
gefärbte Hornplättchen. Die seitlichen und die untere Blasen wand be- 
stehen ans degenerierten Stachelzellen ; die Blase ist flach, mit eiförmigem 
Grund; im unteren Abschnitt ist dieselbe mit geronnenem, schwach rc- 
färbtem, serösem Exsudat und spärlichen Leukocyten gefüllt, oben da* 
gegen leer. Die Stachelzellen in der Umgebung der Blase gelockert und 
bilden an den Seiten und dem Boden der Blase bläschenförmige Spalten, 
welche teils leer, teils mit Leukocyten und serösem Exsudat gefüllt sind. 
Diese Zellen sind für gewöhnlich vergrößert, ihre Kerne geschrumpft; 
der Zellinhalt besteht aus großen Vacuolen. Viel seltener begegnet man 



Zur pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 71 

Zellen mit bläschenförmigen, chromatinhaltigeni schwach homop^en ge- 
färbten, rnndlichen Kernen; letztere besitzen ab und zn ein intensiv 
tingiertes Eemkörperchen. Polynncleäre Zellen fehlen. 

unter dem Bläschen ein starkes Infiltrat. 

Die Basis des Bläschens erscheint infolge Lockerang der vacaolenhal- 
haltiffen Zellen in Gestalt eines Netzes mit unregelmäßigen Maschen, welche 
teils leer, teils mit serösem Exsudat und Leukocyten gefallt sind. Die 
Grenze der Epithelschicht undeutlich. Das Infiltrat unter der Blase 
reicht tief, bis an den Rand des Schnittes. 

Die Zellen des Stratum spinosum zwischen den Papillen, sowie die 
des Bete Malpighi, in der Nähe der Blase ödematös, enthalten große 
Yacuolen und meist ffeschrumpfte Kerne. Die Interzellularräume un- 
deutlich, enthalten zälreiche Leukocyten. Im unteren Abschnitt des 
Präparats treten obige VeräuderuDgen weniger scharf auf. 

Die Papillen ödematös, ihre Oefaße Teer; das Gefaßendothel und 
die Kerne der fixen Bindegewebszellen stark gequollen. Die Papillen 
überall leukocytär stark infiltriert4 

Die Cutis stark infiltriert, außerdem in der Umgebung von erwei- 
terten Gefäßen, Haarzwiebeln, Haarscheiden und Talgdrusen Herdinfiltrate. 

Bei Färbung mit polychromem Methylenblau erscheint die äußere 
Haarscheide blaugrün, die Achse des Haares gelb. Die Haarscheidea 
stark verfasert. Die zahlreichen Talgdrüsen ohne deutliche Veränderungen. 
Nerven, Schweißdrüsen, Muskelfasern fehlen im Präparat. 

Fall XIL 23jähriges Frauenzimmer. 6./XII. 1900. Auf der äußeren 
hinteren Fläche der rechten großen Schamlippe, in der Nähe der, 
Komiasur bemerkt man eine Gruppe kleiner, stecknadelkopfgroßer in der 
Mitte der Effloreszenz konfluierender Bläschen, innerhalb leicht ödema- 
töser Haut. Leichtes Brennen. Die Krankheit dauert seit zwei Tagen. 

Es wurde ein Teil der Effloreszenzen samt gesunder angrenzender 
Haut excidiert; das Präparat in Sublimat fixiert und in Paraffin einge- 
bettet. Dicke der Schnitte Vioo ^^' F&i'bang wie im Fall I. 

An einer Schnittserie sient man bei schwacher Yergprößerung zwei 
kleine Bläschen und einen Teil einer großen, randständigen Blase. Der 
Bau der Bläschen ist wie netzförmig. Die Homschicht überall zerfasert, 
dünn, ans homogen gefärbten Streifen bestehend. Die granulierte Schicht 
fehlt vollständig. Die obere Wand der breiten und über das Hautniveau 
wenige erhabenen Bläschen besteht aus Homschicht und 2—4 Reihen be- 
deutend veränderter Stachelzellen. Die Kerne erscheinen meist geschrumpft, 
wie ödematös, vacuolenhaltig ; die Zellgrenzen konfluieren und bestehen 
aus homogen gefärbter, stellenweise wie faseri^^er Masse, von welcher 
aus in das Innere der Blase Streifen teils vom Epithel, teils von fibrinösem 
Exsudat hineinragen. Eine von den Blasen ist mittels eines dicken 
Epithelstreifens in einen oberen linken und unteren rechten Abschnitt 
geschieden (s. Taf. 8). Der Streifen setzt sich aus 2 — 3 Reihen gut er- 
haltener, elongierter Stachelzellen zusammen ; der obere Teil der Scheide- 
wand besteht ans gelockerten, zerfallenden Epithelzellen; daneben poly- 
nudeäre Zellen mit stark homogen tingierten Kernen und reichlichem, 
intensiv gefärbten Protaplasma. Manche polynncleäre Zellen scheinen 
bereits zu zerfallen. 

Die Blase hat netzförmigen Bau, das Netz besteht hauptsächlich 
aus Fibrin, welches jedoch keine klassische Färbung nach Unna-Wei* 
gert gibt; die Maschen des Netzes enthalten Leukocyten. 

Die linke Seiten wand der Blase besteht aus relativ wenig verän- 
derten Stachelzellen ; dieselben sind teils vacuolenhaltig, meist ödematös ; 
die Interzellularräume erweitert. 



72 Kopytowski. 

Die rechte Blasenwand geht in ein entzündliches Infiltrat über 
Epithelzellen fehlen hier vollständig. Diese Wand besteht aus Epithel- 
resten und Fibrinnetz. 

Die untere Grenze wegen starker Infiltration undeatlich| der Blasen- 1 

grnnd netzförmig | 

Der Blaseninhalt besteht außer aus den oben beschriebenen Be- 
standteilen noch aus spärlichen feinkörnigen Exsudatmassen. Die benach- 
barten Papillen stark ödematös, infiltriert; wo die Infiltration schwächer 
ist, sieht man erweiterte Gefäße mit gequollenem Endothel; die Kerne | 

der Bindegewebszellen gequollen; zahlreiche Pigmentkörner. ^ 

Die Cutis überall infiltriert, zumal in der Umgebung der Haar- ^ 

zwiebeln, Talgdrüsen und Hautgefaße. Haare ohne deutliche Verände- 
rungen. Die Haarscheiden zerfallen in ihre Bestandteile ; dazwischen 
zahlreiche Leukocyten. Dasselbe gilt für die Talgdrüsen. Die elastischen | 

Fasern ohne deutliche Veränderungen. Die Hautmuskalatur enthält ver- 
einzelte Leukocyten. i 

Schweißdrüsen und Nerven fehlen. ! 



Fall XIII. 19jähriges Mädchen. l./VI. 1901. Am Mons Veneris 
eine Gruppe kleiner, mit weißlicher Flüssigkeit gefällter, Bläschen. Die 
Die Blasen sitzen innerhalb ödematöser Haut und verursachen starkes 
Jacken; die Krankheit dauert 36 Stunden. 

Es wurde ein Teil der Effloreszenz samt angrenzender gesunder 
Haut ezcidiert und in Weingeist fixiert. Paraffinpräparate von Vioo ^^^ 
Dicke. Färbung wie in Fall I. Es wurden mehrere Schnittserien ver- 
lertigt. Auf diese Weise konnte man verschiedene Stadien der Blasen- 
bildung wahrnehmen, von Infiltraten in der Tiefe des Bindegewebes an- 
gefangen bis zur vollständigen Blasenbildung. 

An einer Schnittserie bemerkt man in der Epidermis verschieden 
große Herde; dieselben sind meist keilförmig, mit gegen die Hautfläche 
gerichteter Basis. Die Zellen dieser Herde sind mehr oder weniger ge- 
lockert, degeneriert, die Zahl der Kerne vermehrt, wodurch die Zellen 
größer |reworden sind. Die Kerne sind bläschenförmig, oval, teilweise 
chromatinlos und bilden dann homogene, eiförmige mit saueren Farbstoffen 
ting^erbare Klümpchen. 

Viele Zellen besitzen mehrere Kerne, so daß die großen polynucleären 
Zellen durch Konfluenz einzelner mehrkerniger Gebilde zu entstehen 
scheinen. Das Protoplasma erscheint hier gleichmäßig geerbt und an 
den Rändern wie zerfließend. In den Interzellularräumen findet man 
solitäre Leukocyten und spärliches seröses Exsudat. An einer anderen 
Schnittserie erheben sich ein wenig über das Hautniveau einige ausge- 
bildete Bläschen. Davon besitzen viele Reste von Scheidewänden, welche 
teils aus homogenen formlosen Hornplättchen, teils aus Spindelzellen be- 
stehen ; letztere ragen von der oberen oder den seitlichen Wänden in Gestalt 
von Bälkchen in das Innere der Blase hinein. Der Blaseninhalt besteht 
teils aus feinkörnigen netzförmigen Exsudaträumen, teils fast ausschließ- 
lich aus Eiterzellen. Die Zellen enthalten zahlreiche große Epithelzellen 
mit Resten bläschenförmiger Kerne, oder in Gestalt großer, homogener 
Klümpchen. Am Boden der Bläschen sieht man zahlreiche polynucleäre 
Zellen, teils mit großen, eiförmigen, homogen gefärbten, teils mit ge- 
schrumpften Kernen, mit zentralem oder randständigem Ghromatin. Die 
polynucleären Zellen haben ein hyalines, wie zerfließendes, intensiv tin- 
giertes Protoplasma, welches ab und zu Cbromatinkömer enthält. 

Viele Blasen konfluieren, aber sind nur durch 1 — 2 Papillen oder 
einen schmalen Epithelstreifen von einander getrennt. Anf dieser Schnitt- 
serie enthalten alle Bläschen Massen von Leukocyten, etwas Exsudat und 
zahlreiche polynucleäre Zellen. 



Zar pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 73 

In manchen Blasen sieht man Haardnrchschnitte. Die Zellen der 
Haarscheiden haben dieselben Yerandernnfiren erlitten, wie die des 
Stratum spinosnm in den Bläschen. Die Zellen werden gelockert, ihr 
Znsammennang geht yerloren, desgleichen die Protoplasmafortsätzo. Die 
Kerne werden eiförmig nnd vermehren sich amitotisch. Das Chromatin 
zerfallt. Die Haare sind von degenerierten Epithel ien und Lenkocyten 
umgeben. An einer Stelle sieht man zerfallende Zellen einer Talgdrüse. 
Diese Zellen erscheinen vergrößert, ihre Kerne sind teils bläschenförmig, 
chromatinarm, teils geschrumpft; an vielen StelleUi wo die Zellen fehlen, 
tritt feinkörniges, entzündliches Exsudat auf. 

Die Hornschicht überall undeutlich, zerfasert. Die undeatliche 
granulierte Schicht besteht aus 1—2 Reihen Keratohyalinzellen. 

Die Stachelzellenschicht in beträchtlicher Entfernung von den 
entzündlichen Herden, sowie die Papillarschicht — ohne sichtbare Ver- 
änderungen. In der Nähe der Entzündungsherde sind die Kerne des 
Stratum spinosum vergrößert. Die Zellen sind vacuolenreich, die Inter- 
zellularräume erweitert, enthalten zahlreiche Lenkocyten. 

Infolge starker Infiltration ist die Abgrenzung der Blasen gegen 
die Haut undeutlich ; ihre obere Grenze bestent — sei es aus Hom-, sei 
es aus bis zur Mitte der Dicke Stachelzellen schiebt. Die Papillen er- 
tcheinen in der Nähe der Entzündungsherde stark infiltriert ; desgleichen 
in der Cutis, wo die Infiltration unregelmäßig, meist in der Umgebung 
der Gefäße der Haarscheiden und Talgdrüsen stattfindet. 

Die elastischen Fasern in den entzündlichen Herden im Bestand 
der Atrophie; Talgdrüsen und Nerven fehlen. 

Fall XIV. Weib, 19 Jahre alt. 9. /VI. 1901. An der Außenfläche der 
grofien linken Schamlippe bemerkt man inmitten geröteter nnd ödema- 
töser Haut eine Gruppe ganz ausgebildeter, mit klarer Flüssigkeit ge- 
füllter Bläschen. Starkes Jucken. Krankheitsaauer nicht ganz 24 Stunden. 

Es wurde ein Teil der Effloreszenz samt angrenzender, gesunder 
Haut excidiert und auf 2 Monate in Müllersche Flüssigkeit gelegt. 
Paraffinpräparate von der Dicke Viooo ^^^ Färbung wie im Fall I. 

Mau bemerkt am Präparat eine große, ausgebildete, nur im unteren 
Abschnitte mit seröser Flüssigkeit und spärlichen Lenkocyten gefüllte 
Blase. Am Boden der Blase zahlreiche polynucleäre Zellen und Eiter- 
körperchen. Der Fall ist dem Fall I analog, nur besteht der Unterschied 
dann, daß vom Boden dßr Blase aus, sich bis Vs ^^ Höhe eine schräge, 
konische Grappe von Epithelzellen erhebt; seitlich bemerkt man eine 
dünne Scheidewand ans zwei Reihen Stachelzellen, wodurch von der 
Hauptblase eine kleine, längliche Höhle abgeschnürt wird; von der oberen 
Wand der hauptsächlich aus einer Lage Hornzellen und 1 — 2 Lagen 
degenerierter Stachelzellen bestehender Blase, hängt ein aus verhornten, 
unregelmäßigen Plättchen gebildeter Streifen herab. Das Infiltrat am 
Blasenbecken dringt tief in die Cutis ein. Die Hornschicht überall zer- 
fasert, in Gestelt welliger Streifen; die granulierte Schicht fehlt Die 
der Blase angrenzenden Stechelzellen vacuolenreich. Die Papillen in der 
Nähe der Blase erweitert, enthalten reichliches, feinkörniges Exsudat und 
spärliche Lenkocyten. Überall ist das Endothel, die Kerne der fixen 
Bindegewebszellen und der Cutis ödematös. Die Papillen reich an Pig- 
mentzellen. Starke Herdinfiltration bis tief in die Cutis. Haare und 
Talgdrüsen ohne deutliche Veränderungen. Unterhalb der Blase sieht 
man im Infiltrate solitäre, gerade, dünne elastische Fasern ; dieselben er- 
scheinen zuweilen brüchig. Schweißdrüßen und Nerven fehlen. 

Fall XV. 23jährige Frauensperson. 13./VL 1901. Auf der Innen- 
seite des linken Oberschenkels, in der Nähe der Genitalien bemerkt man 
innerhalb geröteter Haut eine Gruppe beträchtlicher Blasen; in der Nähe 



74 Kopytowski. 

kleine knötchenförmige Infiltrate. Starkes Jacken und Brennen. Krank- 
heitsdaner 86 Standen. 

Es warde ein Teil der Effloreszenz excidiert, in Bnblimat fixiert, 
in Paraffin eingebettet and daraus Y^^o mm dicke Schnitte verfertigt. 
Färbnng wie im Fall I. 

Bei schwacher Yergrößernng bemerkt man in der Cutis zwei große 
von einander durch 6 Papillen getrennte Infiltrate. Das eine liegt tief 
in der Cutis, das andere mehr oberflächlich. In der Epithel schient be- 
deutende netzförmige Räume. — Bei starker Yerarößerang erscheinen 
die Blasen sehr groß und besitzen netzförmige Struktur. Die Netz- 
bälkchen bestehen teils aus veränderten Epithelzellen, teils aus Resten 
von Membranen der Stachelzellen oder aus Fibrin. — Die Maschen meist 
mit Leukocyten gefüllt. An vielen Stellen sieht man in den Blasen 
Grup)>en polynucleärer Zellen, welche in der Mitte intensiv gefärbt und 
mit einem farblosen Ringe umgeben sind. Das Protoplasma — körnig, 
kömchen- und pigmentreich. Die Färbung des Protoplasma und der 
Kerne hell, diflns. — Außer der polynucleären Zellen begegnet man zahl- 
reichen großen, intensiv gefärbten, zuweilen Eemreste enthaltenden 
Elümpchen. 

Die obere Bläschengrenze besteht aus zerfaserter, welliger Hom- 
Schicht, welcher hie und da solitäre Homplättchen und degenerierte 
homogene Elümpchen mit Eernresten anliegen. 

Die ffranulierte Schicht fehlt im ganzen Präparat. Die seitlichen 
Blasenwände sind we^en starker Infiltration und netzförmigen Baues un- 
deutlich; dasselbe gilt für die untere Grenze. Die den Bläschen an- 
liegenden Papillen stark infiltriert. In den Papillen gehen die Infiltrate 
in die Stachelzellenschicht über und bilden an zwei Stellen kleine Ab- 
szesse unter der Hornschicht. Viele Stachelzellen sind vacuolenhaltig. 
Außer den Infiltraten sieht man in vielen Papillen feinkörniges entzünd- 
liches Exsudat. Die Gefäße der Papillen und der Cutis erweitert, blut- 
überfüllt. Die Kerne der fixen Bindegewebszellen und das Gefäßendothel 
sowohl in den Papillen, wie in der Cutis stark ödematös. Die Cutis stark 
infiltriert, doch bemerkt man, wie in den früheren Fällen auch hier 
zahlreiche umschriebene Infiltrate in der Nähe der Gefsße. Die Knäuel 
der Schweißdrüsen erweitert und enthalten spärliche, feinkörnige Massen. 

Haare, Talgdrüsen und Nerven fehlen. 

Fall XVI. 2(>jährige Frau. 14./IX. 1901. Auf der Außenfläche der 
linken großen Scbamlippe bemerkt man innerhalb geröteter Haut mehrere 
kleine, mit gelblicher Flüssigkeit gefällte Blasen. Die Effloreszenz ist 
vor 48 Stunden aufgetreten, verursacht heftiges Jucken. 

Es wurde ein Teil der Effloreszenz samt angrenzender, gesunder 
Haut excidiert und in Sublimat fixiert Paraffinpräparate. Dicke der 
Schnitte Vioo *"'"• Färbung wie im Fall I. 

Bei schwacher Vergrößerung sieht man am ganzen, beträchtlichen 
Präparat starke Infiltrate; dieselben geben von der Cutis in die Staohel- 
zellenschicht über, welche das Aussehen eines mit Leukocyten und zer- 
fallenden Epithelien ausgefüllten Netzes bekommt. Hie und da sieht man 
noch wenig infiltrierte iuterpapilläre Auswüchse der Stachelzellensohicht 
und wenig veränderte Papillen; anderswo sind ihre Grenzen unsichtbar. 

Bei starker Vergrößerung erscheint die Hornschicht zerfasert, 
wellig, die granulierte Schicht unsichtbar. Die oberen Lagen der Stachel- 
zellenschicht zerfasert, ihre Zellen meist undeutlich konturiert vacuolen- 
haltig, die Kerne geschrumpft; mitten in homogen gefärbtem Protoplasma 
liegend. Letzteres zerfallt nach unten zu, wobei verschieden große 
Maschen gebildet werden. Die Balken des Netzes bestehen teils aus 
spindelförmigen, langen kernhaltigen Zellen, teils aus homogenen flachen 
Plättohen oder einem Fibrinnetze. 



Zar pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 75 

Die Maschen sind von Leukocyten, degenerierten Epithelien und 
feinkörnigem Exsndat gefüllt. An einer Stelle des Präparates sieht man eine 
Bla^e ohne obere Begrenzung, von netzförmigem Bau; letztere enthält 
zahlreiche Leukocyten, degenerierte, homogene Klümpchen, zuweilen 
Reste geschrumpfter Kerne, homogen polynukleäre Zellen und etwas 
seröses Exsudat 

Die Stachelzellen hie und da vergrößert, vakuolenhaltig in der 
Nähe der Kerne; die intercellularen Räume erweitert, leukooytenreich. 

Die ganze Cutis ist mit Leukocyten ziemlich stark inBltriert, die 
Bindegewebszellen und Endothelien gequollen; zahlreiche Pigmentzellen. 

Die Infiltrate dringen tief in die Haut ein und treten meist herd- 
weise in der Umgebung der Schweißdrüsen, Haarzwiebeln und Oefaße 
auf. Die Zellen der Haarscheiden gelockert, die Kerne vermehren sich 
amitotisch; es treten polynukleäre Zellen auf; auch die Zellen der Talg- 
drüsen verlieren ihren Zusammenhang. Die Knäuel und Gänge der 
Schweißdrüsen erweitert. 

Die elastischen Fasern im Bereiche der Infiltrate gerade gerichtet 
und verdünnt. Die Hautmuskeln schwach tingiert, wie ödematös. Nerven 
fehlen im Präparat. 

Fall XVn. 18jährige Patientin. 4./X. Ol. An der Innenfläche des 
rechten Oberschenkels, in der Nähe der plica inguinalis bemerkt man 
eine innerhalb normaler Haut liegende Gruppe von mit trüber Flüssigkeit 
gefüllter Bläschen. Mäßiges Jucken. Dauer des Ausschlages 48 Stunden. 

Das excidierte Hantstückchen wurde in Müllersche Lösung auf 
zwei Monate gebracht. Paraffineinbettung. Dicke der Schnitte Voo ^^^' 
Färbung wie gewöhnlich. An den Schnitten sieht man nur zwei Bläschen, 
welche seitlich von mehreren Reihen elongierter, flacher Zellen mit 
stäbchenförmigen Kernen begrenzt sind. In der Mitte fehlt diese Schichte, 
so daß der Inhalt der Blase iLcine obere Begrenzung besitzt. 

Die Hornschicht fehlt fast überall, desgleichen die granulierte 
Schicht Die beträchtlichen Blasen werden seitlich durch flache, zuweilen 
▼akuolenhaltige Stachelzellen begrenzt; die untere Grenze der Bläschen 
wegen starker Infiltration undeutlich; das Protoplasma der Leukocyten 
ist überall gut gefärbt. Dieselben sind fast stets poly nuklear und von 
feinkörnigem Exsudat umgeben. In der Mitte der Blase liegen zahlreiche 
schwach gefärbte polynukleäre Zellen mit undeutlich konturierten, zu- 
weilen wie konfluierenden Kernen. Auch das Protoplasma ist schwach 
gefärbt; es zerfließt gleichsam an den Rändern. 

In den oberen Lagen der Stachelzellenschicht sieht man an zwei 
Stellen Herdinfiltrate von Leukocyten. Die Zahl der Leukocyten in der 
Nähe der Bläschen ist hier bedeutend. 

Die Papillen in der Umgebung der Bläschen stark ödematös, ent- 
halten spärliche polynukleäre Leukocyten. Die Zahl der Bindegewebs- 
zellen c^rinff. Die erweiterten Gefäße enthalten hie und da Blutkörperchen ; 
ihr Endothel gequollen. Das Papillargewebe enthält zahlreiche Pigment- 
zellen. Die von den Bläschen entfernten Papillen wenig verändert. 

Die Cutis enthält außer einigen größeren, umschriebenen Infiltraten 
zahlreiche, solitäre Leukocyten ; in den oberen Lagen zahlreiche Pigment - 
Zeilen. Drüsen, Haare, Nerven fehlen im Präparat. 

Fall XVHL Patientin 21 Jahre alt. 9./X. Ol. An der Außenfläche 
der großen Scbamlippe, mehr rückwärts befindet sich zwischen den Haaren, 
innerhalb leicht Ödematöser Haut eine Gruppe stecknadelkopfgroßer 
Bläschen. Ein Teil davon ist weggekratzt. Von der Basis sickert eine 
Flüssigkeit aus, welche an der Oberfläche der Bläschen zu Börkchen 
eintrocknet. Das Exanthem dauert 48 Stunden. 



76 Kopytowski. 

Es wurde ein Teil der Effloreszenz samt gesunder, angrenzender 
Haut excidiert, in Sublimat fixiert, in Paraffin eingebettet und auf'/ioomm 
Dicke geschnitten. Färbung wie üblich. 

Sei starker Vergrößerung sieht man zwei, durch 3 Papillen von 
einander ^^etrennte Bläschen una mehrere zerfallende Epithelnester, haupt- 
sächlich m den tiefen Lagen des Stratum Malpighi. Die Hornschicht 
überall verdickt, festgefügt; die granulierte Schicht undeutlich, aus zwei 
Zellagen bestehend. Über den Bläschen fehlt sie vollständig. Die Bläschen 
sind meist eiterhaltic:, enthalten zahlreiche polynukleäre Gebilde mit 
homogen gefärbten Kernen; die Zahl der letzteren schwankt zwischen 
2 und 20; die Ränder derselben stark konturiert. Die Grenzen der 
Bläschen seitlich, hauptsächlich aber unten wegen starker Infiltration 
undeutlich. 

Die Bläschen enthalten reichliches, seröses, feinkörniges Exsudat, 
welches nicht ganz bis an die obere Wand derselben heranreicht. 

An drei Stellen in der Nähe der Bläschen treten in der Stachel- 
zellensohichtZerfaJlsherde euf. Der Zusammenhang der Zellen wird infolge 
Verlostes der Fortsätze gelockert; die Zellen verg^rößern sich, die Kerne 
vermehren sich amitotisch. Schließlich enthalten die nengebildeten un- 
regelmäßigen Spalten teils polynukleäre Zellen, teils seröses Exsudat. Die 
polynukleären Zellen besitzen große, homogen gefärbte Kerne mit inten- 
siv gefärbten Rändern innerhalb reichlichen, homogen gefärbten Proto- 
plasmas. An einer Stelle liegt ein solcher Herd den Haarscheiden an. 
Die Zellen der letzteren teilen sich amitotisch. Die Papillarschicht in 
der Mähe der Bläschen ödematös; manche Papillen sind erweitert und 
mit serösem, feinkörnigem Exsudat gefüllt. Ein gleiches Verhalten des 
Exsudates in kleinen wandlosen Höhlen findet man in den oberen Haut- 
schichten, im Bindegewebe. Die Infiltrate der Cutis sind am ganzen Prä- 
parat zerstreut, lokalisieren sich jedoch meist in der Umgebung von 
Schweißdrüsen und Hautgefaßen, seltener von Haarzwiebeln und Scheiden. 
Haare ohne deutliche Veränderungen, Talgdrüsen fehlen. Die Schweiß- 
drüsen bieten interessante Veränderungen: ihre Knäuel sind stark er- 
weitert, die Zellen erscheinen vergrößert, wie ödematös, die Kerne ge- 
quollen. Manche Zellen füllen das ^anze Lumen der Knäuel aus. Diese 
Zellen sind rundlich und besitzen einen großen homogen fingierten Kern 
mit randständigem Protoplasma. Anderswo ist der dilatierte Knäuel und 
die Drüseneingänge mit feinkörnigem Exsudat gefüllt. Um die Knäuel 
tritt starke Leukocyten - Infiltration auf. Die elastischen Fasern ohne 
deutliche Veränderungen; in den Infiltraten sind dieselben verdünnt, ge- 
rade wie zerfließend. Nerven fehlen im Präparat. 

Fall XIX. Pat. 19 Jahre alt. 17./IV. 02. An der großen linken 
Schamlippe mehrere stecknadelkopfgroße, mit seröser Flüssigkeit gefüllte, 
innerhalb leicht ödematöser Haut liegende Bläschen. Das Leiden dauert 
24 Stunden und verursacht leichtes Brunnen. Es wurde ein Teil der 
Eifloreszenz excidiert, in Alkohol fixiert, in Paraffin eingebettet und auf 
Vioo ^^ Dicke geschnitten. Färbung wie gewöhnlich. 

Am Präparat sieht man nur eine umfangreiche Blase. Die Horn- 
schicht 'leicht zerfasert, überall ziemlich dick. Die granulierte Schicht 
wenig ausgeprägt, fehlt über der Blase vollständig. Die obere Blasen- 
wand besteht aus einer Hornschicht, welcher von unten teils amorphe 
Hornplättchen, teils homogene Klümpcben mit Kernresten und Leukocyten- 
baufen anliegen. Die Seitenwände der Bläschen bestehen aus elongierten, 
spindelförmigen Stachel zellen, welche in den Partien Vakuolen enthalten. 
An einer Seite bemerkt man in der Stachelzellenschicht, in der Nähe der 
Hornschicht mehrere 3 — 6 Papillen große Spalten; dieselben sind teils 
leer, teils mit serösem Exsudat und spärlichen Leukocyten gefüllt. Der 



Zar pathologischen Anatomie des Herpes progenitalis. 77 

Boden der Blase geht allmählich in ein großes Infiltrat über, welches 
seitlich teils Haarscheiden, teils Talgdrüsen berührt. Von der Mitte der 
Bläschenbasis erhebt sich eine Gruppe zerfaserter Spindelzellen, welche 
mehrere mit seröser Flüssigkeit bis za der Höhe der Blase gefüllte 
Kerne nmgrenzt 

Die Blase ist im oberen Abschnitt mit seröser Flüssigkeit, unten mit 
Eiter and zahlreichen polyuukleären Zellen mit homogen gefärbten Kernen 
und dankel gefärbten Kernwänden gefüllt; das Protoplasma dieser Gebilde 
ist spärlich. Ferner findet man zahlreiche intensiv gefärbte Klümpchen 
von fibrillärem Baa, zuweilen mit intensiv geiarbten, geschrumpften 
Kernen. 

Die der Blase anliegenden Zapfen der Stachelzellenschicht besitzen 
oft geschrumpfte Kerne und Vakuolen. Die intercellulären Bäume er- 
weitert; zahlreiche solitäre Leukocyten. Die tieferen Stachelzellenlagen 
und die Zylinderzellenschicht pigmentreich. Die Papiliarschicht in der 
Nähe der Bläschen infiltriert; die Infiltration nimmt seit der Entfernung 
von der Blase ab. Die Kerne der Endothelien und der fixen Binde- 

fewebszellen treten in den Papillen deutlich auf. Die oberen Schichten 
er Cutis sind stärker als die Papillen infiltriert. Die Infiltrate sind meist 
diffus, zum Teil auch umschrieben. Viele Zellen der Talgdrüsen haben 
geschrumpfte Kerne, dazwischen liegen hie und da Leukocyten. Haare 
ohne deutliche Yeränderunffen. Die elastischen Fasern in den Infiltraten 
verdünnt, gerade, atrophisch. 

Schweißdrüsen, Hautmaskeln und Nerven fehlen. 

Fall XX. 19jährige Patientin. 20./IV. 02. An der Innenfläche 
der rechten großen Schamlippe, in der Nähe der hinteren Komissur, 
innerhalb fast normaler Haut, eine Gruppe von Börkchen. Dieselben sind 
rundlich, braun, konfluieren zum Teil untereinander und haften der Haut 
fest an. Krankheitsdauer fünf Tage ; am Anfange war heftiges Jucken 
da, jetzt hat Pat. keine Beschwerden. Ein Stückchen der Effioreszenz 
wurde in Kultschitzky scher Lösung fixiert. Paraffinpräparate von 
YiQoinm Dicke und darüber. Färbung nach Pappenheim. 

Bei schwacher Vergrößerung sieht man zwei Bläschen; davon ist 
das eine rundlich und sitzt fest, das andere oval, der Haut locker ange- 
schmiegt, an einigen Schnitten liegt es den angrenzenden Gewebsteilen 
fest an. Die Hornschicbt allenthalben dicht, an den Seiten der größeren 
Borke zerfasert und geht auf seine Ränder in geringem Grade über. Die 
granulierte Schicht undeutlich. Die Stachelzellenschicht in der Nähe der 
Borke enthält verkleinerte, zum Teil vakuolenhaltige Zellen. Die inter- 
cellulären Räume wenig aufgeprägt, enthalten zahlreich solitäre Leuko- 
cyten. Die Papiliarschicht leicht infiltriert, in der Cutis einige unregel- 
mäßige, knötchenförmige Infiltrate. Haare, Drüsen und elastische Fasern 
ohne deutliche Veränderungen. Nerven fehlen. 

Die Börkchen sind ovale, große Gebilde, welche unten eine dichte 
Struktur haben, oben aus Echmalen, roten, durch enge Zwischenräume 
getrennten Säulchen bestehen. Letztere bilden unten ein kompaktes Ge- 
bilde. Diese Säulchen lassen sich sehr schwer färben und besitzen zuroeiet 
ihre natürliche, gelbe Farbe. Die untere Partie der Borken besteht aus 
homogener, dichter Masse mit Resten von Leukocyten- Kernen, Epithel - 
resten und Bakterien. Wo die Borke noch der Haut anhaftet, ist 
die Demarkationslinie nicht erkennbar. An den Seiten der größeren 
Borke sieht man schmale Epithelstreifen unter dieselbe eindringen. Diese 
Streifen bestehen aus flach-länglichen Epithelzellen mit stäbchenförmigen 
Kernen ; dieselben nehmen die Fläche von 6—6 Papillen ein. Wo die Borke 
ganz abgefallen ist, oder nur locker der Haut anliegt, ist letztere zum 
Teil mit Epithel überzogen. In den oberen Cutisschichten sieht mau 



78 Kopytowski. 

Dnter den Börkchen herdweise Leukocyten ; die Papillftrschicht erscheint 
ganz atrophisch; unter den Borken und an der freien Haatoberfläche 
zahlreiche verschiedenartige, zuweilen kettenartig angeordnete Bakterien. 

Fall XXI. Alter der Patientin 23 Jahre. 28./IX. 02. An der 
Innenfläche des rechten Oberschenkels, in der Nähe der Inffuinalfalte be- 
merkt man eine Gruppe stecknadelkopfgroßer, mit trüber Flüssigkeit ge- 
füllter, innerhalb blasser, leicht ödematöser Haut liegender Bläschen. 
Erankheitsdauer 48 Stunden. Heftiges Brennen. 

Ks wurde eio Teil der Effloreszenz mit angrenzender, gesunder 
Haut excidiert und auf 6 Stunden in 6% Brechweinstein und 2Vo For- 
malin gebracht Paraffinpräparate. Färbung wie üblich und nach 
Pappenheim. 

Bei schwacher Vergrößerung sieht man zwei oberflächliche Eiter- 
pusteln und am Rande des Schnittes einen Teil einer großen, mit serösem 
Exsudat und Fibrin gefüllter Blase. Die Grenze der Bläschen erhebt sich 
ein wenig über das Niveau der angrenzenden, gesanden Haut. Die obere 
Blasenwand besteht aus verdickter, welliger Hornschieht, welcher hie und 
da Eeratohyalinzellen, formlose Hornplättchen und Leukocyten anliegen, 
Die seitliche obere Wand einer der Blasen enthält zahlreiche, mit serösem 
Exsudat und Leukocyten gefüllte Spalten. Die Zellen beherbergen große 
Vakuolen und geschrumpfte Kerne. Die Seitenwände der anderen Blase 
bestehen aus länglichen, gebogenen Stachelzellen. Die untere Grenze der 
Blasen ist wegen starker Infiltration verschwommen. 

Der Inhalt der Blase reicht nicht bis an die obere Wand derselben 
und besteht aus serösem Exsudat, feinkörnigem Detritus, hie und da aus 
teils eosinophilen Leukocyten, femer aus homogenen Klümpcben, a. T. 
mit Eemresten. Im unteren Abschnitt der Blase bemerkt man außerdem 
spärliche, polynukleäre Zellen mit homogen gefärbten, geschrumpften 
Kernen und spärlichem, faserigem Protoplasma; ferner zerfallende, kurze, 
stachelförmige elastische Fasern. Im Infiltrate am Blasengrund bemerkt 
man zwei schräg verlaufende, dilatierte, leere mit gequollenem Endothel 
ausgekleidete Gefäße. Das am Rande des Schnittes getroffene Bläschen 
besitzt einen netzförmigen Bau und besteht teils aus Fibrin, teils aus 
degenerierten Epithelzellen. 

Die Hornschieht allenthalben verdickt, wellig, zerfasert, die granu- 
lierte Schicht verdickt. Die Stachelzellenscbicht verdickt, ihre Zellen 
enthalten hie und da geschrumpfte Kerne und Vakuolen ; die erweiterten 
intercellulären Räume enthalten viele Leukocyten. Die Gefäße der öde- 
roatösen Papillen erweitert, leer. Starke Infiltration der Papillenbasis in 
der Nähe der Blasen. In der Cutis Herdinfiltration. Im Präparat ein 
freiliegendes Haar; die Haarscheiden weit entfernt davon; dazwischen ein 
leerer Raum, teils mit serösem Exsudat gefüllt. Talgdrüsen ohne deut- 
liche Verändrrungen. Schweißdrüsen und Nerven fehlen. 

Fall XXIL 30./IX. 02. Pat. 18 Jahre alt. An der Innenfläche des 
rechten Oberschenkels, in der Nähe der Genitalien befindet sich innerhalb 
unveränderter Haut eine kleine Gruppe mit trüber Flüssigkeit gefüllter 
Bläschen. Krankheitsdauer 36 Stunden. Starkes Jucken. Ein Stückchen 
der Effloreszenz wurde, wie in Fall XXI fixiert und in Paraffin einge- 
bettet. Dicke der Schnitte Voo ^^f Färbung wie in den anderen Fällen 
und nach Pappenheim. Es wurde sehr oberflächlich geschnitten. Am 
Präparat sieht man zwei durch 6 Papillen voneinander getrennte Bläschen. 
Der Boden der Blase ist weggeschnitten, am Präparat sieht man die ganze 
Epithelschicht und einen gleichen Teil der Binde^ewebslage. Die obere 
Blasenwaod besteht aus verdickter, zerfaserter Horaschicht mit anliegen- 
den degenerierten Hornzellen. Die granulierte Schicht fehlt. 



Znr pathologischen Anatomie des Herpes progeuitalis. 79 

Eine der Blasen besitzt d entlieh kontarierte Seitenwände, die ans 
spindelförmigen Stachelzellen bestehen ; die Besrenzang der zweiten Blase 
ist infolge Spaltung nnd Abschnürung der Zellen aneben. Die eine Blase 
enthält ein weitmaschiges Fibrinaetz und wenig morphologische Elemente, 
während die andere gänzlich mit serösem Exsudat and Detritusmassen 
gefüllt ist. Außerdem bemerkt man in beiden Blasen zahlreiche Leuko- 
cyten und homogene Klümpchen, zuweilen mit zwei geschrumpften Kernen. 
Polynukleäre Zellen fehlen. Die Hornschicht überall verdickt, zerfasert ; 
an einer Stelle eine kleine ezsudathaltige Höhle. Die granulierte Schicht 
undeutlich, das Stratum spinosum verdickt, enthält dilatierte Räume und 
zahlreiche Leukocyten. Nur die Basis der Papillen ist stark infiltriert. 
Die Papillen selbst leicht Ödematös, die Bindegeweszellen gequollen. 

Haare, Drüsen, Nerven fehlen. 

Fall XXm. Alter der Patientin 17 Jahre. 28./X. 02. Auf der 
Außenfläche der rechten großen Schamlippe, innerhalb leicht öderaatöser, 

geröteter Haut bem<*rkt man eine Qruppe kleiner Bläschen und Infiltrate. 
Tankheitsdauer etwa 24 Stunden. Mäßiges Jucken. Ein Stück Efflores* 
zenz wird excidiert, in Sublimat fixiert, in Paraffin 'eingebettet nnd auf 
gewöhnliche Weise und nach Pappenheim gefärbt. 

Bei schwacher Vergrößerung sieht man zahlreiche Herdinfiltrate 
meist um die erweiterten, mit roten Blutkörperchen gefüllte Gefäße. Ein 
großes Infiltrat dringt in die Epithelschicht hinein und nimmt an der 
Bildung einer 2 — 3 Papillen breiten Blase Anteil. An einer anderen 
Schnittserie sieht man eine netzförmige Blase mit schön ausgebildeten 
Epithelbälkchen, zwei gut ausgebildete Bläschen und einen kleinen Zer- 
fallsherd im Epithel. Ünt'er der Blase starke Infiltration der Cutis und 
kleine Herdinfiltrate in der Umgebung der Gefäße. Einige Haardurch- 
Bchnitte mit erweiterten Haarscheiden. 

Die Blase befindet sich im Niveau der Haut, seine obere Wand ist 
flach und besteht aus zerfaserter Hornschicht und 2 — 8 Lagen veränderter, 
vakuolenhaltiger Zellen des Stratum spinosum; die Zellkonturen undeut- 
lich; am Übergang der oberen in die Seitenwände werden diese Zellen 
zn homogen gefärbten Hornplättchen. Eine Blasenwand besteht im oberen 
Abschnitt, im Bereiche Vs ^^^ Breite aus einem Netz unvollständig ver- 
hornter, spindelförmiger Epithelzellen; an der oberen Blasenwand hängt 
in das Blaseninnere eine Zellgrnppe herab. Die Zellen der Seitenwand 
sind ödematös, konfluieren, besitzen große chromatinlose, oder mit rand- 
ständigem Chromatin versehene Kerne und Kernkörperchen. Diese Schicht 
Seht unmittelbar in die untere Begrenzung des Bläschens über, deren 
[älfte sie ausmacht; die andere Hälfte der unteren Wand ist wegen voll- 
ständigen Zerfalls des Epithels und tiefer bis in die Cutis reichender In- 
filtrate undeutlich. Die andere Seitenwand besteht aus elongierten, rela- 
tiv wenig veränderten Stachelzellen. 

Der Blaseninhalt besteht aus serösem Exsudat, homogenen, zuweilen 
Eemreste enthaltenden Klümpchen, unregelmäßigen Hornplättchen, zwei- 
bis dreikernigen Zellen mit blauen, bläschenförmigen Kernen, großen 
Eugelzellen mit feinkörnigem, braunem Pigment, endlich aus Leukocyten. 
Die Blase ist ungleichmäßig mit Exsudat nnd Formelementen gefüllt; 
oben ist sie fast leer. 

Die Hornschicht allenthalben verdickt, wellig, zerfasert, die granu- 
lierte Schicht undeutlich, tritt im Bereiche der Blase überhaupt nicht auf. 
Die StachelzellenFchicht stark entwickelt; ihre unteren Lagen sowie die 
Zylinderzellenschicht enthalten reichliches, braunes Pigment. In der Nähe 
der Blase enthalten diese Schichten vereinzelte Leukocyten. 

Die Papillen stark infiltriert, ihre Gefäße erweitert und meist mit 
Blut gefüllt; dasselbe gilt für die kleinen Gefäße der Cutis. Die Venen 



so Eopytowski. 

erweitert, enthalten feinkörniges seröses Exsudat, um die Gefafie starke 
Infiltration. Es worden ein schräger und drei fast senkrechte Hautdarch- 
Bohnitte gefunden. 

Das Haar ohne sichtbare Veränderungen. Die innere, zerspaltene 
Haarscheide steht vom Haar auf weitem Gebiete ab; ebenso verhält sich 
die äußere Haarscheide zur inneren. Um die Haarscheiden unbedeutende 
entzündliche Infiltration. Die elastischen Fasern in den Infiltraten atro- 
phisch. Drüsen und Nerven fehlen. 

Fall XXIV. 18jährige Patienten. 7./XI. 02. An der Innenfläche des 
linken Oberschenkels, in der Nähe der Genitalien, innerhalb leichtgerötcter 
Haut befindet sich eine kleine Gruppe stecknadelkopfgroßer teilweise mit 
gelblicher, dicker Flüssigkeit gefüllter Bläschen. Das Leiden besteht seit 
3 Tagen und verursacht Schmerzen. 

Ein Hautstück wurde in Sublimat fixiert und auf übliche Weise 
und nach Pappenheim gefärbt. 

Bei schwacher Vergrößerung sieht man eine ganze Blase im oberen 
Abschnitte der Stachelzellenschicht und ein Teil einer zweiten am Rande 
des Schnittes. Allenthalben diffuse und unbedeutende Herd Infiltrate. 
Die Blase erhebt sich unbedeutend über das Niveau der Haut und ist mit 
einem mehr oder weniger feinem Fibrinnetz gefüllt. Die Hornschicht ist 
unsichtbar oder läßt sich wegen starker Veränderungen von dem Fibrin 
nicht unterscheiden, die Seitenwände der Blase wegen Lockerung und 
Konfluenz der Zellen undeutlich. Viele Zellen enthalten Vakuolen und 
ödematöse oder geschrumpfte Kerne; die Zellgrenzen konfluieren unter- 
einander. Dasselbe gilt für den Blasenboden, welcher im Stratum spinosum 
liegt. Die obere Grenze der Blase und ihr Inhalt erinnern an die ober- 
flächlichen Granulationen eines Fußgeschwürs und bildet eine homogene, 
zuweilen faserige Masse, innerhalb welcher eine Anzahl Zellen liegt; die 
Kerne der letzteren sind vergrößert, die Zellen enthalten Viücuolen 
und konfluierendes Protoplasma. Außerdem beherbergt die Blase zahl- 
reiche homogene Klümpchen und Leukocyten und spärliche polynukleäre 
Zellen. Die Hornschicht überall stark entwickelt, desgleichen die granu- 
lierte Schicht. In der Stachelzellenschicht zahlreiche vakuolenhaltige 
Zellen und Leukocyten. Die Zylinderzellenschicht enthält viel braunes 
Pigment. 

Die Papillen schwach infiltriert, ihre G«fäße erweitert und blut- 
überfallt; in der Papillarschicht solitäre kleine formlose Pigmentzellen. 

Die Cutis etwas infiltriert, ihre Gefäße erweitert, blutüberfällt, ihre 
Umgebung Ificht infiltriert. 

Die elastischen Fasern ohne deutliche Veränderungen. Haare, 
Drüsen, Nerven fehlen. 

An einer Schnittserie, 3 Stachelzellen hoch über dem Präparat, sieht 

man ein unregelmäßig ovales Gebilde, welches an den Rändern aus homogen 

gefärbten, teils zerfaserten, teils konfluierenden Plättchen besteht; in der 

Mitte desselben befindet sich ein Netz mit feinkörnigem Detritus ; letzterer 

enthält hie und da Epithelzellen und Leukocyten. 

(Schloß folgt.) 



Die Abbildungen erscheinen am Schlüsse der Arbeit 

im nächsten Hefte. 



Aus der k. k. Universitätsklinik für Syphilis nnd Hantkrank- 

keiten (Hofrat Prof. Nenmann). 



über eine eigentümliche Form 

der Hautatrophie bei Lepra. (Dermatitis 

atrophicans leprosa universalis.) 



Von 

Dr. Moriz Oppenheim, 

ABSistent der Klinik. 

(Hiezu Taf. VI-VIII.) 



Unter den Leprösen, welche zur Zeit meiner Anwesenheit 
in Bombay (Herbst 1902) im Lepra- Asjl Matunga*) unter- 
gebracht waren, fielen mir ungefähr 20 Kranke auf, welche 



*) Das Lepra- Asyl von Bombay, „the homeless Leper-Asylum 
Matanga* ist eine der größten Leproserien Indiens. Es liegt im Norden 
der Stadt Bombay, an der Eisenbahnlinie Bombay-Poona, 1 '/« Meilen von 
der Station Dadar und umfaßt ein Areale von llVs Acres. An Gebäuden 
umfaßt es 8 Baracken mit 1 Isolierungsbaracke und den entsprechenden 
Nebenräumlichkeiten, 1 Kapelle, 1 Hindootempel, 1 Moschee, 1 Schulhaus, 
1 0£Fice und 1 Wohnhaus für den Hospital- Assistenten. Zur Zeit meiner 
Ankunft waren daselbst 870 Lepröse untergebracht. Anfanglich nur für 
200 Lepröse bestimmt, wurde es bald entsprechend dem Andränge ver- 
flrrößert, so daß gegenwärtig bis 400 Kranke verpflegt werden können. 
Die Leprösen sind im Asyl nach Kasten und Geschlecht getrennt, die 
Blinder mit den Frauen gemeinsam untergebracht. Die Hauptbeschäf- 
tigung der Kranken besteht im Gartenbau und der Bebauung der Felder, 
die den größten Teil des Asylgrundes ausmachen. Die Mortalität beträgt 
ungefähr 207o jährlich. Die Therapie besteht in der regelmäßigen Dar- 
reichnog von Chaulmoograöl, daon symptomatisch Salol, Sublimatiigek- 
tionen und chirurgische Therapie. Siehe den Report Dr. Ghoksys» 
des früheren Chefarztes des Asyls, und meinen in der k. k. Gesellschaft 
der Ärzte in Wien am 80. Jänner 1903 gehaltenen Vortrag: „Das 
Lepra-Asyl Matunga in Bombay.** 

Arch. f. DermAt. n. Syph. Bd. LXVIII. (j 



82 Oppenheim. 

neben den. Erscheinungen der Lepra tuberosa and anaesthetica 
eine eigentümliche Beschaffenheit der Haut darboten. Es war 
die Haut in großer Ausdehnung, in der Mehrheit der Fälle die 
des ganzen Körpers schlaff, welk in größere und kleinere 
Falten gelegt, die an manchen Stellen so zahlreich vorhanden 
waren, daß die Haut an „zerknittertes Zigarettenpapier^ er- 
innerte. Es traten die Venen, so namentlich an den oberen 
Extremitäten sehr deutlich hervor und zeigten ihre Verzwei- 
gUDgen bis an die letzten Endäste. Hob man eine Falte auf, 
60 hatte man das Gefühl, als ob man dünne Leinwand oder 
Seide zwischen den FiDgem hätte, auch glichen sich die 
künstlich geschaffenen Falten nur sehr langsam aus. Manche 
Fälle zeigten eine klein lamellöse, andere wieder eine mehr 
zusammenhängende, silberweiße Schuppung, die umso deut- 
licher hervortrat, als die Haut von Natur aus sehr dunkel ge- 
färbt war. Die Kranken gehörten nämlich zum größten Teil 
Hindoos von sehr dunkler Rasse an, wie ja überhaupt die 
große Mehrheit der Leprösen Matungas sehr dunkel gefärbten 
Hindurassen entstammen. 

Anfäuglich dachte ich an eine senile Atrophie der Haut. 
Bald ließ ich diesen Gedanken fallen, da weder die klinischen 
Erscheinungen noch das Alter der Kranken (25 — 55 Jahre) 
einer senilen Atrophie entsprachen. Hingegen hatte das Krank- 
heitsbild einerseits große Ähnlichkeit mit den Fällen, die als 
Atrophia cutis idiopathica teils mit Recht, teilsmit Un- 
recht beschrieben wurden, andererseits mit Fällen, die als Der- 
matitis atrophicans (Kaposi) als Pityriasis alba 
atrophicans (Jadassohn) als Acrodermatitis chronica atro- 
phicans (Herxheimer u. Hartmann) bezeichnet werden.*) 
Namentlich war mir in Erinnerung ein Fall, den mein hochverehrter 
Lehrer, Hofrat Neumann, dem ich an dieser Stelle meinen 
innigsten Dank für seine rege Unterstützung ausspreche, 
seinerzeit publiziert hatte („Über eine seltene Form von 
Atrophie der Haut^, Festschrift zu Ehren Picks, 1898) und 



^) In der mir zugänglichen Lepraliteratur fand ich wohl zahl- 
reiche Hinweise auf Hautatropbien lokaler Natur, z. B. nach Involution 
von Lepromen, nach Nervenläsionen, aber nirgends diese universelle 
und im Vordergrund des Krankheitsbildes stehende Hautatrophie erwähnt 



über eine eigentümliche Form der Hautatrophie bei Lepra. 83 

den er nur, um keinen neuen Namen einzuführen, unter die 
Gruppe der idiopathischen Hautatrophien eingereiht 
hatte, obwohl der histologische Befund dagegen sprach. Seine 
Schlußsätze seien hier dem Originale getreu zitiert: 

Überblicken wir das Ergebnis der klinischen und histologischen 
Befände, so ergibt sich, daß dem Ausgange des Prozesses, der sich 
klinisch als Atrophie darstellt, ein lenteszierender tropho- 
neurotischer Entzündungsprozeß yorausgeht, der sich haupt- 
sächlich in den oberen Gutislagen abspielt, einerseits zu Schwund and 
Atrophie des Papillarkörpers, der Talg- und Schweißdrflsen und Haare 
fuhrt, andererseits Hypertrophie und Sklerose des neu gebildeten Binde- 
gewebes gleichwie des elastischen Gewebes der tieferen Cutis erzeugt, 
welche demgemäß beträchtlich verdickt und in ihrer Struktur entsprechend 
verändert erscheint. 

Die Veränderung manifestiert sich schon beim Excidieren einet 
Hautstöckchens durch das Kreischen des Gewebes beim Eindringen des 
Messers, und wie die mikroskopische Untersuchung erweist, durch das 
verschiedene Verhalten in Form und Farbe etc. der Gewebselemente, 
indem die verschiedenen Gutislagen sich auch in verschiedener Weise 
auf die Farbstoffreagentien empfanglich zeigen u. a. 

Die Rundzellenwucherung, die reichlichere Vascularisation und das 
gehäufle Vorkommen von Mastzellen weisen darauf hin, daß in den 
oberen Lagen der Cutis eine chronische Entzündung sich abspiele, 
die endlich zur Atrophie fuhrt. 

Dem klinischen Bilde der Hautfelderung mit seinen erhabenen 
Leisten und etwas eingesunkenen weißen Flecken ent-sprechen histologisch 
die vorgewölbten noch infiltrierten Partien und die bereits atrophischen 
Stellen. 

Indem die größtenteils stark verdünnte oberflächliche Lage einer 
dichten, festen Unterlage aufruht und leicht über derselben verschoben 
werden kann, kommt jenes eigenartige Bild zu stände, daß die Haut 
„wie von einem gebratenen Apfel abgehoben werden kann* oder »zer- 
knittertem Zigarettenpapier" ähnlich sieht. 

Mit dem Befund einer chronischen Entzündung der Haut steht auch 
das Gefühl beständigen Frösteins des Kranken im Einklang. 

Der relative Reichtum an glatten Muskelzellen und elastischem 
Gewebe ist wohl darauf zurückzuführen, daß durch teilweisen Untergang 
von Bindegewebe jene Gebilde prävalieren. 

Wir halten es für unzulässig, über die Natur des Prozesses mehr 
zu behaupten, da ein Substrat hiefür nicht vorhanden ist. Wir haben 
auch keinen Grund, die Affektion anders als „diffuse idiopathische Atro- 
phie der Haut" zu bezeichnen. Es dunkt uns zur Zeit viel zweckmäßiger, 
die Tatsachen genau festzustellen, beziehungsweise mitzuteilen, als — 
wie dies bisher derzeit so oft geschieht — durch neue Namen Verwir- 



rung zu erzeugen*. 



6* 



84 Oppenheim. 

Es war naheliegend, anzunehmen, daß die Lepra die 
Ursache dieser im Vordergründe des Erankheitsbildes stehenden 
universellen Hautatrophie bilde und daß diese nur 
der Ausdruck, respektive der Endausgang einer spezifischen 
leprösen Hautentzündung bilde.') Alle diese Kranken litten an 
Lepra, zum Teil von jahrelanger Dauer; Bazillen konnten 
sowohl von der Haut aus als auch auf Schleimhäuten nach- 
gewiesen werden. Man war daher a priori berechtigt, diese 
Fälle von Hautatrophie von den Fällen idiopathischer Atrophie 
zu sondern. Mit dem Fortschreiten unserer Kenntnisse der 
Ätiologie werden die idiopathischen Affektionen wohl immer 
weniger und weniger, wie ja überhaupt unser Streben darauf 
gerichtet sein muß, das Wort idiopathisch aus unserer Nomen- 
klatur zu entfernen. 

Kaposi hat daraaf hingewiesen, daß wir es in der Mehrzahl der 
bisher beschriebenen Fälle von Atrophia cutis idiopathica nur 
mit dem Ausgang eines Prozesses zu tun haben und daß wir daher nicht 
berechtigt sind, diese Krankheit mit einem Namen zu belegen, der das 
Endresultat der Krankheit charakterisiert. Er schlug die Bezeichnung 
Dermatitis atrophicans vor. 

J arisch glaubt ebenfalls auf Grand der klinischen und histo- 
logischen Befunde an eine „zum Schwunde des elastischen Gewebes 
fuhrende Dermatitis mit dem Ausgange in Atrophie''. 

Thibierge spicht sich in „La pratique dermatologique ** 
im Kapitel „Athrophies cutanees** auch dahinaus, daß es nicht 
angeht, diese Fälle mit Atrophia idiopathica zu bezeichnen, er sagt: 
„L* atrophie terminale ne m^rite pas plus k specifier ces etats morbides 
que la cicatrice d'une ulceration ne peut servir a categoriser et a dö- 
nommer cette ulceration et son processus entier.** 

Unna hat das Verdienst, sämtliche in der Literatnr bekannten 
Fälle von Hautatrophien kritisch gesichtet und in ein Schema eingereiht 
zu haben, welches der Verwirrung, die bisher in der Literatur geherrscht 
hat, wohl ein Ende bereiten wird. Er unterscheidet idiopathische 
und deuteropathische Atrophien. Die idiopathischen teilt er in 
diffuse Formen, zu denen die Fälle von Bachwald, Touton, 

^) Daß die Ursache nicht allein in der Affektion der Nerven zu 
suchen sei, bewies das Überwiegen der reinen Lepra tuberosa; und 
sogar bei denjenigen Fällen, die im Register des Asyls als Lepra maculo. 
aDaesthetica geführt wurden, zeigte die histologische Untersuchung^ den 
Bestand reiner Leprome in der Cutis und Subcutis (reichlichst Lepra- 
bazillen in den ausgedehnten Zellinfiltraten), so daß auch diese Fälle 
zumindest als Lepra mixta bezeichnet werden müssen. 



über eine eigentämliche Form der Hautatrophie bei Lepra. ^5 

Pospelow, Golombini, Bronson, Elliot, Nicolin, Jordan, 
GroD, Unna, Roßbach, Gharcot und umschriebene Formen, die 
keinen Bezug zu den von mir beobachteten Fällen haben. Die dente- 
ropathischen Atrophien zerfallen nach Unna in solche, die a) nach 
Dermatosen, 6) nach Nervenkrankheiten und e) nach allge- 
meinen Infektionskrankheiten auftreten. 

Herxheimer und Hartmann [stellen auf Grund von 12 selbst 
beobachteten Fällen, sowie der sorgföltig gesichteten Literatur einKrank- 
heitsbild mit dem Namen Acrodermatitis chronica atrophicans 
auf, bei dem es nach einem Stadium der Entzündung und Infiltration an 
den Extremitätenenden zu einer zentripetal fortschreitenden Atrophie 
kommt Der klinische Aspeckt meiner Fälle läßt eine Analog^Biernng 
mit dem Herxheimer- Hart mann sehen Symptomenkomplex wie mit 
dem von Leven jüngst publizierten Falle von vornherein ausschließen. 

Ich habe die ÄDsichten der zitierten Autoren deshalb 
ausführlicher gegeben, weil meine Fälle sie vollständig be- 
stätigen» Hätte nicht der konstante und reichliche Befund von 
Leprabazillen in den Infiltraten der Cutis die Erklärung für 
das Zustandekommen dieser und auch der Atrophie gegeben, 
man hätte diese Fälle zumindest nach ihrer klinischen Er- 
scheinung zur Gruppe der idiopathischen, diffusen und univer- 
sellen Hautatrophien zählen müssen. So aber fallen sie selbst- 
verständlich unter die von Unna aufgestellten deuteropa- 
thischen Atrophien, und zwar könnten sie unter jeder der 
drei Unterabteilungen ihren Platz finden. Vielleicht sind alle 
drei Ursachen gleichzeitig beteiligt, nämlich die chronische 
lepröse Dermatose, die lepröse Nervenerkrankung und die 
Lepra als allgemeine Infektionskrankheit. Vielleicht muß man 
die Universalität und die bedeutende Intensität der Haut- 
atrophie der Koinzidenz dieser 3 Ursachen zuschreiben. (Von 
den bisher beschriebenen Fällen von Hautatrophien zeigten 
nur die von Neumann, Heller, Golombini und Kaposi 
Ausbreitung der Atrophie über den ganzen Körper.) ^) 

Natürlich dürfen die in Rede stehenden Fälle nicht ver- 
wechselt werden mit solchen Leprakranken, bei denen es nach 
Abheilung eines Leproms zur Narbenbildung iu der Haut 



') Nicht in die Kategorie dieser Fälle gehören die zaerst von Pick, 
dann von Rille, Klingmüller, Ehrmann als Erythromelie 
beschriebenen Krankheitsbilder. Herxheimer und Hartmunn identi- 
fizieren sie mit ihrer Acrodermatitis atrophicans chronica. 



86 Oppenheim. 

kommt. Da handelt es sich um eine echte Narbe, sowohl 
klinisch als histologisch. Die Haut ist an diesen Stellen glatt« 
glänzend und gewöhnlich pigmentlos. An der dunkel pigmen- 
tierten Haut der Hindoos erscheinen diese Lepranarben als 
weiße, unregelmäßig begrenzte, oft zackige Flecke, die sich 
sehr deutlich Ton der Umgebung, die gewöhnlich hyperpig- 
mentiert ist, abheben. Selbstyerständlich sind auch jene 
lokalen Hautatropbien bei Leprakranken ausgenommen, 
die bei Lepra anaesthetica im Bereiche der erkrankten 
Nerven, oder auch nach Abheilung von in der Tiefe der 
Haut gelegenen Lepromen auftreten. Die Atrophie der 
Haut bei Lepra anaesthetica ist mit Atrophie der Muskeln 
verbunden; sie ist nicht der Ausgang einer leprösen Erkrankung 
der Haut, sondern nur die Folge der Erkrankung der trophischen 
Nerven. Dies konnte bei meinen Fällen nicht in Betracht 
kommen, da sie der Mehrzahl nach an Lepra tuberosa litten 
und infolgedessen auch keine Muskelatrophie oder Lähmungen 
aufwiesen. Auch die Universalität des Prozesses, der in den 
meisten Fällen nicht eine Stelle des Körpers frei ließ, Und die 
ziemlich intakte Sensibilität sprechen gegen die Annahme, daß 
die Erkrankung der Nerven die Ursache dieser das ganze 
Krankheitsbild beherrschenden Hautatropbie sein könnte. 

Ich ezcidierte Hautstücke aus verschiedenen Gegenden 
und fertigte Photographien der Kranken an, von denen ich 
einige mit Auszügen der betreffenden Krankengeschichten mit 
dem histologischen Befund hier veröffentlichen will. 

Fall 1. Register des Asyls Nr. 64. Gunga Dhakoo, 63 Jahre 
altes Hindooweib. Angebliche Krankheitsdauer 10 Jahre. In der Familie 
sind keine Lepraerkranknngen vorgekommen. 

Status praesens vom 26. September 1902: Mittelgroß, 
graziler Knochenbau, schlecht genährt. Das Gesicht verrunzelt von ab- 
schreckender Häßlichkeit. Die Stirne, Wangen, das Kinn tief gefurcht. 
Die Augenbrauenbogen wulstig, haarlos. Auch an den Augenlidern fehlen 
die Cilien. Die Obren abstehend, in toto vergrößert und verdickt, das 
Läppchen ein dicker Wulst. Das Kopfhaar schütter, tief schwarz. Die 
Nase verbreitert, die Nasenspitze und die Nasenflügel wulstig * die Lippen 
nur wenig verändert. Die Haut der oberen Extremitäten, namentlich an 
den Streckseiten, welk, schlaff, gefaltet, „zerknittertem Zigarettenpapier*' 
ähnlich. Eine aufgehobene Falte gleicht sich nur sehr langsam aus; 
zwischen die Finger genommen hat man das Gefühl, als hätte man dünne 
Leinwand angefaßt. 



über eine eigentümliche Form der Hautatrophie bei Lepra. 87 

Dabei ist die Haut trocken, glanzlos, vollständig haarlos; auch 
nicht das kleinste Wollhärchen ist za entdecken. In der Ellbogengegend 
beiderseits die Haut verdickt, mit dicken Schnppenanflagerangen ver- 
sehen, analog der Psoriasis vulgaris. Weniger gefaltet ist die Haat der 
Bengeseiten der Vorderarme, doch zeichnen sich hier die Venen sehr 
deutlich als dicke Stränge ab. Es ist selbstverständlich unmöglich, durch 
die dunkel pigmentierte Haut die Venen durchschimmern zu sehen, wie 
dies bei atrophischer Haut weißer Menschen der Fall ist. Auch die Haut 
der Handteller sind von der Atrophie ergriffen; die Haut schilfert ab, 
ist in der Palma verdünnt und leicht abhebbar. Am Stamme, sowie an 
den unteren Extremitäten sind die Veränderungen weniger ausgeprägt, 
doch überall ist die Fältelung und Verdünnung der Haut deutlich. An 
den unteren Extremitäten sind vereinzelte Knoten von Erbsen- bis Hasel- 
nußgröße sichtbar, die zum Teil exulceriert sind. 

Die taktile Empfindung ist fast überall etwas herabgesetzt, Anal- 
gesie besteht nicht. Ich konnte auch nicht Verdickungen der Nerven 
palpieren. Die sichtbaren Schleimhäute sind nicht affiziert. 

Es handelt sich bei diesem Falle also um Lepra tuberosa mit 
einer klinisch wohl ausgesprochenen universellen Atrophie 
der Haut. Von diesem Falle wurden Hautstücke aus der Rücken- und 
Oberarmhaut excidiert. 

Fall 2. Register Nr. 339. Photographie Nr. 1. IrimbuckBhao, 
30 Jahre alt, Hindoo. Erankheitsdauer angeblich 2 Jahre. Anamnestisch 
nichts eruierbar. 

Status praesens vom 90. September: Das Gesicht greisenhaft, 
welk. Die Haut der Stirn sehr stark gefaltet Die Backenknochen sehr 
stark hervorstehend. Die Angenbrauenbogen etwas verdickt; Gilien vor- 
handen. Die linke Cornea in eine weiße, undurchsichtige Narbe umge- 
wandelt, die etwas ektatisch ist Die Ohren mäßig verdickt. Die Nase 
eingesunken, verbreitert, die Nasenspitze und Nasenflügel verdickt. Der 
Nasenrücken verläuft im Zick-Zack und bildet zwei Gruben und dazwischen 
einen Höcker. Die Lippen sind wulstig verdickt, die Unterlippe hängt 
herab, der Mund stets offen. Die Haut des ganzen Stammes gesprenkelt, 
in dem weißliche bis kreuzergroße Stellen mit dunkel pigmentierten 
abwechseln. 

Sie ist in unzählige Falten gelegt, die besonders an der Brust 
symmetrisch zu beiden Seiten des Sternums bogenförmig nach abwärts 
verlaufen. Namentlich über den Mammis ist dies ganz besonders schön 
ausgeprägt. Unterhalb des Rippenbogens nimmt die Haut eine mehr 
glatte, glänzende Beschaffenheit an. An den Extremitäten ist die Haut 
wieder deutlich gefältelt und mit silberweißen, kleienförmigen Schuppen 
bedeckt Die Haut der Handteiler und Fußsohlen ist sehr verdünnt, leicht 
abhebbar. Die Haare fehlen vollständig bis auf die Scham- und Achsel- 
höhlenhaare. Patient schwitzt nicht und klagt trotz der großen Hitze 
über leichtes Frösteln. 



88 Oppenheim. 

An der Streckseite der Eztremitftten, spftrlich in der Unterbaach- 
gegend, im Nacken bis bohnengroße, derbe Knoten, die zum Teil mit 
Schuppen bedeckt sind. Im Bereiche dieser besteht keine Analgesie, nnr 
geringe Herabsetzung der taktilen Empfindung. Sonst keine nervösen 
Symptome. An der Schleimhaut der Zünfte nnd Wangen einige streifen- 
und punktförmige, blauschwarze Pigmentflecke. 

Auch dieser Fall ist eine Lepra tuberosa, bei dem sich seit 
2 Jahren angeblich erst Symptome der Krankheit zeigen. Auffallend ist 
diese hochgradige Hautatrophie in der kurzen Zeit von 2 Jahren. Vorher 
soll die Haut ganz normal gewesen sein. 

Fall S. Register Nr. 804. Photographie Nr. 2. Balla Mahadoo, 
86 Jahre alt, Hindoo. Dauer der Erkrankung 16 Jahre; anamnestisch 
nichts eruierbar. 

Status praesens: Patient groß, von starkem Knochenbau, ab- 
gemagert. Das Gesicht nähert sich bereits dem Typus der facies leonina. 
Die Augenbraueubogen wulstig verdickt, ohne Haare, die Glabella tief 
ausgeprägt. Die Wimpern der verdickten Augenlider fehlen. Die Wurzel 
der Nase flach, im Niveau des übrigen Gesichtes; die Nase nach links 
verzogen, plump, wulstig und die Lippen verdickt. Die Ohren weit ab- 
stehend, verbildet. Im Bereiche der Wangen zahlreiche deprimierte, 
weißliche, unregelmäßig konturierte Narben. Die Haut dieses Kranken 
ist nicht universell erkrankt. 

Ohne Veränderung ist die Haut der Brust, des Bauches und der 
inneren Seite der Oberschenkel. In hochgradigster Weise sind Rücken 
und Streckseite der oberen Extremitäten affiziert. Die Haut des Rückens 
ist so fein gefältelt, daß sie eine samtartige Beschaffenheit ange- 
nommen hat. Die Falten verlaufen entsprechend den Spaltrichtungen 
der Haut und sind unter einander parallel. Nur einzelne Faltenzüge 
haben andere, kreuzende Richtungen. Über den Schulterblättern wird die 
Faltenrichtung eine zur Wirbelsäule parallele und geht in die Fältelnng 
der Streckseiten der Oberarme über, wo sie jedoch gröber und unregel- 
mäßiger angeordnet ist. An der Streckseite der Oberarme entstehen 
durch die Faltenanordnung polygonale Felder, die entfernt an Krokodil- 
haut erinnern. Gegen die Nates zu werden die Fältchen und Falten 
immer spärlicher, um schließlich an der Eünter- und Innenseite der 
Oberschenkel ganz aufzuhören. Nach oben geht die Fältelung bis an die 
Nackenhaargrenze in feinsten Linien angeordnet. Die Firste der Fältchen 
sind mit kleienförmigen Schuppen bedeckt Vorne an der Brust beginnt 
die Faltung über der Mitte der Pectorales maior symmetrisch und wird 
gegen die Achselhöhlen immer ausgeprägter. Am deutlichsten ist sie um 
die Axilla herum sichtbar, wo die Falten von der Glavicula, dem Ober- 
arm und dem Thorax radienförmig konvergieren. Weniger dentlich ist 
die Faltenbildung an den Vorderarmen; am Handrücken und Fingern 
hingegen wieder sehr prägnant. Die Nägel sämtlicher Finger sind spröde, 
brüchig, verdickt; zum Teil sind dieselben abgebrochen oder nnr als 
formlose Trümmer mit dem Finger in Zusammenhang. 



über eine eigentümliche Form der Haatatrophie bei Lepra. 89 

An der Basis des rechten Zeige- nnd Ringfingersi sowie an der 
Endphalanx des Daumens sitzen haselnußgroße» exulcerierte Knoten, die 
reichlich sezemieren. Ähnliche größere £[noten finden sich an der Streck - 
Seite der Oberarme nnd über dem Olekranon. 

Die Veränderungen an den Zehen sind viel hochgradiger. Die 
kleine Zehe rechts und die Mittelzehe links fehlen vollständig. 

Die anderen Zehen sind mehr oder weniger verstümmelt nnd ver- 
krüppelt. 

Anaesthesien bestehen im Bereiche der Hände nnd namentlich 
der Fuße. 

Die Schleimhaut der Mundhöhle ist nicht afilziert, das Nasenseptum 
ist perforiert und zeigt noch frische Ulzerationen. 

Der Fall ist demnach eine Lepra tuberosa mit Onychie und 
Mnltilationen. Im Vordergründe des Erankheitsbildes steht jedoch diese 
eigentümlichet zum großen Teil generalisierte Hantatrophie. Ein Stück 
der Rückenhant wurde excidiert. 

Fall 4. Register Nr. 406. Photographie Nr. 8. RakmaRaghoo, 
55 Jahre alt, Hindoo. Angebliche Krankheitsdauer 5 Jahre. Keine anam- 
nestischen Daten eruierbar. 

Status praesens vom 28. September 1902. Patient mittelgroß, 
grazil gebaut. Kein Panniculns adipobus. Das Gesicht verhältnismäßig 
wenig affiziert. An den Augenbrauenbogen zu beiden Seiten der Nase 
zwei symmetrisch gelegene, tief gefurchte Wülste, in deren Bereich die 
Haare fehlen. Die oberen Augenlider ptotisch, sie verdecken znm größten 
Teil den Bulbus und lassen nur einen kleinen Spalt frei. Nase, Lippen 
und Ohren nur wenig verdickt. 

Die Haut des Stammes und namentlich der oberen Extremitäten, 
wie Zigarettenpapier gefältelt. Auch in diesem Falle lassen die Fal- 
tUDgsrichtungen ein gewisses System erkennen, indem diese beiderseits 
symmetrisch angeordnet am Rücken, zn beiden Seiten der Rückenfurche 
bogenförmig, wie bei einer Vogelfeder, gegen die Seitenwand des Thorax 
ziehen. Auch vorne ist dies ausgeprägt. Am hochgradigsten verändert 
ist die Haut in der Schultergegend, unterhalb der Glavicula und geht 
ununterbrochen in die feinst gefaltete Haut der Arme über. An diesen 
erkennt man sehr schön das Vorspringen der Venen, die ihre feinsten 
Hautäste erkennen lassen. Aufgehobene Falten bleiben sehr lange stehen 
und gleichen sich ganz allmählich aus. Zwischen den Fingern fühlt sich 
die Haut ganz fettlos, trocken, wie dünne Leinwand an. Die beschrie- 
benen Körperpartien sind völlig haarlos und fieckweise mit lose 
anhaftenden Schuppen bedeckt. An den Fingern der linken Hand und 
zwar im ersten Interphalangealgelenke des 5., 4. und 2. Fingers 
sitzen bis über nußgroße Knoten, die zum Teil excoriiert, zum Teil 
intakt sind. 

Auch die Nägel zeigen alle Zeichen schwerer, trophischer Störungen. 
Sie sind kurz, an ihren freien Enden mehrere Millimeter dick, sie sind 
quer und längs gerieft und haben völlig ihren Olanz verloren. Die Haut 



90 Oppenheim. 

der unteren Extremitäten weniger beteiligt, doch zeigt sich auch hier 
bereits ein Elastizitätsverlast der Haut, indem aufgehobene Falten sich 
sehr langsam ausgleichen. 

Mundschleimhaut ist frei. 

Die Sensibilität zeigt keine gröberen Störungen. Es besteht nur 
eine leichte Herabsetzung der Schmerzempfindung an den oberen Extre- 
mitäten. 

Es handelt sich in diesem Falle um Lepra tuberosa mitOnychie, 
verbunden mit dieser eigentümlichen Hautatrophie, die in diesem sowie 
im Yorherigen Falle noch nicht die ganze Körperhaut befallen hatte. 

Fall 6. Register Nr. 489. Photographie Kr. 4. Ehusal Fakir, 
42 Jahre alt, Hindoo. Krankheitsdauer angeblich 6 Jahre. Anamnese 
negativ. 

Status praesens vom 29. September 1902. Das Gesicht nicht 
afiiziert. Augenbrauen- und Schnurrbarthaare vorhanden. Die Ohren 
normal. Die auffallendste Veränderung betrifft die Haut des ganzen 
Körpers. Diese ist sowohl am Stamme wie an den Extremitäten papier- 
dünn in größere und kleinere Falten gelegt, die in ihrer Anordnung 
keinen bestimmten Typus erkennen lassen. Die aufgehobenen Falten fett- 
los und gleichen sich sehr langsam aus. Die Hautvenen des Vorderarmes 
und Handrückens springen mit ihren Verzweigungen aufs deutlichste 
vor. Die Haut an den Hand- und Fußrücken erinnert tatsächlich an die 
„Schalenhaut gedörrter Äpfel'! Es besteht gleichzeitig eine leichte, kleien- 
fÖrmige Abschilferung der Epidermis. 

Der Thenar und Antithenar sowie Musculi interossei sind atrophisch. 
Die Endglieder des 4. und 5. Fingers der linken Hand fehlen, an ihrer 
Stelle leuchtend, weiße, unregelmäßig konturierte und gezackte Narben. 
Die Finger der rechten Hand sind intakt. Am Rücken finden sich im 
Bereiche der gefalteten Haut mehrere bis guldengroße, mattweiße Flecke, 
in deren Bezirk vollständige Anästhesie herrscht. Diese geht noch eine 
Strecke weit über die Grenzen der Flecke hinaus. Typische Anästhesie 
und Analgesie bestehen auch an den oberen Extremitäten. 

Die Mundschleimhaut bis auf einige Pigmentfiecke an den Wangen 
und am Zahnfleisch intakt. Die Diagnose bei diesem Fall mußte auf 
Lepra maculo anaesthetica gestellt werden, bei der es also eben- 
falls zur beschriebenen, generalisierten Hautatrophie gekommen war. 

Fall 6. Register Nr. 421, Photographie Nr. 6. Ghumbajee Snc- 
caram, 40 Jahre alt, Hindoo; angebliche Krankheitsdauer 12 Jahre, 
anamnestisch nichts eruierbar. 

Status praesens vom 26. September 1902. Das Gesicht frei. 
Die Haut der Brust und der oberen Extremitäten in Falten und Fältchen 
gelegt ohne bestimmte Verlaufsrichtung, zeigt nirgends Haare. Aufge- 
hobene Falten gleichen sich nur sehr langsam aus. Am stärksten affiziert 
ist die Haut des Rückens, wo zahlreiche polygonale Felder von den 
Falten begrenzt werden. (Die Photographie gibt dies nur zum Teil 
wieder.) Die Haut des Rückens und der Streckseite der Arme erinnert 



über eine eigentümliche Form der Hautatrophie bei Lepra. 91 

in ihrem Aussehen an Erokodilhaut, dem ersten Eindrucke nach. Dabei 
ist die Haut hochgradig verdünnt, trocken und lamellös abschuppend. 
Weniger beteiligt ist die Haat des Bauches und der unteren Extre- 
mitäten. 

Die Muskulatur der Vorderarme ist atrophisch; ebenso Thenar, 
Antithenar und Interossei. Von den Fingern der linken Hand sind nur 
mehr Zeigefinger und Daumen als solche erkennbar. Die anderen sind zu 
Stummeln umgewandelt, wobei an diesen Stummeln noch Nagelreste in 
Gestalt einer formlosen Homauflagerung zu sehen sind. Die Finger der 
rechten Hand in Krallenstellung, die Dorsalsehnen beiderseits stark vorsprin- 
gend. An den Zehen beider Füße ebenfalls Mutilationen verschiedenen 
Grades. 

Allenthalben anästhotische und analgetische Zonen. Mundschleim- 
haut frei. Der Fall wurde als eine Lepra maculo anaesthetica im 
Register des Asyls geführt. Ein Stück der Oberarmbaut wurde excidiert. 

Fall 7. Register Nr. 128. Marcelline Doomingo, 68 Jahre alt, 
eingeborene Christin aus Salsette (einer nördlich von Bombay gelegenen 
Insel mit großer, katholischer Mission). Angebliche Krankheitsdauer 
4 Jahre. Anamnese negativ. 

Status praesens vom 24. September 1902: Patientin klein, von 
grazilem Knochenbau, Panniculus adiposns und Muskulatur atrophisch. 
Das Gesicht hochgradigst verrunzelt, die Augenbrauenbogen verdickt, 
ohne Haare. Die Cilien fehlen. Die Nase asymmetrisch, nach rechts ver- 
zogen, plump. Die Ohren über das doppelte vergrößert, verdickt und ab- 
stehend. 

Das Körperin tegument zeigt die Atrophie wohl im höchsten Grade. 
Jede Hautstelle in unzählige größere und kleinere Falten gelegt, die nach 
allen möglichen Richtungen verlaufen. Pospelows Vergleich mit zer- 
knittertem Zigarettenpapier trifft hier wie kein anderer zu. Die Haut 
spröde, trocken ; aufgehobene Falten bleiben geraume Zeit stehen. Die 
Venen der Haut plastisch hervortretend. Nirgends Haare. Die Verän- 
derung der Haut betrifft auch Handteller und Fußsohlen, wo die Haut 
eine Beschaffenheit wie bei neugeborenen Kindern angenommen hat, ohne 
jedoch straff der Unterlage anzuliegen. Schuppenbildung besteht nicht. 

Die linke Hand in radialer Subluzationsstellung, die Daumen in 
Uberstreckung und unbeweglich. Keine Anästhesien. Mund und Rachen frei. 

Also eine Lepra tuberosa, wo die Atrophie der Haut den 
allerhöchsten Grad erreicht hat. 

Die Auszüge aus den KrankeDgeschichten dieser Fälle 
sowie die Photographien dürften wohl genügen. Die übrigen 
Fälle (ungefähr 12) zeigten ein analoges Bild. Der Mehrzahl 
nach waren es tuberöse Fälle, deren Alter und Krankheits- 
daner den beschriebenen entsprechend war, so daß ich von 
einer detaillierten Beschreibung absehen kann. 



92 Oppenheim. 

Alle zeigen sie ein der Atrophia cutis idiopathica 
progressiva diffusa ähnliches Bild. Das Geschlecht scheint 
keine Bedeutung zu haben, die Form, insofern als die Mehrheit 
sicher reine Lepra tuberosa war. Auch die Erankheitsdauer 
ist ohne Bedeutung, soweit die Angaben der Kranken bezüglich 
der Dauer ihrer Krankheit in Betracht gezogen werden dürfen. 
Die kürzeste Krankheitsdauer waren 2 Jahre, die längste 
16 Jahre. Es ist dies sehr auffallend und würde zeigen, daß 
sich diese Hauterkrankung unabhängig von der Dauer der 
Lepra entwickelt. 

Was das Ergebnis der mikroskopischen Untersuchung 
betrifft, so gebe ich vorerst in Kürze die Resultate der bis- 
herigen Untersuchungen. Es liegen bis jetzt folgende histo- 
logische Befunde vor: 

Fall Bachwald. Fehlen des Fettes, Gesamtatrophie. Fehlen der 
Papillen nnd sum größten Teil der Schweiß- und Talgdrüsen. Epithel- 
Bindegewebsgrenze verläaft glatt. Dicke der Gatis 1*6 mm, 0*1 mm £pi- 
dermisdicke. Zellige Infiltration um Gefäße, Drüsen, Haarbälge, außerdem 
in freien Herden. 

Pospelow: Horizontalmuskeln der Haut stark befallen. Schiefe 
Muskeln. Sitz einer Infiltration. Hornschicht atrophisch und lockerer als 
normal. Stratum lucidum und granulosum atrophisch aber deutlich. 
Basalschicht deutlich pigmentreich. Gorium auf '/g verdünnt. Arterien, 
Lymphbahnen normal. Yenen stark dilatiert. Haarfollikel stark, Talg- 
drüsen etwas atrophisch. Schweißdrüsen wenig entwickelte Knäuel, 
Nerven normal. 

Jadassohn (IH. Kongreß der deutschen dermatologischen Gesell- 
schaft 1891). Starker Schwund der elastischen Fasern. Keine Atrophie 
des Bete Malpighi. Geringe Rundzelleninfiltration. Ebenso Heuss. 

Golombini. Elastische Fasern wesentlich reduziert; die noch 
vorhandenen geben die Elastinreaktion mit saurem Orcem, haben aber 
kein normales Aussehen; spärliche Anastomosen und kurze, isolierte 
Fragmente mit schwach gekrümmtem Verlauf und sich in verschiedenen 
Richtungen durchquerend. Atrophie der Haarfollikel, Talg- und Schweiß- 
drüsen, Dilatation der Gefäße und entzündliche Infiltrate. 

Neumann. Epidermis abgehoben, in gleicher Flucht mit dem 
Cutisgewebe. Diese, in den oberen Lagen aus mehr netzförmig angeordneten 
Bündeln bestehend, die aus schmäleren uud weniger iutensiv gefärbten Binde- 
gewebsfibrillen zusammengesetzt sind. In den tieferen Lagen breite, massige 
und stärker tingierte Zage. In den oberen Lagen Randzellenwucherungen, zum 
Teil um die Gefäße, zum Teil in Form von Nestern aggregiert. Die tieferen 
Lagen der Cutis zeigen nur an den Gefäßen Rundzelleninfiltration. 
Arterien stellenweise mit Wucherungen an der Intima. Panniculus adi- 



über eine eigentümliche Form der Hautatrophie bei Lepra. 93 

posas zum großen Teil geschwunden, Schweißdrüsen, Haarbälge rare- 
fiziert. Talgdrüsen fehlen vollständig. Mißverhältnis zwischen Pigmeut- 
gehalt der Epidermis und der Anzahl der Chromat ophoren in der Cutis. 
Die elastischen Fasern bilden ein reichliches, dicht verzweigtes und ver- 
filztes Netzwerk; wo der Papillarkörper verstrichen ist, fehlen die ela- 
stischen Fasern; ebenso an den infiltrierten Gewebsstellen. Mastzellen 
zahlreich. 

Hub er. Haut in toto etwa um die Hälfte verdünnt, Oberfläche 
derselben glatt. Malpighische Schicht verdünnt, Eeratohyalinschichte, wenn 
auch hie und da in Spuren, vorhanden. Im Corium sind die Blutgefäße ver- 
mehrt, ihr Lumen erweitert, um dieselben Zellinfiltrate, hauptsächlich 
aus Plasmazellen, weniger aus kleinen Rundzellen bestehend. Elastische 
Fasern bedeutend vermindert, schwer tingibel, in kleine Detrituskömer 
zerfallen, sowohl im Stratum papilläre, als auch im Stratum subpapillare 
des Coriuros. Sie sind dort am spärlichsten, wo Zellinfiltration vorhanden 
ist. Schweiß' und Talgdrüsen sowie Haarfollikel an Zahl vermindert. 

Jordan. Stratum corneum verbreitert, Stratum Malpighi atro- 
phisch, stellenweise nur aus 2 — 8 über einander liegenden Zellenlagen 
bestehend. In den Zellen der untersten Lage gelbbraunes Pigment in 
reichlicher Menge. Die Papillen mehr oder weniger ausgeglichen; das 
Stratum Malpighi stellenweise eine gerade Linie bildend. Kleinzellige 
Infiltration in der Umgebung der Venen. Elastische Fasern reichlich vor- 
handen. Schweiß- und Talgdrüsen spärlicher vorhanden als normal. Sub- 
kutanes Fettgewebe atrophisch. 

Heller. Subkutanes Fettgewebe stark atrophisch. Das kollagene 
Bindegewebe im Corium gequollen; die Bindegewebsbündel weit aus* 
einander gedrängt, elastische Fasern nur scheinbar vermehrt durch den 
Schwund des kollagenen Gewebes, von normaler Reaktion. Keine Plasma- 
und Mastzellen, glatte Muskelfasern normal. Schweißdrüsen, Talgdrüsen, 
Haare und Nerven atrophisch, zum Teil gänzlich fehlend. Papillen 
fehlen; in der obersten Schicht keine elastischen Fasern. Rundzellen- 
infiltration. Pigment sehr vermehrt. Gefäße bedeutend entwickelt, fast an- 
giomatÖj. Stratum mucosum verschmälert, Stratum granulosum und 
lucidum fehlen. Stratum corneum aufgelockert; die lose haftenden Horn- 
massen aufgetürmt. 

Unna: Hornschicht an verschiedenen Stellen verschieden, im 
ganzen erheblich verdickt. Basale Schicht gut nachweisbar. Stachel- 
zellenschicht verkleinert. Verstreichen der Epithelleisten, Papillarkörper 
existiert nicht. Subepitheliale Schicht breit und homogene mit spärlichen 
feinen Elastinfasern. Elastisches Gewebe stark regressiv vermindert, aber 
unregelmäßig, wenn auch in diffuser Weise. Keine Degenerationsprodukte 
des Elastins. Zunahme der Muskelbündel ; Vergrößerung und Vermehrung 
der „schrägen Cutisspanner**. Plasmazellenherde zerstreut durch die ganze 
Cutis, teils selbständig, teils um die Gefäße, Haarbälge und Drüsen. 
Venen in ihrer Wandung verdickt, Lumen verengt. Arterien meistens 
normal. 



94 Oppenheim. 

Krzyatalowiozy Nikolski fanden ebenfalls Infiltrationen in 
der Cutis. 

Die Hautstücke, die das Substrat meiner histologischen 
Untersuchung bildeten, wurden von yerschiedenen Stellen und 
yerschiedenen Patienten excidiert. Die Stücke wurden in Al- 
kohol gehärtet, zum Teil in Paraffin, zum Teil in Celloidin 
eingebettet. Als Färbuugsmethoden wurden verwendet: Haema- 
toxylin-Eosin, Van Gieson, elastische Faserfärbung nach Unna, 
Tänzer und nach Weigert, Methylenblau, Methylenblau- 
Glyzerinäthermiscbung, Leprabazillenfärbungen nach den ver- 
schiedensten Methoden. Es fanden sich in fast allen Präpa- 
raten mit großer Konstanz folgende Verhältnisse (Fig. 1 u. 2) : 

Die Epidermis zieht über die Cutis teils glatt hinweg, 
so daß der Papillarkörper vollständig fehlt, teils sind einige 
verschmälerte Papillen zu sehen. Die Hornschicht ist dünn, 
nicht aufgefasert, das Stratum granulosum deutlich jedoch nur 
auf eine, höchstens zwei Zellagen beschränkt, die Stachel- 
zellenschicht in toto verschmälert, mit Pigmentkömehen er- 
füllt, die sich gegen den zur Oberfläche gerichteten Pol der 
Stachelzelle zusammendrängen und auch das Stratum corneum 
durchsetzen. Die Stachelzellen sind gut farbbar, ihre Epithel- 
faserung normal darstellbar. Die Basalzellenschicht deutlich 
ausgeprägt, reichlichst pigmentiert. 

In ihr sind zahlreiche Melanoblasten, die mit ihren Fort- 
sätzen nach allen möglichen Richtungen zielen. Die Grenze 
der Basalzellenschicht gegen die Cutis ist nicht überall scharf; 
manchmal ist dieselbe nur durch horizontal verlaufende basale 
Fortsätze der Melanoblasten kenntlich. In toto ist die 
Epidermis in jedem einzelnen Präparate gegenüber der Norm 
verdünnt. Auffallend ist das Fehlen von Haaren und Haar- 
follikeln. 

Die Epidermis verläuft in groben Wellenlinien, der mikro- 
skopische Ausdruck der feinen Fältelung. Größere zusammen- 
hängende Homauflagerungen finden sich nicht. 

Die ganze Cutis und Subcutis zellig infiltriert. Die zel- 
lige Infiltration ist am dichtesten um die Gefäße, und die 
Infiltrate werden umso dichter, je mehr sie sich der Subcutis 
nähern. Dort, wo noch Papillen vorhanden, sind diese am 
wenigsten zellig infiltriert, und auch die unmittelbar auf die 
Papillen folgende Schicht der Cutis ist ärmer an Zellen. Man 
erkennt, daß die Infiltrate zum Teil an den Verlauf der 
Gefäße, Nerven, Follikel, Schweiß- und Talgdrüsen gebunden 
sind; zum Teil sind auch selbständige Zellenherde vorhanden. 
In den meisten der durchgemusterten Präparate fehlen Haare 
und Follikel vollständig. Sind sie jedoch vorhanden, so sind 
sie atrophisch, vom Zellinfiltrat umgeben. 



über eine eigentümliche Form der Hautatrophie bei Lepra. 95 

Die Gefäße zeigen yerdickte WanduDgen; fast alle klei- 
neren Gefäße der Cutis sind bis auf ein winzig kleines Lumen 
yerschlossen, das von konzentrisch angeordneten Zellen mit 
langen, bogenförmigen Kernen umgeben ist Oft umgeben sechs 
Zellenreihen in schöuen Kreisen das punktförmige Lumen, 
wobei die Kerne vom Zentrum gegen die Peripherie immer 
plumper werden. Die Zellen der periphersten Lage zeigen 
oft Vacuolen. Es handelt sich hier also um einen obliteriernden 
Prozeß in den kleinsten und kleinen Arterien, die gewöhnlich 
auch das Zentrum eines Zeilinfiltrationsherdes okkupieren, wie 
es ja bei Lepra wiederholt beschrieben wurde. 

Die Zellen des Infiltrates sind nur zum geringen Teile 
kleine, mononucleäre Leukocyten, meistens sind es unregel- 
mäßig begrenzte, mehr oder weniger körnige Plasmazellen, 
die sich in den verschiedensten Stadien der Blähung und 
VacuolenbilduQg befinden. Mastzellen sind nur yereinzelt an- 
zutreffen. 

Die Schweißdrüsen befinden sich im Zustande der Dege- 
neration und sind von einem dichten Mantel runder und spin- 
deliger Zellelemente umgeben. Keine Riesenzellen. 

Die Färbung auf Leprabazillen ergab nun das Vorhan- 
densein solcher in reicher Zahl. Meistens liegen dieselben in- 
tracellulär, und zwar nicht in den normalen mononucleären 
Wanderzellen, sondern in den gequollenen und yacuolisierten 
Plasmazellen. Sie liegen zum Teil yereinzelt, jedoch selten, 
meistens in Gruppen und Kolonien, und zwar in manchen 
Zellen so dicht, daß sie den Kern abplatten. In den Gefäßen 
konnte ich sie nicht finden, ebensowenig im Epithel und in 
den Schweißdrüsen. Auch vereinzelt freiliegend waren sie an- 
zutreffen. Sie sind sehr gut farbbar, teils als komplette Stäbchen, 
teils als kettenförmig angeordnete Punkte oder als körnige 
Haufen. 

Mein Hauptaugenmerk war natüriich auf das Verhalten 
der elastischen Fasern gerichtet und in der Tat zeigte 
dieses die größte Analogie mit ihrem Verhalten bei der Mehr- 
zahl der bisher beschriebenen Fälle von Atrophia cutis 
idiopathica progressiva. Die Anzahl der elastischen 
Fasern ist sehr bedeutend vermindert ; an vielen Stellen fehlen 
sie vollkommen. Dort, wo Papillen sind, kann man kaum hie 
und da einige gequollene kurze Fasern erkennen, deren Enden 
wie abgebrochen aussehen. Dort, wo die Epidermis glatt über 
die Cutis hinwegzieht, fehlen sie gänzlich. An der Grenze 
zwischen Stratum papilläre und Stratum reticulare der Cutis 
zieht eine Reihe degenerierter elastischer Fasern parallel mit 
der Oberfläche der Haut; man sieht nur mehr gequollene 
Bruchstücke, Trümmer und kurze Stäbchen an Stelle der 



96 Oppenheim. 

normalen elastischen Fasern. Dies sind die einzigen Reste, 
die noch normale Elastinreaktion geben. Keine Spur einer 
elastischen Faser sieht man auch an den Stellen, wo die Zell- 
infiltrate liegen; sogar die Gefäße haben hier ihre elastischen 
Fasern gänzlich yerloren. 

In der Subcutis erscheinen die elastischen Fasern jedoch 
auch hier gegenüber der Norm vermindert. Sie machen jedoch 
hier den Eindruck, als wären sie in vermehrter Zahl vor- 
handen, eine Erscheinung, die nach Neumann darauf zurück- 
zuführen ist, daß durch Atrophie des Bindegewebes und Fett- 
gewebes die elastischen Fasern aneinandergerückt sind. De facto 
ist ihre Zahl vermindert. 

Das Ergebnis der histologischen Untersuchung ist dem- 
nach kurz zusammengefaßt folgendes : 

Die Hornschicht verläuft mehr geradlinig 
und ist stellenweise aufgefasert. Das Stratum 
granulosum überall vorhanden, auf eine dünne 
Zellage beschränkt. Kein Stratum lucidum. Die 
Malpighische Schicht fast allenthalben gleich- 
mäßig verschmälert, die Basalzelle nschicht deut- 
lich ausgeprägt. Das Stratum papilläre fehlt 
stellenweise ganz; ist es vorhanden, sind die 
Papillen klein und schmal. Die elastischen Fasern 
der Cutis bedeutend vermindert, stellenweise 
vollständig fehlend; wenn vorhanden, hochgradig 
degeneriert. Talgdrüsen, Haarfollikel fast 
gänzlich fehlend. Kein Fettgewebe. In der Cutis 
und Subcutis reichlichst Zellinfiltrate um die 
verschlossenen Gefäße und Schweißdrüsen. 
Allenthalben iminfiltrat sehr zahlreiche und gut 
färbbare Leprabazillen. 

Wenn wir diesen histologischen Befund mit den voran- 
stehenden Ergebnissen der bisherigen histologischen Unter- 
suchungen vergleichen, so ergibt sich bis auf wenige gering- 
fügige Ausnahmen eine überraschende Kongruenz. Namentlich 
stimmen die histologischen Bilder Buchwald, Pospelow, 
Colombini, Unna in auffallender Weise. Und gerade das 
sind die Fälle — mit Ausnahme des Befundes von Jordan, 
der bis auf Vermehrung der elastischen Fasern ebenfalls mit 
den meinigen Befunden übereinstimmt — die Unna als 



über eine eigentümliohe Form der Haatatrophie bei Lepra. 97 

charakteristisch für die Histologie der idiopathischen Haut- 
atrophie hinstellt. Bei allen diesen Autoren finden sich 
Atrophie der Stachelzellenschicht, Schwund des 
Papillarkörpers, Schwund des subkutanen Fettes, 
des Elastins. Endophlebitische Veränderung der 
Venenwandung, Atrophie der Haarfollikel, Talg- 
und Schweißdrüsen und das Vorhandensein Ton 
Zellinfiltraten. Auf den letzten Umstand legt Unna 
scheinbar ein geringeres Gewicht, indem dieser in seinen 
Postidaten des histologischen Bildes der idiopathischen Haut- 
atrophie nicht besonders hervorgehoben wird. Und doch 
scheint dieses Anzeichen einer Entzündung die Ursache der 
rätselhaften „idiopathischen" Atrophie anzudeuten. In den 
beschriebenen Fällen sind diese Zellinfiltrate, die freilich das 
ganze histologische Bild gewissermaßen beherrschen, nichts 
anderes als Leprome und diffuse lepröse Infiltrate,^) 
wie der konstante und reichliche Befund gut färbbarer Lepra- 
bazillen in ihnen beweist. Besonders bemerkenswert ist es, 
daß dieser Prozeß die Haut in diffuser Weise und gleich- 
mäßig befallen hat, daß wir es also hier mit einer uni- 
versellen leprösen Erkrankung der Haut zu tun 
haben, die klinisch als Hautatrophie in die Erschei- 
nung tritt. 

Ebenso bemerkenswert ist das gleichzeitige Bestehen der 
Infiltrate mit den atrophischen Veränderungen. 

Man hätte nur noch bei der Universalität der Atrophie 
an eine senile Atrophie der Haut zu denken; doch spricht 
einerseits, wie ich eingangs erwähnte, das Alter der Kranken 
dagegen, andererseits der histologische Befund, auch dann noch, 
wenn die leprösen Infiltrate nicht die genügende Erklärung für 
die Atrophie geben würden. 

Hub er hat in seiner Arbeit über idiopathische und 
senile Hautatrophie in einer Tabelle die mikroskopischen 
Befunde bei beiden Atrophien gegenüber gestellt und nach 

*) Über die Frage Leprom oder Leprid kommt mir kein Urteil 
SQ. Der reichliche Befand von Leprabazillen, die klinischen Erscheinnngen 
lassen die Zellinfiltrate als Leprome im Sinne Unnas (Ohren, Haare) 
und Leloirs erscheinen. 

Areh. f. Dennat. n. Sypb. Bd. LXVIII. 7 



98 Oppenheim. 

Yeigleich mit dieser konnte über die Stellung dieser Form 
der Hantatropbie auch ohne spezifische Krankheitsherde kein 
Zweifel obwalten. (Unterschiede bezüglich malpighischer und 
Papillarschicht, FärbungsTerhalten des Gorium, Verhalten der 
Drüsen, Haare, Follikel, der elastischen Fasern etc.) 

Es ist also zweifellos, daß die Atrophie der Haut in 
diesen Fallen durch deren lepröse Erkrankung, durch die 
Etablierung von Lepromen in Cutis und Subcutis bedingt ist 

Wenn auch in der senilen Haut ZeUinfiltrate regelmäßig 
angetroffen werden (Neumann, Unna, Krzystalowicz, 
Orbant, Himmel), so lehrt ein Blick auf die mikroäko- 
pischen Tafeln, daß diese ganz andere Bedeutung haben, als 
die „Plasmome** in der Haut der in Bede stehenden Fälle. 

Ob diese nun durch Druck zur Atrophie führen, oder ob 
eine Läsion der trophischen Nerven oder die Affektion der 
Gefäße die Ernährungsstörung der Haut bedingen, bleibt eine 
offene Frage. Alle drei Möglichkeiten müssen bei Lepra in 
Betracht gezogen werden, yielleicht kommen alle drei Momente 
gleichzeitig zur Aktion und bedingen diese hochgradige regres- 
siye Veränderung der Haut. 

Und so werden die Grenzen der unter das Erankheits- 
bild der Atrophia cutis idiopathica zu subsumierenden Fälle 
immer enger gezogen. Der Befund you Leprabazillen in den 
Zellinfiltraten und die Masse dieser trennt meine sonst als 
Atrophia idiopathica cutis universalis imponiereuden Fälle 
sofort von diesen und läßt für diese die Bezeichnung Der- 
matitis atrophicans leprosa universalis berechtigt 
erscheinen. 

Herrn Dr. A. Turkhud, dem Chefärzte des Lepraasyls 
Matunga, spreche ich zum Schluße meinen innigen Dank für 
seine bereitwillige Unterstützung aus. 



über eine eigentümliche Form der Hautatrophie bei Lepra. 99 



Literatur. 

Benützte Lebr- und Handbücher: 

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1896. Bd. IT. 

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Z in SS er. Ein Fall von symmetrischer Hautatrophie. Arohiv für 

Dermatologie. 1894. 

Erklärung der Abbildimgen auf Taf. VI— VIII. 

Fig. 1. Irimbuck Bhao, 30 Jahre alt, Hindoo. Lepra tuberosa. 

Fig. 2. Balla Mahadoo, 36 Jahre alt, Hindoo. Lepra tuberosa. 

Fig. 3. Rakhma Raghoo, 55 Jahre alt, Hindoo. Lepra tuberosa. 

Fig. 4. Ehusal Fakir, 41 J. alt, Hindo. Lepra maculo-anaesthetica. 

Fig. 5. Ghumbajee Succaram, 40 Jahre alt, Hindoo. Lepra maoulo- 
anaesthetica. 

Fig. 6. Schnitt aus der Rückenhaut. (Photographie Nr. 2.) F&rbung : 
Hämatoxylin-Eosin. Schwache Vergrößerung. 

Fig. 7. Schnitt aus der Oberarmhaut. (Photographie Nr. 3.) F&rbung : 
Ziehl-Neelsen. Immersion. 



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Archiv f. Dermatologie u Syphilis Band IXVm. 



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Morlz Oppenlieim: Dermaliiis ain)]ihicHns Ifpmsii mnwrsaKs ■..iiniM-im 






Aus der dermatologischen üniTersit&tBklinik CProfessor Jaoobi) 

m Freiburg i. Br. 



Zwei Fälle von ausgedehnten Ulzerationsprozessen 

an Mund und Genitalien, 
hervorgerufen durch Diphthenehazillen. 

(Suhakute Haut- und Schleimhaut-Diphtherie.) 



Von 



Dr. Th. Schwab, 

fHtherem I. ÄMistenton der UniTenitättbaatkllnik in Freiburg i. Br. 



Im Verlaufe der letzten Jahre hatten wir Gelegenheit, 
zwei interessante Fälle Yon Ulzerationsprozessen an der Vulva 
bei gleichzeitigen Geschwüren der Mundhöhle zu beobachten. 

Wegen der Eigenart des klinischen Verlaufes und bak- 
teriologischen Befundes sei es gestattet, die Fälle des genaueren 

mitzuteilen. 

Fall I. Anamnese : B. 8. Kind einer P. p. war bis znm 10. Lebens- 
jahre bei Pflegeeltern, seither in einer Erziehungsanstalt. Soweit sich 
feststellen ließ, war Pat., abgesehen von Masern im 7. und Typhus im 
18. Lebensjahre, immer gesund. Seit 8 Tagen bestehen Schmerzen beim 
Gehen und Wasserlassen. Ein Arzt stellte Lues fest und veranlafite die 
Überführung der Pat. in die Univ. -Hautklinik. Zu erwähnen wäre noch, 
daß in den letzten Monaten weder Diphtherie, noch irgend eine Halsent- 
zündung unter den zahlreichen Kindern der betreffenden Anstalt aufge- 
treten ist. 

Status: Am 6./iy. 1901. Bei dem anämischen 16jähr. Mädchen, 
das in der Entwicklung stark zurückgeblieben ist, ftllt neben einer 
mäßigen Gedunsenheit des Gesichtes fleckige Rötung mit einem Stich 
ins Blaue an beiden Wangen und Stime auf. Ebensolche Flecken sind | 

an den Armen yorhanden, die an den Streckseiten deutliche Keratosis 
pilaris aniweisen. Auf dem Rücken findet sich vom Nacken bis zum 
Kreuzbein herab in der Mittellinie feiner Haarwuchs. Im Munde be- 
merken wir an verschiedenen Stellen der Wangenschleimhaut und des 



102 Schwab. 

Zahnfleisches scharf umsohriebene Snbstaniverlaste. Am Bande derselben 
findet sich kaam eine VeränderuDg gegen die gesunden Partien, abgesehen 
Yon einem sehmalen, frischroten Saume. Ein nennenswertes Infiltrat fehlt. 
Mit dem festhaftenden gelblich- weißen Belag erreicht das Geschwfir ge- 
rade das Niveaa der fibrigen Schleimhaatoberfl&che. Bei st&rkerem 
Kratzen läßt sich die Auflagerung wie eine Membran abziehen, dabei 
tritt geringe Blutung und minimaler Schmerz ein. Spontan machen die 
ülzerationen keine Beschwerden, so daß Fat. erst durch uns von deren 
Anwesenheit erfuhr. Ihrem Sitze nach bevorzugen die Substanzverluste 
absolut nicht etwa Stellen, die einer mechanischen Läsion ausgesetzt 
sind, (Zahnfleischrand gegen die Zähne, Wange, da wo die Zähne an- 
liegen). Die Kranke hat eine mäßige Rhinitis,^) die, wie sie angibt, so 
lange wie die Genital-Affektion besteht. 

An den Labia minora und am Präputium clitoritis finden wir 
starkes Ödem. Gleichzeitig sind diese Teile blaurot gefärbt, zeigen aber 
keine Haut-Läsion. Bei Auseinanderziehen der Labien bekonunt man 
ein flaches Geschwfir zu Gesicht, das neben mäßiger Menge dfinnen Eiters 
einen festhaftenden, gelblichweißen Belag und einzelne nekrotische Fetzen 
aufweist. Dieses Geschwür, das in der Mitte nur wenig vertieft ist, um- 
faßt die mittlere Partie der Innenfläche der kleinen Labien und geht 
direkt bis zum mäßig infiltrierten Rande derselben. Hier finden sich 
einige, etwa stecknadelkopfgroße Pustelchen ; die Scheide ist, soweit man 
sehen kann — ein stärkeres Auseinanderziehen der Labien ist zu schmerz- 
haft — normal; das Hymen intakt. 

Die inneren Organe sind ohne Abnormitäten, der Urin ist frei von 
Eiweiß und Zucker, der Appetit ist erhalten, das Allgemeinbefinden zeigt 
keine Störung. Bei ruhigem Liegen und auch bei ganz vorsichtigem 
Gehen ist Fat. schmerzfrei. 

Da das vorliegende Krankheitsbild auf keine der an diesen Stellen 
häufiger vorkommenden Erkrankungen zu beziehen war, und im Ge- 
schwürssekret verdächtige Stäbchen zu sehen sind, hatte Prof. Jacobi 
sofort Verdacht auf Diphtherie, es wurden sogleich Kulturen angelegt, 
die aber nur Staphylo- und Streptokokken ergeben. 

ll./IY. Nach Anlage neuer Kulturen gelingt es heute 
endlich im hygienischen Institut, neben zahlreichen Sta- 
phylo- und vereinzeltenStreptokokken,reichlich typische 
Diphtheriebazillen zu finden. Darauf erhält Fat. abends eine 
Injektion von Behrings Serum Nr. 3. Der Status an diesem Tage ist 
kurz folgender: Abgesehen von einer Bronchitis leichten Grades, läßt 
sich an den inneren Organen nichts finden. Im Munde hat der Geschwürs- 
prozeß entschieden zugenommen. Wir haben runde und eckige ülzera- 
tionen, die aber überall noch denselben Charakter als flache Substanz- 
verluste mit festhaftendem Belage tragen. Auch an der Lippe und der 
Zunge sind ähnliche ülzera entstanden. Das Erythem an den Armen und 



') Leider wurde versäumt, Kulturen vom Nasensekret anzulegen» 



Zwei Fälle von aosgedehnten Ulserationsprozessen etc. 103 

im Gesicht besteht in gleicher Weise weiter. An den Genitalien 
sind seit einigen Tagen Postelchen aufgetreten, die teilweise kon- 
fluiert sind und dadurch die Ulzerationsfläche yergrößert haben. Die 
Geachwdrsfläche zeigt immer noch denselben Charakter wie anfangs, nur 
reicht sie jetzt vom bis zur Clitoris und hinten bis zur hinteren Kom- 
missur. Es besteht standig eine geringe Sekretion, leicht sanguinolenter 
Flüssigkeit. 

13./iy. Während sich gestern keine Besserung gezeigt hat — die 
Temperatur ist nachmittags sogar auf 40 gestiegen — so ist heute ent- 
schieden eine solche zu erkennen. Die Zungengeschwüre sind in Ab- 
heilung, an den Labien ist die Schwellung geschwunden und die Sekretion 
bedeutend vermindert. Da abends das Fieber wieder ansteigt, wird 
nochmals Serum Nr. 8 injiziert. 

16./IY. Nachdem die Temperatur am 14./IV. abends bis auf 87*7* 
gesunken, steigt sie heute auf 88'9® an. Gleichzeitig erscheinen auf den 
gestern gänzlich gereinigten Ulzerationen wieder Beläge, ja sogar nekro- 
tische Stellen. Die Sekretion ist stärker, die Genital-Ulzerationen sind 
schmerzhaft. Neue Pustelchen sind an der Außenfläche der Labien ent- 
standen, zum Teil in Gruppen geordnet, so daß bei der Anwesenheit eines 
Herpes febrilis der Uvula es sich auch hier sehr wohl um einen Herpes 
handeln dürfte. 

Der weitere Verlauf des Prozesses gestaltet sich nun folgender- 
maßen : Während einiger Tage bleibt der Status derselbe, die Temperatur 
überschreitet abends immer 39® und zeigt einen remittierenden Typus. 
Am 23./1 Y. beg^nt die Reinigung der Geschwüre, der sich eine Ausheilung 
derselben ohne weitere Störung anschließt. Nur an der Zunge zeigen 
sich am 27./iy. nochmals neue Ulzerationen, die aber sehr rasch wieder 
verschwinden. Am 8./V. ist an den Genitalien nurmehr eine Rötung zu 
sehen, während im Munde vollständige Restitutio ad integrum eingetreten 
ist. Das Erythem ist ebenfalls verschwunden. Die Temperatur zeigt am 
2./V. einen entschiedenen Rückgang unter 38®, wird jedoch erst vom 16 /V. 
ab normal. Am lO./Vl. wird Pat. entlassen, nachdem sie fast einen 
Monat frei von irgend welchen Erscheinungen gewesen ist. Nur noch 
eine mäßige Anämie erinnert an die überstandene Krankheit und eine 
weiche, von der umgebenden Haut sich höchstens durch einen leicht 
rötlichen Farbenton abhebende Narbe am labium majus. 

Therapeutisch haben wir, abgesehen von den schon erwähnten 
Serumiojektionen, Kali chloricum zum Gurgeln gegeben und an den 
Genitalien Umschläge mit Borsäurelösung machen lassen, da Pat. die an den 
ersten Tagen angewandte essigsaure Tonerde nicht ertrug* Zwischen die 
Labien kamen gleichzeitig mit Argentumlösung 1 : 3000 getränkte Kom- 
pressen. Daneben erhielt Pat täglich ein Sitzbad von dünner Lösung 
von Kali hypermanganicum. Intern wurde die ersten Tage bis zum 
Diphtheriebazillen-Nachweis Jodkali 1 g pro die gegeben. Später wurde 
von jeder weiteren inneren Medikation Abstand genommen. Die zwei 
Injektionen von Behring- Serum Nr. 3 haben keinen entschiedenen 



104 Schwab. 

Erfolg za verzeichnen gehabt. Da sie jedoch erst am 8. Krank- 
heitstage gemacht warden, können sie unsere Diagnose 
Diph th erie nie ht inFrage st eilen, weil der bakteriol ogische 
Befund zweifellos typische Diphtheriebazillen ergeben 
hat. Doch darauf wollen wir am Schlüsse noch zurückkommen. Pat. 
wurde nach ihrer Entlassung auÜB Land geschickt, kehrte dann wieder 
nach Monatsfrist in die Stadt zurück, wo sie sich ganz wohl befand, bis 
Anfang Mftrz folgenden Jahres. Zu einer Nachuntersuchung bestellt, 
ergab sich, daß wiederum an den (Jenitalien ülzera aufgetreten waren, 
von denen sich nach Angabe des hygienischen Institutes diphtherie- 
ähnliche Bazillen kultivieren ließen. Pat. konnte erst, als Mitte April 
Schmerzen auftraten, bewogen werden, sich in die Klinik au&ehmen 
zu lassen. 

Status: Das in seiner Ernährung immer noch etwas zurück- 
gebliebene Mädchen zeigt sehr blasse Schleimhäute. Augen, Ohren, 
I^ase 0. B. Am Zahnfleisch des Oberkiefers findet sich oberhalb der 
mittleren Schneidezähne an der Übergangsstelle zur Lippenschleimfaant 
eine hanfkomgroße Erosion mit weißlichem Belag, innerhalb eines wenig 
geröteten Bezirkes. Dieselben Veränderungen, nur an einzelnen Stellen 
ohne Membranen, sehen wir am Oberldeferzahnfleisch rechts, an der 
Wangensohleimhaut des Kieferwinkels, auf der Oberlippenschleimhaut 
nahe dem Mundwinkel, am Zahnfleisch des Unterkiefers unterhalb des 
linken Eckzahnes und an der Wangenschleimhaut gegenüber dem untern 
ersten Prämolaren. Auch diesesmal handelte es sich wesentlich um 
Lokalisation an Stellen, die nicht etwa mechanischen Irritationen aus- 
gesetzt sind. 

Es findet sich eine ganz geringe rechtseitige Struma. Bei der In- 
spektion zeigt der Thorax, abgesehen von einer leichten Abflaohung der 
Infra- und Supraklavikulargruben, nichts Abnormes. Lungengrenzen 
normal tief, gut verschieblich. Perkussionsschall sonor, an der rechten 
Spitze hinten leicht tympanitischer Beiklang. Linke Spitze hinten aus- 
gesprochene Dämpfung. Atemgeräusch überall vesikulär. R. u. 1., h. u. 
V. o. kleinblasige feuchte Rasselgeräusche, links zahlreicher als rechts. 
Am Herzen findet sich, abgesehen von einer geringen Verstärkung des 
2. Pulmonaltones, nichts Abnormes. Auf der Haut ist keinerlei Exanthem 
zu sehen. Abgesehen von einzelnen kirschgroßen Inguinallymphdrüsen 
besteht keinerlei Drüsenschwellung. 

Oenitalbefund: Bechts: Labium minus bedeutend reduziert, an 
der Innenseite dieses Rudiments sieht man im vorderen Teile ein un- 
regelmäßig begrenztes, quer ovales, überlinsengroßes, scharfrandiges, 
2 — 8 mm tiefes Geschwür mit oberflächlichem gelbem Belag. Ein zirka 
erbsengroßes Ulcus von demselben Charakter befindet sich auf dem narbig 
veränderten Labium majus nahe der hinteren Kommissur. 

Links: Labium majus gerötet und geschwollen. Medial im vorderen 
Drittel ein fast pfenniggroßes, mäßig tiefes Geschwür, dessen Umgebung 
wallartig ansteigt. 1 cm davon entfernt beginnt eine fast bis zur hinteren 



Zwei Fftlle von ausgedehnten Ukerationsprosessen eto. 105 

Kommissar reichende länglich ovale, grofie Ulzeration, auf der sich teils 
gelbliches Sekret, teils dentlich nekrotischer Belag und nach dem äußeren 
Rande zu Borken und Krusten befinden. Das Labium minus ist nur in 
der yorderen Hälfte erhalten, am hinteren Ende desselben dehnt sich ein 
über pfennigstückgrofies, unregelmäßig begrenztes, scharfrandiges, an 
einzelnen Stellen bis 4 mm tiefes, mit gelblichem Belage bedecktes €to- 
Bchwfbr aus, dessen Bänder nach innen dem Vestibulum zu sich deutlich 
wallartig emportürmen. An der hinteren Kommissur selbst ist ein kleines 
Geschwür. Im Yestibulum ist ziemlich viel gelbliches, dünnflüssiges 
Sekret, von den ülzera herrührend. Das Hjrmen zeigt rechts oben einen 
älteren Defekt,^) Hamröhrenöffiiung o. B. Da bei der ersten Untersuchung 
vor Monatsfrist diphtherieähnliche Bazillen gefunden wurden, bekommt 
Fat, obgleich der Nachweis von solchen nicht wieder gelangen — es 
sind nur Streptokokken und Pseudodiphtheriebazillen gewachsen — eine 
Serumiigektion Nr. 3. Da kein deutlicher Erfolg, zweite Serumiigektion 
Nr. 8 am 21./iy. 

28./IV. Eine unzweideutige Besserung ist auf Serum nicht einge- 
treten; zwar haben sich die Ulzera an den Genitalien gereinigt, vielleicht 
sogar am Labium majus sinistram etwas verkleinert, aber die Temperatur 
seig^ keine Änderung und am Zahnfleich des Oberkiefers namentlich 
rechts erscheinen neue Geschwfire; die übrigen in der Mundhöhle sind 
grüßer geworden. Am Tage nach der zweiten Seruminjektion ist eine 
Urtikaria aufgetreten, die über den ganzen Körper zerstreut, heftiges 
Jucken hervorrief und 6 Tage dauerte. 

In den nächsten Wochen überhäuten sich, allerdings sehr langsam, 
die Genitalgeschwüre, bis auf einzelne Stellen, die keinerlei Heilungs- 
tendenz zeigen. Im Munde erscheinen zahlreiche Schübe von ülzera- 
tionen, die alle genau den bisher beschriebenen entsprechen. Gleichzeitig 
sehen wir neben recht hohen Nachmittagstemperataren starke Bemissionen 
bald schon in später Abendstunde, bald erst am frühen Morgen folgen. 
89*4* und wenige Stunden später 87* wird öfter gemessen. Merkwürdig 
gut ist während dieser ganzen Zeit das Allgemeinbefinden. Das Blut 
weist eine leichte Leukocytose auf, Blutkulturen bleiben immer steril. 
Vom 81./y. an treten nur vereinzelt Mundulzera auf, und gleichzeitig 
sinkt die Temperatur unter 88*. 

In den ersten Tagen des Juni ist eine geringe Verschlimmerung 
an den Genitalien zu verzeichnen, wie uns der Status vom 6./VI. zeig^ 

6./VL Beiderseits einzelne bis bohnengroße, deutlich abgrenzbare 
Inguinal- und Schenkeldrüsen. An der hinteren Kommissur ist im Ge- 
biete der weißen strahligen Narbe (einer Stelle, die erst seit wenigen 
Tagen überbautet ist) links eine nicht ganz erbsengroße, ziemlich tiefe, 
gereinigte Ulzeration. Rechts findet sich über diese Narbe nach hinten 
hinausgreifend, ein etwa pfenniggroßes Geschwür, das aus einzelnen 
kleinen, mit gelblich-schmutzigem Belege versehenen Ulzera konfluiert ist. 



^} Von Geschwüren bei ihrem ersten Aufenthalte herrührend. 



106 Schwab. 

Nach vorn za schließen sich Geschwüre an von derselben Größe, zum 
Teil ohne Belag, bis znm Radiment des rechten Labinm minus, das an 
seiner inneren Fläche wiedemm ein Ulcus trägt. Links ist das Labium 
minus und Umgebung YÖlIig überbautet ; auf und neben dem narbig ver- 
änderten Labium majus zeigt sich eine 4—6 cm lange und l^-lVt ^"^ 
breite, anscheinend aus kleinen Ulzerationen konfluierte Fläche mit etwas 
erhabenen Rändern und weißgelblichen Belag. 

An der Uvula finden sich ganz kleine Erosionen. Hier, wie an den 
vorderen Gaumenbögen besteht leichte Bötuug. An der Zunge sind 
die Erosionen abgeheilt, eine geringe Einkerbung zurücklassend. 
Die Zunge zeigt mäßigen Belag. Die Schleimhaut der rechten Wange 
ist wieder normal. Links finden sich kleinste Erosionen an der Umschlags- 
falte zum Zahnfleisch. Im Oberkiefer sind in ganzer Ausdehnung von 
Eckzahn zu Eckzahn zahllose, aber kaum steckuadelkopfgroße, oberfläch- 
liche Substanzverluste ohne Membranbildung. Ebensolche sieht man an 
der Schleimhaut der Oberlippe, wo einzelne Hanfkorugröße erreichen. 
Die gleichen Ulzera zeigt in geringer Anzahl das Zahnfleisch des Unter- 
kiefers rechts und die gegenüberliegende Wangenschleimhaat. 

Im Munde erscheinen weiterhin nur vereinzelte Ulzera. An den 
Genitalien tritt, nach vorübergehender Besserung nochmals für wenige 
Tage eine Progredienz der Geschwüre ein, macht aber bald einer defini- 
tiven Heilung Platz. Die Temperatur, die, wie erwähnt, bis zum 29./y. 
einen remittierenden Typus zeigte (Abendtemperaturen über 39®, Morgen- 
temperaturen von 37*^), ist bis zum 28./yiI. nur noch wenig erhöht (Ma- 
ximum 88®), von da ab normal. 

Beim Verlassen des Hospitals wird folgender Befund aufgenommen : 

29./yiII. Pat. sieht gesund und kräftig aus, hat an Gewicht ganz 
erheblich zugenommen, 97i ^^ und erfreut sich besten Allgemeinbefindens. 
Im Munde ist am Zahnfleisch, wie Wangen- und Rachenschleimhaut 
völlige Restitutio ad integrum eingetreten. Die Genitalien zeigen an 
stelle der Geschwüre weiche Narben, die sich kaum in der Farbe von 
der Umgebung abheben. Eine derartige Narbe umfiißt das ganze Labium 
majus rechts. Das Labium minus dieser Seite ist auf einen kleinen vor- 
deren Teil reduziert. Links ist es nur in seinem hinteren Drittel in 
Verlust geraten ; das Hymen ist teilweise zerstört. Die Einführung eines 
dünnen Fergussin Spekulums ergibt, daß die Schleimhaut der Vagina 
und portio durchaus normal ist. 

Was die Therapie bei dem 2. Aufenthalte der Pat« betrifft, so hat 
sie innerlich nichts erhalten. Subkutan wurden zwei Iigektionen von 
Behring-Serum Nr. 3 gemacht. Lokal wurden Sitzbäder von verdünnter 
essigsaurer Tonerde gegeben; in den Pausen zwischen den einzelnen 
Bädern wurden die Genitalien mit Jodoformpulver eingepudert, darüber 
kamen Umschläge mit essigsaui*er Tonerde. Die Mundulzera suchte man 
anfangs durch Pinselung mit Jodoform-Alkohol-Äther zu beeinflußen, er- 
kannte aber bald die Nutzlosigkeit dieser Therapie und ließ nur häufig 
Ausspülungen mit verdünnter essigsaurer Tonerde machen. 



Zwei Fälle von aasgedehnten Ulzerationsprozessen etc. 107 

l./VIII. 1908. Nach eingezogenen Erkundigangen erfreut sich Pat. 
bi8 jetzt des besten Wohlbefindens. 

Fall 2. Anamnese. B. M., 16 J. alt. Abgesehen von Rhaohitis 
in ihrem 1. Lebensjahre, will Pat. bis zn ihrer jetzigen Krankheit gesund 
gewesen sein. Im Oktober 1900 traten zuerst Ulzerationen im Munde 
auf, die bis zu ihrer Aufnahme ins Hospital nie ganz yerschwanden und 
nach ihrer Angabe genau so aussahen, wie die von uns beobachteten. 
Zeitweise waren Halsschmerzen yorhanden, Schnupfen fehlte immer. 
Pat. arbeitete noch bis Weihnachten 1900 als Kindermädchen auf dem 
Sehwarzwalde, mußte sich aber in den letzten Tagen des Dezember 
wegen Müdigkeit und Abgeschlagenheit zu fiette legen. Anfang Januar 
bemerkte Pat. zuerst ein Geschwur an den Genitalien. Es vergrößerte 
sich eine Zeitlang, wurde dann kleiner, breitete sich dann wieder aus, 
und als es Markstnckgröße erreicht hatte, wurde ein Arzt geholt. Es 
war dies Ende Februar 1901. Dieser verordnete Umschläge, Ausspülungen 
und Sitzbäder, ätzte auch öfters mit Lapis und ließ schließlich, als sich 
keine Tendenz zur Heilung zeigte, eine Schmierkur mit grauer Salbe 
machen. Da nach 6—6 Wochen noch kein Erfolg zu sehen war, schickte 
er Pat. ins hiesige Hospital, gleichzeitig teilte er uns außer seinen oben 
erwähnten therapeutischen Maßregeln mit, daß ein Exanthem nie auf- 
getreten sei. Den Angaben der Pat. wäre noch zu entnehmen, daß die 
ihr anvertrauten Kinder die ganze Zeit gesund waren. Diphtherie, oder 
auch nur Halsentzündungen, fehlten bei ihren Pflegbefoblenen ebenso 
wie zu Hause, wo weder ihre Eltern, noch ihre beiden Brüder von 
8 und 12 Jahren in der Zeit vor oder während ihres Leidens erkrankten. 
Abgesehen von einer gewissen Müdigkeit und Abgeschlagenheit, die sie 
nur außerhalb des Bettes empfindet, hat sie keinerlei Beschwerden, Appe- 
tit und Schlaf ist immer g^t gewesen. 

Status vom lO./YII. Die blasse Pat. läßt auf der Haut keinerlei 
Exanthem erkennen. Die Lymphdrüsen sind nicht wesentlich geschwellt, 
mit Ausnahme zweier der linken Inguinalgegend. Die Mundschleimhaut zeigt, 
abgesehen von 2 Stellen der linken Tonsille, die eine entfernte Ähnlichkeit 
mit Plaques opalin. aufweisen, nichts, was auf Lues hindeutete. An den 
Genitalien findet sich links, in der Mitte des großen Labiums übergreifend 
auf das Labium minus eine etwa Smarkstückgroße Geschwürsfläche; ,die 
Ränder derselben sind erhaben und mäßig infiltriert, der Grund ist stark 
vertieft und mit Membranen von graugelber Farbe bedeckt, unter denen 
es bei Berührung sogleich blutet. Das Geschwür fühlt sich außerordent- 
lich derb an, ist dabei gar nicht schmerzhaft, Hymen erhalten, Introitus 
ohne Besonderheiten. Lungen ohne Abnoimität; am Herzen läßt sich 
ein leises systol. Geräusch an der Spitze feststellen (wohl anämisches 
Geräusch). Bauchorgane o. B. Urin frei von Eiweiß und Zucker. 

17./Vn. Die Plaques verdächtigen Stellen sind ohne jede Therapie 
verschwunden. An der Schleimhaut der Unterlippe ist rechts V| cm vom 
Lippenrand und etwa 1 cm vom Mundwinkel ein etwa stecknadelkopf- 
großes GesohwQr entstanden. Es ist nur wenig gegen die Umgebung 



108 Schwab. 

vertieft, so daß mit seinem festanhaftenden granen Belag gerade das 
Niveau der Schleimhaat- Oberflache erreicht wird. Der Rand ist kaum 
gerötet; die ülzeration ist nur wenig schmerahaft. Das Genitalgeschwfir 
hat sich entschieden vergröfiert, die Infiltration der Umgebung hat an- 
genommen. 

20yyil. Das Geschwür an der Lippe hat sich sowohl nach der 
Fläche wie nach der Tiefe weiter ausgedehnt und zeigt deutlich infil- 
trierten Rand. Aus dem gestern von ihm zu Kultnrzwecken entnommenen 
Belag ließen sich diphtherieverd&chtige Bazillen im hygienischen Institut 
zUchten. Auf der Zunge ist in der Nähe der Spitze eine leichte, wenig 
schmerzhafte Bötung entstanden. Wegen des Bazillenbefundes wird eine 
Einspritzung mit Serum Nr. 8 gemacht. 

22./VII. Das Genitalgeschwür hat sich in allen Dimensionen ver- 
größert; wo Infiltration bestanden hatte, ist Zerfall eingetreten, so daß 
jetzt am Rande des Ulcus kaum Infiltration und nur geringe livide 
Färbung zu sehen ist Der Geschwürsgrund ist ziemlich vertieft und 
immer noch mit festanhaftendem Belage versehen. Die Lippenulzeration 
ist gleich geblieben. An der Zungenspitze findet sich eine etwa steck- 
nadelkopfgroße, scharf abgegrenzte Ulzeratlon in kaum geröteter und 
nur minima] infiltrierter Umgebung. Ihr graugelber, festheftender Belag 
liegt im Niveau der übrigen Schleimhautoberfläche. Rechts findet sich 
an der Seite der Zunge, etwa am Ende des vorderen Drittels eine um- 
schriebene Rötung. Injektion von Serum Nr. 2; die erste Einspritzung 
zeigte keinerlei Wirkung. 

2d./YII. Auch heute sieht man keinen Erfolg von der Injektion. 
Das Genitalgeschwür ist gut ömarkstückgroß und zeigt am Rande immer 
noch leichte Infiltration. Es umfaßt die Innenfläche des ganzen großen 
Labiums links bis auf das vordere Drittel. Nach hinten reicht das Ulcus 
bis zur Kommissur; sein Belag läßt sich nur schwer abwischen, dabei 
empfindet die Pat. Schmerz und gleichzeitig blutet die Geschwürsfläche. 
Das Infiltrat des Geschwürsgrundes ist immer noch sehr stark, wenn es 
auch gegen Anfang des Spitaiaufenthaltes zurückgegangen ist. Die 
Mundgeschwüre, 8 an der Zahl, schmerzen beim Essen in geringem 
Grade. Das bohnengroße Lippenulcus ist ziemlich vertieft mit entzündetem, 
wallartigem Rande versehen. Die Zungenulzerationen zeigen festhaften- 
den Belag. Ihr Rand ist kaum infiltriert. Das Allgemeinbefinden ist 
ungestört. 

In den folgenden Tagen heilen die Mundulzera ab, von Zeit zu 
Zeit entstehen jedoch immer noch einzelne neue von demselben Charakter. 
Die Genitalgeschwüre breiten sich bis zum 9./ VIII. weiter aus, dann tritt 
Stillstand und Reinigung der Ulzera ein. 

Daß jedoch die Besserung noch keine dauerhafte ist, zeigt uns der 
Status vom 22./V1II., nach dem wiederum Beläge auf schon gereinigter 
Geschwürsfläche erschienen sind. In den nächsten Tagen vergrößern sich 
Hogar die Inguinallymphdrüsen und werden schmerzhaft 



Zwei Fälle von Mugedehnten ülierationsprozessen eto. ]09 

Doch nftch kurzer Zeit gehen alle Erscheinungen von seiten der 
Drdaen zurück und die Ulzera zeigen abermals einen Stillstand, nach ca. 
14 Tagen jedoch beginnen sie von neuem wieder zu wachsen, wie aus 
dem Status vom 14i/IX. herrorgeht. 

14 ./IX. Seit gestern klagt Pat. ikber Schinokbeschwerden. Die In- 
spektion ergibt ein Idrschkemgroßes, wie mit dem Locheisen geschlagenes, 
tiefes, eitrig belegtes Geschwür an der linken Tonsille. Letztere zeigt 
im übrigen gar keine pathologischen YerändernngeD. Die Lymphdrüsen 
am Halse sind nicht wesentlich geschwollen. Die ülzeration an den 
Genitalien ist auf der rechten Seite weiter gegangen, sodaß jetzt eine 
Geschwürsfl&che besteht, die die hintere Hälfte beider großen Labien 
umfaßt, einschließlich der hinteren Kommissur. Überall findet sich gelb- 
lioher, festanhaftender Belag. Die Fläche ist besonders in ihrem hinteren 
Teile sehr schmerzhaft in der Ruhe wie bei Bewegung oder Berührung. 
Die Umgebung des Geschwüres ist wenig infiltriert und kaum druck- 
empfindlich. Es wird wiederum Serum Nr. 3 injiziert. 

16/lK, Objektiv ist nur an einer Stelle der Belag etwas weniger 
dicht. Dagegen hat Fat. heute nur geringe Schmerzen und hat auch 
die letzte Nacht besser geschlafen. Die Kultur von den Tonsillen ergab 
nur Streptokokken. 

Noch einige Tage schreiten die Genitalgeschwüre weiter, dann tritt 
Stillstand ein. Die Ulzerationen reinigen sich, werden aber jetzt für 
kurze Zeit sehr schmerzhaft. 

Allein bald entstehen, nicht nur im Munde, sondern auch an den 
Genitalien neue Geschwüre. 

24./X. Fat. hat die letzte Nacht schlecht geschlafen, die Tempe- 
ratur ist gestiegen, ebenso die Fnlsfrequenz, die gestern abend 144, heute 
früh 120, heute abend 182 beträgt. Appetit gut. Während sich gestern 
am Herzen noch keine Veränderungen nachweisen ließen, besteht heute 
ein deutliches systolisches Geräusch an der Spitze bei yerstärktem 
Pnlmonalton. Die Herzdämpfung reicht oben bis zur zweiten Rippe, 
links in die Mammillarlinie, rechts zum rechten Stemalrand ; der Spitzen- 
stoß ist im 6. IntercoBtalraum deutlich sieht- und fahlbar in der Mam- 
millarlinie. An den Lungen ist perkutorisch nichts nachweisbar. Bei 
der Auskultation hört man links hinten oben yereinzelte Rasselgeräusche, 
sonst keine Abnormitäten. Urin ohne Eiweiß und Zucker. Fat. klagt 
über geringes Magendrücken; der Stuhlgang ist in Ordnung. An der 
wenig geschwollenen, linken Tonsille zeigt sich im oberen Teil ein be- 
legtety ganz kleines Geschwür.^) Es bestehen geringe Schluckbeschwerden ; 
an der Haut finden sich rechts in der Mammillarlinie und etwas nach 
Yom und hinten übergreifend, teils vereinzelte, hellrote Fapelchen, teils 
Pnstelchen. Einzelne Fapeln sind ringförmig angeordnet, ein Infiltrat 



') Kulturell lassen sich hier nur Staphylo- und Streptokokken 
nachweisen. 



110 Schwab. 

fehlt ginslich, Jucken ebenso.^) Die ftoßeren Geoitalien sind ödematös, 
deutlich Ahlt man die Lymphgefäße cu den Lymphdrüsen hinziehen, 
letitare eind siemlioh getchwellt, rechts weniger als links und wenig 
druckempfindlich. An der Innenfl&che der kleinen Labien ist je ein 
ttber sehnpfennigstfickgrofiesy mit festanhaftendem, gelblich -weißem Belag 
versehenes, bei Berühmng ziemlich schmerzhaftes Geschwur. Etwas nach 
hinten und innen davon finden sich kleinere ülsera, die Reste der ab- 
heilenden f^rüheren Geschwüre. Auf jeder Seite der Analö£fbung ist ein, 
etwa kirschkemgroßes Geschwür. 

25./X. Die Temperatur ist zurückgegangen, das Allgemeinbefinden 
besser. Am Herzen ist nichts Abnormes nachweisbar. Urin frei von 
Eiweiß und Zucker. Diazoreaktion negativ. Das Exanthem hat sich 
weiter gegen Brust und Rücken ausgebreitet, verursacht jedoch keine 
Beschwerden. 

28./X. Pat. ist ganz fieberfrei. Der Ausschlag an Brust und Rücken 
hat sich nicht weiter ausgebreitet, hat sich auch nicht über die Papel- 
bildung hinaus entwickelt. Die EfHoreszenzen werden flacher, blassen 
ab und zeigen nur ganz geringe Schuppung. Der Juckreiz ist sehr gering, 
an den Extremitäten ist kein Exanthem aufgetreten. Die Genitalulzera- 
tionen sind frei von Belag uud bluten leicht. Die beiden zirkumanalen 
Geschwüre sind jetzt etwa markstückgroß und konfluieren fast Infiltration, 
wallartig erhöhte Ränder, fehlen gänzlich. Auf jeder Seite sind an der 
Linenfläche der Labia minora bzw. auf den Resten derselben, flache, 
wenig belegte Ulzera. Ihre nächste Umgebung ist ödematös; die gestern 
sehr heftigen Schmerzen an den Genitalien haben aufgehört Die Lymph- 
drüsen der Inguinalgegend siud nur wenig geschwollen, links etwas 
schmerzhaft. 

In kurzer Zeit schwindet das Exanthem völlig. Die Genitalgeschwüre 
heilen im Verlaufe des nächsten Monates ohne neue Exazerbation ab. 
Im Munde erscheinen fast bis zar Entlassung immer wieder vereinzelte 
typische Ulzera. 

In ihrem Aussehen und ihrer Entwicklang entsprechen sie den bis 
dabin beschriebenen dieses Falles, wie auch den Mundgeschwüren von 
Fall I. Nur sei hervorgehoben, daß sie niemals in der Massenhaftigkeit 
aufgetreten sind, wie bei der ersten Pat Dementsprechend ist die Tem- 
peratur im Falle II auch immer niedriger geblieben und hat 88^ nur 
einmal überschritten, als eine heftige Streptokokkenangina einsetzte, 
(am 23./X. und 24./X.) 

Am 24./XII. wird Pat aus dem Hospital entlassen, dabei wird fol- 
gender Befund festgestellt: Pat. sieht gut aus und hat an Gewicht in den 
letzten sechs Wochen über 6 Pfund zugenommen. Appetit und Schlaf ist 
ausgezeichnet Schmerzen hat Pat nur noch ganz wenig beim Essen an 



') Dieses Exanthem rührt wohl samt den Allgemeinbeschwerden 
von Jodkali her, das die Pat in den letzten Tagen erhalten hat Das 
Mittel wird nunmehr ausgesetzt 



i 



Zwei Fälle von ausgedehnten Ulzerationsprozessen etc. Hl 

der nouli nicht abgeheilten ünterlippenulzeration. Lähmungen sind heute 
ebenso wenig, wie sn irgend einer Zeit ihres Hierseins zu konstatieren. 
Hers o. B., Lungen o. B. Urin frei von pathologischen Zusätzen. An 
den Genitalien findet sich nirgends mehr eine Ulzeration, obgleich seit 
dem 18 /Xn. jede Behandlung unterblieben war. Die Vulva klafft, da 
die Labia major, großenteils verschwunden sind und an ihrer Stelle 
blänlich- weiße Narben sich befinden. Von den kleinen Labien ist nur 
noch das Tordere Drittel erhalten. Bis zum Anus das ganze Perineum 
entlang, sind dieselben Narben ; Pigmentation jeder Art fehlt. Die Lymph- 
drüsen zeigen keinerlei Schwellungen. Es wird nochmals abgeimpft und 
zwar von der Mundulzeration und dann von, der Oberfläche der Narben 
an den Genitalien. Die Untersuchung ergab im Munde Staphylo- und 
Streptokokken, an den Genitalien die typischen, diphtherieähnliohen 
Stäbchen neben Eolibazillen. Nach 8 Wochen hat sich Fat. nochmals 
gezeigt; jetzt fehlte jede Ulzeration; die Geschwüre im Monde waren 
nach ihrer Angabe in etwa 8 Tagen geheilt und neue Ulzera sind bis 
jetzt nicht aufgetreten. Kulturen von Abstrichen der Genitalnarben, die 
dbrigens seit der letzten Untersuchung sich nicht verändert haben, 
blieben steril. 

Therapeutisch haben wir in diesem Falle ebensowenig wie im ersten 
besondere Erfolge zu verzeichnen. Die Seruminjekiionen haben keinerlei 
augenfällige Besserung gebracht. Das Einreiben mit grauer Salbe war 
gänzlich wirkungslos. Jodkali konnte wegen Allgemeinstörungen nicht 
längere Zeit angewandt werden. Auch von der Lokaltherapie können wir 
uns nicht befriedigt erklären. Neben Sitzbädern mit Kalium hyperm., 
Arg. essigsaurer Tonerde, wurde in der Zwischenzeit angewandt: Ein- 
pudern mit Jodoform ; Einpinseln mit Jodoform- Alk.-Äther oder Jodtinktur 
oder 96er Alkohol, oder Tolnol-Alk. mit Ferr. sesqui chloratum. Ätzungen 
mit Acid. carboL ließen auch im Stiche. Schließlich schienen Jodoform- 
Einpuderungen und Umschläge mit essigsaurer Tonerde noch am besten 
zu wirken. Auch die Mundulzerationen waren durch keine Therapie zu 
beeinflußen. Wir beschränkten uns zuletzt auf einfach desinfizierende 
Mundwässer. 

Fassen wir nochmals kurz die beiden Krankbeitsbilder 
zusammen, zuerst das zuletzt beschriebene. Bei Fall 2 be- 
steht ein streng auf die Mundhöhle und äußere Genitalien 
beschränkter Geschwürsprozeß. Wir finden im Munde flache, 
mit fibrinösem gelblich -weißem, ohne Blutungen nicht entfem- 
baren Belag versehene Substanzverluste, die ohne Vorboten 
plötzlich auftreten und im allgemeinen keine stärkeren Be- 
schwerden verursachen. In der Regel scheinen sie von durch- 
aus normaler Haut umgeben und weisen keinerlei Infiltrat auf. 
Sie yergrößem sich nur kurze Zeit in geringem Maße, um nach 



112 Schwab. 

kürzerem oder längerem Stilktand bald ohne, bald unter ganz 
geringer Narbenbildnng zu verschwinden. In ihrer Lokali- 
sation bevorzugen sie durchaus nicht etwa Stellen, die mecha- 
nischen Insulten von Seiten der Zähne ausgesetzt sind und 
erscheinen gerade so gut an der Wangenschleimhaut, wie am 
Zahnfleisch. Während sie auch an der Zunge denselben Cha- 
rakter aufweisen, besteht an der Lippenschleimhaut ein erheb- 
licheres Infiltrat, wenn auch nicht in der Stärke, wie an den 
Genitalien. Hier finden wir ausnahmslos, so lange der Oe- 
schwürsprozeß progredi Ait ist, starke Infiltration der Umgebung, 
vielfach sogar ein weit ausgedehntes, entzündliches Odem. 
Die Ulzera sind meistens viel tiefer und mit einem dicken, 
fibrinös-eitrigen Belage versehen, der ohne Blutung und ohne 
Schmerzen nicht entfernbar ist. Die einzelnen Geschwüre 
haben im allgemeinen einen viel längeren Bestand, als in der 
Mundhöhle, bleiben auch m3ist nicht auf das zuerst ergriffene 
Gebiet beschränkt, sondern dehnen sich längere oder kürzere 
Zeit weiter aus. Bei der Abheilung entstehen Narben, irgend 
welche Pigmentation fehlt jedoch gänzlich. In eigenartigem 
Gegensatze zu dem schweren und langdauernden Ulzerations- 
prozeß an den Genitalien steht die geringe Beteiligung des 
zugehörigen Lymphapparates. Nur während der Akme finden 
wir eine, jedoch sehr mäßige, wenig schmerzhafte Schwellung 
einzelner Lymphdrüsen und Lymphstränge. Sowie der Prozeß 
nur wenig sich bessert, verschwinden hier sofort alle Erschei- 
nungen. Die übrigen, einer Palpation zugänglichen Körper- 
lymphdrüsen lassen jede pathologische Veränderung vermissen. 
Der Krankheitsprozeß bleibt also streng auf das ergriffene 
Gebiet beschränkt. Dementsprechend wird das Allgemein- 
befinden so gut wie gar nicht in Mitleidenschaft versetzt, eine 
erheblichere Temperatursteigerung unterbleibt. Denn das vor- 
übergehende Fieber müssen wir wohl ebenso, wie die Störungen 
des Allgemeinbefindens das eine Mal auf eine zufallige Strepto- 
kokken-Angina, das andere Mal auf Jodkaliwirkung zurück- 
fuhren. 

Fall I zeigt hinsichtlich der Mundgeschwüre genau das- 
selbe Bild wie Fall IL Auch hier bleiben die Halslymph- 
drüsen vollkommen frei von allen Erscheinungen, und nach 



t'/ 



Zwei Fälle von ausgedehnten Ulzerationsprozetsen etc. 113 

kürzerem oder längerem Bestände heilen die Ulzera ohne 
tiefere Narbenbildung. Während der ersten Attacke der 
Krankheit — unserer Ansicht nach haben wir es bei der 
2. Aufiiahme der Pat. mit einem Besidiy des Leidens su ton 

— ist der Prozefi ein aknterer, rascher ablaufender (Dauer 
ca. 2 Monate). Die Temperatur erreicht bedeutende Steiger- 
ungen« bis 40®. Allein auch hier leidet das Allgemeinbefinden 
kaum. An den Genitalien findet sich während der Progredienz 
ebenfalls ödem der Umgebung, festhaftender Belag des Oe- 
schwnres, abweichend von Fall 11 und entsprechend der 
gröfieren Intensität des Erankheitsprozesses, teilweise Ne- 
krosen. Welche Bedeutung das Erythem an Gesicht und 
Händen hatte, liefi sich nicht genau eruieren. Bei der Wieder- 
aufiiahme nach fast 10 Monaten treffen wir abermals die charak- 
teristischen Mundulzerationen an, wiederum fehlt die Drüsen- 
Schwellung — yon einer leichten, Yorübergehenden Vergrößerung 
und Schmerzhaftigkeit der Inguinaldrüsen wird zwar berichtet — 
fast gänzlich, trotzdem diesmal die Dauer und Intensität der 
Gtonitalveränderungen yiel stärker sind, als beim ersten Auf- 
enthalte. Auch die subjektiven Symptome treten in höherem 
Maße herror, teilweise bestehen erhebliche Schmerzen an den 
Mund- wie Genitalgeschwüren. Aber das Allgemeinbefinden 
leidet trotz länger dauerndem und zeitweise recht hohem 
Fieber nicht wesentlich. Inwieweit der Prozeß an den Lungen 

— ob Tuberkulose oder nicht, ließ sich nicht sicher fest- 
stellen — die erhöhten Temperaturen mitbedingt hat, können 
wir nicht sicher entscheiden. Als Pat. nach 6 Monate langem 
Aufenthalte in der Klinik — die Dauer der Neuerkrankung 
datiert mindestens noch einen Monat weiter zurück — ent- 
lassen wird, ^ist Herz- und Lungenbefund ein normaler und 
die Ulzera sind ohne jede Pigmentierung, im Munde sogar 
ohne Bildung tieferer Narben abgeheilt. Trotz gewisser Ab- 
weichungen in beiden Erankheitsbildem möchten wir die Fälle 
doch als derselben Krankheit zugehörig ansehen. 

Lassen wir den Bazillenbefund zimächst außer Betracht, 
so käme differentialdiagnostisch in erster Linie Lues oder 
'^ Tuberkulose in Frage. 



Areh. f. Darmat. n. Sjph. Bd. LXVIII. g 



4 



}14 Schwab. 

Gegen Lues spricht so ziemlich alles im klinischen Be- 
flmd. Wohl ist einmal im Fall I wie II von einer Plaque 
opalin. verdächtigen Stelle im Munde die Rede, die allerdings 
nur einen Tag besteht, allein die übrigen Geschwüre im Munde 
haben mit Plaques-opaL, bezw. zerfallenden Schleimhautpapeln 
nicht die entfernteste Ähnlichkeit Die flachen, mit .fibrinösem 
Belag versehenen Ulzera, deren Umgebung kaum jemals irgend- 
welche Entzündungserscheinungen aufweist, können durchaus 
nicht als Effloreszenzen der Sekundärperiode imponieren. Für 
solche der tertiären waren sie durchgehends zu oberflächlich, 
bestanden zu kurze Zeit und heilten auch ohne tiefere Narben- 
bildung ab. 

Die Genitalgeschwüre der Sekundärperiode zuzurechnen, 
geht auch nicht an. Es bestand keine einzige EfQoreszenz. 
die nur entfernte Ähnlichkeit gehabt hätte mit einem Condy- 
loma latum oder mit zerfallenden Papeln. Dazu kommt die 
Abheilung ohne jede Pigmentation, was uns auch unmöglich 
macht, die Genitalulzerationen dem tertiären Luesstadium zu- 
zurechnen; und Stellen, die nur entfernt einem tubero-serpigi- 
nösen oder gummösen Syphilid ähnlich gewesen wären, hatten 
beide Fälle niemals au&uweisen. 

Gegen die Diagnose einer sekundären Lues wäre außer- 
dem noch heranzuziehen das Fehlen der spez. Drüsenschwellung 
— es traten zwar an den Inguinaldrüsen leichte Schwellungen 
auf, aber diese waren weder typisch noch auch einigermaßen 
beständig — das Fehlen jeder Art eines makulösen oder papu- 
lösen, luetischen Exanthems an Bumpf oder Extremitäten, das 
bei der monatelang dauernden Beobachtung doch wohl nicht 
unbemerkt geblieben wäre. Wie wir sehen, spricht alles gegen 
Lues, das Aussehen der EinzelefSoreszenzen, der klinische 
Verlauf, insbesondere die Art der Abheilung. 

Können wir die Fälle als Tuberkulose registrieren? 
Lungentuberkulose ist vielleicht, doch auch das ist unsicher, 
bei Fall I vorhanden. Als Lupus dürfen die Erscheinungen 
durchaus nicht aufgefaßt werden. Mit Haut- wie Schleimhaut- 
lupus hatten die Effloreszenzen absolut keine Ähnlichkeit und 
es fand sich niemals ein Gebilde, das als Lupusknötchen hätte 



Zwei Fälle Ton aasgedehnten Ulcerationsprocessen eto. 115 

gedeutet werden können. Wir müßten also an die ulzerösen, 
zu raschem Zerfall tendierenden Hauttuberkulosen denken. 
Gegen solche spricht einmal das andauernd gute Allgemein- 
befinden der Fat., dann die Gestaltungen der Ulzera, das 
Fehlen miliarer Tuberkel an den Rändern der Geschwüre, die 
Art des Belages, der günstige Verlauf, die Abheilung der 
Geschwüre ohne jede eingreifende Behandlung. Nach dem 
soeben Gesagten müssen wir also auch die Diagnose Tuber- 
kulose abweisen. 

Von akuten Erkrankungen könnte man eventuell auch an 
Maul- und Klauenseuche denken, allein dafür verlaufen 
unsere Fälle doch wieder zu milde. Die AUgemeinerschei- 
nungen treten zu sehr zurück, die Mundulzera entbehren einer 
hochgradigen Schmerzhaftigkeit, die Extremitäten bleiben völlig 
vom Erankheitsprozesse verschont. 

Für eine Sepsis ist der Fall ebenfalls zu gutartig, wenn 
gleich bei der Betrachtung der Temperatur bei Fall I eine 
gewisse Ähnlichkeit mit einer solchen bei Sepsis nicht in Ab- 
rede gestellt werden kann. Immerhin wäre das Bild ein 
äußerst merkwürdiges und ungewöhnliches« wenn man die ge- 
ringe Störung des Allgemeinbefindens und die Stabilität der 
Lokalisation ins Auge faßt. 

Dem Ulcus molle können wir wohl die Fälle nicht 
zurechnen. Einmal zeigt bei der Menge größerer und kleinerer 
Ulzera an den Genitalien kein einziges den Typus des Ulcus 
molle. Unerklärlich wäre auch, daß, nachdem schon gute 
Granulationen allenthalben vorhanden, plötzlich wiederum ein 
Rezidiv eintritt. Bei dem langdauemden Prozeß fehlt jede 
stärkere Drüsenbeteiligung, und endlich die Mundulzera als 
Ulzera moUia aufzufassen, scheint auch nicht wohl angängig. 
Schließlich müßte man bei so langer Dauer und so ausgedehn- 
ten Geschwüren ganz andere Zerstörungen erwarten. 

Pemphigus bedarf kaum einer eingehenden Zurück- 
weisung. Es sei nur betont, daß typische Pemphigusblascn 
niemals vorhanden waren, daß wir bei der vorwiegenden Be- 
teiligung der Mundschleimhaut einen ganz bösartig verlaufenden 
Fall von Pemphigus hätten annehmen müssen ; auch fiir Pem- 



116 Schwab. 

phigus wäre dies Beschränktbleiben auf zwei ganz entfernte 
Stellen sehr merkwürdig. 

So sehen wir denn, dafi uns die Möglichkeit fehlt, die 
beiden Fälle in irgend ein bekanntes, STcnt. ähnliche Symp- 
tome hervorbringendes Krankheitsbild einzureihen, und doch 
sind in beiden die klinischen Erscheinungen so 
typisch und prägnant und übereinstimmend, dafi 
wir beide als den Ausdruck derselben Krankheit 
ansprechen müssen. 

Dazu stimmen nun auch in gewissem Sinne die bakterio- 
logischen Befunde. Bei Fall I wurden während der 
I. Attacke sogleich Bazillen gefunden, die im 
hygienischen Institut nach Wachstum und Färbung 
als echte Diphtheriebazillen angesprochen wurden. 
Da keinerlei Zweifel obwalteten, wurde von der Impfung von 
Tieren abgesehen. Die vorgefiindenen Bazillen beim zweiten 
Aufenthalt machten, abgesehen von der Säurebildung, die ganz 
der bei echten Diphtheriebazillen entsprach, und zeitweiser 
Ne iß er scher Körnchenfärbung nach ihrem morphologischen 
und kulturellen Verhalten den Eindruck von Pseudo -Diphtherie- 
bazillen. Tierpathogenität fehlte. 

Bei Fall II ließen sich auch diphtherieähnliche Stäbchen 
züchten, deren Verhalten ich an verschiedenen Kulturen durch 
die Liebenswürdigkeit des Direktors vom hygienischen Institut, 
Prof. Schottelius, in seinem Institut untersuchen konnte. 

Nachdem wir durch Abspülungen mit Argentum 1 : 3000 
die oberflächlichen Auflagerungen, die kulturell nur Staphylo- 
und Streptokokken ergaben, entfernt hatten, konnten wir 
Stäbchen in Reinkultur vorfinden, die auf den ersten Blick 
den Diphtheriebazillen ganz ähnlich sahen. Dieselben Gebilde 
trafen wir bis zur vollständigen Heilung der Ulzera, ja sogar 
noch auf den Narben. Gleichzeitig konnten wir uns auch 
überzeugen, daß die Mundgeschwüre die gleichen Bakterien 
beherbergten. Die Bazillen hatten folgende Eügenschaften : 

Wir haben im hängenden Tropfen unbewegliche Stäbchen^ 
die regelmäßig auf den ersten Blick als Diphtheriebazillen im- 
ponieren. Es fällt allerdings auf, daß die schlanken Formen 
gegen die kurzen dicken immer stark zurücktreten. Die Stab- 



Zwei Fälle Ton ausgedehnten Ulierationsprozessen etc. ] 1 7 

eben sind bald gleich dick, yielfach sind sie an einer Seite 
etwas angeschwollen, während sie an der anderen mehr spitz 
erscheinen. Einige Male dachten wir bei älteren Kulturen, es 
müsse eine Verunreinigung mit Kokken eingetreten sein, allein 
es zeigte sich, daß auch ganz kurze, kokkenähnliche, zum selben 
Stamme gehörten. Die Lagerung war bald die fiir Diphtherie- 
bazillen, bald die für Pseudo-Diphtheriebazillen als typisch 
beschriebene. Mit den Terschiedeneu Anilinfarben tingieren 
sich die Bazillen sehr leicht und rasch. Nach der Gramm- 
sehen Methode behandelt, halten sie das Gentiana-Violett 
durchaus fest. Die Neißersche Kömchenfärbung konnten 
wir in den ersten 24 Stunden bei Serumkulturen nur einmal 
in der typischen Weise sehen. Trotz zahlreicher Versuche 
gelang diese Färbung nie wieder. 

Kulturversuche: Auf Serum und Agar zeigt sich ein 
recht üppiges und gleich gutes Wachstum. Es bilden sich 
sehr rasch Leisten von zuerst weißlicher, später etwas bräun- 
licher Farbe. Die Kolonien unterschieden sich jedoch niemals 
darin von den gleichzeitig kultivierten echten Diphtheriebazillen. ^) 
Auf Agar war das Wachstum bei unserem Stamme allerdings 
üppiger, als bei dem Kontrollstamme. Schon nach 8 Stunden 
ließ sich in den Klatschpräparaten von Serumkulturen eine 
sehr reichliche Vermehrung nachweisen. Dabei trat die für 
Diphtheriebazillen als typisch angesehene Lagerung sehr deut- 
lich zu Tage. Auch die langen, schlanken Bazillen waren hier 
entschieden in größerer Anzahl vorhanden, wenn auch nicht 
so reichlich wie bei dem Kontrollstamme. Die Bouillon mit 
und ohne Zusatz von 2% Traubenzucker wird in 24 Stunden 
mäßig getrübt und es findet sich ein bald mehr kömiger, bald 
mehr schleimiger Bodensatz. 

Im Grade der Trübung und der Art des Sedimentes ließ 
sich kein Unterschied gegenüber der Kontrollkultur feststellen, 
auch im weiteren Verlaufe verhielten sich beide Kulturen gleich. 
Nach ca. 3 Wochen war die Bouillon nahezu wieder klar. 

^) Die Eoltor, die lur Kontrolle Herr Dr. Erne vom hygienischen 
Institat frenndlichst mir zur Verfügung gestellt hatte, entstammte einer 
sehr schweren Rachendiphtherie, die auf Serum prompt reagiert hatte. 
Meerschweinchen gegenüber zeigte sich die Kultur sehr virulent. Die 
Keißersche Eömohenl&rbung war immer typisch. 



118 Schwab. 

Säuerung der Bouillon. Es wurde solche mit und 
ohne Traubenzuckerzusatz (2%) verwendet. Die Titriemng 
geschah mit Vio Normalnatronlauge; als Indikator wurden 
4 — 6 Tropfen einer alkoholischen Phenolphtaleinlösung zugefugt. 
Die Natronlauge wurde zugesetzt, bis die Flüssigkeit deutlich 
rosa erschien. Bei den Versuchen zeigte unsere Bouillon mit 
und ohne Zuckerzusatz eine Azidität, die 3-5 cm^ einer V4S 
Normalnatronlauge entsprach. Das Resultat der Untersuchungen 
zeigen folgende Tabellen:') 

Bouillon ohne Zuckerzusatz: 

Zunahme der Azidität Ealtur isoliert von KontroUknltiir auB dem 
nach der Valva Hyg.-Inatitat 

20 Stunden 1-5 cm« 0*8 cm* 

40 „ 1-5 cm» 2-5 cm* 

Merkwürdig und unerklärlich ist hier das Verhalten der 
VuWakultur. Allein in der Titrierung lag kein Fehler yor, wie 
wir uns durch zahlreiche Versuche äberzeugten. 

Anders steht es mit der Zuckerbouillon.') 

Zunahme der Akziditat Stamm isoliert von EontrolUtamm aoe dem 
in der Volya flyg.-Inttitut 

20 Stunden 1-9 cm^ 1-1 cm* 

40 , 4-25 cm* 3-5 cm* 

Der Tierversuch hatte sowohl bei Bouillon- wie Aszites- 
Kulturen immer negatives Ergebnis. Wir mochten 24 Stunden 
alte Kulturen verwenden, oder 48 Stunden warten. Sogar 3 cm* 
einer 48stündigen Aszites-Kultur subkutan injiziert ließen auch 
bei jungen Meerschweinchen Krankheitserscheinungen nicht er- 



^) Um dae Übersehen einer etwa nachträglichen Sauemng der 
untersuch angsbonillon in vermeiden, wurden immer neben den infizierten 
Röhrohen auch sterile Bouillonröhrohen derselben Abknnft in den Bmt- 
•chrank gestellt nnd jeweils mit titriert. Es ergab sich, dafi w&hrend 
der Untersuohangszeit eine Veränderung des Säuregehaltes derEontroU- 
bonillon nicht eintrat. 

') Hier sei noch bemerkt, daß bei den Säureversuchen der Rest 
der betr. Bouillon auf die Reinheit der Kultur mikroskopisch und durch 
Yerimpfung auf Agar festgestellt wurde. 



Zwei Fälle von aasgedehnten Ulcerationsprozesseii etc. 1]9 

kennen. Die mit der KontroUknltnr geimpften Tiere starben 
immer sehr rasch. 

Fragen wir nun: Gehört dieser uns vorliegende Stamm 
zu den Diphtheriebazillen oder nicht? Mit absoluter Sicherheit 
ist das nicht zu entscheiden. Wir möchten ihn jedoch für 
einen atoxischen, aber echten Diphtheriestamm betrachten. 

In der reichhaltigen Literatur über Diphtherie- und 
Pseudodiphtheriebazillen finden wir ja keine absolut zurerlässige 
AbgrenzuBg der einzelnen Formen gegeneinander, vor allem 
dann, wenn es sich um Stämme ohne Tierpathogenität handelt 
Werden doch alle die anderen morphologischen und biolo- 
gischen Eigenschaften von den einzelnen Forschem verschieden 
beurteilt bezüglich ihres diagnostischen Wertes. 

Die von Neifier^) als beweisend aDgesehene Kömchen- 
farbung wird einerseits bei einer, allerdings einige Monate alten, 

sicheren Diphtheriekultur von Heinersdorf^) noch nach 20 
Stunden fast völlig vermißt, nicht angetroffen, andererseits will 
Reichenbach') dieselbe erst nach eipjähr. Züchtung auf künst- 
lichen Nährböden bei einer sehr virulenten Kultur gefunden haben. 
Von allen kulturellen Merkmalen wird die Säuerung der Bouillon, 
wenn sie einigermaßen stark ist, noch am übereinstimmendsten 
anerkannt.^) Mit Recht betont deshalb Prochaska,^) daß 
eben nie ein einziges Merkmal als genügend für die Diagnose 
anzusehen sei, daß man immer mehrere heranziehen müßte. 

Überblicken wir also nach dieser Richtung unsere Befunde, 
so spräche für Diphtherie: das rasche Wachstum der Kultur 



^) Zur Differentialdiag^ose der Diphtheriebazillen von M. Neißer, 
Zeitschr. f. Hygiene, 1897. Bd. XXIY. 

') Über das Vorkommen . . . nebst einem Beitrage cor Frfth- 
diagnoee der Diphtherie von Heiueredorf. Gräfes Arch. f. Ophthal- 
mologie, 1898. Bd. XLYI. 

*) Deatsohe mediz. Wochenschrift 1899. Bd. XXV. p. 68. (Vereins- 
beiage), Ref. über einen Vortrag, gehalten in der med. Gesellschaft in 
Göttingen am 12./I. 1899. 

^) Vide, Neifier in seiner soeben zitierten Publik., dagegen auf 
der anderen Seite: D. Simoni, Beitrag z. Morph, u. Biolog. der Diph- 
theriebazillen, Zentralbl. i. Bakteriologie. 1899. Bd. XXVI. 

*} Die Pseudodiphtheriebazillen des Rachens. Zeitschr. f. Hygiene. 
1897. Bd. XXIV. 



120 Schwab. 

schon nach 8 Stunden, die wenn auch nur einmal nachge- 
wiesene N ei ß ersehe Färbung, die Säuerung der Bouillon; das 
gleich gute Wachstum auf Serum und Agar läßt sich diagnostisch 
weder für noch gegen Diphtheriebazillen heranziehen. 

Wir möchten die Bazillen als echte Diph- 
theriebazillen betrachten und glauben dazu um- 
somehrBerechtigung zu haben, als im Falle I, der, 
wie ersichtlich, klinisch denselbenCharakter auf- 
wies, sicher Diphtheriebazillen nachgewiesen 
wurden. 

Man könnte nun yielleicht einwenden, daß das ganze 
klinische Bild doch unsere Diagnose recht unwahrscheinlich 
macht Das stimmt im gewissen Sinne für die bis dahin be- 
schriebenen akuten Diphtheriefälle Ton Haut und Schleimhaut. 
Allein gerade in den letzten Jahren sind sehr eigentümliche 
Beobachtungen gemacht worden. 

Zu erwähnen wäre in erster Linie die Publikation Ton 
Neißer und Kahnert.^) Hier ist auch der Beweis, daß die 
aufgefundenen Bazillen echte Elebs-Löffler sehe Diphtherie- 
Bazillen sind, bei den meisten Fällen durch das positive Tier- 
ezperiment erbracht Allein gerade unter diesen Kulturen fand 
sich auch ein atoxischer und avirulenter, aber zweifellos echter 
Diphtheriestamm.^) Hierher gehört auch der von Jessen^) 
publizierte Fall, wo sich auch ülzerationen und Infiltrate 
finden. Doch bei beiden Autoren handelt es sich um Kranke 
mit Rachenaffektion. 

Wie steht es mit Wunddiphtherien? Unter den Fällen 
mit Vulvadiphtherien haben wir keinen angetroffeu, bei dem 
eine Ähnlichkeit mit unserer vorliegenden Krankheit hätte ge- 
funden werden können. Es handelt sich immer um akute und 
akuteste Fälle, die meist in Verbindung mit einer floriden 
Bachendiphtberie in Erscheinung traten und auf Serum meist 



^) Neißer und Kahnert deutsch, medis. Woohenschrift Nr. 83. 
Bd. XXVI. 

') Die UnterBuchnngen fiber diesen Stamm sind von Lubowski 
publiziert worden. Zeitschr. f. Hygriene 1900. Bd. XXXV. p. 87. 

') Über prolongierte Diphtherie. Zentralbl. f. innere Medizin 1897. 
Bd. XVin. Nr. 19. p. 449. 



Zwei Fälle Ton ausgedehnten ülserationsprosesBen etc. 121 

prompt reagierten.^) Bedeutend näher kommt unserem Falle 
ein solcher von Brunne r.*) Wir haben hier ein drei Wochen 
bestehendes schmutzig-grauweiß belegtes Ulcus am Ringfinger, 
das typische Diphtheriebazillen enthielt. Endlich sei noch eine 
zweite Beobachtung Brunn er s') erwähnt; es handelte sich 
um einen Mann, der nach einer phlegmonösen Entzündung am 
Skrotum noch zwei Rezidive an derselben Stelle bekam, bei 
derem letztem die bakteriologische Untersuchung typische 
Diphtheriebazillen ergab; auch hier fehlte jede Art von All- 
gemeinerscheinungen. 

Fügen wir weiter noch zu, daß auch in Panaritien*) in 
Eiterpusteln,^) die sich in der Nähe von Ulzerationen befanden 
und die in dem betre£Fenden Falle als der Ausgangspunkt des 
Ulcus angesehen wurden, echte Diphtheriebazillen als Krank- 
heitserreger nachweisen ließen, so fällt für uns jedes Bedenken 
weg, das man in klinischer Beziehung an der Diagnose Diph- 
therie hätte haben können. 

Wir möchten unsere beiden Fälle als subakute Diphtherie 
mit Rezidiven bezeichnen, die Fälle also gleichsam als Mittel- 
glieder zwischen den akuten und chronischen Diphtherien be- 
trachten. Das gute Allgemeinbefinden der Pat. kann in deren 
Alter einerseits, und in der mangelnden Toxizität der Bazillen 
andererseits begründet sein. Das Fehlen der Serumwirkung 
läßt sich sehr wohl durch die späte Anwendung des Mittels 
erklären. Wo sich die Krankheitserreger zuerst lokalisiert 
haben, im Munde oder an den Genitalien, ließ sich nicht 
eruieren. Jedenfalls dürfte eine Verschleppung auf dem Blut- 
wege als ausgeschlossen zu betrachten sein. Wahrscheinlich 



^) Die Literatur betreffend, möchte ich Dur die Arbeit von Leich 
(Denttobe med. Woohensobr. 1900. Nr. 12) erwähnen, wo auf eine Reihe 
anderer FftUe hingewiesen ist. 

') Eine weitere Beobachtong von Munddiphtherie. Berliner kl in. 
Woehenschr. 1894. Bd. XXXI. Nr. 18. p. 310. 

*) Über Wunddiphterie« Berliner klinische Woehenschr. 1893. Band 
XXX. p. 647. 

*) Seitz Eorrespondenzblatt Schweiser Ärzte 1899. 

>) Müller, Über seltene Lokalisation der Diphtheriebasillen auf 
Haut und Schleimhaut. Deutsche medis. Wochenschrift 1899. Bd. XXY. 
Nr. 6. p. 91. 



122 Schwab. 

sind die Keime durch die Hände von einer Stelle zur anderu 
übertragen worden. Erwähnen wollen wir noch, daß sich die Fälle 
auch insofern als sehr gutartig darstellten, daß keine Infektion 
der Umgebung eintrat, obgleich die eine Fat. noch während 
ihrer Erkrankung Eindermädchen war und die andere sich in 
einem Pensionat befand, das noch zahlreiche Kinder be- 
herbergte, eine bei der geringen Virulenz der Bazillenstämme 
nicht unerklärliche Erscheinung. 

Zum Schlüsse habe ich die angenehme Pflicht, meinem 
verehrten Chef Hm. Professor Jacobifürdie Überlassung dieser 
Fälle, sowie Herrn Hofrat Prof. Schottelius für die Erlaub- 
nis, in seinem Institut arbeiten zu dürfen, meinen besten Dank 
abzustatten. Den Herren Dr. Erne und Dr. Lehmann sei 
für ihre freimdliohe Hilfe bestens gedankt 



über Dermoidcysten und paraurethrale 
Gänge der Genitoperinealraphe. 

Von 

Dr. Wilhelm Wectaselmanii in Berlin. 

(Hieza Taf. IX.) 



In der Haut der männlichen GeschlechtBorgane kommen 
yerschiedene Arten von cystischen Bildungen vor. Kocher') 
unterscheidet solche mit serösem oder klebrigem Inhalt und 
Atheromcysten; Kaufmann^) erwähnt nur die Atherome; am 
genauesten erscheint die Einteilung von Gerulanos,^) welche 
aqch Bramann^) annimmt, in traumatische Epithelcysten, 
Adenomcysten, Atherome und Dermoide. Unter diesen erregen 
die letzteren ein besonderes Interesse einmal wegen ihrer 
Entwicklungsgeschichte; sodann aber stehen sie, wie ich nach- 
weisen werde, in enger Beziehung zu bestimmten paraure- 
thralen Gängen und werfen ein klares Licht auf die Oenese dieser 
Gebilde. Bisher sind diese Cysten nur wenig gewürdigt worden, 
weil einerseits ihr praktisches Interesse nur gering ist, anderer- 
seits ihr Vorkommen nur ein seltenes ist. Kocher (1. c.)) 

^) Kocher: Krankh. der mftnnl. Gechlechtsorg. in Deutsche Chi- 
rnrgie, pag. 28. 

*) Kaufmann: Verletzungen und Krankh. der mAnnliohen Harn- 
röhre und des Penis in Deutsche Chirurgie pag. 269. 

*) Gerulanos: Ein Beitrag zu den Dermoiden des Penis. Deutsche 
Zeitschrift f. Chirurgie. Bd. LV. S. 829. 

*) Bramann und Rammstedt: Handhuch der praktischen Chir. 
mrgie. Bd. III. Teil 2. pag. 658. 



124 Wechselmann. 

der auf diesem Gebiet so aufierordentlich erfahren ist, nenut 
sie eine große Seltenheit und hat sie selbst nicht beobachtet 
und Wilms^) in seiner sorgfaltigen Arbeit über die teratoiden 
Oeschwülste des Hodens gibt an, daß er Fälle von reinen 
Dermoidcysten des Skrotums in der Literatur vergeblich gesucht 
habe, was um so auffallender sei, als bei der Verwachsung der 
beiden Scrotalwülste eine Versprengung von epidermoidalen 
Teilen in die Tiefe sehr leicht stattfinden könnte und daher 
Einstülpungsdermoide am Scrotum theoretisch sehr wohl denk- 
bar wären. Tatsächlich finden sich doch solche Beobachtungen 
in der geringen Literatur über kongenitale Cysten der Genito- 
perinealraphe, welche allerdings nur aus 2 französischen Ar- 
beiten von Marchadier') und Mermet^ und zwei neueren 
deutschen von Thöle®) aus der Rostocker und von Gern- 
lanos (1. c.) aus der Kieler chirurgischen Klinik besteht. 
Dies bestimmt mich zur Veröfifentlichung eines von mir be- 
obachteten und in der Sitzung vom 3. März 1903 in der Ber- 
liner dermatologischen Gesellschaft vorgestellten Falles. (Taf.IX.) 

Bei einem 23jährigen Kellner fand sich links vom Frenulom prft- 
patii eine eiförmige über Lambertsnaß große, glatte, flaktoierende, trans- 
parente, dünnwandige verschiebliche Gesohwnlst, Über welcher sich das 
entsprechend emporgewölbte, gespannte, reichlich Taskalarisierte Innen- 
blatt der Vorhaut leicht verschieben ließ. Bei genauerem Abtasten fühlte 
man, daß die Cyste sich gegen die Urethra glandis erstreckte, an der sie 
in der Mittellinie mit einem breiten, derben Stiel adh&rierte. Der Patient 
gab an, daß er die Qyste, solange als er denken kann, bestimmt schon 
im 8. Lebensjahre bemerkt habe, und daß sie damals etwa halb so groß 
gewesen und in den Pabertätijahren anf ihr jetziges Volumen gewachsen 
sei (s. Abb.)' Leider ließ sich der Patient nicht Eur Exstirpation der 
Cyste bestimmen, so daß eine mikroskopische Untersuchung nicht möglich 
war; es liegen jedoch genügend sorgfältige histologische Untersuchungen 
derartiger Cysten vor, so daß von einer solchen nichts wesentlich Neues 
erwartet werden ksnn. 

Die Diagnose l&ßt sich aber auch klinisch genau abgrenten. Diffe- 
rentialdiagnostisch in Betracht kommen: 



') Wilms: Zieglers Beiträge. Bd. XIX. pag. 236. 

*) Marchadier, C: Eystes dermoides du raphö des organes geni« 
tanx externes. These. Paris 9. Novembr. 1898. 

^) Mermet, P. : Les Eystes congtoitaux du raphö genito-p^rineal« 
Revue de Chirurgie. Bd. XV. 1895. S. 382. 

*) T h ö 1 e, F. : Angeborene Cysten der Genitoperinealraphe in 
Bruns Beiträge zur klinischen Chirurgie. Bd. XX. pag. 446. 



üb. Dermoidcytten a. paraor. G&nge d. Genitoperinealraphe. 125 

L Traninatiiohe £pitti«]eytten, wie •olehe einnal von Flemming 
(bei Xooberl. o.)bei einem Sjibrigen Knaben naoh einer Kontnrion am 
Skrotum beobaohtet wurde nnd wohin wohl aneh die beiden Fälle Ton 
Traebioky»*) welohe in der Giroamoifionuiarbe seitlich Ton der Baphe 
in 2 Flllen auftraten, au rechnen sind. 

2. Adenomcyiten, sa welohen außer den von Gerulan oi hierher 
gereehneten Fftllen von Kooheri Crempton und Mermet (FaU 16 
und 18) auch die nicht beaohtete Beobachtung von Georg Fischer,^') 
welohe von Orth hietologiech untereaoht wurde, su sfthlen ist. 

Ein 26j&hriger Mann leigte eine angeblich angeborene, Mher 
erbeengrofle, jetxt kirechgroOe Geschwulit, welche mit breiter Baats 
iVt «■* hinter dem BVenulum rechts von der Mittellinie saß und die Bi^he 
naeh links ftberragte ; sie war iwischen beide Yorhautblitter gelagert, die 
Haut darüber, verschieblich fluktuierend. Bei Kompression kam ein Strang 
zum Vorschein, welcher 2Vi ^^ ^'"^ ^^^ unteren Band der Geschwulst 
ausgehend ftber die Baphe weg nach links sog und aus 6 runden, erbsen- 
großen, rosenkranzf5rmig aneinandergereihten Anschwellungen bestand: 
Die ezstirpierte^Cyste seigte als Inhalt seröse FlAssigkeit mit gallertartigen 
Tropfen und war von einem geschichteten Zylinderepithel ausgekleidet, 
unter welchem eine teilenreiche Bindegewebsschicht folgte, welches ohne 
scharfe Grense in derbfasriges, gefißreiches Bindegewebe überging. Die 
Oberflüche der Cyste war nicht eben, sondern zeigte aahlreiche kleine, 
drüsenartige Ausstülpungen des Epithels. In dem Bindegewebe fanden 
sich neben den größeren, makroskopisch sichtbaren Cysten auch noch 
kleinere, bis herab su drüsenschlauch&hnlichen Gebilden. Orth stellte 
die Diagnose Cystadenom und vergleicht die Bildung ihren Bau nach mit 
proliferierendem glandulüren Cystadenom des Ovariums. Fischer nimmt 
als Ausgangspunkt die Talgdrüsen der Vorhaut an nnd zwar vorzugs- 
weise deren Ausführungsgang. Zu bemerken wäre noch der unreg^lm&ßige 
und geschlftngelte Verlauf der Baphe. 

Währeod nun diese beiden Formen sich leicht von den 
in Bede stehenden Cysten unterscheiden lassen, weil sie weder 
kongenital sind, noch in der Baphe liegen, ist oft die Unter- 
scheidung von Atherom- und Dermoidcysten sehr schwierig. 
Ghiari^^) hat ja bewiesen, daß man unter dem Sammelnamen 
Atherome zweierlei BilduDgen zusammengeworfen hat: 1. Fol- 
likelcysten, welche durch Retention aus Haarbälgen oder Talg- 
drüsen entstehen und 2. Dermoidcysten. Histologisch lassen 



*) Zwei Dermoide des Penis. Wiener med. Wochenschrift 1897. 
Nr. 10. pag. 422. 

^^ DeuUche Zeitschr. f&r Chirurgie 1889. Bd. XXIX. pag. 605. 

^*) Über die Genese der sogenanuten Atheromcysten der Haut und 
des UnterhauUellgewebes. Zeitoohrift for Heilkunde. Bd. XII. 1891. 
S. 189 ff. 



136 Wechselmann. 

sie Bioh immer unterscheiden; während nämlich die ersteren 
eine zarte Wand mit 2-*4 Schichten abgeplatteten Epithelien 
aufweisen, zeigen die letzteren immer den typischen Bau der. 

Stanzen Epidermis mit basalen Zylinderzellen und einer darauf 
ölgenden mehrschichtigen Lage von Retezellen, welche in 
Hommasse übergehen; dieser typische Aufbau von Epidermis- 
schichten kann stellenweise fehlen, so daß nur abgeplattete 
Epidermiszellen in wenigen Schichten die Innenfläche der Cyste 
bedecken, aber er findet sich doch an anderen Stellen; außer«* 
dem zeigen diese Cysten stets Papillen und häufig finden sich 
dann Übergänge zu den höher organisierten Dermoiden, welche 
Haarbälge, Talgdrüsen, Schweißdrüsen und, wo sie am höchsten 
entwickelt sind, die bekannten Einschlüsse von Haaren, 
Zähnen etc. zeigen. Es ist danach eine Unterscheidung der 
eigentlichen Atherome und Dermoide ohne histologische Unter- 
suchung oft nicht zu treffen und daher sind sie auch in der 
älteren Literatur bei Marchadier und Mermet meist nicht 
unterschieden. Immerhin ist in ausgesprochenen Fällen 
die Möglichkeit einer klinischen Differentialdiagnose gegeben. 
Atherome treten selten vor der Pubertät auf, Dermoide werden 
oft bei der Geburt oder in früher Kindheit bemerkt ; Atherome 
sind meist in größerer Zahl und an verschiedenen Stellen der 
Oenitalhaut vorhanden, während die Dermoide, die sich ja bei 
Schließung der Leibeshöhle bilden, in Zusammenhaug mit der 
Raphe stehen; Atherome sitzen meist intradermal, während 
über Dermoiden sich die Haut verschieben läßt; Atherome 
zeigen außerdem oft einen sich als schwarzen Punkt markie- 
renden Ausführungsgang. 

Im allgemeinen wird man nicht fehl gehen, wenn man 
kongenitale und in der Genitoperinealraphe gelegene Cysten zu 
den Dermoiden zählt, besonders aber diejenigen Cysten, welche 
als längliche, wurstförmige Stränge auftreten oder welche in 
größerer Zahl und längerer Ausdehnung hintereinander gelagert 
sind, so daß erweiterte und verengte Partien abwechselnd ein- 
ander folgen und zwerchsack- oder rosenkranzförmige Bildungen 
entstehen, deren einzelne Abschnitte mit einander kommuni- 
zieren. Es kann sich in diesen Fällen nur um foetale in län- 
gerer Ausdehnung abgeschnürte Zellreste handeln, da Follikel- 
cysten stets circumscripte kuglige Bildungen darstellen. 

Die zweite Hauptgruppe der Dermoide bilden die Schleim- 
cysten, Mermets Kystes mucoides, welche im Gegensatz zu den 
eben beschriebenen nicht den bekannten, aus verhornten und 
verfetteten Epithelien, Fettröpfchen und Cholestearinkrystallen, 
Haaren bestehenden Atherombrei, sondern serösschleimige Flüs- 
sigkeit von weißer oder gelblicher Farbe aufweisen und deren 
Wand mit ein- oder melurschichtigem Zylinderepithel be- 



üb. Dermoidcysten u. paranr. Gänge d. Genitoperinealraphe. 127 

kleidet ist Die Erklärnng für das Yorkommen dieser zwei 
Formen von Cysten gibt die Entwicklungsgeschichte, wie die- 
selbe in den letzten Jahren dnrch die Arbeiten yon Tour- 
neux,") Retterer,") Keibel,") Nagel,") Reichel") 
klargelegt worden ist; es ist nötig, hier genauer auf die für 
unser Thema in Betracht kommenden Verhältnisse einzugehen, 
wobei ich besonders der Beichelschen Darstellung folge. 

Am Schwanzende des Embryos befindet sich der als Kloake 
bezeichnete Raum, in welchen hinten der Darm, Yom die Allan- 
tois und die Wolfifschen Gänge münden. An ihrer yentralen 
Wand wird die Kloake in der Medianebene durch die After- 
membran geschlossen, in deren Bereich das Mesoderm fehlt und 
Ecto- und Endoderm direkt ineinander übergehen; es stellt also 
diese Membran einen sehr schmalen längsgestellten Epithel- 
streifen dar. Dieser wächst durch vermehrte Zellteilung zum 
Kloakenseptum in die Höhe unter gleichzeitigem Yorwuchem 
des benachbarten Gewebes zum Genitalhöcker, welcher also von 
seiner Basis bis zur Spitze in seiner ventralen Hälfte von einem 
schmalen Epithelstreifen, eben dem Kloaken — oder in diesem 
Bereich besser — Urethralseptum, durchzogen ist. Nagel nimmt an, 
daß der Genitalhöcker aus der Vereinigung zweier ursprünglich 
getrennter paariger Gebilde, der Ränder des Gescblechtsspaltes, 
entsteht, die aber auch in ihrer ganzen Länge in der Median- 
linie das geschilderte Urethralseptum zeigen. Dieses entfaltet 
sich nun von hinten nach vorn durch Auseinanderweichen 
seiner Zellen in zwei Zellreihen zu einem Spalt und so ent- 
steht die Genitalrinne. Ehe jedoch diese Spaltbildung ganz 
vollendet ist, wachsen die seitlich benachbarten Gewebe stärker 
in die Höhe und bilden die Dammfurcbe. Während nun die 



*') Tonrnenx: Sar les premien developpements du cloaque, du 
tobercnle genital et de Tanua chez Tembryon du mouton. Journal de 
Pauat. et de la phys. 18S8 und Snr le developpement et Tövolution du 
tubercule genital ches le foetus bumain dans les deux sexes. Journal de 
l'anat. et de la pbys. 1889. 

'*) Snr Torigine et l'övolution de la r6gion ano-g6nitale des 
mammiferes. Journ. de Tanat. et de la pbys. 1890 und Sur le develop- 
pement du penis et du clitoris cbez le foetus bumain. Ebenda 1892. 

*^) Keibel: Anat. Anzeiger. 1891. pag. 186. 

'*) Über die Entwicklung des ürogenitalsystems des Menseben. 
Archiv f. mikroskop. Anat. 8. A. Bonn 1889 und Über die Entwicklung 
der Uretbra und des Dammes beim Menseben. Ebenda Bd. XL. 1892. 

'*) Die Entwicklung der Harnblase und Hamröbre. Verhandlungen 
der pbys. med. Ges. in Wtirzburg. N. F. Bd. XXYII und Die Entstehung 
der Mißbildungen der Harnblase und Hamröbre. Langenbecks Archiv, 
Bd. XLYI. pag. 740 ff. 



128 WeohielmaDD. 

Genitalrmne von hinten nach yorn in ihrer Ent&ltong fort- 
schreitety verwachsen bereits hinten die Wände dieser Furche 
zun Damm. Ein Transversalschnitt durch die offene Genital- 
rinne zeigt eine hufeisenförmige Figur, gebildet von dem außen 
und innen Yon einem kubischen Epithel aberzogenen Mesoderm 
des Genitalhöckers ; das Epithel besteht aus geschichteten kubi- 
schen Zellen und ist nach Nage 1 eine Fort^tzung des äußeren 
Hautepithels, während Beichel, wie oben dargelegt, es von dem 
Epithel der Aftermembran ableitet ; es zieht also Epithel un- 
unterbrochen Yon außen in die tiefe Einsenkung der urethral- 
rinne. Unter dem Druck des an der unteren Fläche stärker 
wachsenden und nach der Medianlinie drängenden Mesoderms 
rücken die beiden, die Geschlechtsrinne auskleidenden Epithel- 
wände aneinander, bis sie sich in ihrem unteren Abschnitt be- 
rühren und Terwachsen, während in der Mitte die Urethra sich 
zum Kanal schließt ; und zwar bildet sich der Urethralverschluß 
nach Retter er eher als die Baphe, welche nicht unmittelbar 
nach Schluß der Genitalrinne vorhanden ist, sondern erst später 
als Ausdruck einer yermehrten Gewebsproduktion in der Schluß- 
linie erscheint. Das Epithel der Urethra nimmt nunmehr an 
Höhe zu und Yorwandelt sich in Zylinderepithel wenigstens in 
der pars cavernosa uud membranacea. Es besteht also in diesem 
Stadium die Urethra und die Baphe; beide sind durch eine 
Verbindungsbrücke, welche aus 2 Lagen Epithel besteht, yer- 
bunden (pont conjonctiT). 

Die Zellen dieser Verbindungsbrücke resorbieren sich nor- 
maler Weise, aber zunächst sieht man noch Beste von Epithel- 
anhäufungen am Boden der Urethra und oberhalb der Baphe. 
Diese können besteben bleiben. Außerdem aber bildet sich an 
diesen Nahtlinien auch sonst leicht überschüssiges Zellmaterial, 
wofür außer der oben gegebenen Darstellung Better er s betr. 
die Baphe, folgende Beobachtung von Beichel''') spricht 

Ihm fiel es auf, daß der äußeren Naht der Baphe eine 
ganz ähnliche auf der Schleimhautseite^er männlichen Urethra ent- 
spricht und als mediane in früher Periode sehr stark, später 
schwächer hervorragende Leiste der Unterwand der Urethra 
in ihr Lumen vorspringt. Er sieht in ihr den Ausdruck des 
gleichen Wachstumsdruckes der sich miteinander vereinigenden 
Gewebe. „Es ist, als wenn eine äußere Gewalt die Teile an 
einander preßt Wie eine breiige Masse, zwischen feste Lagen 
eingepreßt, über die Bänder dieser vorquillt, so scheinen die 
Gewebe ursprünglich paariger, mit einander verschmelzender 
Organe an der Stelle der Verwachsung nach dem Orte des 
geringsten Widerstandes auszuweichen. So müssen leistenför- 



") Entwicklung der Harnblase, pag. 83. 



üb. Dermoidcysten u. paraar. Gänge d. Genitoperinealraphe. 129 



mige Nähte entstehen nicht nur an der Oberfläche der äußeren 
Haut, sondern ebenso an der Schleimhautseite von Hohlorganen, 
die erst durch Verwachsuug ihrer Wände sich zum Hohlkanal 
schlössen.*' 

Entsprechend sind auch solche Nähte in Dermoidcysten 
den Beobachtern aufgefallen. So berichtet z. B. Retterer 
von einer deutlichen, eine richtige Raphe bildenden, leisten- 
fönnigen Hervorragung an der unteren Wand der von ihm 
geschilderten Cyste und auch Mermet erwähnt solche longi- 
tudinale, rapheartige Falten an der unteren Wand der Cysten, 
desgl. von Heuyer, Darier und von Rectus. 

Bohematüiohe Zelolmimff naoh Harohadier ft Mermet. 




GiiäJtalnnnjb 




>et^lra 



pont eoryujicäa 



UrtÜira 




ÜberscfuiJSsLgt 
TtUxtsU 



VreOvroL 




Areh.If. Dermst. u. S/ph. Bd. LZYUI. 




UrethroL 



SehUimcysU 



130 WeehBelmann. 

Bleiben nun solche Zellreste bestehen, so geben sie den 
Keim ab zu Dermoidcjsten und zwar werden aus den mit der 
UrethTa in Verbindung stehenden Zellen naturgemäß Zylinder- 
epithelcjsten werden, während die zur äußeren Haut gehörigen 
sich zu gewöhnlichen Dermoiden umbilden werden. Ein Unikum 
bildet die von Thöle beschriebene Cyste, welche genetisch 
zu beiden Formen gehört. Sie saß am Schafte des Penis eines 
51jährigen Mannes, der außerdem Hypospadie und einen ano- 
malen Verlauf der Raphe aufwies, und war von der länglichen 
rosenkranzförmigen Art. Im vorderen Teil der Cyste war die 
untere Wand von geschichtetem Pflasterepithel, die obere von 
einschichtigem Zylinderepithel gebildet. Nur ganz vorn besitzt 
die ganze untere Wand Plattenepithel, welches an den Seiten 
allmählich in den Zylinderepithel der oberen Wand übergeht, 
welches sich weiter hinten auch mehr auf die Unterfläche ver- 
breitet. Die Zylinderepithellage zeigt zwar eine scharfe Grenze 
nach dem Lumen zu, aber sie ist sehr unregelmäßig gefaltet 
und wellig. Diese Wellen werden durch Wulstungen und Er- 
hebungen des Bindegewebes, welches vom Zylinderepithel tiber- 
zogen wird, hervorgerufen. Das Zylinderepithel ist einschichtig, 
ohne Flimmern. Das Plattenepithel ist nicht aus Metaplasie 
von Zylinderepithel hervorgegangen, da solches durch Umwand- 
lung entstandenes Plattenepithel kein Hautpigment und keine 
Epithelfasem enthält, was hier der Fall war und daher das 
Plattenepithel als echt erwies. Es sind morphologisch und 
genetisch zweierlei Epithelien, ein Teil vom Ektoderm, ein Teil 
vom Epithel der Genitalrinne stammend; die Abschnürung ist 
erfolgt an dem Punkte, wo die fötale Verbindungsbrücke der 
Urethra mit der Haut (pont conjonctiv) mit der äußeren Haut 
zusammenstößt; daher kleidet auch in der vorderen Partie der 
Cyste das Zyiinderepithel die nach der Urethra zu gelegene 
obere, das Plattenepithel die der Haut zugewandte untere 
Wand aus. 

Eine besondere Prädilektionsstelle für diese kongenitalen 
Cysten scheint die Gegend der Eichel zu sein, besonders der 
Punkt, wo die Urethra des Schaftes mit der der Eichel zu- 
sammentrifft, der ja überhaupt für Hemmunsbildungen prä- 
destiniert ist, weil hier komplizierte entwicklungsgescbichtliche 
Vorgänge platzgreifen. Wenn sich nämlich die Genital- resp. 
Urethralrinne öffnet, tut sie dies nur bis zur Corona glandis, 
während der Eichelteil des Urethralseptums zunächst noch ge- 
schlossen bleibt. Die Urethralrinne schließt sieh nun von 
hinten nach vorn und bleibt demnach in der Gegend der 
Corona glandis resp. dicht hinter dieser in Form einer rauten- 
förmigen Grube ofl*en, welcher Zustand ja auch als Eichel- 
hypospadie permanent bleibt. Erst etwa gegen Anfang des 



üb. Dermoidcysten a. paraar. Gänge d. Genitoperinealraphe. 13] 

4. Fötalmonats entfaltet sich das Urethralseptum des Eichel- 
teils zu einer Eichelrinne ; da, wo es an die Oberfläche reicht, 
also unten in der Medianlinie bemerkt man schon vorher einen 
ziemlich stark vorspringenden Epithelfetzen wulstartig vorragen 
zum Zeichen einer starken Vermehrung seiner Zellen (mur 
epithelial du gland oder mur ou rempart balanique Tourneux, 
Epithelhörnchen Nagel). 

Ungefähr zur gleichen Zeit, wie das Auftreten dieses 
Epithelwulstes, beginnt die Anlage des Präputiums in Form 
«iner sich von der Corona glandis erhebenden Hautfalte, die 
sich vom über die Eichel hinweglegt und sie fast zirkulär um- 
gibt. Nur an der Unterfläche ist ihr Ring in der Medianlinie 
nicht geschlossen, sondern hier gehen die Ränder der Vorhaut 
direkt in die Lippen der Eichelnnne über (Reich el). Die 
Präputialränder schließen sich zum Frenulum über der zum 
Kanal umgewandelten Urethralrinne. 

Daß bei diesem Zusammentreffen und Verwachsen der 
verschiedenartigen Epithelarten leicht Zellabsprengungen vor- 
kommen können, leuchtet ohne weiteres ein. Dies dürfte um 
so leichter eintreten, wenn Verhältnisse bestehen, durch welche 
auch andere entwicklungsgeschichtliche Hemmungsbildungen 
bedingt werden. Dementsprechend sehen wir auch diese kon- 
genitiJen Cysten vergesellschaftet mit Hypospadie und ab- 
normen, geschlängeltem Verlauf der Raphe, z. B. im Fall von 
Thöle. 

Es kann nun vorkommen, daß sich durch Entzündung 
oder spontan ein solches cystisches Gebilde nach der Urethra 
oder nach außen öffnet. So berichtet Labory^®) von einem 
7jährigen Knaben, der an der Urethra eine flache Tasche auf- 
wies, welche sich beim Urinieren bis zu Hühnereigröße füllte 
und post actum ausgedrückt werden mußte. Sie war innen 
mit einer an Epidermis erinnernden Schleimhaut ausgekleidet, 
wie sich nach der Exstirpation zeigte. Häuflger erwähnt sind 
Durchbrüche nach außen, so daß Mermet eine fistulöse Form 
dieser Cysten aufführt. So berichten Balz er und Souplet**) 
über 2 solcher Fälle. Im ersten Fall hatte ein 26jähriger 
Mann seit 3 Jahren eine Geschwulst im hinteren Abschnitt des 
Hodensacks bemerkt, welche sich entzündet und alsdann spontan 
geöffnet hatte und serösen Eiter entleerte. Genau in der 
Raphe des Perineums lag unter der gesunden Haut ein feder- 



^^) Soci^te anatomiqae de Paris 1869, pag. 198. Poche nrineuse 
kongenitale. 

^*) Bull, de la soc. franc. de derm. et de syph. 1898. T. IV. pag. 
156* Suppuration en trajet canaliculaire le long da raphö median da 
penifl et da scrotam. 

9* 



132 Wechselmann. 

kieldicker Kanal mit infiltrierten Wandungen; ein analoger 
Gang fand sich in der Raphe des Penis und Skrotums, welcher 
aus mehreren nuß- und taubeneigroßen, mit einander durch 
enge Kanäle kommunizierenden Cysten bestand. 

In dem zweiten Fall (L c pag. 158) erstreckte sich ein 
genau gleicher Kanal vom Präputium 5 cm lang entsprechend 
der Raphe des Penis. Vielleicht gehört hierher auch ein Fall 
von Bona,^®) wo ein Hohlgang von 2 cm Länge, der genau 
in der Raphe penis unmittelbar vor dem Angulus penoscrotatis 
liegend, erst beachtet wurde, als er durch einen eng anlie- 
genden Verband gerieben sich entzündete. Der sehr intelli- 
gente Kranke gab genau an, daß er nie vorher eine Entzün- 
dung oder Sekretion an dieser Stelle bemerkt hätte. Das 
Epithel des Ganges war ein Schleimhautepithel ohne eine Spur 
von Talgdrüsen. Auch eine von Kaufmann zitierte Beobachtung 
von Gastex könnte hierher gehören; dieser führte eine zenti- 
meterlange, blindendende Fistel mit stecknadelkopfgroßer Mün- 
dung in der Binne zwischen Eichel und Vorhaut links neben 
dem Bändchen, die er bei einem 35jähr. Manne beobachtete, 
auf eine spontane Perforation einer cystisch erweiterten und 
entzündeten Tysonschen Drüse zurück. Solche geöffnete 
Cysten, zumal wenn es sich um die oben beschriebenen läng- 
lichen oder rosenkranzformigen handelt, sind völh'g identisch 
mit den paraurethralen Gängen der Baphe. Jadassohn^^) 
unterscheidet 3 Arten von paraurethralen Gängen: 1. solche 
zwischen den Präputialblättem, die er von den Tysonschen 
Drüsen ableitet; 2. solche, welche dicht neben dem orificium 
urethrae und parallel zur Urethra nach hinten ziehen und viel- 
leicht abnorm verlagerte Ausmündungen der Li ttr eschen 
Drüsen darstellen ; '6. Gänge, die an der Unterfläche des Penis 
an der Baphe verlaufen. Er beschreibt von diesen später^^) 
einen Fall, wo ein 2 cm langer, federkieldicker Gang an der 
Unterseite des Penis nahe am sulcus coronarius vorhanden war, 
der am Anfang und Ende in der Haut mündete. Jadassohn 
vermutet, daß es sich in diesen Fällen um eine entwicklungs- 
geschichtliche Anomalie handelt, über deren Bedeutung er aber 
nichts zu sagen vermag. 



'^) Bona: Die Genese der paraurethralen GftDge mit besonderer 
Rücksicht auf die gonor. Erkr. derselben. Archiv f. Denn, nnd Syph. 
1897. Bd. XXXIX, pag. 37. 

'^) Über die Gonorrhoe der paraarethralen und präpntialen Drüsen- 
gänge. Deutsche med. Wochenschrift 1890. Nr. 25, pag. 542. 

") Zur patbolog. Anatomie des genorrh. Prozesses. 4. Kongreß 
der Deutschen derraat. Gesellsch. pag. 141- 



üb. Dermoidcysten a. paraur. Gänge d. Genitoperinealraphe. 133 

Sehr scharf hat dann Ebrmann^^) und in einer von ihm 
beeinflußten Arbeit Rona (1. c.) die paraurethraleu Gänge auf 
Entwicklungsanomalien zurückgeführt. Er stützt sich yomehmlich 
auf das häufige Znsammentreffen ton Hypospadie, Schlänge- 
lungen, zickzackförmigen Verlauf der Raphe und para- 
urethralen Gängen, Verhältnisse, die genau ebenso für die Der- 
moidcjsten Geltung haben. Er stellt sich vor, indem er die 
Schleimhautnatur der Gänge betont, daß der Gang ursprünglich 
eine in der Seitenwand der nach unten ofienen Urethralrinne 
liegende Kerbe darstellt, welche dann später durch die wach- 
senden Corpora cavernosa in die Haut gedrängt wird. V^'ie 
und wodurch eine solche Lücke entstehen soll, 
geht aus der Darlegung nicht hervor. Ich glaube 
vielmehr, indem ich auf die oben gegebene Darstellung von 
Reichel bei der Bildung von Nähten verwe se, daß es sich um 
lineare Leisten hiebei handelt, die einen Überschuß von Zellr 
material darstellen, aus dem sowohl Dermoide, wie diese in der 
Raphe gelegenen Gänge entstehen. Die Ehrmannsche An- 
sicht wird von vielen Autoren geteilt, ohne daß ihr etwas 
Neues hinzugefügt wird. Den Zusammenhang mit Dermoiden 
hat keiner beachtet, nur Audry^^) sagt beiläufig, daß die 
parauretbralen Gänge latente epidermoidale Cysten sind. Dann 
hebt noch Fick^^) besonders die Lage in der Mittellinie als 
eine wenige Ausnahmen zeigende Tatsache hervor. Die oben 
gegebene Genese der Dermoide erklärt auch den Bau der para- 
urethralen Gänge, welche analog, z. T. Pflasterepithel, z. T. 
Zylinderepithel u. manchmalJad a8sohn,Reichmann^^) beide 
Formen zeigen; Jadassohn z.B. fand in dem ziemlich langen 
Anfangsteil des Ganges geschichtetes Pflasterepithel, in der 
Tiefe aber eine Teilung des Lumens und hier Zylinderepithel; 
ein rein epidermoidales Gebilde, wie die TysouFchen Drüsen, 
war dieser Gang nicht — er stellt vielmehr eine wirkliche 
Drüse dar, deren Ausführungsgang allein das geschichtete 
Pflasterepithel trägt. Welcher Art das Gebilde ist, welcher 
entwicklungsgeschichtlichen Anomalie es seine Entstehung ver^ 
dankt, vermag er nicht anzugeben, ebensowenig hat er ähn- 
liche Dinge in der Literatur erwähnt gefunden. Mir scheint 
der Thölesche Fall von Dermoid eine deutliche Analogie 



«*) Wiener med. Klub. Sitzung 4. Nov. 1896. Wiener klin. Wochenschr. 
1896. Nr. 47. pag. 1106, 

") Monatehefte f. prakt. Derm. 1902. Bd. XXXV. p. 13. 

**) Über paraurethrale Schleimhaatgänge eto. Dermat Zeitschrift. 
1902. pag. 528. 

*") Zwei Fälle isolierter gon. Erkrankung paraurethral. Gänge. 
Archiv f. Derm. und Syph. 1899. Bd. XLIX. pag. 91. 



134 Wechselmann. 

und ErkläruDg für diese Formen paraurethraler Gänge zu geben* 
Ebenso zeigte der Fall von Gerulanos teils Zylinderzellen^ 
teils nur niedere kubische oder nur ganz flache, fast platte 
Zellen und zwar .so, daß das Epithel nach vorn zu desta 
niedriger wurde ; die Cyste wies also einen ganz analogen Bau 
auf, wie der Gang Jadassohns. 

Bei den Cysten werden diese Unterschiede im Verhalten 
des Epithels von Chiari als Wirkung eines gesteigerten Druckes 
an bestimmten Stellen erklärt, wofür auch die Beobachtung von 
Gerulanos spricht. Vielleicht hat dies auch für die para- 
urethralen Gänge Geltung ; wenn man annimmt, daß die an 
der Unterääche der Penis in der Raphe befindlichen aus Der- 
moiden entstehen, ist es wahrscheinlich, daß sie sich an der 
Stelle des größten Druckes öffiien; dort finden sich auch in 
dem Fall von Jadassohn die Pfiasterepithelien, während in 
der Tiefe das Zylinderepithel bestehen bleibt. 

Es scheint danach die Analogie der kongenitalen Cysten 
und der pai aurethralen Gänge in der Genitoperinealraphe eine 
80 große zu sein, daß man sie als genetisch identische Bil- 
dungen betrachten kann ; wie weit auch andere Arten nicht in 
der Baphe liegende paraurethrale Gänge auf gleiche ent- 
wicklungsgeschichtliche Ursachen zurückzuführen sind, müssen 
weitere Untersuchungen lehren. 

Beobachtungen. 

I. Dermoidcysten. 

1. Bruob: (Alfter, med. 1883. pag. 95 bei Mermet observ. YII.) 
Nußgroßer cystischer Tumor am Frenulum mit weißgelblichem Brei. 

2. Turner: (Trans, path. See. London. 1884-85. Bd. XXXVI. 
Pag. 417.) Kongenitale Cyste von Nußgröße unmittelbar vor dem 
After am Damm mit breüfi^em Inhalt, der sich in eine anmittelbar vor ihr 
in der Medianlinie liegende Tasche und wieder zurück drücken läßt. 

8. Lannelongue-Achard; (Trait^ des Kystes cong^nitaux. 1886. 
pag. 454. Mermet obs. X.) Kongenitale Cyste des Perineums vom After 
bis zum Skrotum eines 2j. Kindes reichend, unmittelbar unter der Haut 
links und rechts von der Mittellinie mit grünselblicher Flüssiffkeit gefüllt. 

4. Henyer und Darier: (Ball, de la Soo. franc. de denn, et 
syph. 1890. pag. 148 u. 146.) Zwei genau in der Mittellinie im hinteren 
Drittel des Sl^otum in der Haut seleffene, kongenitale, nicht transpa- 
rente, fluktuierende Cysten. Nach der Exstirpation sieht man, daß die 
beiden haselnußgroßen resp. bohnengroßen Cysten durch einen engen 
Gang mit einander kommunizieren (Zwerchsackform). Die Innenwand 
gleicht einer Schleimhaut ; der Kanal zeigt Längsfalten. Der Inhalt ist 
dick, homogen, bräunlich, glaserkittähnliob, fettig und besteht mikro* 
skopisch aus verhornten Epithelzellen meist ohne Kern oder nur mit An- 
deutung einer solchen, fett* und fett säurehaltigen Zellen, freien Fett- 
tropfen und Cholestearin. 

Die Cyste sitzt in der Haut resp. in der tunica dartos; ihre Wand 
ist gebildet aus Bindegewebe mit vereinzelten rudimentären Papillen, 
ohne Haarbälge, Talg- und Schweißdrüsen, welches innen ein geschieh- 



üb. Dermoidcysten u. paraar. Gänge d. Genitoperinealraphe. 13& 

ieteB Plattenepithel tragt; das Epithel hat im allgemeinen die Dicke der 
Epidermis des Skrotums und läßt ein Stratum mucos am, ein Stratum gra- 
nalosnmy dessen Zellen eleidinhaltig sind und ein Stratum corneum unter- 
scheiden, dessen oberflächliche Zellen in Desquamation nach dem Zentrum 
der Cyste begriffen sind. 

6. Reclns: (Gase. hebd. de med. et de chir. 1893 pag. 827) aud 
Retterer: (Bull, de la Sociale de Biol. 1893. s. 9. t. V. pag. 751), (bei 
Mermet obs. XII). Kongenitaler, mandelgroßer, in der Haut der Mittel- 
linie, in der Raphe des Perineum gelegener, voq dünner, von einem 
Yenennetz durchzogener Haut bedeckter cystischer Tumor, der sich in 
der Pubertatszeit^yergrößerte. Bei Druck auf den Tumor füllen sich ein 
vorderes und ein hinteres Divertikel, von denen das erstere die Raphe 
perinei einnimmt und sich in der Raphe des Skrotums verliert ; es ist ein 
perlschnurartiger Kanal, der 5 erbsengroße Anschwellungen, welche durch 
nur 2 — 8 mm breite Einschnürungen getrennt sind, aufweist; ähnliche 
Verhältnisse zeigt auch das hintere Divertikel. Die Cyste liegt im sub- 
kutanen Zellgewebe. Die exstirpierte Cyste wird von einem 0*5—1 mm 
dicken, sehr gefaßreichen, einige glatte Muskelfasern enthaltenden Binde- 
gewebe gebildet, das an seiner Außenfläche Papillen trägt und von einer 
stark pigmentierten Epidermis überzogen ist. Die glatte Innenfläche ist 
von einem 0*04— 006 mm dicken, geschichteten Plattenepithel überzogen, 
dessen oberen Schichten . verhornt und zum Teil in das Lumen abge- 
stoßen sind, wo sie einen epithelialen Detritus bilden. In einem Teil des 
cystischen Gebildes springt in der Medianlinie an der unteren Wand eine 
Leiste nach innen vor, welche eine innere Raphe bildet. 

6. Mermet, P. Kyste dermoide du raph^ p^rineoscrotal. (Bull. 
Soc. anat. 1894, p. 6, t. VUI, pag. 54 und in Kystes con^eniteux, pag. 424, 
obs. 13.) Ein 2dj. Mann bemerkt die Cyste, so lange wie er denken kann. 
Genau in der Medianlinie in der Raphe perineoscrotalis 8 rosenkranz- 
formig angeordnete cystisohe Hervorragungen ; die letzten 6 dieser kommu- 
nizieren mit einander durch die sie verbindende, etwas vorgewölbte Raphe, 
welche bei Druck auf die Cysten sich praller füllt; die kleiuste Cyste ist 
erbsengroß, die größte 3 em lang und 1 em breit. 

7. Dardignac: (Kyste mucoid sous preputial. Arch. prov. de 
chir. 1894, t. III, pag. 627 bei Mermet obs. XIV.) Kongenitale, hasel- 
Bußgroße, zwischen Haut und Schleimhaut der Vorhaut in der Median- 
linie liegende Cyste ; atheromähnlicher, fettiger Inhalt. Die Wand besteht 
aus papillentragendem Bindegewebe mit wenigen Talgdrüsen und geschich- 
tetem rflasterepithel. 

8. Kaufmann: (1. c. pag. 259) exstirpierte aus der Vorhaut eines 
19j. Mannes eine walzenförmige Cyste von 4 cm Länge und '/^ cm Breite, 
die direkt unter der Raphe lag, zweikammerig war und breiigen In- 
halt hatte. 

9. Gerulan 8 (1. c. pag. 331) exstirpierte bei einem 6jährigen 
Knaben eine an der Unterfläche des Penisschaftes sitzende wurstförmige 
6 em lange, V«^! <^ breite, ffenau in der Mittellinie liegeude Cyste. 
Graugelblicher, dickbreiiger Inhalt aus verhornten Epithelien, Detritus, 
Cholestearin. Die papillentragende, bindegewebige Wand besaß vielschich- 
tiges Hautepithel mit einer basalen Reihe Zylinaerzellen und einer mehr- 
fachen Lage polygonaler Retezellen, auf welche ein Stratum corneum 
folgte. 

II. Schleimcysten. 

10. Fochier: (Gaz. rodd. de Lyon, 1868, t. VIII, pag. 111, bei 
Mermet observ. VI.) In der Kindheit bemerkter cystischer Tumor am Fre- 
nulnm von 4 cm Durchmesser mit seropurulentem Inhalt, der kein freies 
Fett, aber Cholestearin aufweist. Die in Fetzen abgestoßene Innenwand 
zeigt Epidermiszellen. 



236 WeehBelmann. 

11. Fordet: Kyste d^veloppe dans le tissn cellulaire sons-cutiine 
de la yerge. Bnll. de th^rap. 1848, t XXIY, pag. 38. Taabeneigroße, 
sabkutan gelegene, seit 18 Monaten bei einem 39j. Mann gewachsene, 
zwerchsackförmige Cyste mit gelblich serösem Inhalt. 

12. Bauchet. Kyste munqnenx dans nn follicnle sebac^ Arch. 
ff4n. de med. 1848, t. XI, vol. I, pag. 71. Bei einem dOj. Mann am 
Skrotum 2 cm hinter dem Angulus penoscrotal fast in der Medianlinie 
ein kugliger, in 6 Monaten von der Größe einer Erbse au der eines 
Hühnereies gewachsener, fluktuierender und transparenter Tumor, bis suf 
eine Stelle im subkutanen Gewebe frei beweglich, der eine gelbliche faden- 
ziehende Flüssigkeit mit etwas sebum artigen Körnern enthielt. 

18. Redard, P.: Sur un cas rare de Kyste munqnenx ä cellules 
cylindriques dn pr^puce (Revue mens, des mal. de l'enfance. 1890, t. VIII, 
p. 115, bei Merroet observ. XY). Bei einem 10 Monate alten Kind aeiffte 
sich seit der Geburt an der Unterfläche der Vorhaut eine haselnußgroBe, 
runde, fluktuierende, transparente Cyste, über welcher die Haut sich ver- 
schieben ließ ; sie adhasierte am Frenulum. Der Inhalt erwies sich nach der 
Operation als eine weiße klebrige Flüssigkeit. Die Wand zeigt an der 
Innenflache rundlich hervorragenae Sprossen, welche stark vaskularisiert 
sind; sie sitzen auf einem dicken, festen Bindegewebslager mit kon- 
zentrisch angeordneten Bündeln. Dieses ist bedeckt mit einem mehr« 
schichtigen Epithel, welches aus 8 — 4 Lagen polygonaler Zellen, die gegen 
das Zentrum hin in Zylinder- und Becherzellen übergehen, gebildet wird. 

14. Mermet: Kyste mucoide et dermoide du raph^ scrotal (Bull, 
de la Soc. anat. 1897, t. VIII, pag. 65 und Obs. XVI). Auf der 
ganzen Raphe scroti, welche stark hervorragt, zeigten sich von Geburt an 
4 hintereinander gelegene transparente Geschwülstchen in 8 cm Langen- 
ausdehnung, unbeweglich in die Raphe eingelagert Das vorderste und 
hinterste sind isoliert. Die beiden mittleren sind zwerchsackförmig an- 

geordnet und kommunizieren mit einander in der hervorgewolbten Raphe. 
ie enthielten zusammen etwa 1 em seröser Flüssigkeit. 

15. Mermet (observ. XVIII): Kyste mucoide du raph^ p^nien. 
Bohnengroße, transparente und fluktuierende Cyste, seit dem 10. Lebens* 
jähr bemerkt, links der Raphe des Penis, aber mit ihr zusammenhängend, 
4 cm unterhalb der Urethralöfihung. Die Haut darüber verschieblich. 
Exstirpation. Serös-milchiger, schleimiger, aibuminöser Inhalt. Die 
Wand besteht aus papillentraffendem Bindegewebe, welches mit 4—5 
Schichten von rundlich polyedrischen gegen das Zentrum zylinderför- 
migen Epithelzellen bedeckt ist 

16. Thöle (1. 0.) vergl. im Text 

17. Mario Oro: Cisti congen. del prepuzio. Giorn. intern, delle Sc. 
Med. anno XXIV. Kongenitale kleine seröse Cyste in der Vorhaut Binde- 
gewebswand mit Gefäßen und Lymphgefäßen und einer Lage Zylinder- 
epithel. 

18. C au b e t : Des Cystes congönitaux du pr6puce. Th6se. Lyon 1902. 
(War mir nicht zugänglich.) 



Die Erklärung der Abbildung auf Tai IX ist dem Texte 

zu entnehmen. 



Archiv f.Oemnatologieu.SyphJlis Band LXVn. 



Vfechselmann - Dermoidcysten uparaurethr. Gänqt 



über atrophische Formen des Liehen 

planus. 

Von 

Prof. Dr. Wladislaw Reiss. 

(KrakAu). 

(Hiezu Taf. X— XII.) 



Ende yergangenen Jahres gelangte in meine Klinik ein 
bemerkenswerter Fall von Liehen ruber planus atrophicus zur 
Aufnahme (Fig. 1), und ich hatte Gelegenheit, denselben sowohl 
in klinischer, als auch in histopathologischer Kichtung einer 
eingehenden Prüfung zu unterziehen. 

Im Liehen ruber atrophicus erkannte man eine ganz be- 
sondere, bis in die letzten Jahre nur selten beschriebene Va- 
rietät der Dermatose, bei welcher die Atrophie gleich von An- 
fang der Krankheit als überwiegend zu betrachten ist. Nur 
wenige Autoren haben dieser seltenen Lichenform einige Auf- 
merksamkeit geschenkt. Hallopeau war der erste, der diese 
Form genau beschrieben und ihr den Namen des Liehen atro- 
phicus (seu sclerosus) gegeben. Kaposi erwähnt zwar in seinem 
Handbuch einen Fall dieser Affektion, betont aber zugleich, daß 
es sich wohl nur um ein abnormes Terminalstadium eines 
Liehen planus handelt. Hallopeau erwähnt aber in seiner 
ausführlichen Beschreibung der bezüglichen Planusyarietät, daß 
die papulösen Elemente einer prompten Umwandlung in farb- 
lose, narbenartig glänzende Plaques anheimfallen. Die Plaques 
zeigten zahlreiche kleine Dellen, welche wohl den Drüsen- 
öffnungen oder aber auch den Haarfollikeln entsprachen und 



138 Reis 8. 

mit den entsprechenden Einsenkungen identisch zu sein schienen. 
Die Epidermis war überall verdickt, die Goriumpapillen bei- 
nahe verschwunden. Der Ausschlag war von quälenden Empfin- 
dungen sub forma eines intensiven Juckens begleitet. Die meist 
befallenen Regionen waren der Vorderarm, Rücken und die 
Leisten. Im Jahre 1889 berichtet derselbe Autor über den 
zweiten Fall der eigentümlichen Lichenvarietät, bei welcher 
Gelegenheit er auch ganz besonders hervorhob, daß die gleich 
zu Beginn der Krankheit auftretenden atrophischen, narben- 
ähnlichen Elemente keineswegs einem Terminalstadium einer 
normalen Licheneruption entsprechen, daß ihnen aber vielmehr 
eine ganz besondere Bedeutung einer atypischen, a priori atro- 
phisierenden Lichenform beizumessen ist. 

Hallopeau hebt gewiß die Analogie der Dermatose mit 
dem typischen Liehen planus hervor, bemerkt aber hiezu, daß 
die seiner Varietät zukommende Dekoloration der Papeln die 
Bezeichnung Liehen ruber keineswegs rechtfertigt, wie auch die 
zurückbleibenden atrophischen Narben. 

Ln Jahre 1892 untersuchte Darier den dritten Fall 
dieser Affektion. Die narbenähnlichen weißlichen Flecke sind 
nach ihm von einer rosa Zone umgeben; sie verlaufen auch 
ziemlich parallel mit den normalen Falten der Haut, sind »en 
mosaique** gruppiert, und an den Flecken begegnet man vielen 
kleinen gelblichen „points comes", welche im mikroskopischen 
Bilde wie kleine Zapfen in betreffende Haarfollikel eindringen. 
Die Papillen und die interpapillären Zapfen sind sehr klein, 
das Stratum Malpighi, die Schweißdrüsen und die Haarbulbi 
vollkommen normal. 

Pawlow berichtet im Jahre 1894 in der russischen der- 
matologischen Gesellschaft über einen Fall von Liehen atro- 
phicus, an dessen weißen Flecken er schwarze comedonen- 
ähnliche Punkte bemerkte. 

Ahnliche schwarze Punkte erwähntauch Hallopeau als 
ein Anfangsphänomen der Dermatose im Jahre 1896. Im Jahre 
1895 demonstrierte Schwimmer einen Fall von Liehen scle- 
roticus mit einem stark juckenden, in Gruppen angeordneten 
Ausschlag, welcher den größten Teil des Körpers, besonders 
die Ebctremitäten, bedeckte. 



über atrophische Formen des Liehen planus. 139 

Hallopeau publizierte noch zwei weitere Fälle der 
Affektion, und zwar einen Fall im Jahre 1896, bei welchem 
ganz charakteristische Veränderungen der Mundschleimhaut 
auf die Zugehörigkeit der atrophischen Lichenform zum ge- 
wöhnlichen Liehen planus hinwiesen und später (1898) einen 
zweiten Fall, welcher eine 60jährige Patientin betraf, bei der 
diese LicheuTarietät in Form eines „Liehen en nappes'' insbe- 
sondere zwischen den Brüsten lokalisiert war. 

Im Jahre 1895 berichteten noch Gaucher, Barbe und 
B a 1 1 i über einen Fall eines Liehen scleroticus universalis, 
welchen eine i;anz besonders starke Pigmentierung der papu- 
lösen Elemente auszeichnete, weshalb auch der Fall mit dem 
Namen eines Liehen atrophicus pigmentosus gestempelt wurde. 

Weitere analoge Fälle finden wir nur noch in der engli- 
schen Literatur. Im Jahre 1900 bespricht Crocker in der 
Londoner dermatologischen Gesellschaft die atrophischen Liehen- 
formen. Er spricht daselbst von dem B r a u 1 1 sehen Fall des 
Liehen planus sclerosus und von dem auf dem Londoner Kon- 
greß (1896) vorgestellten Fall, welcher so sehr an das Erank- 
heitsbild der Morphaea erinnerte. Es wurde schon mehrmals 
betont, daß atrophische Planusformen manchmal ein der Sklero- 
dermie nicht unähnliches Bild liefern und auf dieses eigentüm- 
liche Gepräge hat ja bereits Morrant Becker gelegentlich 
seines in der Londoner dermatologischen Gesellschaft (1882) de- 
monstrierten Falles hingewiesen. Auf dem Londoner dermato- 
logischen Kongreß (1896) haben auch Stowers und Yinrace 
ganz typische Fälle der atrophischen Lichenfälle vorgestellt. 

Im Jahre 1899 finden wir in diesem Archiv einen von 
Orbaeck publizierten Fall von liehen atrophicus bei einem 
2djährigen Mann, bei welchem die mosaikartige Gruppierung 
der Effloreszenzen in typischer Weise zu Tage trat. Bei dem- 
selben Patienten wurde auch eine Dyschromie im Sinne einer 
Yitilligo vorgefunden, was nach Orbaeck auf die Möglichkeit 
eines nervösen Momentes hindeuten dürfte. 

Die letzte Publikation, die über atrophische und annuläre 
Formen des Liehen ruber in eingehender Weise berichtet, 
dürfte die von Zarubin (dieses Archiv Bd. LVIII) sein. Der 
Autor hatte Gelegenheit die atrophische und die annuläre 



140 Rei88. 

Varietät des Liehen an zwei Fällen der Breslauer dermatolo- 
gischen Klinik zu beobachten und hat dieselben sowohl in kli- 
nischer, als auch in histologischer Richtung in sehr exakter 
Weise bearbeitet. 

Soweit die einschlägige Literatur. 

Der von mir beobachtete Fall zeigte folgenden Verlauf: 

Patient Adam Eukielka, 21 Jahre alt, wurde am 9. April 1902 in 
meine Klinik aufgenommen. (Fig.l.) Die genaue Familienanamnese, sowie die 
Vorgeschiclite des Patienten sind ohne Beziehung zum gegenwärtigen 
Leiden. Patient will immer gesund gewesen sein. Kein Alkobolismns, 
keine venerischen Krankheiten. Der Kranke klagte bei seiner Aufnahme 
nur über ein geringes Jucken (welches nie heftig gewesen sein soll), 
hauptsächlich war es aber seine „scheckige Haut^, wegen der er seine 
Aufnahme in die dermatologische Klinik erbat. 

Status praesens: Der Patient ist kräftig gebaut, der allgemeine 
Qesundbeitszustand läßt nichts zu wünschen übrig. Fast der ganze Thorax, 
der Hals und alle Extremitäten (besonders an den Beugeseiten), mit 
Ausnahme der Waden, der Hohlhand und der Fußsohle sind mit äußerst 
zahlreichen, teils isolierten, teils konfluierten narbenähnliohen Flecken be- 
deckt. Ihre Größe variert, man findet jedoch konfluierte Plaques von 7 — 10 en> 
Diameter. Diese narbenähnlichen, beim auffallenden Lichte glänzenden 
Flecke zeigen überall eine seichte Depression, ihre Epidermis ist schim- 
mernd rosagrau, mit grauen Streifen, hie und da bemerkt man nadel* 
stichgroße Vertiefungen, welche besonders an den Extremitäten deutlich 
markiert erscheinen. Jeder der oben beschriebenen Flecke ist von einer 
bald breiteren bald schmäleren sepiabraun gefärbten Zone umgeben, 
welche sehr fein aber dennoch überall ganz deutlich radiär gestreift ist 
(Fig. 2). Diese sepiabraune Umrandung der weißen Plaques verleiht der 
Haut, ganz besonders in diesen Regionen, wo die weißen Flecken nicht 
miteinander konfluieren, das so charakteristische scheckige Aussehen 
(photogr. Abbildung). Bei Konfluenz vieler Flecke (an den seitlichen 
Thorax-Flächen) entstehen auf diese Weise kreis- und festonartige Fi- 
guren, Kreissegmente, deren Fortschreiten in zentrifugaler Richtung an 
vielen Stellen angedeutet ist. Im Laufe der letzten Monate, also bereits 
während des Aufenthaltes des Patienten in der Klinik, hatten sich in 
der linken Mamilla, sowie auch in der Regio trochanterica sinistra 
mehrere kleine Flecke entwickelt, welche, mit der Lupe betrachtet, das- 
selbe atrophische Aussehen und eine äußerst langsame Entwicklung 
zeigten. An diesen frischen Effloreszenzen konnte man aber auch ganz 
genau ersehen, daß die oben erwähnte sepiabraune Zone keineswegs mit 
dem zentralen Flecke als synchronisch zu betrachten ist, sondern daß 
die Bildung der zentralen Atrophie der Entwicklung der hyperchroma- 
tischen Umeäumung einige Wochen lang vorangeht. 

Die von sepia- oder rosabraunen festonartigen, hie und da etwas 
prominenten Wällen umringten weißen Felder lassen an manchen Stellen, 



über atrophische Formen des Liehen planus. 141 

welche den Veränderungen jäugeren Datums entsprechen, auch einzelne 
papelartige, polygonale oder abgerundete blaßrosarote Effloreszenzen 
wahrnehmen. Diese Effloreszenzen erscheinen ^auch teilweise in kleinen 
Gruppen, meist aber vereinzelt, ihre Farbe ist rosabräunlich, in den zen- 
tralen Partien der weißen Flecke sind sie meistens dekoloriert, nur an 
der Peripherie dunkelbraun. 

Die gesamte Haut ist bei der Palpation vollkommen schmerzlos. 
— Sensibilität und Temperatursinn überall normal, an den ergriffenen 
Partien durchaus keine Anästhesie. Die Affektion ist, wie bereits erwähnt, 
von keinem starken Jucken begleitet; nur in den letzten zwei Jahren 
fühlte Patient zeitweise gelindes Jucken, besonders im Bereiche der Ex- 
tremitäten, welches nie länger als eine halbe Stunde gedauert haben soll. 
Obwohl Patient den Anfang der Hautaffektion etliche 8 — 9 Jahre zurück- 
datiert (die ersten Krankheitsherde wurden zuerst an den unteren Ex- 
tremitäten bemerkt), kann er sich nicht erinnern, jemals noch so geringe 
Juckanfälle verspürt zu haben. 

An den fein radiär gestreiften, hyperpigmentierten Hautpartien 
sind hie und da kleine, glänzende Schüppchen gelegen, die sich nur mit 
einiger Mühe entfernen lassen. Die Haare sind im Gebiete vieler atro- 
phischer Herde erhalten. Die die kranken Stellen umgebende Haut weist 
keinerlei Veränderungen auf. 

Die der Untersuchung zugänglichen Schleimhäute, insbesondere die 
Mundschleimhaut vollkommen normal. Die inneren Organe, sowie das 
Nervensystem bieten nichts abnormes, der Harn enthält keine patholo- 
gischen Bestandteile. 

Bei der zweiten Aufnahme des Kranken nach fünf Monaten ließ 
sich außer den beschriebenen , ganz unverändert bestehenden Erkrankungs- 
herden nur noch folgendes feststellen. Die braune Pigmentierung hat an 
einigen Stellen, besonders in der Sternal- und Interskapulargegend we- 
sentlich zugenommen. In den Kniekehlen findet man einige neue bräun- 
liche kreisförmige Effloreszenzen, die in ihrer Mitte eine seichte Atrophie 
aufweisen. Frisch entstandene, isolierte Licheneffloreszenzen sind jetzt 
nirgends zu bemerken. Auch in den objektiven Erscheinungen sind durch- 
aus keine Veränderungen eingetreten. 

Histologische Untersuchung: Zum Zwecke der 
histologischen Untersuchung wurden zwei Stücke, die verschie- 
denen Erkrankungsherden entsprachen, excidiert, und zwar ein 
Stück der braungefärbten Zone und ein Plaque mit deutlich 
atrophischem Zentrum. Die Stücke wurden in Müll er sehen 
Flüssigkeit fixiert und hauptsächlich mit Methylenblau und 
Hämatoxylin gefärbt; viele Präparate wurden aber mit der 
Hämatoxylin-Säurefuchsin-Picrinmethode behandelt. 

Die histologischen Details bieten im ganzen nur wenig 
wichtige Anhaltspunkte. Die Hornschicht ist im Bereiche der 
atrophischen Gebiete überall unregelmäßig verdickt (Fig. 3 u. 
4) und bildet an vielen Stellen mächtige Auflagerungen. Die 



142 Reise. 

Cornealschichte wird größtenteils aus bandartigen, homogenen, 
gasigen Streifen gebildet, welche nur schwach gefärbt erschei- 
nen (Fig. 4). In der Epidermis finden wir unregelmäßig grup- 
piertes kleinzelliges Infiltrat, welches stellenweise auch in den 
oberen Cornealschichten, namentlich dicht unter der Endschicht 
des Stratum corneum nachweisbar ist (Fig. 4). Das Stratum 
lucidum fehlt gänzlich im Gebiete der atrophischen Plaques. 
Die Malpighsche Schichte nur stellenweise verdünnt, sonst von 
normaler Breite ; nur die Körnerschichte ist deutlich atrophisch, 
ja nur in wenigen Präparaten nachweisbar. Im Bereiche der 
flachen LichenelfloreszcDz (Fig. 3) ist das Keratohyalin un- 
regelmäßig verteilt und hauptsächlich nur im peripheren Teile 
der Planuspapel dichter gruppiert. Unter der Immersionslinse 
erscheinen hier die Eörnerzellen vielfach abgeplattet und zu- 
sammengedrückt. Im angrenzenden Walle der Papel erscheint 
die gesamte Epidermis normal, nur das Rete etwas verschmälert. 
Die Zellen des Stratum mucosum sind überall von rundlicher 
Form, die unteren Schichten des Rete mit kleinzelligem Infil* 
träte besetzt. 

Die Papillen fehlen nirgends; sie sind nur häufig in den 
den atrophischen Herden entsprechenden Cutisteilen abgeflacht, 
aber überall wenigstens angedeutet. Die subpapilläre Schichte 
weist ziemlich dichte Zelleninfiltrate auf, welche teils um die 
Drüsen, teils um die Gefäße gelagert erscheinen. Im Bereiche 
des Planusknötchens erscheinen diese Infiltrate in Gestalt 
schmächtiger, die subpapillären Gefäße begleitender Streifen. 
Die subpapilläre Schiebte ist überhaupt an Kapillargefäßen arm. 
Mastzellen fehlen. Im subkutanen Bindegewebe nichts abnormes. 
Talgdrüsen spärlich. 

Das elastische Gewebe ist in der obersten Papillarschicht 
innerhalb des atrophischen Gewebes äußerst schwach entwickelt, 
an manchen Stellen kaum angedeutet Die erhaltenen Fasern 
sind zart, schwach tin^iert, wenig geschlängelt. In den tieferen 
Schichten der Cutis zeigt das elastische Gewebe ein ganz nor- 
males Verhalten. 

Was den Pigmentgehalt der betreffenden Herde anbelangt, 
so finden wir die Pigmentschollen sowohl in der basalen Rete- 
schicht, wie auch in der papillären und subpapillären Cutis- 
schiebt in bedeutender Menge verteilt. Im Bereiche der besalen 
Reteschicht sind die Pigmentkörner feiner, ziemlich gleichmäßig 
verteilt, während im Corium die Körner viel gröber und dicht 
aneinander gelagert erscheinen (Fig. 5). Man sieht hier die 
Pigmentkörner sowohl innerhalb als auch außerhalb der Binde- 
gewebszellen, stellenweise verschwommen. Pigmentablagerungen 
um die Gefäße herum habe ich nirgends wahrgenommen. 



über atrophische Formen des Liehen planus. 143 

Wenn wir diesen Befand mit dem histologischen Bilde 
eines typischen Liehen planus vergleichen, so finden wir hier 
und dort wesentliche Differenzen. Wir finden nämlich hei ty- 
pischen Liehen knötchen eine deutliche Akanthose gewöhnlich 
mit gleichzeitiger Hypertrophie der Keratohyalinschicht ver- 
bunden. Unna legt sogar auf die Akanthose nebst Ödem ein 
größeres Gewicht als auf das so charakteristische Rundzellen- 
infiltrat, welches als eine dem Liehen ganz eigentümliche Ver- 
änderung allgemein angesehen wird. Die auf Kosten der Stachel - 
schiebt entstandene Hyperkeratose ist meist ein Zeichen bereits 
vorgeschrittener Stadien, die klinisch ein längeres Bestehen 
hinter sich haben. Das meist charakteristische besteht aber 
gewiß in der deutlichen und scharfen Abgrenzung des Lichen- 
knötchens, in der flachkuppeligen Spannung des Epithels über 
dem Cutisknötchen und der Abflachung der Epithelgrenze gegen 
die Cutis. 

Die untere Grenze des Knötchens wird gewöhnlich von 
einer Linie gebildet, welche nach unten einen leicht gekrümm- 
ten Bogen darstellt, so daß das ganze Gebilde einer flachen 
Konvexlinse nicht unähnlich sieht. Das Knötchen besteht haupt- 
sächlich aus Strängen von Bindegewebszellen, um welche herum 
eine Anzahl kleiner Rundzellen ausgestreut ist. Diese Zellen 
überschreiten an manchen Stellen die Epidermisgrenze und 
dringen zwischen die Epithelzellen ein. Inmitten der Infiltrate 
findet man keine elastischen Fasern; man vermißt aber auch 
Veränderungen, welche auf Atrophie hindeuten würden. Wie wir 
sehen, sind die Differenzen zwischen dem histologischen Bilde 
eines typischen Liehen und dem unseren Falles ziemlich be- 
trächtlich. Wir vermissen in unseren Präparaten die Hyper- 
trophie der Körnerschicht, wir können nirgends die Abgrenzung 
der Lichenknötchen in der Cutis als besonders deutlich und scharf 
erkennen, wir sehen auch fast nirgends eine bedeutende Abflachung 
der Epithelgrenze gegen die Cutis, auch nirgends eine Andeutung 
einer Akanthose. In unseren Präparaten ist das Rete Malpighii 
überall von normaler Breite, die Kömerschicht teilweise atro- 
phisch, die ioterpapillären Fortsetzungen überall verlängert und 
nirgends zu einer Fläche ausgeglichen. 

Die Abgrenzung des Knötchens an der Cutis (Fig. 3) ist 
nicht besonders scharf aber genug deutlich zu erkennen. Wir 
erkennen ganz genau die geringe Wellenbildung des betrefien- 
den Cutisabschnittes, wir sehen auch hier die bekannte flach- 
pilzartige 11 er vorragung, die dem Cutispolster des Lichenknöt- 
chens entspricht, wir können aber die Begrenzung des Knöt- 
chens keineswegs als genug typisch scharf bezeichnen. 

Wir finden aber in unseren Präparaten Rundzelleninfiltrate, 
deren Anhäufung in den oberen Cutislagen und im Epithel von 



1 44 R e i 8 B. 

Pinkus (Zur Kenntnis des Anfangsstadiums des Liehen ruber 
planus; Arch. f. Dermatologie u. Syph., LX) als geradezu char^ 
akteristisch für die Histopathologie des Lieben eraebtet wird 
(Fig. 4). 

Pinkus war meines Wissens der erste, der in der Durch- 
setzung der oberflächlichsten Teile des Corium bis in das Epithel 
hinein mit kernigen Zellen eine besonders wichtige und char- 
akteristische histopathologische Eigenschaft des Liehen ruber 
erkannte. Pinkus untersuchte ganz junge, erst in Entwicklung 
begriffene Planusknötchen und fand im Knötchengewebe eine 
dunkelkömige Rundzelleninfiltration, welche die Epithelgrenze 
an vielen Stellen überschritt, gleichzeitig aber auch in den oberen 
Schichten ihren morphologischen Charakter änderte: «Diese 
dunke) körnigen Zellen weisen gewisse Unterschiede untereinander 
auf. Eine große Zahl, namentlich in den tieferen Partien, hat 
fast runde, nur hie und da etwas unregelmäßig eckige (aber 
nie längliche) Kerne, die so dunkel hämatoxylingefarbt sind, 
daß höchstens nur ein großes klumpiges Netzgerüst hie und da 
zu erkennen ist. — Dem Epithel zu und namentlich an der 
Epithelgrenze und in seinen untersten Lagen haben die Kerne 
das Aussehen langgestreckter, gelappter Kerne polynucleärer 
Leukocyten, nur sind sie etwas dicker und zeigen nirgends 
deren zarte Verbindungsbrücken zwischen den Stücken des 
kleeblattfdrmigen Kerns (wohl als Folge dergHärtung. In subli- 
matgehärteten Stücken von Liehen planus erscheinen die 
polvnucleären Leukocyten schön langgestreckt). Ihre dicke Ge- 
stalt hätte ihre Analogie in den Befunden von Schumacher, 
seinen Anschauungen über die Art dieser Zellen vermag ich 
mich indessen nicht anzusehließen. — Man sieht deutlich, wie 
die ganzen Züge des Infiltrats nach den erwähnten beiden 
Stellen des Epithels hinstreichen.'' 

In unseren Präparaten kann man wohl die Infiltrations^ 
Zellen bis in die oberflächlichsten Reihen des Epithels verfolgen, 
ich konnte aber den morphologischen Unterschied zwischen den 
Zellen des Coriuminfiltrates und denen der oberen Schichten 
keineswegs konstatieren. Die Frage nach der Art der Zellen 
im kleinzelligen Infiltrate ist bereits vielfach erwogen worden. 
Es ist aber dennoch gewiß nicht entschieden, ob diese Zellen 
als Lymphocyten oder aber auch als kleine Plasmazellen (Unna- 
Pappenheim) zu bezeichnen sind. 

Darier konstatierte in seinem Falle von Liehen ruber 
planus scleroticus den Beginn der Erkrankung mit einem em- 
bryonalen Zellinfiltrat, welches später zu einem stabilen Binde- 
gewebe sich organisierte. Die Schrumpfung des letzteren dürfte 
zu einer Erweiterung des Stratum papilläre und zu einer narben- 
ähnlichen Atrophie fuhren. 



ArchivfDennatotogieu Syphilis Band IXVm. 



Reiss ■■ AtFophisctia Foimen des Liehen planus. 



Archiv f DermatolagieaSyphilis Band LXVID. 



Keis.s - AlrnphisrlieFoniiPridesLiclicii planus. 



Archivf OermatologieuSyphilis Band LXVm. 



Fiat 



Kei.ss - Ativpliisthe Kniiicii dta l.iclien |)lai 



über atrophische Formen des Liehen planus. 145 

Unsere klinischen und histologischen Befunde führen dem- 
nach zur Auffassung unseres Falles als Liehen planus 
atrophicus pigmentosus. Er nähert sich vollkommen dem 
von Gaucher, Barbe und Balli im Jahre 1895 berichteten 
Falle. In unserem Falle dürfen wir gewiß nicht von einem 
Terminalstadium eines gewöhnlichen Liehen planus mit Pigment- 
bildung sprechen; der Fall ist vielmehr als ganz typische Va- 
rietät des Liehen und zwar eine a priori atrophisierende, mit 
starker Pigmentbildung einhergehende Form der Dermatose zu 
betrachten. 

Unser Fall kann leider zur Klärung des ätiologischen 
Momentes der Lichenpathogenese nicht im geringsten bei- 
tragen. — Viele Autoren neigen zur Annahme einer nervösen 
Ätiologie des Liehen. Wir konnten durchaus nichts Positives in 
dieser Hinsicht aufweisen, da in unserem Falle weder eine Er- 
krankung oder Läsion des Nervensystemes dem Auftreten der 
Dermatose vorausgegangen, noch irgendwelche Anhaltspunkte 
im Laufe der späteren Zeit auszufinden waren. Für die para- 
sitäre Theorie konnte weder die klinische Betrachtung des 
Falles noch die histologische Untersuchung des Gewebes hindeuten. 

Was die klinische Diagnose des Falles anbelangt, so war 
das Erankheitsbild so charakteristisch, daß ich, obwohl die 
Primäreffloreszenzen in verschwindend kleiner Anzahl vorhanden 
waren und obwohl ich bisher nur einen einzigen Fall der atro- 
phischen Lichenvarietät, und zwar vor Jahren, zu Gesichte be- 
kam, keinen Augenblick schwankte, den Fall als Liehen atro- 
phicus pigmentosus zu diagnostizieren. Die chagrinlederartige 
Felderung der atrophisierenden Planusherde, die feston- und 
mosaikartige Zeichnung der weißlichen vitiligoähnlichen Flecke 
und die Pigmentierung gestalten die Diagnose zu einer keines- 
wegs schweren. Der Verlauf der Dermatose, das Fehlen stär- 
keren Juckens, das Ausbleiben von Nässen, das Fehlen der 
Blasenbildung stützen die Diagnose in erheblicher Weise. Bei 
mehreren in der Literatur erwähnten Fällen von Liehen atro- 
phicus führte allerdings erst die Beteiligung der Mundschleim- 
haut mit Licheneffloreszenzen auf die richtige Diagnose. — In 
unserem Fall waren die Schleimhäute nicht beteiligt, die Ver- 
änderungen auf der Haut aber so typisch, daß ich wirklich nicht 
wüßte, mit welchem Krankheitsbilde die Dermatose klinisch ver- 
wechselt werden könnte. Die typische Erscheinung der Krank- 
heitsherde, die charakteristische Pigmentierung und vor allem 
die atrophischen Vorgänge werden wohl den Gedanken an die 
Parakeratosis variegata (Unna) kaum auftauchen lassen, obwohl 
auch in den letzten Jahren einige Autoren geneigt sind, die 
Unna sehe Parakeratose mit atypischen Planusformen als iden- 
tisch zu betrachten. 

Areh. f. Dermal, n. Syph. Bd. LXVIII. ]Q 



146 RexBs. 

Eine Abheilung der KrankheitserscheiDungen war bei der 
bisherigen Beobachtung nicht zu konstatieren; die Arsenbe- 
handlang hatte nur das Ausbleiben neuer Planusknötchen zur 
Folge. Patient wünschte aber seine Aufnahme in die Klinik mehr 
aus kosmetischen Gründen. Die mehrmals angestellten Versuche 
der Depigmentation im Bereiche der betreffenden Krankheits- 
herde blieben erfolglos oder führten nur zu Yorübergehenden 
Resultaten. 

Literatur. 

1. Besnier. Congres international de dermatologie (Paris 1889). 

2. Breda. Beobachtungen und Betrachtangen über Liehen mber. 
(Arch. f. Dermatolog. XLIII.) 

3. Brooq. Traitement des maladies de la pean. 1890. 

4. Brocq. La pratique dermatologique. Paris 190S. 

6. Darier. Liooen plan soUrenz. (Annales de dermat. 1892.) 

6. Dfiring. Liehen neoroticus u. Pityriasis mbra pilaris. (Monats- 
hefte f. Dermatolog« XYL) 

7. Gancher, Barbe u. Balli. Liehen plan atrophique pigmente. 
(Annales de dermat 1896.) 

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atrophiqae. (Annales de derm. 1887.) 

9. Hallopeao. Sar un noaveaa oas de liehen plan atrophiqae, 
(Annales de dermatol, 1896.) 

10. Hallopeau. Snr an liehen en nappe. (Ann. de derm. 1890.) 

11. Jarisoh, Hantkrankheiten. Wien 1900. 

12. Kaposi. Pathologie a. Therapie der Haatkrankheiten. 1899. 
18. Neisser. Krankheiten der Haut Statt^art 1901. 

14. Orbaeck. Liehen atrophicos und Yitiligo. (Arch. fär Derma- 
tologie L.) 

16. Pineas. Zar Kenntnis des Anfangsstadinms des Liehen raber 
planas. (Archiv f. Dermatologie LX, 1902.) 

16. Bona. Weitere Beiträge zar Lehre des Liehen raber. (Monats- 
hefte f. Dermat. 1889, YIII.) 

17. Schwimmer. Liehen raber planas atrophicas. (Arch. f. Derma- 
tologie 1896. XXXIIL) 

18. Stowers. Liehen planas atrophicas. Third intemat Oongress 
oi dermat. London 1896. 

19. Unna. Die Histopathologie der Haatkrankheiten. 1894. 

20. Unna. Liehen annalaris aniversalis. Intemation. Atlas seltener 
Haatkrankheiten, XIY, 1899. 

21. Yinrace. Liehen planas atrophicas. Third intemat congress 
of dermat London 1896. 

22. Zar üb in. Ülier atrophische and serpiginöse Formen des Liehen 
raber planas. (Arch. f. Derm. LYllL) 

Die Erklärung der Abbildungen auf Taf. X— XII iat dem Texte 

zu entnehmen. 



Aus der üniversitätspoliklinik fflr Haut- und Seschlechts- 
krankheiten in Berlin (Direktor; Professor Dr. Lesser). 



Lymphangiektasien der Wange. 

Von 

Dr. C. Bmhns, 

PrlratdoEenten und ebemal. Auistenten der Klinik filr Haut- und GeaeUeebtokrankheiten 

in der kOnigL Ckarit^ in Berlin. 

(HieEu Taf. XIII u. XIV.) 



Ein ungewöhnlicher Fall von Veränderung der Wangen- 
fichleimhaut und der tiefer gelegenen Gewebe, der insbesondere 
nicht uninteressante histologische Eigentümlichkeiten aufwies, 
gibt mir Veranlassung zu den folgenden Mitteilungen. 

Im März 1902 suchte Frau T., eine 34jährige Buchbinders- 
frau, die Universitätspoliklinik für Haut- und Geschlechtskrank- 
heiten auf wegen einer chronisch verlaufenden Anschwellung 
der Wange.*) 

Aas der Anamnese ist folgendes hervorzuheben: In der Kindheit 
bestand S Jahre hindurch „Ohrlaufen**. Patientin war dann bleichsüohtig« 
Im Alter von 18 Jahren Lnngenentzündang, danach mehrfache immer 
nor kurz dauernde Katarrhe. Im Alter von 23 Jahren und in den 2 
folgenden Jahren während des ganzen Winters nLungenkatarrh 
und Asthma", während die Patientin im letztvergangenen Winter sich 
ganz wohl befand. Zwei Kinder der Patientin sind im Alter von 4Vi und 
£Y> Jahren an Gehimtuberkulose gestorben, ein anderes Kind lebt, ist 
4 Jahre alt und gesund. Im übrigen soU in der Familie der Patientin 
kein Lungenleiden vorgekommen sein, auch nicht bei ihren Eltern. Der 
Mann ist gesund. 

Betreffs ihres jetzigen Leidens gibt die Patientin an, daß sie seit 
ea. 6 — 7 Jahren eine Rötung der linken unteren Gesiehtshälfte bemerkt 

*) Die Patientin wurde von mir in der Novembersitzung 1902 der 
Berliner dermatol. Gesellschaft kurz demonstriert, histologische Präparate 
in der Sitzung der Charit6-Gesellsohaft vom 23. Juli 1903. 

10» 



148 BrohDB. 

habe, 2 — S Jahre spater habe die jetzt vorhandene Schwellang begonnen. 
Sie habe öfters ein Gefühl von Brennen der Wange gehabt, ForlVt Jahren 
seien ihr links und rechts die kariösen Backzähne entfernt worden. Erst 
nach dieser Zeit habe sie auf der linken Wangenschleimhaut die jetzt 
vorhandenen Wn Istbildungen wahrgenommen. 

Status (vom 10. März 1902) : Die linke Seite des Gesichtes er- 
scheint in der Submaxillargegend etwas vorgewölbt. Man fühlt an der 
Stelle der Submaxillardrüse eine nicht deutlich abgrenzbare weiche 
Schwellung, die sich noch über den Unterkieferrand als teigige Infiltra- 
tion nach oben hin erstreckt, ebenso nach der Unterkinngegend. Auf der 
Wange verliert sich die Schwellung allmählich« Wenn man die linke 
Wange oberhalb des Unterkieferrandes zwischen die Finger nimmt, er- 
kennt man gegenüber der rechten Wange deutlich die Zunahme dea 
Dickendurchmeasers links. 

Die Haut auf der linken Gesichtsseite ist, etwa vom Jochbein ab- 
wärts, leicht blaurot verfärbt, im übrigen ganz unverändert 

Auf der Schleimhaut der Wange erkennt man eine Anzahl vou 
Wulstbildungen, die sich ca. V« ^"^ oder etwas höher erheben und durch 
unregelmäßige Furchen von einander getrennt sind. (Fig. 1.) Die Höcker 
sind mit normaler Schleimhaut über kleidet, die Konsistenz ist ziemlich 
weich. Die Wulstbildungen sitzen am hinteren Teil der linken Wange, 
sie entsprechen der Gegend der Molar zahne, welche bei der Patientin fast 
vollkommen entfernt sind. Nach vorn zu werden die Wulstbildungen 
flacher. Bläschen sind auf der Schleimhaut auch bei Lupenbesichtigung 
nicht erkennbar. 

Die Mundhöhle zeigt im übrigen keine Besonderheiten. Drüsen- 
schwellungen sind sonst nirgends vorhanden. Die Untersuchung des übrigen 
Körpers zeigt, daß die Patientin grazil und nicht sehr kräftig gebaut ist, 
es ergibt sich nichts weiteres Bemerkenswertes, insbesondere zeigt der 
Lungenbefund keine Symptome von Tuberkulose. (Der von mir unter- 
suchte vierjährige Sohn der Patientin erwies sich als gesund.) 

Im Verlauf der Beobachtung war manchmal die Wange etwas 
stärker blaurot verfärbt und etwas stärker geschwollen als zu anderen 
Zeiten. Die Patientin gibt auch selbst an, daß, wenn sie sich länger ge- 
bückt habe oder sich stärker angestrengt habe, die Anschwellung zeit» 
weise zunehme. 

Am 18./III. wurde unter Aufpinselung von Kokain ein ca. Ys ^^^ 
hohes Stück der Wangenschleimhaut an einer Stelle, wo die Wulstbil- 
dung besonders hoch erschien, mit der Scheere excidiert. 

Eine vorher versuchte Probepunktion von außen sowohl wie von 
innen her ließ keine Flüssigkeit aspirieren. 

Die Therapie bestand außer in Umschlägen und innerlicher Arsen- 
darreichung in elektrolytischer Behandlung der Wulstbildungen der 
Wangenschleimhaut. 

Der Verlauf war der, daß die Erkrankung, abgesehen von den vor- 
hin erwähnten vorübergehenden leichten Schwankungen in der Intensität 



Lymphangiektasien der Wange. 149 

der äaßeren Schwellung und Verförbnng, absolut stationär blieb. Ich sah 
die Patientin noch einmal im Oktober 1908, dabei zeigte sich ein Befundt 
der dem im März 1902 erhobenen fast vollkommen glich und höchstens 
darin eine Abweichung zeigte, daß die Wulstbildungeu der Wangen- 
schleimhaut, dort wo die Elektrolyse versucht war, ein wenig eingesunken 
erschienen. 

Ich fasse den Befund noch einmal kurz zusammen: Wir 
haben es bei einer 34jährigen Patientin mit einer eigentümlichen 
Wulstbildung der Wangenschleimhaut und einer Anschwellung 
der Wange, speziell in der Gegend der iSubmaxillardrüse und 
etwas höher, zu tun bei gleichzeitiger stark cyanotischer Ver- 
färl^ung der äußeren Wangenhaut. Die Veränderungen wurden 
Tor mehreren Jahren zuerst bemerkt und erhalten sich jetzt 
eine längere Zeit hindurch absolut stationär. Irgend eine 
sichere Veranlassung für diese Bildung oder ein Zusammen- 
hang mit einer Allgemeinerkrankung lassen sich nicht nachweisen. 

Aus dem klinischen Befund wurde angenommen, dafi hier 
ein der Makroglossie oder Makrocheilie ähnlicher Zustand 
der Wange vorliege, der dementsprechend als Makro melie 
bezeichnet werden könnte, ein Lymphangiom resp. ein 
lymphangiektatischer Prozeß der Wange. 

Histologischer Befund. 

Das excidierte Stück wurde in Müller-Formol, danach in 
Alkohol, z. T. auch nur in Alkohol gehärtet Ein Teil des Stückes 
wurde in Serienechnitte zerlegt. Die Färbung wurde ausgeführt 
mit Hämatoxylin-Eosin, Hämatoxylin- Orange, Alaunkarmin, van 
Oiesonscher Methode, polychromem Methylenblau, polychromem 
Methylenblau-Orcein. Außerdem wurden mehrere Präparate auf 
Tuberkel-Bazillen gefärbt. M 

Bei der Betrachtung der Schnitte mit schwacher Ver- 
größerung sieht man am Rande ein wohlerhaltenes Epider- 
misepithel, das nach Vergleichen mit Schnitten von normaler 
Wangenschleimhaut nicht wesentlich verschmälert oder ver- 
breitert ist. Nur sind die Papillen nicht immer ganz deutlich 
ausgebildet, sondern die Papillarlinie verläuft an einigen 
Stellen gestreckter als normal. 



^) Herr Prof. 0. Israel hatte die große Freundlichkeit, die wich- 
tigsten Präparate einer Durchsicht zu unterziehen und mir über ver- 
schiedene mir anfangs zweifelhafte Punkte Aufklärung zu geben, wofür 
ich ihm auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank ausspreche. 



150 Brnhns. 

Unterhalb der Epidermis sieht man nun im Gewebe eine 
Anzahl unregelmäßig gelagerter Hohlräume (Fig. 2). Die Mehr- 
zahl derselben findet sich in der subpapillären Schicht und 
nach der unteren Grenze des Präparates nehmen sie an Menge 
zu, so daß man in den unterhalb des excidierten Stückes ge- 
legenen Geweben wohl noch mehr Hohlräume yermuten darf. 
Aber doch sind auch in der papillären Schicht mehrere vor- 
handen und an einer Stelle der Präparate reichen einige sol- 
cher Hohlräume, die eine kreisrunde, cystenartige Form haben, 
bis unmittelbar an die Epidermis heran, diese gewissermaßen 
vor sich herschieben (Fig. 3). Eine Cyste, die offenbar im 
Schrägschnitt getroffen ist, erscheint oben und unten vom Ober- 
flächenepithel ganz umgeben. An manchen Stellen der Präpa- 
rate liegen eine Anzahl der Hohlräume gruppenformig neben- 
einander, an andern Stellen wieder sind sie nur spärlich im 
Gewebe vorhanden, kurz die Verteilung derselben ist eine sehr 
ungleichmäßige. Die Form der Hohlräume ist wechselnd, während 
einige, wie die erwähnten, bis an die Epidermis heranreichenden 
kreisrunde Form haben, zeigen die meisten ein ovales oder 
längliches oft ein birnenförmiges Aussehen. 

Die Hohlräume sind meist ausgekleidet von einem ein- 
fachen Endothelbelag. Diese Endotbelien liegen nur selten dicht 
zusammen, meist erscheinen sie stark auseinandergezogen. An 
manchen Stellen sind aber Wandungselemente nicht zu erkennen, 
oft macht die Endothelauskleidung nur einen Teil der Zirkum- 
ferenz aus, auf der andern Seile ist der Hohlraum dann direkt 
von dem umgebenden Bindegewebe eingeschlossen. 

Durch diese Beschaffenheit der Wandung, welche nur 
von einem nicht überall erkennbaren Endothelring gebildet ist, 
wie durch den später zu schildernden Inhalt sind die Hohlräume 
als Lymphräume zu agnoszieren. Von den größeren Lymphräumen 
aus sieht man oft ganz feine, ebenfalls mit einfachem Endothel 
ausgekleidete Lymphspalten sich noch weit ins Gewebe hinein 
ausstrecken. An einzelnen Stellen sind zwei oder mehr solcher 
größerer Lymphräume konfluiert und es ragen dann in das 
Lumen feine septenartige, eine einfache Lage von Endotbelien 
tragende Vorspränge als Reste der Zwischenwand der einzelnen 
Bäume hinein. 

Der Inhalt der Hohlräume ist ein sehr verschiedener. 
Eine Anzahl der Lymphräume sind überhaupt ganz leer. Andere 
enthalten geronnene Lymphe, die sich teils als faserige, teils als 
mehr gleichförmige, käsige Substanz darstellt. Ein nicht ge- 
ringer Teil der Hohlräume ist aber erfüllt mit Zellmassen. Diese 
bilden entweder nur kleinere, von einzelnen Zellen umgebene 
Haufen, welche nur einen geringen Teil der Fläche des Lymph- 
raumes einnehmen. Oder sie stellen ein Konglomerat von 



Lymphangiektasien der Wange. 161 

Zellen dar, das den ganzen oder fast den ganzen Hohlraum 
ausfallt, so daß derselbe förmlich verstopft erscheint. Manchmal 
zeigt sich um den zentral liegenden Zellbaufen ein schmaler 
überall gleichmäßiger freier Bing unmittelbar an dem Band des 
Hohlraumes, Dieser freie Bing ist wohl nur auf eine Schrum- 
pfung der Zellmassen und auf eine Betraktion derselben von 
der Wandung infolge der Präparation des excidierten Stückes 
zu beziehen. Auf die Natur dieser Zellen muß ich nachher noch 
zurückkommen. 

Zwischen den Hohlräumen sieht man ein zum großen 
Teil kemarmes, derbes Bindegewebe. An verschiedenen Stellen 
finden sich in demselben große Zellinfiltrate, die sich den 
Hohlräumen teilweise anlagern, dieselben aber nicht einschließen. 
Teilweise liegen sie aber ganz unabhängig von den Lymphräumen, 
mitten in das sonst kemarme Gewebe eingestreut. Die Zell- 
haufen sind von verschiedenen Zellarten gebildet. Sie sind zu- 
sammengesetzt aus zahlreichen, einkernigen, dunkel gefärbten 
kleinen Leukocyten und einer großen Menge von Plasmazellen, 
die sich besonders in der Färbung mit polychromem Methylen- 
blau gut darstellen. Diese Plasmazellen finden sich aber nur 
an einigen Stellen der Präparate, hier sind sie vielfach gemischt 
mit den Lymphocyten, aber nicht überall, wo Lymphocyteu 
vorhanden sind, sieht man Pla^mazellen. An diesen Stellen 
findet man dann auch vermehrte Bindegewebskerne. 

Weiter bilden einen charakteristischen Bestandteil der 
Zellinfiltrate zahlreiche, manchmal mehr längliche, manchmal 
etwas aufgequollen erscheinende hellgefärbte Endothelzellen 
und an vielen Stellen der Präparate erkennt man, wie die 
Endothelzellen sich zu parallelen, dicht neben einander gelagerten 
Zügen anordnen, die deutlich kapillare Gafaßbahnen darstellen, 
die größeren von ihnen lassen ab und zu den charakteristischen 
Inhalt, äholich wie die großen Lymphräume erkennen. An einigen 
Schnitten erkennt man auch, wie ein solches feines Lymph- 
gefäß sich von einem größeren abzweigt. Ob die £ndothelien, 
welche einzeln sichtbar sind, Wandungselemente von Lymph- 
spalten darstellen, welche nicht fortlaufend in die Schnittfläche 
der Präparate fallen oder ob es sich hier um neu von den 
vorhandenen Lymphspalten sprossende Endothelien handelt, läßt 
sich nicht entscheiden. Jedenfalls besteht eine ziemlich starke 
Endothelvermehrung. Mastzellen fanden sich in erheblicher An* 
zahl unregelmäßig zwischen den übrigen Zellen zerstreut. 

Aufiallend war der nicht seltene Befund von wohl ausge- 
bildeten Biesenzellen vollkommen gleichenden Gebilden sowohl 
innerhalb der Lymphräume wie außerhalb derselben in den 
Zellinfiltraten. Sie waren ganz unregelmäßig verteilt. Auch 
darüber möchte ich unten noch näheres sagen. 



X52 Brahns. 

Der Erwähnung bedarf noch ein nnr an wenigen Schnitten 
des excidierten Stückes erhobener Befund, der aber offenbar 
nur akzidenteller Natur ist, nicht eigentlich zum Wesen des 
krankhaften Prozesses gehört. An einer Stelle sind die tieferen 
Schiebten des Oberflächenepithel and die darunter gelegenen 
eingerissen, während die oberen Epithellager erhalten sind. 
Unter dieser Lücke im Gewebe sieht man bei schwacher Ver- 
größerung ein circumscriptes, stark mit Hämatoxylin gefärbtes 
Faserwerk, das nur wenig in die subpapilläre Schicht herab- 
reicht und auch nach rechts und links nur einen kleinen Teil 
des Präparates einnimmt. Bei starker Vergrösserung erkennt 
man, daß die scheinbaren Fasern sehr langgestreckte und sehr 
schmale Zellen sind, an denen teilweise ein länglicher Kern 
und ein mit langen Ausläufern versehenes Protoplasma sicht- 
bar ist. Diese Zellen gleichen Bindegewebszellen bis zu einem 
gewissen Grade, nur sind sie viel dünner und länger. Sie machen 
aen Eindruck von geschrumpften und abgestorbenen Zellen, die 
außerordentlich stark Hämatoxylin angenommen haben. Die 
Zellen greifen mit ihren Ausläufern vielfach netzartig ineinander. 
Da sonst im Präparat nirgends eine analoge Erscheinung vor- 
handen ist, geht man wohl nicht fehl, wenn man hier eine Art 
Nai'benbildung, einen atrophischen Prozeß annimmt, den man sich 
infolge eines äußeren Reizes, vielleicht eines kleinen Traumas 
in der Mundhöhle der Patientin, entstanden denken kann. 

Die Färbung auf elastische Fasern (Orcein-polychromes 
Methylenblau) ergab ein ziemlich reichliches Vorhanden sein 
derselben überall dort, wo keine zellige Infiltration vorhanden war. 
An den Orten der Zellanhäufung waren keine elastischen Fasern 
vorhanden. Eine spezielle Beziehung zu den Lymphräumen, wie 
sie Beck ') beschreibt bei der histologischen Untersuchung 
eines Ödema indurativum, konnte ich nicht konstatieren. 

Wenn ich nun das histologische Bild nochmals in wenigen 

Worten rekapituliere, so sind es folgende charakteristische 

Momente, die aus dem Befund hervorzuheben sind. Man sieht 

eine Anzahl größerer und kleinerer Lymhräume meist im sub- 

papillaren Stratum, stellanweise bis an dasReteMalpighi reichend. 

Die Lymphräume sind meist mit einfachem Endothel bekleidet, 

Im Inueren der Lymphräume erkennt man teilweise geronnene 

Lymphe, teilweise ein Konglomerat von Zellen. Zwischen den 

LymphräumC; sind circumscripte Zellinfiltrationen siebtbar, die 

zusammengesetzt sind aus zahlreichen Lymphocyten und Plas- 



') Beck. Beiträge zur Kenntnis der elastischen Fasern und ihres 
Verhältnisses zu den Lymphgefäßen der Haut. Arch. f. Dermat. n. Svph. 
Bd. XXXVIII. 1897. p. 401. 



Lymphangiektasien der Wange. 153 

mazellen. Dazwischen sind viele einzelne Endothelien oder zu 
kapillaren angeordnete Endotbelzüge eingestreut. Femer finden 
sich an verschiedenen Stellen innerhalb der Lymphräume sowohl 
wie außerhalb derselben im Gewebe große Zellen, die Riesen- 
zellen vollkommen gleichen. 

Zum klinischen Bilde der vorstehend geschilderten 
Erkrankung möchte ich noch folgendes erwähnen: Bei den 
verchiedenen Konsultationen war, wie erwähnt, ein ziemlich 
verschiedener Grad von Schwellung und blauroter Verfärbung 
der linken Gesichtshälfte zu bemerken, diese Schwankungen 
hatte die Patientin auch selbst beobachtet. Teilweise war offen- 
bar die Stauung in den Ljmph- und wohl auch venösen Bahnen, 
durch Bewegungen und ähnliches beeinflußt, größer, während 
in den Zwischenzeiten die Zirkulationsstöruug wieder auf ihr 
gewöhnliches Maß zurückging. Es waren aber bei dieser Pati- 
entin keine intermittierenden entzündlichen Erscheinungen 
vorhanden, wie sie bei Lymphangiomen von verschiedenen Au- 
toren beobachtet sind und die von Küttner') auf immer er- 
neute Infektionen zurückgeführt werden. 

Was die Anschwellung in der Submaxillargend anlangt, 
so handelte es sich nicht um eine einfache Drüsenschwellung, 
wie man sie sonst beobachtet infolge entzündlicher oder in- 
fektiöser Prozesse, dafür war die Schwellung zu weich und zu 
wenig circumskript. Vielmehr fühlte sich die Schwellung 
etwas teigig an und erstreckte sich ja nach oben über den 
Unterkieferrand. Es ist daher eher zu vermuten, daß der an 
der Wangenschleimhaut beobachtete Prozeß sich weiter in die 
Tiefe erstreckt und es ist wohl möglich, daß das periglandu- 
läre Gewebe, vielleicht auch die Drüse selbst, und die tieferen 
Schichten der Wange ähnliche Erweiterungen der Lymphbahnen 
und chronisch entzündliche Infiltrationen aufwies, wie der Prozeß 
in und unter der Wungenschleimhaut. 

Daß bei der Probepunktion von innen von der Wangen- 
schleimhaut her wie von außen sich keine Flüssigkeit aspi- 
rieren ließ, beweist natürlich nichts gegen das Vorhandensein 



^) Küttner: Ober die intermittierende Entzündung der Lymph- 
angiome. Beitr. z. klin. Chir. Bd. XYDI. 1887. pag. 728, 



154 BrDhnB. 

solcher Lymphränme, wie sie die Wangenschleimhaut bei der 
mikroskopischen Untersuchung zeigte. 

Bei echtem Lymphangiom der Mundschleimhaut beschreiben 
bekanntlich die meisten Autoren die Bildung typischer Bläschen 
auf der Schleimhaut. Ebenso schildern Tenneson^) und Du 
C a 8 1 e 1 ') in ihren kurz mitgeteilten Fällen von „Lymph- 
angiektasien der Wangenschleimheit^, die sich nach wieder- 
holten Erysipeln ausbilden, die Veränderung als bläschen- resp. 
hirsekomartige Erhebungen. Ich konnte bei makroskopischer Be- 
trachtung keine Bläschen nachweisen, auch nicht bei Lupenbetrach- 
tung. Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß doch Lymph- 
cysten in der Papillarschicht unmittelbar unter der Epidermis 
Yorhanden waren, aber jedenfalls waren sie in diesen oberen Schich- 
ten vereinzelt lokalisiert, so daß sie der makroskopischen Betrach- 
tung nicht erkennbar waren. Eine analoge Veränderung an der 
Wangenschleimhaut wie hier habe ich nirgends beschrieben ge- 
funden. Als ähnlichen Fall möchte ich hier die Beobachtung 
von Suckstorff^) von „Lymphangiom des Rachens mit Bildung 
croupöser Membranen" anfuhren. Suckstorff beschreibt bei 
einem 21jährigen Mann ein Lymphangiom des Rachens, das sich 
vor 9 Jahren zuerst gezeigt hatte. Auf der Rachenwand hatten 
sich lappenförmige, weiche rote Wülste gebildet, die Vi ^^ ^^ 
das Lumen der Rachenhöhle hinein vorsprangen. Hier zeigten 
sich aber die vorhin erwähnten entzündlichen Erscheinungen 
durch eine intermittierend auftretende Anschwellung der Rachen- 
wand mit Bildung croupartiger Membranen, die ausgehustet 
wurden. 

Der Verlauf der Erkrankung in meinem Fall war ein ex- 
quisit chronischer. Vor zirka 8 Jahren hatte die Patientin die 
ersten Erscheinungen bemerkt, bestehend in Rötung und bald 
darauf Anschwellung der Wange und man weiß gar nicht, wie 



') Teaneson et Darier. Varioes lymphatiques de la muqaeuse 
buccale, Annales de Derm. et de Syph. 1893. p. 1802. 

*) Da Gaste]. Lymphangiectasies de la mnqneuse buccale con- 
s^cutives a des Srysipdles k repetitioD. Annales de Dermat. et de Syph. 
1895. pag. 842. 

') Suckstorff: Lymphangiom des Rachens mit Bildung croupöser 
Membranen. Beitr. z. klin. Chir. 1900. Bd. XXYII. pag. 186. 



Lymphangiektasien der Wange. 155 

weit der erste ÄDfang zurückreicht Ich selbst habe die Kranke 
während eines Zeitraumes von 19 Monaten beobachtet, ohne 
daß sich ihr Zustand irgendwie wesentlich veränderte. 

Betrachten wir nun, inwieweit das mikrosko- 
pische Bild die klinische Diagnose eines der 
Makroglossie ähnlichen Zustandes oder eines 
Lymphangioms bestätigt. Das was das Bild beherrscht, 
sind in erster Linie die zahlreichen großen Lymphräume, femer 
die Zellanhäufungen. Es handelt sich demnach auch hier wieder 
um die Frage : Liegt echtes Lymphangiom vor oder haben 
wir es nur mit Lymphangiektasien vielleicht infolge eines chronisch 
verlaufenden Entzündungsprozesses zu tun? Ich muß nun 
hier hervorheben, daß eine absolut sichere Entscheidung in 
diesem Falle sich nicht treffen läßt. Es konnte ja nur ein 
verhältnismäßig oberflächliches Stück des krankhaft veränderten 
Gewebes zur Untersuchung excidiert werden und es muß offen 
bleiben, ob die in der Tiefe gelegenen Veränderungen in allen 
Einzelheiten mit denen an der Wangenschleimhaut überein- 
stimmten. Aus den zur Untersuchung gelangten Präparaten 
kann man wohl nur auf Bildung von Lymphangiektasien bei 
gleichzeitigem Vorhandensein eines chronischen Entzündungs- 
prozesses im umgebenden Gewebe schließen. 

Ohne die in so vielen Arbeiten erörterte Frage, wo die 
Grenze zwischen Lymphangiom und Lymphangiektasie zu ziehen 
sei, hier von neuem aufzurollen, erwähne ich nur, daß in den 
neueren Publikationen von Freudweiler,*) Waelsc h,^) 
Schnabel*'*) u. a. für das Lymphangiom im Gegensatz zur 
Lymphangiektasie wieder der Standpunkt präzisiert ist, daß 
die Neubildung der Lymphgefäße und die Endothelwucherung 
das Primäre und die Dilatation der Lymphgefäße das Sekun- 
däre sei. Bekanntlich scheidet Unna^), und ihm schließt sich 



') Freudweiler: Lymphangioma circumscriptam u. cystoides oatis. 
Arch. f. Denn. u. Syph. 18^7. Bd. XLI, pag. 223. 

*) Waelsoh: Über das Lympbangioma catis cysticam oircum- 
scriptom. Arcb. f. Derm. u. Sypb. 1900. Bd. LI, pag. 97. 

^) Scbnabel: Über Lympbangioma circamscriptnm cutis. Arcb. 
f. Derm. u. Syph. 1901. Bd. LVI, pag. 177. 

*) Unna: Histopatbologie. 



156 Bruhns. 

z. B. auch Pawlow^) an, die Begriffe Lymphangiom und 
Lympbangiektasie anatomisch überhaupt nicht scharf. 

Wissenschaftlich sei nach Unna wenig gewonnen mit der 
scharfen Trennung zwischen Lymphangiom und Lymphangi- 
ectasie, da beide Prozesse im Grunde identisch seien und auch 
die Endotbelwucberung bei den Lymphangiectasien soweit be- 
teiligt sein müsse, daß ein kontinuierlicher Wandbelag ent- 
steht. Aber doch schreibt auch Unna dem Lymphangiom in- 
folge der Endotbelwucberung eine „Wandverdickung oder 
Gefäßverlängerung^ zu. Diese konnte ich in meinen Präpa- 
raten nicht konstatieren. Ebensowenig konnte ich eine selbst- 
ständige Endotbelwucberung als primäre Veranlassung des 
Prozesses, wie sie die anderen Autoren wohl mit Recht als 
Charakteristikum des Lymphangioms ansehen, nachweisen. Eine 
Endotbelvermebrung war ja zweifellos vorhanden. Sie kenn- 
zeichnete sich einmal durch die teilweise kontinuierliche Aus- 
kleidung der ektasierten Lymphräume, femer durch die Endotbel- 
wucberung in das Gewebe hinein, die aber immerhin nicht allzu- 
reichlich war und die man bei anderen chronischen Entzündungspro- 
zessen auch beobachten kann. Femer waren ja sehr in die Augen 
fallend die dichten Endothelhaufen innerhalb der Lymphräume, 
die oft das Lumen ganz oder fast ganz ausfüllten. Aber gerade 
diese Haufen beweisen nicht viel für die Differenzierung der 
Diagnose zwischen Lymphangiom und Lymphangiektasien. Denn 
die Endothelhaufen waren nicht an Ort und Stelle entstanden, viel- 
mehr waren sie nur durch den Lymphstrom an die betreffenden 
Stellen bingeschwemmt, denn nirgends war ein direkter Zu- 
sammenhang dieser Zellmassen mit den Wandungselementen 
der Lymphräume, nirgends ein Heraussprossen aus diesen nach- 
weisbar. Nirgends konnte ich z. B. wie Freudweiler^) und 
Seilei') eine mehrschichtige Endothelbekleidung der Hohl- 
räume mit Sicherheit nachweisen. Ob nun in den tieferen 
Gewebspartien doch eine geschwulstartige Endotbelwucberung 



^) Pawlow: Ein Fall von Lymphangioma cutis circamscriptam. 
Monatsh. f. pr. Denn. Bd. XXIX, pag. 53. 

*) Freudweiler 1. c. 

*) Seil ei: Lymphangioma cntis. Monatsh. f. prakt. Dermal. 
Bd. XXXIII. Heft 3. 



Lymphangiektasien der Wange. 157 

Torhanden war, von der die in den Lymphräumen aufgespei- 
cherten Endothelhaufen vielleicht herrührten, das muß ich offen 
lassen. Jedenfalls war das nicht an den oberen, nur 
zur mikroskopischen Untersuchung vorliegenden 
Gewebspartien der Fall, und ich muß mich daher 
hier auf die Bezeichnung „Lymphangiektasien^ 
beschränken. 

Wenn eine chronische Entzündung das Primäre gewesen 
ist, die sekundär zu Lymphangiektasien geführt hat, so würde 
wohl am ehesten ein Prozeß, der den elephantiastischen Bil- 
dungen auf der äußeren Haut an die Seite zu setzen ist, an- 
zunehmen seiu; die ja bekanntlich ebenfalls zu Lymphgefäß- 
wucherungen und Zellwucherungen führen können.') Für einen 
tuberkulösen Entzündungsprozeß sprach das mikroskopische 
Bild nicht, obgleich aus der Anamnese der Patientin Verdachts- 
momente für latente Tuberkulose der Lungen wohl vorlagen. 
Es wurden zur Sicherheit auch verschiedene Präparate auf 
Tuberkelbazillen gefärbt, der Befund war negativ. Der kli- 
nische Verlauf, die vollkommene Stabilität des Prozesses, die 
wäkrend 19 Monaten konstatiert werden konnte, machten an 
sich schon die Annahme einer Tuberkulose unwahrscheinlich» 

Ich muß nur noch bei der Klarlegung der Diagnose die 
Birch- Hirschfeld sehe'') Definition des Lymphangioms er- 
wähnen. Birch-Hirschfeld hält den Namen Lymphangiom 
prinzipiell nur dort für berechtigt, wo Geschwülste durch er- 
weiterte Lymphgefäße gebildet werden, welche normaler Weise 
an der betreffenden Stelle nicht präformiert sind. Schon 
Schnabel^) hat mit Recht darauf hingewiesen, daß man nicht 
daraus, daß Lymphcysten in der Spitze der Papillen zu sehen 
sind, wo doch normaler Weise keine Lymphgefäße vorbanden 
sein sollen, schließen dürfe, daß hier eine Neubildung von 
Lymphgefäßen stattgefunden habe und es sich also im Birch- 
Hirschfeld sehen Sinne um ein echtes Lymphangiom handelt. 
Denn ektasierte Lymphräume können sich natürlich nach Orten 



*)£8march- Eulenkampf f: Die elephantiastischen Formen. 

Hamburg 1885, p. 93 ff. 

') Birch-Hirschfeld: Lehrbuch der allg. pathol. Anatomie. 
IV. Aufl. 1889, p. 162. 

^) Schnabel, l. c. pag. 191. 



158 Bruhns. 

verschieben, wo normaler Weise sonst keine Lymphräume zu 
beobachten sind. Und so kann auch aus dem Befunde von endothel- 
bekleideten Lymphcysten in der Spitze der Papillen in meinem 
Falle keineswegs auf neugebildete Lymphräume geschlossen 
werden. 

Wenn ich also in diesem Falle für die mir vorliegenden 
Präparate eher die Diagnose auf Lymphangiektasien als auf 
Lymphangiom stellen muß, so erscheint es bei den oben er- 
örterten, außerordentlich nahen, speziell anatomischen Bezie- 
hungen dieser beiden pathologischen Prozesse zu einander 
gewiß nicht unberechtigt, wenn ich zum Vergleich des Befundes 
in meinem Fall die Untersuchungsergebnisse der Fälle von 
eigentlichem Lymphangiom mit heranziehe. 

Es sind besonders drei Punkte in dem von mir mitge- 
teilten mikroskopischen Befunde, die m. K Interesse verdienen 
und auf die ich hier kurz eingehen möchte. Das sind: 1. der 
Charakter der Zellinfiltrate; 2. der Inhalt der 
Lymphräume; 3. die Biesenzellen in den Lymph- 
räumen und außerhalb derselben. 

Das Vorkommen von Zellinfiltraten bei Lymphangi- 
omen ist ja, wenn auch keineswegs regelmäßig, so doch nichts 
seltenes und beispielsweise von Nasse,^) Samter, ^) Paster,^) 
Schmidt,*) Waelsch,^) Schnabel^) u. a. beobachtet. 
Manche Autoren, wie z. B. Nasse,') Ritschi,'') Suckstorff®) 
sahen in diesen Zellbaufen nicht entzündliche Vorgänge, son- 
dern FoUikelbildungen, da sie teilweise ein feines Reticulum 
und in größeren Zellhaufen auch Eeimzentren nachweisen konnten. 
Die Reichhaltigkeit der Zellinfiltrate ist sehr verschieden, so 
fanden z. B. B r o c q und B e r n a r d') in ihrem Falle nur ver- 



^) Nasse. Über Lymphangiome. Arch. f. Ghirargie. Bd. XXXYIII. 
1889. p. 614. 

') Samt er. Über Lymphangiome der Mundhöhle. Archiv für Chir. 
Bd. XLI. p. 829. 

') Fast er. Über Makroglossie und Makrochilie. Jahrb. f. Einder- 
heilkiinde. Bd. XYIU. 1882. p. 219. 

*) Schmidt. A. Beiträge zur Kenntnis der Lymphang^iome. Aroh, 
f. Derm. u. Syph. Bd. XXIL 1890. p. 629. 

^) Waelsch, 1. c. 

*) Schnabel, 1. c. 

') Kits hl. Über Lymphangiome der quergestreiften Muskeln. 
Beitr. z. klin. Chir. Bd. XV. p. 39. 

^) Suckstorff, 1. o. 

*) Brooq und Bernard. Sur le lymphanffiome circonscrit de la 
peau et des muqueuses. Ann. de Derm. et de Syph. T. IX. 1898. p. 305. 



Lymphangiektasien der Wange. ]59 

einzelte Haufen Yon Zellinfiltraten und Zellanhäofung um einige 
Gefäße herum, Nasse in einem „Lymphangiom'^ der Oberlippe 
und angrenzenden Wangenpartien keine wesentliche Zellwucher- 
ung, er spricht aus diesem Grunde den Fall mehr für eine 
Lymphangiektasie an. In meinem Fall nun war die Ansammlung 
von Zellinfiltraten ziemlich ausgesprochen und zwar fanden sich 
neben den Lymphocyten und gewucherten Endothelien zahl- 
reiche ungemein charakteristische Plasmazellen. Man sah jedoch 
an yielen Stellen nur dichte Haufen Ton Lymphocyten, wahrend 
an anderen Orten zahlreiche Plasmazellen zwischen die kleinen 
einkernigen Leukocyten sich eingestreut fanden. Die Anwesen- 
heit Yon Plasmazellen deutet hier doch wohl darauf hin, daß 
ein entzündlicher Vorgang sich mit abspielte. Auch Sellei^) 
ÜEuid in einem Fall von Lymphangioma cutis die erweiterten 
Lymphgefäße umgeben von zahlreichen Plasmazellen, „was für 
einen entzündungsartigen, progressiven Verlauf spricht". Inner- 
halb der Zellinfiltrate waren dann zahlreiche feine Kapillaren 
erkennbar. Mastzellen waren in ziemlicher Menge zwischen den 
übrigen Zellen sichtbar, diese bilden ja einen bei Lymphangi- 
omen nicht seltenen Befund. 

Ich gehe nun näher ein auf den Inhalt der Lymph- 
räume da mit Ausnahme einer ausführlicheren Arbeit von 
Gaucher und Lacapere^ über den Inhalt der Hohlräume 
der Lymphangiome bezw. Lymphangiektasien bei den verschie- 
denen Autoren meist nur kurze Angaben zu finden sind. 

Ich erwähnte schon oben, daß viele Hohlräume vollkommen 
leer erschienen, andere geronnene Lymphe enthielten, die oft 
mit Zellelementen durchsetzt war und daß an anderen Stellen 
die Zellhaufen die Hohlräume fast vollkommen ausfüllten. Ähn- 
liche Befunde konstatieren andere Autoren, wie N a s s e,"*) 
Samt er*) u. a. und wie Wegner^), der bekanntlich kömige, 
als Lymphthromben bezeichnete Gerinnsel in den Hohlräumen 
sah. Samt er speziell hebt auch in einem Fall von Lymph- 
angiom der Zunge hervor, daß die Lymphocyten-Haufen den 
ganzen Hohlraum manchmal bis auf einen schmalen Rand er- 
füllten. 

Die Zellelemente setzten sich in meinem Fall aus zwei 
großen Hauptgruppen zusammen, nämlich aus Leukocytenformen 
und aus Endothelien. Rote Blutkörperchen, wie sie z. B. Freud- 



M Seilei, 1. 0. 

') Ganoher und Lacap&re. Etüde hiatologique do Lymphangi- 
ome circonscrit particuliörement de son contena. ArchiTes de m^decine 
ezpKSriinentale et d*anatomie pathologique. T. Xu. 1900. p. 220. 

*) Nasse, 1. c. 

*) Samter, 1. c. 

*) Wegner. Über Lymphangiome. Arohiv f. Ghir. Bd. XX. 1876. 



160 Brnhns. 

Weiler in den Lymphcysten nachweisen konnte, waren bei 
mir nicht vorhanden, weil eben keine Kommunikation mit Blut- 
gefäßen, auf welche sonst das Vorkommen von Erythrocyten 
zurückzuführen ist, bestand. 

Was zunächst die Leukocyten anlangt, die ich nach 
der Färbung mit Hämatoxylin- Eosin schildere, so fand ich nur 
ganz vereinzelt polynucleäre Leukocyten, fast ausschließlich 
mononucleäre. Diese setzten sich vorwiegend aus kleinen mono- 
nucleären Zellen, den Lymphocyten, zusammen, die 2 — 3 f« 
groß waren,*) stark gefärbten runden Kern und einen schmalen, 
oft kaum sichtbaren Protoplasmasaum aufwiesen (Fig. 4, a). 
In geringer Zahl waren auch große mononucleäre Zellen vor- 
handen mit schwächer farbbarem, größeren Kern und etwas 
breiterem Protoplasmasaum, die doppelt so groß als die Lympho- 
cyten oder noch größer waren (Fig. 4, b). Dabei gab es wie 
im Blut mannigfache Übergänge zwischen Lymphocyten und 
großen mononucleären Leukocyten (4 — 6 fi). 

Die meisten Autoren erwähnen nur den Befund von Lympho- 
cyten, in der Regel sahen sie auch keine oder nur sehr wenige 
polynucleäre Leukocyten. Hier machen nur 6 a u c h e r und 
Lacapere eine Ausnahme, die ungefähr die Hälfte aller 
Leukocyten in den Lymphräumen als polynucleäre erkannten. 

Eosinophile Zellen, die auch die eben erwähnten Autoren 
in ganz geringer Zahl sahen, habe ich nicht auffinden können. 

Viele Lymphräume waren nun aber fast verstopft durch 
Haufen von Zellen, die sich nur zum kleinsten Teil als Leuko- 
cyten, zum größten Teil als Endothelzellen erwiesen. Das ist 
ein Befund, den auch besonders Freudweiler und Schnabel 
bei Lymphangiom konstatierten. Und zwar hatten in meinen 
Präparaten nur wenige Endothelzellen die Gestalt wie diejenigen, 
welche die Wandung der Lymphräume bildeten und dunkle lang- 
gestreckte Kerne darstellten. Die meisten waren vielmehr sehr 
aufgequollen, waren länglich oder ovalär und färbten sich viel- 
fach nur schwach. Endweder waren nur solche Endothelkeme 
sichtbar ohne umgebenden Zellleib (Fig. 4, c) oder es war ein 
großes deutliches Protoplasma sichtbar (Fig. 4, d). Die Kerne 
zeigten vielfach eigentümliche Veränderungen, die wohl als 
Degenerationsvorgänge aufzufassen sind. Sie wiesen Knickungen 
und Einschnürungen auf, wie wenn eine Fragmentation sich 

') Bei diesen wie bei den folgenden Größenmaßen ist zu berfick- 
sicbtigen, daß die Messungen an Schniltpräparaten ausgeführt wnrdeni 
an denen durch die Fixierung natürlich mannigfache Schrumpfungen ein- 
getreten waren. Daher sind die Maße, absolut genommen, durchwegs 
etwas zu klein gegenüber Zellmessungen in gewöhnlichen Blutpräparaten, 
die nur verhältnismäßig kurz fixiert sind. 



LymphaDgiektasien der Wange. Ißl 

vorbereiten wollte. Kernteilungsfiguren waren dabei niemals 
sichtbar, wie ich überhaupt keine Mitosen in den Präparaten fand. 

Eine ganz besonders stark aufgequollene Plndothelzelle 
ist in Fig. 4, e wiedergegeben. Hier fanden sich im Protoplasma 
eigentümliche weißliche vacuolenförmige Verfärbungen. Bei den 
nicht so stark aufgequollenen Endothel zellen mit Protoplasma- 
hof war anfangs die Unterscheidung nicht ganz leicht, ob es 
sich nicht um große mononucleäre Leukocyten mit schwach 
färbbarem Kern handelt. Aber mit Rücksicht auf die Größe 
der Zellen (zwischen 6 und 10 ^), bei der doch immer noch 
die Schrumpfung aller Gewebe durch die Fixationsflüssigkeit in 
Rücksicht zu ziehen ist, kann es sich doch nicht um große 
mononucleäre Leukocyten handeln. 

Die eigentümliche Zusammenballung der Endothelien, die 
zu riesenzellenartigen Gebilden führte, soll weiter unten noch 
Gegenstand der Besprechung sein. 

Ich fand dann öfters Zellen, die ein größeres sich homo- 
gen färbendes Protoplasma von rundlicher oder länglicher oder 
mehr viereckiger Gestalt aufwiesen. Der Kern färbte sich sehr 
oder in anderen Zellen doch ziemlich intensiv mit Hämatoxylin 
und bot bei der dunkleren Färbung ein gleichförmiges, bei der 
nicht so intensiven Färbung ein mehr gekörntes Aussehen dar 
(Fig. 4, /). Die Größe dieser Zellen betrug in den Durch- 
messern 5/6 /i, andere Male 6/7 fi bis zu 10 /u. Die Zellen 
waren also etwas größer als die großen mononucleären Leuko- 
cyten. Einmal sah ich auch eine solche Zelle mit einem größeren, 
sehr dunkel gefärbten nierenförmigen Kern und einen ganz 
kleinen, runden, ebenso gefärbten Kern, der von einem schmalen 
weißen Hof umgeben erschien (Fig. 4, g). 

Wir haben es hier wohl mit einer Degenerationsform und 
zwar mit der Form zu tun, die Schmaus und Albrecht*) 
als Pycnose bezeichnen. Nach der Beschreibung dieser Au- 
toren erscheint bei diesem Degenerationsprozeß der Zellkörper 
dichter, dunkler, homogen oder dicht gekörnt. Um den Kern 
herum ist oft ein deutlicher heller Hof sichtbar. Der Kern ist 
mehr oder weniger in seinem Volumen verkleinert, die ausge- 
sprochenen Formen zeigen in ihrem Innern keinerlei Struktur 
mehr, sondern ein völlig homogenes Aussehen. Aber dabei 
kommen verschiedene Übergänge zu diesem Zustand vor, bei 
denen noch etwas von der Chromatinsubstanz erkennbar ist. 

Diesen Formen entsprechen zweifellos die geschilderten 
Zellen meines Falles. Das Wesen des Degenerationsvorganges 

*) Sohmans und Albrecht. Über Karyorrhexis. Virchows Arch. 
Bd. OXXXVIII. Suppl. p. 1. 

Dieselben. Untersuchungen über die käsige Nekrose tnberkalösen 
Gewebes. Virchows Archiv. Bd. CXLIV. Suppl. p. 72. 

Areh. f. Dermat. n, Syph. Bd. LXVm. 21 



162 Brahns. 

besteht in einem Dichterwerden der Zelle, „die mit einer Ver- 
kleinerung derselben^ einem anscheinenden oder wirklichen Zu- 
sammensintern ihrer Bestandteile zu einer kompakten Masse 
verbunden ist^. Schmaus und Albrecht fanden diese Pyc- 
nose auftreten zunächst an abgestoßenen Epithelzellen yon der 
Wandung der Hamkanälchen, dann aber auch als Form des 
Leukocytenunterganges, aber auch an Lymphgefaßendothelien 
wurde sie beobachtet. Wovon in meinem Fall die einzebien 
Pyenoseformen abstammen, läßt sich schwer entscheiden. Bei 
den größeren wird man wohl eher an eine Herkunft von den 
Lymphendothelien denken müssen, doch mögen die kleinen 
Pyenoseformen vielleicht sich von Leukocyten herleiten. Viel- 
leicht ist die zweikemige Pycnoseform (Fig. 4, g) ein Abkömm- 
ling von einem poljnucleären Leukocyt, doch läßt sich das 
nicht mit Sicherheit entscheiden. 

Ahnliche Zellformen habe ich nur bei 6 a u c h e r und 
Lacapere beschrieben gefunden. Sie berichten von ganz ähn- 
lichen Zellen — von ihnen als „formes speciales^ bezeichoet 
— wie ich sie oben schilderte, nur werden sie hier im allge- 
meinen als etwas kleiner als polynucleäre Leukocyten angegeben. 
Sie haben einen oder mehrere Kerne, die immer einen homo- 
genen Körper ohne Ghromatinnetz darstellen und die sich viel 
intensiver färben als die Kerne anderer Leukocytenformen. Der 
Kern ist öfters exzentrisch gelegen, ja mehrfach trennt er sich 
vom Protoplasma der Zelle und es wurden dementsprechend 
freiliegende derartige Kerne gefunden. Kern und Protoplasma 
zeigen manchmal Vacuolenbildung. 

Gaucher und Lacapere fassen diese Zellen auf als 
Formen des unter dem Namen „Ghromatolyse** mehrfach be- 
schriebenen Degenerationsprozesses. Die Chromatolyse, die 
Schmaus und A 1 b r e c h t^) kurz bezeichnen als „ Ansammlung 
des Chromatins an der Oberfläche, des Achromatins im Innern 
des Kerns**, ist ja ein Degenerationstypus, der der Pycnose 
jedenfalls nahe steht 

Ich muß noch hervorheben, daß ich die von Gau eher 
und Lacapere unter den Leukocyten beschriebene „Forme 
gigantesque" nicht habe finden können. Verff. sahen diese im 
normalen Blut und in der normalen Lymphe nicht vorkommen- 
den „riesenhaften Zellen^, die denen gleichen sollen, die in der 
Milzpulpa und entzündlichen Neubildungen beobachtet und auch 
als Gigantophagen oder Makrophagen bezeichnet wurden. Ihre 
Aufgabe sei es, Elemente zu entfernen, die zu groß oder zu 
widerstandsfähig wären, um durch die gewöhnlichen Leukocyten 



M Schmaus uod A 1 b r e c h t Virch. Arch. Bd. CXLIV. Suppl. 
p. 72. VergL die firühere, diese Aatoren betr. Anm. 



Lymphangiektftsien der Wange. Ig3 

entfernt zu werden. Diese Zellen, rundlich oder ovalär, oder 
unregelmäßig Jigeformt, mit mehr oder weniger blassem Kern, 
hatten die Größe von 40 /« und darüber. Das Protoplasma ist 
nicht granuliert, sondern zeigt eine gitterwerkartige Be- 
schaffenheit („forme d'un treillage*'). Im Protoplasma zeigen 
sich oft Yacuolen, der Kern färbt sich nicht immer vollkommen, 
sondern an seiner Stelle war manchmal nur ein Haufen glän- 
zender Kömer sichtbar. Die Verff. sahen das Protoplasma öfters 
undeutlich werden und den Kern seine Affinität für basische 
Farbstoffe verlieren und schlössen daraus, daß solche Zellen 
ihre Aktivität und die Fähigkeit der Phagocytose eingebüßt hätten. 

Ein eigentümliches Verhalten boten in den Präparaten 
die Riesenzellen. Es fanden sich Zellen, die Riesenzellen 
vollkommen glichen, deutlich innerhalb von Lymphräumen (Fig. 
5, a, femer Fig. 2, r). Diese großen Zellen bestanden aus einem 
einheitlichen Protoplasma, in dessen Innern irgendwelche Zell- 
grenzen nicht erkennbar waren, in dem Protoplasma waren 
eine größere Anzahl von bläschenförmigen Kernen eingelagert, 
bald mehr in peripherischer, bald in mehr zentraler Anordnung. 
Nach dieser Beschaffenheit verdienen also diese Zellen in 
rein morphologischem Sinne durchaus den Namen 
Riesenzellen. 

Auf welche Entstehungsweise lassen sich nun diese Riesen- 
zellen zurückfuhren? Ich glaube, daß Lagerung und 
Gestalt, sowie Aussehen der Kerne der von mir 
innerhalb der Lymphräume beobachteten Riesen- 
zellen auf eine Abstammung von Lymphendothelien 
schließen lassen. 

Riesenzellen in Lymphräumen bei Lymphangiomen sind 
auch von anderen Autoren schon beobachtet, aber nicht außer- 
halb der Lymphräume. Ich führe die Beobachtung Schnabels^) 
in seinem Falle von Lymphangioma circumscriptum cutis an: 
Er sah, ähnlich wie andere Untersucher in ihren Fällen, im 
Lumen der Lymphräume Haufen abgestoßener, degenerierter, 
vielfach aufgequollener Endothelien. Er schildert sie als „große, 
kreisrunde Zellen mit einem und mehreren bis vielen ovalen, 
bläschenförmigen Kernen, die sich nicht so intensiv als die 
Kerne der Rundzellen und Lymphocyten färbten. Die größeren 
mehrkemigen dieser Zellen glichen Riesenzellen". Schnabel 
weist darauf hin, daß die früheren Befunde von Török^) und 
Freud weil er,') die auch in den Lymphräumen EUezenzellen 



*) Schnabel 1. o. 

*) Noyes und Török. Lymphangioma oircamscriptum. Monatsh. 
f. pr. Denn. Bd. XI. 1890. 

•) Freudweiler 1. c. 

II* 



164 Brufans. 

sahen, als nichts anderes zu deuten seien, als solche mehrkernige 
große Endothelzellen. Ich habe nun in meinen Präparaten 
innerhalb der Lymphräume in großer Zahl diese Zellen ge- 
funden. Neben zahlreichen einzelnen Endothelzellen sah ich 
Zellen von etwa der doppelten Größe der einzelnen Endothel- 
zelle mit 2 Kernen, ferner Zellen in verschiedener Größe mit 
noch mehr Kernen (Fig. 4, a, 2 r). Die Kerne waren den in 
den Lymphräumeu Torbandenen einzelnen aufgequollenen En- 
dothelkernon gleich. 

Bei der Vergleichung dieser mehrkernigen Zellen mit- 
einander wurde durchaus der Eindruck erweckt, als seien die 
großen Zellen mit mehr Kernen aus der Vereinigung kleinerer 
Zellen entstanden, eine Vereinigung, die zur Einschmelzung der 
Zellgrenzen geführt hatte, so daß dadurch ein einheitliches 
Protoplasma entstand. Daß die großen mehrkernigen Zellen, 
die, wie oben gesagt, ihrem Aussehen nach als Riesenzelleu 
bezeichnet werden können, durch wiederholte Kernteilung sich 
aus kleinen Zellen zu großen ausgewachsen hätten, dafür fehlte 
jeder Anhaltspunkt. In gleicher Weise sahen bekanntlich andere 
Autoren Riesenzellen durch Konfluenz anderer Grundelemente, z. B. 
Epithelien, entstehen [F. Marchand,') Becher'*) u. a.]. Dabei 
nimmt Becher, ähnlich wie Marchand, allerdings an, daß 
die zweikernigen Zellen durch eine mitotische Teilung und nach- 
herige Konfluenz dieser beiden Zellen entstehen und dann die 
zweikernigen Zellen durch Apposition genetisch gleicher Zelleu 
zu Riesenzellen sich vergrößern. In meinen Präparaten habe 
ich auch nichts gefunden, was auf eine Neubildung zweikemiger 
Zellen aus einkernigen durch mitotische Teilung hindeutete, 
wie überhaupt nirgends Mitosenfiguren zu entdecken waren, 
Die Kerne der Riesenzellen zeigten oft eine ähnliche Einschnürung 
und Abknickung, wie ich sie oben bei den frei in den Lymph- 
räumen liegenden Endothelzellen beschrieben habe (vergl. Fig. 
4, d), die wohl bei dem erwähnten Fehlen von Mitosen als 
Degeneralionserscheinung aufzufassen ist. Dabei sahen die Kerne 
oft recht schmächtig und blaß gefärbt aus. 

In manchen Lymphräumen kamen außerdem eigentümliche 
Formen zu stände durch eine reine Zusammenballung des In- 
haltes, die sich von den oben erwähnten, auf Konfluenz zurück- 
geführten Riesenzellen sehr wesentlich unterschieden. Der ge- 
samte Inhalt eines Lymphraumes, Endothelien, geronnene Lymphe 
und eingeschlossene Leukocyten bildeten einen Lymphthrombusy 
wie ein solcher in Fig. 4, 6, abgebildet ist. 

^) Marchand, F. Untersuchungen über die Einheilung von Fremd- 
körpern. Zieglers Beiträge. Bd. IV. p. 1. 

') Becher. Über Riesenzellenbildung in Cancroiden. Virch. Arch. 
IM. CLVI. p. 62. 



LymphaDgiektasien der Wange. 165 

Die Kerne dieses Haufens waren hier zentral angeordnet. 
An einer anderen entsprechenden Stelle (Fig. 4, c) war die 
Stellung der Kerne mehr peripher, übereinstimmend mit den 
Wandungselementen der Lymphgefäße und im Innern waren nur 
wenige Endothelkerne sichtbar. 

Diese Gebilde, die auf den ersten Anblick eine entfernte 
Ähnlichkeit mit außerordentlich großen Riesenzellen hatten, 
haben damit natürlich nichts zu tun. Hier entstand nicht eine 
eiobeitliche Zelle, sondern es handelte sich um eine Zusammen- 
ballung von verschiedenen Elementen, die zufällig die Form 
sehr großer Riesenzellen annahmen. 

Ich habe nun auch außerhalb der Lymph- 
räume typische Riesenzellen gesehen, eine Beobacht- 
ung, die sonst bei Lymphangiomen nicht gemacht worden ist. 
Wie man sich diese entstanden denken soll, ist schwer zu 
sagen, aber ich glaube, daß fiir einen Teil derselben doch auch 
die Entstehung aus Lymphendothelien herangezogen werden kann. 

Bekanntlich hat Brosch^) die Entstehung von Riesen- 
zellen aus Gefäßendothelien und Manasse^) eine solche aus 
Lymphendothelien beobachtet und ich rekapituliere daher hier 
ganz kurz einige Sätze aus der Schilderung Broschs, wie er 
in einem Falle von Endotheliom der Pleura die Bildung von 
Riesenzellen aus den Endothelzellen etwas größerer neugebil- 
deter Gefäße beschreibt 

In diesen Gefäßen bestand eine Endothel wacherang, die teil weite 
bis zar Obliteration des Gefaßlnmens führte. In gewissen Stadien sah 
B r o s c h im Lumen einen zusammenhängenden Ring von Zeilen, die 
zweifellos aus den Endothelzellen der Wandung entstanden waren, anfangs 
die ganze Innenfläche ausgekleidet, sich aber wohl schon nach kurzem 
Bestehen in continuo abgelöst hatten. Ans diesen derart beschaffenen 
nengebildeten Gefäßen mit ab(|[elöster Intima gingen dann Riesenzellen 
henror, wobei die Kerne, die nichts anderes als die persistierenden Kerne 
der Gefäßendothelien sind, dieselbe Anordnnng zeigten wie die ursprüng- 
lichen Gefäßendothelien. Brosch fand denn auch nicht selten Kiesen- 
Zellen mit doppeltem Kemkranz ; statt des inneren Kernkranzes kann sich 
jedoch ein solider Kemhaufen vorfinden, der durch Zusammenballung des 
abgelösten Intimaringes entstanden war. 

Es gab aber auch Riesenzellen mit einfachem Kernkranz oder Kem- 
haufen, die dadurch entstehen, daß die Zellkerne der primären Intima 
(innere Endothellage) als Riesen zeilkerne persistieren, während die äußere 
Endothellage zersprengt wird und ihre Zellm zum Teil als noch erhaltene 
Zellen, zum Teil als formlose Schollen um die Riesenzellen herumliegen. 

Ich habe in meinen Präparaten Bilder gesehen, die denen 
Broschs sehr ähnlich sind. In Fig. 5, d ist eine Riesenzelle 
abgebildet, wo die untere Reihe der Kerne noch eine Anord- 



^) Brosch. Zur Frage der Entstehung der Riesenzellen aus Endo- 
thelien. Virch. Arch. 1896. Bd. CXLIV. p. 289. 

*) M a n a s 8 e. Über Granulationsgeschwülste mit Fremdkörper- 
Riesenzellen. Virch. Arch. Bd. CXXXVI. p. 245. 



166 BrahnB. 

nung aufweist wie in einem zirkulär geschlossenen Gefäß, wo 
der Gedanke der Entstehung aus Gefäßendotbelien, hier in 
erster Linie aus Lymphendothelien, also sehr nahe liegt. Auch 
die von B r o s c h geschilderte doppelte Anordnung von Kernen 
der Kiesenzellen in eine periphere und eine zentrale Lage — 
letztere nach Brosch als der abgelöste Ring der primären 
Intima aufzufassen — war in einer in Fig. 5, e wiedergegebenen 
Riesenzelle im Gewebe sehr deutlich. 

Ich habe ferner oft genug um die scheinbar frei im Ge- 
webe liegenden Riesenzellen teils Endothelkerne, teils unregel- 
mäßige schollige Gebilde mit yereinzelten Endothelkernen oder 
auch ohne Kern erkennen können, die sehr wohl Reste einer 
Lymphgefäßwandung, innerhalb deren die Riesenzelle früher 
gelegen hat, sein konnten. Ich erwähnte schon oben, wie die 
Riesenzellen innerhalb der Lymphräume sehr verschieden groß 
waren, manchmal einen kleinen Teil des Lumens einnahmen, 
manchmal den Hohlraum fast ganz erfüllten und es ist 
wohl denkbar, daß — ähnlich wie Brosch es schildert — die 
Wandung des durch den zelligen Inhalt vollkommen verstopften 
Lymphraumes allmählich degeneriert und zu Grunde geht, ge- 
wissermaßen gesprengt wird, während die Riesenzelle noch eine 
Zeitlang persistiert. 

Aus den oben angeführten Gründen, d. h. besonders wegen 
der eigentümlichen Lage der Riesenzellen und der umgebenden 
Endothelien, sowie wegen der Anordnung ihrer Kerne ist also 
zum mindesten für einen Teil der Riesenzellen, u. zw. auch der 
außerhalb von deutlich sichtbaren Lymphräumen liegenden eine 
Entstehung durch degenerative Prozesse aus Lymphendo- 
thelien im Sinne Broschs als möglich anzunehmen. Es ist 
dabei ja wohl denkbar, daß die Entstehung solcher degenera- 
tiver Prozesse durch die zur Ausbildung von Lymphangiek- 
tasien immer notwendige Stauung und durch die Verstopfung 
einer Anzahl von Lymphräumen durch Lymphthromben und an- 
gehäufte Zellmassen begünstigt wird. 

Erklärung der Abbildungen auf Taf. XIII u. XIV. 

Fig. 1. Wulatbildnnffen auf der Wangenschleimhaut. 

Fig. 2. Lymphaogiektaaien und Zellinfiltration in der Submncosa. 
Bei r Riesenzelle und abgestoßene Endothelzellen innerhalb eines Lymph- 
raumes. 

Fig. 3. Lymphrauroe unterhalb der Epidermis. 

Fig. 4. Inhalt der Lymphräume: a) Lymphocyten; h) größere, 
mononucleäre Leukocyten; c) freiliegende, vielfach gequollene Endothel- 
kerne; d) abgestoßene Endothelzellen; e) sehr stark gequollene Endothel- 
zelle; f) und g) Pyknose- Formen. 

Fig. 5. a) Lymphraum mit Riesenzelle; b) und c) Lymphräumu 
mit geronnener Lymphe, dazwischen Endothelien nnd Leukocyten; 
d) Riesenzelle mit teilweise zirkulärer Eernanordnung; e) Riesenzelle 
mit doppelter Kernlage. 



Archiv f. Dermatologie uSyphilis 3^nd ixm. 
Fig.l. 



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Fig. 2. 



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Bmtins ' Lvinphangiectasien der WanjjF. 



Archiv f. Dennatolo9'eu.SyphilJs Band UCVm. 
Fig. 3. 






Bruhns: L^mphsngiectasien der Wange 



▲uB der k. k. deutschen dermatologischen Unirersitätsldinik 

von Prof. P. J. Pick in Prag. 



Über zwei Fälle von Antipyrin-Exanthem. 



Von 

Dr. Karl Löwy, 

Sekondarant der Klinik. 



Unter der großen Zahl der bisher in der Literatur be- 
schriebenen Arzneiexantheme nimmt das Antipyrin-Exanthem, 
bei dem ausgedehnten Gebrauche, der auch ohne ärztliche 
Anordnung im Publikum von Antipyrin gemacht wird und dem 
nicht so seltenen Auftreten dieses Ausschlages, einen hervor- 
ragenden Platz ein. 

So beobachtete SahraWelt Antipyrinexantheme in 10% 
aller hiemit behandelten Fälle und zwar in 9*6% der Fälle 
bei Männern und ll*67o bei Frauen. 

Lew in gibt als Häufigkeit des Auftretens derselben 
3 — 10 — 387o der Fälle ^°« Nach Daremberg sollen sie sogar 
in der Mehrzahl der Fälle, bei sehr langem Fortgebrauche 
dieses Mittels auftreten. 

Ist das Wesen der Arzneiexantheme im allgemeinen auch 
noch vielfach in Dunkel gehüllt und eine genaue Abgrenzung 
derselben gegen einander eine recht schwere, wenn nicht un- 
mögliche, so zeichnen sich doch speziell die Antipyrin-Exantheme 
durch gewisse, häufig wiederkehrende Eigentümlichkeiten aus, 
die ihre besondere Abhandlung in den modernen Lehrbüchern 
vollständig gerechtfertigt erscheinen lassen. 

Trotz der großen Anzahl der bereits beschriebenen, nach 
Antipyrin-Gebrauch auftretenden Exantheme und Vergiftungs- 
erscheinungen dürfte doch die Mitteilung von zwei einschlägigen 



168 Löwy. 

FälleD, infolge einiger beryorstechender Momente, die dieselben 
darboten, nicht ohne Interesse sein. 

Im Falle I handelte es sich um einen 46 Jahre alten verheirateten 
Geschäftsmann ans B., der sich anf der Durchreise mehrere Tage in Prag 
aufhielt und am 6. Fehruar d. J. wegen eines tags vorher plötzlich auf- 
getretenen Ausschlages unsere Spitalshilfe aufsuchte. 

Ans der mit demselben aufgenommenen Anamnese ist folgendes 
zu erwähnen. 

Patient, der sehr nervös ist und seit Jahren an häufig wieder- 
kehrenden Kopfschmerzen leidet, hat gegen dieselben schon oft, stets 
mit Erfolg, Antipyrinpulver, gewöhnlich messerspitzenweise, eingenommen. 
Nie traten üble Folgen nach dem Oenusse desselben auf. Tags vor dem 
Eintritte in unsere Klinik, 5. Februar d. J., sollen die Kopfschmerzen 
besonders heftig gewesen sein, weshalb sich Patient bei einem Drogisten 
wieder das schon so oft erprobte Antipyrin geben ließ. 

Er bekam von einem Angestellten dieser Handlung einen Kaffee- 
löffel eines weißen Pulvers, das er in Gänze herunterschluckte, worauf er 
etwas Wasser nachtrank. 

Schon gleich bei Einnahme des Mittels verspürte Patient heftiges 
Brennen an den Lippen, wodurch beunruhigt, er zunächst an eine Ver- 
wechslung mit einem anderen Pulver dachte. Der interpellierte Drogist 
gab jedoch anf Befragen des Patienten die beruhigende Versicherung, 
daß wirklich Antipyrin verabreicht worden war. 

Schon eine Stunde später trat heftiges Brennen und Jucken am 
ganzen Körper auf. 

Zur Milderung dieses Zustandes suchte Patient noch am selben 
Tage ein Bad auf und bemerkte nun einen über den ganzen Körper ver- 
breiteten Ausschlag, weshalb er zunächst in poliklinische, mit Verschlim- 
merung seines Zustandes am folgenden Tage in unsere klinische Be- 
handlung trat 

Patient, der wie bereits erwähnt, seit vielen Jahren sehr nervös 
ist und auch an einem Vitium cordis sowie häufigem Herzklopfen leidet, 
war früher nie ernstlich krank. Seine Nervorsität findet in häufig wieder- 
kehrenden familiären und geschäftlichen Sorgen ihre Erklärung. 

Vor iVa Jahren soll Patient einen Ausschlag durchgemacht haben, 
der dem gegenwärtig bestehenden ähnlich gesehen haben, aber in viel 
schwächerem Maßstabe wie dieser aufgetreten, von keinerlei üblen Folge- 
erscheinungen begleitet und bereits nach wenigen Tagen vrieder ver- 
schwunden gewesen sein soll. Ein ursächliches Moment fär das Auftreten 
desselben weiß Pat. nicht anzugeben, auch kann er sich nicht erinnern, 
damals Antipyrin eingenommen zu haben. Seither hat er übrigens wieder- 
holt dieses Mittel ohne Schaden genommen. 

Der bestehende leichtgradige Ikterus soll vor dem Auftreten seines 
jetzigen Leidens nicht vorhanden gewesen sein. Abnorm starker Schweiß* 
ausbruch, Übelkeiten vom Magen, Erbrechen, Diarrhöen bestanden zu 



über zwei Fälle von Antipyrin-Exanthem. 169 

Beginn desselben nicht und sind auch späterhin nicht aufgetreten; doch 
ist der Appetit gestört und infolge der schmerzhaften Affektion an den 
Lippen und der Ganmenschleimhaut nar Aufnahme flüssiger Nahrung 
möglich. 

Pat, der nie venerisch infiziert war, ist Vater eines idiotischen 
Kindes; seine Frau, die völlig gesuud ist, hat sonst nicht geboren, auch 
nie abortiert. Vater des Patienten lebt und ist gesund, seine Mutter an 
Diabetes gestorben. 

Status präsens: Der mittelgroße, kraftig gebaute, mäßig gut 
genährte Pat., der schon bei seiner Aufnahme einen sehr elenden, ver« 
fallenen Eindruck hervorrief, an Schwindel- und mehrfachen Ohnmachts- 
anwandln Dgen litt, fühlt sich auch mehrere Stunden später noch immer 
sehr schwach, matt, müde und schläfrig; klagt über Herzklopfen und 
Angstzustände. Die früher heftig erregte Herzaktion etwas beruhigter. 
Die allgemeine Decke zeigt deutlich leicht gelblichen Farbenton ; auch die 
sclerae sind deutlich gelblich gefärbt Die sichtbaren Schleimhäute dagegen, 
soweit sie nicht Sitz pathologischer Veränderungen sind, nur etwas 
blässer als normal. Die Wangen eingesunken, die Gesichtsfarbe fahl, 
die Augen leicht haloniert. Die Lippen stark geschwollen, die Unter- 
lippe formlich evertiert, leicht rhagadiert; das Oberjippenrot mit gelb- 
lichen Krusten bedeckt. Die Mundschleimhaut am harten Gaumen an 
umschriebenen Stellen krustig belegt, teils sieht man noch grauweißliohe, 
geplatzte Blasendecken der Unterlage aufliegen. Die flaut des Scrotums 
und Penis in großer Ausdehnung der oberflächlichen Schichten beraubt; 
das Gorium als eine rote, glänzende, nässende, z. T. mit gelblichen 
Borkenmassen bedeckte Fläche freiliegend, stellenweise rhagadiert; dabei 
starke Schwellung, Lifiltration und lebhaftes Brennen an diesen Partien. 
Die Decke der Glans in ihrer ganzen Ausdehnung in Form einer schlaffen 
Blase abgehoben. 

Stirn, Stamm und Extremitäten sind Sitz eines Exanthems, das 
im allgemeinen symmetrische Anordnung zeigt. An den Extremitäten 
sind sowohl Beuge- als Streckseiten befallen. Die Hände und Füße er- 
scheinen völlig frei, die Vorderarme nur wenig beteiligt; ebenso nehmen 
vordere Brust- und Bauchwand nahezu gar nicht am Exanthem Anteil, 
der Rücken in stärkerem Grade nur in der Gegend der Lenden- 
wirbelsänle. 

Die Einzeleffloreszenzen selbst stellen im allgemeinen heller- bis 
kronengroße, rundliche oder unregelmäßig geformte, teils schärfer, teils 
ganz unscharf begrenzte, über das umgebende Hautniveau deutlich er- 
habene, auf Druck bis auf einen restierenden gelblichen Farbenton 
abblassende Flecke von braunrötlicher Farbe dar, deren zentrale Partie 
im Gegensatze zu den periphersten Teilen eine Nuance dunkler gefärbt 
erscheint. Ihre Oberfläche nicht schuppend. Außer den eben beschrie- 
benen Herden findet sich an der Streckseite beider Ellbogengelenke je 
ein ca. handtellergroßer, rundlicher, scharf begrenzter, diesen analog be- 
schaffener erythematöser Fleck. 



170 Löwy. 

Einen mehr diffusen Charakter zeigt das Exanthem in den Achsel- 
höhlengegenden, vorwiegend an der linken Seite, dann — entsprechend 
der Genitocruralgegend — an der Innenseite der Oberschenkel, sowie 
am Gesäße. An letztgenannter Stelle findet sich jederseits ein nahezn 
über die ganze Ausdehnnng der Glutaalhaut ausgebreiteter, mehr un- 
regelmäßig mndlicher Herd; dagegen lassen die übrigen hier erwähnten 
Herde, so namentlich der der linken Achselhöhlengegend, ihr Entstehen 
durch Konfinenz benachbarter größerer durch ihre polyzyklische Be- 
grenzung deutlich erkennen, wodurch an letzterwähnter Stelle ein mehr 
als flachhandgroßer Herd zu stände gekommen ist. 

Vom sonstigen somatischen Befunde wäre noch erwähnenswert, 
daß die Herzaktion auch noch zur Zeit der Aufnahme des Befundes 
liemlich erregt, der Herzspitzenstoß deutlich außerhalb der Glavicular- 
linie sichtbar, die Herzdämpfung dementsprechend stark nach außen yer- 
breitert war. 

An der Herzspitze zwei laute Geräusche hörbar, die auch an die 
übrigen Herzostien fortgeleitet werden. Puls rhythmisch. Sonstiger 
Befund an den Brust- und Bauchorganen normal, insbesondere 
Leber und Milz weder palpatorisch noch perkussorisch vergrößert, nicht 
druckschmerzhaft. Patellar-Reflexe etwas gesteigert. Im Harn weder 
Eiweiß, Zacker, Indikan noch Gallenfarbstoff nachweisbar. Derselbe 
dunkelrot gefärbt, konzentriert. Auf Eisenchloridzusatz positive 
Antipyrin-Beaktion, in Form intensiv rotbrauner Färbung, 
die auch beim Erhitzen nicht schwindet. Temperatur normal. 

Dekursus. 7./II. Heute Auftreten einer mit klarem Serum ge- 
füllten Blase innerhalb eines Herdes an der Innenseite des rechten Ober- 
schenkels. Im Harn: Antip. -Reaktion positiv und Gallenfarbstoff negativ. 

9./II. Am Scrotum noch starkes Nässen und Brennen. Oberlippe 
borkig belegt. Die Schleimhaut des harten Gaumens vielfach gerötet, 
mit zahlreichen unregelmäßigen, leicht krustig belegten Substanzverlusten 
bedeckt. An den Handrücken einzelne ausgedehntere rot violette Flecke 
aufgetreten, an deren Stelle lebhaftes Brennen empfunden wird. Allge- 
meinbefinden schlecht, Nachtruhe gestört. Appetitlosigkeit anhaltend, 
etwas angehaltener Stuhl; derselbe von normaler Farbe. Im Harn 
Antipyrin nicht mehr nachweisbar. 

lO./II. Lippen noch leicht geschwellt, mit blutigen Borken bedeckt. 
Das Exanthem zeigt seit mehreren Tagen deutlich einen mehr sc hmutzig- 
blauen Farbenton. Neue Effioreszenzen an den Füßen. Schlaf- 
losigkeit. Im Harn — Eiweiß, Antipyrin, Gallenfarbstoff negativ. Ikterus 
im Rückgange. 

12./II. Exanthem unter Abschuppuog und deutlicher Braunfärbung 
im Abblassen begriffen. Hodensack trocken, die von Epidermis ent- 
blößten Stellen beginnen sich zu überhäuten ; glans noch leicht nässend und 
blutend. Mundaffektion in Abheilung. Allgemeinbefinden gebessert. 

15./II. An beiden äußeren Fußrändem, in ausgedehnterem Maße 
rechts, blasige Abhebung der Epidermisdecke. Die erythematösen Efflo- 



über zwei Fälle von Antipyrin- Exanthem. 171 

reszensen mit Hinterlassung bräunlicher Pigmentflecke nahezu abgeheilt, 
zeigen einen peripheren Fransensaum. 

Braunrötliche Pigmentflecke an einzelnen der früher afflziert ge- 
wesenen Stellen der Mundschleimhaut. 

17./II. Lippen von normaler Beschaffenheit. Die letztaufgetretenen 
Blasen geplatzt, eingetrocknet. Patient erholt sich zusehends. 

18./iL An der linken kleinen Zehe, sowie am linken Fußrücken 
je eine kleine, mit klarer seröser Flüssigkeit gefällte Blase. 

19./IL Ikterus geschwunden. An der Glans noch eine kleine näs- 
sende Stelle. 

Entlassung des Patienten. 

Therapie: Poder. 

Fall II. Derselbe kam an der hiesigen deutschen Augenklinik zur 
Beobachtung. £s handelte sich um einen 25 Jahre alten Arbeiter, der 
nach erlittener Contusio bulbi sinistri auf obiger Klinik in Behandlung 
stand. In den Nachmittagsstunden des 26./III. d. J. bekam derselbe 
gegen bestehenden Kopfschmerz innerlich 1^ Antipyrin. Der Inspektions- 
arzt unserer Klinik, Herr Assistent Dr. Kraus, dem ich die ersten Mit- 
teilungen über diesen Fall verdanke, da ich selber leider erst nach Ab- 
lauf der stürmischesten Erscheinungen Gelegenheit hatte, denselben zu 
sehen, wird als Konsiliarius zum Kranken gerufen, an dessen Körper 
sowohl, wie an der Haut des Gesichtes, sich in sehr kurzer Zeit ein an- 
nähernd morbillöses* Exanthem entwickelt hatte, das aber stellenweise 
sich auch aus größeren erythematösen Herden, besonders am Stamm, 
sowie blasenartigen Abhebungen an den Lippen und der Glans zasammen- 
setzte. Das Gesicht war Sitz eines hochgradigen kongestiven Ödems; 
die Augenspalten vollständig verlegt; die Lippen stark gedunsen. 

Auch die Schleimhäute zeigten hochgradige Erscheinungen. Die 
Nasenlöcher waren vollständig verlegt, die Zunge stark geschwollen, an 
ihrer Oberfläche, wie an der Lippen- und Wangenschleimhaut blasige 
Abhebungen. An den Extremitäten Vorhandensein derber weißer, porzellan- 
artiger Quaddeln. 

Patient leicht benommen, apathisch, klagte über etwas Schwäche- 
gefahl sowie Fortdauer der Kopfschmerzen. 

Schon am nächsten Morgen waren alle diese anfäng- 
lich so bedrohlichen Erscheinungen, bis auf eine leichte 
restierende Schwellung derLider undLippen sowie einige 
wenige kleine rote Fleckchen auf den Handrücken ge- 
schwunden, ein Umstand der umso auffallender war, als 
vorher mit Sicherheit an den oben genannten Stellen 
blasenartige Abhebungen konstatiert worden waren, die 
nunnicht einmal mehr in Resten nachweisbar waren. Auch 
die auf der Höhe des Prozesses bis auf 38*6 erhöhte Körpertemperatur 
hatte wieder normalen Temperaturen Platz gemacht. 

Herrn Prof. Gzermak danke ich hiemit für die Erlaubnis der 
Verwertung dieses Falles. 



174 Löwy. 

unter Antypyrin-Gebraucb weichen. Diesen Fällen steht jedoch 
die ungleich größere Zahl von Beobachtungen herzschädigender 
Wirkung dieses Mittels gegenüber, die namentlich bei Einnahme 
größerer Antipyrindosen beobachtet wurde, wo es unter 
rascher Abnahme der Körpertemperatur zu schweren EoUaps- 
zuständen, ja Tod gekommen ist. 

So beobachtete Dräsche wiederholt Eollapszustände^ 
insbesondere bei Phthisikern und Typhösen, wie überhaupt 
schwächliche herabgekommene Menschen, Yorhandene Herz- 
schwäche am meisten in übler Weise auf Antipyrin reagieren 
sollen. 

Ähnliche Beobachtungen liegen vor Ton Strauß, Götze, 
welch letzterer freilich die ausgesprochene Herzschwäche nicht 
als eine Folge der direkten Schädigung des Herzens durch 
das Medikament ansieht^ sondern dieselbe auf Rechnung des 
rapiden Temperatur- Abfalles setzt ;Posadsky, Falk, Seifert, 
Blakeney u. a. 

Töthchen Kollaps beobachteten Blore, Rapin u. a., 
wobei freilich nicht ausgeschlossen werden kann, daß der za 
Grunde liegende Krankheitsprozeß selbst auch die Todesursache 
abgegeben haben kann. 

Ein weiteres Moment von Interesse war ferner das Vor- 
handensein eines Ikterus, eine Beobachtung, von der ich in 
der mir zur Verfügung stehenden Antipyrin-Literatur keine Erwäh- 
nung finde. Kann bezüglich der Genese desselben auch eine anders- 
artige Entstehungsweise nicht mit Sicherheit ausgeschlossen 
werden, so spricht doch schon die Koinzidenz des Auftretens 
desselben mit den übrigen Erscheinungen, das Zusammenfallen 
seiner Akme und seines Abklingens mit der Akme und dem 
Rückgange des ganzen Prozesses, für einen direkten Zusammen- 
hang beider. 

Die durch einige Tagen andauernde Appetitlosigkeit läßt 
die Annahme eines durch Gallenstauung bedingten Ikterus 
jedenfalls sehr wahrscheinlich erscheinen. Das Fehlen von 
Gallenbestandteilen im Harn, die normal gefärbten Stühle, 
die nicht vergrößerte, nicht druckschmerzhafte Leber sprechen 
nicht direkt gegen eine solche Annahme, da ja ähnliche 
Prozesse wie an der Mundschleimhaut sich auch ganz wohl am 



über zwei F&lle von Antipyrin-Exanthem. 175 

Darm, so auch am Duodenum abgespielt haben können, ohne 
daß es hiebei durch Schwellung der Duodenal-Schleimhaut zu 
einem TöUigen Verschlusse der Ausmändungsstelle des ductus 
choledochus hätte kommen müssen, der Abfluß der Galle in 
den Darm daher nur teilweise behindert gewesen wäre. 

Andererseits könnte doch immerhin an eine unter Um- 
ständen eintretende deletäre Wirkung des Antipyrins auf die 
roten Blutkörperchen, Veränderungen des Blutfarbstoffes und 
dadurch bedingten Ikterus gedacht werden. 

Eine Veränderung des Blutes im Leben, durch Antipyrin 
bedingt, konnte freilich bisher nie konstatiert werden. 
Methaemoglobinbildung oder irgend welche Gestaltsänderungen 
der Blutkörperchen sind nicht erwiesen. Doch ist hiebei zu 
beachten, daß unsere Methodik des Nachweises von Blut- 
störungen noch sehr unvollkommen ist. (Kunkel). 

Hingegen kennen wir eine ganze Beihe anderer Mittel, 
welche der Blutbahn einverleibt, die roten Blutkörperchen auf- 
lösend den Blutfarbstoff aus denselben befreien, die Sekretion 
eines gallenfarbstoffhältigen Harnes bewirken. So sehen wir 
sogenannten hämatogenen Ikterus nach Intoxikationen mit 
Äther, Chloroform, Chloral, Phosphor (?), nach Schlangenbiß, 
bei Pyämie und Puerperalfieber sowie nach Gemütsbewegungen 
auftreten, (s. Eulen bürg). 

Merkwürdig für unseren Fall wäre immerhin, bei Annahme 
eines hämatogenen Ursprungs, das Fehlen von Gallenbestand- 
teilen im Harn. 

So sind wir auf Grundlage der gemachten Befunde leider 
nicht in der Lage, die Natur dieses Ikterus in anfechtsloser 
Weise festzustellen. Vielleicht gelingt dies mit mehr Erfolg 
bei ähnlichen wieder zur Beobachtung gelangenden Fällen. 

Von hohem Interesse war ferner die deut- 
liche Farbenveränderung, die das Erythem im 
Verlaufe der Beobachtung einging, bestehend in 
einem Übergange des ursprünglich braunrötlichen 
Farbentons in einen deutlich schmutzigblauen, 
der schließlich einer nach Abschälung der Herde 
restierenden braunen Pigmentation Platz machte, 
Farbenyeränderungen, wie sie auch als söge- 



176 Löwy. 

nannte „erythematös-pigmentierte'' Formen in 
Fällen lokalisierter Antipyrin-Exantheme von 
Ehrmann, Brocq, Morel-Lavalle u. a. beschrieben 
und als für diese ganz charakteristisch bezeich- 
net werden. Eine analoge Farbenyeränderung 
wurde Yon Ehrmann ausnahmsweise auch bei einer 
disseminierten Form eines Antipyrin-Exanthems 
beobachtet und von ihm dieser Fall daher als „all- 
gemein lokalisiertes Erythem'^ bezeichnet 

Unser Fall erinnert in vielfacher Beziehung an diesen 
letztgenannten von Ehr mann beschriebenen. Bei einmal auf 
diese eigentümlichen Farbenveränderungen hingelenkter Auf- 
merksamkeit dürften sich die Beobachtungen analoger Fälle 
in Zukunft gewiß mehren. 

Auffallend war schließlich die deutlich dunklere Nuance 
der zentralen Erythempartien. Derartige Farbenunterschiede, 
die aber den von uns beobachteten nicht ganz entsprechen, 
werden in einem Falle von Ehr mann angegeben. Letzterer 
beobachtete bei einer Frau, neben einer Zungenerosion, in der 
Bauch- und Schenkelgegend ein Erythem, bestehend aus 
kreuzer- bis guldengroßen Effloreszenzen, die im Zentrum livid, 
an der Peripherie rötlich waren. 

Endlich wäre in unserem Falle auch noch auf die ziem- 
lich lange Dauer des ganzen Prozesses, die ein deutliches 
Zeugnis für die Schwere desselben abgab, sowie die noch bis 
in die letzte Zeit unserer Beobachtung auftretenden Nach- 
schübe, in Form blasenartiger Effloreszenzen hinzuweisen, die 
wohl in einer noch restierenden abnormen Empfindlichkeit der 
Haut gegen äußere mechanische Reize ihre Erklärung finden 
könnten. 

Die nach Desquamation des Erythems restierende braune 
Pigmentation an Stelle desselben wurde bereits erwähnt Sie 
wird von Ehr mann auf die Gegenwart von Melanin zurück- 
geführt 

Halten wir nun dem eben besprochenen Falle den zweiten 
von uns beschriebenen gegenüber, so zeichnete sich derselbe, 
im Gegensatze zu jenem, schon durch seine kolossale Flüchtig- 
keit aus. 



über zwei Fälle von Antipyrin- Exanthem. 177 

Hier war es nach einer nur einmaligen kleinen Dosis 
Antipyrin, bei einem Menschen, der noch nie vorher Antipyrin 
genommen hatte, kurase Zeit nachher zu nicht minder bedroh- 
lichen Erscheinungen, in Form eines hochgradigen kongestiven 
Ödems des Gesichtes, Schwellungen der sichtbaren Schleim- 
häute, Erscheinungen an der Haut, ja sogar zu blasenartigen 
Abhebungen an den Lippen, der Mundschleimhaut und Glans 
gekommen, Erscheinungen, die alle schon nach wenigen Stunden 
wieder nahezu völlig geschwunden waren, so daß wir, als uns 
der Patient am nächsten Morgen wieder zu Gesicht kam, erstaunt 
über das so veränderte Aussehen desselben, zunächst an die 
irrtümlich erfolgte Vorführung eines anderen Patienten dachten. 

Eine ähnliche Beobachtung liegt übrigens von Frank 
D e a s vor, wo neben anderen schweren Erscheinungen eben- 
falls Blasenbildungen aufgetreten waren und doch bereits nach 
8 Stunden Ablauf aller Erscheinungen beobachtet wurde. 

Auch die nach der Antipjrin-Einnahme in unserem Falle 
aufgetretene Temperatur-Erhöhung ist keine vereinzelte Er- 
scheinung, sondern liegen diesbezüglich analoge Mitteilungen 
einzelner Autoren vor. 

Falk bezeichnet diese eigentümliche Erscheinung als 
„konträre Antipyrinwirkung^ und erklärt sie durch plötzliche 
Erweiterung der Innen-Eapillaren und dadurch bedingte Reizung 
speziell des thermogenetischen Zentrums. 

So lassen denn auch die zwei soeben etwas ausführlicher 
beschriebenen Fälle universell disseminierte Antipyrin-Exan- 
theme wiederum in eklatanter Weise die große Mannigfaltigkeit 
der Erscheinungs- und Yerlaufsweise dieser Exanthem-Formen 
erkennen. 

In diagnostischer Hinsicht kommt bezüglich der- 
selben, abgesehen von den die Arznei-Exantheme im Allge- 
meinen charakterisierenden Momenten — dersjmmetri sehen 
Anordnung und Polymorphie dieser Exantheme — 
auch das häufig zu beobachtende gleichzeitige Auftreten 
bullöser Effloreszenzen an der Lippen und Mund- 
schleimhaut sowie dem äußeren Genitale, bezügich 
vereinzelter Fälle, der auch vielen lokalisierteu Antipprin-Exan- 
them-Formen eigentümliche bläuliche Farbenton der 

Areh. f. Dermal, q. Syph. Bd. LXVni. ]2 



178 Löwy. 

Effloreszenzen, mit nachfolgenden Farbenverän- 
derungen an denselben, in Betracht. 

Schließlich wäre noch zu bemerken, daß die Schwere der 
Anfangserscheinungen, unter denen diese Prozesse auftreten 
nicht immer einen sicheren Schluß auf die Dauer des ganzen 
Prozesses zu ziehen gestattet, ja sehr schwer einsetzende Formen 
in überraschend kurzer Zeit wieder abklingen können, wofür 
wohl auch der von uns beschriebene Fall ein sprechendes Zeugnis 
ablegen dürfte. 

Zum Schlüsse sei es mir gestattet, meinem hochverehrten 
Chef, Herrn Professor F. J. Pick, für die Anregung zu 
dieser Arbeit meinen yerbindlichsten Dank auszusprechen. 



Literatur. 

Apolant. Die AntipyriDexanthenie. Aroh. f. Dermatol. n. Syphil. 
Bd. XLYI. 1898. — Blakeney. Brit. med. Joam. 1899. — Blore. Jonr. 
de med. 1886. — Cahn. Über Antipyrin und Antipyrin- Exantheme. BerL 
klin.* Wocheoschr. 1884. — Daremberg, 8. Mraöek Haatkrankheit. I, 
unter Antipyrinen. — Dräsche. Wiener klinische Wochenschrift. 1888. 
Nr. 28. — Ehrmann, s. nnter Antipyrinexanthemen. Mraöek Haut- 
krankheiten. I. — Ehrmann. Wiener medizin. Wochenschrift. 1897. — 
Eulenburg. Real-Encyklopädie. Gelbsucht — Falk. Über Nebenwir- 
kungen und Intoxikationen bei der Anwendung neuerer Arzneimittel. 
Therap. Monatah. 1890. — Falkenstein, s. unter Apolant Arch. f. 
Dermat Bd. XLVI. — Frank Deas. The British Journal of Dermatol. 
1899. — Götze. Berl. klin. Wochenschr. 1886. Nr. 10. — Guttmann. 
Berliner klin. Wochenschrift. 1885. — Kunkel. Pharmakologie. 1901. — 
Lepine, s. unter Seifert. Zentralblatt f. klin. Med. 1887. — Lewin. 
Die Nebenwirkungen der Arzneimittel. — Mahner t. Über Phenacetin 
▼om klin. u. phys. Standpunkte. Deutsche med. Wochenschrift 1888. — 
Posadsky. Deutsche mediz. Wochenschrift 1886. Nr. 34. — R a p i n. 
Wiener med. Presse. 1888. — Seifert Zentralblatt f. klin. Med. 1887. 
— Strauß. Berl. klin. Wochenschrift 1885. 



Aus der k. k. deutschen dermatologischen Universitätsklinik 

von Prof. F. J. Pick in Prag. 



Über Bazillenbefunde bei Syphilis. 



Von 



Priv.'Doz. Dr. Ludwig Waelseh in Prag, 

gowe«. ÄMiataiiteii der Klinik. 



lasgefnhrt mit Unterstfitziin^ der ^Gesellschaft zur Förderung deutscher 
Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen^. 



Seit Lustgart en, Disse undTaguchi, welche in den 
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das yermeintliche 
Syphilisviius in verschiedenen Krankheitsprodukten der Syphilis 
gefunden zu haben glaubten, war einige Jahre hindurch weder 
von Seite der Dermatologen noch von der der Bakteriologen 
die Frage nach der Syphilis-Ätiologie angegangen worden. 
Man hatte sich überzeugt, daß es mit den gebräuchlichen mo- 
dernen Untersuchungs-, Färbungs- und Züchtungsmethoden 
nicht gelinge, den Erreger der Lues zu finden, und es war 
80 auf die Zeit hochgespannter Erwartungen, welche sich be- 
sonders an die Arbeiten Lustgartens knüpften, ein Stadium 
«iner gewissen Resignation getreten. Und trotz aller Fortschritte 
und Erfolge, welche die moderne Bakteriologie in der Erkennt- 
nis der Erreger der verschiedenen Infektionskrankheiten zu ver- 
zeichnen hatte, mußten wir gerade bei der Syphilis, welche 
klinisch so genau gekannt und studiert ist, wie vielleicht keine 
andere Krankheit, beschämt gestehen, daß es uns bisher nicht 
gelungen sei, den Schleier von ihrer geheimnisvollen Ätiologie 
zu lüften. 

Da es nun nicht geglückt war, das Syphilisvirus zu finden, 
versuchte man durch Impfungen mit dem Blute oder mit Krank - 

12* 



180 Waelsch. 

heitseffloreszenzen Syphilitischer auf Tiere bei diesen Syphilis 
oder eine ähnliche oder überhaupt eine Krankheit zu erzeugen, 
einerseits in der Hoffiiung, vielleicht auf diesem Wege Aufschluß 
über die fragliche Natur des Erregers zu bekommen, anderer- 
seits auch in therapeutischer Absicht Man fußte bei letzterem 
Bestreben ausschließlich auf Analogieschlüssen mit den bei 
anderen Infektionskrankheiten gewonnenen Erfahrungen und 
den modernen Anschauungen über Erankheitsheilung und Im- 
munität, und hoffte so, eine Ära der Serumtherapie der Syphi- 
lis inaugurieren zu können. Aber auch diese Versuche haben 
die strittige Frage nicht geklärt und kein einwandfreies oder 
auch nur ermunterndes Resultat gezeitigt. 

Da trat nun vor ungefähr zehn Jahren v. Niessen mit 
seinen Bazillenbefunden bei Sjrphilis hervor, mit Befunden, 
welche er bei jahrelanger Fortsetzung seiner diesbezüglichen 
Arbeiten immer wieder erheben konnte und welche er, teils 
totgeschwiegen, teils nicht ernst genommen, teils endlich 
aprioristisch verurteilt, mit nimmermüder, eindringlicher Bered- 
samkeit in einer großen Zahl von Publikationen ausführlich 
schilderte und zuletzt in einem besonderen Organ, seinen „Bei- 
trägen zur Syphilisforschung^, niederlegte. 

Von der Redaktion dieses Archivs wurden mir nun diese 
^Beiträge"" zur Besprechung übergeben. In derselben habe ich 
mich, entschlossen, die Befunde von Niessens bezüglich des 
Syphiliserregers nachzuprüfen, eines jeden aprioristischen Urteils 
über dieselben enthalten und nur das einer entsprechenden 
Kritik unterzogen, was nach dem jetzigen Stande unserer 
Kenntnisse von vorneherein, ohne erst einer Nachprüfung zu 
bedürien, „unwahrscheinlich und wunderbar'' erschien. Dazu 
gehörte besonders „der ungeheure Pleomorphismus des gezüch- 
treten Mikroorganismus, der wirklich alles imstande ist, bald als 
Bazillus, bald als Coccus oder Hyphomycet auf die Szene 
tritt"*, femer jene Arbeiten, welche sich mit dem Gonococcus 
und dessen verschiedenen Wuchsformen, seiner Verwandtschaft 
mit dem Syphilisbazillus, mit dem Canceromyces u. s. w. be- 
schäftigten. Und indem ich den unüberbrückbaren Widerspruch 
zwischen unseren jetzigen Anschauungen, speziell über den 
Gonococcus, und denen v. Niessens auf Grund unserer fest- 
stehenden Kenntnisse beleuchtete (ein Widerspruch, der nur 
durch nicht einwandfreie Methodik und falsche Deutung des 
Gesehenen seine Erklärung finden konnte), mußte ich auch 
folgerichtig den mit derselben Methodik gewonnenen Resultaten 
besüghch der Syphilisätiologie große Skepsis entgegenbringen. 



über Basillenbefnnde bei Sypbilis. 181 

Von besonderem Interesse war mir bei den Arbeiten Yon 
N i e 8 s e n s der konstante Befund seiner Bazillen in verschie- 
denen Stadien der Syphilis, und ganz besonders die merkwür- 
digen Ergebnisse der mit diesem Virus vorgenommenen Tier^ 
versuche. Es waren hauptsächlich letztere, welche, indem sie 
eine gewisse Übereinstimmung zeigten mit den Resultaten 
Adrians, Hügels und Holzhäusers, Neissers, micl^ 
zu der Nachprüfung der Befunde v. Niessens ermutigten^ 
Ich schreibe ausdrücklich ^ermutigten'', weil ja das Resultat 
von Nachprüfungen im allgemeinen, und ganz speziell einer so 
fraglichen Sache wie sie v. Niessens Befunde darstellten, oft 
in keinem Verhältnis steht zu der für sie verwendeten Zeit 
und Mühe. Ich wollte aber doch versuchen, das vielleicht in 
dem Wust der Ni e s s e n scheu Mitteilungen enthaltene Körnchen 
Wahrheit zu suchen und herauszuschälen. 

Im Januar 1902 begann ich daher meine Versuche, zu 
welchen mir Uerr Prof. Pick das reichhaltige Material seiner 
Klinik und die „Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissen- 
schaft^ Kunst und Literatur in Böhmen** eine Subvention zur 
Verfügung stellte. Herrn Professor Pick und der genannten 
Gesellschaft spreche ich dafür an dieser Stelle meinen herz- 
lichsten Dank aus. 

Über die Ergebnisse meiner Untersuchungen bis August 
1902 habe ich seinerzeit auf der 74. Naturforscherversammlung 
in Karlsbad im September desselben Jahres berichtet. Diese 
Ergebnisse, ihre Modifikation und Erweiterung seit dieser Zeit 
mögen nun in folgendem zusammengefaßt sein: 

Zur Untersuchung wurde hauptsächlich das Blut Syphili- 
tischer und zur Kontrolle das Blut Gesunder, Hautkranker oder 
Tripperkranker, welche aber Syphilis nicht durchgemacht hatten 
und auch keine Zeichen durchgemachter Syphilis boten, ver- 
wendet. Außerdem wurde untersucht die durch Lumbalpunktion 
gewonnene Zerebrospinalflüssigkeit Syphilitischer und Hautkran: 
ker, ferner das Sekret gereinigter Initialsklerosen, welche das 
typische Bild des reinen Geschwürs mit ,,wie lackierter'' Fläche 
darboten, außerdem wurden in zwei Fällen derartige Sklerosei;! 
excidiert und bakteriologisch verarbeitet, ferner in zwei Fällen 
florid syphilitischen, bisher unbehandelten Kranken eine stark 
geschwollene inguinale Drüse aseptisch herausgenommen und 
ebenfalls kulturell geprüft. > 

I. Biutuntersuchung. 

Blutuntersuchungen wurden im ganzen 67 vorgenommen 
und zwar: 35 florid sekundär Syphilitische in der ersten 
Eruption, bisher unbehandelt, 1 Fall, der Übergangsformen 



182 Waelsch. 

sekundärer zu tertiärer Lues zeigte (gruppierte miliare Gummen)^ 
4 Fälle von gummöser Lues, 27 nicht Luetische. Von den 35 
im kondylomatösen Stadium befindlichen Fällen zeigte die 
weitaus größte Zahl ausgebildet makulöses oder makulopapu- 
loses Exanthem, der kleinere Teil daneben noch Erscheinungen 
an den Schleimhäuten oder am Alter und Genitale. Die gum- 
mösen Fälle wiesen teils Periostitiden und erweichte Gummen^ 
teils gummöse Ulzerationen auf. 

Die 27 nicht Luetischen waren 11 yollkommen Gesunde 
(10 Ärzte der Klinik, eine Wärterin), 7 Fälle von Psoriasis, 
4 Ton akuter Gonorrhoe, 2 Ekzeme, 1 Melanosarkom, 1 Skro- 
phuloderma, 1 Prurigo. 

Lumbalpunktionen wurden 21 ausgeführt: 15 Fälle von 
Syphilis (10 Fälle von kondylomatöser und 5 von gummöser 
Lues), 6 Hautkranke (nicht Syphilitische). 

Die Blutuntersuchungen wurden in der Weise vorge- 
nommen, daß nach dem Vorgange von Niessens mit steriler 
Spritze aus der gestauten Vena mediana basilica oder cephalica 
ca. 10 cm^ Blut aspiriert und dann in Erlenmeyersche 
Eölbchen mit blutwarmer 10 oder 20prozentiger Gelatine in 
Portionen von 2*/«— 3 cm^ gebracht wurden. Dabei wurde 
darauf geachtet, daß die Gelatine ungefähr 1 cm hoch in die 
Kölbchen eingefüllt war. Es ist wohl überflüssig hinzuzufügen, 
daß die Gelatine vor ihrem Gebrauch durch mehrtägiges Stehen 
im Brutschrank auf ihre Keimfreiheit geprüft wurde. Nachdem 
auf ihre Erstarrungsfähigkeit bei dieser Art von Züchtung ver- 
zichtet werden konnte, wurde sie gewöhnlich vorher vier- 
mal durch eine halbe Stunde im strömenden Wasserdampf 
sterilisiert. 

Um die Möglichkeit der Verunreinigung des entnommenen 
Blutes in der Spritze zu vermeiden, wurde später von der 
Aspiration mit derselben Umgang genommen, und das durch 
die Hohlnadel ausströmende Blut direkt in die Kolben aufge- 
fangen. Um weiters auch dem Einwand zu begegnen, daß trotz 
der selbstverständlich peinlichsten Desinfektion der Haut Keimo 
von derselben in das gewonnene Blut gelangen, wurde endlich 
nach Spaltung der über der Vene gelegenen Haut die Nadel 
in dieselbe direkt eingestochen, oder direkt Venaesektion gemacht. 

Es wurden im ganzen durchgeführt: Bei den 40 Syphi- 
litischen 33 Venaepunktionen, 2 Venaepunktionennach Durchtren- 
nung der deckenden Haut, 5 Venaesektioncn. Bei den 27 Nichts 
luetischen wurden durchwegs Venaepunktionen vorgenommen. 

Die im Brutschrank bei 37® gehaltenen Kolben wurden 
dann vom tiinften Tag an jeden dritten bis vierten Tag 
der Untersuchung unterzogen. Die besten Resultate gab die 
Gramfärbung. 



über Basillenbefonde bei Syphilis. 183 

Das Untersuchangsergebnis ist folgendes. Bis zu meinen 
Mitteilungen über den fraglichen Gegenstand in Karlsbad 
hatte ich zehn Fälle von sekundärer Lues, zwei exstirpierte 
Drüsen florid sekundär Luetischer, zwei Fälle von gummöser 
Lues, je zwei Fälle von Ekzem und Psoriasis untersucht und 
konnte über folgende Resultate berichten: Bei sechs sekundär 
Luetischen gelang es, einen Bazillus zu züchten, den ich mit 
dem?. Niessens, Paulsens, Joseph und Piorkowskis 
nach seiner Form und seinem Wachstum identifizieren mußte. 
In drei Fällen erhielt ich einen gelben Diplococcus, in einem 
Fall blieb das Blut dauernd steril, aus den exstirpierten 
Drüsen wuchs der v. Niessensche Bazillus beidemal 
in Reinkultur, bei tertiärer Lues und bei Gesunden 
war das Resultat negativ. In einem Fall von erweichtem 
Gumma, aus dem gelbliche Flüssigkeit aspiriert wurde, erhielt 
ich den erwähnten Diplococcus neben dem v. Niessen sehen 
Bazillus; es gelang mir aber nicht, beide von einander zu iso- 
lieren, da der letztere Yon dem rascher wachsenden Diplococcus 
überwuchert, sein Wachstum bald einstellte. Seit dieser Zeit 
hat sich meine Versuchsreihe zu den oben erwähnten Zahlen 
erweitert und stellt sich das Resultat meiner Untersuchungen 
nun wie folgt: 

I. 85 Fälle von kondylomatöser Lues, a) 28 YenaApunktionen. Von 
diesen ergaben 16 Bazillen und swar 10 Reinkaltaren des v. Niessen- 
sohen Bacillas, 2 Eultaren eines Bazillas, der sich darch sein später 
noch zu beschreibendes, eigentümlich zartes Wachstum aaszeichnete, 
4 ergaben beide Bazillen nebeneinander, welche sich von einander 
isolieren ließen, in drei Fällen erhielt ich die oben erwähnten großen 
Diplokokken, bei 9 erwies sich das Blnt steril, b) 2 Venaesektionen nach 
Darchtrennang der Haut :v. Niessenscher Baiillas, c) 5 Venaesektionen ; 
8 zarte Enltaren, 2 steril. 

IT. 1 Fall von miliaren Gammen (Venaepanctio) : zarte Ealtaren. 

IIL 4 Fälle von gummöser Lues (Venaepanctio): steril. 

IV. 27 nicht Luetische: 24 steril, zwei zarte Ealtaren, einer ergab 
einen Psendodiphteriebazillas, der sich durch sein Wachstum von dem 
V. Niessenschen differenzieren ließ. 

Aus Sklerosensekret (3 Fälle) erhielt ich auf Menschenblutagar 
zweimal den v. Niessenschen Bazillus neben spärlichen Eokken, was 
für die Behauptung Winternitz' spricht, daß das Sekret gereinigter 
Sklerosen nicht so reich sei an Mikroorganismen wie man allgemein za 
glauben scheint, in einem Fall verschiedene Kokken. In 2 Fällen wurden 
Sklerosen excidiert, und Stückchen derselben in blutwarme Gelatine über- 
tragen. In einem Fall erhielt ich verschiedene Kokken, in einem blieb 
die Gelatine vollkommen steril. Die 21 Lumbalpunktionen ergaben 
durchwegs ein negatives Resultat. 



184 Waelsoh. 

Das Wachstum des Bazillus in der Gelatine liefi sich zumeist nach 
fünf bis sechs Tagen nachweisen, in drei Fällen fand ich ihn nach sieben, 
in einem nach nenn, in einem nach achtzehn Tagen, aus den Drusen 
wuchs er in Reinkulturen am neunten beziehungsweise einundzwanzigsten 
Tage. Daraus ergibt sich, daß die geimpfte Gelatine lange beobachtent 
werden muß. 

Die in der Gelatine zuerst spärlich nachweisbaren Bazillen ließ 
ich anreichem und übertrug sie dann teils auf die yerschiedenen ge- 
bräuchlichen Nährböden, teils wurden Platten gegossen, um die Isolierung 
Ton andersartigen Beimengungen zu ermöglichen. 

Der von mir gefundene Bazillus, den ich mit dem y. Niessens 
Paulsens, Joseph und Piorkowskis identifizieren mußte, ist ein iir 
die Gruppe der Pseudodiphtheriebazillen oder Diphtherideen gehöriges, 
kurzes Stäbchen, das an seinen Enden entweder leicht zu* 
gespitzt ist oder daselbst kleine kolbenförmige Anschwel- 
lungen zeigt. Er ist Gram-beständig, gegen Alkohol ziemlich empfind- 
lich, nicht säurefest. Bei der Gram farbung wird der Farbstoff an den kolben- 
förmigen Enden festgehalten und werden dadurch kleine Körnchen sichtbar, 
welche ein helles, die Nachfärbung schwach annehmendes Mittelstück 
zwischen sich fassen. Auch die zugespitzten Formen lassen in der Mitte 
eine quere Lücke erkennen, so daß förmlich Diplobazillen vorgetäuscht 
werden. Neben diesen Formen finden sich auch etwas längere Stab« 
chen in weiter vorgeschrittenerPlasmolyse,8und mehr hinter- 
einander gelagerte Körnchen enthaltend, so daß Bilder entstehen, welche an 
Streptokokken erinnern. Außer diesen Gram- beständigen sieht man 
dann, besonders bei etwas älteren Kulturen, allenthalben Bacillen von 
derselben Form und Größe, welche den Farbstoff schon mehr oder 
weniger abgegeben haben, die Nachfärbung annehmen. In alten Kulturen 
endlich erweisen sich dann nur noch die erwähnten kleinen Körnchen 
als Gram beständig, so daß dadurch eine gewisse Ähnlichkeit mit 
Kokkenhaufen entsteht, welche zwischen die nicht mehr Gram beständigen 
Bazillen eingelagert sind. Die Überimpfung läßt aber wieder die 
Bazillenformen erstehen und zeigt die vollkommene Reinheit der Kulturen, 
welche nach dem vorgeschilderten Befunde auf den ersten Blick hätte 
angezweifelt werden können. Neben den erwähnten Bazillenformen finden 
sich dann endlich auch keulenförmige, mehrfach septierte 
G ebilde. 

Ebenso wie die Form und Färbbarkeit der Bazillen ist auch ihre 
Größe eine wechselnde, indem dieselben bei weiterer Übertragung oft Hand 
in Hand mit schlechterem Wachstum kleiner werden und endlich das 
Wachstum ganz einstellen. Das Hindurchschicken durch Gelatine erweckt 
sie dann noch manchmal zu neuem Leben; manchmal ist auch dies 
erfolglos. 

Das Wachstum des Bazillus auf yerschiedenen Nährböden hat 
gar nichts Charakteristisches. Nach Passieren der Gelatine wächst er 
gut auf den verschiedenen Agar, auf Serum, in Bouillon, Milch u. s. w.. 



über Bazillenbefande bei Syphilis. 185 

auf Placenta habe ich ihn nicht gezüchtet. Anf Pia centaa gar nach 
Krön ig wncha er kümmerlich oder gar nicht. 

Auf schrägem Agar bildet er feucht glänsende Beläge von grau 
weüSer Farbe, ziemlich zäher Konsistenz. Dieselbe ist, wie dies Joseph 
und Piorkowski für ihre Bacillen beschrieben haben, in manchen 
Fällen eine sehr feste, so daß formlich plattenförmige Auflagerungen 
gebildet werden, die sich nur in kleineren Stücken abheben lassen und 
das Anfertigen gleichmäßig verteilter Deckglaspräparate erschweren. 
Diese feste Konsistenz möchte ich aber nicht, wie es die beiden genannten 
Autoren taten, als charakteristisch für den genannten Bazillus ansprechen, 
indem dieselbe als nicht constantes Merkmal der Kultur, auch desselben 
Stammes, bald vorhanden ist, bald verschwindet Das schmale Band der 
Kultur auf schrägem Agar zeigt scharfen Rand, der unter dem Mikroskop, 
oft auch schon makroskopisch nicht glatt sondern feinst gezackt ist^ 
Ältere Kulturen zeigen schon makroskopisch größere Zacken und 
Ausbuchtungen. 

In der Agarplatte stellt sich die Kolonie dar als im auffallenden 
Lichte grauweiße, im durchfallenden blaßgelbliche, scharfirandige, kreis* 
runde Auflagerung ; ihre Farbe wird gegen das Gentrum mehr bräunlich- 
gelb. Mikroskopisch ist die Kolonie fein granuliert, scbarf-, aber nicht 
glattrandig, indem ihr Rand feinst gezähnt oder gekerbt ist. 

Längs des Stiches in Agar und Gelatine langsames Wachstum 
in dünnem Faden, um die Einstiscböffnung herum grauweiße, kreisrunde 
Auflagerung, die Oelatine wird nicht verflüssigt. Auf schrägem Blut- 
serum bildet er ähnliche Beläge wie auf Agar. Bouillon wird leicht 
getrübt, mit Bildung eines fetzigen oder leicht krümligen Bodensatzes, der 
sich beim Schütteln mehr weniger leicht in der Bouillon verteilen läßt. 
Milch wird angesäuert, aber nicht coaguliert. 

II. Tierversuche. 

Mit den Reinkulturen dreier Bazillen (zwei aus Blut, eine 
aus einer Drüse gezüchtet), welche in ihrem Wachstum speziell 
in Bouillon vollkommene Übereinstimmung zeigten (leichte 
Trübung ohne Niveaurand und Oberfläch enhäutchen, fetzigeü 
Bodensatz), wurden nun Impfungen an Meerschweinchen und 
Kaninchen, femer an drei Schweinen und einem Affen vorge- 
nommen. Ich will gleich vorwegnehmen, daß dieselben bei 
Meerschweinchen und Kaninchen ein negatives Resultat ergaben. 
Bezüglich der Schweine muß ich bemerken, daß ich deren 
Rasse nicht eruieren konnte. Ich hebe dies deswegen hervor, 
weil Goljachowski an den Versuchen Hügels und Holz- 
häusers bemängelt, daß dieselben nicht die Rasse ihrer Ver- 
suchsschweine angegeben haben^ da vielleicht die Rasse auf den 
Widerstand der Versuchstiere gegenüber der Infektion einen 
Einfluß haben könne (es sind z. B. nach Goljachowski die 



186 Waelsch. 

Achtürskischen Schafe gegen sibirische Pest unempfänglich, 
während die anderen Schafrassen es nicht sind). 

Am 16./iy. 1902 erhielt ein ca. sechs Wochen altes, männliches 
Ferkel (SJ von 8Vs ^9 Gewicht Vi ^^'^ einer achttägigen Bonillonknltor 
des aus dem Blnte gezüchteten Bazillus subkutan unter die Bauchhaut. 
Am 12./y., das Gewicht war inzwischen bei yollkommenem Wohlbefinden 
des Tieres auf 8 kg gestiegen, erhielt es neuerdings 2 ccm einer 
6 Tage alten Gelatinekultur desselben Stammes subkutan auf die 
andere Seite. 

Am 21./iy. erhielt ein zweites, ebenso altes, weibliches Ferkel 
derselben Rasse (S,), Gewicht 8*7 kg, Y, ecm einer Aufschwemmung einer 
fünftägigen Agarkultnr unter die Bauchhaut, am 29./IV. 8 com der Auf- 
schwemmung einer 7 Tage alten Agarcultnr desselben Stammes subkutan 
auf die andere Seite. Dieser Stamm war aus einer Drüse gezüchtet. 

Bis zum 6- Juni zeigten beide Tiere nichts Auffallendes, sie 
entwickelten enorme Freßlust und wnchsen zusehends. Am 6. Juni 1902 
traten bei beiden Tieren gleichzeitig Hauteffloreszenzen 
auf: bei Sj rote Flecke sowie flache, braunrote Papeln an 
beiden Ohren, rechts stärker als links. Die Papeln mehr in der 
Mitte der Ohren, die Flecken mehr am Rande, ihre Größe V3 — Vs <^ i™ 
Durchmesser, ihre Form kreisrund. 7./yi. Die erythematösen EfHoreszenzeo 
haben an Zahl zugenommen, ihre Farbe unverändert. 

9./V1. Die erythematösen Flecke abgeblaßt, die Papeln haben einen 
mehr braunen Farbton angenommen; bis zum 14./VI. waren auch die 
letzteren verschwunden. 

Die geimpfte Sau (S,) zeigte am 6. Juni fünf kleine, 
linsengroße, deutlich elevierte flache Papeln von blaß 
braunroter Farbe, in einer Gruppe über der rechten 
Schalter, ca. zwei em nach rückwärts davon eine ebensolche Effloreszenz. 

7./V1. Die Papeln deutlich ele viert, eigentümlich wachsartig glänzend, 
etwas blasser. 

9./VI. Die kleinere Gruppe der Papeln stark abgeblaßt, zusammen- 
gesunken, im Niveau der Haut ; in ihrer Nachbarschaft zwei Flecke, analog 
denen an den Ohren von S^ ; an beiden Ohren, besonders gegen die 
Ränder derselben zahlreiche kleine, linsengroße, braunrote Flecke. 

11./ VI. Die Herde an den Ohren verschwunden, dafür papulöse 
Effloreszenzen oberhalb des zuerst aufgetretenen Herdes über der rechten 
Schulter, am Rücken verstreut mehrere kleine Papeln. 

14./YI. Die Herde am Stamm verschwunden, frische erythematöse 
Flecke an den Ohren. 

16./yi. Nachschub von blaßroten Papeln an der linken Rückenseite, 
die Herde an den Ohren nicht mehr sichtbar. 

18./ VI. Haut normal. 

Hierauf ließ sich an den Thieren durch ca. 6 Wochen nichts 
besonders Auffallendes konstatieren. Am 6. August trat nunwieder 
bei beiden, bei S^ bedeutend stärker, ein neuerliches Exan- 



Ober Bazillenbefunde bei Syphilis. 187 

tfaem an f. Der £ber S, zeigte am Bauche und an den Flanken, 
rechts weiter hinaufreichend als links, ein dichtes Exanthem, 
bestehend aus flachen, deutlich papulösen, ziemlich derben, 
erbsen- bis halbhaselnußgroßen Effloreszenzen von blaß- 
roter Farbe, die frische'sten erinnern förmlich an Quaddeln 
der menschlichen Urticaria, die älteren zeigen im Zentrum 
Stecknadelkopf- bis kleinlinsengroße Nekrosen, an deren 
Grund und in deren Nachbarschaft das Gewebe leicht 
hämorrhagisch imbibiert erscheint. Am Rande dieser 
Nekrosen sind an den größten Effloreszenzen die obersten 
Epithelschichten im kleinen Umkreise fetzig abgehoben ; 
diese Papeln sind auch etwas dunkler rot. 

Die einzelnen Effloreszenzen stehen teils isoliert, teils dicht bei- 
einander, teils lassen sie eine Andeutung bogenförmiger Anordnung 
erkennen. Die kleinsten und frischesten der Herde, welche 
der Nekrose entbehren, stimmen in ihrem Aussehen mit 
den Papeln der ersten Eruption überein. An demselben Tage 
zeigte die Sau S, am Bauch spärliche, flache Papeln wie die der ersten 
Eruption. 

7./V1II. Bei S| die Effloreszenzen unverändert, die Nekrosen zumeist 
zu bräunlichen Krusten eingetrocknet, an den Flanken sind zwischen den 
am 6./yiII. notierten Efflorescenzeu einige frische aufgetreten, in deren 
Mitle das Epithel blasig abgehoben ist oder sich schon abgestoßen hat, 
wodurch daselbst kleine Dellen zu stando kommen. Auch am Skrotum 
frische erythematöse und papulöse Effloreszenzen. 

Bei 8, spärliche weitere Nachschübe flacher Papeln. 

Dem Eber Sj wird: von der rechten Flanke ein kleines Haut* 
Stückchen, drei Effloreszenzen enthaltend, zwecks histologischer Unter- 
suchung excidiert. Eine Papel und das bei der Operation erhaltene 
Blut wird bakteriologisch mit yoUkommen negativem Resaltat verarbeitet. 

10./Vin. Das Exanthem bedeutend zurückgegangen, die Papeln 
zusammengesunken, flach, abgeblaßt. 

19./yiII. Bei Sj das Exanthem verschwunden, bei S, um die Zitzen 
ein reichliches papulöses Exanthem. 

21./VIII. Bei 8} an den Obren besonders reichlich frische, braun- 
rote Makeln, das Exanthem bei S, am Bauch noch reichlicher. 

23./Vni. Exanthem vollkommen verschwunden. 

S eit Anfang September traten bis Mitte September 
fortwährend Nachschübe bei beiden Tieren auf, bald hier 
bald dort, rasch kommend und verschwindend, bei dem Eber S^ in Form 
flacher, braun- oder bläulichroter Papeln, bei der Sau S, in Form flacher» 
blasser, mehr quaddelartiger Effloreszenzen. Von da an zeigten die Tiere 
keine Hautveränderung mehr, bis am 11. Oktober bei Sj an den Ohreu 
runde, ringförmige oder gyrierte, blaßrote Erythemflecko auftraten, welche 
nach Bestand von wenigen Stunden spurlos verschwanden. Seit dieser 
Zeit blieben die Tiere vollkommen gesund und erreichten kolossale 



188 Waelach. 

Größe. Eine Yeräaderung an den tastbaren Drusen ließ sich niemals 
konstatieren. 

In der Nacht vom 2». auf den 29. März 1903 warf nun die 
seinerzeit geimpfte Sau S,, welche bis auf die letzten 14 Tage die ganze 
Zeit hindurch mit dem ebenfalls geimpften Eber S^ in einem Abteil des 
Stalles gemeinsam gehalten wurde, neun Junge. Am Morgen des 29. 
worden von diesen vier tot aufgefunden, fünf lebten. Bei der Sektion 
der ersten vier ergab die Lungenschwimmprobe, daß eines derselben 
tot geboren sein mußte, drei waren erdrückt. Die fünf überlebenden 
Ferkel saugten ziemlich kräftig, nachdem sie an die Zitzen angesetzt 
worden waren. Am Abend des 29. und in der darauffolgenden Nacht 
gingen von diesen fünf drei zu Grunde, die zwei übriggebliebenen 
am 30. Die Sektion aller dieser Tiere ergab absolut nichts Patho- 
logisches, bis auf eine bedeutende Matschheit und Zerreißlichkeit der 
Leber, die auch Adrian bei seinen Ferkeln beobachtet hatte. Ein 
Grund für ihr Absterben ließ sich nicht eruieren. Die bakteriologische 
Untersuchung des Ferkelblutes und ihrer inneren Organe ergab ebenfalls 
ein negatives Resultat. Nur bei zweien von den vier, welche schon tot 
aufgefunden worden waren, ließen sich aus dem Blute Fäulnisbakterien 
züchten. Auch die histologische Untersuchung der inneren Organe eigab 
keinen Aufschluß, indem das Mikroskop deren vollkommene Intaktheit 
zeigte. Auch an den Epiphysenfugen der langen Röhrenknochen ließ 
sich nichts Pathologisches finden. 

Nach dem Wurf erholte sich die ungehener fett gewordene Sau 
sehr rasch und zeigte ebenso wie der Eber, dessen Untersuchung wegen 
seiner großen Wildheit mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden war, 
keine wie immer gearteten pathologischen Erscheinungen. Mitte Mai 
bezw. Juni wurden die beiden Tiere geschlachtet. Auch diese Sektion 
ergab vollkommen normale Verhältnisse der inneren Organe, keine 
Drüsenvergrößerung. Die histologische Untersuchung fiel ebenfalls bei 
allen Organen vollkommen negativ aus. Aus dem Blute sowie aus den 
Organen wurden auch Kulturen angelegt, es gelang aber nicht, den 
seinerzeit injizierten Bazillus zurückzuzüchten. 

III. Ein drittes Schwein, S,, ein 7 kg schwerer Eber, erhielt am 
1. Juli 1902 8 ccm einer 4 Tage alten, aus Blut gezüchteten Gelatine- 
Kultur intraperitoneal in die Bauchhöhle. Ein zweites, weibliches Tier 
desselben Wurfes wurde als Eon troll tier ungeimpft beobachtet. Am 
6. August zeigte S, erythematöse Flecke an den Ober- 
schenkelinnenflächen, Inguinalbeugen und benachbarten 
Bauchpartien. Am 8./VIII. waren daselbst deutliche fjlache 
Papeln aufgeschlossen, die am 10./ VIII. in deutlichem Rückgang 
und am 12./VIII. verschwunden waren. Das Kontrolltier zeigte keine 
Veränderung. Seit dieser Zeit ließen sich bei S, mehrfach 
derartige rasch abklingende Exantheme beobachten. Seit 
September 1902 wiederholten sich dieselben nicht mehr. Das Tier wurde 
bis Juli 1903 beobachtet. 



Über Bazillen befände bei Syphilis. lg9 

Das Kontrolltier wies Ende August 1902 ein kurz dauerndes 
Exanthem auf, das sich ebenfalls manchmal schubweise wiederholte. Es 
unterschied sich aber wesentlich von dem vorbeschriebenen, indem es 
zahlreiche hellrote, bis linsengroße follikuläre Knötchen erkennen ließ, 
▼on einer Borste durchbohrt, an der Spitze eine Pustel oder eine Kruste 
tragend. 

lY. Am 17./XL 1902 erhielt eine Hamadriasäffin den Abstrich 
einer 7 Tage alten, ans Blut gezüchteten schrägen Agarkultur unter 
eine Hauttasche oberhalb der Symphyse. Nach 6 Tagen war die kleine 
Wunde vollkommen reaktionslos verheilt. Nach einer weiteren Woche 
war nur noch die zarte Narbe zu sehen, keine Infiltration des Grundes 
zu konstatieren, keine Dräsenschwellung. So blieb der Zustand im gleichen 
bis zum 9. Jänner 1903; an diesem Tage konnte ich zahl- 
reiche, braunrote linsengroße, nicht s ehr scharf begrenzte 
Flecke beobachten, innerhalb welcher sich feinste er- 
weiterte Gefäßreiserchen nachweisen ließen. Die Flecke 
localisiert en sich über beiden Schul tern fast symmetrisch, 
besonders über der Acromialgegend. 18./I. Flecke reichlicher, 
neben den vorerwähnten sind in der Nachbarschaft mehrere kleinere 
aufgetreten : ein ca. Vs ^"^ iiQ Durchmesser haltender Fleck am Rücken 
links über dem angulus scapulae, ferner an der Außenseite des rechten 
Vorderarmes. Das Tier ist traurig, abgemagert, frißt wenig, hustet. Bis 
Ende Jänner wiederholten sich diese Exantheme in 
ziemlich rascher Folge, kamen und verschwanden an den ver- 
schiedensten Stellen des Stammes. Ganz frei war das Tier von denselben 
nie. Am 28. Jänner wurde ein derartiger erythematöser Fleck von der 
Innenseite des rechten Oberschenkels excidiert; die bei dieser Gelegenheit 
vorgenommene Blutuntersuohung ergab ein negatives Resultat. Im Laufe 
des Feber ging das Tier allmählich mehr und mehr ein, die Flecken 
traten nun weniger am Körper auf und lokalisierten sich vielmehr mit 
besonderer Vorliebe an Stirn und Wange. Die Kopfhaare wurden auf- 
fallend schütter, die Kopfhaut besonders in den mittleren Partien des 
Yorderkopfes bedeckt von festhaftenden serös eitrigen Krusten, nach 
deren Ablösung eine leicht blutende Fläche, keine ülzeration, zu Tage 
trat Das Gesicht leicht gedunsen, die Augenlider auffallend ödematös 
Am 8./III. ging das zum Skelett abgemagerte Tier endlich zu Grunde. 

Die Sektion ergab ausgebreitete Tuberkulose aller inneren Organe. 
Von dem Herzblut, Peritonealflüssigkeit und Harn wurden Kulturen 
angelegt, blieben aber vollkommen steril. Von einer histologischen 
Untersuchung der inneren Organe wurde wegen der ausgebreiteten Tuber- 
kulose derselben Abstand genommen. 

III. Histologische Untersuchung. 

Um den Dekursus morbi der geimpften Versuchstiere nicht 
zu unterbrechen, habe ich bisher von der Darstellung der 



190 Waelsch. 

histologischen Befunde der excidierten Effloreszenzen Abstand 
genommen. Dieselbe sei nun hier nachgetragen. 

A. Schwein. Es wurde, wie schon erwähnt, von der 
seitlichen Bauchwand ein Herd excidiert, der drei gut ausge- 
bildete Effloreszenzen trug, in Gelloidinschnitte zerlegt und 
den gebräuchlichen Kern-, elastische Faser- und Bindegewebs- 
färbungen unterworfen. Vor allem fiel im histologischen Bilde 
auf das schön entwickelte, mehrschichtige Epithel mit au8ge> 
sprochenem Rete Malpighi und dazwischen gelegenen Papillen. 
Ich möchte dies Adrian gegenüber gleich hier hervorheben. 
Nach dessen Schilderung könnte es den Anschein haben, als ob nur 
der beim Schwein „normalerweise so gut wie fehlende Papillar- 
körper auf der Höhe der Papeln deutlich entwickelt, die Epi- 
dermis an dieser Stelle beträchtlich verdickt'' wäre. Ich glaube, 
diese Angabe Adrians, welche vermuten läßt, daß er das 
Vorhandensein des Papillarkörpers an dem von ihm untersuchten 
Hautstückchen] von dem Vorhandensein der Entzündung an 
dieser Stelle abhängig macht, bedarf doch einer gewissen Kor- 
rektur und Einschränkung. Ein Rete und Papillarkörper, wie 
es meine Bilder zeigten, kann unmöglich durch die entzündliche 
Proliferation der sonst nur angedeuteten, kurzen und niedrigen 
Retezapfen entstanden sein. Ich bin überzeugt, daß beide an diesen 
Stellen (Bauchhaut) von allem Anfange an vorhanden waren : es 
können eben auch beim Schwein dieselben regionären Verschie- 
denheiten des Aufbaues der Haut vorhanden sein, wie wir sie 
auch beim Menschen kennen. 

Adrian gibt leider nicht an, von welchen Hautpartien 
die normalen Stücke stammen, welche er einer histologischen 
Untersuchung unterzogen und bei welchen er fand, daß der 
Papillarkörper „so gut wie fehle''. Letztere Angabe könnte ich 
z. B. auf Grund meiner noch später zu erwähnenden Unter- 
suchungen über die Histologie der normalen Schweinhaut für 
die Haut der Eehlregion bestätigen. 

An der Peripherie der Effloreszenzen läßt sich ihr Beginn 
und ihre Entwicklung sehr genau studieren. Überall ist eine 
dünne Hornschicht nachweisbar, unter derselben eine einschich- 
tige Lage von Granulosazellen, darunter 5 — 6 Lagen von rund- 
lichen und polygonalen Zellen, unter diesen eine schöne basale 
Zylinderzellschicht. Die Zapfen rundlich, abgestumpft, manch- 
mal etwas zugespitzt, hie und da auch leicht kolbig verdickt, 
in ihren Zellen mäßig zahlreich Mitosen, die größeren Papillen 
etwas ödematös. Im Bindegewebe der Cutis allenthalben kloine, 
perivaskuläre Infiltrate, teils in Form rundlicher, teils ovaler 
oder streifenförmiger Anhäufungen von Rundzellen. Das En- 
dothel der Gefäßchen, welche diese Infiltrate umscheiden, ist 
vollkommen normal Auch die erweiterten Kapillaren in den 



über Bazillenbefnnde bei Syphilis. 191 

Papillen begleiten mäßige perivaskuläre Ansammlungen von 
überwiegend mononucleären Leukocyten. Dieselben dringen 
dann auch von den Papillenspitzen aus zwischen die Zellen der 
unteren Epidermisscbicht ein. Diese perivaskuläre Infiltration 
geht andererseits auch ziemlich weit in die Tiefe und schiebt 
sich, dem Oefaßverlauf folgend, an manchen Stellen zwischen 
die Träubchen des Unterhautfettgewebes. Die hier vorhandenen 
größeren Blutgefäße, speziell die Arterien, zeigen keine Verän- 
derung ihrer Wandung, ihr Endothel ist auffallend hoch und 
erinnert an das Bild eines Zjlinderepithels, dessen Zellen weit 
in das Lumen des Gefäßes hineinragen. Durch Kontraktion 
der kleineren Arterien können dann Bilder zustande kommen, 
welche bei durch diese beiden Momente bedingter, fast vollkom- 
mener Verlegung des Lumens formlich eine Endarteriitis obli- 
terans vortäuschen können, besonders dann, wenn bei nicht 
genügend dünnen Schnitten mehrere benachbarte, verschieden 
hohe Endothelzellen übereinander zu liegen kommen. 

An mehreren durch das Zentrum der Herde geführten 
Schnitten ist diese perivaskuläre Infiltration in den Tiefen der 
Cutis bedeutend stärker und breiter geworden, wodurch ent- 
sprechend den Gefaß?erzweigungen sich gabelig teilende breite 
Balken entstehen, wie schon erwähnt, fast ausschließlich aus 
mononucleären Leukocyten bestehend. 

Im Stratum subpapillare bildet die dichte Infiltration 
noch immer isolierte Herde, die aber auch schon durch Aus- 
läufer miteinander in Verbindung treten. Diese Infiltration 
wird in den hier deutlich verbreiterten, an der Grenze gegen 
das Epithel wie horizontal abgeschnittenen Papillen eine mehr 
lockere, diffuse und gleichmäßige. Unter Zunahme dieser Infil- 
tration kommt es nun im Zentrum des Herdes zu einer starken 
Durchsetzung der Epidermis mit Rundzellen unter gleichzeitiger 
Verschmächtigung der erstereu. Man sieht in dem mikro- 
skopischen Bilde die sich rasch verschmälernde Epidermis 
beiderseits herantreten an einen kleinen Herd, innerhalb dessen 
das von Rundzellen mäßig durchsetzte und bedeckte Corium 
frei zu Tage liegt, umrandet von den durch starke Leukocyten- 
infiltration blasig abgehobenen Epithelschichten. 

Es sind dies mikroskopische Bilder, welche mit dem ma- 
kroskopisch erhobenen Befund entzündlicher papulöser Infil- 
trate mit Nekrose in der Mitte und fetziger Abhebung der 
obersten Epithelschichten der Nachbarschaft vollkommen in 
Übereinstimmung stehen und große Ähnlichkeit zeigen mit 
den histologischen Ergebnissen Adrians, Hügels und Holz- 
häusers und auch Neissers, auf welche ich später noch zu 
sprechen kommen werde. 



J92 Waelsoh. 

B. Affe. Erythematöser, braunroter, kreisrunder, nicht sehr 
scharf begrenzter Herd von der Innenseite des Oberschenkels. 

Die histologischen Veränderungen müssen im allgemeinen 
minimale genannt werden. Die Epidermis ist ungemein dünn, 
eine schmale Homschicht bedeckt die wenigen Epithellagen, 
der Papillarkörper fehlt an dieser Stelle vollständig, im Gorium 
mäßige perikapillare Infiltration, im Bindegewebe des Coriums 
geringes Ödem, seine Maschen etwas weiter. 



Zur Vervollständigung der Ergebnisse der bakterio- 
logischen Blutuntersuchung florid Syphilitischer sei noch ein 
Bild jener in zarten Kulturen wachsenden Mikro- 
organismen entworien, die ich im Anfange der bakterio- 
logischen Auseinandersetzungen erwähnt habe und die ich bei 
florid Syphilitischen in 6 Fällen (in 4 davon neben dem Ba- 
zillus V. Niessens) aus dem Blute züchten konnte. Diese 
Bazillen lassen sich ebenso wie die v. N i e s s e n sehen ziemlich 
spät, niemals vor dem fünften Tage in der Gelatine nach- 
weisen ; sie wachsen dann, auf schrägen Agar überbracht, lang- 
sam aber ziemlich gut, in den spätem Generationen zumeist 
bedeutend besser als in den ersten; andererseits aber stellten 
diese Bazillen in zwei Fällen in der dritten Generation ihr 
Wachstum vollkommen ein. 

Dieser Bazillus ist ebenfalls ein Pseudodiphtheriebazillus, 
nur ist er kleiner, ungefähr halb so groß als der v. N i e s s e n- 
sche. Die Stäbchen liegen in kleinen Häufchen oder pallisaden- 
förmig nebeneinander. Sie sind ebenfalls Grambeständig, teils 
massiv gebaut, an einem Ende oft leicht zugespitzt, oder zeigen 
in der Mitte eine ungefärbte Lücke. Infolge ihrer Kürze 
erinnern sie dann sehr an Diplokokken, besonders in den Häuf* 
chen ist die Ähnlichkeit mit Kokkenhaufen eine frappante. 
Man ist aber immer in der Lage, im Präparate die Übergänge 
von den massiven Bazillen in diese „Pseudodiplokokken^ zu 
sehen. Das Plattenverfahren erweist dann auch immer die 
Reinheit der Kultur. 

Auf schrägem Agar wächst er makroskopisch in Form 
eines zarten, durchscheinenden Streifens, der im durchfallenden 
Lichte deutlicher zu sehen ist. Schon makroskopisch zeigt sich 
dieses schmale Band aus lauter kleinsten, rundlichen Kolonien 
zusammengesetzt, welche besonders deutlich an den Läogsränderu, 
wo sie etwas isolierter stehen, zu sehen sind. Bei zunehmendem 
Alter der Kultur ist dann der Rand infolge der Vergrößerung 
der randständigen Kolonien fein gekerbt und es treten in deren 
Kachbarschaft kleine, rundliche Tochterkolonien auf, welche 



über Bazillenbefnnde bei Syphilis. 193 

bei ihrer allmählichen peripherischen Vergrößerung mit dem 
Mutterstreifen zusammenfließen. Dadurch kommen dann manch- 
mal sehr zierliche Bilder, (rundlich, guirlandenförmig konturiert, 
mit einspringenden Zacken«) zustande. 

Mikroskopisch setzt sich der Streifen zusammen aus einem 
Mosaik derartiger kleinster Kolonien, die gegen die Mitte des 
Streifens zusammenfließen. Die Kolonien selbst sind rundlich, 
scharf begrenzt, von gelbUchem Farbenton, der gegen die 
Mitte zu etwas dunkler wird, feinst granuliert. Im Agarstich 
wächst er längs des Stiches ebenfalls in Form kleiner körn- 
chenartiger Kolonien, um die Einstichstelle so wie auf schrägem 
Agar. Die Gelatine wird nicht verflüssigt. In Bouillon bildet 
er in den ersten Tagen eine leichte, feinkörnige Trübung, die 
sich unter Klärung der Bouillon zu einem dichten Sediment 
absetzt, das in Form kleiner Brocken und Plättchen beim 
Schütteln aufsteigt und die Bouilon wiederum ungemein fein- 
körnig trübt. 

Auch mit diesem Bazillus wurden Tierversuche unter- 
nommen. 

Am 16. Mai 1903 erhielt ein Meerschweinchen 5 com einer 7 Tage 
alten Boaillonkultnr sübkatan nnter die Banchhant. An der Einstichstelle 
danach kein Infiltrat nachzuweisen; das Tier blieb bis heute gesund. 
Am 6. April erhielt ein 7*7 kg schweres, männliches Schwein 10 cem 
einer 9 Tage alten Bouillonkultnr subkutan anter die Bauchhaut; das 
Tier blieb die ganze Zeit gesund und zeigte niemals irgendwelche 
Hautersoheinungen. 

IV. Untersuchung von Sklerosen. 

Zur Untersuchung wurden ausschließlich, bis auf einen 
später noch zu erwähnenden Fall, reine Sklerosen yerwendet. 
Mikroskopisch konnte ich im Ausstrichpräparate den Bazillus 
T. Niessens in wechselnder Menge, aber immer ziemlich 
spärlich nachweisen; daneben fanden sich auch kleine kokken- 
förmige Gebilde, welche an die Bilder erinnerten, die ältere 
Kulturen des Bazillus ergaben. Sehr reichlich fand ich den 
Bazillus manchmal im Sekrete nässender Papeln des Skrotum 
und Afters, ein Befund, auf dessen Deutung ich später noch 
zurückkommen will. 

Die bakteriologische Untersuchung wurde in der Weise 
vorgenommen, daß das Geschwür mit Benzinwatta gereinigt 
und dann Sekret des Geschwüres auf schrägen Menschen- 
blutagar (das Menschenblut gewonnen bei der Blutunter- 
suchung gesunder Individuen) übertragen wurde. Es gelang 
mir in 3 Fällen zweimal, den t. Niessen sehen Bazillus 
zu züchten, in einem Falle erhielt ich verschiedene Kokken. 

Areh. f. Demiftt. a. Sjph. Bd. LXVIII« 13 



194 Waelsch. 

Von besonderem Interesse ist das Untersuchungs- und Impfungs- 
ergebDis in einem vierten Falle, über den ich hier ausfuhrlicher 
berichten möchte. 

Seh. W., 22jähr. lediger Maarer, wurde am 14. KoTember 1902 in 
die Klinik aufgenommen. Er hatte mehrere, hinterein andergelegene, 
indurierte Geschwüre am Frennlum und am prftputialen Ansatz desselben. 
Die Geschwüre speckig belegt, ihr Grund deutlich induriert. Außerdem 
mehrere Geschwüre vom Typus des weichen Schankers am Innenblatt 
des Präputium. Deutliche Skleradenitis inguinalis. Die Untersuchung 
des Geschwürsbelages der indurierten Geschwüre am Frenulum ergab 
Ducreysche Bazillen ziemlich zahlreich neben in Haufen liegenden 
Kokken, welche sehr an das Bild erinnerten, das die v. Niessensohen 
Bazillen in aus alter Kultur stammenden Präparaten darboten. Herr 
Dr. Wilhelm Funke, Sekundärarst der Klinik, der sich damals mit 
Reinzüchtung der Ducrey sehen Bazillen beschäftigte, nahm nun am 
17./XI. 1902 eine Überimpfung des Sekretes dieser Geschwüre auf die 
Bauchhaut des Kranken vor. Ich selbst konnte dann bei der bakteriologischen 
Prüfung den v. Niessensohen Bazillus neben Kokken herauszüchten. 
Am 19./XI. an der Impfstelle Pustelbildung, im Eiter der Pustel 
Ducreysche Bazillen wiederum neben den vorbeschriebenen Kokken- 
gebilden. Neuerliche Impfung mit dem Eiter dieser Pustel auf die 
Bauchhaut* 21. /XL Bildung einer kleinen Pustel mit rotem Hof in 
leicht infiltrierter Haut an der zweiten Impfstelle. 22./XI. An beiden 
Impfstellen kleine Geschwüre, deren Eiter spärliche Kokken enthält. Die 
Ton diesen Geschwüren angelegten Kulturen ergaben den y. Ni essen- 
zchen Bazillus in Reinkultur. 

Nachdem der Ausfall dieser Impfungen ergeben hatte, 
daß bei gemischtem Schanker gleichzeitig mit dem Virus des 
weichen Geschwüres auch der aus dem Muttergeschwür ge- 
züchtete V. Nie SS en sehe Bazillus sich mit übertragen ließ 
und in der zweiten Generation aus dem Impfgeschwür rein 
dargestellt werden konnte, wurde nun auch von einer der vor- 
erwähnten reinen Sklerosen, bei welchen die Züchtung ein 
positives Resultat ergeben hatte, eine Impfung auf den Träger 
derselben vorgenommen. Der Erfolg derselben war ein voll- 
kommen negativer, an der Impfstelle entwickelte sich auch 
nicht einmal eine Rötung. 

Es scheint der Ausfall dieser Versuche dafür zu sprechen, 
daß der Pseudodiphtheriebazillus v. Niessens sich erst dann 
reichlicher entwickelt, wenn er auf einen durch einen anders- 
artigen Mikroorganismus (in diesem Falle den Ducrey sehen 
Bazillus) schon vorbereiteten Nährboden kommt. Er selbst 
scheint irgendwelche zu Geschwürbildung führende Eigen- 
schaften nicht zu besitzen, entwickelt aber starke Lebens- und 
Proliterationskraft auf andersartigen Geschwürsflächen unter 
Verdrängung des Mikroorganismus, der ihm den Weg geebnet hat. 



über Bazillenbefonde bei Syphilis. 195 

Es dürfte sich der Bazillus y. Niessens ebenso ver- 
balten, wie der in dieselbe Bakteriengruppe gehörige und ihm 
in Form und Wachstum ähnliche Bacillus variabilis lymphae 
yaccinalis, den Nakanishi aus Vaccinepusteln vom Kalb 
und Menschen gezüchtet und den er als Erreger dieser Krank- 
heit anzusprechen geneigt ist. 

Auch das Gewebe derartiger Sklerosen wurde in zwei 
Fällen bakteriologisch verarbeitet, in einem Falle blieb der 
Nährboden steril, im andern Falle wuchsen verschiedene Kokken. 

V. Bluluntersuchung nicht Syphilitischer. 

Es erübrigt nun noch, das Ergebnis der Blutunter- 
suchung bei Gesunden, Haut- oder Tripperkranken, 
welche niemals syphilitisch waren, zu schildern. Der Gang der 
Untersuchung war genau derselbe wie bei Syphilitischen. Den 
V. Nie 8 senschen Bazillus habe ich hier niemals gefunden, 
dagegen konnte ich in zwei Fällen einen zarten und kleinen 
Pseudodiphtheriebazillus züchten, welcher ungemein große Ähn- 
lichkeit mit jenem darbot, den ich im voranstehenden kurz als 
zarte Kultur bezeichnet habe und bei Blutuntersuchung von 
Syphilitischen in zwei Fällen allein, in vier Fällen mit dem 
V. Nies senschen gemeinsam züchten konnte. Er ist nur 
etwas größer als der der zarten Kulturen, zeigt ausgesprochenere 
Plasmolyse und sehr schöne kolbig septierte Formen. Auf 
Agar wächst er in Form zarter Beläge, in Bouillon anfänglich 
in Form kleiner Stäubchen, die sich allmählich unter Klärung 
des Nährbodens zu Boden senken und dann kleine Bröckelchen 
oder Fetzchen bilden, welche beim Umschütteln aufsteigend wie 
Tripperfäden in der klaren Bouillon herumschwimmen. Ich 
stehe nicht an, diesen Bazillus mit jenem der zarten Kulturen, 
wenn auch geringfügige Wachstumsdifferenzen bestehen, zu 
identifizieren. 

VI. Ergebnis der Untersuchungen. 

Um nun die Besultate der bakteriologischen 
Untersuchung zusammenzufassen, ergab sich 
folgendes: Bei 35 sekundär Luetischen ließ sich 
in 12 Fällen der v. Niessensche Bazillus allein 
und rein darstellen, in 5 Fällen der Bazillus der 
zarten Kulturen, in 4Fällen beide nebeneinander, 
in 3 Fällen ein großer, gelber Dipplococcus, in 
11 Fällen blieb das Blut steril. Ein Fall von 
miliaren Gummen ergab zarte Kulturen, bei 
gummöser Lues blieb das Untersuchungsresultat 

13* 



196 Waelsoh. 

immer negativ, bei 27 Gesunden fand sich einmal 
einyondem Y.Ni essen sehen deutlich y er schi edener 
Bazillus, der mir als Hautv erunreinigung wohl be- 
kannt ist, zweimal ein mit den zarten Kulturen 
identischer, in die Gruppe der Pseudodiphtherie- 
bazillen gehörender. 

Ich konnte also unter 35 florid Syphilitischen 
nur im ganzen bei 16 Fällen, bei 45*77^, also nicht 
einmal in der Hälfte der Fälle, den v. Niessenschen 
Bazillus nachweisen, im Gegensatz zu v. Niessen 
selbst, der ihn bei allen 160yon ihm untersuchten 
Fällen gefunden haben will und ihm deswegen 
große diagnostische Bedeutung zuschreibt. 

Es könnte mir nun eingewendet werden, daß es y. Niessen 
auch nicht immer geglückt sei, gleich bei der ersten Blutent- 
ziehung seinen Bazillus zu züchten, und daß dazu, wie dies 
auch y. Niessen verlangt, mehrere in Zwischenräumen vor- 
zunehmende Blutentnahmen notwendig seien. Diesen Finwand 
muß ich freilich gelten lassen ; ich habe von den verschiedenen 
Fällen immer nur einmal, und zwar zur Zeit ihres Spitals- 
eintritteS; auf der Höhe der Krankheitserscheinungen, vor dem 
Beginn der allgemeinen Quecksilberkur Blutentziehungen ge- 
macht. Ein Hinausschieben der Behandlung bis zur positiven 
oder negativen Entscheidung durch die Blutuntersuchung war 
unmöglich, zumal wegen des langsamen Wachstums des Bazillus 
eventuell 2 — 3 Wochen vergehen mußten, bevor diese Frage 
endgültig beantwortet war. Inzwischen war der Patient in der 
Quecksilberbehandlung so weit vorgeschritten, daß ich auf eine 
neuerliche Blutentziehung, ganz abgesehen von äußeren Gründen,^ 
auch schon deswegen verzichten mußte. 

v. Niessen hat in jedem Fall seinen Syphilisbazillus 
gezüchtet, in vielen Fällen zwar nicht gleich auf den Anhieb^ 
aber dann sicher bei später wiederholter Blutentnahme. Man 
muß nach v. Niessen „mit dem Netz nicht nur gehörig weit 
ausholen, sondern sich auch die Mühe nicht verdrießen lassen, 
solches recht häufig zu. tun". Ich fürchte aber, daß es dann 
V. Niessen so gegangen sein dürfte, wie jenen Fischern, die 
mit ihrem Netz weit ausholend, manchmal gerade deswegen 
unnützes Zeug zu Tage fördern. 

Ich glaube dies durch folgendes begründen zu können: 
V. Niessen schreibt nämlich seinem Mikroorganismus, wie 
schon einigemal erwähnt, einen ganz ungeheuerlichen Pleomor- 
phisnius zu, er ist bald langer oder kurzer Bazillus, bald 
Dipplococcus, Staphylo- oder Streptococcus, bald bildet er 
Übergänge zu den Hjphomjceten, kurz er ist ein Mikro- 
organismus, der, wenn der Name „Proteus*' nicht schon ver- 



über Basillenbefunde bei Syphilis. 197 

geben wäre, diese Bezeichnung sicher mit Recht verdienen 
würde. Ich glaube aber, da£t dieser Bazillus nicht so pleomorph 
ist, weon auch eine gewisse Formvariabilität, wie sie überhaupt 
dieser Gruppe zukommt, nicht zu leugnen ist (vgl. Bacillus 
variabilis lymphae vaccinaL Nakanishis); ich glaube vielmehr, 
daß V. Niessen fälschlich verschiedene Mikroorganismen, die 
er bei seinen Blutentnahmen gezüchtet hat, als aus dem Blut 
gezüchtet, als Syphilisbazillen ansieht, indem er sie als 
pleomorphe Wuchsformen eines und desselben Mikroorganismus 
deutet. 

Ich hoffe diese meine Vermutung durch folgendes erhärten 
z\x können: Es ist mir niemals gelungen, auch bei den ver« 
schiedensten Nährböden und Umzüchtungen die geschilderten 
pleomorphen Formen zu erhalten; der Bazillus blieb immer 
Bazillus, zeigte in älteren Kulturen Involutionsformen, wurde 
eventuell kleiner, behielt aber immer die Bazillenform bei, die 
bei frisch angelegten Kulturen, wenn auch vorher noch so viel 
Involutionsformen vorhanden gewesen waren, immer wieder 
neu erstand. Auch die Farbe der Kulturen blieb immer grau- 
weiß. Einen gelblichen Farbenton (bis zitronengelb), der nach 
V. Niessen Hand in Hand geht mit dem Prävalieren der 
Kokkenform des Bazillus und Auftreten einer eigentümlichen, 
gummiartigen Konsistenz des Rasens, habe ich nie beobachtet. 
Ich habe vielmehr schon in Karlsbad darauf hingewiesen, daß 
diese Beobachtung v. Niessens sich wahrscheinlich auf Ver- 
unreinigungen zurückführen lassen dürfte. Diese meine Ver- 
mutung wurde nun in treffendster Weise von v. Niessen selbst 
bestätigt, indem er eine von mir gezüchtete und ihm zugeschickte 
Reinkultur seines Bazillus mir „in die Kokkenform umge- 
2üchtet^, zurücksandte. Die Kultur war tatsächlich zum größten 
Teil gelb geworden und zeigte gummiartige Konsistenz, an ihren 
Rändern aber kam allenthalben der mir wohlbekannte, grau- 
weiße Bazillenrasen zum Vorschein. Der schon durch die 
makroskopische Betrachtung wachgerufene Verdacht, daß die 
Bazillenkultur verunreinigt sei, wurde durch die bakterio- 
logische Untersuchung bestätigt, indem ich sofort den ursprünglich 
an V« Niessen gesandten Bazillus herauszüchten konnte. Die 
weitere Isolierung ergab noch einen großen Coecus und einen 
kleinen Dipplococcus (den Träger des gelben Farbstoffes), also 
verschiedene Mikroorganismen, die wirklich dem mikroskopi- 
schen Präparate aus der „ umgezüchteten ** Kultur ein sehr 
pleomorphes Bild verliehen. 

Ferner sandte mir v. Nie ssen selbst eigene „pleomorphe^ 
Kulturen, die ich mit den meinen nicht identifizieren konnte, 
und welche bei weiterer Züchtung sich gar nicht veränderten. 
Von den mir mit dankenswerter Bereitwilligkeit gesandten 



l98 WseUch. 

Stämmen war überhaupt nur einer ein Bazillus mit deutlicher 
Plasmolyse, kolbenföriuigen Anschwellungen, jedoch bedeutend 
länger und schmächtiger als der von mir gezüchtete. Die zwei 
anderen waren Kokken und blieben Kokken. Besonders der 
eine, der auf Agar üppig in Form eines blaßrötUchen Rasens 
wuchs, war mir schon lange als häufige Verunreinigung yon 
der Haut bei bakteriologischen Untersuchungen yon Schuppen 
wohlbekannt. 

Jedoch auch noch aus anderen Gründen, ganz abgesehen 
von den Verschiedenheiten der Morphe seiner Mikroorganismen 
und ihrer verschiedenen Wachstumseigentümlichkeiten, läßt 
sich erschließen, daß v. Niessen nicht einen Mikroorga- 
nismus, sondern verschiedene unter den Händen hatte; er 
schreibt ihnen nämlich verschiedene biologische Eigenschaften 
zvLf Eigenschaften, die ja doch, wenn sie zur Differenzierung 
verwendet werden sollen, konstante sein müssen. Sein Bazillus 
verflüssigt nämlich bald die Gelatine, bald tut er es nicht. 
Freilich gibt es dazu ein Analogen in der Bakteriologie, den 
Proteus fluorescens J äger, bei dem man in der Gelatinepktte ver- 
flüssigende und nicht verflüssigende Kolonien nebeneinander 
findet. Jedoch sind ja die Forschungen über diesen Mikro- 
organismus noch nicht abgeschlossen, und es wird sich vor- 
läufig empfehlen, diese noch nicht aufgeklärte Beobachtung zu 
jenen Ausnahmen zu rechnen, welche die zur bakteriologischen 
Differenzialdiagnose notwendigen Regeln bestätigen. 

Nach dem Gesagten glaube ich also, daß v. Niessen 
ganz verschiedene Mikroorganismen als Ergebnis seiner For- 
schungen erhielt und der Syphilisätiologie beschuldigte; es 
stammt eben nicht Alles, was bei dem Versuch der Züchtung 
aus dem Blute in den Nährböden aufgeht, auch aus dem Blute^ 
indem bei der Schwierigkeit einer absolut sicheren Desinfektion 
der Haut, auch bei skrupulösester Reinigung derselben, Ver- 
unreinigungen, sei es von der Haut, sei es aus der Luft, nicht 
auszuweichen ist. 

Als Beweis hiefür möchte ich aus der großen Zahl der 
mit diesem Thema sich beschäftigenden Arbeiten z. B. die sehr 
exakte von Schenk und Lichtenstern anführen. Diese Autoren 
haben in 38 Fällen vor der Laparotomie Hautstückchen von 
der vorher lege artis desinfizierten Haut excidiert und bakterio- 
logisch untersucht. Sie konnten dann in 13 Fällen das Auf- 
gehen von Mikroorganismen aus diesen Hautstückchen beobachten 
und zwar zwölfmal Diplo- und Staphylokokken (nicht pathogen), 
einmal einen nicht G r a m beständigen Bazillus. Femer möchte 
ich selbst anführen meine Befunde der in zarten Rasen wachsen- 
den Pseudodiphtheriebazillen, die ich oben beschrieben habe und 
die ich bei Syphilitischen und Nichtsypbilitischen bei der Blut- 



über Bazillenbefande bei Sypbilis. 199 

Untersuchung gefunden habe. Ich begrüßte in diesem Bazillus 
einen alten Bekannten, den ich schon vor Jahren gelegentlich 
der bakteriologischen Untersuchung von Haaren bei Alopecia 
areata züchten konnte, und der dementsprechend auch höchst- 
wahrscheiiüich als Hautverunreinigung zu betrachten ist. 

Es fragt sich nun, ob nicht der y. Ni essen sehe Bazillus 
selbst ein derartiger von der Haut stammender, harmloser 
Mikrooi^anismus ist Es ist das ein Einwand, der natürlich 
bei derartigen Versuchsanordnungen und -ergebnissen immer 
gemacht werden kann und auch gemacht wird, da ja, wie aus 
dem Vorausgegangenen ersichtlich, ein Beweis und eine Garantie 
für die Eeimfreiheit der Haut nicht gegeben werden kann, 
welche entweder von der Punktionsnadel durchbohrt oder aber 
bei Venaesectio Tom Messer durchschnitten wird. Es können 
dann durch den Eingriff in die Tiefe, in das Fettgewebe verlagerte 
Keime von dem Blutstrahl mitgerissen werden. Daß auch diese 
Möglichkeit vorliegt, konnten wiederum Schenk und Lichten- 
Stern nachweisen, indem sie in 38 Fällen Fettklümpchen vom 
Unterhautzellgewebe nach der Operation ezcidierten und 37mal 
verschiedene Keime (Imal Bazillen, 25mal Staphylokokken, 
4mal große, der Luft entstammende Diplokokken, 7mal solche 
in Gesellschaft von Staphylococcus albus) züchten und dadurch 
die Behauptung Welchs bestätigen konnten, daß jede frische 
aseptische Wunde Keime enthalte, welche aus der Haut des 
vorher noch so gründlich gereinigten Operationsterrains dahin 
gelangt sind. Auf Grund der Versuchsergebnisse dieser 
beiden Autoren wäre ich eher geneigt, die Venaepunctio der 
Venaesectio in Bezug auf größere Wahrscheinlichkeit des sterilen 
Arbeitens vorzuziehen. Denn es ist ja zu erwägen, daß 
die Möglichkeit des Aufgehens von Hautverunreinigungen bei 
dem einfachen Durchstich der Haut durch die Punktionsnadel 
doch wohl eine viel geringere ist, als wenn, wie dies Seh. und 
L. taten, kleine Hautstückchen herausgeschnitten und in die 
Mährböden übertragen werden. Wir könnten überhaupt 
schwer dem Einwand begegnen, daß die bei Blutunter- 
suchung gewonnenen Resultate auf Verunreinigungen von der 
Haut zurückzufuhren sind. Diesen Einwand machte z. B. auch 
Flügge gegenüber Brunn er, welcher in einem Fall von 
Wundschariach Pseudodiphtheriebazillen aus dem Blute ge- 
züchtet haben wollte. 

Für die Vermutung, daß der v. Ni essen sehe Bazillus 
der Haut entstamme, könnte nun noch ein weiterer Beweis 
erblickt werden iu den Züchtungsergebnissen Josephs und 
Piorkowskis. Denselben gelang es bekanntlich, aus dem 
Sperma Syphilitischer auf Placenta in allen untersuchten Fällen 
einen Pseudodiphtheriebazillus zu züchten, dessen Nachweis aus 



200 Waelsch. 

dem Blute, Sklerosen, Papeln, Drüsen auf diesem Nährboden 
ebenfalls glückte, und den sie übrigens im Sperma, den Drüsen 
u. s. w. färberisch nachweisen konnten. 

Diese Art der Züchtung und die Ergebnisse derselben 
sind ja sicher sehr interessant; ich habe aber schon auf der 
Karlsbader Naturforscherversammlung hervorgehoben, daß mir 
sowohl das Ausgangsmaterial für diese Züchtungen (Sperma, 
welches die ganze nicht keimfreie Harnröhre passieren muß), 
als auch der Nährboden (Placenta, welche den Geburtskanal 
passiert hat) in bakteriologischer Beziehung nicht einwands- 
frei erscheint, und habe, vielleicht gerade auf Grund der 
Befunde Josephs und Piorkowskis, die v. Niessens und 
lie meinigen, welche miteinander übereinstimmten, mit noch 
größerer Skepsis betrachtet. Es hat nun Pfeiffer jüngst 
behauptet, daß die Bazillen Josephs und Piorkows- 
kis, daher auch, vorausgesetzt daß meine Identifizierung 
zurecht besteht, die meinigen, die v. N i es s e n s und Paulsens, 
sich fast regelmäßig aus der Harnröhre gesunder Männer 
züchten lassen, und damit der Bedeutung dieser Bazillen einen 
argen Stoß versetzt. Diese Beobachtung Pfeiffers ist aber 
nur ein neuer Beweis für Wohlbekanntes und bildet einen wert- 
vollen Beitrag zu unserer Kenntnis, daß Pseudodiphtheriebazillen 
von großer Ubiquität auf der Haut bezw. den Schleimhäuten 
sind. Gerade diese Gruppe von Bazillen steht wegen dieses 
Umstandes als angebliche Erreger infektiöser Krankheiten in sehr 
schlechtem Rufe. Ich erinnere da nur an die Befunde bei Xerosis 
conjunctivae, infektiösem Schwellungskatarrh der Gonjunctiva, 
Rhinitis p8eudomenibranacea,Ozaena,Noma,Diphtherie, Scharlach, 
Impetigo, Pemphigus vegetans u. s. w. So konnte ich auch 
einen Pseudodiphtberiebazillus, der dem v. Niessens in aUem 
glich, aus dem Präputialsekret züchten; dasselbe gelang auch 
Kr 41 und Winternitz, die ihn auch an anderen Stellen 
z. B. in dem Schmutz der Zwischenzehenräume fanden, und 
diesen Bazillus mit dem Josephs und Piorkowskis identi- 
fizierten. Durch diesen letzteren Befund aufmerksam gemacht, 
untersuchte ich nun die Haut der Genitocruralfalten, der 
Achsel und konnte ihn auch hier nachweisen. Er scheint also 
überall dort günstig zu gedeihen, wo sich Hautpartien decken. 
Dieser Befund würde das reichlichere Vorkommen im Ausstrich- 
präparat nässender Papeln des Skrotum und Afters erklären. 

Und doch lassen sich anderseits wieder Überlegungen 
ansteilen, welche den von v. Ni essen und mir, Pauls en, 
Joseph und Piorkowski, Kral und Winternitz er- 
hobenen Blutbefunden bei Syphilis, ganz abgesehen von der 
später noch zu erörternden Fraglichkeit ihrer ätiologischen Be- 
deutung doch einen gewissen Wert nicht absprechen lassen. 



über Bazillenbefande bei Syphilis. 201 

Es ist hier vor allem der Umstand zu erwähnen, daß 
alle die genannten Autoren ganz unabhängig von einander und 
auf verschiedenem Wege dasselbe Ziel erreichten, nämlich einen 
in die Gruppe derPseudodiphtheriebaziUen gehörigen bestimmten 
Bazillus aus Blut, Drüsen und sonstigen Krankheitsprodukten 
der Syphilis züchten konnten. £s wäre doch sehr wunderbar 
und ein Zufall von besonderer Merkwürdigkeit, wenn alle diese 
Autoren dieselbe Verunreinigung unter die Hände bekommen 
hätten. Es wäre dies außerdem eine Verunreinigung, höchst- 
wahrscheinlich der Haut entstammend, welche ich, um dies 
ganz besonders nochmals hervorzuheben, bei Züchtung aus dem 
Blute nicht Syphilitischer niemals finden konnte, (v. N i e s s e n 
scheint das Blut Gesunder nicht untersucht zu haben, wenig- 
stens fand ich in seinen Arbeiten nirgendwo eine Angabe dar- 
über.) 

Trotz alledem glaube ich aber, daß der Bazillus 
V. Niessens dennoch von der Haut stammt, wenn er auch 
aus dem Blute gezüchtet ist. Ich glaube, daß er von der 
ulzerierten Sklerose, wie dies seinerzeit auch schon Delbanco 
in Karlsbad vermutet hat, aus dem Präputialsekret, das ihn 
enthält, aufgenommen wird, sich auf dem Geschwürsgrunde 
rasch vermehrt (vergleiche das Ergebnis der Impfung mit 
Sklerosensekret) dann von den Lymphbahnen aufgenommen, in 
die Drüsen transportiert, endlich der Blutbahn einverleibt 
wird und so als ein nicht konstanter Parasit die Erkrankung 
an Syphilis begleiten kann, aber nicht immer begleitet. Da- 
durch erklärt sich sein Befund aus der Sklerose, aus den 
untersuchten Di-Üsen, aus dem Blute u. s. w., wie er den ge- 
nannten Autoren und mir gelungen ist. Es wäre dies ein Be- 
fund, der in Übereinstimmung steht mit dem bei einer an- 
deren, chronischen Infektionskrankheit, nämlich der Lepra er- 
hobenen, bei welcher Bordoni-Uffreduzzi, Babes, 
Spronck u. a. ebenfalls Pseudodiphtheriebazillen (Diphteri- 
deen) züchten konnten. 

Wie lassen sich nun die Ergebnisse meiner Tierversuche 
deuten? Lassen sie sich in eine gewisse Übereinstimmung 
bringen mit denen anderer Autoren und ganz besonders mit 
denen v. Niessens, der mit seineu Bazillen bei Affen und 
Schweinen ganz besonders merkwürdige Resultate bekam? 

Die bisher angestellten Tierversuche*) an Schweinen lassen 
sich in zwei große Gruppen einteilen. Die erste Gruppe umfaßt jene, 
bei welchen Sekret von Sklerosen in die verletzte Haut der 



^) In Folgendem sollen nur die neuesten diesbezoglichen VerBnchs- 
ergebnisse berücksichtigt werden; die Literatur über früher vorgenommene 



202 Waelsch. 

Schweine eingeimpft wurde (Adrian^ Neisser) oder Blut 
florid Syphilitischer Schweinen injiziert wurde (Hügel-Holz- 
häuser, Neisser), weiters excidierte Sklerosen oder Papeln 
in Hauttaschen eingenäht wurden (Hügel-Holzhäuser, 
Neisser). Von einigen Forschern wurde auch die Einspritzung 
von Blut mit der Einnähung von syphilitischen Gewebsstückchen 
kombiniert verwendet (Groljachowski, Neisser). Der 
zweiten Gruppe gehören jene Versuche an, bei welchen Kul- 
turen des vermeintlichen Syphiliserregers den Tieren perkutan 
oder subkutan einverleibt wurden (v. Niesse n, Joseph und 
Piorkowski, meine Versuche). 

Die der ersten Grappe angehörigen Yenache fielen nicht alle 
positiv aus. 

Adrian sah bei zwei Schweinen, die er mit Blut Syphi- 
litischer impfte, am 69. Tag ein Exanthem auftreten. 

Hügel and Holzhäaser impften 4 Schweine mit Blat. Drei 
dieser Tiere wiesen dann nach einem Inknbationsstadium von zirka 40 — 60 
Tagen papulöse Exantheme aaf; dem Auftreten des Exanthems ging 
indolente Drnsenschwellung voraus. Eines dieser Tiere blieb dauernd 
gesund. Ein weiteres Tier, dem eine Sklerose eingenäht wurde, zeigte 
ebenfalls niemals irgendwelche Erscheinungen. 

Qoljachowski injizierte zwei Schweinen Blut eines florid Syphi- 
litischen und nähte ihnen noch außerdem eine in physiologischer Koch- 
salzlösung aufgeweichte Papel von der Analgegend eines Falles von 
sekundärer Lues unter die Haut. Nach 15 Tagen bei beiden Tieren 
Drüsenschwellung am Halse und den Leisten als einzige Folgeerscheinung. 

Neisser impfte 18 Schweine und zwar 7 mit Blut bisher unbe- 
handelter Syphilis im frischen sekundären Stadium, 5 subkutan mit Gewebs- 
stückchen sekundärer Syphiliseffloreszenzen, 1 durch Einreibung von 
Primäraffektsekret in die Haut, 3 mit Sekret und Gewebsstückchen, bei 
je 1 nahm er eine Impfung mit einem Primäraffekt vor, nach Vorbe- 
handlung des Tieres mit dem Serum eines Gesunden bezw. eines sekundär 
Syphilitischen, bei je einem mit Blut geimpften Tiere wurde versucht 
die geringe Empfänglichkeit der Versuchstiere für die Infektion mit 
Syphilis durch Schwächung des Organismus zu steigern (durch Erzeugung 
eines Phloridzindiabetes, durch Alkoholverfutterung). Neisser konnte 
nun nur bei einem einzigen dieser Tiere, dem eine nässende Papel von 



Impfungen vergleiche bei Neumann, Proksch, Neisser, Adrian. Die 
ebenfalls der neueren Zeit (1897) angehörigen Versuche Döhles, der 
nach Implantation von Gummen aus Lunge, Leber u. s. w. hereditär 
syphilitischer Fruchte auf Meerschweinchen allmählich sich entwickelnden 
Marasmus und endlich Tod der Tiere eintreten sah, seien hier nur kurz 
erwähnt. 



über Bazillenbefunde der Syphilis. 203 

Lues maligna in die Vag^ina eingen&ht war, schon nach 14 Tagen ein 
ausgebreitetes papolöses und circinäres Exanthem beobachten, das sich 
über einen Monat hindurch in mehrfachen Schüben wiederholte. 

Vor allem ist an diesen Versuchen bemerkenswert, daß 
die nach der Impfung aufgetretenen Erscheinungen ein ge- 
wisses gesetzmäßiges Inkubationsstadium erkennen lassen, 
speziell gilt dies von der Entwicklungder regionären Drüsen- 
schwellungen, die, wie schon erwähnt, bei einem Tier Hügels 
und Holzhäusers nach 14 Tagen, bei beiden Tieren Gol- 
jachowskis nach 15 Tagen auftraten. Auch die Exantheme, 
welche sich in einem plötzlichen Schub entwickelten und sich 
dann in mehrfachen Rezidiven durch längere Zeit wiederholten, 
entstanden erst nach einem längeren Inkubationsstadium. 
(Adrian 59 Tage, Hügel und Holzhäuser 43 bezw. 
zirka 60 Tage, beim dritten positiven Fall läßt sich das In- 
kubationsstadium nach den ungenauen Angaben nicht be- 
rechnen, bei meinen Versuchstieren am 46., 49., 37. Tage. 
Nur bei dem Schweine Neissers entwickelte sich das Exan- 
them plötzlich schon nach 14 Tagen in mehrfachen Schüben.) 

Femer ist bemerkenswert die weitgehende Überein- 
stimmung des klinischen Bildes, welches das Exanthem bei den 
Versuchstieren der verschiedenen Autoren darbot, speziell bei 
Adrian, Hügel und Holzhäuser. Es wird geschildert 
als blaßrote, nicht schuppende Papeln, zumeist mit Nekrose 
auf der Höhe der Effloreszenz, bei einem Tiere Hügels und 
Holzhäusers daneben auch Makeln, so daß das Exanthem 
ganz das Aussehen eines groß - maculo - papulösen Syphilides 
hatte. Das Exanthem beim Schweine Neissers stimmt 
einigermaßen mit denen der Tiere Hügels und H o 1 z- 
häusers überein und erinnert „in der Tat an ein papulöses, 
bezw. an ein circinär-papulöses und impetiginös werdendes 
Syphilid". 

Auch das Ergebnis der histologischen Untersuchung ist 
ein ziemlich übereinstimmendes: einfache, ziemlich oberfläch- 
liche Eotzündung ohne Entwicklung irgendwelcher spezifischer 
Charaktere, welche als Übereinstimmung mit den histologischen 
Untersuchungen der Effloreszenzen menschlicher Lues gedeutet 
werden könnten. 

Im Gegensatz zu diesen im Sinne einer syphilitischen 
Erkrankung der Versuchstiere negativen mikroskopischen Be- 
funden an der Haut stehen die makro- und mikroskopischen 
Befunde der Nekropsie an den Organen der Tiere. 

Hügel ond Holzhäaser fanden hei einem Tier, welches za Leb- 
zeiten ein ausgesprochenes Exanthem dargeboten hatte, die Drüsen ge- 
schwollen und verhärtet (mikroskopisch : chronische Entzündnng), im rechten 
Mittellappen der Lunge eine Yerhärtang (mikroskopisch : geringe, peribron- 



204 Waelsch. 

chiale Infiltration), in der Leber einige verh&rtete Stellen (mikroskopisch • 
chronische interstitielle Hepatitis). Dagegen war bei einem zweiten Tier, 
das auch ein Exanthem aufgewiesen hatte, das Sektionsergebnis durchaus 
negativ, das dritte mit positivem Erfolg geimpfte Tier kam nicht zur 
Sektion. 

Goljachowski, dessen beide Versuchstiere nur Drüsenschwellung 
gezeigt hatten, fand in dem einen Fall bei der Sektion die Lymphdrüsen 
am Halse, Nacken, Achselhöhle bis haselnußgroß, weißgrau, auf dem 
Schnitte infolge vorausgegangener Blutungen pigmentiert, die Leber ver- 
größert, ihre Kapsel gespannt, auf ihrer Oberfläche graulichweiße Trü- 
bungen, ihre Farbe geiblichbraun. Die Milz vergrößert, an ihrer Ober- 
fläche alte Blutungen, die Fettkapsel der Niere atrophisch, ihre eigentliche 
Kapsel leicht abziehbar, ihre Oberfläche gelbbraun mit streifenförmigen 
Blutungen, die Grenze zwischen Rinde und Mark deutlich, die Streifnng 
der Rinde verwaschen. Die Bauchdrüsen zeigten dieselben Veränderungen 
wie die oben beschriebenen, an der verdickten Magenschleimhaut Narben, 
am Boden des Msgens ein Infiltrat von 2 Querfinger Länge und 1 cm 
Breite, die Schleimhaut des Duodenums verdickt, bucklig, mit Blutungen. 
Das zweite Schwein bot auch denselben Befund dar, nur fehlten die Narben 
und das Infiltrat der Msgenschleimhaut. (Ostapenko, dem dieses Pro- 
tokoll vorgelegt wurde, gab die ganz bestimmte Erklärung ab, daß er diesen 
Symptomenkomplex nicht einreihen könne unter ein Bild, welches bei 
kranken Schweinen bisher beobachtet wurde.) Mikroskopisch fanden sich in 
den Lymphdrüsen hyperplastische Prozesse, stellenweise Bindegewebshyper- 
trophie, im Mageninfiltrat fand sich in der submukösen Schichte nenge- 
bildetes Bindegewebe. Das Resultat der bakteriologischen Untersuchung 
war ein negatives. 

Es ergaben also die der ersten Gruppe angehörigen 
Tierversuche, soweit sie übrigens positiv ausfielen, ein ziemlich 
übereinstimmendes Resultat. 

Die der zweiten Gruppe angehörigen Versuche, Imp- 
fungen mit Beinkulturen des vermeintlichen Syphiliserregers, 
wurden von v. Niessen, Joseph und Piorkowski und 
mir vorgenommen. Joseph und Piorkowski erhielten 
kein sicheres Resultat, indem das mit Stämmen ver- 
schiedener Provenienz zweimal geimpfte Tier ein Exan- 
them der Genitalgegend bekam, das von Ostertag zwar als 
auffallig erklärt wurde, jedoch auch möglicherweise, zumal das 
Tier an Schweineseuche zu Grunde ging, nichts anderes dar- 
stellte als eine solche, deren Exanthem sich eben an den Ge- 
schlechtsteilen lokalisierte. 

V. Niessen führte eine sehr große Zahl von Tierver- 
suchen an Affen und Ferkeln durch. Die zur Impfung ver- 
wendeten Kulturen waren verschiedener Provenienz. Sie ent- 
stammten teils Fällen von sekundärer, teils tertiärer Syphilis. 



über Bazillenbefonde bei Syphilis. 205 

Aas der g^roßen Zahl dieser Versuche möchte ich vor allem die an 
zwei Affen hervorheben, welche mit aus Blut von terti&r Syphilitischen 
gezüchteten Bouillonknlturen (Va cem) geimpft, nach zwei, bezw. fünf 
Tagen zu Grunde gingen. Bei anderen geimpften Affen konnte v. Niessen 
nach kürzerem oder längerem Inkubationsstadium allmählich sich ent- 
wickelnde Drüsenschwellung und das Auftreten von Erythemflecken, Papeln, 
pustulösen fiffloreszenzen, die sich mit besonderer Vorliebe am Schwanz 
lokalisierten, und dort auch Geschwüre entstehen ließen, beobachten. Bei 
einigen dieser Tiere entwickelten sich auch nervöse Symptome, Taumeln, 
Schwindel, Krämpfe in den Extremitäten der einen Seite, im Facialis. 
Die Sektion ergab bei diesen Tieren neben allgemeinen Drüsenschwel- 
lungen besonderen Blutreichtum der inneren Organe und des Gehirnes; 
in den Fällen, welche nervöse Erscheinungen erkennen ließen, Verände- 
rungen, welche y. Niessen als Pachymeningitis deutet, weiters Extra- 
vasate an der Oberfläche verschiedener Organe, in einem Falle ein Aneu- 
rysma des Aortenbogens, endlich Veränderungen in der Leber, akute Leber- 
entzündung, Kapselhypertrophie u. s. w., Vergrößerung der Milz. Bei 
einem Teil der Tiere konnte er aus den Organsäften bezw. aus den Trans- 
sudaten im Peritoneum und Perikard den Bazillus züchten. Histologisch 
hebt V. Niessen ganz besonders die in manchen Fällen sehr prägnante 
Endarteritis obliterans hervor, die er der bei Syphilis des Menschen zu 
beobachtenden gleichstellt. Auch bei Schweinen bekam er sehr bemerkens- 
werte Resultate: vor allem nach Ablauf eines Inkubationsstadinms mehr 
weniger ausgebreitete und sich in Schüben wiederholende Exantheme. 
Bei einem Tier neben sehr reichlicher papnlöser Eruption ein Geschwür 
am Damm, das er als Gumma erklärt. Bei der histologischen Untersuchung 
der Papeln und des Gumma fand er wiederum erhebliche obliterierende 
Intimawucherangen der Gef&ße, die sonstigen Veränderungen analog 
denen bei Effloreszenzen der menschlichen Syphilis. Die Schnitte durch 
das Gumma zeigten ebensolche Bilder wie bei der Initialsklerose. Bei 
dem Tiere, welches diese Erscheinungen (Papeln und Gumma) darbot, 
entwickelte sich unter Heiserkeit und Kurzatmigkeit eine sich immer 
mehr und mehr vergrößernde Periostitis beider Kiefer, bei eigentümlicher, 
winkliger und verkrüppelter Stellung der Füße. Im Verlaufe der Be- 
obachtung schwoll der Kieferschädel enorm an, und trat Maulsperre bei 
aufihUender Kupferfarbe der Haut auf, die Atmung war sehr erschwert ; 
das Tier ging endlich zu Grunde. Die Sektion ergab einen hohen Grad 
hypertrophischer, nicht entzündlicher Gingivitis, die Lymphdrüsen der 
Hals- und Kiefergegend sehr stark geschwolleUf die kolossal verdickten 
Kiefer erfüllt von homogenen, derben und kompakten Geschwulstmassen, 
welche einerseits die Kiefer auftrieben, andererseits so weit in den Nasen- 
rachenraum vorgedrungen waren, daß ihre Kuppen der hinteren Pharynx - 
wand fest anlagen; durch die Geschwulst die Gaumenbögen konvex vor- 
gedrängt. In der Geschwulst keine Erweichung oder Ver<*iterung. Die 
sonstigen Knochen auffallend weich, blutreich, an den Lungen starke 
interstitielle Bindegewebs Wucherungen, Milz- und Leber cirrhose. Da?« 



206 Waelsch. 

Rnokenmark eiDg^ebettet in eigenartige, snlzige, vasknlarisierte Maisen 
(snlzige Leptomeningitis spinalis). Histologisch in der Haut entzündliche 
Infiltration mit Endarteritis obliterans; die Greschwolstmasse der Kiefer 
ist reich yaskularisiert und enthält diffase Zeliinfiltrate und starke Binde- 
gewebswnchenmgen um die neugebildeten Gefäße. Die mikroskopische 
Untersnohnng von Leber nnd MiUs bestätigte die makroskopisch gestellte 
Diagnose der Cirrhose. 

Diese Tierversuche v. Niessens ergeben ein ungemein 
vielgestaltiges Bild, das verschiedenartigste Hautaffektionen, 
Erkrankungen der inneren Organe, des Blutgefäß-, Knochen- 
und Zentralnervensystems an dem Leser vorbeiziehen läßt. 
Alle diese Erscheinungen werden zurückgeführt auf die Wir- 
kung seines Syphiliserregers. Allen gemeinsam ist bis auf die 
zwei, einige Tage nach der Impfung zu Grunde gehenden A£Pen 
ein kürzeres oder längeres Inkubationsstadium der Erschei- 
nungen, der exquisit chronische Verlauf in mehrfachen Schüben, 
allen gemeinsam ist der histo-pathologische Befund der Binde- 
gewebswucherungen und Gefäßerkrankungen. 

Wir wollen nun untersuchen, ob, so weit dies nach den 
Darstellungen v. Niessens möglich ist, diese Impferfolge und 
Befunde, deren pleomorphem Bilde auch ein pleomorpher Er- 
reger entsprechen soll, in ihrer Deutung als Syphilis der Ver- 
suchstiere einer ernsten, unvoreingenommenen Kritik stand- 
zuhalten vermögen. 

Dazu ist vor allem notwendig, daß wir kritisch be- 
trachten, was V. Niessen seinen Versuchstieren eingeimpft 
und auch betrachten das Ausgangsmaterial für diese Kulturen, 
die Kranken, deren Blut zur Züchtung und dessen Züchtungs- 
produkte zur Impfung verwendet wurden. 

Unter den 11 Versuchen, weicheich diesen Betrachtungen 
2u Grunde legen will, sind von besonderem Interesse Versuch 
10 und 11, die einzigen, welche auch an Schweinen angestellt 
wurdf'n. Das eine dieser Tiere (Versuch 11) litt an der vor- 
beschriebenen schweren Kieferknochenveränderung, beide Tiere 
boten auch noch Exantheme dar, deren Schilderung, aber eben 
auch nur diese, sich deckt mit der der vorerwähnten Autoren, 
welche über scheinbar positive Impferfolge durch Blut oder 
Gewebsstückchen verfügen, femer sich auch deckt mit den 
meinigen, welche mit Kulturen des v. Niessenschen Ba- 
zillus vorgenommen wurden. 

Es läßt sich nun aus dem Protokoll ersehen, daß 
V. Niessen zu Versuch 10 und 11 die Kok kenform des 
Kontagiums verwendete. Das Ausgangsmaterial dieser Kul- 
turen entbehrt auch nicht eines gewissen Interesses, so daß 
ich auf dasselbe hier näher eingehen möchte. Das Impf- 
material des Versuches 10 entstammte dem Blute eines 



über Bazillenbefande bei Syphilis. 207 

Kranken, der 5 Jahre nach der Infektion eine gummöse 
Orchitis darbot Die Kultur aus dem Blute fiel negativ aus; 
erst ein halbes Jahr nach der Blutentnahme 
wurden von v. Niessen in der Gelatine, welche inzwischen 
bei Zimmertemperatur gelassen wurde, mikroskopisch „die 
grofizeUigen kokkenförmigen Derivate des Syphiliserregers ** 
wiederholt nachgewiesen und in Bouillon zum Fortvegetieren 
gebracht. Noch interessanter ist das Ergebnis der bakterio- 
logischen Blutuntersuchung jenes Falles, dessen Kulturen zu 
Versuch 11 (Schwein mit nachfolgender schwerster Knochen- 
erkrankung) verwendet wurden; auch dieser Mikro- 
organismusgehörte derKokkenformdesSyphilis- 
erregers an. 

Es handelte sich um einen Kranken, welcher mit einer Sklerose 
und kleinen, in Grnppen beisammen stehenden, herpesartigen Bläschen 
mit stark rotem Hof am Penis und Bauch in v. Niessens Behandlung 
trat. V. Niessen hielt diese Bläschen nicht für einfache Herpeebläschen, 
woffir sie ein jeder unbefangene Leser nach der Schilderung halten muß, 
sondern glaubt, daß es sich um „rudimentäre Anlagen des Primäraffektes'' 
gehandelt habe, welche auf externem Wege über die benachbarten Teile des 
Integumentes verschleppt wurden, oder daß „gleichsam erratisch** die 
Keime der Syphilis auf dem internen Wege der Lymphgefaßarkaden 
versprengt wurden und als Mischinfektion (er fand nämlich auch noch 
andere Erreger in den Pustelchen) in Form der Pastelbildung zur 
Gewebsreaktion fuhren. 

Aus dem Schankersekret sowie aus den kleinen Bläschen 
ließ sich nämlich 14 Tage vor Auftreten der Allgemein- 
erscheinungen die Kokkenform des Syphilisbazillus züchten. 
Die Blutuntersuchung fiel das erste und zweite Mal negativ 
aus. Erst die dritte, auf der Höhe der Eruptionsperiode vor- 
genommene ergab ein positives Resultat, und zwar, wie schon 
erwähnt, die Eokkenform, die sich nach mannigfachen Um- 
Züchtungen mit dem aus der Sklerose und den Pusteln ge- 
wonnenen Mikroorganismus identifizieren ließ. 

Von den übrigen Versuchen an Affen möchte ich be- 
merken; daß bei fünf derselben angegeben ist, der Mikro- 
organismus sei aus Blut bei tertiärer Syphilis gezüchtet. Ein 
Tierrersuch an einem Affen wurde mit dem aus dem Blute 
der sekundären Periode gewonnenen Bazillus angestellt, leider 
ist nicht gesagt, welcher „pleomorphen Wuchsform** derselbe 
angehörte. Auch nicht bei Versuch 5, 6 und 7 (Affen); das 
Impfmaterial dieser letzteren entstammte zwei Fällen : der eine 
derselben litt an im Gefolge der vor 5 Jahren akquirierten 
Syphilis aufgetretenen neurasthenischen Erscheinungen, bei 
dem anderen, welcher Anämie und diffuse Schwellungen der 



208 Waelsoh. 

Gelenke darbot, gelang die Züchtung des Virus noch 10 Jahre 
nach der Infektion. 

Durch dieses Studium der Versuchsprotokolle und das 
im bakteriologischen Teil dieser Arbeit über die „Pleomorphie^ 
des Y. Niessenschen Bazillus Gesagte ist mit einem 
Schlage das bunte Bild der Erscheinungen, welche die Ver- 
suchstiere V. Niessens darboten, geklärt. Ob v. Ni essen 
damals mit Reinkulturen gearbeitet, dies zu kontrollieren bin 
ich nicht in der Lage, aber so Tiel läßt sich seiner Darstellung 
mit Sicherheit entnehmen, daß er, wenn mit Reinkulturen, 
nicht mit denen seines Bazillus, sondern mit denen seiner 
Kokkenformen, oder sagen wir es lieber gerade heraus, mit 
verschiedenen Kokken gearbeitet hat. 

Dies ergeben mit Sicherheit seine eigenen Angaben bei 
Versuch 10 und 11. Wenn v.Ni essen aus Herpesbläschen ge- 
züchtete Kokken mit der Kokkenform seines Bazillus aus dem 
Blute identifiziert, und dann zur Impfung yerwendet, wenn er 
femer einen großen Coccus ein halbes Jahr nach der Anlegung 
der Kultur in der bei Seite gestellten Blutgelatine nachweist 
und mit diesem vermeintlichen Syphilisvirus impft, so kann 
man die Schlüsse, welche er aus seinen Versuchsergebnisen zieht, 
nur mit ungläubigem Kopischütteln und der allergrößten Skepsis 
aufnehmen. Hiezukommt noch ferner, daß er bei der größeren 
Zahl seiner Versuche den aus Blut tertiärer Lues gezüchteten 
SyphiliseiTCger verwendet. Ich habe bei tertiärer Syphilis das Blut 
stets keimfrei gefunden, v. N i e s s e n aber nicht, ein Wider- 
spruch, der seine Lösung vielleicht darin findet, daß v.Niessen 
eben das, was er bei der Blutuntersuchung gezüchtet, auch 
aus dem Blute gezüchtet zu haben vermeint. So konnte er 
z. B. auch Mikroorganismen gewinnen, welche (siehe Versuch 1) 
Affen 2 — 5 Tage nach der Impfung mit 7a ^^^ einer Bouillon- 
kultur tödteten, in geringerer Menge diesen Tieren einverleibt, 
sie nach längerem Siechtum eingehen ließen. 

Was weiters die bei der Sektion gewonnenen makro- und 
mikroskopischen Befunde betrifft, so ist es schwer, nach der 
Schilderung v. Niessens, die von einer dem Autor viel- 
leicht ganz unbewußten Tendenz diktiert wurde, sich ein 
richtiges Urteil zu bilden. Wir wissen ja alle, daß das 
Mikroskop ein sehr gefügiges Werkzeug ist, und daß das Hin- 
eininterpretieren in einen Befund, die Autosuggestion, zu frag- 
würdigen Erfolgen führen kann. Dies beweist wohl am besten 
unsere Histopathologie, in welcher wir, je nach der Deutung 
des Gesehenen, oft ganz diametralen Befunden begegnen. 

Es fragt sich nun, ob sich diese Befunde nicht auch noch 
auf andere Weise deuten lassen. Wir wissen ja gar nichts 
darüber, ob Syphilis überhaupt auf Tiere, speziell auf Schweine 



Ober Bazillenbefunde bei Syphilis. 209 

Übertragbar ist, und worauf sich die Vermutung, daß dies der 
Fall ist, stützt, wir wissen nicht, ob sie, die Übertragbarkeit 
vorausgesetzt, beim Schwein zu denselben Veränderungen 
fuhrt wie beim Menschen, und doch verzeichnen wir mit 
großer Genugtuung jedes Exanthem des Schweines nach der 
Impfung, jede Bindegewebshyperplasie in den inneren Organen 
des Schweines^ dessen großer Bindegewebsreichtum und Nei- 
gung zu Hyperplasie bekannt ist, und stützen uns auf Be- 
funde einer Ähnlichkeit mit der menschlichen Endarteritis 
oblitcrans an den Gefäßen der Schweine, welche von Haus 
aus ein auffallend hobes Endothel, besser gesagt Epithel, be- 
sitzen, das zu Verwechslungen mit Endothelwucherungen Ver- 
anlassung geben kann. Wir bauen also unsere Schlüsse auf recht 
fragwürdigen Prämissen auf. Hiezu kommt noch, daß 
y. Niessen mit uns nicht bekannten Mikroben, welche uns 
noch unbekanntere Stoffwechselprodukte produzieren, gearbeitet 
hat, mit Giften, welche vielleicht zu Veränderungen an den 
Versuchstieren fuhren können, die denen der menschlichen 
Syphilis ähnlich sind, mit derselben aber doch nichts zu tun 
haben. 

Nun boten aber seine Schweine, und mit diesen will ich 
mich besonders beschäftigen, da die Literatur und meine 
eigenen Versuche Analogien darbieten, neben den geschilderten 
schweren Erscheinungen, die ich nicht beobachten konnte, auch 
HautveränderungeU; die ich mit den von den Autoren und mir 
beobachteten identifizieren möchte. Wie können wir dies nun 
erklären? Sind dieselben den Hautveränderungen der mensch- 
lichen Syphilis analog, wie dies Adrian, Hügel und Holz- 
häuser annehmen möchten, oder haben sie mit derselben 
nichts zu tun? 

Für die erstere Anschauung, der Analogie mit der mensch- 
lichen Syphilis, werden verschiedene Momente herangezogen, 
vor allem eine gewisse Ähnlichkeit des klinischen Bildes. Das 
ist aber ein ziemlich fadenscheiniger Anhaltspunkt. Typische 
Exantheme der menschlichen Syphilis lassen sich aus 
der Analyse der Effloreszenzen allein, aus ihren ganz be- 
stimmten klinischen Charakteren ohne weiteres diagnostizieren ; 
in fraglichen Fällen menschlicher Syphilis aber läßt 
diese Analyse häufig im Stich. Die Diagnose wird dann erst 
ermöglicht durch eine Summe anderer Erscheinungen, welche 
mehr weniger das Bild der konstitutionellen Syphilis vervoll- 
ständigen. Und auch da unterlaufen jedem Syphilidologen 
noch Fälle genug, bei welchen die angeführten Kriterien zur 
Diagnosenstellung nicht ausreichen, und bei welchen er die 
Diagnose ex iuvantibus, durch die Wirkung der spezifischen 
Therapie, die histologische Untersuchung u. s. w. stellen zu 

Areh. f. Dermat. u. Syph. Bd. LXVIII. 14 



210 Waeltch. 

trachten muß. Ich glaube also nicht genug davor warnen zu 
können, auch hier dem verhängnisvollen post hoc— propter hoc 
zu folgen^ und Exantheme, welche bei Versuchstieren nach 
Impfung mit Blut Syphilitischer oder deren Erankheitspro- 
dukten, oder Injektion von Kulturen auftreten, als Sypbilia 
wegen einer gewissen äußeren Ähnlichkeit der Effloreszenzen 
mit denen der menschlichen Syphilis zu deuten. Beweis dessen 
der negative histologische Befund quoad luem, der von allen 
Autoren mit einem gewissen, zwischen den Zeilen zu lesenden 
Mißvergnügen verzeichnet wird. 

Ich selbst verfuge ja auch über derartige Befunde, und 
es war mir von besonderem Werte und erschien mir förmlich 
als eine Ironie des Schicksals, daß ich auf einem Stückchen 
Haut von der Kehle eines gesunden geschlachteten Schweines 
ganz zutällig eine EfSoreszenz fand, welche mit den von mir 
bei den geimpften Tieren beobachteten in ihrem äußeren Bilde 
übereinstimmte, im mikroskopischen Bilde Befunde erkennen 
ließ (starke perifollikuläre und oberflächliche Infiltration), wie 
sie Adrian verzeichnet. Auch in diesen Schnitten zeigten 
die Blutgefäße ein au£Pallend hohes Endothel, welches man 
ungezwungen als beginnende Endothelwucherung bätte deuten 
können. 

Weiters wird im Sinne der Syphilisnatur der Hautexan- 
theme der Schweine nach der Impfung verwertet, daß dieselben 
den pro consilio herangezogenen Tierärzten unbekannt seien. 
Nun, was unbekannt ist, braucht noch nicht Syphilis zu sein, 
und was der eine noch nicht gesehen hat, kam dem andern 
zur Beobachtung. Das erste Exanthem meiner Schweine, an 
den Ohren und am Rücken, zeigte ich Herrn Prof. D ex 1er, 
Vorstand des hiesigen tierärztlichen Institutes und Herrn Tier- 
arzt Du seh an ek; beide gaben an, sie hätten etwas derartiges 
noch nicht gesehen. Sie ließen aber die Frage offen, ob nicht 
solche Exantheme beim Schwein vorkommen mögen, welche 
wegen ihrer Geringfügigkeit die Tiere dem Arzte nicht vor- 
fuhren lassen ; beide hoben hervor, daß Schweineexantheme sehr 
häufig seien, daß aber dieselben mit Ausnahme des Schweine- 
rotlaufs den Tierärzten sehr wenig bekannt seien, da die Züchter 
bei irgendwie ausgebreiteten Ausschlägen, welche nicht rasch 
zurückgehen, die Tiere sofort schlachten, um einer Schädigung 
zu entgehen. Das zweite ausgebreitete Exanthem am Bauch 
konnte ich, da es in den Ferien sich entwickelt hatte, keinem 
der Herren zeigen; dagegen erklärte mir Herr Obertierarzt 
Münz er aus Plan, dem ich die naturgetreuen Aquarelle 
demonstrierte, ganz dezidiert, daß es sich um eine Schweine- 
urticaria handle, von der er gerade in letzter Zeit zufälliger- 
weise eine größere Zahl gesehen ; er hob hervor, daß diese 



über Bazillenbefunde bei Syphilis. 211 

Urticaria auch mit Bildung vou Blasen, Pusteln, Nekrosen auf 
der Höhe der Ef&oreszenzen, e?. Geschwürsbildung daselbst 
«inhergehen könne. Diese Urticaria sei wie die menschliche 
zumeist eine Urticaria ex ingestis, sie könne aber auch durch 
auf andere Weise dem Tierkörper einverleibte Giftstoffe ent- 
stehen ; die Haut der Schweine, speziell der jungen Tiere, sei 
überhaupt für derartige erythematöse Prozesse sehr disponiert. 

Es war dies ein mir um so wertvolleres Urteil, als mir 
auch der urticarielle Charakter dieser Effloreszenzen, speziell 
in deren Anfangsstadium, aufgefallen war. Ich fand in dieser 
Angabe eine willkommene Bestätigung der Mitteilungen Adrians, 
der dieselben freilich, einem anderen Gedankengang folgend, 
anders verwertet. Er sagt: „Bekanntlich besitzt das Schwein 
ein überaus leicht reizbares Blutgefaßsystem der Haut, und es 
wäre denkbar, daß unter dem Einflüsse irgend eines Toxins 
oder einer auch nur von außen einwirkenden Schädlichkeit 
makulöse oder papulöse Effloreszenzen an der reizbarsten dieser 
Hautstellen, der Bauchhaut und den anliegenden Achsel- und 
Schenkelhöhlen auftreten, die mit Syphilis nichts zu tun haben. ^ 
Diesen Satz möchte ich vollinhaltlich unterschreiben. Er fährt 
dann fort: 

„Wir sehen dabei von jenen leichteni darch Druck oder Qaetsohang 
an jedem Tier hervorsorafenden Erythemen der ßaachhaut ab, die sehr 
üüchtiger Natur sind, niemals Residuen irgendwelcher Natur hinterlassen 
und auch nie in Gestalt von kleinen Flecken oder Papeln, sondern land- 
kartenähnlich, nicht streng an die Stelle des Traamas gebunden auftreten . 
Anders die von uns beobachteten Effloreszensen. Dieselben zeigen einen 
bestimmt entwickelten Gang von der Macula zur Papula, die in ihren 
weiteren Stadien diejenigen Modifikationen aufweist, die wir nur beim 
syphilitischen Exanthem zu sehen gewöhnt sind. Zerfall des Zentrums 
dieser scharf umschriebenen, derben Infiltrate und allmähliches Rnck- 
gängigwerden auch der fibrigen Partien dieser Papel, ohne Hinterlassung 
von Narben oder Pigment nach längerem oder kürzerem Bestand. Dabei 
«cheint mit auch die in der Nähe der feuchteren Stellen, Beageflächen 
der gproßen Gelenke etc. zanehmende Intensität der den Effloreszenzen 
zu Grunde liegenden Infiltration, allerdings ohne eine deutliche Umwandlung 
in eine eigentlich kondylomatöse Form der Papel durchzumachen, 
bemerkenswert. Auch das schubweise Auftreten der Effloreszenzen scheint 
mir ein ebenso bemerkenswertes Faktum zu sein, geeignet, den Von uns 
beobachteten Prozeß als mit Syphilis im Zusammenhang stehend zu 
betrachten, zumal auch diese einzelnen Schabe ein deutliches Abklingen, 
ein Schwächerwerden in der Wirkung des, sagen wir ruhig, dem 
Tierkörper einverleibten Toxins erkennen lassen.* 

Das in diesen Sätzen Adrians Ausgesprochene möchte 
ich nun nicht als auch nur halbwegs beweisend bezeichnen, 

14* 



212 Waelsch. 

den Ton uns beobachteteD Prozeß an der Haut der Schweine als 
mit Syphilis zusammenhängend zu betrachten. 

Vor allem ist zu bemerken, daß nicht „nur beim syphi- 
litischen Exanthem'' Zerfall des Zentrums der scharf um- 
schriebenen derben Infiltrate und allmähliches Rückgängigwerden 
auch der übrigen Partien der aus Makeln hervorgegangenen 
Papeln ohne Hinterlassung von Narben oder Pigment zur Be- 
obachtung kommt, ebensowenig wie das schubweise Auftreten 
der EflSoreszenzen. Wir sehen yielmehr, z. B. bei den Erythemen 
des Menschen, welche wir auf ein dem Körper einverleibtes 
Toxin zurückzuführen geneigt sind, auch ein derartiges Neben- 
und Nacheinander von Elfloreszenzen, welche alle die Charaktere 
aufweisen können, die das Schweineexanthem klinisch darbot, 
und die Adrian auf Syphilis bezog. 

Es wäre ja sicher sehr verlockend, hier darauf hinzu- 
weisen, daß das nach Einverleibung von Blut oder Effloreszenz- 
stückchen Syphilitischer aufgetretene Schweineexanthem über- 
einstimme mit denjenigen, welche ich durch Injektion an Rein- 
kulturen des V. Ni essen sehen Bazillus erhalten konnte; dies 
könnte seine Erklärung darin finden, daß das Blut und die 
Effloreszenzen der Syphilis auch diesen Bazillus zwar nicht 
immer, so doch in einer gewissen Zahl der Fälle enthalten. 
Dem gegenüber möchte ich aber vor zu weit gehenden Schlüssen 
warnen und mit besonderem Nachdruck auf die Möglichkeit, 
oder besser gesagt, Wahrscheinlichkeit hinweisen, daß die Haut 
des Schweines auf die verschiedenartigsten inneren Reize ia 
derselben Weise antwortet. 

Wenn einem Schwein Stückchen syphilitischen Gewebes 
unter die Haut genäht und allmählich nach der Einheilung 
resorbiert werden, wenn ferner Menschenblut, also ein fremd- 
artiges Blut, dem Schweine einverleibt wird, so können wir uns 
sehr wohl vorstellen, daß die resorbierten Zerfallsprodukte der 
eingeführten Stoffe (die des Blutes schon nach Analogie mit 
den Serumexanthemen) auch toxisch wirken und Exantheme 
entstehen lassen können, oder aber auch nur zu regionärer 
Drüsenschwellung führen. 

Würden wir diesen Tierversuchen Beweiskraft im Sinne 
einer spezifisch krankmachenden Wirkung, im Sinne einer 
Syphilis des Menschen zusprechen, so müßten dieselben immer 
zu gleichartigen oder wenigstens einander ähnlichen Erschei- 
nungen auf der Haut führen, und bei sonst gleicher Versuchs- 
anordnung nicht bald auftreten, bald ausbleiben. Und wenn 
sich Goljachowski in diesem Dilemma dadurch zu helfen 
sucht, daß er der Rasse der verwendeten Schweine eine gewisse 
Bedeutung für das Auftreten oder Ausbleiben der nach der 
Impfung aufgetretenen Erscheinungen zuschreibt, so möchte 



Ober BazillenbefoDde bei Sypbilis. 213 

ich zur EntkräftiguDg dieser Anschauung hinweisen auf die 
Versuche Neissers. Bei einem einzigen der geimpften 
18 Schweine trat ein Exanthem auf, während die fünf Ge- 
schwisterschweine, also Tiere desselben Wurfes und 
derselben Rasse, stets gesund und ohne alle Erscheinungen 
blieben. 

Daß nach der Einimpfung von Kulturen des vermeint- 
lichen Syphilisbazillus Exantheme bei meinen Tieren auftraten, 
ist auch kein stringenter Beweis weder für den Zusammenhang 
zwischen injiziertem Bazillus und Exanthem, noch yiel weniger 
für den Zusammenhang des Exanthems mit Syphilis des 
Menschen, denn es läßt sich^ wenigstens vorläufig, nicht dem 
Einwände begegnen, daß die Schweinehaut bei ihrer gegen 
äußere und innere Reize großen Empfindlickkeit vielleicht auch 
auf die Sto£Pwechselprodukte einer oder der anderen ihnen 
injizierten Bazillenart mit den gleichen Erscheinungen ant- 
wortet. Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Vermutung 
möchte ich sogar darin erblicken, daß v. Niessens Schweine 
auf Injektion der Eokkenkulturen neben anderen Erscheinungen 
auch mit Exanthemen reagierten. 

Es ist ferner noch folgendes zu erwägen: Die von mir 
beobachteten Exantheme wurden, wie schon erwähnt, von fach- 
männischer Seite als Scfaweineurticaria gedeutet, deren vorüber- 
gehendes oder schubweises Auftreten als Urticaria ex ingestis 
auf das Futter, auf vorübergehende Störungen in der Ver- 
dauung bezogen wird. Wenn nun gleichzeitig (Hügel und 
Holzhäuser) geimpfte, oder mit einer Differenz von drei 
Tagen geimpfte Tiere (meine Versuche) gleichzeitig an einer 
Urticaria erkrankten, so beweist dies nur, daß sie eben gleich- 
zeitig derselben, vielleicht durch das Futter gegebenen und ein 
Erythem hervorrufenden Schädigung unterlagen. Das gleich- 
zeitige Auftreten von Exanthem bei diesen gleichzeitig ge- 
impften Versuchstieren läßt sich also auch noch in anderer 
Weise deuten. 

Was bleibt also nun von dem stolzen Gebäude der 
Syphilisätiologie übrig, das v. Niessen aere perennius aufge- 
richtet zu haben glaubte ? Die Fundamente dieses Baues haben 
sich als morsch erwiesen, die Prämissen, auf welchen er seine 
hochfliegenden Folgerungen aufbaut, haben einer, ich kann 
dies wohl ruhig sagen, ganz unvoreingenommenen Kritik nicht 
stand gehalten. Von den bekannten Forderungen Kochs, welche 
erfüllt werden müssen, wenn ein bei einer Infektionskrankheit 
gefundener Mikroorganismus mit Fug und Recht als Erreger 
derselben angeschuldigt werden soll, ist auch nicht eine in 



214 Waelsoh. 

einmal] dsfreier Weise erfüllt TrordeD. Der BazilluB y. Niessens 
läßt tich nicht konslant bei Syphilis nachweisen. Dieser nicht- 
lorstaute Bazillus läßt sich zwar rein rüchten, seine Kulturen 
rufen aber beim Versuchstier nicht immer eine Erkrankung 
herTor, und wenn sie dies tun, nicht eine solche, welche mit 
der Krankheit identisch wäre, als deren Erreger sie ange- 
schuldigt werden; endlich konnte ich ihn aus den geimpften 
Tieren nicht wieder zurückztichten. 

Damit ist wohl der Beweis erbracht, daß dieser Ton mir 
in nicht ganz der Hälfte der Fälle von sekundärer Syphilis in 
deren Eruptionsperiode gezüchtete Bazillus, und auch der von 
Joseph und Piorkowski, deren Versuche ich zwar nicht 
nachgeprüft habe, deren Bazillus aber nach dem, was in Karls- 
bad demonstrieit wurde, identisch ist mit dem v. Niessens 
und dem meioen, mit Syphilis nicht in ätiologische Beziehung 
gebracht werden kann. Er ist nichts anderes als ein die 
Syphilis des Menschen manchmal begleitender, wahrscheinlich 
ganz harmloser Schmarotzer, der von der Haut oder Schleimhaut 
aus in die Lymphbahnen aufgenommen, in die Drüsen und 
dann in das Blut weitertransportiert wird, in welchem er in 
sehr geringer Zahl in der Eruptionsperiode der Syphilis kreist. 
Es wird sich daher empfehlen, bezüglich der ge- 
fundenen Mikroorganismen, wie dies Prof. Pick 
in Karlsbad betont hat; nicht von Bazillen der 
Syphilis, sondern von Bazillen bei Syphilis zu 
sprechen. 



über Bazillenbefunde bei Syphilis. 215 



Literatur. 

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Doehle, Über Fftrbung von Organismen in syphilitischen Ge- 
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Goljachowski. Resultate der Impfung mit Syphilis an Schweinen. 
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Hügel nnd Holzhäuser. Vorläufige Mitteilungen über Syphilis - 
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Joseph und Piorkowski. Beitrag zur Lehre von den Syphilis- 
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— Weitere Beiträge zur Lehre von den Syphilisbazillen. Deutsche 
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Lustgarten. Über spezifische Bazillen in syphilitischen Krank- 
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Nakanishi. Bacillus variabilis lymphae vaccinalis. Zentralbl. f. 
Bakteriologie und Parasitenkunde. Bd. XXVII. Nr. 18, 19. p. 641. 

Neisser. Was wissen wir von einer Serumtherapie bei Syphilis 
und was haben wir von ihr zu erhoffen? Festschrift für F. J. Pick. 
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Neisser. Über Versuche, Syphilis auf Schweine zu übertragen. 
Arch. f. Denn. u. Syph. Bd. LIX. 1902. p. 163. 

Neumann. Die Syphilis. Wien 1896. Alfred Holder. 



216 Waelsch. 

T. Niessen Max. Beiträge zur SyphilisfonchoDg. Heft 1—7. 
Wiesbaden, Selbstverlag 1900-1902. 

Paulsen. Demonstration in der biologischen Abteilung des ftrzt- 
lichen Vereines Hamburg. Sitzung vom 14. Jan. 1902. Ref. in der Mün- 
chener med. Wocbenschr. 1902. Nr. 9. 

Pfeiffer, H. Ober Bakterienbefunde in der normalen männlichen 
Urethra und den „ Syphilisbazillus ^ Max Josephs. Wiener klin. Wochen- 
schrift 1903. Nr. 26. 

Pick F. J. Disknssionsbemerkungen zum Vortrage Josephs und 
Piorkowskis auf der 74. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Ärzte in Karlsbad. Verhandlungen, p. 495. 

Proksch. Die venerischen Erkrankungen und deren Übertrag- 
barkeit bei einigen warmblütigen Tieren. Vierteljahresschrift f. Derma t. 
u. Syph. Bd. X. 

Schenk und Lichtenstern. Studien über den Keimgehalt 
aseptischer Wunden. Zeitschrift für Heilkunde. Bd. XXH. 1901. Heft 6. 

Waelsch, L. Besprechung von v. Niessens Beitragen zur 
Syphilisforschung. Arch. f. Denn. u. Syph. 1901. Bd. LVII. p. 810. 

— Diskussionsbemerkungen zum Vortrage Josephs und Pior- 
kowskis auf der 74. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte 
in Karlsbad 1902. Verhandlungen p. 491. 

-« Über Bazillenbefunde bei Syphilis. Vortrag, gehalten auf dem 
VIII. Kongreß der deutschen dermat. Gesellschaft zu Sarajewo 1903. 

Welch. Conditions uuderlying the infection of wounds. Amer. 
Jonm. of the science 1891. 

Winternitz. Diskussionsbemerkungen zum Vortrage Josephs 
und Piorkowskis auf der 74. Versammlung deutscher Naturforscher 
und Ärzte in Karlsbad. Verhandlungen p. 496. 

— Diskuesionsbemerkungen auf dem VUI. Kongreß der deutschen 
dermat. Gesellschaft zu Sarajewo 1908. 



über einen Fall von malignem Plasmom. 



Vorläufige Mitteilung 



von 



Dr. med. Rudolf HoflPinaiin — München. 



In der Prosektur Hes Krankenhauses r. d. Isar zu München kam 
im Yoijahre ein Fall von Myelom zur Sektion. Der weitaus größte Tumor 
saß am rechten Darmbein. Weitere Tumorknoten fanden sich in den 
Knochen der Konvexität und der Basis des Schädels, im linken Oaumen- 
bein, im Stemum, in den Extremitates sternales der Klavikel, in der 
IX. rechten Rippe und im X. Brustwirbel. Außerdem wies die Leber 
2 metastatische Knoten auf. Über den Fall werde ich eingebend in 
Zieglers Beiträgen berichten. Hier möchte ich nur kurz auf einige 
Besonderheiten des Zellcharakters hinweisen. 

Alle Geschwulstknoten sind aus uniformen, dichtgedrängt ohne 
Zwischensubstanz an einander liegenden Rundzellen zusammengesetzt 
Die Vaskularisation ist eine sehr reichliche. Stellenweise erstrecken sich 
weite Blutseen zwischen den Zellen, anderwärt» lagern als Reste früherer 
Blutungen mächtigre Schichten von Gerinnungshyalin, welches zuweilen 
fast eine Art Gehäuse um die einzelnen Zellen bildet. 

Die Zellen zeigen eine rundliche ovale Gestalt. Die Kernteilung 
ist eine direkte und indirekte. Zweikemige Zellen sind in auffallig hoher 
Zahl vorhanden. Die Zellgröße wechselt von Kernen mit ganz schmalem 
Cytoplasmasaom bis zu recht voluminösen Formen. Die meist rundlichen 
Kerne liegen exzentrisch, zuweilen mit Vs — '/i ili^os Volumens außerhalb 
der Zellperipherie. Das Ghromatin ist in der Nähe der Kernhulle stärker 
angehäuft. Das Cytoplasma zeigt ganz spezifische Verhältnisse. Man kann 
einen hellen zentralen Hof und eine Randpartie unterscheiden, in der die 
chromophile Substanz des Cytoplasmas angehäuft ist. Selbst bei den 
kleinsten Zellformen (verhältnismäßig großer Kern und schmaler Zelleib) 
erkennt man bei langsamem Drehen der Mikrometerschraube eine Auf- 
hellung an der Seite des Kerns, wo die größte Cytoplasmamasse liegt. 
(Färbung mit Thionin-Eosin.) Die Zellen präsentieren sich also als 
Plasma-Zellen des Marschalkoschen Typus. 

Einen solchen Myelomfall, dessen Geschwulstknoten aus Plasma* 
Zellen zusammengesetzt waren, hat als erster James H. Wright 
(Journal of the Boston Soc. of Med. Sciences Vol. IV pp. 195-904, 1900) 
veröffentlicht. Seine sehr scharfe Beobachtung des Zelltypus fahrte ihn 
zu dem Schluß, den die vorzüglichen Abbildungen bestätigen, daß die 



218 Hoffmann. 

Zellen „are essentially >pIa8macelU« or immediate descendanU of them". 
Auch ihm fiel auf, daß in vielen Zellen das Gytoplasma sich in seiner cen- 
tralen Partie sich nicht so tief färbte, wie in den peripheren Abschnit- 
ten, so daß sie deutlich blasser erscheint. 

Mit der Ansbreitong der hellen Innenzone hftngt die aaf fallende 
excentrische Lage des Kerns zusammen. Je größer der helle Hof ist, 
um so näher der Zellhülle liegt der Kern. Seiner Lage nach entspricht 
ersterer dem Mikrozentrum Heidenhains, an vielen Kernen läßt sich auch 
die kleine Delle in der Kemoberfläche beobachten. Bei stärkerer Ver« 
größerung erkennt man, daß der helle Hof aus einer sehr großen Zahl 
feinster Tröpfchen besteht. Sie drängen die chromophile Substanz, welche 
dadurch viel dichter gelagert wird, gegen die Peripberie hin. Die Art 
der Ausbreitung der Tröpfchen läßt es als möglich erscheinen, daß es 
sich um Kernprodukte handelt. 

Das eigentümliche Zellbild bat einige Ähnlichkeit mit den bei 
Epithelioma contagiosum veränderten Epitholien, eine gewisse auch mit 
den Langhans sehen Blasenzellen. Ganz ähnlich ist aber der Befund, 
den Prns (Zentralblatt f. allg. Pathol. 1895) bei einem Fall von Pferde- 
typhus erhob, nur handelte es sich dort um Mastzellen (Sekretgranula ?)f 
hier um Lymphocyten resp. Plasmazellen. 

Bei Besprechung der Genese der Plasmazellen weise ich auf eine 
ältere Arbeit Gouncilmans (Journal of experimental Med. 1898) hin, 
deren Ergebnisse in der deutschen Plasmazellliteratur noch nicht ver- 
wertet worden sind. Er berichtet über das stete Vorkommen von 
Plasmazellanhäufungen in den Nieren bei akuter interstitieller Nephritis 
(bestätigt durch Howard, Americ. Journal of Med. Sciences 1901) und 
weist, wie auch Schlesinger (Yirch. Arch. 165) darauf hin, daß in 
vielen Fällen ein sehr großer Teil der Rnndzellen der Dünn- und Dick- 
darm-Mucosa aus Plasmazellen besteht. 

Ich betrachte die Plasmazellen als farblose Rundzeiien (Lympho- 
cyten), deren Zelltätigkeit auf irgend einen Reiz hin exzessiv gesteigert 
ist. Diese findet ihren Ausdruck in der Abgabe einer tiüssigen Substanz 
an die Umgebung. In welcher genetischen Beziehung die Plasmazellen zu 
den übrigen Markelementen, den Leukocyten, den Myclocyten, Mast- 
zellen und Erythroblasten stehen, müssen weitere Untersuchungen lehren. 
Jedenfalls ist Ähnlichkeit mit den Erythroblasten vorhanden. Von ihnen 
unterscheiden sich die jungen Plasmazellen fast nur durch den Mangel 
des Cytoplasmas an Hämoglobingehalt. 

Den vorliegenden Tumor bezeichne ich als malignes Plasmom 
wobei ich aber die Bezeichnung Plasmom nicht im Unna sehen Sinne 
als Anhäufung gewisser histiogener. Rundzellen auffassCf sondern all Be- 
zeichnung für eine Geschwulst, entstanden durch Hyperplasie eines be- 
stimmten Zellelementes des roten Markes. 



BßriGM üher die Leistungen 



auf dem 



Gebiete der Dermatologie und Syphilis. 



Geschlechts-Krankheiten. 



(Bedigiert von Prof. Neisser und Dr. Schäffer in Breslaa.) 



Anatomie, Physiologie des Urogenital-Apparates. 

Kozlowski, B. Das KonBeryieren and Färben Yon mikro- 
skopischen Präparaten der Harnsedimente. Yirch. Arch. 
Bd. CLXIX, pag. 161. 

Kaohdem das Sediment mit einer schwachen Lösung irgend einer 
Anilinfarbe gefärbt worden ist (gewöhnlich 1% Eosin), wird es anf dem 
Objektträger mit einem Tropfen Farrantscber Flüssigkeit vermischt 
nnd mit einem Deckglas bedeckt. Die Herstellung von „Farrants 
monnting Flnid** wird mitgeteilt. Die Lösung kann auch gebrauchsfertig 
Ton Merck-Darmstadt bezogen werden. Die damit hergestellten Prä- 
parate sind sehr dauerhaft und lassen noch nach langer Zeit charak- 
teristische Details erkennen. Alfred Kraus (Prag). 

Poscharowflkly, J. Über Bakteriurie der Kinder. Journal 
rüste de mal. out. etc. 1901. Nr. 9. 

Unter 14 untersuchten Fällen fanden sich bei 6 Kindern im Harne 
nur säurebeständige Bazillen, bei 8 Fällen außer diesen noch mit dem 
zur Kachfarbung benutzten Methylenblau gefärbte. (Baumgarten- 
sobe Methode.) In den Organen von 4 nach kurzem Krankenlager 
verstorbenen Kindern konnte derselbe Befund in Harnblase, Darm, Milz 
nnd Herz erhoben werden. Die Mikroben hatten mit den in dem Wasser 
des im Laboratorium befindlichen Froschbehälters gefundenen eine große 
Ähnlichkeit. (Siehe die Mo 11 er sehen Gra^bazillen, Rabino witsche 
Butterbazillen etc.) Kulturen gelangen auf Serum, Blutagar, Oelatine 
und glichen den von Laser, Gzapelewski und Fraenkel 
besohriebenen, welch letzterer sie als Pseudodiphteriebazillen anspricht. 

Richard Fischel (Bad Hall). 

Solotarew. Über die Mikroorganismen des Smegmas. 
Journal russe de mal. cut. etc. 1901. pag. 668. 

Die Durchsicht von zahlreichen Smegmaaufstrichpräparaten 
(Färbung mit Ziehlschem Fuchsinanilinwasser, Entfärbung in 8—5% 



222 Bericht über die Leistangen auf dem Gebiete 

H28O4, Methylenblau und die Baumgartenscbe Methode) braohte S. 
auf den Gedanken, die kokkenformigen Gebilde als Entwicklungsvor- 
stadien der Bakterien aufzufaBsen. Das Experiment, die nach je 24 Standen 
vorgenommene Untersuchung des Smegmas im erstmalig sauber gereinigten 
Präputialsack, bestätigte diese Auffassung. Während nach dem ersten 
Tage die blau sich färbenden Kokkenformen die rot gefärbten überragen, 
zeigten sich am dritten rotgefärbte Stäbchen in Überzahl. Ob die an 
den Schnitten von Präputium in allen Schichten der Haut vorgefundenen 
rotgefärbteu Kömchen Bakterienformen entsprechen, wird sich erst ent- 
scheiden lassen, wenn Kulturversuche gelungen sein werden. Die vom 
Autor angestellten ergaben kein befriedigendes Resultat. 

Richard Fisohel (Bad Hall). 

Kusnetzow, M. Ein Fall von Mißbildung der äußeren 
Geschlechtsorgane. Journal russe de mal. cut. etc. 1901. p. 892. 

Ein Fall von Penis hypospadiacus scrotalis et Urethra fissa, der 
in die gr. Gruppe der Pseudohermaphroditen und im Speziellen zu den 
Androgynoiden (Pozzi) gehört Die Operation brachte eine VerläQgerung 
des Gliedes auf 8 cm zuwege. Nach derselben Erleichterung des 
Urinierens. Die Potentia coeundi wurde ermöglicht, die Pot. generandi 
wegen der hypospadischen Urethralöffnung fraglich. Auch ein Fall von 
Gynaekomastie erfahrt eine kurze Beschreibung. 

Richard Fischel (Bad Hall). 

SoTinskil, S. Einige Fälle idiopathischer Spermator- 
rhoe. Journal russe de mal. cut. etc. 1901. Novbr. 

Allen drei Fällen ist es gemeinsam, daß bei jugendlichen 19 bis 
26jährigen Individuen ohne bekannte Ursache (keine Exzesse in venere 
und Baccho, nur mäßige Onanie, kein Abusus von Tabak, keine voran- 
gehenden nervösen Störungen) bei der Defäkation und nach beendeter 
Urinentleerung idiopathische Spermatorrhoe eintrat, zum Unterschiede 
von der symptomatischen, der anatomischen Veränderung in den Uro- 
genitaltrakt oder Störungen in den nervösen Zentren zu Grunde liegen. 
Brompräparate und Hydrotherapie brachten sichtliche Besserung. Die 
begleitenden neurasthenischen Beschwerden (Abnahme des Gedächtnisses, 
Müdigkeit, Herzbeschwerden) sind eine Folge des durch die Krankheit 
hervorgerufenen Affektes und zeigten durch die eingeleitete Therapie 
einen wesentlichen Rückgang. Richard Fischel (Bad Hall). 

V. Büngner. Über die Tuberkulose der männlichen 
Geschlechtsorgane. Bruns' Beiträge z. klin. Chirurgie. Bd. XXX V. 
pag. 1. 1902. 

Verfasser bekennt sich auf Grund seiner Erfahrungen als ein ent- 
schiedener Vertreter einer aszendierenden Verbreitung der Genital- 
tuberkulose des Mannes, so zwar, daß zuerst ein Herd im Nebenhoden 
entsteht und von diesem aufsteigend die Erkrankung des Samenleiters 
einsetzt. Die absteigende, d. h. in der Niere beginnende, dann sekundär 
Harnleiter, Prostata etc. befallende Tuberkulose kommt zwar vor, aber 
nur ausnahmsweise. Therapeutisch tritt er warm für die von ihm zuerst 



der OesohleohtBkrankheiten. 223 

empfohlene hohe Kastration mit Evalsion des vas deferens ein, die 
nur ausnahmsweise — in besonders vorgeschrittenen Fällen — durch 
blotige Exstirpation desselben anter Eontrolle des Auges zn ersetzen ist. 
Die hohe Kastration empfiehlt er hauptsächlich deswegen, um ein mög- 
lichst großes Stuck des vas deferens zu entfernen, welches in den meisten 
Fällen bei Tuberkulose des Nebenhodens in seinem unteren Teile auf einer 
verschieden langen Strecke tuberkulös erkrankt ist. Bei allgemeiner 
Genital tuberkulöse hat sich v. Büngner mit Vorteil neben der chirurgi- 
schen Therapie der Einspritzungen von Jodoformglyzerin in den Stumpf 
des vas deferens bedient. Er nimmt an, daß dasselbe in die Saraen- 
blasen etc. eindringt und dort lokal die Tuberkelbazillen bekämpft. 
Yerf. bespricht dann noch die Differentialdiagnose der Prostatatuberkulose 
zu anderen Prostataerkrankungen und teilt zuletzt ausführliche Kranken- 
geschichten seiner Fälle von Genital tuberkulöse nebst histologischen 
Befunden mit Alexander (Breslau). 

White, Charles Powell. Gontagious Growths in Dogs. 
British Medioal Journal 19. Juli 1902. 

Washbonrn und Bellingham Smith berichteten im Jahre 1898 
über kontagiöse Wucherungen an den Genitalorganen von Hunden. 
12 Hündinnen wurden von einem Hunde belegt. Bei 11 zeigten sich 
Wucherungen in der Vulva. Ein 2. Hund belegte 3 von diesen Hündinnen 
und dann 2 gesunde. Eine von den letzteren wurde infiziert, die andere 
entkam. Die Wucherungen erschienen ungefähr 1 Monat nach dem 
Wurf. Sie waren einzeln oder multipel, gestielt oder das Gewebe infil- 
trierend. Spontane Heilung wurde nicht beobachtet. Impfungen mit 
diesen Wuchemngen fielen nur bei Hunden positiv aus. Bei einem Fall, 
der subkutan geimpft worden war, zeigten sieh Metastasen in der Leber und 
Milz. In einem 2. Fall, der an den Genitalien geimpft wurde, kam es 
spontan zur Abheilung. Das Tier war darauf immun. Verfasser beschreibt 
zwei ähnliche Fälle. Eine Hündin wurde von einem scheinbar gesunden 
Hunde belegt. Kurz nach dem Wuri erschien ein Tumor in der Vagina, 
6 Monate später an einer Brustdrüse. Beide Tumoren wurden operativ 
entfernt. Ca. 12 Monate später noch kein Rezidiv. Eine 2. Hündin 
wurde von demselben Hunde ca. 4 Monate später belegt. Auch hier 
erschien bald nach dem Wurf ein Tumor in der Vagina, der 13 Monate 
spät-er entfernt wurde. Beide Hündinnen warfen je 2 gesunde Junge. 
Derselbe Hund belegte noch vier andere Hündinnen, die alle infiziert 
wurden und an den Folgen zu Grunde gingen, nur eine warf Junge, die 
sehr schwächlich waren. Die zweite Hündin wurde noch von drei 
anderen Hunden beleget, die ebenfalls infiziert wurden und eingingen, 
desgleichen der ersterwähnte Hund. Die Wucherungen zeigten eine 
warzige Beschaffenheit und umgreifen die ganze Zirkumferenz der Vagina 
in etwa 1 — lYt Zoll Länge, ohne aber die Muskelschicht zu infiltrieren. 
Dabei waren dieselben sehr empfindlich und bluteten leicht. Mikro- 
skopisch bestanden dieselben aus kleinen Rundzellen, die dicht aneinander 
lagen, wahrscheinlich in einem feinen Reticulum; die Grenze gegen das 



224 Bericht über die Leistangen auf dem (Gebiete 

geennde Gewebe war sehr scharf, Kapsel war keine Yorhanden. Bei 
einem Präparat fand sich ein Lymphgefäß, welches einen kleinen Knoten, 
aus diesen Wucherungen bestehend, in seiner Wandung zeigte. Besüglich 
der Zugehörigkeit dieser Geschwülste zu den Sarkomen — wohin sie 
von Washbourn und Bellingham gerechnet wurden — oder zu den 
Infektionskrankheiten läfit Verfasser die Frage offen. 

R. Böhm (Prag). 



Gonorrhoe nnd deren Komplieationen. 

Himmel, J. Die Rolle des Neutralrots bei der Phago- 
uytose überhaupt und bei der gonorrhoischen im beson- 
deren. Journal russe de mal. cut. etc. 1901. Nr. 7. 

Nach Würdigung der Arbeiten von Ehrlich, Przemycki, 
Prowaczek, Arnold, ühma und der eingehenden Versuche Piatos 
wird über die eigenen im Metschnikowschen Institut in Paris 
angestellten Beobachtungen berichtet, deren wesentlichsten Befunde 
Himmel zu folgenden Schlußsätzen veranlassen: In lebenden Leuko- 
cyten färben sich alle phagooytisch aufgenommenen Bestandteile mit 
Nentralrot. (1 cm' der kalt gesättigten N.- Rotlösung auf 100 an* phys. 
Na Gl-Lösung.) Die in denselben sich färbenden Granula sind Produkte 
des Stoffwechsels der Zellen oder das Resultat ihrer sekretorischen 
Tätigkeit. Die Dauer und Intensität der Färbung hängt von der Lebens- 
fähigkeit und mehr oder weniger von dem schädigenden Einfluß des 
eingeschlossenen Matenales ab. Das Hyaloplasma hat nicht die Eigen- 
schaft sauer zu reagieren und sich zu färben. Beim Zelltod neutralisiert 
sich das die Zelleinschlüsse umgebende Medium, es kommt zur Ent- 
färbung der ersteren. Alle die Lebensfähigkeit der Zelle ungünstig 
beeinflussenden Agentien wirken in gleichem Sinne. Die vitale Färbung 
mit stärkeren Neutralrotlösungen unterscheidet sich nicht von den anderen 
ungiftigen Anilinfarben. Die von den Leukocyten gebildete Säure gehört 
zu den Amidosäuren. Die Färbung phagocytierter und nicht phago- 
cytierter, toter oder lebender Gonokokken mit N.-Rot unterscheidet sich 
in nichts von der Färbung anderer Bakterien mit dem gleichen Farbstoff. 

Richard Fischöl (Bad Hall). 

Zelenew, J. Das gonorrhoische Fieber. Journal russe de 
mal. cut. etc. 1901. p. 234. 

Das gonorrhoische Fieber muß unter die Erankheitssymptome der 
Gonorrhoe gezählt werden. Es kann gleich zu Beginn der Infektion 
auftreten, nach Stunden und Tagen oder Wochen zählen, kontinuierlich, 
remittierend und intermittierend sein. Typhöse Zustände können vor- 
getäuscht werden, VergrößeruDg der Milz, neuralgische Schmerzen und 
vasomotorische Störungen können es begleiten. Die Höhe des Fiebers 
(bis 40^} hat auf den Eiterungsprozeß oft keinen Einfluß. Die Temperatur- 



der Gesohleohtskrankheiten. 225 

erböhang soheint dareh den Übergang von Gonokokkentoxinen in das 
Blot bedingt zu sein. 15 Krankengescbicbten sind der Arbeit eingefng^ 

Richard Fischel (Bad Hall). 

Baraunikow, J. Zur Frage der Bakteriologie der Ure- 
thritiden. Journal rasse de mal. cat. etc. 1901. p. 613. 

In einem Falle von Urethritis acuta ließen sich Stäbchen kulti- 
vieren, die den Yon Spirig (Zentrbl. f. Bakteriol. Bd. XXYI) beschriebenen 
Diphtheriebasillen in allen Einzelheiten glichen. Bezüglich der Details 
der Kulturen muß auf das Original verwiesen werden. 

Richard Fischöl (Bad Hall). 

Berkenheinit 0. Yulvo-vaginitis gonorrhoica. Dietskaja 
Medicina 190S. Nr. 8. 

B. hat im Spitale der heiligen Olga in Moskau ein großes Material 
über die Yulgo-vaginitis der Kinder gesammelt und konnte feststellen, 
daß dieselbe in 75% der Fälle gonorrhoischer Natnr ist. Der verhältnis- 
mäßig leichte Verlauf der Krankheit im Kindesalter ist auf die noch 
geringe Entwicklung des Genitaltrakfes zurückzuführen. Zumeist verlief 
die Krankheit akat innerhalb weniger Wochen und führte zur Heilung; 
in etwa Va ^^^ Fälle nahm die Krankheit einen chronischen Verlauf. 

Hochsinger (Wien). 

Für§t, L. (Berlin). Gonorrhoe und Gravidität. Therapie 
der Gegenwart. Sept. 1902. 

Verfasser empfiehlt zur Behandlung der durch Gonorrhoe ver- 
uraachten Unterbrechungen der Schwangerschaft resp. Sterilität folgende 
Behandlung : gründliche Ausspülung des Uterus mit 5% Ichtharganlösung 
mittelst doppeltläufigem Katheder, Einlegen eines 57« Ichtharganschmelz- 
bougies in die Uterushöhle und in die Urethra, Einlegen eines Tampons 
in die Scheide, der mit 2 Teilen einer 87o Asollösung und 1 Teil Glyzerin 
getränkt ist. Die Behandlung ist eine tägliche und dauert ca. 2—3 Wochen. 
Er kommt bei diesen Verfahren zu folgenden Schlüssen: 1. Für die 
Behandlung der weiblichen Gonorrhoe eignet sich das Ichthargen wegen 
seiner ohne Schädigung der Mucosa erfolgenden bakteriziden Wirkung 
in die Tiefe, selbst in die Rezessus der Schleimhäute in hohem Grade. 
Es reizt das Endometrium nicht, ist frei von störenden Nebenwirkungen 
und zuverlässig im Erfolge. 2. Bei gonorrhoischen Frauen lassen sich 
Sterilität und Neigung zu habituellen Abort durch systematische Ich- 
thargentherapie unschwer so weit beseitigen, daß Konzeption und Aus- 
tragung der Frucht zu erzielen ist. 8. Eine Gravidität bei noch nicht 
völlig beseitigter Gonorrhoe wird durch eine modifizierte Behandlung 
nicht unterbrochen. Letztere hat im Gegenteil noch den Nutzen, die 
Wahrscheinlichkeit erheblich zu verringern, daß das neugeborene Kind 
eine virulente Ophthalmie akquiriert. Bei erfolgter Konzeption geht 
natürlich die Behandlung nicht Über das Orificium intemum hinaas. 

R. Böhm (Prag). 

Arch. f. Dermat. n. Syph. Bd. LXVIIT. |5 



226 Bericht über die Leistimgen auf dem Gebiete 

Piek, Walther. Zur Therapie der Gonorrhoe. Ans der 
dermatolog. Klinik d. k. k. UniTertitftt Prag. Prof. F. J. Pick. Therapie 
der Gegenwart Feber 1903. 

Verfasser empfiehlt von der großen Ansahl der spezifisch auf den 
Gonococcus ¥rirkenden Mitteln vor allem das Albargin, einmal seiner 
ausgezeichneten Wirkung halber, dann aber anch des niedrigen Preises 
wegen. Nach Versuchen, die auf der obigen Klinik unternommen 
wurden, ergab sich ein durchschnittliches Ver8ch¥rinden der Gonokokken 
nach 8 Tagen. Die Behandlung geschah durch Urethralspälungen mit 
Lösungen von 1 : 6000 — 8000, zweimal täglich, bei ambulanten Kranken 
einmal, doch machten diese sich noch selbst Injektionen. Die Ver- 
wendung des Albargins kann selbst im akuten Stadium erfolgen, da es 
keine Reizerscheinungen macht. Bei den Injektionen wurden die 1. Woche 
eine V47o' ^^® ^* Woche eine ViVo« ^^^^ ^^i* ^* Woche eine 1% Lösung 
yerwendei, und zwar dreimal t&glich von 5 Minuten Dauer. 

Bei dieser Behandlung zeigte sich, daß die Gonokokken dauernd 
verschwanden. 

Bei chronischen und subakuten Urethritiden wurde als Adstringens 
nach Analogie der von Boeck empfohlenen Chroms&ure-Argentum- 
Behandlung der luetischen Plaques Lösungen dieser Mittel zu Iigektionen 
verwendet und zwar in Konzentrationen von 1 : iOOO bis 1 : 2000. Die 
Kranken wurden angewiesen, früh und abends, dann abends und später 
jeden 2. Abend Injektionen in der Weise vorzunehmen, daß sie zuerst 
eine Injektion mit der Chromsäurelösung machten, dieselbe 1 — 8 Minuten 
in der Harnröhre hielten, dann die Spritze mit Wasser ausspülten und 
Argeotumlösung von der gleichen Konzentration auf die gleiche Dauer 
injizierten. Rasches Abnehmen der Sekretion und Umwandlung des 
leukocytären Katarrh in einen desquamativen. Indiziert erscheint die 
adstringierende Behandlung, wenn die akuten Erscheinungen abge- 
klungen sind und der Morgentropfen nur mehr glasig erscheint. 

Rudolf Böhm (Prag). 

Klotz, Hermann G. Albargin or Gelatose Silver in the 
Treatment of Gonorrhoea. Med. News. Nov. 29. 1902. 

Klotz betont nochmals die vorzügliche Wirkung des Albargins 
bei der Gonorrhoea, das er in zahlreichen Fällen nach der Methode von 
V. Schien anwandte. 26 Fälle jedoch bilden die Basis der vorliegenden 
Arbeit. 21 derselben waren Fälle rezenter Infektion, von denen 15 inner- 
halb 24 bis 26 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome in 
Behandlung kamen. Selbstverständlich wurde das Sekret stets auf 
Gonokokken untersucht. Von diesen fünfzehn Patienten wurden 11 inner- 
halb acht Tagen geheilt. Gelegentlich sistierte der Ausfluß schon nach 
der ersten Einspritzung, so daß eine weitere Untersuchung auf Gono- 
kokken unmöglich war. Die Durchschnittszahl der Einspritzungen, die 
täglich von K. vorgenommen wurden, war vier. In den übrigen 
Fällen war das Resultat nicht so günstig und bedurfte es entweder einer 
mehrwöchentlichen Behandlung oder es mußte zu anderen Methoden 



der G^ohleohtakrankheiten. 227 

gesohritten werden. In den Intenrallen machte der Patient sich selbst 
EiuBpritiongen adstringierender Lösungen. Darchsohnittlich bediente sich 
Eloti einer Vs— 2Vo Lösong des Albargins. Selbst 67o Lösangen wurden 
gut vertragen. A. T. Bnchler (New- York). 

Ffirst, L. Die Larginbehandlung der Ophthalmo- 
gonorrhoea neonatorum. Ztrbl. f. Kbk. VI. 8. 

L. Fürst hat das Largin in 87 Fällen gegen Ophthalmoblennorrhoea 
neonatorum in Anwendung gebracht und zwar 22mal prophylaktisch und 
16mal therapeutisch. Er schreibt dem erwähnten Präparate saUreiohe 
besondere Vorzüge gegenüber dem leicht zersetzlichen und stark ver- 
ätzenden Argentum nitricum, das bisher stets in Gebrauch genommen 
wurde, au, so insbesondere: leichte Löslichkeit in Wasser, große Halt- 
barkeit, stark bakterizide Wirkung bei hoher Imbibitionsfähigkeit, resp. 
Fähigkeit, unzersetzt in die tieferen Schleimhautschichten einzudringen. 
Auf GTrund seiner günstigen Erfahrungen empfiehlt F. das Largin für die 
Therapie und ganz besonders für die Prophylaxe der Ophthalmoblennorrhoe 
an Stelle der Gred6 sehen Einträufelungen als ein unschädliches Mittel, 
dessen einfache Handhabung den Hebammen, resp. sonstigen behandelnden 
Personen ruhig überlassen werden könne. Hochsinger (Wien). 

Stern, Richard. Die Behandlung der Gonorrhoe mit 
Ghinolinwismutrodhanat Edinger. (Crurin pro injectione.) 
Dtsch. med. Woch. Nr. 12. 19. März 1903. 

Bei Nachprüfung von ÖO in Josephs Poliklinik mit Crurin beban- 
delten Gonorrhoikem konnte Stern iu 32 Fällen gonokokkenfreien Aus- 
fluß, bei 18 Besserung konstatieren. Nur eine besonders ungünstig 
liegende Erkrankung blieb unbeeinflußt. Verf. sieht nach seinen Er- 
fahrungen in dem Crurin ein stark gonokokkentötendes, auch adstringieren- 
des Mittel, welches ohne Kombination mit anderen Medikamenten wirkt. 
Für die Reizlosigkeit des Mittels spricht, daß Ys — ^Vo^ST^ Emulsionen 
auch von nervösen Patienten gut vertragen wurden. Instillationen mit 
dem Guyonkatheter widerrät Verfasser, da die Pulverkömehen die enge 
Katheterröhre leicht verstopften. Max Joseph (Berlin). 

Kronfeld, A. (Wien). Zur Therapie des venerischen 
Katarrhs. Wiener mediz. Wochenschrift 1902. Nr. 6. 

Der Autor tritt energisch für die ausgiebige Irrigation der Harn- 
röhre bei akuter Gonorrhoe an Stelle der I^jektionsbehandlung ein und 
hat hiezu einen eigenen Apparat, bestehend aus einem heizbaren Irrigator, 
Gummischlauch und Glaskanüle nach Yanghetti konstruiert. Als 
Irrigationsflüssigkeit empfiehlt Kronfeld ly^ Ichthyollösung. 

Viktor Bau dl er (Prag). 

RaTaeini, Carlo (Triest). Therapeutische Erfahrungen 
über Arh^ol. Therapie der Gegenwart. Dezember 1902. 

Arh^ol, ein aus dem Santelöl gewonnenes Präparat, das in den 
verschiedenen Santelöl en von 30^^ bis zu 90^0 enthalten ist, wurde von 
Riehl zuerst isoliert und in die Therapie eingeführt. Es soll alle Eigen- 
schalten des Santelöles vereinigen, ohne dessen . unangenehme Neben- 



r« 



228 Bericht über die Leistangen auf dem Gebiete 

Wirkungen su erzeugen, wie Magen- und Darmttörungen, Exantheme etc. 
Yerfasser wendete dasselbe hanptB&oblich bei Gonorrhoe an, aber auch 
bei Gystitis, sowohl gonorrh. wie nicht gonorrhoischer, weiters bei Blasen- 
Tuberkulose. Verfasser rühmt die prompte Wirkung des Mittels in Bezug 
auf Herabminderung der Miktionsfrequenz und der Sohmerahaftigkeit 
beim Urinieren, sowie die rasche Aufhellung des Urins. Das Pr&parat 
kommt in Kapseln k 0.20 g in den Handel. Rudolf Böhm (Prag). 

Heaß, £. Über Helmitol, ein neues Harndesinfisiens. 
Monatshefte f. prakt. Dermatolog. Bd. XXXYI. 

H. sah sehr gute Erfolge von Helmitol bei Cystitis. Vorzüge des- 
selben: 1. seine energische, auf Abspaltung Yon Formaldehyd beruhende 
Desinfektionskraft auf den Urin (4 — 6mal stärker als Urotropin), S. seine 
Ungiftigkeit (auch bis 8 g pro die ruft es keine oder nur geringe Magen- 
störungen hervor und reizt in 1 — 2% Lösung nicht die Blasenschleim- 
haut), 8. angenehmer Geschmack. Es wird, in Wasser gelöst, zu 8—4 — 8 g 
pro die in 8— 6stündigem Intervall gegeben; zu Blasenspülungen werden 
80 — 100 cm* einer 1 — 2*/^ Lösang verwendet. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Rosenthal, Paul (Berlin). Über Helmitol. ein neues Harn- 
antiseptikum. Aus Dr. Max Josephs Poliklinik f. Hautkrankheiten. 
Therapie der Gegenwart. Dezember 1902. 

Verfasser empfiehlt das auf obiger Klinik versuchte Medikament, 
das ähnlich wie Urotropin, aber stärker wirkt; dasselbe ist eine Ver- 
bindung der Anhydromethylenzitronensäure mit Urotropin und seine 
Wirksamkeit beruht auf der Abspaltung von Formaldehyd. Dieses Mittel, 
„Helmitol* genannt, stellt ein in Wasser lösliches Pulver dar, das einen 
an Zitronensäure erinnernden Geschmack besitzt. Einzelgabe pro dos. 
1 — iVs St pro dio ^~^ 9' ^M Präparat wird gut vertragen, auch von 
Seiten der Niere. Verfasser führt einige Krankengeschichten an und 
fordert zu weiteren Versuchen auf. Der Nachweis des freien Formaldehyd 
im Harn geschieht mittelst Phloroglucinlösung (auf 10 cm* Harn einige 
Tropfen, dann schütteln, Zusatz von 2 em* Natronlauge t Rosafärbung, 
Reaktion nach Jorinen) oder mit Ferrizyankalium und Natronlauge. 
Angewendet wurde das Helmitol bei Urethritis gonorrh., Cystitis und 
Prostatitis chron. Rudolf Böhm (Prag). 

Fürst, M. Zur Kenntnis des Diosmal-Runge (Estr. fol. 
Bucer) und seine Anwendung in der Behandlung der Harn- 
krankheiten. Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Fürst verwendet Diesmal in Pillen (2 — 6 dreimal täglich ä 0*15) 
oder Kapseln (2—4 dreimal täglich ä 0*8 — 0.5), bei akuten Gonorrhoen 
und Blasenkatarrhen. Es scheint in derselben Weise zu wirken, wie 
Santal, Copaiva u. s. w., macht jedoch keine Magen- oder Darmbeschwerden, 
keine Erytheme. F. ist mit der Wirkung sehr zufrieden. 

Ludwig Waelsch (Prag). 



der Geschlechtskrankheiten. 229 

Kamowski, A. y. Ein Fall von positiyem G;onokokken- 
befand in einem epididymitischen Abszeß. Monatshefte f. 
prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Nach Tmonatlichem Bestände der Gonorrhoe akquirierte der Pat. 
Ks. infolge Traumas eine Epididymitis. Nach 2moDatlichem Bestände 
ist der Nebenhoden auffallend hart, ebenso der Samenstrang. Wegen 
dieses Befundes Verdacht auf Tuberkulose, der immer berechtigter wird, 
da nach weiteren 6 Wochen der unregelmäßig verdickte Nebenhoden 
durch einen Strang, welcher in einem kleinen Abszeß der Skrotalhant 
mündet, an die letztere zugelötet war. Proliferation des Abszesses; in 
dessen Eiter Gonokokken, keine anderen Mikroorganismen. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Yogel, Karl. Zur galvanokaustisohen Behandlung der 
Prostatahypertrophie nach Bottini. Dtsch. med. Woch. Nr. 12. 
19. März 1903. 

Über zwei besonders unglücklich verlaufene Fälle berichtet Yoge 1. 
Bei einem 71jährigen, sonst gesunden Patienten wurde bei mit Borsäire 
gefüllter Blase ohne Narkose uud ohne daß der Patient Schmerzen oder 
Schwäche äußerte, die Bottini sehe Operation mit dem Freudenberg- 
schen Instrument gemacht Trotzdem trat in unaufgeklärter Weise nach 
kaum einer Stunde der Tod ein. Die Sektion ergab keine Embolie. 
Indessen lehrte die Autopsie der Blase, daß die Inzisionen nur wenig tief 
gingen und keine Substanz Verringerungen bewirkt hatten. Verf. schrieb 
diese Abschwäohung der Glühkraft der Borsäure in der Blase zu uni 
operierte einen anderen an hochgradiger Prostatahypertrophie (keine 
Gystitis) leidenden Patienten bei leerer Blase. Derselbe verschied nach 
48 Stunden an akuter Peritonitis. Die Sektion zeigte einen die ganze 
Blasenwand perforierenden Schnitt, welcher von dem Instrument ver- 
ursacht sein mußte. Verfasser warnt vor der Operation bei leerer Blase, 
da man dabei nie sicher sein könne, bei Drehung des Instruments nicht 
eine Falte der Blase mitzufassen und zu verletzen. Ein ähnlicher Fall 
wurde bereits von Freudenberg berichtet. Die Anfnllung der Blase 
mit Luft wäre vielleicht ein Ausweg, um sowohl die starke Abkühlung 
des Incisors durch Flüssigkeit als auch die Faltenbildung der Blase zu 
Ter hindern. Vielleicht wäre bei leerer Blase auch die Beckenhoch - 
lagemng eine zweckmäßige Vorsichtsmaßregel. 

Max Joseph (Berlin). 

Venerische Helkosen. 

Himmel, J. Über die Immunität der Tiere gegenüber 
dem Bazillus des weichen Schankers. Journal russe de mal. cut. 
1901. Nr. 9. 

Nach einer ausführlichen Literaturübersicht beschreibt Himmel 
seine bei Metschnikow angestellten Experimente und kommt zu folgen- 
den Schlußsätzen: 



230 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Das geronnene nnd eine Zeitlang gestandene oder eine halbe 
Stünde auf 66° erhitzte Blat (die Versuche sind am Meerschweinchen 
gemacht) ist ein guter Nährboden für die Bakterien des weichen Schankers. 
Schon nach 6 — 8 Stunden zeigt sich eine deutliche Vermehrung derselben, 
ein Umstand, der Ton difierential-diagnostisch-klinischer Bedeutung 
werden kann. Die Ducrey-Kreftingschen Bakterien haben im Organis- 
mus von Meerschweinchen, der durch verschiedene Agentien geschwächt 
wurde (Abkühlung der Tiere auf 4—6^ Hungern, tnb. Infektion des Bauch- 
fells etc.) eine längere Lebensfähigkeit. Durch Milchsäureinjektionen (4—6 
gtt. auf einen cm* phys. Na Cl.-Lösung) und Antialexininjektionen kann 
man die Virulenz der Mikroorganismen steigen, so daß die Injektion einer 
derartigen Kultur ein Tier in 16—24 Stunden tötet Das Antialezin hält 
die Leuko- und Phagocytose hintan, vernichtet die Agglutination und setzt 
die Immunität des lebenden Organismuses herab. 

Richard Fischer (Bad Hall). 

üllmami, Karl, Wien. Über das Vorkommen von extra- 
genitalen weichen Schankergeschwüren. Wiener medizinische 
Wochenschrift 1902, Nr. 26—30. 

Ullmann beschreibt 3 Fälle von extrageniialen ülcera mollia mit 
der Lokalisation an den Fingern, hebt den Wert des mikroskop Befundes 
von D u er ey sehen Stäbchen in solchen Fällen hervor, sowie den günstigen 
Einfluß der Heißlufttherapie. Anschließend daran bespricht der Autor 
die umfangreiche Literatur, welche er kritisch beurteilt. 

Viktor Bandler (Prag). 

€edercreutz, Axel. Beiträge zur Kenntnis des Bubo i n- 
guinalis und den Wert einiger Bubobehandlungen. Therapie 
der Gegenwart. August 1902. 

Verfasser untersuchte ein Material von 371 Kranken an der der- 
matologischen Universitätsklinik in Breslau bezüglich des Wertes der 
verchiedenen Bubobehandlungen und kommt dabei zu folgenden An- 
scbauungen : 

1. In mindestens V^ aller Buboinguinalisfölle kann die venerische 
Ursache der Affektion nicht festgestellt werden. 2. In etwa Ve ^^^ Fälle 
von nach Ulcus molle entstandenen Leistenbubonen sind die Drüsen- 
schwellungen bilateral. Sonst verteilen sich die nach Ulcus molle ent- 
standenen Bubonen ziemlich gleich auf die beiden Seiten mit einer ge- 
ringen Bevorzugung der linken Seite. 8. Die sogenannten abortiven Bubo- 
behandlungsmethoden sind zu unterlassen. 4. Soweit wie möglich sind die 
Bubonen konservativ- exspektativ zu behandeln. Sehr empfehlenswert sind 
hiebei: heiße Sandsäcke, Spiritusverbände (mit untergelegter Zinkpaste), 
essigsaure Thonerdeum schlage und in den allerersten Stadien Eisblasen. 
6. Bei eingetretener £iterung — und besonders in Fällen, wo nur eine 
einzelne Drüse vereitert ist, ist eine kleine Inzission mit nachfolgender 
Injektion (eine oder mehrere) von Argen tumnitricumlösung l^o bis 79/ 
(Lang) oder — in den meisten Fällen noch lieber — Jodoform vaseline 
10^/0 zu empfehlen. Etwa '/4 oder % der so behandelten Bubonen heilen 



der Gesohlechtakrankheiten. 231 

ohne größere operaÜTe Eingriffe. Die dnrchBohnittliche Heilongsdaner 
dieser F&lle kann aof etwa zwei Wochen gesch&tzt werden. 6. Als nlti- 
mnm refngiwn ist die breite Inzission mit Aaskratznng und Jodoform- 
gazetamponade oder die Totalexstirpation der Drasen yorzunehmea. Die 
dnrohBchnittliche Heilongsdaner der so operierten Babonen kann auf vier 
bis sechs Wochen geschätzt werden. Radolf Böhm (Prag). 



Syphilis. Allgemeiner Teil. 

Button. Übertragung der Syphilis in die dritte Gene- 
ration. RcYue d'hygiene et de medecine infantiles. Tom. I. 1902. 
pag. 177. 

In der Gesellschaft far das Studium der Einderkrankheiten in 
London berichtete Hutton über folgende Beobachtung, welche die 
Möglichkeit der Syphilisübertragung in die dritte Generation beweisen 
soll, dem Referenten aber durchaus nicht einwandfrei erscheint. 

Kind Kind, welches mit hereditärer Syphilis behaftet, in der 
5. Lebenswoche verstirbt, stammt von einem absolut syphilisfreien Vater 
und einer Mutter, deren Vater vor der Zeugung derselben sicherlich 
syphilitisch war. Die Mutter des in Rede stehenden Kindes uud Tochter 
des vorerwähnten syphilitbchen Vaters litt bis zum Alter von 16 Jahren 
an „Psoriasis syphilitica**. Sie heiratete mit 22 Jahren. Aus der betref- 
fenden Ehe gieng nur dieses eine in Rede stehende Kind hervor. 

In diesem Falle ist weder bewiesen, daß der Großvater vor der 
Zeugung bereits syphilitisch war, noch ist ausgeschlossen, daß in der 
zweiten Generation die Syphilis eine hereditäre war, daher hat die Beob- 
achtung für die Frage nach der Existenz einer Übertragung der Syphilis 
in die dritte Generation keinen Wert. Hochsinger (Wien). 

Jadassohn (Bern). Zur Statistik der tertiären Syphilis. 
Antikritische Bemerkungen. Klinisch- therapeut. Wochenschrift 1902, Nr. 39. 

Anschließend an die Arbeit Webers aus Jadassohns Klinik 
polemisiert der Autor in diesem Aufsatz gegen die sachliche Kritik, welche 
Blasohko an der ersten * statistischen Arbeit von Raff veröffentlicht 
hat. Die Einzelnheiten dieser Antikritik müssen im Original nachgelesen 
werden. Viktor Band 1er (Prag). 

Weber Emil, Bern. (Klinik Jadassohn.) Zur Statistik der 
tertiärenSyphilis. Klinisch-therapeut. Wochenschrift 1902, Nr. 34 — 38. 

Weber hat das Material, das er bearbeiten konnte, von ver- 
schiedenen Gesichtspunkten aus gesichtet; er versuchte die Häufigkeit der 
tertiären Lues zu konstatieren, ihre Beziehungen zur Behandlung aufzu- 
decken, die Häufigkeit der Rezidiven, sowie den Zeitpunkt des Auftretens 
tertiärer Lues festzustellen. Zu Gebote standen ihm das klinische 
Material der Berner Klinik und das Privatmaterial von Jadassohn 
aus der Breslauer Privatpraxis. Als Werte fand er unter 1081 Lues- 



232 Bericht über dio lieistnngeD auf dem Gebiete 

fallen 181=17l7o tertiäre Fälle, im PriTatmaterial unter 345 Lnes- 
fallen 49»14*SVo tertiäre, Groen hat eine mittlere Perzentzahl Yon 
ll*8Vo erhalten. Unter Webers tertiären Lnesf&llen fand sich eine 
hohe Zahl von unvermittelter Spätsyphilis, unter 185 klinisch-tertiären 
Fällen 106='67*37o, unter 49 privaten tertiären ]3s"26'57, Syph. oecnlta. 
Weiters stellte Weber Betrachtungen über die Beobachtungsdauer an 
und fand, daß vom klinischen Material 70*lVo t^^^ i^ !• J^^^i* der Infekt, 
resp. im 1. Jahre nach Auftreten der sec. Erscheinungen in Beobachtung 
blieben, beim privaten Material war die Zahl dieser nur im ersten Jahre 
Beobachteten 41%. Unter dem klinischen Material ist bei mehr als der 
Hälfte der Fälle die Infektion unbekannt, unter dem privaten Material 
ist das Verhältnis von bekannter zu unbekannter Infektion 11:1. Bei 
den tertiären klinischen Fällen haben nur 56 die Infektion bekannt und 
davon beobachteten 25 nur den Primäraffekt, 20 nur Imal sec. Erschei- 
nungen, von 86 Fällen des Privatmaterials haben 11 nur den Primär- 
affekt, 16 nur Imal sec. Erscheinungen beobachtet, so daß man sagen 
kann, die meisten tertiären Luetiker hatten weder einen schweren Primär- 
affekt, noch schwere oder besonders häufige Sekundärersoheinnngen. 
Von d en 185 tertiären Fällen haben 143^77'87o» ^on den 49 privaten 
tertiären haben 20»:s40*87o der Fälle keine Behandlung durchgemacht 
Von den Syphilitikern, die im 5.— 10. Jahre post. inf. standen, waren 
unter denen, die keine oder höchstens 1 Kur durchgemacht hatten, GOyQieTÜikTf 
unter denen, mit wenigstens 2 — 3 Euren 16'7Vo ^^^ unter denen mit 
4 und mehr Euren 13*67o tertiäre Fälle. Dem zeitlichen Auftreten nach 
dem Infektionstermine nach fand Weber die ersten tertiären Erscheinungen 
im 1.— 5. Jahre bei44*67o) im 5.— 10. Jahre bei 30*47., nach dem 10. Jahre 
bei 25*l7o< Zuletzt widmet Weber einige Bemerkungen den wieder- 
holten Rezidiven bei tertiärer Lues; Fournier fand unter seinem Material 
15 — 167o ^^^^^ tertiären Syphilitischan mit Rezidiven, W«ber ll*47o mit 
tertiären Rezidiven für die Elinik und 12'27o ^i* die Privatprazis, zugleich 
zeigte sich, daß die nur mit Jod behandelten tertiären Fälle häufiger 
Rezidiven zeigen, als solche, die auch nur mit Hg behandelt wurden. 
Als Anhang gibt der Autor eine Tabelle über die extragenitalen Primär- 
affekte und stellt fest, daß unter 540 Primärsklerosen der Elinik 507 genital 
und 33=6*107o extragenital waren. Viktor Bandler (Prag). 

Sukow, N. Ein Fall von Reinfectio syphilitica. Journal 
russe de mal. cut. 1901. Nr. 7. 

1892 erste Infektion von Allgemeinerscheinungen begleitet. 1897 sah 
ihn Sukow mit Leukoplasien (Plaques ?;, die einer Hg-Behandlung weichen. 
Im Mai 1900 Reinfectio, typische Huntersche Sklerose, Sklerademtis 
cruralis und Roseola. Nach Injektionen und Einreibungen Rückgang 
der Symptome. Richard Fisch el (Bad Hall). 

TarnoTsky, W. M. Atypische Formen von Syphilis. 
Journal russe de mal. cut. etc. 1901. pag. 71. 

Die vorliegende Arbeit ist der Charakteristik der Syphilis binaria 
gewidmet, worunter die von direkten Nachkommen von Syphilitischen 



der Geschleohtskrankheiten. 283 

erworbene Lues verstanden wird. Außer den sioli darch nichts von dem 
normalen Verlauf erworbener Syphilis unterscheidenden Formen, werden 
drei Typen herausgehoben: die S. abortiya (bloß Entwicklung des Initial» 
affektes und Polyadenitis), S. levis gradus (leichte Rezidiven) 8. atypica 
propria sie dictu, die wieder leicht und schwer verlaufen kann und sich 
durch Unregelmäßigkeit der Aufeinanderfolge und Länge der Pausen 
swischen den einzelnen Erscheinungen auszeichnet. Einen deletären Ein- 
fluß hat die S. binaria auf die Nachkommenschaft 8ie erzeugt die 
doppelte Anzahl von Aborten, Todgebiirten und Sterbefällen im ersten 
Lebensjahr als die Lues hereditaria des zweiten (Geschlechtes. Das Aus- 
sterben ganzer Familien und die Verödung ganzer Ortschaften kann durch 
sie bewirkt werden. Richard Fischöl (Bad Hall). 

Jüdin, P. Zur Kasuistik des syphilitischen Fiebers. 
Journal de mal. russe 1901. Nr. 7. 

Drei Wochen vor Beginn des Ausbruchs des makulo-papulopustu- 
lösen ersten Exanthems Temperatursteigerungen, die sich über einen 
Monat erstreckten und eine abendliche Höhe bis 39*6 erreichten. All- 
mählicher lytischer Abfall der Temperatur unter der eingeleiteten Hg- 
I^jektionsbehandluug. Das Fieber wird als besonderes Symptom der 
luetischen (in diesem Falle bösartigen) Infektion aufgefaßt, da es unab- 
hängig von den Eruptionsataken (Periostitiden, subkutane Infiltrate) 
auf trat. Richard Fischöl (Bad Hall). 

Poltawzew, A. P. Die Veränderungen der Schilddrüse 
bei Syphilitikern in der zweiten Inkubation und der Erup- 
tionsperiode. Journal russC de maladies cutan6es etc. 1901. pag. 85. 

Unter 85 Syphilitikern ließen sich bei 86 Kranken eine meßbare 
allerdings nur unbedeutende Vergrößerung der Schilddrüse nachweisen. 
Diese darf nicht als gleichgültige Affektion aufgefaßt werden, da sie 
unter entsprechenden BediDgungen zu einer tiefgreifenden und dauernden 
VeranderuDg des Organs (kolloide Degeneration in einem Falle des 
Autors) fuhren kann. Eine deutliche Schwellung der Drüse, ein sogenannter 
syphilitischer Kropf muß allerdings als Ausnahmefall betrachtet werden. 
Interessant ist die Bemerkung Poltawzews, daß sich bei einigen Patienten 
mit Vergrößerung der Gl. thyreiodea Störungen der Herzaktion einstellten. 

Richard Fischöl (Bad Hall). 

Dolgopolow, N. Über Syphilis der inneren Organe bei 
der Landbevölkerung. Journal russe de mal. cnt. etc. 1901. pag. 481. 

Unter 2770 Syphilitikern, die sich auf 27 Ortschaften verteilen, 
konnte in 30 Fällen (14 Männer, 11 Frauen, 5 Kinder), also in etwas 
mehr als l7o Syphilis der inneren Organe konstatiert werden. 14mal war 
die Leber affiliert, Bmal das Herz, 4mal die Lungen, in zwei Fällen der 
Magen, je einmal Pleura und Mediastinum. Einer ziemlich ausführlichen 
Literaturangabe mit eingeflochtenen Krankengeschichten der Autoren 
folgen die kurzen Notizen über das selbstbeobachtete Material. Im Beson- 
deren kamen von der Syphilis der Leber 7 Fälle an interstitieller Hepa- 
titis, Smal Perihepatitis syphilitica und 4m al gummöse Affektionen zur 



234 Bericht fiber die Leistungen anf dem Gebiete 

Beobaohtong. Die Erkrankungen des Hersens betrafen 4mal das rechte 
Hers oder das Septnm, 4mal den linken Ventrikel, von denen awei Falle 
mit Hypertrophie desselben einhergingen. Bei einem Patienten wnrde 
eine gummöse Veränderung der Lungen mit Gavernenbildung, bei den 
anderen dreien interstitielle Prosesse diagnostisiert, wobei die Hämoptoe 
bei den letsteren auf einen Zerfall yon gummösem Gewebe schlieflen 
läßt. Von Interesse sind die Bemerkungen über die derseitigen herrschenden 
Ansichten, die Behandlung der Komplikation der Lungensyphilis mit 
Phthise betrefifend. 

Ein wichtiges Moment snr ünterstütsung der oft schwierigen 
Diagnose waren die nach Ortschaften geführten separaten Aufzeichnungen 
über die vom Autor behandelten Syphilitiker. Diese gestatten auch einen 
Einblick über die Verbreitung der Seuche unter der LandbeTÖlkemng. 
Energische gemischte spezifische Behandlung ohne Rücksicht auf den 
Allgemeinzustand ist empfehlenswert. 

Richard Fischel (Bad Hall). 

Omeltschenko, Th. Ein Fall von primärer Syphilis in 
anatomisch-pathologischer Beziehung. Journal rosse de mal. 
cut 1901. Nr. 10. 

Genauer Obduktionsbefund eines im Initialstadium der Syphilis 
durch Selbstmord geendeten Offiziers. Anfertigung histologischer Präpa- 
rate aller Organe. (Fixierung nach Flemming.) Der mikroskopische 
Befund ergab: Segmentatio myocardii, Periarteriitis bes. ausgesprochen 
an den Gefäßen der Hirnrinde, Wandverdickung der Arterien der Pia. 
Proliferation der Intima bloß an den Gefäßen der Sklerose. Proliferation 
der Lymphocyten und Fettdegeneration derselben in den beteiligten 
Ing^inaldrnsen, gleiche Veränderungen in der Milz. Fettdegeneration der 
Leber, Hoden und Nieren- Kanälchen, in letzteren auch trübe Schwellung. 
Der bakteriologische Befund aus dem Herzblut, Milz, Leber, Lymph- 
drüsen negativ. Anamnestische Daten über früher durchgemachte Er- 
krankungen und Lebensweise waren nicht zu erlangen! Das Alter des 
Patienten ist nicht vermerkt. Richard Fischel (Bad Hall). 

Berliner, C. ZurDifferentialdiagnose der Syphilis and 
syphilisähnlicher Arzneiexantheme. Monatshefte für prakt. 
Dermatologie. Bd. XXXV. 

Berliner weist an der Hand interessanter Fälle von Arzneiexan- 
themen auf die große Ähnlichkeit der letzteren mit denen der Syphilis 
hin. Ludwig Waelsch (Prag). 

Rille. Über eine bei Syphilistischen vorkommende 
Queoksilberreaktion. Dtsch. med. Woch. Nr. 6. 5. Feber 1903. 

Im Hinweis auf eine von K Herxheimer und Krause in Nr. M 
dieser Wochenschr. beschriebene reaktive Hauterkrankung bei mit Queck- 
silber behandelten Syphilitikern macht Rille darauf aufmerksam, daß 
nicht nur die dort zitierten J arisch und Jadassohn sondern auch er 
diese Erscheinung beobachtet habe. Dieselbe sei sowohl in seinem Lehr- 
buch als auch in einer aus seiner Innsbrucker Elinik von Baer veröffent- 



der Geschlechtskrankheiteii. 235 

lichten Arbeit als rote Flecke beschrieben, welche außer der Steigerung 
der Roseola besonders nach subkutanen Injektionen auftraten. Ein ähn- 
liches universelles, erythematös oder scharlachartig aussehendes Exanthem 
stellte sich auch bei nichtsyphilitischen Patienten ein, welche gegen 
Eonpensationsstörnng mit Ealomelpulvem behandelt worden waren. 

Max Joseph (Berlin). 

BftTaut, iltude cytologique du liquide cephalo - ra- 
chidien chez les syphilitiques. Ann. de dermatol. et de syphiligr. 
1908 p. 1. 

Ravaut berichtet im Anschluß an die bisher erhobenen Befunde 
von Milian, Grouzon u. a. über Untersuchungen der durch Lumbal- 
punktion gewonnenen Cerebrospinalflüssigkeit yon Syphilistischen. In den 
Fällen von luetischer Gephalalgie ist ein größerer Reichtum an Lympho- 
cythen in der Cerebrospinalflüssigkeit nur äußerst selten zu konstatieren 
und steht derselbe auch in keinem Verhältnis zur Intensität der Kopf- 
schmerzen. Bei luetischer Hemiplegie ist die Leukocythose der Cerebrospinal- 
flüssigkeit konstant und ist dieses Symptom differentialdiagnostisch gegen- 
über der durch Haemorrhagie entstandenen Hemiplegie verwertbar. In 
einem Fall von in Heilung begrifiener luetischer Okulomotoriuslähmung 
war das Resultat ein negatives, reichliche Lymphocythen fanden sich 
aber bei einem Fall von Facialislähmung im sechsten Monat der Syphilis, 
bei welchem auch 3 Wochen später, nach Abklingen der Lähmungs- 
erscheinungen, eine Abnahme der Lymphocytose konstatierbar war. In 
einem zweiten Fall, wo die Lähmungserscheinungen schon fast völlig 
geschwunden waren, fand sich gleichfalls reichliche Lymphocytose 
der Cerebrospinalflüssigkeit. Hingegen war das Resultat in zwei Fällen 
luetischer Iritis, bei welchen längere Zeit seit der Infektion verstrichen 
war, negativ. Auch bei der Tabes ist die Lymphocytose umso hochgradiger, 
je jüngeren Datums sie ist. Bei der progressiven Paralyse bildet die 
Lymphocytose ein so konstantes Symptom, daß wo sie fehlt, diese Dia- 
gnose fallen gelassen werden muß. — Die bisherige Literatur findet in 
der interessanten Arbeit ausgedehnte Berücksichtigung. 

Walther Pick (Wien). 

Smirjagin, M. Blutveränderungen bei Syphilitikern in 
der Spät Periode. Journal russe de mal. cut. 1901. p. 200. 

Die an 5 Hereditärsyphilitischen und 30 gummösen und Latent- 
syphititischen angestellten Blutuntersucbungen ergaben: die Zahl der 
roten Blutkörperchen ist normal oder unbedeutend vermindert, steigt 
während der spez. Behandlung, um am Ende ders. sich stets vermehrt 
zu erweisen. Die Zahl der Leukocyten ist anfänglich erhöht, fallt während 
des therapeutischen Eingriffs und ist zum Schluße desselben immer ge- 
ringer als zu Beginn. Die vor der Behandlung geringeren Hämoglobin- 
werte zeigen eine stetige Zunahme. Die einzelnen Formen der weißen 
Blutkörperchen verhalten sich verschieden. In allen Fällen beobachtet 
man Erythrocyten mit hellem Focus, deren Anzahl während der Ab- 
heilung der Erscheinungen sich vermindert. 

Richard Fisch el (Bad Hall). 



236 Bericht über die Leistungen aaf dem Gebiete 

Rage, Bei ahold. Syphilis and Malaria. Eine parasitologische 
Hypothese. Zentralblatt für Bakteriologie etc. Bd. XXXII. pag. 596. 

Rage bringt in seiner vorliegenden Skizze alle die Erscheinangen 
and Erfahrungen, die als sicher erwiesen bei der Malaria gelten können, 
in Parallele mit gleichen oder ähnlichen Erscheinungen der Syphilis. 
Beide Krankheiten haben eine ausgesprochene, begrenzte Inkubationszeit. 
(Verfasser sieht den Primäraffekt als Äußerung der Allgemeininfektion an.) 
Beide sind nur in bestimmtea Stadien übertragbar, beide hinterlassen 
eine ausgesprochene, lange anhaltende Immunität, beide haben ausge- 
sprochene Neigung zu Rückfällen. Bei beiden Krankheiten ünden sich 
die Erreger auch in inneren Organen, besonders im Gehirn. Beide Krank- 
heiten sind nur zu bestimmten Zeiten therapeutisch zu beeinflußen, 
weshalb es auch nie gelingt, die Syhilis durch Abortivkoren zu heilen. 
In Analogie mit dem Verhalten des Malariaerregers stellt sich der Ver- 
fasser vor, daß der als Protozoe angesprochene Erreger der Syphilis eine 
geschlechtliche und eine ungeschlechtliche Form bildet, letztere im infek- 
tiösen Frühstadiam vorhanden ist, während letztere im nicht mehr infek- 
tiösen Spätstadium gebildet wird. Weiterhin wirkt das Chinin nur in 
bestimmten Zeiten auf die ungeschlechtlichen Formen der Malariaproto- 
zoen ein, nicht aber auf die geschlechtlichen. Das Hydrargyrum wirkt 
in gleicher Weise nur im Frühstadium, dem der ungeschlechtlichen Keime, 
versagt aber im Spätstadium dem der geschlechtlichen. Bei genügend lange 
fortgesetzter Ghininhehandlung, intermittierender Chininbehandlung wird 
die Bildung von geschlechtlichen Keimen beschränkt, die Entwickelung 
der ungeschlechtlichen verhindert und damit die Rezidive. Die gleichen 
Erfolge weist die chronisch intermittierende Behandlung der Syphilis 
auf. Der verschiedene Ubertragangsmodus beider Erkrankungen kann 
nach Verfasser kein absoluter Gegengrund gegen die Annahme sein, daß 
der Syphiliserreger ein Protozoe sei, da auch bei diesen direkte Über- 
tragungen vorkommen, z. B. beim Coccidium oviforme. 

Wolters (Rostock). 

Schüller, Max. Über eigenartige Parasitenfunde bei 
Syphilis. Zentralblatt für Bakteriologie etc. Bd. XXXII. pag. 342. 
433, 489, 609. Mit 6 Tafeln. 

Schüller beschreibt in seiner vorliegenden, sehr ausführlichen 
Arbeit, die sich wegen ihrer Details zu einem kurzen Referat nicht 
eignet, nicht nur sogenannte Parasiten bei Syphilis, sondern sucht den 
Nachweis zu erbringen, daß diese Gebilde die Erreger der Syphilis seien. 
Diese gehören nach seiner Auffassung wie die Erreger des Sarkom and 
Carcinom, über die er schon früher berichtet, zu den Protozoen. Er zieht 
dabei die Befunde Döhles und Kuznitzkys heran, Winklers Befunde 
scheinen ihm entgangen zu sein, und geht über die bisherigen bakt< rio- 
logischen Funde kurz hinweg. Die gefundenen Bildungen, denen nun der 
Autor eine ätiologische Bedeutung für die Syphilis za vindizieren ver- 
sucht, sollen sich in allen Produkten der Krankheit finden, sowohl die 
älteren Stadien, die großen Kapseln, als auch die jüngsten Stadien. Er 



der Geschlechtskrankheiten. 237 

fand sie in der Sklerose, in dem Condylom und dem Gnmma. In der 
Sklerose ließen sie sich in, nach der Abbildang, Skabiesgängen ähnlichen 
Bildungen nachweisen, die vielfach gewunden das Epithel durchdringen 
und in die Cutis gelangen. Die Farbe der G^nge wie der als Kapseln 
bezeichneten Bildungen sind ebenso wie die jungen Stadien von brauner 
Farbe, die nur nach dem angewendeten Beagens Nuanzen aufweist. Die 
glänzenden, blasigen Körper sind meist von rundlicher Form, oft auch 
von ovaler, mit rauher feinborstiger (I) Oberfläche mit fein radiärer 
Streifung« Vorwiegend scheint iur die jÜDgeren Stadien die dreieckige 
oder spitsrunde Form zu sein, vielleicht bedingt durch die engen Raum- 
verhältnisse der Gänge (?) Auch im zentralen Schorf (1) des Schankers 
sind die gewundenen Gänge mit Parasiten zu erkennen. Gleichwohl 
nimmt der Verfasser an, daß die Erreger durch einen kleinen Defekt im 
Epithel eingeimpft wurden. Die jüngsten Stadien finden sich auch 
innerhalb der verdickten Gefößwände. Alle Färbungen verändern mehr 
oder weniger „Form und Aussehen" der Parasiten, die aber deutlich die 
Hämosiderin-Reaktion geben ebenso, wie mit Rhodankalium die bekannte 
rötliche Eisenreaktion. (1) Bei Synovitis chronica villosa fand der 
Autor absterbende oder abgestorbene junge Organismen, so daß er glaubt, 
schließen zu dürfen, daß in diesen Fällen Syphilis vorausgegangen war. 
Auch bei Leprahaut fand er den geschilderten Bildungen ganz ähnliche, 
woraus er schließt, daß hier eine Komplikation mit Syphilis vorliege, ja 
er empfiehlt Lepragewebe darauf zu untersuchen „ob und inwieweit 
überhaupt alte Syphilis am Lepraprozeß beteiligt ist". Kulturen wurden 
in der Weise angelegt, daß exzidierte Stücke in Gläsern im Brutofen bei 
37 - 38 Grad zirka 10—14 Tage gehalten wurden. Das Gewebe wurde hier 
mißfarben, grau, schwarz, zerfloß aber nicht zu Brei, sondern ließ sich 
noch in Alkohol härten und schneiden, gab aber einen spezifischen wider- 
lichen nicht gewöhnlichen Fäulnißgeruch. ( 1 ) Die Desinfektion wurde vor 
der Ezzision nur dnrch steriles Wasser herbeigeführt. Von den Kulturen, 
die frei von Fäulniß (!) blieben, wnrden auch Impfungen auf Tiere 
gemacht, die aber meist bald wegen ungünstiger lokaler Verhältnisse (?) 
starben. Ein Kaninchen wurde in die Niere geimpft, überstand diesen 
Eingrifi', und wies die „Parasiten*' in mannigfacher Form in der Niere 
auf. Verfasser glaubt, daß die bisherigen Versuche, Syphilis auf Tiere 
zu übertragen, deshalb fehlschlagen, weil eine zu starke Abkühlung des 
Materials die Parasiten schädige. 

Trotz der eingehenden Versuche, die als ein wandsfrei wohl nicht 
gelten können, und trotz der geschilderten Befunde, müssen wir den 
Beweis, daß die gefundenen Bildungen die Erreger der Syphilis seien, 
als noch nicht erbracht ansehen. Die geschilderten „Organismen*^ lassen 
doch wohl auch noch eine andere Deutung zu. Wolters (Rostock). 

Panlsen, J. Bemerkung zur Lehre von den Syphilis- 
bazillen. Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXVI. 

Gegenüber Joseph und Piorkowski hebt P. hervor, daß er 
schon za. 7 Wochen vor der Publikation dieser Autoren über ihre Syphilis- 



238 Berickt über die Leistungen auf dem Gebiete 

bAzillen im Hamburger ärztlichen Verein diphtherie&hnliche, nioht säure- 
feste Bacillen, aus dem Blute Syphilitischer auf Sohweineserum gez&chtet, 
demonstriert habe. In ihren Arbeiten haben Joseph und Piorkowski 
aber dayon keine Notiz genommen. Ludwig Waelsoh vPi^)* 

Stromberg, Ch. Resultate der bakteriologischen ünte r- 
suchung bei Beobachtung des Gesundheitsznstandes der 
Prostituierten in Dorpat. Journal russe de mal. cut. etc. Nr. 10 — 12. 

Unter 161 Prostituierten, die der ständigen ärztlichen Eontrolle 
unterlagen, erwiesen sich 95 als minder gefährlich (der Gk>nokokkenbefund 
war in den Voijahren positiv), oder ungefährlich. (Gonokokken konnten 
niemals festgestellt werden, klinische Erscheinungen fehlten.) Erst Kultur - 
yersuche der Genital - Sekrete auf dem Thalmannschen Nährboden 
(Zentralblatt für Bakteriologie, Bd. XXVII) forderte das auffiillende Re- 
sultat zu Tage, daß nur zwei yon diesen Prostituierten sich bezüglich 
Gonorrhoe scheinbar als gesund zeigten, da die eine sich einer weiteren 
Untersuchung entzog, bei der zweiten eine wiederholte Untersuchung ein 
positives Resultat ergab. Die Leichtigkeit der Technik und die selbst 
unter den beschränkten Verhältnissen eines Ambulatoriums vom Autor 
ermöglichte Darchfuhrung lassen die kulturelle Untersuchung des Se- 
kretes, die sich der bloß mikroskopischen bei weitem überlegen erwies, 
zur strikten Forderung in Prostituiertenspitälern und Polikliniken werden. 
— Im Gegensatz zu Petersen und Qcke stimmen die Erfahrungen 
Scholzs, an Männern erbalten, mit denen des Autors überein. 

Richard Fischel (Bad Hall). 

Go]Ja(*howsky, P. Die Resultate der Syphilisüberimp- 
fung auf junge Schweine. Journal russe de mal. cut. 1901. p. 187. 

Die mit Blut und in phys. NaCl- Lösung verriebenen Papeln von 
nichtbehandelten Syphilitikern geimpften Schweine zeigen nur ver- 
größerte Lymphdrüsen des Halses und der Leistengegend, kein Exanthem. 
Bei der nach 5 Monaten vorgenommenen Sektion zeigten sich als haupt- 
sächliche Veränderungen Hyperplasie des Bindegewebes, der Lymphknoten 
und in einem Falle eine herdweise Verdickung des submukösen Bindegewebes 
des Magens. Die Resultate divergrieren mit den Befunden Hügels und 
Holzhausers; der Autor empfiehlt jedoch die Versuche fortzusetzen, 
indem man Tiere durch geeignete Vorbehandlung für die Infektion 
empfanglich macht. Richard Fischel (Bad Hall). 



Syphilis der Hant, Schleimhaut etc. 

Meade, J. Noonan. A Gase of hard Ghancre of npper Lip 
supposed Source of Inoculation. British Medical Journal 
Nov. 22. 1902. 

Ein ca. 20j ähriges Mädchen zeigte an ihrer Oberlippe ein ca. eine 
Woche altes Geschwür von offenbar spezifischen Charakter. Das Mädchen, 



der GesohlechUkrankheiten. 239 

eine Tirgo, verneinte jemanden gekfißt zn haben, anßer eine Freondin 
vor mehreren Monaten. Patientin war in einem Gesohäft angestellt and- 
hatte daselbst Zettel aof Packete zu kleben, die sie ihrer Gewohnheit 
nach mit den Lippen anfeuchtete. Da die Affektion luetisch schien, 
Würde Quecksilber und Jodkali intern gegeben. Nach za. 2wöchentlicher 
Behandlung stellten sich Haarausfall und ein Exanthem ein, weiters Er- 
scheinungen an den Schleimhäuten. Nach za. einem Monat war das Ge- 
schwür unter Narbenbildung geheilt, während ausgesprochene sekundäre 
Erscheinungen auftraten. Rudolf Böhm (Prag). 

de Rothsehild, H. Syphilides maculo-papuleuses chez 
un nourrisson. Revue d'hygi^ne et de m^decine infantiles. Tom I. 
1902. p. 161. 

Bei einem 2 Monate alten, 8860 g schweren Kinde fanden sich teils 
hellrote Flecke, teils ulzerierte Papeln am Stamme verteilt, deren here- 
ditär-syphilitische Natur von Rothschild an der Hand einer außer- 
ordentlich gelungenen Chromolithographie demonstriert wird. 

Hochsinger (Wien). 

de Rothsehild. Syphilis acquise chez un enfant de 3 
ans et Va« Revue d'hygidne et de m6dicine infantiles. Tom I. Nr. 3, 1902- 

de Rothschild teilt die Krankengeschichte eines 3 VJ ährigen 
Kindes mit, welches einen Primäraffekt an der Zunge und Plaques mu- 
queuses in der Mundhöhle darbot. Der Vater des Kindes hatte sich nach 
der Geburt des letzteren außerehelich infiziert, seine I<'rau, also die 
Mutter des Kindes angesteckt und war auch die Quelle der Syphilis für 
sein Kind auf dem Kontaktwege geworden. Hochsinger (Wien). 

Matzenauer, R. Muskelsyphilis im Frühstadium. Monats- 
hefte für prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Matzenauer schildert das klinische und histologische Bild der 
Mnskelsyphilis u. zw.: 1. multiple Myositis diffusa und gleichzeitig er- 
weichte Muskelgummen im Frühstadium (bei Syphilis maligna praecox 
eines Potators), 2. Myositis diffusa mit Gewebseinschmelznng im Früh- 
stadium (bei sonst normalem Syphilisverlauf) (2 Fälle), 3. Myositis im 
Frühstadium (mit normalem Verlauf) (6 Fälle), 4. Myositis im Spätstadium 
(4 FäUe). 

Auf Grund seiner, die bisherigen bestätigenden histologischen Be- 
funde, spricht sich Matzenauer dahin aus, daß eine Trennung dnr 
Myositis diffusa von der M. gummosa nicht statthaft sei. Die Lewinsche 
Statistik über vermeintlich ausschließlich diffuse Muskelerkrankung er- 
scheint Matzenauer nicht einwurfsfrei. Auch die Lewinsche Be- 
zeichnung Myositis intertitialis s i v e diffusa erscheint ihm verfehlt. Er 
möchte lieber die diffuse von der umschriebenen Myositis trennen, 
zwischen welchen Übergangs formen bestehen. Zum Schlüsse stellt 
Matzenauer die bisher beschriebenen Fälle von Myositis diffusa (87 Fälle^ 
darunter 11 eigene) zusamnen. Ludwig Waelch (Prag). 

Thimm, P. Ein eigenartiges hämorrhagisches Syphi 
der Haut. Dtsch. med. Woch. Nr. 14. 2. April 1903. 



240 Berielit ober die Leistungen mf dem Gebiete 

Nmch eingehender Wnrdifrnng der in der LHenUnr nber dieee 
seltene Erveheinnng bettdienden Aaaicbten berichtet Thi mm tiber eines 
Fell himorrhftgiscber Haaterkranknog im Frfihstndinm der Lnea. Der 
Pfti. bekam etwa 4 Wochen nach Auftreten de« Priminffektes ein graft- 
papulöees Exanthem, wahrend dai Allgemeinbefinden eich sehr Ter- 
schleehterte: Schwache, heftige Kopf- und Oelenkachmenen, Fieber, 
YergröDerung der Mils. 2 Tage spiter erschieneo grellrote, runde, 
etwa dmarkttnckgroße, etwas erhabene Flecke, deren Zentrum sich all- 
mAhlich dunkler fSrbte und binnen 8 Tagen su einer mit dnnklem, 
flüssigem Blute gefüllten Blase gestaltete. Der Omnd einiger geplatsten 
Blasen erschien schlaff^ dnnkelrot, sehr empfindlich, bildete dann ein nur 
wenig Sekret absonderndes Geschwür und nahm nach Eintrocknung cor 
Kruste das Aussehen einer Rupia syphilitica an. Völlige Heilung erfolgte 
unter Injektionen von Snblimatkochsalslösung neben warmen Soolbidem 
und lokalem Kalomelgebrauch. Verfl weist ans dem Krankheitsbilde nach, 
daß nicht etwa eine koniridierende Dermatose Torliege, sondern nur die 
syphilitische Erkrankung als Ursache der Hämorrhagien anzuschuldigen 
sei. Leider wollte der Fat. eine mikroskopische Untersuchung der Herde 
nicht zulassen. Verl nimmt an, daß das syphilitische Virus die peripheren 
Gefäße geschadigt habe, wobei als disponierende Momente der elende 
Krftfiezustand, schlechtes hygienisch-diätetisches Verhalten, ein längerer 
Aufenthalt in den Tropen und eine dort erw< rbene Infektion mitsprechen 
könnten. Max Joseph (Berlin). 

Lebedew, A. Ein Fall von sogenanntem ^Pemphigus 
syphiliticus adultorum''. Journal russe de maL out etc. 1901. Nr. 8. 

6 Jahre nach dem Primärafiekt entwickelten sich bei dem Patienten 
neben Papeln an den Handflächen und Fußsohlen auf entzündlich infil- 
triertem Grande bis erbsengroße Blasen. Aus den Literaturangaben geht 
die große Seltenheit ähnlicher Fälle henror. Auf eine spezifische Be- 
handlung verschwinden die Blasen ohne Hinterlassang irgend welcher 
Folgen. Der sogenannte Pemphigus syphil. adultorum ist eine Modifi- 
kation eines papolösen — ein papulo-vesikulöses Syphilid. 

Richard Fischöl (Bad HaU). 

Spitzer, Ludwig. Über Garcinombildung auf gummösem 
Boden. (Zeitschr. f. Heilk. Bd. XXUL Heft 9. pag. 227). 

Die Neubildungen, die auf bestehenden luetischen Prozessen sich 
entwickeln, sind von jenen zu trennen, die auf Narben nach solchen sich 
bilden. Spitzer beschreibt, nachdem er eine Obersicht fiber die ein- 
schlägige Literatur gegeben hat, einen in die erste Gruppe gehörigen 
Fall. Es handelte sich uro eine gummöse Lues, die zu Ulzerationen an 
der Oberlippe gefahrt hatte, während gleichzeitig ein ausgebreiteter Defekt 
der knöehemen und häutigen Nase vorhanden war. Die aaßcrordont liehe 
Hartnäckigkeit des Ulzerationsprozesses einerseits, einzelne Charaktere 
des Geschwürs andererseits, ließen die Diagnose zwischen Carcinom auf 
Toberkulose oder Caroinom auf dem Boden mehrjähriger gummöser Prozesse 
schwanken. In einem vom äußeren Rande der Geschwnrsfläche ezcidierten 



der GeRohleclitskrankheiten. 241 

Gewebntückohen, fanden sich keinerlei Anhaltspunkte f&r die tuberkolÖBe 
Katar des Proseeses, anoh Tierversnehe gaben diesbezüglich ein yöllig 
negatives Resoltat» dagegen sah man in den Schnitten typische Carcinom« 
nester. War damit die Diagnose Taberknlose gefallen, so ging aas der 
nach Exstirpation der erkrankten Oberlippe vorgenommenen histologischen 
Untersuohang derselben mit noch größerer Wahrscheinlichkeit hervor, 
daß es sieh am Oarcinombildang aaf gummöser Grandlage handelte. An 
den schon klinisch für Carcinom verdächtigen Stellen fand sich nämlich 
oharakteristisßhe atypische Epithelwucherung, während sich an den nicht 
caroinomatös veränderten Partien hauptsächlich Veränderungen der klei- 
neren Gefäße vorfanden, die die Diagnose Lues zu stützen im stände 
waren, nämlich teils der Adventitia, teils der Muskelschichte angehörende, 
umschriebene knotenförmige Infiltrate mit beträchtlicher, oft bis zum 
totalen Verschluß des Lomens fahrenden Wucherung der Intima. Für 
die Diagnose Lues sprach außerdem in erster Linie die mehrjährige 
klinische Beobachtung des Falles. Alfred Kraus (Prag). 



Viscerale Syphilis. 

Rosenlhal, 0. Über Erkrankungen des Herzens im Ver- 
lauf der Syphilis und der Gonorrhoe. Berl. klin. Wochenschrift 
1900. Nr. 47, 48. 

Rosenthal weist zunächst auf die auch heute nicht ganz über- 
wundene Ansicht hin, welche Herzaffektionen syphilitischer Natur auf 
Quecksilbergebrauch zurückfuhrt. Es folgen dann einige Literaturangaben, 
denen Ref. die inzwischen erschienene Arbeit von Runeberg anreihen 
möchte. Nach Rosenthal treten die syphilitischen Herzaffektionen 
nicht wie allgemein angenommen 6 — 10 Jahre, sondern nach seinen Be- 
obachtungen schon 2—4 Jahre nach der Infektion auf. Die gleichzeitig 
mit dem Ansbrauch des Exanthems auftretenden Herzpalpitationen u. s. w. 
sind als funktionelle Erscheinungen aufzufassen, die jeder organischen 
Beweis entbehren. Als Grund für diese Symptome glaubt Verf. die 
schlechte Ernährung des Herzens und die Wirkung des Syphilisgiftes auf 
Endo- und Myocard und die Herzganglien annehmen zu dürfen. Auf 
antisyphilitische Behandlung schwinden, wie auch ein Fall Rosenthals 
beweist, alle diese Symptome. In den Spätstadien ist es besonders das 
Myocard, das von der Syphilis ergriffen wird, u. zw. wie bei anderen 
Organen in Form der gummösen oder interstitiell fibrösen Erkrankung. 

Verf. geht dann auf die detailiertere Schilderung der beiden 
Formen ein ; er bezeichnet u. a. als sehr selten die syphilitische Affektion 
des Endocard, ebenso wie die des Herzbeutels, die meist vom Muskel 
her fortgeleitet sind. Es folgt dann ein kurzer Hinweis auf die isolierte 
Erkrankung der Coronararterien und dann auf die von Hallopeau als 
angina pectoris syphilitica bezeichnete Herzaffektion. Unter den vielen 

Areh. f. Demuit. n. Syph. Bd. LXVni. 2g 



242 Bericht aber die Leistangen auf dem Gebiete 

schwächenden Momenten, die zu einer syphilitischen Herzaffektion fähren 
können, weist Verf. besonders aaf die zeitweise Uberanstrengong des 
Herzens, schwere körperliche Arbeit hin and auf den Mangel spezifischer 
Behandlung. Den Verlauf der Affektion bezeichnete Verf. im Gegensatz 
zu anderen als einen schleichenden. Die Prognose richtet sich je nach 
dem Stadium, in dem die Affektion zur Behandlung kommt. 

Die gonorrhoische Herzaffektion bef&llt im Gegensatz zur syphili- 
tischen meist das Endocard. Sie tritt gewöhnlich in der 4. — 6. Woche 
p. inf. auf, wenn der Prozeß in der Urethra auf deren hintere Teile 
übergegrifien hat. Von hier aus erfolgt der übertritt der Gonokokken 
in die Blutbahn, in die dann eventuell auch gleichzeitig andere Mikro- 
organismen eindringen können. Die am häufigsten befallenen Partien 
des Herzens sind die Aorten und Mitralklappen, das Perioard wird nur 
sehr selten betroffen. Klinisch tritt außer den physikalischen Phänomenen 
eine ausgesprochene Gaebeseie in den Vordergrund, die sich oft mit 
einem der Pyo-Sephtaemie ähnlichen Bild vergesellschaftet, das nach 
Lesser in dem Absterben und Wiedereindringen der Gonokokken in 
die Blutbahn seine Ursache hat. So muß denn die Therapie die Krank- 
heitserreger zu zerstören trachten, weshalb Verf. die Behandlung der 
gleichzeitig bestehenden Urethritis befürwortet. Die Prognose ist immer 
unbestimmt; die Diagnose ist, auch wenn der Gonokokkennachweis nicht 
gelingt, aus dem ganzen Symptomenkoroplex und dem Verlauf zu stellen. 

Theodor Sachs (Frankfurt a. M.). 

Raneberg, J. W. Die syphilitischen Herzaffektionen. 
Dtsch. med. Wochenschr. Nr. 1 u. 2. 1. und 8. Jan, 1908. 

In einem historischen Berichte weist Runeberg nach, wie lange 
man sich gesträubt habe, die Lues als ursächliches Moment für Herz- 
affektionen ar zusehen. Erst mit dem Bekanntwerden der syphilitischen 
Affektionen in den Arterienwänden trat auch die Lehre von der Herz- 
syphilis in ein neues Stadium. Allerdings sei es auch bei genauer Kennt- 
nis des betreffenden Falles stets schwer zu entscheiden, ob die Herz- 
erkrankeng zweifellos syphilitischen oder anderen Ursprungs sei. Die 
beachtenswertesten Symptome bei Herzsyphilis seien „zeitweise oder anf- 
fallsweise vorkommende anginöse Schmerzen, cardiales Asthma, ungleiche 
und unregelmäßige Herzkontraktionen mit klanglosen Herztönen und 
nicht distinkten Pulsschlägen, bisweilen wenn die Aortamündung oder 
die Klappen in den Prozeß mit einbezogen sind, auch mit Neben- 
geräuschen, in einigen Fällen schließlich neben diesen Symptomen eine 
zunehmende anhaltende Herzinsuffizienz, verbunden mit Hypertrophie 
und Dilatation des Herzens*. Lebensalter und Anamnese, sowie das 
Fehlen anderer Krankheitsursachen seien daneben zu berücksichtigen. 
Die häufigsten Formen der Herzsyphilis seien : Die sklerogummöse Arte- 
riitis der Coronararterien mit nachfolgender Mymolacie und bindegewe- 
bigen Schwielen. Eigenartig ist hiebei der unverändert ruhige Gesichts- 
ausdruck. Sklerogummöse Aortitis und deren Folgen: Aortenklappen- 
fahler, aneurysmatische Erweiterungen der Aorta, Herzhypertrophie. 



der Geschlechtskrankheiten. 243 

Seltener sind umschriebene Gummata im Herzmnskel, obgleich auch 
diese bereits in allen Teilen des Herzens beobachtet wurden. Etwas 
häufiger ist diffuse gummöte Myocarditis, zuweilen mit Goronararteriitis 
and Bindegewebsschwielen verbundeu, nur in geringer Zahl wurden gum- 
möse Pericarditis und Endocarditis beobachtet. Statistische Daten ergaben 
eine fast ebenso große Mortalität bei Herzsyphilis als wie bei Lues der 
Nervenzentren. Nie solle der Arzt versäumen in zweifelhaften Fällen auf 
Herzsyphilis zu fahnden, da in nicht allzu vorgeschrittenem Stadium oft 
völlige Heilung durch eine vorsichtige spezifische Behandlung zu er- 
zielen sei. Max Joseph (Berlin). 

Heine, L. BeitragzurCasuistikderMesaortitisgummosa. 
(Virch. Arch. Bd. CLXU. Heft 2. pag. 257). 

Es werden die Ergebnisse der Untersuchung von 3 Fällen von 
Aortenerkrankung mitgeteilt, bei denen die Autopsie auch sonst Zeichen 
florider Lues ergeben hat. Mikroskopisch fanden sich in der Media Ent- 
zundungsherdCi die Leukocyten, Plasmazellen, epithelioide Zellen und 
Kiesenzellen aufwiesen. In 2 der Fälle ergab sich keine Spur einer tuber- 
kulösen Erkrankung, dagegen waren in allen Zeichen konstitutioneller 
Lues vorhanden. Dies spricht dem Verf. gegen die Annahme einer 
tuberkulösen Erkrankung. Auch führte die in 2 Fällen durchgeführte 
Untersuchung auf Tuberkelbazillen zu einem negativen Resultat. Endlich 
fand sich eine Endarteriitis obliterans der vasa vasorum, was Verfasser 
gleichfalls für Lues zu sprechen scheint. Im Gegensatze hierzu fand 
Heine mehrfach mesaorti tische Herde in Fällen, in denen Lues nicht 
vorlag. Im mikroskopischen Bilde fehlten dann die Riesenzellen. In 
zweifelhaften Fällen wird daher die Entscheidung über die Ätiologie der 
Aortenerkrankung Schwierigkeiten verursachen. Sind nurmehr Narben 
nach abgelaufenen Entzündungsprozessen vorhanden, so wird eine sichere 
Diagnose überhaupt unmöglich sein. Alfred Kraus (Prag). 

Erdheim, J. Wien. (Abteilung Lang.) Nierengumma. Wiener 
medizin. Wochenschr. 1902. Nr. 10, 11 u. 12. 

Erdheim teilt zuerst in extenso die Krankengeschichte eines 
Falles von Nierengumma bei einem 40}ähr. Musiker mit. Derselbe war 
7 Jahre zuvor infiziert gewesen. 8 Jahre nach der Infektion traten 
Gummen im Gesichte, über dem Orbitalrande, später Geschwüre am 
weichen Gaumen und Nase auf. Im weiteren Verlaufe trat eine ausge- 
dehntere syphil. Nekrose des Stirnbeins und mehrfache Knochen- und 
Gelenkaffektionen auf. Plötzlich traten ohne Fieber oder sonstiges Un- 
behagen eine Hämaturie auf, im Sediment Blut und andere Zylinder, 
unter vielfachen Schwankungen wurde der Harn nach 2 Monaten normal. 
Die Hämaturie wurde auf ein Nierengumma bezogen, das ins Nierenbecken 
durchgebrochen ist, die Heilung erfolgte unter antiluetischer Behandlung 
in 2 Monaten. Für die Diagnose sprach der verhältnismäßig günstige 
Allgemeinzustand, Fehlen von Fieber, im Sedimente bedeutende Schwan- 
kungen des Blutgehaltes und Verschwinden der Nierensymptome auf 
antiluetische Behandlung, sowie die Antezedentien ; neben dem Gumma 

16* 



244 Bericht aber die Leistangen auf dem Gebiete 

konnte mit Wahrscheinlichkeit eine gleichieitige Nephritis angenommen 
werden. Im Anschlnße daran bespricht Erdheim die ganse diesbe- 
zügliche Literatur in gründlicher und kritischer Weise. 

Viktor Bandler (Prag). 



Syphilis des Nervensystems nnd der 

Sinnesorgane. 

Erb. «Bemerkungen zur pathologischen Anatomie 
der Syphilis des zentralen Nervensystems.' Deatsche Zeit- 
schrift für Nenrenheilknnde. Bd. XXIL Heft 1 n. 2. p. 100 ffl 

Ausgehend Yon eigenen nnd in der Literatur niedergelegten Be- 
obachtungen pathologisch-anatomischer Befunde« unterzieht Erb die bis- 
herigen Anschauungen über die Beziehungen zwischen Syphilis und cere- 
brospinalen Erkrankungen einer kritischen Betrachtung. Er teilt die 
auch Yon anderen Autoren ausgesprochene Ansicht, daß die anatomischen 
Verhältnisse allein wegen ihrer Mannigfaltigkeit sehr oft nicht zur 
Sicherung der Diagnose genügen, zumal die Ähnlichkeit^ mit anderen 
pathologischen Prozessen (Tuberkulose, Alkoholismus etc.) mitunter die 
Deutung des Befundes erschwert. Anamnese, klinischer Verlauf nnd der 
Erfolg der Behandlung seien für die Erkennung stets bedeutungsvolle 
Faktoren. Indem Erb seine Betrachtungen auch auf die scheinbar in- 
differenten Befunde von „nicht spezifischen' Degenerationsprozessen 
(z. B. bei Tabes und anderen cerebrospinalen Erkrankungen) ausdehnt, 
sucht er nachzuweisen, daß auch diese oft mit gleichem Rechte auf 
Syphilis zurückgeführt werden können, wie die sogenannten „spezifischen '^ 
gummösen Läsionen des Nervensystems und seiner Blutgefäße. Auch 
andere Ursachen könnten freilich zu solchen herd- oder strangformigen 
Degenerationszuständen fähren; jedenfalls müsse oft die Syphilis als Ur- 
sache angenommen werden, trotz der bisher so erheblich erscheinenden 
Versohiedenartigkeit der „spezifischen" und „nicht spezifischen* Gewebs- 
veränderungen. Den Begriff der „Parasyphilis" hält Erb für unhaltbar 
angesichts der Befunde von gleichzeitig bestehenden syphilitischen und 
para-(post-)syphilitischen Prozessen, sowie deren bisweilen beobachtetem 
Auftreten kurze Zeit nach der Ansteckung. In allen Einzelheiten der 
Arbeit, in welcher ein wertvolles kasuistisches Material gesichtet ist, muß 
auf das Original verwiesen werden. Fritz Gallomon (Breslau). 

Grosgliek, A. und TVeißberg, G. Akute Sehnervenent- 
zündung als eine der ersten Erscheinungen sekundärer 
Lues. Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Za. -iVa Monate nach dem infizierenden Coitus (der Primäraffekt 
war 2 Monate nach demselben aufgetreten) entwickelte sich bei dem Pat. 
daa erste Exanthem, dessen Eruption durch einige Tage Gelenksschmerzen 



der GkBchlechtskrazikheiten. 245 

Yoraaagingen. Einige Tage nach Auftreten des Anssohlages Schmensen 
im linken Auge, SehBchwäche beim Blick nach unten, die Bich weiter 
BO Bteigerte, daß Fat. nichts mehr sah; beim Blick nach oben Sehkraft 
sehr gering. OptkalmoBkopitcher Befund: Grenzen der linken Papille 
Terwaschen, Papille wenig geschwollen, rot; Netzhautvenen erweitert. 
Unter allgemeiner spezifischer Behandlung Schwinden aller Erscheinangen. 
Sehkraft wie vor der Infektion. Nach Erörterung und AusRchluß aller 
Möglichkeiten, welche zur Neuritis optica hätten Veranlassung geben 
können, kommen die Verfasser zu dem Schlüsse, daß es sich hier „um 
eine selbststandige akute spezifische Neuritis handelte, hervorgerufen 
durch primären Sitz des syphilitischen Prozesses im Sehnerven selbst'; 
besonders bemerkenswert ist das firnhzeitige Auftreten. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

ChiDjelewsky, J. K. Zur Behandlung der syphilitischen 
Rückenmarkaffektionen am Odessaer Eujalnitzky-Liman 
Medicinskoje Obosrex^e. Dezember 1901. 

Auf Grund von 87 eigenen Beobachtangen kommt Ghmjelewsky 
zum Besnltat, daß bei luetischen RückenmarksajQfektlonen, die auf eine 
spezifische Behandlung früher gut reagiert hatten, die Salz- und Sohlamm- 
bäder vom Ei:galnitzky-Liman bestens sich bewähren; aussichtslos sind 
bloß diejenigen Fälle, in denen schon hochgradige anatomische Verände- 
rungen eingetreten sind, speziell Erweichangsherde und sekundäre 
Degenerationen der Pyramidenbahnen. Die besten Resultate weisen die 
Bäder in den Fällen auf, in denen Hirnhäute und Nervenwurzeln Sitz 
der Afifektion sind, also bei den sogenannten Randmyelitiden. Auf die 
chronischen, mehr schleichenden Krankheitsformen wirken die Bäder 
besser und nachhaltiger als auf die mehr akuten, in letzteren Fällen nur 
dann, wenn eine spezifische Behandlung vorher eine deutliche Besserung 
gebracht bat. Bei eintretender Besserung lassen zuerst die Sensibilitäts- 
viel später erst die Motilitätsstörungen nach. Bei Meningo-Myelitis und 
Syphilis maligna praecox cerebro-spinalis sind Salzbäder von 27 — 29^ R. 
und Schlammbäder von 80—32^ R. in einer Zeitdauer von 15—80 Minuten 
zu empfehlen. Mit einiger Vorsicht darf man bei syphilitischen Rücken- 
marksläsionen nach dem Typus Kahler, bei Erkrankungen des Konus, 
sowie bei Pseudo-tabes Inetica Schlammbäder von 88 — 34® R. in Anwendung 
bringen. Im offenen Liman dürfen die Patienten erst bei vollständiger 
Wiedergenesung baden, bloß den mit letztgenannten Affektionen Behafteten, 
sowie Personen mit chronischen Neuritiden ist es gestattet, schon im 
Frühstadium der Besserung von den Bädern im offenen Liman Gebranch 
zu machen. Im allgemeinen jedoch sind letztere in der ersten Behandlungs- 
saison nicht zu empfehlen, eher schon sind warme Seebäder von 10—15 
Minuten Dauer am Platze. 

Eine Kombination von Bädern mit Einreibungskur, resp. Jodprä- 
paraten empfiehlt Verfasser nicht. S. Prißmann (Libau). 

Patrick, Hugh T. The Somatic Ligns of Brain Syphilis. 
Joum. Amer. Med. Associat. XXXVII, 1100, Okt. 26. 1901. 



246 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Patrick leitet seinen Vortrag mit den folgenden allgemeinen 
Bemerkungen ein : 1. Hirnsypliilis kommt am häufigsten vor in den ersten 
3 Jahren nach der Infektion (zirka 50Vo) ^u^d nimmt vom ersten Jahr an 
an Häufigkeit ab; nach dem 10. Jahre kommt sie nur ausnahmsweise Tor. 

2. Mangel einer Geschichte syphilit. Infektion ist für die Diagnose 
bei Frauen von gar keiner, bei Männern nur von untergeordneter 
Wichtigkeit. 

3. Himsyphilis ist keineswegs identisch mit Himgumma. 

4. Am häufigsten liegt der Hirnsyphilis eine Arteristis sn Grande, 
dann kommt syphil. Meningitis und Infiltration der GGmnerven und zu- 
letzt Gumma. 

6. Lähmung infolge von Himsyphilis beruht meist auf Thrombose 
infolge von Arteriitis. 

6. Daher sind viele Fälle von syphilit. Lähmung ebensowenig der 
Heilung zugänglich als Lähmungen nach gewöhnlicher Arteriosklerosis 
und Atherom. 

7. Syphilis tritt nie als Systemerkrankung auf. 

Die wesentlichsten Eigentämlichkeit der Hirnsyphilis besteht in 
der Abwesenheit irgend eines regelmäßigen Typus. Kopfschmerz ist in 
zirka 76Vo ^^^^ Fälle vorhanden, anfangs nicht dauernd, später fort- 
während, nicht immer Nachts vorhanden. Die Lokalisation ist nicht von 
Bedeutung, Druckempfindlichkeit irgend einer Stelle am Kopf ist nicht 
immer nachzuweisen. Vorübergehende Anfalle von Schwindel, Synkope, 
Bewußtlosigkeit, lokalisierte Sensationen, Gefühl von Taubheit oder Prickeln, 
Krämpfe konmien häofig vor, nam. epileptiforme. Von großer Wichtigkeit 
sind Lähmungen der Himnerven, namentlich der Augennerven, ebenso 
Störungen des Gesichtsfeldes. Weniger häufiger kommen Lähmungen 
des 6. and 7. Nerven, aber auch die unter dem 8. gelegenen Nerven sind 
nicht ganz verschont. Besondere Aufmerksamkeit wird gerichtet auf die 
gleichzeitige Lähmung verschiedener nicht benachbarter Nerven. Über- 
greifen von Meningitis auf die Ruckenmarkshäute kann gleichzeitig spi- 
nale Symptome hervorrufen. Eingehender werden die einzelnen Erschei- 
nungen der drohenden oder vollendeten Thrombose in ihren mannig- 
faltigen Bildern besprochen. Femer wird auf einen eigentümlichen Stupor 
mancher an Himsyphilis Erkrankter hingewiesen. Fieber ist selten außer 
bei Erkrankung des Pons und der medull. oblongat. Erbrechen ist kein 
regelmäßiges Symptom, Polydipsie, Polyurie und Polyphagie sind nicht 
ungewöhnliche Folgen, ebenso Schlaflosigkeit. 

H. G. Klotz (New- York). 

Kopczynski (Berlin). Zur Kenntnis der Symptomatologie 
und pathologischen Anatomie der Lues Cerebri. Deutsche 
Zeitschrift für Nervenheilkunde 1901. Bd. XX, p. 216. 

Im Anschluß an die genau ausgeführte mikroskopische Untersnchung 
eines Falles von Hemiplegia altemans superior bespricht K. eingehend 
die Gefaßveränderungen. Die starke Sekundlurdegeration im Bückenmark 



der Gescblechtekrankheiten. 247 

war auf die Pyramidenaeiienstrangbalinen beschränkt, während im Yorder- 
Btrang eine solche fehlte, sodaß totale Ejreazung anzunehmen ist. 

Friedel Pick (Prag). 

Dewey, Richard. The Psychoses in Cerebral Syphilis. 
Joom. Americ. Med. Assooiat. XXXYII. 1102, Okt. 26, 1901. 

Nach Dewey wird die Beurteilong desEinflosses der Syphilis aaf 
die Entstehung von Geisteskrankheiten dadurch erschwert, daß aaf der 
einen Seite neben nachweislicher Syphilis andere Ursachen der Geistes- 
störung, wie Alkoholismus, Alters Veränderungen etc. anwesend sein können, 
andererseits Syphilis nicht absolut ansgeschloasen werden kann, auch 
wenn eine Geschichte früherer Erkrankung oder der Kachweis anderer 
Syphiliseraoheinungen nicht beigebracht werden können. Nach Besprechung 
der Ansichten Tenohiedener Autoren kommt er zu dem Schiasse, daß es 
zur Zeit verfrüht erscheine syphilitische Psychosen als Typen aufzustellen 
bei der Unbestimmtheit unserer Kenntnisse über die Beziehungen gewisser 
psychischer Symptome zu gewissen molekularen oder selbst gröberen 
Veränderungen im Hirn, bei dem Unvermögen uns eine Vorstellung zu 
machen von der Art und Weise, wie psychische Störangen durch patho- 
logische Zustande zustande gebracht werden können, endlich bei der 
vorläufig doch nur versuchsweisen und auf Vermutungen basierten Klassi- 
fikation der Psychosen überhaupt. Auch seine persönlichen Erfahrangen 
geben D. keinen Anhalt für bestimmte Ansichten. Unter 1200 Fällen 
von allen möglichen Nerven- und Geisteskrankheiten fand er 45 gut- 
begründete Fälle Yon konstitutioneller Syphilis; darunter waren 17 von 
Paresis, 12 Himsyphilis mit Symptomen organischer Veränderungen; 
7 waren Psychosen ohne Symptome syphilitischer Veränderungen, 4 De- 
mentia, 4 zeigten Ophthalmoplegia und Neuritis optica, 4 hypochondrische 
Melancholie, 2 Tabes und 8 senile Formen. ,H. G. Klotz (New- York). 



Hereditäre SyphUis. 

Hostalrleh, M. Du röle de la Syphilis h^reditaire en 
t^ratologie. Th^se de Montpellier 1902. 

Hostairich ergeht sich in einer sehr lesenswerten ausführlichen 
Arbeit über die Rolle, welche die hereditäre Lues beim Zastandekommen 
Ton Mißbildungen und Dystrophien spielt und berichtet als Beitrag zur 
Kenntnis dieses Einflusses über eine Reihe von sehr interessanten, aus 
Toulon stammenden, bis jetzt nicht publizierten Beobachtungen. 

Dieselben seien in aller Kürze hier angeführt- : 

1. Ein doppelköpfiger Foetus, zu rechter Zeit geboren, von einer 
syphilisireien Frau, deren Mann 5 Jahre vor der Geburt des Monstrums 
syphilitische sekundäre Symptome geboten hatte. Die zwei Gesichter 
waren sehr gut ausgebildet, das knöcherne Schädeldach fehlte vollkommen. 



248 Bericht über die Leistiingen auf dem Gebiete 

2. Ein asencephaler Foetns, geboren am normalen Schwanger- 
scbaftsende von einer Frau, welche 4 Jahre vorher eine Oenitalsklerose 
gehabt hatte. 

8. Ein anenoephaler Byphilitischer Foetas, von einer Primipara 
stammend, welche wahrscheinlich auch Syphilis hatte. Dieselbe Frau 
gebar 2 Jahre später abermals einen anencephalns. 

4. Smonatlioher hereditär-syphilitischer Foetus, welcher mit einer 
Nabelhernie geboren wurde, die den größten Teil der Bancheingeweide 
beherbergte. Die Matter war 6mal gravid, damnter 8 Todgebarten. 

5. Neageborenes Kind am normalen Schwangerschaftsende geboren 
mit angeborener linksseitiger Oberschenkelampatation. Die Matter hatte 
vier Jahre vorher einen indnrierten Schanker am Genitale. 

6. Foetas mit Hasenscharte, von einem syphilitischen Vater her- 
stammend. 

7. Hemimelisohe Todgebart, deren Obdaktion eine voluminöse 
Leber, eine vergrößerte Milz and typische syphilitische Knoohenver- 
änderangen zeigte. 

8. Neageborenes Kind einer manifest syphilitischen Fraa mit Miß- 
bildangen der Ohrmaschel behaftet. 

9. Hydrocephalisoher Foetas einer eingestandenermaßen syphili- 
tischen Matter, welcher einige Minaten nach der Gebart verstarb. 

10. Fracht mit Syndaktylie and löffelforroiger Yerbildang der 
linken Hand. Die Matter war eine syphilitische Pablica. 

Hochsinger (Wien). 

Seherer, Franz. Die Parrotschen Pseadoparalysen bei 
angeborener Syphilis. Jahrb. f. Einderheilk. Bd. LV. Heft 6. 

Seh er er unterzieht die verschiedenen Anschauungen aber die 
Genese der Extremitäten-Lähmungen bei kongenital-lnetisohen Säuglingen 
zunächst einer ausf&hrlichen Betrachtang und neigt zu der Anschauung, 
daß die Parrotsche Lehre von der ossalen Genese der Eztremitäten- 
lähmungen bei hereditärer Syphilis nicht ausreicht, speziell dessen Lehre, 
daß es sich um eine bloße Ruhigstellung infolge der schmerzhaften 
Knochenerkrankung handelt, trifft nur in seltenen Fällen zu. Scher er 
selbst fand unter 11 Fällen von Eztremitätenlähmungen nur in 4 Fällen 
die Wegner sehen Knochenveränderungen; andererseits fand er in 
8 Fällen von hereditärer Syphilis Wegnersche Knochenveränderungen 
ohne Lähmung. 

Angeregt durch die Befunde von Sohlichter und Zappert über 
anatomische Yerändernngen im Rückenmark bei hereditärer Syphüis 
(welche nach Ansicht des Referenten Irrtümer sind), nahm S oberer 
histologische Untersuchungen des Zentralnervensystems bei seinen Fällen 
vor, welche aber weder mit Hilfe der Nisse Ischen noch mit Hilfe der 
Marc bischen Methode pathologische Veränderungen aufdeckten. EKn- 
gegen fanden sich sowohl im Rückenmark, wie in den übrigen Organen 
des Körpers vielfache Streptokokken embolien. 



der Gesohleohtflkrankheiten. 249 

In dieien Befunden erblickt nim S oberer den Aasdmck einer 
zur Lues hinzugetretenen sekundären septischen Infektion und erklärt 
die Lähmung als toxische Einwirkung entweder des Inetischen Toxins 
oder der im Blate kreisenden septischen Mikroben. 

Hochsinger (Wien). 

de Rothsehild, Henry. Contribntion äPötnde delapsendo- 
syphilis. Bevne d'hygiöne et de m^decine infantiles. Tome I. Nr. 2. 1902. 

de Rothschild weist daraufhin, daß nicht allein die Syphilis, 
sondern auch chronische Darmerkrankungen bei künstlich genährten 
Neugeborenen und Säuglingen su schweren Kachexien fuhren können, 
welche zu denselben klinischen Bildern f&hren können, wie hereditäre 
Syphilis und warnt davor, aus bloßer Kachexie ohne sonstige manifeste 
Symptome hereditäre Lues zu diagnostizieren. 

Für solche syphilisäbnliohe Säuglings-Kachexien den Ausdruck 
^Pseudosyphilis" zu gebrauchen, ist nach Ansicht des Referenten über- 
flüssig. Hochsinger (Wien). 

Fournier, Edmond. Des dystrophies yeineuses de l'here- 
dosyphilis. Reyue d'hygi^ne et de m^decine infantiles Tome I. Nr. 1. 

G. Hoeh Singer. A propos des dystrophies veineuses de Phöredo- 
syphilis. Ibidem Nr. 2. 

£. Fonmier. Replik ibidem. 

E. Fournier beschreibt unter dem Titel „Des dystrophies 
yeineuses de Ph^re dosyphilis" das Vorkommen von Erweiterungen der 
subkutanen Schädelyenen, welche als dicke blanschwarze oder blanyiolette 
Stränge durch die Haut durchschimmern. Im Säuglingsalter ist die 
Störung auf das Oebiet der Y. jugularis externa beschränkt, wie durch 
ausgezeichnete photographische Reproduktionen und durch genaue ana- 
tomische Schilderungen der Yerästlungsgebiete der subkutanen Schädel- 
yenen dargelegt wird. 

E. Fournier berichtet, daß er an allen 80 Kindern, welche mit 
dieser Dystrophie der Venen behaftet waren, Zeichen yon hereditärer 
Lues aufBnden konnte, und daß, mit Ausnahme eines einzigen Falles, 
alle diese Kinder yon syphilitischen Asoendenten abstammten. Zur Er- 
klärung dieser Venen-Ektasien nimmt Fournier an, daß bei Desoen- 
denten syphilitischer Eltern eine angeborene Schwäche des Venensystems 
besteht. Die im frühen Kindesalter zu Stauung in der oberen Hohlvene 
prädisponierenden mechanischen Verhältnisse (Säugen und Schreien) 
bilden eine dauernde Schädigung des VenensystemB, deren sich dieses 
infolge der angeborenen Schwäche nicht erwehren kann. Im späteren 
Kindesalter bilden sich die Venenerweiterungen wieder spontan zurück. 
Auch wird ein yon Parrot stammendes Präparat abgebildet, bei welchem 
(es handelte sich um ein hereditär syphilitisches Kind> eine enorme Aus- 
dehnung der subkutanen Venen des Thorax und des Abdomens, sowie der 
unteren Extremitäten der rechten Seite bestand. Leider ist derSektions- 
befänd dieses Kindes nicht bekannt geworden. Die Abbildung bei 
Fournier ist nach einer Moulage, welche Parrot anfertigen ließ. 



250 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

erfolgt. Nach dem Bilde zu scbliefien, dürfte es sich wohl am ein 
Zirkulationsbindemis in der Pfortader, yielleicht infolge syphilitischer 
Lebererkrankmig handeln. (Ref.) 

Hochsinger legt in einem ansfohrlichen Schreiben an die Re- 
daktion der Revue dar, daß die von Fournier beschriebenen Yenen- 
erweiterungen mit der hereditären Syphilis in keiner Beziehung stehen. 
Er gibt des weiteren an, daß er die Ektasien der Schädelvenen bei 
schwerer Schädelrachitis und bei Hydrocephalas gefunden hat, kurz unter 
Verhältnissen sah, bei welchen ein erhöhter Binnendruck in der Schftdel- 
kapsel bestand. Dieser ist für das Hervortreten der subkutanen Schädel- 
venen einzig und allein verantwortlich zu machen. Weil nun Schädel- 
rachitis und Hydrocephalns zu den häufigen Begleitern der hereditären 
Frühsyphilis gehören, findet man in der Tat die von diesen Zuständen 
abhängigen Venenausdehnungen am Schädel bei syphilitischen Säuglingen 
sehr häufig. 

In seiner Replik meint Fournier, daß Hochsingers Rekrimi- 
nationen seine Lehre bestätigen, indem Hochsinger ausdrücklich fest- 
stellt, daß Schädelrachitis und Hydrocephalns zu den treuesten Begleit- 
erscheinungen der hereditären Frühsyphilis gehören. 

Hochsinger (Wien). 
Peters, R. Über Erkrankungen des Rückenmarks bei 
hereditär-syphilitischen Neugeborenen und Säuglingen. 
Jahrb. f. Khk. 68. der dritten Folge. Bd. III. 8. Heft. 

Peters stellt die Behauptung auf, die bisherige Anschauung, selb- 
ständige Afifektionen des Rückenmarks kämen bei hereditär-syphilitischen 
Säuglingen nicht zustande, sei durch seine Beobachtungen unhaltbar 
geworden. Die lähmungsartigen Haltungen der Oberextremitäten, die 
bei syphilitischen Neugeborenen vorkommen, die Parrotsche Pseudo- 
paralyse und die von Hochsinger geschilderten Faustbildungen bei 
hereditär-syphilitischen Säuglingen sind nach Peters Ansicht auf tiefere 
Veränderungen im Nervensystem, d. h. auf syphilitische Affektion des 
Rückenmarks zurückzuführen. 

Wiewohl Peters von „gewöhnlichen syphilitischen makrosko- 
pisch nachweisbaren Qewebsalterationen, gumata etc." spricht, die in 
diesen, speziell Hochsingers Fällen die Grundlage für die erwähnten 
Erscheinungen abgeben sollen, hat er leider selbst — keine einzige der- 
artige „makroskopisch nachweisbare'' Rüchenmarksalteration wirklich 
gesehen. Er beschränkt sich vielmehr darauf, einen klinisch -symptoma- 
tischen Beweis (?) ftir seine Behauptung zu liefern. 

Aus dem Symptomenbilde, das ihm 11 an derartigen Lähmungs- 
erscheinungen erkrankte hereditär-syphilitische Kinder darboten, spez. 
aus dem von ihm beschriebenen Symptom der „Flossenstellung' der 
Hände (Herabhängen, Pronationsstellnng bei ulnarer Abweichung der 
Hände) schließt er auf komplette Lähmung des unteren, oberen oder 
beider Abschnitte des betreffenden Cervioalteiles des Rückenmarks und 
zwar, wie wir gleich vorwegnehmen wollen — auf einen herdweise an- 



der Geschleohtskrankheiten. 251 

geordneten, an der Oberfläche des Rückenmarks sitzenden, verschiedene 
Nerven wnrzeln und die anliegenden Meningen einnehmenden Entzfindnngs- 
proseß, verrnntlieh eine syphilitische Arterienerkranknng. Muten uns 
schon diese Folgerungen — bei gänzlichem Fehlen anatomisch-histolo- 
gischen Beweismateriales — sehr gewagt an, da sie ja einerseits zu den 
bisherigen gründlichen histologischen Untersuchungen in striktem Gegen* 
satze stehen und wir andrerseits die Lähmungen meist durch osteochon* 
dritische Veränderungen zu erklären imstande sind, so macht uns das 
beigebrachte kasuistische Beweismateriale •— die einzige Stütze für die 
Theorie Peters — erst recht bedenklich. 

Es besteht aus 11 von Peters beobachteten und behandelten Fällen von 
denen 7 (1) einzelne der von Peters erwähnten Symptome ohne irgend 
welche sonstige syphilitische Begleiterscheinungen zeigten. 6 von diesen 
hatten nur eine »yerdächtige Anamnese^, zwei gaben überhaupt keine 
sonstigen Anhaltspunkte für Syphilis, die aber Peters doch als ex 
juvantibus für erwiesen erklärt. Von seinen 11 Fällen hat der Autor 6, 
die er in extenso wiedergibt, zur Beweisführung ausgewählt. Und da 
wollen wir denn gleich bemerken, daß wir in 8 dieser Fälle keine voll- 
kommen ausreichenden Beweise für Hereditärsyphilis finden konnten und 
in einem Falle eine ganz deutliche Osteochondritis vorhanden war, so 
daß uns also auch diese Fälle noch lange nicht als Beweis für die Rich- 
tigkeit seiner Hypothese: Die Extremitätenparalysen bei hereditär-lueti- 
Bchen Säuglingen sind auf eine Rückenmarkserkrankung zurückzuführen, 
erscheinen. Peters bespricht noch die Differentialdiagnose zwischen 
hereditär-syphilitischen und Entbindungslähmungen, Frakturen, Epiphysen- 
lösungen, akuten Ergüssen ins Schultergelenk, Neuritis und Polyomyelitis 
ac. anterior auf Grund des von ihm aufgestellten Symptomenkomplexes, 
die Prognose und Behandlung und nimmt für die Paralyse, resp« für die 
von ihm geschilderten Symptome auch eine große praktische Bedeutung 
bei der Stellung der Diagnose: «Hereditärsyphilis** in Anspruch. 

Hoch sing er (Wien). 

Freund, W. Die Sterblichkeit der hereditär-lueti- 
schen Säuglinge. Jahrbuch f. Khk. 52, der dritten Folge. Bd. II. 
Ergänzgsh. 

W. Freund (Breslau) sucht in einem gewissen Gegensatze zn den 
Anschauungen der meisten pädiatrischen Syphilidologen an za. 60 Fällen 
•einer Beobachtung den Nachweis zu erbriugen, daß die hereditär-lueti- 
sehen Kinder, wenn sie einmal lebend zur Welt gekommen sind, unter 
sonst gleichen Umständen keine geringeren Aussichten habeu, am Leben 
erhalten zn bleiben, als nichtsyphilitische Säuglinge. (Vom Ref. bereits 
nachgewiesen). Die scheinbar größere Sterblichkeit der hereditär-syphili- 
tischen Säuglinge setzt Freund auf das Konto der künstlichen Ernäh- 
rung, der größeren Kindersterblichkeit im Proletariat, sowie bei den 
frühgeborenen, schwachen und unehelichen Kindern. 

In Freunds Fällen haben 507o ^^^ hereditär-syphilitischen Kinder 
— trotz äußerst ungünstiger Umstände — das Säuglingsalter überlebt. 



252 Bericht über die Leistungen anf dem Gebiete 

Den sog. parasyphilitisohen Ersoheinnngen (Anämie, Atrophie, Störungen 
des Nervensystems) spricht der Autor cur Zeit jede Berechtigung ab. 

Hochsinger (Wien). 

Glüek, Leop. Sarajevo. Über das sog. Profetasohe Gesets. 
Wiener med. Wochenscbr. 1902. Nr. 9. 

Glück tritt in diesem Aufsatz dafür ein, das Profetasche Gesetc 
anch in seiner engeren Fassung fallen su lassen und stütat seine Ansicht 
auf folgende Beobachtung : . Eine Frau, deren Mann bei wiederholter 
Untersuchung keine Zeichen bestehender oder durchgemachter Lues auf- 
wies, trat im Juli 1900 mit Geschwüren an den Brustwaraen in Behand- 
lung, zu dieser Zeit war sie im 4. Monat zum erstenmal gravid. Die 
Lokalisation an den Warzen rührte wahrscheinlich von dem nach Landes- 
brauch im Beginne der Schwangerschaft üblichen Hervorziehen der 
Warzen durch Saugen seitens fremder Frauen oder Kinder her. Am 9. Mftrz 
1901 kam die Patientin mit einem Rezidiv-Exanthem und Kondylomen 
am Genitale, sowie exulzerierten Geschwüren an den Warzenhöfen zur 
Spitalsaufnahme ; die Untersuchung des gleichzeitig mit der Mutter auf- 
genommenen, am 10. März nicht volle drei Monate alten kräftigen Säug- 
lings ergab quoad luem ein vollständig negatives Resultat Das Kind 
wurde im Spital durch eine Pflegerin künstlich genährt, doch am 8. Tage 
der Spitalsaufnahme zeigte es in der Mitte der Furche des Kinns ein 
stecknadelkopfgroßes, erhabenes, rotes Knötchen und eine erbsengroße, 
derbe Drüse im Kinnwinkel, am 24. März war das Infiltrat doppellinsen- 
groß, die Drüse haselnußgroß, am 18. April war die Mutter symptomlos, 
beim Kinde der Initialaffekt hellergroß, nuchale Drüsen, am 13. Mai 
zeigte das Kind ein makulöses Syphilid an der Haut des Stammes. Diese 
Beobaohtunpr bewies, daß eine mit rezent syphil. Erscheinungen behaftete 
Mutter ihren 'gesunden Säugling schon in den ersten Lebenswochen zu 
infizieren vermag. Die ausnahmsweise gesund geborenen Kinder rezent 
syphilitischer Mütter werden nach Glücks Überzeugung nur so lange 
einer Ansteckung entgehen, als die Haut, resp. die Schleimhaut der 
ersteren intakt bleibt, sonst infizieren sie sich, wie jeder andere Nicht- 
luetiker. Viktor Band 1er (Prag.) 

Profeta, Giuseppe. Genua. Zur Frage der Syphilis kon- 
genita. Wiener med. Wochenschr. 1902. Nr. 61. 

Der kurze Artikel enthält eine heftige, meist persönliche Polemik 
gegen den Aufsatz Glücks in Nr. 9 dieser Wochenschrift über das 
Profetasche Gesetz. Profeta glaubt, es handle sich im Falle Glücks 
nicht um akquirierte [Syphilis, sondern um hereditäre Syphilis. Die 
Einzelheiten müssen im Original nachgelesen werden. 

Viktor Bandler (Prag). 

Glück, Sarajewo. Antwort auf vorstehenden Artikel ent- 
hält eine Polemik, in welcher Glück die Angriffe Profetas zurück- 
weist und ihm den Rat gibt, Arbeiten nicht nach Referaten, sondern 
nach dem Originale zu kritisieren. Viktor Bandler (Prag). 



der Qeschlecktakrankheiten. 253 

Iloehsinger. Die radioskopisolien Verhältnisse der 
hereditären Enochensyphilis der Neugeborenen und Säug- 
linge. Verhandlungen der XIX. Versammlung der Gesellschaft für 
Sjnderheilkunde Karlsbad 1908. 

Hochsinger weist zunächst darauf hin, daß er der erste war, 
welcher sich mit den radioskopischen Verhältnissen der hereditären 
Knochensyphilis der Neugeborenen und Säuglinge befafit hat und den 
Anstoß zu diesbezüglichen weiteren Untersuchungen gegeben hat 

An der Hand von Köntgen-Aufnahmen aus Kienböcks Labora- 
torium in Wien werden folgende Sätze deduziert: 

1. Die Osteochondritis syphilitica foetalis ist im Röntgenbilde bei 
Föten aus der zweiten Hälfte der Schwangerschaft nachweisbar. Dieselbe 
gibt sich durch Verbreiterung des Schattens der Verkalkungssone und 
unregelmäßige Begrenzung desselben, sowie durch eine Aufhellung der 
Spongiosa unmittelbar hinter der Verkalkungszone su erkennen. 

2. Auch bei lebenden hereditär-syphilitischen Säuglingen geling^ es 
sehr oft, ausgebreitete Affektionen des Knochensystems epiphysärer oder 
periostaler Natur an den langen und kurzen Röhrenknochen nachzuweisen, 
ohne daß anderweitige klinische Symptome einer Knochenaffektion vor- 
liegen. 

3. Die sogenannte Pseudoparalysis h.-s. hat in den bis jetzt von 
Hochiinger radioskopisch untersuchten Fällen (7) immer Veränderungen 
im Knochensystem der befallenen Gliedmassen erkennen lassen, welche 
teils in Blähung und Aufhellung des Diaphysenschattens oder in auf- 
fallender Dichtigkeit des Kompaktaschattens bestanden. Bei yeritabler 
Epiphysenlösung zeig^ sich eine periostale entzündliche Kalkablagerung in 
die Knorpelepiphyse vordringend, so daß der sonst unsichtbare Epiphysen- 
knorpel abnormerweise im Röntgenbilde erscheint. 

Ausgebend von diesen radioskopischen Befunden wird der wieder 
neu aufgetauchten spinalen Ätiologie der syphilitischen Extremitäten- 
lähmungen der Säuglinge (Zapper t, Peters, Scherer) entgegen- 
getreten. Nach Ansicht des Vortr. handelt es sich in allen diesen Fällen 
entweder um einfache Entbindungslähmungen mit oder ohne Syphilis, 
oder um toxisch bedingte Dauerspasmen, welche auch bei nicht syphili- 
tischen Säuglingen vorkommen können. 

Gaston et Betot. Syphilis her6ditaire d'origine mater- 
nelle et paternelle probable. Accidents cutan6s ulcereux. 
Expistasis. Morte subite etc. Soc. de denn. etc. 10. Fauvier 1901. 

Das sieben Wochen alte Kind wird mit papulösen und ulzerösen 
Syphiliden der Haut eingebracht. Bisher keine Erscheinungen. Diarrhoen, 
geringe Dyspnoe ohne auskult. Phänome. Nach einem Anfall von Nasen- 
bluten plötzlicher Tod. Bei der Sektion findet sich: Bronchopneumonie, 
Hepotitis. Bemerkenswert ist aber insbeaonders der pathologische Befund 
an der Vena portol, die als weißer Strang imponiert, von dem aus zahl- 
reiche feine weiße Verästelungen zu den hypertrophischen Lymphdrüsen 
und zum Netze verlaufen. Anamnestisch sei hervorgehoben, daß die 



254 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Mutter seit 20 Jahren an Syphilis leidet. Bei der Nachkommenschaft 
aus zwei Ehen mit scheinbar gesunden Männern seigt sich die Tendenz 
zur Abschwächung der Infektionsfolgen. Der Yater des in Bede stehenden 
Kindes ist höchstwahrscheinlich Syphilitiker und so kann man schließen, 
daß die Syphilis des Vaters selbst den erlöschenden Einfluß der mütter- 
lichen Lues zu deletären Folgen anfachen kann. 

Barth61emy betont den von fremden Autoren geleugneten Einfluß 
der Syphilis des Vaters , und illustriert diesen Satz durch einen selbst 
beobachteten Fall. Fonrnier hat 2 heredit&r-syphilitische Kinder in 
derselben Familie plötzlich ohne vorausgehende Erscheinungen in der 
6. Lebenswoche sterben gesehen. Leredde hat bei einem Syphilitiker 
mit indur. Ghancre plötzlichen Tod gesehen, ohne daß die Sektion Auf- 
schluß über denselben gegeben hätte. Barthölemy erwähnt noch, daß 
er nicht nur bei Säuglingen sondern auch bei einem zirka 6jährigen 
hered. sypb. Kinde plötzlichen, durch die genaue Sektion nicht aufge- 
klärten Tod zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Richard Fische 1 (Bad Hall). 

Brunft, A. Malformations maxillo- dentaires dans 
rherödosyphilis. Gaz. des höpit. 1902. Nr. 20. 

Mißstaltangen sog. Erosionen der Zähne sind nicht immer sichere 
Zeichen der hereditären Lues, ebensowenig Prognathismus. Neben den 
Hutchinsonschen Zähnen weist Brunet der Erosion des ersten Molar- 
zahnes, besonders des unteren, großen diagnostischen Wert zu. E» ist 
dies der einzige Zahn, dessen Ossifikation bereits in utero statthat. 

J. Frederic (Straßburg). 

Aubin, Vincent. Gontribution ä Petude de Therödo- 
syphilis du larynx. These de Paris 1900. Nr. 488. 42 Seiten. 

Vier einschlägige Krankengeschichten. Diflerentialdiagnose gegen- 
über Lupus und Carcinom. — 35 Literaturangaben. 

Kuznitzky (Köln). 

Shukowsky, W. P. Hemicephalie und Syphilis heredi- 
taria (2 Fälle von Hemicephalie bei Kindern). Wratscheb. 
Gazetta. 1902. Nr. 8. 

An der Hand von zwei von ihm beobachteten einschlägigen Fällen 
fuhrt Shukowsky aus, daß bei Mißgeburten, speziell Anen- und Hemi- 
cephalen, wenn sie auch häufiger durch Tuberkulose und Alkoholismus 
verursacht werden, nicht selten auch die Syphilis der Eltern und Groß- 
eltern ätiologisch in Frage kommen. In dem einen Falle handelte es 
sich um Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen, bei deren Eltern 
Syphilis zwar vermutet, aber nicht notorisch nachgewiesen werden konnte. 
Der hemicephale Knabe hatte ein mangelhaft und anormal entwickeltes 
Gehirn, Syndaotilie, spontane Amputationen, Mikrophthalmie, Hasenscharte, 
Lab i um leporinum und noch andere Anormalitäten, wies jedoch nichts 
positives für die Existenz einer hereditären Lues auf. Dagegen waren 
auf Handtellern nnd Fußsohlen des sonst normal entwickelten Mädchens 
vereinzelte Pemphigusblasen und glänzende, dunkelrote Flecken zu sehen, 



der GeschlechtskrankheiteD. 255 

die Mils war deutlich vergrößert, eine Koryza vorhanden — Grund genng, 
um eine kongenitale Syphilis anzunehmen. Mit Recht hebt Verfasser die 
seltene und bemerkenswerte Tatsache hervor, daß das eine Kind bloß 
durch eine Distrophie, das andere durch zweifellose cutane und sonstige 
Symptome der Syphilis charakterisiert war. Im zweiten Falle hatte der 
hemicephale Knabe notorisch luetische Großeltern; das Kind lebte 
28 Stunden und hatte eine Länge von 54 em, einen Brustumfang von 
87 em und einen Kopfnmiang von bloß 25 em, das Gewicht war 8560 Gramm. 
Die Geschlechtsorgane waren sehr rudimentär, beiderseits Koryptorchismus. 
Großhirn gauz mangelhaft, Cerebellnm und Medulla oblongata normal. 
Die Reflexe waren ungewöhnlich erhöht, Messungen der Körpertemperatur 
intra vitam ergaben in ano bis 26*4^ Sektion verweigert. Verfasser 
nimmt in diesem FaUe „parasyphilitisohe Heredität** an. 

S. Prißmann (Libau). 



Therapie. 

Barsehalow» T. Über einige mit großen Queksilber- 
dosen behandelte Syphilisfälle (Prochorow). Journal russe 
de mal. cut. etc. 1901. pag. 493. 

Die bisherigen günstigen Urteile russischer Autoren veranlaßteo 
B. die Methode Prochorows an 10 Patienten nachzuprüfen. Ihr Haupt- 
vorzug soll darin bestehen, die Höhe [der einzuverleibenden Hg-Dosis in 
ein entsprechendes Verhältnis zum Gewichte des Individiums zu bringen. 
Auf je 10 kg des Patienten kommt ein cm* einer 87o HgJ,-Lö8ung in der 
doppelter Menge J K, so daß zirka 5—7 em* zur Injektion in die Glataeu 
gelangen. Dem Gewichtsabfall von 1 — 2 kg nach der ersten Injektion, 
der oft von allgem. Schwächeerscheinungen begleitet ist, folgt in kurzer 
Zeit eine Gewichtszunahme, so daß das Anfangsgewicht oft ubertroffen 
wird. Erst nach 10 Tagen erfolgt die zweite, in gleichen Intervallen noch 
zwei Injektionen. Heftige Schmerzen an der Injektionsstelle und Infiltrat- 
bildung lassen sich selbst bei Verringerung der Konzentration der Lösung 
nicht vermeiden. Der therapeutische Effekt (Verschwinden bestehender 
Symptome und Verhinderung von Rezidiven) übertraf den mit salizyl- 
sanerem Hg erreichten nicht und konnte die auf die Methode gesetzten 
Erwartungen nicht erfüllen. Richard Fischöl (Bad Hall). 

Leredde. ^Progres ä realiser dans le traitement mer- 
curiel des accidents graves de la syphilis.'' La Semaine 
M^dicale. 22. Annee. Nr. 17. 

Leredde erörtert eingehend, daß bei der Behandlung besonders 
ernster Syphilis -Erscheinungen die im täglichen Gebrauche üblichen 
Qaeeksilbergaben bedeutend gesteigert werden müssen und daß dies 
meist ohne Gefahr far den Organismus geschehen kann, wofern nur die 
Mundpflege und sonstige Beobachtung des Kranken mit der nötigen Sorg- 



256 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

falt erfolgt ; die Applikation von Injektionen hält L. hierbei allein für 
die zweckmäßige Darreichungsmethode. Anf die Wahl des Präparats, die 
Verwendung löslicher oder unlöslicher Salze, legt Verf. kein entschei« 
dendes Gewicbt, von der Anschauung ausgehend, daß der therapeutische 
Erfolg in erster Reihe von der Dosis des eingeführten Hg abhänge und 
bei Berücksichtigung des Hydr. - Gehaltes und der Ausscheidungsbe- 
dingungen mit allen Quecksilberverbiudungen erreicht werden kann. 

In Übereinstimmung mit anderen Autoren empfiehlt Leredde zur 
Behandlung ernster Luesersoheinungen (besonders der Gehirnlues) täg- 
liche Darreichung von 0*05 bis 0*08 Hydr. benzoic. oder 0*06 Hydr. 
bijodat. bei Anwendung von Sublimat oder Hydr. cyanat. etwa halb so 
große Dosen, bei Applikation von Galomel zweimal wöchentlich 0*07 
bis 0-1. 

Eine so eingreifende Behandlung hält Verf. auch stets für an- 
gezeigt, wenn das Quecksilber zur Entscheidung der Diagnose gebraucht 
wird oder wenn eine yorausgegangene müdere Behandlung nicht zum 
Ziele geführt hat; vor allem jedoch, wenn es sich um Krankheitser- 
scheinungen handelt, die sofort zum Stillstand gebracht und beseitigt 
werden müssen. Mit Recht mißbillig^ es Leredde, daß besonders die 
Neurologen bei der Quecksilberbehandlung cerebrospinaler Lues sich 
meist auf diejenige Methode und Dosierung zu beschränken pflegen, 
welche gegenüber den weniger bedeutungsvollen und im allgemeinen 
leicht heilbaren Hauterscheinungen üblich ist. Auch bei der Behandlung 
der Tabes und Paralyse, an deren syphilitischer Natur und Heilbarkeit 
durch Quecksilber er keinen Zweifel hegt, hält L. die Behandlung mit 
hohen Hg-Dosen für angezeigt. Fritz Callomon (Breslau). 

Baer, Karl, Innsbruck (Klinik Rille). Über Behandlung der 
Syphilis mit Asterol. Wiener medizin. Wochensohr. 1902. Nr. 31 
bis 34. 

Baer verwendete Asterol in 57o Lösung l V, Spritzen täglich. 
Nach Baers Beobachtungen steht es, wiewohl günstige kurative Wir- 
kungen zu erzielen sind, den sonstigen löslichen Hg-Präparaten, wie Sub- 
limat oder Sozojodolquecksilber nach, ist aber geeignet, in Fällen, wo 
mildere Wirkungen erzielt werden wollen, verwendet zu werden. Die 
Iqjektion ist nicht schmerzhaft. Viktor Bandler (Prag). 

Tommasoli. Le traitement intense et precoce de la 
Syphilis par les injections intra veineuses de sublimö. Ann. 
de dermatol. et de syphiligr. 1902. p. 1073. 

Tommasoli berichtet über 44 Kranke, die er mit intravenoesen 
Sublimatinjektionen behandelt hat, in der Absicht, einen abortiven Ver- 
lauf der Syphilis hiedurch zu erzielen; T. stieg hiebei bis zu 18 m^ p. 
dosL In 8 Fällen schlug dieser Versuch vollkommen fehl, in 6 Fällen 
entzogen sich die Patienten der weiteren Beobachtung, in 30 Fällen trat 
Heilung ohne Auftreten sekundärer Symptome ein, doch war in 4 dieser 
Fälle die Beobachtungsdauer eine sehr kurze (geringer als ein Jahr). 
Lokale Knotenbildung, Suffhsionen, Phlebitiden und Erytheme sind die 



der Gesohlechtskrankheiten. 257 

Folgen mangelhafter Technik der Injektionen, und leicht za Yermeiden, 
auch allgemeine Muskelsch wache, Kopfschmerzen, leichte Fiebersteige- 
rungen bilden keine Ursachen für eine Unterbrechung der Behandlung. 
Die Bedingungen für ein Gelingen der Abortiv^behandlung sind: Die 
Infektion darf nicht länger als 40 bis 45 Tage zuräckliegen, die Ingekti- 
onen sind täglich und durch möglichst lange Zeit — eine bestimmte 
Dauer wird nicht angegeben — yorzunehmen und müssen von einer, 
wiederum längere Zeit („so lange Patient damit einverstanden ist**) 
währenden Kur Inunktioneu, Injektionen oder Jodkali gefolgt sein. 

Waliher Pick (Wien). 

Lesüer, E. Prof. Berlin. Die Behandlung der Syphilis mit 
Calomelinjektionen. Therapie der Gegenwart. Jänner 1903. 

Obwohl die Behandlung der Syphilis mit Calomelinjektionen nicht 
ungefährlich ist, so zeigen diese auf gewisse Formen von Syphilis eine 
überraschende Wirkung. So 1. bei schwerem phagedänischen Schanker 
der Zunge, 2. bei maligner Syphilis (mit frühzeitigem Auftreten schwerer 
ulzeröser Erscheinungen), 3. bei tertiärer sklerotischer Glossitis, 4. bei 
schwerer Laryngitis, 5. bei hartnäckigen sekundären Zungenaffektionen. 
Besonders bei gallopierender Syphilis, tertiärer Glossitis und Iritisluetica 
sind die Injektionen mit Calomel von ausgezeichneter Wirkung, die von 
einer Inunktionskur oder Sublimati^jektionen nicht erreicht wird. Doch 
darf diese Behandlung nicht generalisiert werden und wo man mit einer 
Schmierkur auskommt, ist diese stets vorzuziehen, da die Calomelinjek- 
tionen schwere Yergiftungserscheinungen : Erytheme, Stomatitis, Ne- 
phritis, Enteritis nach sich ziehen können, die oft erst nach 3 bis 4 In- 
jektionen auftreten und denen man machtlos gegenübersteht. Deshalb 
erklärt Verfasser diese Art Therapie als eine exzeptionelle Methode, die 
nur unter besonderen Umständen gleichsam als ultima ratio angewendet 
werden soll. Als Suspensionsflüssigkeit empfiehlt er Oleum olivarum, als 
erste Dosis 0*05 gr, später je 0*1 gr Calomel in Stägigen Intervallen und 
nicht mehr als 4^5 Injektionen hintereinander. R. Böhm (Prag). 

Thimm. Ein schweres, spät auftretendes bullöses 
Quecksilber-Exanthem nach 12 Einreibungen mit grauer 
Salbe. Dermatol. Zeitschr. Bd. IX. 1902. 

Das von Thimm beschriebene pemphigusartige Exanthem wurde 
bei einer Frau im Anschlüsse an einen Partus beobachtet. Die letzte 
Inunktionskur war 18 Tage vorher durchgemacht worden, Injektionen 
hatte Patientin nie erhalten. Trotzdem glaubt der Verfasser die Er- 
krankung auf die Einverleibung des Quecksilbers beziehen zu müssen. 
Einen Erklärungsmodus für die Remanenz des Hg weiß er jedoch nicht 
zu geben. Frite Porges (Prag). 

Klemperer, G. Fieber und Schüttelfröste mit Leber- 
soh wellung (ulzerierteLebergumm ata) geheilt durch Queck- 
silber. Therapie der Gegenwart. Jänner 1903. 

Klemperer berichtet von einem Fall, der von verschiedenen 
Ärzten wegen lang andauernden Fiebers (gegen 38-ö) mit den mannig- 

Arch t Dennat. n« Sypb. Bd. LXYIU. 17 



258 Bucbanzeigen und Bespreohnngen. 

fachsten Mittel behandelt worden war. Zeitweilig traten Schüttelfröste 
auf. Patient kam stark herab. Die somatische üntersnchung ergab nur 
eine yergrößerte, etwas druckschmerzhafte Leber und vergrößerte Milz, 
alle anderen Orgaue normal. Verfasser erinnerte sich an 2,ähnliohe Fälle, 
die ansmnestisch ergaben, daß früher Lues akquiriert worden war und 
die durch Einleitung einer Sublimatinjektionskur völlig geheilt worden 
waren, nur bestand bei diesen Fällen auch zeitweise Ikterus, so daß die 
Diagnose auf Leberabszesse gestellt worden war. 

Bei Nachfrage erfuhr Verfasser, daß Patient ebenfalls vor 9 Jahren 
ein Ulcus durum hatte und eine kurze Schmierkur durchmachte. Es 
wurde nun auch hier eine Sublimatinjektionskur angewendet (2%) vnd 
nach der 14. Injektion war auch das Fieber völlig geschwunden. Verfasser 
meint, daß es sich um zerfallene Lebergummata gehandelt habe. 

Rudolf Böhm (Prag). 

Rosenthal, 0. Berlin. Über die Behandlung von Leber- 
affektionen mit Quecksilber. Therapie der Gegenwart. 1903. 

In einem längeren Aufsatz wendet sich Verfasser gegen die von 
Klemperer ausgesprochene Auffassang seiner Fälle als luetische in 
Heft Kr. 1. 1908. Rosenthal erklärt die von ihm anerkannte Wirkung 
des Quecksilbers dadurch, daß letzteres als Sublimat wie auch als Ga- 
lomel einen starken Reiz auf das Leberparencbym ausübt, daß deswegen 
aber nicht ex juvantibus auf Syphilis zu schließen sei, da es sich ebenso 
gut um wirkliche Leberabcesse oder noch eher um eine nur parenchy- 
matöse Entzündung ohne Eiterbildung gehandelt haben kann. 

Rudolf Böhm (Prag). 

Fein, Job. Wien. Die Aufrichtung der Sattelnasen mit 
Anwendung subkutaner Paraffinprothesen nach Gersuny. 
Wiener mediz. Wochenschrift 1902, Nr. 19 u. 20. 

Fein benützte zur Einspritzung sterilisierteslVaselinnm album und 
wählte sowohl die Nasenspitze als die Nasenwurzel zum Ausgangspunkt. 
Die Einstechung muß subkutan und in geringen Quantitäten, auf mehrere 
Sitzungen verteilt, erfolgen. Fein arbeitete ohne Anaesthesie. 

Victor Bandler (Prag). 

Federn, S. Wien. Vorschlag zur Behandlung des Ulcus 
durum. (Offener Brief an Hof r. Kaposi.) Wiener medizin. Presse 1901. 

Nr. 60. 

Federn hat aus der Beobachtung und dem Krankheitsverlaufe 
verschiedener Ulzera am Genitale folgende Schlüsse gezogen: 1. Die In- 
duration eines Ulcus ist keine notwendige Folge oder Bedingung der 
syphilitischen Infektion ; 2. auch auf den sogenannten weichen Schanker 
oder wie der Autor ihn bezeichnet, das „stark eiternde primäre* 
Geschwür kann allgemeine Syphilis folgen; 8. wenn eine tiefer greifende 
Eiterung beim primären Ulcus auftritt, erfolgt in der Regel keine all- 
gemeine Syphilis; 4. wenn eine wenig eiternde oder nicht eiternde ober- 
flächliche Sekretion beim primären Ulcus auftritt mit oder ohne Induration, 
erfolgt in der Regel allgemeine Syphilis. Der Autor nimmt also, wohl 



der Oeschlechtskrankheiten. 259 

^anz vereinzelt und im Gegensätze zu der herrschenden Auffassung, an, 
daß dnroh die Eiterung das Syphilis-Contaginm zerstört wird und darum 
keine allgemeine Syphilis erfolgt, die Auffassung gründet Federn auf 
die Beobachtung, daß bei stark eiterndem Ulcus und Bubo keine Syphilis 
eintritt Des Autors therapeutischer Vorschlag geht deshalb dahin, auf 
-ein schwach eiterndes primäres Ulcus Eiter von einem Ulcus molle 
einzuimpfen, um eine stärkere Eiterung hervorzurufen, welche auch zu 
eiternden Bubonen führen soll, um so das Syphilis- Gontagium auch auf 
seinem weiteren Wege zu vernichten. Federn unterbreitet diesen Vor- 
schlag den Männern der Wissenschaft zur Diskussion und glaubt so 
künstlich denselben Weg zu gehen, auf dem in der Natur die allgemeine 
Syphilis in der Regel (?) verhindert wird. Victor Brandler (Prag). 

Heuss, E. Wie behandeln wir die Syphilis? Korre- 
»pondenzbl. für Schweiz. Ärzte 1901. Bd. XXXI. Nr. 33, 24. 

H e n s s bespricht die heutzutage gebräuchlichen Methoden der 
Syphilisbehandlung ohne etwas wesentlich Neues zu bringen. 

J. Federic (Straßburg i. £.). 

Jadas§ohn. Bemerkungen zur Syphilistherapie. 
KorrbL für Schweizer Ärzte 1901, Nr. 21, pag. 673 und Nr. 22, pag. 718. 

Der Aufsatz Jadassohns stellt im wesentlichen eine Polemik 
gegen den im gleichen Blatt erschienenen (Jahrg. 1901 pag. 169) und 
dasselbe Thema behandelnden Vortrag von H e u s s dar, mit dem Jad a s- 
aohn in den meisten wichtigen Punkten nicht einverstanden ist. 
1. Jadassphn betont zunächst gegenüber Pleuss, der die Anwendung 
einer allgemeinen Hg-Knr vor dem Erscheinen des ersten Exanthems 
für schädlich erklärt, daß namentlich der praktische Arzt, für dei die 
Diagnose eines Primäraffektes oft unsicher ist, im allgemeinen besser tut, 
das Erscheinen der Sekundärsymptome für den Beginn der Kur abzu- 
warten, daß es aber die günstige Wirkung des Hg bei der Syphilis be- 
zweifeln hieße, wollte man die frühzeitige Behandlung bei sichergestelltem 
Primärafiekt als schädlich erklären. 2. Verf. beweist, daß nicht, wie Heus s 
meint, in jedem Falle die Syphilisinfektion schon vonden ersten Stunden an 
eine allgemeine sei, sondern daß trotz der unzweifelhaften Mißerfolge 
die (aus naturlichen Gründen schwer beweisbare) Möglichkeit znrecht- 
besteht, unmittelbar nach der Infektion durch Zerstörung der Invasions- 
pforte die Syphilis zti verhindern. Sodann zeigt er an der Hand des 
vorliegenden literarischen Materials und eigener Fälle, daß es trotz der 
zahlreichen Mißerfolge und trotz der dagegen erhobenen Zweifel doch 
«ine Anzahl von Fällen gibt, in denen die Exzision unzweifelhafter 
Primäraffekte die Ausbreitung des syphilitischen Virus im Körper ver- 
iiindert hat. Deshalb vertritt er auch im Prinzipe die Berechtigung der 
Ezcision des Primäraffektes — vorausgesetzt, daß Lymphgefäße und 
Drüsen noch nicht erkrankt sind und der Sitz es erlaubt — da der 
eventuelle Vorteil sehr groß, die Nachteile sehr klein sind. 3. Bezuglich 
der von Heuss angegriffenen, intermittierenden Hg-Behandlung nach 
Fournier zeigt Jadassohn zunächst, daß man entgegen der Be- 

17* 



260 Bericht über die Leistangen aaf dem Gebiete 

handlung yon H e a s b q. a. berechtigt ist, anzunehmen, daß das Hg auf 
das Virus selbst, und nicht nur auf die Symptome, wirkt; weder die 
wissenschaftlichen Hypothesen, noch die Mißerfolge der Hg-Therapie, noch 
das Vorkommen von Lues auf mercurialisiertem Körper erschüttern die 
Berechtigung dieser Annahme. Das vorhandene statistische Material ist 
allerdings nicht im stände, den Nutzen der Fournier sehen Methode 
sicher zu beweisen. Dagegen macht dasselbe, sowie die Erfahrungen 
kompetenter Ärzte, ihre prophylaktische Wirksamkeit gegen den Tertiaris- 
mus wahrscheinlich. Bei vernünftiger Anwendung treten nicht mehr 
unangenehme Hg- Wirkungen auf als bei symptomatischer Kur. Es muß 
auch da individualisiert werden. 4. Verf. bevorzugt die Einreibungen 
und Injektionen unlöslicher Salze. Auch die tertiären Fälle reagieren 
auf Hg ; manchmal sogar solche, die durch Ks nicht beeinflußt werden. 
Daher sind die tertiären, ferner auch die visceralen Fälle kombiniert zti 
behandeln. Auch maligne Lues ist mit Hg und JK zu behandeln ; man 
beginnt mit kleinen Hg-Dosen. Tertiäre Fälle, in denen JK in gewöhn- 
licher Dosis nicht wirkt, gehen manchmal auf hohe Dosen (15 und 20 ^ 
prodie) zurück. Oassmann (Basel). 

Gerb§manii, J. Zur Frage von der Behandlung der 
Syphilis nach der Methode von Welander. Wratschelenaja 
Gazetta 1902 Nr. 9. 

In zehn Fällen sekundärer Syphilis hat Gerbsmann die 
Welander sehe Methode nachgeprüft : der Erfolg war durchwegs ein 
negativer. Die Patienten verbrachten 7 — 8 Stunden in vorgeschriebener 
Bettwärme, * während sie die mit graner Salbe (6,0) täglich frisch be- 
strichenen Säckchen unnnterbrochen 4 Wochen hindurch auf der Brust 
trugen. Bis auf geringe, nicht einmal in allen Fällen nachweisbare 
Spuren von Quecksilber im Urin, war eine Beeinflnßung des Körpers, 
namentlich in therapeutischer Beziehung nicht zu konstatieren; in fast 
allen Fällen hat Verfasser zu den altbewährten Methoden seine Zuflucht 
nehmen müssen. Für die gewöhnliche Praxis eignet sich demnach die 
Welander sehe Einatmungskur keineswegs, sie kann eventuell nur 
für die klinische Behandlung in Frage kommen, wo die Patienten sehr 
viel im Bette liegen, und die Luft mit Quecksilber übersättigt ist. 

S. Prissmann (Liban). 

Lichatschew, A. Zur Behandlung der Syphilis mit 
intravenösen Sublimatinjektionen. Medicinskoje Obosrenje. 
September 1901. 

Lichatschew hat im Ekaterinoslawschen Gouvemements- 
krankenhause an 17 Prostituierten mit condylomatöser Lues die zuerst 
von B a c e 1 1 i 1894 empfohlene Behandlungsmethode der Syphilis mit 
intravenösen Injektionen einer Nachprüfung unterzogen. Die Injektionen 
wurden möglichst täglich gemacht und nicht blos auf die Armvenen 
beschränkt. Die technische Ausführung dauert bei einiger Übung nicht 
nennenswert länger als eine gewöhnliche subkutane Injektion. Die Stärke 
der Lösung schwankt zwischen 1 : 1000 — 1 : 500, die Einspritzung ist 



der Geschleohtskrankheiten. 261 

absolut gefahrlos und bat für gewöhnlich keine schlimmen Folgen. 
Kontraindiciert ist sie bloß bei Gefaßsklerose. Die Erscheinungen der 
eondylomatösen Syphilis schwinden bei den intravenösen Iigektionen 
recht bald, doch sind erneuerte Eruptionen während der Behandlung 
nicht ganz ausgeschlossen. Die Wirkung ist mitunter eine noch schnellere 
und intensiyere als bei den subcutanen Einspritzungen. Bei konzentrierteren 
Lösungen schwinden die Krankheitserscheinungen zwar rascher, doch ist, 
eine ausj^esprochene Proportionalität nicht zu bemerken. Mund- und 
Darmreiznng treten für gewöhnlich nicht ein. Rezidive kommen bei der 
intravenösen schneller und öfter als bei der subcutanen Injektionsmethode 
vor. Demnach sind die intravenösen Einspritzungen keineswegs als 
Universalmittel zu betrachten und nur in den Fällen zu empfehlen, in 
denen die subkutanen Injektionen ihrer Sohmerzhaftigkeit wegen nicht 
vertragen werden und eine Einreibungskur aus irgend welchen Gründen 
nicht ausgefEihrt werden kann. S. Prissmann (Libau). 

Hallopeau. De l'action comparative du traitement 
local des syphilides ulc^reuses par Peau bouill^e et par le 
• ublimö au ]/6000^ Soc. de derm. etc. 10. Jan vier 1901. 

Entgegen der Fourni ersehen Ansicht, daß die lokalen Sublimat- 
umschläge schädlich wirken, wird an einem Patienten mit ulcerösen 
Syphiliden an beiden Unterschenkeln gezeigt, daß die mit Sublimat- 
kompressen bedeckte Seite früher als die mit nur in sterilisiertes Wasser 
getauchten Kompressen belegte heilte. Gegen hartnäckige Syphilome der 
Zunge werden Sublimatpastillen von Vi ^9 ▼om Autor mit gutem Erfolge, 
der auch der lokalen Wirkung zugeschrieben wird, verordnet. 

Richard Fischel (Bad Hall). 

Borkhart, M. Über dieMerknrialbehandlung der Tabes- 
kranken. Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXIY. 

Bockhart läßt Tabeskranke bei jeder Schmierkur nur 20—25 
Einreibungen zu 2*5—3 — 4 g machen, und achtet sorgfältig auf Ver- 
änderungen des Körpergewichtes. Bei Abnahme desselben oder wenn 
sich die Kranken nicht frisch fühlen oder blässer werden, wird ausgesetzt 
Während der Schmierkur 4— 5mal wöchentlich warme Bäder von 25 bis 
27^ R. durch 10—15. Daneben Ruhrkur (12 St. Bettruhe, 10 bei Nacht, 
2 bei Tag) Tabak, Alkohol, geistige Anstrengungen sind zu unterlassen. 
Eine solche Kur wird alljährlich durchgemacht. Quecksilber innerlich, 
Injektion von unlöslichen Hg- Salzen, Jodkali sind erfolglos, dagegen 
ersetzen Sublimatinjektionen (20—25 zu 0*01 g Sublimat pro die) die 
Schroierkur. Auf diese Weise behandelte B. 95 tabeskranke Männer 
(72 im initialen Stadium, 23 im ataktischen). In 202 seiner Fälle konnte 
er Stillstand der Krankheit konstatieren, und war auch bei den übrigen 
Fällen mit den Erfolgen recht zufrieden. Ludwig Waelsch (Prag). 

Seilei, J. Die Wirkung der Jodalkalien bei chlorfreier 
Diät. Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXI V. 

S e 1 1 e i untersuchte den Speichel seiner Patienten vor der Jod- 
Verabreichung und auch während des Jodgebrauches auf Rhodan und 



264 Bericht ober die Leiatungen aof dem (Gebiete 

seilen und wenige Mikroorganismen enthaltenden Masse gebildet ist. 
Hier sieht man auch die sogenannten Amas müriformes, welche 
keine Mikroorganismen, sondern nur durch abnorme Kern- 
proliferation entstandene (bei nekrotisierenden Epidermiszellen 
beobachtete) Figuren sind. Drittens kommt eine rein fibrinöse, sangui- 
nolente reichlich Mikroorganismen einschließende äußere Zone. Die 
bakteriologische Untersuchung ergab die Anwesenheit von Proteus vul- 
garis, Colibacillus, Staphyloooccus albus et aureus. 

Auf Grund dieser Beobachtungen schließen Savariand und 
Deguy, daß die sogenannte Botryomycose nichts anderes ist, 
als eine Varietät der Staphylococcose, welche schließlich 
zur Bildung von Fleischwarsen (bourgeons chamus) führt, eine 
wirkliche entzündliche Neubildung der Haut. Der sogenannte 
Botryocoque ist identisch mit dem Staphyloooccus. Die von 
einigen Autoren beschriebene Hypertrophie der Schweißdrüsen haben die 
Verfasser nicht bestätigen können, und ist demnach die Botryo- 
mykose auch keine ^Fibroadenose sudoripare**. (Interessant ist die gele- 
gentliche Mitteilung der Verfasser, daß sie in einer kleinen Aknepnstel 
des Gesichts den Sabouraudschen Seborrhoebazillus in Reinkultur 
fanden.) F r e d e r i c (Straßburg i. E.). 

SaTsriaud. A propos dela botryomycose. Reponse k Mr. 
X. Delore. Gaz. des hopit. 1902. Nr. 127. 

Savariaud wendet sich gegen Delore, und bleibt der Ansicht, 
die er in seiner früheren Arbeit begründet hat (Gaz. des hop. 1902), daß 
die Botryomykose nur eine eigenartige Form der Staphylokokkeninfektion 
ist. In der Antwort von Delore an Savariaud betont ersterer, daß 
er in seiner Arbeit nur für die klinische Sonderstellung der Botryo- 
mykose plaidiert habe. Es folgt nun noch eine Antwort von Dor (Lyon) 
an Savariaud; ersterer bleibt überzeugt, daß die Botryomykose von 
den Schweißdrüsen ausgehe. Was die Spezifizität des „botryocoque^ 
betrifft, so sei die Entscheidung dieser Frage noch im Schweben. 

Fr^deric (Straßburg i. E.). 

Delore, X. Botryomycose; nouvelles observations. Graz, 
des höpit 1902. Nr. 122. 

Delore teilt aus der Klinik des Prof. Poncet (Lyon) zwei typi- 
sche Fälle von Botryomykose mit. Er hält, entgegen Savariaud 
und Deguy daran fest, daß die Botryomykose eine besondere Krank- 
heit sei, die bei Tieren und Menschen vorkomme. Auch haben neuere 
Untersuchungen von Parascandolo ergeben , daß bakteriologisch 
Staphylokokken und Botryokokken nicht identisch sind. Was 
speziell die „grains jaunes*' betrifft, so haben Poncet und Dor bereits 
betont, daß diese keine Parasiten seien. 

Frederic (Straßburg i. E.). 

Freund, L., Wien. Dermatomyasis. Wiener mediz. Wochen- 
schrift 1901. Nr. 51. 



der Hautkrankheiten. 265 

Freond beobachtete bei einem 5j&hrigen Mädchen, das mit 
Eczema impetignosnm capillitii in Behandlang kam, einen penetranten 
widerlichen Gestank, der bei genauerer Beobachtung nach Abhebung der 
Ekzemborken von einer Höhle am Scheitel des Kopfes ausging, in 
welcher Höhle, die bis auf den Schädelknochen reichte, es von Würmern, 
deren Leiber sich ununterbrochen zusammenzogen und ausdehnten, 
wimmelte. Mit dem Entomologen Proiessor Brauer bestimmte 
Freund die Larve als Sarcophyla Wohlfarti. Freund entfernte 
aus den zwei Höhlen 38 Larven, worauf die Wunde heilte. Aus der Larve 
entwickelte sich im nächsten Jahre das Tier. Die Sarcophila Wohlfarti 
kommt sonst meist in Rußland vor und sucht faulende Orte auf; das 
Kind akquirierte die Eier der Fliege wahrscheinlich, als es mit offenem- 
nässenden Kopfe im Augarten schlief. Das Kind bot keine Zeichen von 
Syphilis, dies muß konstatiert werden, weil die Ansicht verbreitet ist, 
daß derartige Dipteren ihre Eier nur auf Syphilitische ablegen. 

Viktor Bandler (Prag). 

Balzer et Schimpff. Contribution ä Petude des derma- 
toses vermineuses snperfioielles (Mycases). Ann. de derm. et 
de syphiligr. 1902, pag. 792. 

Bei dem ersten der drei von B a 1 z e r und Schimpff mitgeteilten 
Fälle handelte es sich um einen Patienten mit Mens crusis, der sich das- 
selbe mit einem Blatt von Tussilago farfara bedeckt hatte. Nach 14 
Tagen erschien das Geschwür bedeutend vergrößert und dicht mit Larven 
einer Muscidenart (Sarcophila magnifica) bedeckt. Neben diesem großen 
war ein zweites kleineres Geschwür entstanden, gleichfalls dicht mit 
Larven besäet. Die Autoren nehmen an, daß die Gegenwart der Larven 
und ihrer Defekte im Sekret als Reiz wirkt und so eine Steigerung der 
Entzündung und damit eine Vergrößerung des Geschwüres herbeifahrt, 
nicht daß die Larven sich direkt vom Gewebe ernähren. 

Eine noch oberflächlichere Form der Mykosis liegt in den beiden 
anderen Fällen vor, wo sich neben Pediculis zahllose Larven vonLucilia, 
gleichfalls einer Muscidenart auf der sonst intakten Kopfhaut vorfanden. 

Walther Pick (Wien). 

Tan Harllugen, Arthur. Report of Three Gases of Cree- 
ping Larvae in the Human Skin (Hyponomoderma, Kaposi). 
Amer. Joum. Medic. Sciences V. 124, pag. 436. Septb. 1902. 

Van Harlingen hat die drei hier beschriebenen Fälle dieser 
in Amerika jedenfalls ebenso selten wie in Europa vorkommenden Krank- 
heit als die einzigen in langjähriger Praxis gesehen. Die Krankheit er- 
scheint in Form einer, wie die Abbildungen zeigen, eigentümlich ge- 
schlängelten, leicht erhabenen roten Leiste, die bei näherer Untersuchung 
aus reihenfÖrmig aneinander geordneten Bläschen oder Papeln besteht, 
und an einem Ende sich fortwährend, zum Teil ziemlich rasch vor- 
schiebt ; meistens von lebhaftem Juck^ begleitet. Zwei der Fälle betrafen 
Kinder und hatten ihren Sitz an den Füssen, an der Seite vor der Ferse 
resp. auf der Fußsohle, und von dieser aus sich auf den Fußrücken er- 



266 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

streckend; im 3. Fall war die Hohlhand eines erwachsenen Mannes be- 
fallen. In keinem Falle gelang es des als Ursache angenommenen Para- 
siten habhaft za werden, aber Einschnitt auf das aktive Ende, besiehentlich 
Ausschneiden eines Haatstückes über demselben brachten die Krankheit 
snm Stillstand. Diese Fälle, die ersten in Amerika yeröffentlichten, stimmen 
somit mit den früher bekannt gewordenen in den Hauptpunkten überein. 

H. 6. Klotz (New- York). 

Malineonieo, £mesto. ön caso di tigna favosa primitiva 
della faccia. II Morgagni 1901, pag. 199. 

Ein Fall von Favus bei einem isyfthrigen Kinde, bei dem sich nur 
ein einziger von ekzematösen Erscheinungen begleiteter Skutulnmherd 
in der Gegend des linken Jochbeines vorfand. 

Spietschka (Brunn). 

Simonelii, Fr. L'acqua ossigenata nella cura della tigna 
favosa. Giornale Italiano delle malattie veneree e della pelle. 1901, 
pag. 99. 

Eine Polemik gegen Simonelli und dessen Erwiderungen gegen 
Angelo Bellini. Spietschka (Brunn). 

Kefiler, J. B. Trichophytosis. Joum. Americ. Medical. Assoc. 
XXXIX. 1050. 26. Okt. 1902. 

Keßler macht auf die Häufigkeit der Verbreitang des Tricho- 
phyton von K&lbem aus aufmerksam, besonders in den Rinderzucht- 
Distrikten der Vereinigten Staaten. Im Frühjahr, wenn die Jährlinge auf 
die Weide kommen, tritt von selbst Heilung ein. Dadurch daß die Tiere 
die befallenen Stellen des Juckens wegen gegen verschiedenerlei hölzerne 
Pfosten, Fnttertröge etc. reiben, bleiben in den Ställen die Keime zurück 
fnr die Infektion der im nächsten Herbst dieselben beziehende neue 
Generation von Kälbern. Diese von den Farmers als ,barn itch^ (Stall- 
jucken) bezeichneten Erkrankungen werden häufig Ursache von Infektion 
von Barbierstuben. H. G. Klotz (New- York). 

Beclo, Carlo F. Appunti storici sulla ospitalita e sulla 
cura dei Tignosi in Milano dal XY al XIX secolo. Giornale 
Italiano delle malattie veneree e della pelle. Ao 1901, pag. 103. 

Eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Behandlung und 
Intemierung der an Tinea (Favus) Erkrankten in Mailand vom XV bis 
XIX Jahrhundert. Spietschka (Brunn). 

Mewbom, A. D. A Gase of Ringworm of the Face and 
Two of the Scalp Gontracted from a Microsporon of the 
Cat; with some Observations on the Identification of the 
Source of Infection in Bingworm Gases by Means uf Cul- 
tures. New-Tork Med. Journal. LXXYI. 843. 15. Nov. 1902. 

Mewborn macht darauf aufmerksam, daß es bei parasitischen 
Pilzerkrankungsherden im Gesicht und auf dem Körper zuweilen un- 
möglich ist zwischen Trichophyton und Mikrosporon als Ursache zu 
unterscheiden wegen der Umwandlung der Mikrosporon in den ketten - 
artigen Typus des Trichophyton. Hier kann die Identität nur durch Kul- 



der Hautkrankheiten. 267 

toren festgestellt werden. Noch verwickelter werden die Verhältnisse^ 
wenn neben Stellen kleinsporigen Herpes tonsurans auf dem behaarten 
Kopfe eine Anzahl yerstreuter EfHoreszenzen am Hals oder im Gesicht 
mit großen, kettenartigen Sporen vorhanden sind, da mit Sabouraud 
ziemlich allgemein angenommen wird, daß Mikrosporon Audouini Erwach- 
sene nicht ansteckt n. nur auf dem behaarten Eopt von Kindern vorkommt. 
Solche Fälle beruhen nach Mewborn auf Infektion mit einem von Tieren 
stammenden Mikrosporon, wie von Bodin für Hund und Pferd, von 
Fox und Blaxall für die Katze nachgewiesen wurde. Mewborns eigne 
Fälle betreffen ebenfalls die Katze und werfen einiges Licht auf die 
schwierige Frage des Polymorphismus im klinischen Auftreten eines und 
desselben Pilzes. Besonders wichtig ist der 1. Fall, indem die Katze, 
von der Patient angesteckt worden war, genau untersucht werden konnte. 
Bei der 16jährigen Patientin fand sich unterhalb des linken Auges außer 
mehreren schuppenden Stellen im Gesicht eine von bläschentragenden 
Papeln umgebene Stelle (Herpes tonsurans vesiculos). Schuppen zeigten 
lange Ketten trichophytonartiger Sporen und zarte gegliederte und ver- 
zweigte Mycelien; Wollhaare von der herpesartigen Stelle zeigten eine 
von läuglichen großen, kettenartig arrangierten Sporen gebildete Hnlle, 
das typische Bild eines Trichophyton megalosporon ectothrix. In einem 
Präparat, das etwas Serum von einem der Bläschen enthielt, fand Mew- 
born eine längere Myceliumkette mit traubenartig anhängenden Sporen, 
je eine an jedem Segment, eine bisher an den Herpestonsuranspilzen 
nicht beobachtete Erscheinung. Vielleicht lieferte das Bläschenserum 
einen besonders günstigen Nährboden. Von den erkrankten Stellen der 
Katze entnommene Haare zeigten außerhalb des Haares gelegen die 
dicht gedrängten, würfelförmigen Formen des Mikrosp. Audouini, nur 
fehlte das lange Mycelium im Innern des Haars. An einem ausgeschnit- 
tenen Hautstück konnte genau beobachtet werden, wie der Pilz den 
Haarbalg infizierte. Die dicken mit Anschwelluugen und Verzweigungen 
versehenen Enden der Mycelien erstrecken sich zwischen innerer Wurzel- 
scheide und Haarschaft hinab bis zur Höhe des Übergangs des Derma 
in das subkutane Bindegewebe. Hier scheinen sich die Fäden in kubische 
Segmente zu teilen, die anfangs noch eine deutlich kettenartige Anord- 
nung erkennen lassen« bis unter dem Druck der fortwährend nachgescho- 
benen Sporen das typische polygonale Mosaikaussehen zu stände kommt. 
Mit dem Wachsen der Haare wird diese Pilzscheide als weißlicher, puder- 
artiger Belag bis 1 — 2 mm über die Haut emporgehoben; innerhalb des 
Haarschaftes konnten keine Pilzelemente nachgewiesen werden. Kulturen 
von den Haaren der Katze und den Krankheitsherden der Patientin gaben 
auf Mischungen von Agar mit Malz, Glukose, Placentaglukose, am üppigsten 
mit Bierwürze, absolut identische Kolonien. Am 4. Tage erschien ein 
federartiger Büschel, der sich rasch strahlenförmig mit groben „haarigen'' 
Fäden ausbreitete, ungefähr am 10. Tage erscheint das Zentrum ent- 
schieden geib ; am Ende der 2. Woche zeigten die Kulturen das am 
meisten typische Aussehen: große, flache, kreisförmige, seidenartige 



268 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Gebilde mit einem Knopf in dem Zentrum, umgeben von einer vertieften, 
wascblederfarbigen Zone. Diese umgibt eine erhöhte weiße Zone, die 
wiederum von einem braungelben Kreis umgeben ist Der Rand besteht 
aus einer zarten, federartigen Franze mit entschiedener tangentialer 
Richtung nach links. Die beiden braunen Zonen verdanken ihre Farbe 
der reichlichen Entwicklung mehrfachriger, spindelförmiger Gebilde, den 
Chlamydosporen, die im Gegensatz zu der peitschenartigen Verlänge- 
rung der Spitze bei Trichophyton, gegen die Spitze hin zahlreiche borsten- 
artige Domen tragen. Experimente an Meerschweinchen ergaben klinisch 
die typischen Bilder des Herpes tonsurans. 

Die beiden anderen Fälle Mewbornt betrefifen Kinder mit Herpes 
tonsurans Stellen auf dem behaarten Kopf, bez. dem Kopf und Hals. 
Obwohl hier die Quelle der Ansteckung nicht nachgewiesen oder unter- 
sucht werden konnte, ergaben Kulturen unzweifelhiJt das Vorhandensein 
des Mikrosporon felineum, namentlich die gelbbraunen Ringe und die 
peripherische tangentiale Franze auf Bierwürzeagar. 

Therapeutisch macht Verfasser darauf aufmerksam, daß die 
>Virkung der pilztötenden Mittel wesentlich erhöht wird nach Entfernung 
von Fett (Alkohol, Äther, Schwefelkohlenstoff), Salben, daher Lösungen 
in Alkohol etc. nachstehen. H, G. Klotz (New-York). 



Anatomie, Physiologie, path. Anatomie, allg. und 
exper. Pathologie nnd Therapie. 

Fischer, Bernhard. Über Chemismus und Technik der 
Weigertschen Elastinfärbung. Vircb. Arch. Bd. GLXX, Heft 2, 
pag. 285. 

Die Untersuchungen Fischers, die in der Absicht vorgenommen 
wurden, verschiedene Elastinfarben herzustellen, scheinen einiges Licht 
auf den bisher unbekannten Chemismus der Weigert sehen Färbung und 
auf die anderen Elastinfarbstoffe zu werfen. Wird die Weigert sehe 
Farblösang unter völliger Weglassung des Fuchsins bereitet, so entsteht 
aus Eisenchlorid und Resorcin eine klare, braune Flüssigkeit — Verf. 
nennt sie Ferriresorcin — eine Art Beize, welche die elastischen Fasern 
der Einwirkung zahlreicher Farbstoffe zugängig macht. Diese Beiz- 
farbungen unterscheiden sich aber von der Weigertschen Färbung 
dadurch, daß sie nicht alkoholfest sind. Läßt man bei Herstellung der 
Weigertschen Farblösung das Resorcin weg, so erhält man eine Farb- 
lösung von etwas hellerem Ton als die Weigert sehe Lösung — Verf. 
nennt sie Ferrifuchsinlösung. Diese gibt eine gute Färbung der elastischen 
Elemente, die nur einen etwas helleren Farben ton als bei der Weigert- 
schen Färbung aufweist und alkoholfest hi, Präparate, die sich nahezu 
prar nicht von der Weigert sehen Färbung unterscheiden, erhält man, 



der Hautkrankheiten. 269 

wenn man Schnitte zuerst der erwähnten Beize und dann dem Ferri- 
fnchflin aassetzt. 

Andere Farbstoffe stellte Verf. dadurch dar, daß er bei der 
Weigertschen Darstellung an Stelle des Fuchsins andere Farbstoffe 
▼erwendete ; doch fanden sich nicht bei allen so hergestellten Farbstoffen 
dieselben Verhältnisse wie bei dem Weigertschen. Die einzige Farbe, 
die sich in ihren Komponenten als der Weigertschen analog erwies, 
war eine genau nach der Weigertschen Vorschrift aus Vesuvin, Uesorcin 
und Eisenchlorid hergestellte. Diese Lösung färbt elastische Elemente 
braun, gut differenziert und alkoholfest. Bei Darstellung derselben Farbe 
ohne Besoroin, erhält man eine gleich gut wirkende Farblösung, Ferri- 
▼esuvin. Auch diese Färbung ist alkoholfest. 

Verf. weist auf das verschiedene Verhalten der Elastin-Farbstoffe 
gegen Alkohol hin, und bemerkt, daß bei der Weigertschen Färbung 
nur die Differenzierung in Alkohol eine sichere Scheidung der elastischen 
Fasern von andersartigen Elementen (Ghondrin, Mucin, Homsubs tanzen u. a.) 
gestattet. Verf. scheidet die Elastinfarbstoffe nach ihrer Alkoholfestigkeit 
in alkoholechte und alkoholunechte. Bei den echten entstehen bei der 
W e i g e r t sehen Darstellung neue, alkoholfesto Farbstoffe, bei den unechten 
entstehen wohl zum Teil neue Farben, die aber entweder nicht alkohol- 
feste Elastinfarben sind, oder überhaupt keine Färbekraft für elastische 
Fasern besitzen. Bei den anderen unechten Elastinfarbstoffen entstehen 
bei der Weigert sehen Darstellung keinerlei neue Farben, sondern es 
wirken hier die ursprünglichen Farbstoffe auf die durch Ferriresorcin 
gebeizten Fasern. Auch diese letzteren Färbungen sind durchwegs nicht 
alkoholfest. Was die Frage betrifft, welche von den Elastinfarbstoffen für 
die Histologie verwertbar sind, so sind zunächst alle unechten auszu- 
schließen, doch sind die echten nicht alle gleichwertig und werden 
sämtlich vom W e i g e r tschen übertroffen, bei dem sich nur der Knorpel 
mitfärbt, während Mucin bei guter Alkohol differenzierong nicht mit- 
gefärbt wird. Als Gegenfarbnng empfiehlt Verf. Safranin oder Lithion- 
karmin. Gute Bilder erhält man auch, wenn man bei der Weigertschen 
Darstellung an die Stelle des Fuchsin das Saf^anin treten läßt, namentlich 
bei starker Verfärbung mit Hämatoxylio. Handelt es sich darum, das 
Verhältnis von Bindegewebe und elastischen Fasern festzustellen, so ver- 
bindet man die Weigert- Färbung mit einer G i e s o n - Färbung, die 
man nach Angabe des Verf. etwas modifiziert. Auch mit einer Fibrin- 
farbnng kann man die Färbung der elastischen Fasern sehr gut ver- 
binden. Ebenso mit Bakterienfärbungen. Verf. führt mehrere zu diesen 
Zwecken geeignete Färbemethoden des Genaueren an. 

Alfred Kraus (Prag). 

Belbanco, E. Zur Pathologie des elastischen Gewebes. 
Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

D. zeigt, in welchem Umfange und in welcher Weise elastische 
Fasern zur Riesenzellenbildung Veranlassung geben und welchen Ver- 
änderungen die elastische Faser dabei unterliegt. Die Riesenzellenbildung 



270 Bericht über die Leistangen auf dem Gebiete 

um elaatisohe Fasern läßt sich vorwiegend an lupösem Gewebe stadieren, 
u. zw. an jenen eigentümlichen, im Lnpusgewebe eingeschlostenen Ge* 
bilden, welche jüngst erst Pelagatti wieder beschrieben und entgegen 
der Meinung von R ö n a und Ssudakewitsch, welche sie für elastische 
Fasern halten, als Pilzelemente gedeutet hat. Dem gegenüber hält D. da- 
ran fest, daß diese Gebilde tatsächlich degenerierte, elastische Fasern 
seien. Die Schichtung dieser Gebilde erklärt er sich durch stoßweise 
Quellung der Fasern, wobei die Grenzen der einzelnen Quellungszonen 
markiert bleiben. Vielleicht legt sich auf die gequollenen Schichten ein 
Salzniederschlag und erfolgt die Apposition entsprechend der absatz- 
weisen Quellung schichtweise, oder tritt eine totale chemische Verwand- 
lung der einzelnen gequollenen Schichten ein. So konnte ja R6na eine 
Verkalkung und Fisenimprägnation der untergehenden Fasern nachweisen. 
Von einem spezifischen Einfluß des Protoplasma der Riesenzellen auf die 
elastischen Fasern läßt sich aber nicht sprechen. Die in die Leiber der 
Riesenzellen aufgenommenen elastischen Fasern wirken als FremdJtörper 
und regen die Riesenzellenbildung direkt an. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Pelagatti, M. Einige Worte als Entgegnung anDelbanco 
in betreff der sogenannten Zelleinschlüsse. Monatshefte für 
prakt Dermatologie. Bd. XXXV. 

Pelagatti erklärt gegenüber Delbanco, daß nach dem Stand 
der Dinge, der gemachten Erfahrungen und Beweisfahrungen für ihn nicht 
Grund genug vorliege, seine unter Vorbehalt ausgedrückte Ansicht (Mo- 
natshefte, Bd. XXXII), daß die Zelleinschlüsse bei Lupus vulg. Schimmel- 
pilze seien, zu ändern. Ludwig ViTaelsch (Prag). 

AJmkTist, Johann. Über die Emigrationsfähigkeit der 
Lympbocyten. (Aus dem Laboratorium des städt. Gesundheitsamtes in 
Stockholm.) Virch. Arch. Bd. CLXIX, Heft 1, pag. 17. 

Gelegentlich von zu anderem Zwecke vorgenommenen Injektionen 
von Bakterienkulturen in die Peritonealhöhle von Tieren und der Unter- 
suchung des dadurch hervorgerufenen Exsudates, konnte Verfasser fest- 
stellen, daß in diesem sehr bald, schon nach 20 — 40 Minuten, neben 
uninukleären und polynukleären Leukooyten auch kleine Lympbocyten 
sich finden. Er gelangt zu der Annahme, daß den Letzteren ebenso 
chemotaktische Eigenschaften und aktive Emigrationsfähigkeit zuzusprechen 
sei wie den Ersteren, doch scheinen ihm diese Eigenschaften bei den 
Lympbocyten weniger ausgeprängt als bei den multinukleären Leukooyten. 
Er verweist am Schlüsse auf die Übereinstimmung seiner Befunde mit 
mehreren Beobachtungen neuereu Datums hin, in welchen gleichfalls die 
Emigrat ionslähigkeit der Lympbocyten nachgewiesen wurde. 

Alfred Kraus (Prag). 
Pappenheim, A. Weitere kritische Ausführungen zum 
gegenwärtigen Stand der Plasmazellenfrage. Dazu ein 
Anhanir: Die Histogenese des Tuberkels betreffend. Virch. 
Arch. Bd. CLXIX, Heft 3, pag. 372. 



der Hautkrankheiten. 271 

Nachdem Pappenheim znn&chst die Befi^ffe nLymphoeyten' nnd 
yPlasmazellen^ genau präzisiert hat, geht er an die Erörterung der Frage, 
ob die im granulierenden Bindegewebe sich findenden Rundzellen ein- 
schließlich der typischen Piasmazellen histiogener Abkunft oder lenko- 
cytftrer Natur, d. h. aus autochtonen Bindegewebs-Elementen entstanden 
oder emigriert sind. £s werden zunächst die Grfinde, die für die leuko- 
cytftre Natur der Plasmazellen sprechen, erörtert, dann die Grande, die 
gegen ihre histiogene Natur und gegen die hämatogene Exsudatzellennatur 
derselben anzufahren sind, endlich jene Momente, die direkt far eine histi- 
ogene Abstammung der kleinkemigen Bundzellen im Sinne Marchands und 
Unnas sprechen. Auf Orund dieser indirekten und direkten Beweis- 
führung über die Natur der Plasmazellen, neigt Verf. zu der Annahme 
einer histiogenen Abstammung dieser Gebilde sowie der kleinen Rund- 
zeUen. Die Frage nach den zellgenerativen Beziehungen der einzelnen 
Rundzellentypen zu einander erklärt sich nach Pappenheim am besten 
durch die Theorie von der histiogenen Abstammung der Rundzellen, 
oder besser „Reizungszellen^, nach der die großen Zellformen die Mutter- 
zellen und Vorstufen der kleinen sind. Am Schlüsse der Arbeit wird als 
Beleg für die Richtigkeit der vorgetragenen Auffassung die Geschichte 
und Histogenese des Tuberkel- und Lupusknötchens erörtert Dabei 
gelangt Yerf. zu dem Schlüsse, daß eine Bildung des Tuberkelknötchena 
im Sinne Baumgartens anzunehmen ist, aber nicht eine gemischt 
histiogen-hämatogene, sondern eine ausschließlich histiogene Bildung des- 
selben. Alfred Kraus (Prag). 

Schlesinger, Arthur. Über Plasmazellen und Lympho- 
cyten (Virch. Arch. Bd. CLXIX, Heft 3, pag. 428.) 

Die Untersuchungen des Verf. führten zu folgendem Resultate: 

1. Die Unna sehe Methode ist für keine Form der Plasmazellen 
eine spezifische. 

2. Die Plasmazellen, wie sie von Unna einerseits, von Marschalko 
andererseits beschrieben wurden, sind nicht verschiedene Zellarten, sondern 
nur verschiedene Formen derselben Zellart. 

8. In der normalen Darmschleimhaut findet man öfters die Zellen 
des lymphoiden Gewebes durch Aufnahme von Plasma in Plasmazellen 
verwandelt. 

4. Wir haben hier zu unterscheiden zwischen großkemigen und 
kleinkemigen Plasmazellen, die wenigstens teilweise verschiedene Ent- 
wicklungsstufen der Zellen darstellen. 

5. Bei akuter Lymphämie ist diese Entwicklung in Lymphdrüsen 
und Gefäßen besonders deutlich. 

6. Die Plasmazellen sind zum großen Teil wenigstens nichts weiter, 
als in der Form veränderte große und kloine Lymphocyten. 

Alfred Kraus (Prag). 

Unna, P. G. Eine Modifikation der Pappenheimschen 
Färbung auf Granoplasma. Monatsh. f. prakt. Dermat. Bd. XXXV. 



272 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Färbung durch 10' mit folgender Mischung : Methylgrfin 0*15, Pyro- 
nin 0-25, Alkohol 2% Glyzerin 20, VsVoiges Karbolwasser ad 100. Hierauf 
Entfärbung in Alkohol. Es empfiehlt sich die Entfärbung in der Wärme 
Yorsunehmen (80—40^ C). Es sind dann auch die kleinsten Granoplasma- 
spuren dunkelrot. Wichtig ist femer die rasche Abkühlung der Schnitte» 
welche in der Wärme nur 5' in der Farblösung zu bleiben brauchen. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Unna, P. G. Die Färbung des Spongioplasmas und der 
Schaumzellen. Monatsh. f. prakt. Derm. Bd. XXXYI. 

Die „Eorbzellen'' Unnas zeigen die sogenannte „Wabenstruktur^ 
Bütschlis; sie setzen sich aus einer Summe wasserklarer Bläschen zu- 
sammen und stellen ein Schaumklümpchen dar, welches gewöhnlich an 
der Peripherie den verkleinerten Kern zeigt und der Eugelform zustrebt. 
Unna nennt diese Zellen jetzt Schaumzellen. Sie kommen in ent- 
zündlichen Ödemen und Granulomen vor; zu ihnen gehören z. B. die 
Mikulicz sehen Zellen. Die tinktorielle Darstellung der Schaumzellen 
fällt zusammen mit der des Sponglioplasma, der Gerüstsubstanz aller 
Zellen. Seine färberische Darstellung erschwert, daß es gemischt und be- 
deckt ist mit Granoplasma, selbst sehr schwer tingibel ist und nicht so 
basophil ist wie das letztere. Zur Färbung des Spongioplasma empfiehlt 
Unna zwei neue Methoden, die s. Orcein pol. Methylenblau- und Orcein- 
methode und die pol. Methylenblau-Karbol + Pyronin + Metbylgrun- 
Methode, bezüglich deren Einzelheiten auf das Original verwiesen sei. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Marallio, A. Eine neue Färbungsmethode für Kollagen 
Monatsh. f. prakt. Dermat. Bd. XXXV. 

Die in Alkohol fixierten und entcelloidinierten Schnitte werden 
10' in folgender Lösung gefärbt: Orcein 1*0, Wasserblau 1*0, Eisessig 5*0, 
Glycerin 10*0, Alkohol absol. 60*0, Aq. destill, ad 1000; hierauf Färbung 
mit gleichzeitiger partieller Entfärbung (nach vorausgegangener Abspü- 
lung in absol. Alkohol) durch ly, — 3 Stunden in einer Pikrin-Eosin- 
Anilinmischung: a) Anilin puc. 3*0, Pikrin 0'02. Die Pikrinsäure wird auf 
einen kleinen Wattafilter getan und das Anilin bis zu ihrer vollkommenen 
Lösung wiederholt durchfiltriert, h) Anilin p. 3*0, Eosin 0*02 (in derselben 
Weise wie a) zu lösen). Die beiden Filtrate werden zusammengegossen 
und diese Mischung wird zum Färben und Entfärben benützt. Hierauf 
Xylol-Balsam. Das Kollagen ist dunkelblau, alle übrigen Gewebe gelbgrün. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Bergb,R. Über Tätowierungen bei Frauenzimmern der 
öffentlichen und geheimen Prostitution. Monatshefte f. prakt 
Derm. Bd. XXXV. 

Statistische Zusammenstellung über die Häufigkeit der Tätowierungen 
bei den Prostituierten des Yestre-Hospitals in Kopenhagen nebst 
Schilderung der dargestellten Bilder. Ludwig Waelsch (Prag). 

Justus, J. Über den physiologischen Jodgehalt der 
Zelle. (Virch. Arch. Bd. CLXX, Heft 3, pag. 501.) 



der Haatkrankheiien. 273 

Um den Nachweis des Jods in den Zellen zu ermöglichen, ver- 
suchte es jQstus, dasselbe in eine farbige, mikroskopisch gut wahrnehm- 
bare Verbindung nmzawandeln. Dies gelang ihm in der Form des Thallo- 
jodid, das sieh in den Schnitten als gelber Niederschlag darstellt. Dagegen 
brachten diese mikroskopischen Bilder keine einwandsfreie Erklämng 
der spezifischen Aktion des Jods, da in Präparaten von mit Jod behandelten 
laetischen Patienten nicht nnr die Zollen der syphilitischen Nenbildang, 
sondern aaoh die der normalen Umgebung den gelben Niederschlag von 
Tl. J. aufwiesen. Es waren daher nur 2 Annahmen möglich: entweder 
es mflßte das eingenommene Jod in alle Zellen gelangt sein, oder der 
Jodgehalt der Zellen war ein physiologischer. Von der letzteren Annahme 
ausgehend, verwandte Justus zu seinen Untersuchungen zunächst ein 
schon unter physiologischen Vorgängen J. enthaltendes Organ, die Schild- 
drüse. Die Aufgabe war nun, in fSr die mikroskopische Untersuchung 
verwendbaren Schnitten, die Gegenwart des Jods durch unz weifelbare 
Reaktionen nachzuweisen. Da das Jod nicht als Jon in der Schilddrüse 
vorhanden ist, sondern in einem Komplexe, so können die Reagentien, 
die mit dem J.-Jon charakteristische Verbindungen ergeben, nicht zu 
dessen Nachweis verwendet werden. Es muß vielmehr zunächst das in 
dem Komplex gebundene J. als Jon befreit werden, wozu sich die 
Behandlung der Schnitte mit Chlor als geeignet erwies. Durch Behaadlung 
mit frischem Ghlorwassor sollte das in dem mit Alkohol fixierten Eiweiß 
der Schnitte enthaltene Jod aus seinen Verbindungen verdrängt werden, 
um als Jon durch unsere Reagentien nachgewiesen werden zu können, 
Verf. gieng nun zum Nachweis des Jodgehaltes der Schnitte folgender- 
maßen vor: die Schnitte der in Alkohol gehärteten und in Zelloidin 
eingebetteten Präparate werden, nachdem sie gut gewässert worden sind» 
für 1 — 2 Minuten allenfalls bis zu ihrer völligen Entfärbung in frisch 
bereitetes, grün gefärbtes Chlorwasser überführt; hierauf gelangen sie 
auf 2 — 3 Stunden in eine diluierte AgNog-Lösung, wo die vom Chlor 
gebleichten Schnitte zunächst blaßgelb, dann gelbgrün werden ; dann 
kommen die Schnitte in eine gesättigte warme Kochsalzlösung. Hier 
erfolgt — da das AgCl gelöst wird — eine rasche Aufhellung der Schnitte, 
die eine reine, schwach bis kanariengelbe Farbe zeigen. Dies ist die 
Farbe des AgJ in dünner Schicht. Kommen die Schnitte aus der Koch- 
salzlösung in konzentrierte HgCI^-Ltösung, so wird die Farbe derselben 
blaßgelbrot, rosa, zuletzt Zinnober, da das in ihnen enthaltene AgJ in 
HgJ, übergeht. Bezüglich der Erörterungen über die chemischen Vor- 
gänge, die sich dabei in den Schnitten abspielen, sei auf das Original 
verwiesen. 

Die Resultate nun, die der Verf. bei Anwendung der angeführten 
Methode zum Nachweis des Jods bei einigen tierischen und pflanzlichen 
Organen erhalten hat, sind folgende: 

Schilddrüse: 1. Die Kerne der Endothel zellen der Follikel ent- 
halten Jod, viel geringer ist der Jodgehalt der Colloidmasse. 2. Nicht 
nur die Kerne der Endothelzellen, sondern ein jeder Zellkern des 

Arch. f. Dermal u. 8ypb. Bd. LXVIII. 28 



274 Bericht über die LeiBtungen auf dem Gebiete 

Schnittes ist jodhaltig. Der letztere umstand legte den Gedanken nahe, 
daß das Jod ein normaler Bestandteil der Zellkerne sei« Ausgedehnte, 
an tierischen Organen (Lymphdrüsen, Thymus, Niere, Milz, Hoden, 
Nebenniere etc.) ausgeführte Untersuchungen ergaben, dafi in den Zell- 
kernen das Jod immer nachweisbar ist. Dasselbe Resultat zeigte sich in ver- 
schiedenen Geweben aus der Pflanzenwelt, so daß Verf. zu dem Schlüsse 
gelangt: Ein jeder Zellkern besitzt die Fähigkeit, das aufgenommene 
J.-Jon zu entionisieren und zu binden. Alfred Kraus (Prag). 

Brieger, L. und Diesselhorst, H. Untersuchungen über den 
menschlichen Schweiß. Deutsch, med. Woch. Nr. 10. 5. März 1908. 

Brieger und Diesselhorst experimentierten mit dem im weißen 
elektrischen Glnhlichtbade bei 50— 60<^ G erzeugten, 16—20 Minuten 
unterhaltenem, in Glasgefaßen gesammelten Schweiße. Das hauptsäch- 
lichste Ergebniß war, daß sowohl der Gefrierpunkt als das spezifische 
Gewicht des Schweißes von dessen Koohsalzgehalt bestimmt war. Als 
Mittel von 50 Schweißuntersuchungen Gesunder und Kranker fanden Verff. 
A = —0-608« und 0-7077o NaCl. Maximum A = —1-002 und NaCl zz 
]*857o* Minimum A = -0*822 und NaCl = 0'29Vo. ^^^ Kochsalzgehalt 
veranlaßt wahrscheinlich die individuelle Verschiedenheit des osmotischen 
Druckes des Schweißes. Die zuletzt ausgeschiedenen Schweißtropfen ent- 
hielten mehr Kochsalz und zeigten einen niedrigeren Gefrierpunkt als 
die ersten. Bei gesunden Individuen gefror der kochsalzfreie Schweiß bei 
0'150^ 19 Untersuchungen bei rheumatisch und neuralgisch Kranken 
ergaben als Mittelwert A = — 0'5637o* NaCl = 0*5857o* 8 Experimente 
an Neurasthenikern A = — 0-706^ NaCl = 0*876Vo. ^^^ ^a^., dessen 
chronische Nephritis durch eine Schwitzkur bedeutend gebessert wurde 
wies als Gefrierpunkt A = — 0*244« auf, ein Pat. mit Hyperidrosis A = — 0*482, 
NaCl =: 0*447o« Die durchschnittliche Geinerpunktsemiedrignng des 
Schweißes entsprach derjenigen des Blutes. 

Max Joseph (Berlin). 

Liepmann, W. Über die Bendasche Reaktion auf Fett- 
Nekrosen. (Virch. Arch. Bd. CLXIX, Heft 8. pag. 582.) 

Die Untersuchungen des Verfassers bewegten sich nach der Rich- 
tung, ob nicht die Reaktion häufig durch kadaveröse Veränderungen be- 
wirkt wird. Was die Art der chemischen Einwirkung der Kupferazetat- 
lösung auf die fettnekrotischen Partien betri£ft, glaubte Ben da be- 
kanntlich, auf einen bedeutenden Anteil von Ölsäure innerhalb der nekro- 
tischen Fettzellen neben Palmitin- und Stearinsäure schließen zu dürfen. 
Liepmann konnte nun feststellen, daß nach dem Tode eine Um- 
wandlung des Fettes in Fettsäuren, insbesondere in Ölsäure, wie sie bei 
der typischen Fettgewebs-Nekrose statthat, nicht eintritt; ergibt die 
Bendasche Methode der Kupferung der Fettgewebsnekrosen eine posi- 
tive Reaktion, so handelte es sich um Fettnekrosen, die intra vitam 
aufgetreten sind. Die charakteristische Färbung der nekrotischen Partien 
tritt schon nach % Stunden ein. Alfred Kraus (Prag). 



der Haatkrankheiten. 275 

Hoehsinger. Zar Derm atopathologie derNeugeborenen. 
Zentralblatt für Kinderheilkunde Nr. 6 n. 7. 1902. 

1. Hoohsinger bespricht einen Fall von Pemphigus neonatorum 
maligner Art mit lethalem Ende, bei welchem die Blasen auf vorher ge- 
röteter Haut entstanden waren. Diese Formen des P. n. hält H. im Qegen- 
satze zu denen, bei welchen die Blasen auf ganz unveränderter Haut 
hervorbrechen, für maligne Fälle. Im Blaseninhalte Beinknltoren von 
Staphylokokkus. Die Mutter akquiriert durch Übertragung seitens ihres 
Kindes nach 12 Tagen an der inneren Fläche des linken Vorderarmes 
eine oberflächlich gelegene Blase von Haselnußgröße, welche gleichfalls 
fitaphylokokkenhältig war. Die von Faber, Matzenaue r, Kreibich 
und H. Löwy versuchte Identifizierung des P. n. mit Impetigo conta-* 
giosa hält H. für nicht einwandfrei und weist darauf hin, daß, wenn- 
gleich beide Affektionen durch denselben Mikroorganismus entstehen, 
dieselben klinisch doch nicht gleichwertig sind. Bei Impetigo contagiosa 
tritt rasch Verkrustung ein, bei P. n. fehlt dieselbe. J. c. kommt bei 
jungen Säuglingen unter Krustenbildung vor, die als P. n. beschriebene 
Krankheit ohne Krustenbildung auch bei Kindern, welche mehrere Mo- 
nate alt sind. Die Bezeichnung P. n. sollte der richtigeren Nomenklatur 
^Pemphigus acutus contagiosus infantum** weichen. Wird eine erwachsene 
Person von einem pemphiguskranken Neugeborenen infiziert, dann ent- 
steht wohl lokal an der Infektionsstelle eine Blase, ein ausgebreitetes 
vesikulöses Exanthem jedoch, mit der Prädilektion im Gesichte und am 
Kopfe und mit der typischen Verkrustung, wie bei J. c, geht jedoch 
niemals daraus hervor. 

2. Hochsinger beobachtete an der Haut eines kräftig entwickel- 
ten Neugeboren 40—60 blaurote Blutcy stehen, welche sich schubweise 
vermehrten, mohnkom- bis linsengroß waren und als multiples erup- 
tives kongenitales Hautcavernom bezeichnet werden. Nach 3 
Monaten spontane Rückbildung der Cavernome. 

8. Eiu Fall von sog. Spontangangrän bei einem 2wöchent- 
liehen Kind» wird von Hochsinger mitgeteilt. Bei dem Neugebo- 
renen entwickelte sich in der 7. Lebenswoche in der Achselhöhle ein 
talergroßer brandiger Fleck, welcher sich sowohl gegen die innere 
Fläche des Oberarmes, als auch gegen die seitliche Thorazfläche zu rasch 
vergrößerte und eine handflächengroße, einem Schweißblatte ähnlich ge- 
formte und situierte, schwarze, munifizierte Hautpartie darbot. Exitus in 
der 8. Lebenswoche. Nach dem ganzen Krankheitsbilde handelte es sich 
hier um eine Thrombose der Arteria thoracica longa. In 
ätiologischer Hinsicht wird Geburtstrauma angenommen. 

Hochsinger (Wien). 

Ehrmann S. Wien. Über diabetische und gichtisch-arthri- 
tische Dermatosen. Wiener medizin. Wochenschrift. 190i. Nr. 43. 

Unter den diabetischen Dermatosen kommt sehr häufig das Ekzem 
vor, welches an den Genitalien, Skrotum lokalisiert ist und bei Frauen 
als Ursache oft eine Vaginitis aufzuweisen hat. Die Genitalien schwellen 

18* 



1 



276 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

hiebei an, werden derb, schuppen ab, es bilden sich Einrisse, ans denen 
sich Seram entleert. Die Begrenzung dieser Ekzeme ist meist scharf, die 
nächste Umgebung normal; anßer diesen lokalisierten Ekzemformen 
kommen noch universelle Ausschläge vor. Bei den Arthritikern kommen 
ähnliche Dermatosen vor, die Erkrankungen sind auf geringere Haut- 
territorien lokalisiert, besonders häufig erkranken die Fußsohlen und 
der Fußrncken in Form kleiner Bläschen, die Erkrankung schreitet mit 
scharfem Rand fort, im Zentrum schwächer werdend, die Hyperämie 
schwindet, es stellt sich dicke Schuppung ein. Ahnlich an den Händen 
in den Interdigital falten. Die Psoriasis, welche häufig bei Arthritikern 
beobachtet wird, wird bei frischen Attacken der Gicht diffus, zeigt 
Empfindlichkeit gegen Teer, Ghrysarobin, auch gegen Jod. Lokal sind 
am besten Umschläge mit Resorzin 1 — 27o} dann Einpinselungen von Teer. 

Viktor Bandler (Prag). 

Strebel H. Eine neue wirksame Lampe für lichtthera- 
peutische Zwecke. Deutsch, med. Wooh. Nr. 4. 22. Jänner 1903. 

Um einige Mißstände anderer Lichtheilapparate zu vermeiden, ver- 
suchte Strebel 2 hintereinander geschaltete Bogen, welche ihr Licht 
auf eine Stelle werfen, zu verwenden. So sollen die Widerstandsverluste 
vermieden werden, die bei dem Gebrauche nur einer Bogenlampe ent- 
stehen, und 2 große Leuchtflächen durch 4 kleinere, aber zusammen sehr 
wirksame Lichtquellen ersetzt werden. Die Firma Reiniger, Gebbert und 
Schall konstruierte nach diesem Prinzip zuerst eine Eisenlampe mit 

2 Lichtbogen. Verf. erstrebte weiterhin durch eine Mischung von Ferrum 
reductum mit Kohle Elektroden herzustellen, welche viel Ultraviolettt 
auch viel Farbstrahlen lieferten und neben bedeutender Lichtreaktion 
auch Tiefenwirkung hervorbrachten. Nach verschiedenen nicht brauch- 
baren Versuchen gelang die Herstellung einer zweckentsprechenden Lampe» 
Dieselbe brennt mit 2 Lichtbogen, welche zwischen präparierten Kohlen- 
stäben hergestellt werden. Die Elektroden liegen in wassergekühlten 
Rohren, die Haut des Pat. ist durch eine wassergekühlte Blende vor Ver- 
brennung geschützt. Eine vorgeschaltete Konzentrationslinse bewirkt 
genügende Tiefenwirkung. Die Lampe kann als Kompressorium einfach 
der erkrankten Stelle aufgesetzt werden. Verf. berichtet, daß er in 

3 Lupusfallen auch tiefere Knoten mittels seines Apparates zur Heilung 
brachte. Die Abbildung und Gebrauchsanweisung der Doppelbogenlampe ist 
im Original einzusehen. Max Joseph (Berlin). 

Török, L. und Schein, Moritz, Budapest Die Radiotherapie 
und Aktinotherapie der Hautkrankheiten. Wiener medi- 
zinisch. Wochenschrift. 1902. Nr. 18—23. 

In ausfuhrlicher Weise besprechen die Autoren die Wirkung der 
Röntgenstrahlen auf die einzelnen Hautkrankheiten und flechten überall 
ihre eigenen Erfahrungen ein. Ein wichtiges Augenmerk ist dem Auf- 
treten der Reaktion zuzuwenden, welche sich durch Jucken, Brennen, 
Hyperämie und Schuppung der Haut ankündigt. Zur Benützung gelangten 
weiche, regulierbare Vakuumröhren. Zur Behandlung gelangten Hyper- 



der Haatkrankheiten. 277 

trichose, über deren endgiltige Resultate die Aatoren noch keine eigene 
Erfahr ang besitzen, bei Favns ist eine endgiltige Heilang zn erzielen, 
«benso bei der Trichophytie der behaarten Kopfhaut; bei Akne 
vulg^s war der augenblickliche Erfolg ein vorzüglicher. Lupns vulgaris 
zeigte eine günstige Beeinflnssong, während Lupus erythematodes wieder- 
holte Behandlung derselben Stellen erforderte. Statt der Finseoschen 
Apparate benutzten die Autoren solche von Lortet und Genoud, welche 
«ie ausführlich beschreiben, und behandelten damit Lupus vulgaris, Lupus 
erythematodes und Alopecia areata, welche besonders schnell hiemit 
geheilt wurde. Viktor Bandler (Prag). 

Haber, Alfred, Budapest. Der heutige Stand der Finsen 
Therapie. Wiener medizinische Wochenschrift. 1902. Nr. 20—27. 

H n b e r, der vom ungarischen Unterrichtsministerium behufs Studium 
der Finsen-Therapie nach Kopenhagen geschickt worden war, gibt in 
ausfuhrlicher Weise eine pragmatische Darstellung der Finsen-Therapie 
mit genauerster Beschreibung des Instrumentariums, seiner Anwendung 
und Erfolge. Er preist Finsens Resultate bei Lupus, die er gleichstellt 
der radikalen Exzision und mit 857o Heilungen veranschlägt. Die klare 
Darstellung empfiehlt sich sehr zur Lektüre. 

Viktor Bandler (Prag). 

Cohn, Ernst. Über den antiseptischen Wert des Argentam 
•colloidale Gred^ und seine Wirkung bei Infektion. Zentral- 
blatt f. Bakteriologie. Bd. XXXH. pag. 7S2 und 804. 

Cohn hat das von Gred^ so warm emphohlene Argentum colloi- 
dale bezüglich seiner Einwirkung auf Bakterien in und außerhalb des 
Tierkörpers eingehend untersucht, und seine Resultate in extenso hier 
mitgeteilt. Er fand, daß das Präparat neben ausgesprochenen entwicklungs- 
hemmenden Eigenschaften, eine außerordentlich geringe Bakterzidie bei 
Reagensglasversuchen zeigte. Tierversuche zeigten, daß es keine toxische 
Wirkung ausübt, daß aber nach zirka einer Stunde schon alles Silber 
in den Organen niedergeschlagen war. Die Prüfung des Blutes auf Silber 
war absolut negativ. Die Körperflüssigkeiten werden also nicht bei 
Injektion des Argentum coUoidale in antibakterielle Lösungen umge- 
wandelt. Weitere Versuche ergaben am Tiere, daß auch das in den 
Organen ausgeschiedene Silber auf eine bestehende Infektion nicht einzu- 
wirken vermag. Sämtliche Versuche beweisen demnach, daß dem lös- 
lichen Silber, selbst in außerordentlich großen Dosen, eine Wirkung 
weder auf lokale noch allgemeine infektiöse Prozesse zukommt. 

Wolters (Rostock). 

Seydewitz, Otto. Untersuchungen über die keimtötende 
und entwickelungshemmeude Wirkung des Lysoforms. 
Zentralblatt für Bakteriologie etc. Bd. XXXIL pag. 222. 

Seydewitz hat die Wirkung des Lysoform als Desinfektions- 
mittel gegenüber einer Reihe von Mikroorganismen untersucht und ist 
zu einem durchaus befriedigenden Resultate gekommen. Die Entwicklungs- 
hemmende Kraft ist eine recht bedeutende; sie übertrifft die Karbol- 



278 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

sfinre and koromt der des Formalin etwa gleich. Die als Tastobjekte ver- 
wendeten Mikroorganisnien waren Staphylococcas pyogenes anreas, Typhas, 
Bacterium coli. Milzbrand, Cholera, Diphterie, und Streptococcus pyogenes 
Das Mittel selbst wurde in 1— 47o Lösungen in Anwendung gezogen. 
Desinfektionsbursten, die mit Staphylokokken infiziert waren, wurden 
nach Einwirkung von 67o Lösung in 6 Stunden keimfrei. 

Wolters (Rostock). 

Kokubo, Keisaku. Die kombinierte Wirkung chemischer 
Desinfektionsmittel und heifier Wasserdämpfe. Zentralblatt 
für Bakteriologie etc. Bd. XXXII. pag. 234. 

Kokubo kombinierte die Wirkung von Desinfektionsmitteln ver- 
schiedener Art mit der des Wasserdampfes, indem er die Substanzen dem 
Wasser zusetzte. Er erzielte dadurch eine erheblich raschere Desinfektion 
als bei Anwendung eines der Faktoren allein. Besonders günstige Resul- 
tate ergab die Anwendung des Formaldehyd, das schon in 0*l7o Lösung 
Milzbrandsporen in 1 Minute abtötete, während Sublimat in einer Konzen- 
tration von 1 : 1000 dazu 4 Minuten gebrauchte. Das Sublimat scheint 
demnach in dieser Verdünnung in den Dampf nicht überzugehen. Günstig 
waren auch die Resultate welche die Anwendung von Kresol, Zedern- 
holzöl und Chinosol ergaben. Der Verfasser hebt hervor, daß es sicher 
unter den nicht versuchten Substanzen noch eine Reihe gebe, welche gleich 
günstige Erfolge ergeben würden, oder diese noch übertrefifen würden. 
Weitere Untersuchungen müssen das lehren. Die bisher vorliegenden 
fordern mit Rücksicht auf die praktische Bedeutung derselben dazu auf. 
HI21 Wolters (Rostock). 

StrauM, Artur. Eine neue automatische Spritze für 
Infiltrationsanaesthesie und andere Zwecke. Deutsch» 
med. Woch. Nr. 7. 12. Feber 1903. 

Um die Übelstände des öfteren Füllens der Spritze bei Infiltrations- 
anaesthesien zu vermeiden, konstruierte Strauss eine Spritse, welche 
einer Pumpe gleicht. Ein seitliches Säugventil öffnet sich, wenn ein im 
Konus befindliches Druckventil sich schließt. Das Sangventil ist durch 
einen Schlauch mit dem Behälter der Flüssigkeit verbunden. Die 10 em^ 
fassende Spritze kann so in 1 Minute 1 Liter Flüssigkeit entleeren. Um 
den Apparat dauerhaft und leicht sterilisierbar zu gestalten, ließ ihn Verf. 
ganz aus Metall herstellen. Außer zur Anwendung der Schleich sehen 
Infiltrationsanaesthesie eignet sich derselbe auch zur Einspritzung größer 
Serummengen sowie der physiologischen Kochsalzlösung. 

Max Joseph (Berlin). 

Honsell, B. Über die Wundbedeckung mit der Bruns- 
schen Airolpaste. Bruns Beitrage z. klinischen Chirurgie. Bd. XXIX. 
pag. 669. 1901. 

Honsell verteidigt die von v. Bruns eingeführte Airolpaste 
(Airol 5*0 Mucilago Gummi arab. Glycerin m 10*0 Bol. alb. q. s. ut f. 
pasta mollis) zur Bedeckung genähter Wunden gegen die von verschie- 
denen Seiten erfolgten Angriffe. Er zieht prinzipiell Pastenverbände den 



der Haatkrftnkheiten. 279 

Palrer- und Gazeyerbänden vor, weil erstere einen hygroskopischen, rasch 
eintrocknenden, unverrückbaren und hermetisch abschließenden Wund- 
verband darstellen. Die andere Frage ist, inwieweit gerade Airol ein ge- 
eignetes Constitaens der Paste darstellt? Verf. beantwortet zan&chst die 
Vorfrage, ob man überhaupt aseptische Operationswanden antiseptisch 
verbinden solle, in bejahendem Sinne und hebt dann, gestützt aof die 
praktischen Besoltate in der Tübinger chirurg. Klinik, sowie auf experi- 
mentelle, an sich selbst angestellte Versuche hervor, daß der Airolpaste 
ein erheblicher antiseptischer und Bakterien hemmender Einfluß zukommt, 
welcher z, B. der Kaolinpaste und der von v. Mikulicz verwandten 
Zinkpaste abgeht. Stomatitis und andere schädliche Nebenwirkungen 
hat Honseil beim Airol niemals beobachtet, der Preis ist infolge der Er- 
sparnis an Verbandmaterial ein geringer. 

Arthur Alexander (Breslau). 

Honsell, B. Über Pasten- und Salbenverbände. 
B r u n B Beitrage z. klin. Chirurgie. Bd. XXXIII. p. 677. 1902. 

Die von v. Bruns zur Bedeckung aseptischer genähter Wnnden 
empfohlene lOVoige Airolpaste hat den Nachteil, daß sie, in Zinntnben 
aufbewahrt, infolge einer Verbindung des Zinns mit dem Airol sich 
zersetzt und unwirksam wird. Hon seil hat nun versucht, das Airol 
durch andere, ähnlich wirkende, aber minder zersetzliche, antiseptische 
Mittel zu ersetzen. Nur das Xeroform und das Vioform halten nach 
Honsells Erfahrungen den Vergleich mit jenem aus, ohne dessen 
Zersetzbarkeit bei Berührung mit Metallen zu teilen. Wer sich also der 
Tuben Verpackung der Pasten bedienen will, wird die Xeroform- und 
Vioformpaste mit Vorteil verwenden. Auf die Salbenverbände übergehend, 
von denen an der v. Bruns sehen Klinik inOestalt des Lanolin verbände« 
(Liebreich) ein ausgedehnter Gebrauch gemacht wird, erörtert Verf. 
zunächst die Vorzüge des letzteren : 

Das Lanolin erhält die Wunde feucht, ohne den Abfluß der Sekrete 
zu hindern, ist für die Zwecke der Praxis als keimfrei zu betrachten, 
bildet keinen Nährboden für Bakterien, muß aber vor Verunreinigungen 
geschützt werden. Therapeutisch verwendet wird es vor allem dann, 
wenn es gilt eine Wunde feucht zu erhalten, aber nur in größeren Zeit- 
abständen zu verbinden, ferner wenn unter feuchten Verbänden Reiz- 
zustände der Haut eingetreten sind, sowie bei allen gereinigten flächen- 
haften Granulationen, um ein Ankleben der Verbandsstofife zu verhindern. 
Im 8. Teil seiner Arbeit beschäftigt sich dann. H o n s e 1 1 mit den anti- 
septischen Salben resp. deren Bakterien hemmendem Einfluß. Er kommt 
auf Gmnd ausgedehnter experimenteller Prüfungen zunächst zu dem Er- 
gebnis, daß in jenen Fällen, in denen Lanolin und Vaseline mit dem 
gleichen Antiseptikum verbunden waren, stets das erstere eine erheblichere 
antiseptische Wirkung zeigte. Von den sehr zahlreichen und mannigfach 
zusammengesetzten Salben, welche Verf. untersucht hat, empfiehlt er vor 
allem das iVoo^ge Sublimatlanolin als die stärkste und relativ ungiftigste 
antiseptische Wundbedeckung in allen den Fällen, in welchen wir mit- 



280 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

telBt eines Salbenverbandes auf einer Wände eine Bakterien hemmende 
Wirkung erzielen wollen. Arthur Alexander (Breslau). 

Neumann, F. Über Paraffininjektionen. Prager medisin. 
Wochenschr. 1902, Nr. 26. 

Verf. nahm eine Paraffininjektion bei einer Patientin vor, bei 
welcher eine Assymetrie des Gesichtes vorhanden war, die nach der 
Eröffnung einer zur Abszedierung gelaugten, periostitischen Geschwulst 
der einen Gesichtshälfbe resultierte. Es wurde ein sehr guter kosmetischer 
Erfolg sowie eine wesentliche Abkürzung der Heiluugsdauer erreicht. 

Alfred Kraus (Prag). 

Most, A. Über Schmierseifen Verätzung. Deutsch, med. 
Woch. Nr. 8. 19. Feber 1903. 

Most warnt vor der häufigen und unvorsichtigen Anwendung 
scharfer Mittel, wie z. B. der Schmierseife und erläutert deren Schädlich- 
keit an einem Fall von Schmierseifenverätzung bei einer 61jährigen Frau. 
Weder die allgemeine Disposition der kräftigen Patientin, noch eine 
geringere Qualität der Seife waren anzuschuldigen. Pat. hatte sich gegen 
ein juckendes, vielleicht von Pediculi verursachtes Ekzem Hals und Arme 
mit Schmierseife eingerieben, die Arme dann noch mit Schmierseife ver- 
bunden. Bald darauf traten heftige Schmerzen auf, der Arm zeigte bei 
Abnehmen des Verbandes nach einer Viertelstunde schwarze Atzschorfe. 
Neben dem Ekzem und den Eratzeffekten bestanden oberhalb der EUbogeo- 
gelenke große schwärzliche Hautnekrosen, die 9 cm^ große, brandige 
Stelle am linken Arme hatte die ganze Dicke der Haut bis ins Unter- 
hautzellgewebe ergriffen. Diese nekrotischen Stellen waren von kleineren, 
oberflächlichen Nekrosen umgeben. Verf. nimmt an, daß die Eratzeffekte 
maßgebend für die tiefe Ätzwirkung waren. Er experimentierte an eich 
selbst und konnte nach kleinen Messerritzen Epithelnekrosen durch 
Schmierseife hervorrufen, während Einreibungen der intakten Haut keine 
Schädigungen veranlaßten. Verf. berichtet noch aus der Literatur ähn- 
liche Fälle von Verätzungen mit Schmierseife, sowie mit konzentrierter 
Kochsalzlösung. Max Joseph (Berlin). 

Rasch. Histologisches über Ealiätzung. Monatshefte 
f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Rasch studierte die Ätz Wirkung des Kali auf die lebende Haut 
u. zw. des Kaninchenohres und fand als Effekt der Kaliätzung: eine 
außerordentlich starke und schnelle Wirkung durch die Cutis und den 
Knorpel bis in das Bindegewebe der anderen Ohrfiäche und auch seit- 
wärts weit über die Zentralstelle hinaus. Entzündliches Odem, das 
serotaktisch hervorgerufen, gewissermaßen momentan den ganzen Atz- 
bereich überschwemmt. Das Exsudat scheint von vornherein rein serös 
zu sein, der Serotaxis schließt sich aber, wie das gehäuftere Vorkommen 
von Leukocyten in der Subcutis der Atzzone zeigt, sehr bald eine Leuko- 
taxis an. Der Ätzherd selbst ist einer Kongulationsnekrose verfallen, 
die am weitesten in dessen Zentrum vorgeschritten ist und nach außen 
in ein Gewebe mit abgeschwächter Ealiwirkung übergeht. Das Exsudat 



der Hautkrankheiten. 281 

trägt weaentlich dazu bei, einesteils die Diffussion des Kali nach den 
Seiten hin zu befördern, andern teils durch seine Auflösung und Ver- 
dünnung der Gewebe zum Zerfall, resp. die £iwei6körper zur Aus- 
scheidung zu bringen. Bei der Einwirkung des Eali werden vor allem 
die Eiweißkörper der Gewebe aufgelöst. Ein Teil wird an das Eali ge- 
bunden, die Alkalialbnminate. Ein anderer Teil wird aas seinen Ver- 
bindungen ausgefallt, wohl meistens Nuoleoalbumine. Unter den letzteren 
unterscheiden wir verschiedene so 1. denjenigen Stoff, der aus dem 
Protoplasma der Übergangsepitheliom austritt und Eörnerhaufen bildet, 
2. einen ähnlichen in den Eörnerhaufen der Wurzelscheide, der aber hier 
zu großen Tropfen verschmolzen, eine dem Hyalin entsprechende Reaktion 
zeigt, 3. das ausgeschwemmte Granoplasma, 4. das Eemchromatin. Bei 
dem Eemzerfall fallt unter den bereits früher oft beschriebenen Formen 
der Chromatolysis, Chromatotaxis, Ghromatorrhexis eine den Eem in toto 
vernichtende foudroyante Ghromatinschmelze auf, 5. von diesen Eiweiß- 
körpem unterschieden durch Färbung und Löslichkeitsverhältnissse ist 
ein methylenroter Stoff, der innerhalb des Ätzherdes in der Umgebung 
der Eerne auftritt, endlich 6. einer der sich gegen das Eali am meisten 
resistent erweist und bei reichlichem Exsudat als violett gefärbtes aus- 
gelaugtes Stroma von der Zelle allein übrig bleibt. Ein ähnliches fase- 
riges Stroma zeigt sich an den Epithelien der tieferen Follikel, aber mit 
rein basophiler Färbung, wenn ein stärkerer Exsudatstrom das Grano- 
plasma ausfällend, die Zellen in schopfähnlichen Massen auflöst. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Rasch. Verbesserung der Zinkleimdecke. Monats- 
hefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

An Stelle der Betupfung des erkaltenden Zinkleimes mit Watta 
empfiehlt Rasch Aufstreuen und Bestreichen mit Puder. Dadurch wird 
der Leim für Wasser und Fett mehr aufsaugnngsfahig und kann durch 
Zusatz von Bol. rubr. oder Pulvis cuticulor in seiner Farbe der der Haut 
genähert werden. Der Puder kann unmittelbar nach der Auftragung des 
Leimes aufgestrichen werden. 

Sack, A. Zu der von Dr. Rasch vorgeschlagenen 
Verbesserung der Zinkleimdecke. Monatshefte f. prakt. 
Dermatologie. Bd. XXXV. 

Sack verwirft das Bepudem der Zinkleimdecke nach Rasch, 
besonders wenn größere Hantflächen für längere Dauer überleimt werden 
sollen. Die Leimdecke trocknet rasch aus, verliert ihre Elastizität, 
springt und macht dann Schmerzen. 

Rasch. Noch einmal die Zinkleimpuderdecke. 
Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXVI. 

Rasch bestreitet die Einwände Sacks und hebt nochmals die 
kosmetischen Vorteile der Zinkleimpuderdecke, ihre Glätte und Färb- 
barkeit hervor. Auch für größere Flächen hält er seine Methode für 
geeignet. Ludwig Waelsch (Prag). 



282 Bericht über die LeiBtungen auf dem Gebiete 

Kanfinann, R. Über Stypticin. Styptioin als 
lokales Antiphlogistioam. IL Mitteilung. Monatshefte für 
prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Kaufmann empfiehlt Stypticin in Form 2—6 — 10% Lanolinsalbe 
bei äußeren Hautentzündungen, besonders Furunkeln; es versagt in 
Fällen, in welchen sich bereits Veränderungen der Haut etabliert haben, 
z. B. chronischem Ekzem, Rosacea u. s. w. 

Müller, G. J. Imprägnierte medikamentöse Puder. 
Monatshefte f. prakt. Dermatologie. Bd. XXXV. 

Müller erhöht die Wirksamkeit der medikamentösen Puder da- 
durch, daß er das Medikament dem Puder nicht mechanisch beimengt, 
sondern imprägniert Pudergrundlage ist ein Gemisch von Taloom und 
Magnesia carbonica, das mit Ichthyol, Thiol, Naphthol u. s. w. imprägniert 
wird. Müller nennt diesen Puder Pulvis aspergens medicatus resp. pingois, 
letzteres dann, wenn Imprägnation mit Wollfett stattgefunden hat. Zur 
Behandlung des Scbweißfußes hat Müller einen Pulvis antihidroticns 
mitis resp. fortis herstellen lassen. (Formalin-Salicyl -Tannin- Chloralhy- 
dratpuder mit weniger oder mehr Zusatz von Borsäure und Chromalaun.) 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Riehter. Zur bpiokmethode. Monatshefte für prakt. 
Dermatologie. Bd. XXXV. 

Richter empfiehlt zur Herstellung der mit Liquor stibii chlo- 
rati zu tränkenden Spickhölzer Holz der Kotbuche oder Weißbuche, da 
beide Holzarten bei relativ größter Aufsaugungsfahigkeit für die Lösung, 
nur schwer in gesundes oder Narbengewebe eindringen, dagegen bequem 
in das Lupusknötchen. Nach Ausfallen des durch das Spicken entstan- 
denen nekrotischen Prozesses wird in die Höhlung ein kleines Kögelchen 
837o Orthoformwatta eingelegt und mit 1-2 — 3 Tropfen Liquor 
stibii chlorat. getränkt, darüber kommt ein Pflaster. Nach 2—4 Tagen 
ist die gewünschte Nekrosieruog erreicht. Die Abheilung erfolgt unter 
Sublimat-Blei wasserverband. Bei sehr empfindlichen Patienten empfiehlt 
Richter die Verwendung von Stachelbeerdomen als weniger schmerzhaft. 

Ludwig Waelsch (Prag). 



Akute und chronische Infektionskrankheiten. 

Seemaim, Dr. C, k. u. k. Korvettenarzt. Zur Roseolenunter- 
suchung auf Typhusbazillen. Wiener klinische Wochensohrifb 
19Q2, Nr. 22. 

Die Typhus-Roseolen gehören nach den Befanden £. Fränkels 
zu den Erythemen, bei welchen der spezifische Krankheitserreger, das 
spezifische Kontagium, die Gefaßnerven der Haut derart beeinflußt, daß 
diese Exanthemsform auf derselben zum Vorschein kommt; dieselben 
müssen daher als Hautmetastasen der typhösen Darmerkrankung ange- 
sehen werden. 



der Haatkrankheiien. 283 

Der Autor, der diese Ansicht Frftnkels als endgültig erledigt 
hält, hespricht nan aasführlichst die bisherigen Bemühungen Typhus- 
bazillen in den Faeces, dem Blute und den Roseolen nachzuweisen, wobei 
er diesbezüglich eine ausgebreitete und gründliche Literaturkenntnis 
verrat. Nunmehr schildert er uns seine im Infektions-Spital St M. Mad- 
dalena in Triest (Direktor Dr. A. Marcovich) durchgeführten Unter- 
suchungen, bei welchen er bei 86 Typhusfallen 84mal die Roseola typhosa 
(94'4Vo) konstatierte und aus welchen es ihm 82mal gelang, den Eberth- 
sehen Bazillus zu kultivieren. Er hielt sich dabei an die Neufeldsche 
Methode, indem er nach Reinigung der Haut mit Äther- Alkohol einen 
Tropfen Nährbonillon auf die Roseola brachte, dann durch den Bouillon- 
tropfen einen seichten Einschnitt in die Roseola machte oder bei erha- 
bener Spitze dieselbe abkappte und bei Vermeidung des Austrittes eines 
größeren Bluttropfens das Gemisch von Bouillon und Roseolateilohen ins 
Eondenswasser von Agarröhrchen oder in Bouillon verimpfte und bei 87® G. 
in den Brutschrank stellte. Bei der Untersuchung in hängenden Tropfen, 
des als getrübt erscheinenden Röhrcheuinhaltes fanden sich entweder nur 
plumpe, dicke Stabchen mit lebhaften Eigenbewegungen, die dann später 
als Typhusbazillen identifiziert wurden, oder teils kleine, teils größere 
runde Kokken und sarcineartige Bildungen, wahrscheinlich von der Haut 
oder aus der Luft herrührend und endlich letztere Gebilde mit Typhus- 
bazillen gemischt. Letzterer Befund war der häufigere. Zur Identifizierung 
der Typhusbazillen stellte er regelmäßig folgende Proben an: 

1. Die Entfärbung nach Gram. 

2. Die gleichmäßige Trübung beider Schenkel in Traubenzucker- 
bouillon mit Säure, ohne Gasbildung. 

3. Das Nichtkoagulieren der Milch nach 4—5 Tagen im Brutsohranken. 

4. Das Ausbleiben der Nitroso-Indol -Reaktion. 

5. Die Agglutination durch hochwertiges Typhusserum auf 1 : 40. 
Bemerkenswert ist auch, daß der Typhusbazillennachweis in der 

Roseola in acht Fällen früher gelang, als die Gruber-Widalsche 
Reaktion positiv ausfiel. Diese hochinteressante, fleißige Studie empfiehlt 
den Verfasser aufs beste. Marinestabsarzt A. Plumert (Pola). 

Hirseh, M. Zur Kasuistik des Scharlachs. Jahrb. f. Khk. 
LH ; der 3. Folge 2. Bd. 5—6. Heft. 

Den statistischen und klinischen Bemerkungen Hirsch s über das 
Scharlachfieber liegt ein Material von 393 in der Kinderklinik Heubners, 
der Kgl. Charit e zu Berlin aufgenommenen Fällen aus den Jahren 
1894_1897 zu gründe. Die Mortalität betrug 25*8<Vo — hiebei ist zu be- 
merken, daß die Patienten hauptsächlich aus einer sehr armen und sozial 
niedrig stehenden Bevölkerungsklasse stammen — das Maximum der Er- 
krankungen fiel in den Herbst (Oktober), das Minimum in den Frühling 
(April), die Mortalität war im Winter höher als im Sommer, das Ge- 
schlecht der Kinder nahm keinen, das Lebensalter einen entscheidenden 
Einfluß auf die Krankheit. Das 2.-6. Lebensjahr zeigte das Maximum 
der Morbidität, das 2. das Maximum der Mortalität (77-77o). Das Säug- 



284 Bericht über die Leistungen anf dem Gebiete 

lingsalter (6 Fälle) zeigte 50<^/o Mortalität. Die Art der Ernährung (Brust 
oder Plasche) schien weder hier noch im späteren Lebensalter einen 
Einfluß auf den Verlauf des Scharlachs zu nehmen. Die meisten Kinder 
wurden am 2. Erankheitstage aufgenommen, von da ab sank die Zahl 
der Aufnahmen kontinuierlich bis zum 9. oder 11. Tage; in umgekehrtem 
Verhältnisse dazu stehen die Todesfalle. Die Infektionsquelle ließ sich in 
36'87o nachweisen. Die Schule schien keinen besonderen Einfluß auf die 
Morbidität zu üben. (? Ref.) Wunden verarsachten keine erhöhte Dis- 
position, Pseudorezidive (Ausbruch eines zweiten Exanthems bei noch 
andauerndem protrahiertem Fieber) traten 2mal, wahre Rezidive 2mal 
und zweimalige Scharlach erkrankung 4mal (l^o) ft^f- Eine gewisse 
Familiendisposition zur Scharlacherkrankung konnte Hirsch öfters 
bemerken. 

In klinischer Hinsicht konstatierte Hirsch im Prodromalstadium 
nichts Prägnantes. Mattigkeit, Schwäche in den Beinen, allgemeine Hin- 
fälligkeit, verdrießliche Stimmung, Unwohlsein, Kopfschmerzen, Schwindel- 
anfalle, Benommenheit, Schlafstörung, Schlafsucht, Leibschmerzen, Stuhl- 
verhaltnng, Diarrhoe, Erbrechen, Brechreiz, Appetitlosigkeit, Gelenk- 
schmerzen, Brustschmerzen, Kreuzschmerzen, Angina, Schluckbeschwerden, 
Husten, Heiserkeit, Durst, Delirien, Krämpfe, Tremor der Hände, Urin- 
drang, Schweißausbruch wurden beobachtet. 

Das Exanthem fehlte 8m al, war ömal rudimentär, 4mal in Form 
prominenter Stippen, Ömal großpapelartig, Imal quaddelartig (Jucken), 
ömal frieselartig. Hirsch erwähnt noch Fälle von Verschwinden und 
Wiedererscheinen, von Verfärbung des Exanthems, Hämorrhagien (blu- 
tiger Scharlach). Das Maximum seines Auftretens fiel auf den 2., das 
Minimum auf den 6. Tag, es verschwand zwischen dem ö. und 6. — 12. 
Tage. Der Beginn der Schuppung lag zwischen S. und 22. Tage, ihr 
Schluß zwischen dem 8. und 86. Tage. Die sonstigen Hauterscheinungen 
bestanden in Blässe, Ödemen, Exkoriationen, Abszessen, Herpes, Urti- 
caria, Pemphigus, Erysipel, Akne, Furunkulosis. 

Nach klinischen Bemerkungen über das Fieber und die erhaltenen 
Fieberkurven, über Angina bei Scharlach schildert Hirsch einen pest- 
artig verlaufenen Fall und die praktisch wichtigste Form der Scharlach- 
komplikationen, das Scharlach- Diphteroid, das er in 238 Fällen sah, 
wovon 90 leicht, 148 schwer, ö7 pestartig und im ganzen 75 tötlich 
verliefen. 

Drüsenschwellung kam SOSmal vor, Schmerzen hiebei 20mal, 
Abszeßeröffnungen wurden 26 gemacht; auch mehrmalige Abszedierung 
wurde beobachtet. Phlegmona entwickelte sich Imal, Arrosion eines 
Halsgefaßes und Nekrose der Tonsillen sah Hirsch gleichfalls Imal. 

Hirsch schildert noch die Veränderungen in der Mundhöhle 
(Stomatitis diphterica, apthosa, Schwellung der Tonsillen und des Zäpf- 
chens, Rhagaden der Mundwinkel, Herpes der Lippen, Affektionen des 
Zahnfleisches, Gaumens und der Zunge), der Nase (Goryza, Exkoriationen), 
des Auges (Konjunktivitis, Dacryocystoblenorrhoea acutissima, Ulcus 



der Haatkrankheiten. 285 

corneae, Protrasio bulborum, Amanrose, Verlost des Anges), des Ohrea 
(Otitis media, Otalgien nud otitische Affektion des Nervus facialis), die 
Synovitis soarlatinosa, Nephritis, Ödeme, orthotische Albnminarie, 
Urämie, ferner Hypertrophie des Herzens, die meist nicht heilbar ist, 
sowie Erkrankungen des Herzens — meist infolge Mischinfektion mit 
Streptokokken. Von sonstigen Symptomen sah Hirsch: unregelmäßigen 
Puls, Herzschwäche, Herzgeräusche, Cyanose. Nasenbluten trat 12mal auf. 

Universelle Hyperästhesie zeigten 2 Fälle, Flockenlesen 2, auto- 
matische Bewegungen 2, Coma vigile 1 Fall, Apathie 9 Eiuder, Jakta- 
tionen 6 Kinder. 

Bronchitis diffusa beobachtete Hirsch 48nial, Entzündnndung der 
Trachea und großen Brouchien 3mal, Pneumonien I7mal, Pleuritis Imal, 
Empyem Imal. 

Dyspepsie war 2mal vorhanden, Enteritis Imal, Ikterus 6mal. 

Scharlach trat auf: nach Liiphterie 5mal, nach Keuchhusten 8mal, 
nach Variazellen Imal, nach Masern Imal, nach Chorea 2mal und war 
5m al mit Diphterie, 7mal mit Tuberkulose kompliziert. In 16 Fällen 
folgte aaf Scharlach Diphterie, in 1 erst Masern, dann Diphterie, in 
18 Masern. 

Die Todesarsachen waren lOmal Herzschwäche allein, Herzschwäche 
und Sepsis (66), Herzschwäche und Nephritis (3), Herzschwäche und 
Bronchopneumonie (1), Herzschwäche, Sepsis und Pneumonie (2), Sepsis (8), 
Sepsis und Pneumonie (1), Schluckpneumonie, Nephritis, Scarlatina fulmi- 
nans und Urämie je einmal. 

Mit Bemerkuui^en über die angewandte hygienisch-diätetische, 
sowie symptomatische Therapie schließt der sehr gründliche und dankens- 
werte Bericht. Hochsinger (Wien). 

Amstein, F. Einige Bemerkungen über die Diagnose 
des Scharlach und dessen Rückfall. (Polnisch.) Medyoyna 1902. 

Amstein bezweifelt das wiederholte Vorkommen von Scharlach 
bei einem und demselben Individuum und weist auf die nicht zu bestrei- 
tende Möglichkeit hin, daß in solchen Fällen Verwechslungen mit Rubeola 
skarlatinosa und toxischen Erythemen vorliegen mögen. Be- 
sonders leicht werden derartige Irrtümer erklärlich, wenn man in Rück- 
sicht zieht, daß es eine bei Kindern häufige Erythemform gibt, das 
Erythema skarlatiniforme recidivans, welches mit Scharlach eine große 
Ähnlichkeit besitzt und sogar auch zur Abschuppung führt. Amstein 
bat auch unter 13 polnischen Kinderärzten mit großer Erfahrung eine 
Enquete über Scharlachwiederholung bei einem und demselben Indivi- 
duum angestellt und nur 10 positive Angaben unter den Kollegen zu 
verzeichnen gehabt. Meistens lagen nach Ansicht des Verfassers bei der 
Annahme wiederholter Erkrankung diagnostische Fehler vor. 

Hochsinger (Wien). 

Leiner. Über Wundscharlach bei Verbrennungen. Jahrb, 
für KinderheUkunde Bd. LVI. 1902. 



286 Bericht über die LeistuDgen auf dem Gebiete 

Lein er bringt die Krankengeschichten dreier F&lle von seiner 
Meinung nach echtem Wandscharlaoh (nicht Scharlach bei Verwundeten), 
welche nach mittelschweren Verbrennungen aufgetreten waren. Zur 
Kenntnisnahme der Fälle ist nur das Studium der Originalarbeit geeignet 

Hochs in ger (Wien). 

Mayer, Paul. £tude d'an Symptome diff^rentiel de 
Texantheme scarlatineux. These de Paris 1902. 

Häufig wird nach Angabe Paul Mayers in der Eruptionsperiode 
des Scharlach ein Symptom beobachtet, welches bisher nirgends erwähnt 
ist, und welches in einem Betäubungsgefühle an den unteren Extremi- 
täten, verbunden mit Forroikationen besteht. Dieses Symptom hat mit 
dem Schariachrheumatoid nichts lu tun. Bei den skarlatiniformen Ery- 
themen fehlt es. Hochsinger (V\'ien). 

GibouXy J. La scarlatine ä Paris dans les trente-sept 
dernieres ann6es. These de Paris 1902. 

Auf Grund der Publikationen des statistischen Bureaus von Paris 
stellt Giboux fest, daß der Scharlach in Paris während der letzten 87 
Jahre 3 große Epidemien verursacht hatte, deren letzte in das Jahr 1886 
fiel. Gegenwärtig ist eine Abnahme-Tendenz festzustellen. Im Frühling 
war immer die Mortalität die größte, daher zu dieser Zeit die prophy- 
laktischen Maßregeln besonders strenge angewendet werden sollen. Die 
Krankheit befiel in überwiegender Häufigkeit das männliche Geschlecht 
und forderte in den ersten 6 Lebensjahren die meisten Opfer. In den 
peripheren Vierteln von Paris war die Morbidität und Mortalität bei 
weitem größer als in den zentralen. Die Scharlachmortalität betrug 1 auf 
727 Einwohner. Im ganzen wurde eine relative Mortalität von 4Vo <)er 
angezeigten Fälle festgestellt. Hochsinger (Wien). 

Bouyer. Scarlatine hömorrhagique benigne. Archiv de 
m^decine des enfants. Tome V. Nr. 1. 1902. 

Ein von Bouyer beschriebener Scharlachfall zeigte reichliche 
Hautblutungen, verbunden mit Bluthamen und profuser Nasenblutung, 
welch' letztere Erscheinung auch bei einer vorausgegangenen Masern- 
erkranknng desselben Kindes beobachtet wurde. Dieses Verhalten gibt 
dem Verfasser Anlaß, an eine Komplikation zwischen Hämophilie und 
Scharlach im vorliegenden Falle, welcher günstig ausging, zu denken. 

Hochsinger (Wien). 

Baginsky, A. und Sommerfeld. Bakteriologische Unter- 
suchungen bei Scarlatina. Archiv f. Einderheilk. Bd. XXXIII. 1902. 

Ausführlicher Bericht über von Baginsky und Sommerfeld 
gemeinsam durchgeführte bakteriologische Untersuchungen bei scharlach- 
kranken Kindern, aus welchen die Konstanz des Vorkommens eines 
Streptokokkus in den Rachengebilden, in der Lumbaiflüssigkeit und 
im Harn Scharlachkranker, sowie auch in den Organen von Scharlach- 
leichen hervorgeht. Die Autoren kommen nach genauer Schilderung der 
morphologischen und biologischen Eigenschaften ihres Streptokokkus zu 



der Hautkrankheiten. 287 

der AnschanoDg, daß derselbe for Scharlach charakteristisch ist, lassen 
aber die Frage, ob er als Scharlacherreger zu bezeichnen ist, noch offen. 

Hoohsinger (Wien). 

Tobeitz, A. Zur Pathologie und Therapie des Schar- 
lachs. Archiv für Kindh. Bd. XXXIV, pag. 216. 

Tobeitz redet der Terpentinbehandlung des Scharlachs das 
Wort. Er gibt den Kindern innerlich ein bis zweimal taglich 15—26 Tropfen 
in Milch, u. zw. nicht bloß bei eintretender Nierenentzündung, sondern 
auch in prophylaktischer Hinsicht. 

Tobeitz beruft sich aaf die statistischen Ziffern seines Kranken- 
znaterials, aus welchem hervorgebt, daß in 47, Jahren seit der Einführung 
der Terpentinbehandlung die Nierenaffektionen bedeutend nachgelassen 
haben. Vor Einfuhrung der Therapie waren von 359 Scharlachkranken 
61 an Nierenentzöndang und ebensoviele an einfacher Albuminurie er- 
krankt; nach Einfuhrung dieser Behandlungsmethode zeigten nur 3 von 
132 Scharlachf&Uen leichte Eiweisausscheidungen. (Ob hier nicht ein 
Zufall mitgespielt hat? Referent.) 

Des Femeren hat Tobeitz die Angaben Ervants bezüglich de« 
Vorkommens und der prognostischen Bedeutung der Peptonurie bei 
Scharlach einer Prüfung unterzogen und dabei gefunden, daß dem Pepton- 
befunde im Haru bei Scharlach keine prognostische Bedeutung zukommt. 

Hochsinger (Wien). 

Moser, Paul. Über die Behandlung des Scharlachs mit 
einem Scharlach -Streptokokkenserum. Jahrbuch für Einder- 
heilkunde. Bd. LVU. 1903. 

Da ein Beweis für die ätiologische Beziehung von Streptokokken 
zum Scharlach, obwohl die Anwesenheit derselben bei 63Vo ^^^ unter- 
suchten Scharlachkranken im Herzblute nachgewiesen wurde, noch aus- 
steht, versuchte Moser einen solchen Beweis auf dem indirekten Wege 
der Therapie zu erbringen. Das schwierige Problem, die verschiedenen 
Arten von Streptokokken in ihrer ätiologischen Beziehung zu sondern, 
wurde durch die Darstellung eines polyvalenten Streptokokkenserums 
im Sinne der belgischen Schule umgangen. 

Moser benützte in diesem Sinne zur Immunisierung von Ver- 
suchstieren ein aus verschiedenen Soharlachfällen gewonnenes Gemenge 
von Streptokokken-Bouillonkulturen. Auch wurde, veranlaßt durch die 
Erfahrung, daß die Giftigkeit der Streptokokken gegenüber Menschen 
und Versuchstieren durchaus nicht identisch ist, auf eine Virulenz- 
steigerung dieses Mikroorganismus durch die Tierpassage verzichtet. So 
wurden lediglich mit Streptokokken, welche aus dem Blute von lebenden 
Scharlachkranken gezüchtet und in Bouillon weiter kultiviert wurden, 
Pferde immunisiert. Von den immunisierten Pferden wurde ein Serum 
gewonnen, welchem Moser, in Gemäßheit der an der Wiener Univer- 
sitäts-Kinderklinik gemachten Erfahrungen, eine spezifische Heilwirkung 
auf den Scbarlachprozeß zuschreibt Das Serum, welches im Wiener 
staatlichen serotherapeutischen Institute (Vorstand Prof. R. P a 1 1 a u f) 



288 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

hergestellt wurde, kam seit November 1900 zur klinischen Verwendung. 
Unter 699 scharlachkranken Kindern des St. Anna-Spitales wurden 81 
ii^iriert, hiesu kommen noch 3 außerhalb des Spitales behandelte Fälle. 
Bei der Injektion wurden die prognostisch ungünstigen Fälle stets bevor- 
zugt. Auf Orund der statistischen Daten, sowie vor allem der klinischen 
Beobachtungen zeigt2der Vortragende den Wert dieser Behandlungsmethode. 
Bei frühzeitiger Seruminjektion (1. oder 2. Tag) war kein Todesfall, bei 
späterer Injektion eine stetig steigende Mortalität zu beobachten (8. Tag 
14-297o, 4. Tag 23087o, 400 u. s. w., 607o am 9. Tag). Vor allem ist es 
jedoch das klinische Bild, welches für die spezifische Heilwirkung des 
Serums spricht. Das Allgemeinbefinden bessert sich in überraschend 
kurzer Zeit, die nervösen Störungen schwinden bald, Temperatur und 
Puls zeigen oft schon zu Beginn des Examthemstadiums rapiden Abfall 
im Gegensatz zur normalen Scharlachkurve. Das Exanthem, die schweren 
Respirationserscheinungen etc. etc. gehen ebenfalls zurück, dagegen 
lassen sich die verschiedenen Eiterungsprozesse, sowie die Nephritis 
nicht immer zurückhalten, treten aber seltener und weniger schwer auf. 
Der auch mit anderen Serumsorten, zum Beispiel Marmoreks Strepto- 
kokkenserum, ao gestellten Versuche fielen im Gegensatze zu dem 
Scharlachserum negativ aus. Auch die prophylaktischen Impfungen 
schienen da, wo es nicht mehr gelang, die Krankheit zu verhüten, den 
Verlauf derselben günstig zu beeinflussen. Nachteilige Wirkungen der 
Injektionen traten trotz der vorläufig noch notwendigen großen Dosen 
(180 cm) selten und dann in derselben Weise auf, wie sie vom Diphterie- 
heilserum bekannt sind. Es ist gelungen, im St. Anna-Kinderspital bei 
fast 400 an Scharlach Erkrankten die Mortalität im Jahre 1901 auf S'9% 
gegenüber der Durchschnittsmortalität von 18*09% i^ anderen Wiener 
Spitälern herabzumindern und dies trotz der ungenügenden Menge und 
niederen Konzentration des noch derzeit zur Verfügung stehenden Serums, 
wodurch nur ein Bruchteil der Erkrankten dieser Behandlung teilhaftig 
werden konnte. Hochsinger (Wien). 

Everard, A. G. A fifth Attack of Scarlet Fever. British 
Medical Journal, 26. Oktober 1902. 

Verfasser beobachtete eine Patientin und ihre Tochter, welch 
erstere zum 7. Mal, die letztere zum 2. Mal Scharlach durchmachte. Ver- 
fasser meint, daß die Empfänglichkeit für Scharlach auch auf die Tochter 
vererbt wurde. Rudolf Böhm (Prag). 

Dent, Emest. A. Concurrent Scarlet Fever and Measles 
in Ghildren. British Medical Journal, 15. November 1902. 

Beschrieben werden mehrere Fälle, wo Scharlach und Masern zu- 
gleich vorhanden waren. Verfasser meint, wenn solche Fälle nicht von 
Anfang an genau beobachtet werden, daß dann durch die Coincidenz der 
Erscheinungen die Krankheit nach keiner Seite hin typisch erscheint und 
80 die Diagnose oft schwer wird; vielleicht ist die sogenannte „vierte 
Krankheit** auf derartige Ursachen zurückzufuhren. 

Rudolf Böhm (Prag). 



der Haatkrankheiten. 289 

Wickman. Über Eopliksche Flecken bei Morbillen. 
(Sohwedisch.) Hy^iea 1902, pag. 166. 

Wie km an f&hrt aus, daß in 907o cler in dem Epidemie-Eranken- 
hause in Stockholm beobachteten Masern fälle des Jahres 1901 (184) die 
Eoplikschen Flecken vorhanden waren. Die meisten Fälle (62) wurden 
erst bei Yorhandenem Exanthem auf Eopliksche Flecken untersucht. 
In der Mehrzahl der übrigen Fälle fanden sich die Flecken 2-^ Tage 
vor dem Ausbruche des Exanthems. Verfasser sieht in den Eoplikschen 
Flecken das wichtigste Prodromalsymptom der Masern und vindiziert ihm 
einen hohen differentialdiagnostischen Wert, da es bei anderen akuten 
Infektionskrankheiten nicht vorkommt. Hochsinger (Wien) 

Leiner, G. Pemphigus contagiosus bei Masern: Impe- 
tigo contagiosa. Aus dem Earolinen-Einderspitale in Wien. Jahrb. f. 
Einderheilkunde 1902. Band LV, Heit 3. 

Lein er knüpft an die von Enut Faber im Jahre 1890 inaugu- 
rierte Lehre an, derzufolge Pemphigus neonatorum und Impetigo con- 
tagiosa eine einheitliche Erankheit darstellen sollen und unter dem 
gemeinsamen Namen „Pemphigus contagiosus'' zusammengefaßt wurden. 
Auch ältere Einder werden häufig besonders im Anschlüsse an ander- 
weitige Infektionskrankheiten von einer akuten Blasen-Eruption befalien, 
welche an den Pemphigus neonatorum erinnert. 

Lein er hatte nun in der letzten Zeit Gelegenheit, bei 4 masern- 
kranken Eindem das Auftreten von Pemphigusblasen zu beobachten. Da es 
ihm gelang, durch Überimpfung von dem Blaseninhalte bei dem inokulierten 
Individuum Impetigo contagiosa hervorzurufen, und da bakteriologisch 
bei dem Masem-Pemphigus ebenso Staphylokokken nachzuweisen waren, 
wie bei Impetigo contagiosa, so gelangt Lein er zu der Anschauung, 
daß die unter Pemphigus beschriebenen und bei Masern beobachteten 
Blaseneruptionen nichts Anderes sind als Impetigo contagiosa bei 
Masern. Hochsinger (Wien). 

Auerbach, S. Das Eopliksche Symptom und die Früh- 
diagnose der Masern. Inauguraldissertation aus der Universitäis-' 
klinik zu Jassy 1902. 

Die diagnostische Bedeutung der Eoplikichen Flecken wird 
durch 60 eigene Beobachtungen bestätigt. Unter 960 in der Literatur 
berichteten MasemfäUen wurde das Eopliksche Symptom in 877 ge- 
funden, unter den 60 eigenen in 61. Es kommt bei keiner anderen Erank- 
heit vor und erscheint 8—6 Tage vor dem kutanen Masemausbruoh. Bei 
Berücksichtigung dieses Frühsymptomes wird die Prophylaxe der Masern 
wesentlich erleichtert. Hochsinger (Wien). 

Robinet, Andrö. La rongeole a Phöpital des enfants 
malades de Tann^e 1901. Thöse de Paris 1902. 

Robinet gibt einen statistischen Bericht über die während der 
Masemepidemie des Jahres 1901 in Paris im hopital des enfants malades 
nnd im höpital Tronsseau beobachteten Fälle. 

Arab. t Dwnat. n. 8yph. Bd. LXVUI 19 



290 Bericht über die Leistangen auf dem Gebiete 

Die Hauptursache der MaBematerblichkeit bestand in Broncho- 
pneumonien, in sekundärer Diphterie und Darmkatarrhen. Durch pra- 
venÜTe Serumizgektionen gelang ee, die Komplikation mit Diphtherie, 
welche w&hrend einer gleichzeitigen Diphtherieepidemie eine hohe Mor- 
talität der Masemkranken veranlaßt hatte, einzudämmen. 

Hoohsinger (Wien). 

Koplik, H. (New-Tork). Röteln, Archiv für Einderheilk. XXIX. 
Bd., 5., 6. Heft. 

Koplik konstatiert die Verschiedenheit der Ansichten zahlreicher, 
auch neuerer Autoren bezüglich der Rotelerkrankung, deren Unabhängig- 
keit von Masern und Scharlach bis zum heutigen Tage noch von vielen 
Seiten angezweifelt wird. Er findet die bisherigen Schildemngen, wie 
überhaupt die persönlichen Erfahrungen der einzelnen Beobachter über 
Röteln ganz unzulänglich. Koplik ist überzeugt, daß Röteln eine Er- 
krankung sni generis sind, keine Znsammengehörigkeit oder Verwandt- 
Bohaft mit Masern besitzen, vor denselben nicht schützen, auch solche 
Kinder befallen, die schon Masern durchgemacht haben, keinerlei Immu- 
nität gegen zweite Attacken verleihen und hochgradig kontagiös sind. 
Koplik schildert in weiterer Folge die charakteristischen halbmond- 
förmigen Ezanthemflecken. Die Schleimhäute pflegen — abgesehen 
von einer leichten Rötung der Konjunktiven und einem vorübergehenden 
Husten — nicht erkrankt zu sein. Am weichen und harten Gaumen sah 
Koplik entgegen anderen Autoren keine für Röteln besonders charak- 
teristischen Merkmale ; die Wangenschleimhaut zeigte in den meisten von 
ihm beobachteten Fällen dagegen überhaupt keine Veränderung, nur in 
einzelnen Fällen rosarote Flecken. Die Temperatur ist bei Röteln im 
Anfange am höchsten, wiewohl auch da nicht sehr fieberhaft, um dann 
in wenigen Stunden abzufallen. Die Lymphdrüsen hinter dem Sterno- 
mastoideuB Bind — schon im Prodromalstadium — vergrößert Differential- 
diagnostisch sind Röteln von gewissen Erythemen, Scharlach und Masern 
SU trennen. Die Prognose ist ausgesprochen güustig, eine spezielle The- 
rapie nicht notwendig. Hochsinger (Wien). 

Tobeitz, A. Ätiologische und symptomatische Daten 
aus der letzten Rubeolaepidemie in Graz. Archiv für TThlr . 

xxvm. 5, 6. 

Tobeitz bringt eine Statistik und dankenswerte spezielle wie all- 
gemeine Daten über die ausgedehnte Rubeolaepidemie in Graz, die von 
Dezember 1898 bis Juli 1899 dauerte und 719 zur Anzeige gebrachte 
Fälle umfaßte. Er konstatiert ein parallel mit der gleichzeitig, jedoch 
weit stärker ausgebreiteten Masemepidemie einhergehendes An- und Ab- 
Bchwellen der Rötel epidemie, folgert aus seinen Zahlen, daß die Dispo- 
sition zur Infektion mit Röteln vom 1.— 7. Lebensjahre eine geringerCi 
von da ab eine größere als die zur Infektion mit Masern sei und beob- 
achtete diesmal eine größere Anzahl von Rezidiven, als in der vorange- 
gangenen Rubeolaepidemie (1897). Eine bestimmte Inkubationszeit ließ 
sich nicht feststellen. 



der Haatkrankheiten. 291 

Bezüglioh d«r Symptomatologie hebt Tobeitz hervor: Schwellang 
der Naoken- und Hahdrüsen, Fehlen von Fieber, katarrhalischen Begleit- 
erscheinungen nnd Komplikationen. Das Exanthem war meist kleinfleckig, 
hinterließ öfters vorübergehend eine matte Pigmentierung, nieoaals sah 
Tobeiti Schuppnng. Viermal war das Exanthem ein besonders groß- 
fleckiges, hauptsächlich auf Gesicht and Extremitäten beschränktes and 
langdaaemdes; auch solche Fälle, welche an Erythema multiforme erinnern 
(Re£), hält Tobeiti als sor Bubeola sugehörige Krankheitsfälle. 

Hochsinger (Wien). 

Leli^vre, E. Variole et grossesse. These de Paris 1902. 

Lelievre stellt fest, daß schwere Formen der Variola während 
der Schwangerschaft besonders häufig vorkommen und daß die Variola 
gravidarum während der Invasionsperiode und während der Eruption sehr 
häufig zu Abortus fährt Je mehr die Schwangerschaft vorschreitet, um 
so leichter tritt Abortus ein. Die Frucht kann sowohl mit Variola be- 
haftet zur Welt kommen als auch Immunität gegen Vaccine zeigen. Mit- 
unter beobachtet man bei gesund geborenen Kindern von Muttern, welche 
Variola während der Gravidität durchgemacht hatten, eine langsamere 
und geringfügigere Gewichtszunahme während des Säuglingsalters. 

Hoch sing er (Wien). 

Fräser, Charles. A Gase of Oyster Poisoning simulating 
Small pox. British Medical Journal, 6. September 1902. 

Ein 8dj ähriger Seemann, kräftig und gut entwickelt, wurde am 
17. Juli in das Blatternspital eingebracht. An jeden Arm 3 deutliche 
Impfnarben. Patient klagte über Kopfschmerzen, Schmerzen zwischen den 
Schultern, Schwindelgefnhl und Schwäche. Temperatur 38*5. Bewußtsein 
klar, Patient apathisch, Puls rasch, klein, von geringer Spannung, die 
Bespiration mehr beschleunigt als mit Bücksicht auf das Fehlen von 
Lungenerscheinungen zu erwarten war. An dem Stamme eine profuse, 
papulöse Eruption; die einzelnen Papeln teilweise zusammengeflossen, 
die umgebende Haut gerötet. Die Affektion war an Wangen und Eänn 
geringer, doch auch hier eine eigentümliche Derbheit der einzelnen 
Papeln, was aber namentlich an der Stirne ausgesprochen war. Die 
Schleimhäute frei, die Conjunktivao leicht gerötet, über dem Stamm 
kleine runde erhabene Flecke, die auf Druck schwanden, besonders zahl- 
reich an den Handgelenken und Fußknöcheln. Patient hatte am 13. Juli 
reichlich Austom gegessen und war am 14. unter Durchfall und Abge« 
schlagenheit erkrankt. Am 16. erschien der Ausschlag im Gesicht und 
am 17. kam er ins Spital. Am 18. der Ausschlag teilweise abgeblaßt, 
Neigung zur Suppuratiön, dagegen die Boseola am Körper fehlend ; die 
Temperatur sank etwas. Durchfälle geschwunden. Patient wurde vor- 
sichtig geimpft (an 3 Stellen). Am 19. war der Ausschlag völlig ge- 
schwunden, die Temperatur normal» Patient fühlte sich wohler. Die 
Impfung war von Erfolg. Patient wurde entlassen. Verfasser war anfangs 
selbst der Meinung, daß er sich um Variola handeln könnte, namentlich 
fiel die große Hinfälligkeit und die beschleunigte Bespiration auf^ so daß. 



292 Bericht über die Leistiingen anf dem Gebiete 

der Gedanke nahe lag, es würde eich eventuell eine hämorrhagische 
Variola entwickeln, was sich dann später als irrig erwies. 

B. Böhm (Prag). 

Tanaka, Eeisuke. Zur Erforschung der Immunität durch 
Yaccination. Zentralblatt f&r Bakteriologie etc. Bd. XXXII, pag. 729. 

Tanaka hat durch Nachimpfung kurz vorher geimpfter Kinder 
festgestellt, daß schon nach 4 Tagen die nachgeimpften Pocken nur 
schlecht angingen und sich weniger gut entwickelten, daß aber etwa am 
9. Tag die Nachimpfung kaum mehr entwicklungsfähig wird, also Immu- 
nität eintritt Wolters (Rostock). 

Tanaka, Eeisuke. Über die Untersuchung des Pocken- 
erregers. Zentralblatt f&r Bakteriologie. Bd. XXXII, pag. 726. 

Tanaka hat eine große Zahl von Kindern geimpft und die Vaooine- 
bläschen zwischen dem 6. und 7. Tage, dem Zeitpunkte, wo die Lymphe 
am wirksamsten ist, auf Krankheitserreger untersucht. Der Erfolg war 
negativ. Trotz der starken Virulenz der Lymphe an diesen Tagen fehlte 
alles, was als Krankheitserreger hätte angesprochen werden können. 
Weder die bisher beschriebenen Bakterien noch die Guarnerisohen 
Körperchen können nach Ansicht des Verfassers als Erreger der Vaccine 
angesehen werden. Durch Zufall gelangte der Verfasser in den Besitz 
von Pleuraexsudat eines vor 26 Jahren an schweren Pocken erkrankt 
gewesenen Mannes. Einträufelung von Vaocinelymphe rief Koagulations- 
erscheinungen hervor, die als Wi dal sehe Beaktion zu deuten sind. Ver- 
fasser glaubt, daß der Vaccineerreger homogen und strukturlos sei wie 
die Lymphe und daß er bisher sich hat nicht nachweisen lassen, viel- 
leicht zu den Plasmodien gehört. Wolters (Rostock). 

Knock- Belfast. Unusual Gases of Smallpox oocurring on 
Boardship. British Medical Journal. 27. Dezember 1902. 

Verfasser bespricht eine Anzahl von Variolafällen, die einen unge* 
wohnlichen Verlauf hatten ; so einen Fall, der einer Akne ähnelte, wo 
gleich Pusteln auftraten, das Fieber fiel dann rasch, nach zirka 14 Tagen 
war die Haut fast normal ; weiters einen Fall, wo noch vor Ausbruch der 
Pusteln Exitus eintrat, dann ein Fall, wo Pusteln an den Handflächen und 
Fußsohlen auftraten, das Jucken gänzlich fehlte, und dann noch einige 
Fälle, wo nar zerstreut einzeln Pusteln vorhanden waren. Unter anderen 
erwähnt er einen Fall, wo der Patient, der das Gesicht voller Blatter- 
narben hatte, auf die Vaccination mit charakteristischen Pusteln und 
ziemlich schweren Allgemeinsymptomen reagierte. 

Rudolf Böhm (Prag). 

Starek, t. Zur Beeinflussung des Varicellenaus- 
schlages durch Hautreize. Handbuch für Khk. LH, der dritten 
Folge 2. Band, Ergänzungsh. 

In zwei Fällen sah v. Starek eine besonders starke lokale 
Bläschenbildung bei Varicellen, hervorgerufen dnroh vorausgegangenen 
Hautreiz: nach einer Pleuropneumonie mit daran sich schließender Rippea- 
resektion (wegen Empyem) unter dem Verbände und nach Pneumonia 



der Haatkrankheiten. 293 

oroup. an dem mit Prießnit stehen Umsehlägen traktierten Partien. 
Ob bei Varieellen die größere oder geringere Beteiligung der Haut von 
Einfloß aof das Ergriffen werden der inneren Organe ist, ist noch nicht 
sichergestellt. Bei Masern scheint das tatsächlich der Fall zu sein; 
Starok bringt einen derartigen Fall seiner eigenen Beobachtang, der 
eine ansgesprocbene Beeinflassang des Exanthemverlanfes (zögernd and 
ungleichmäßig) durch die gleichzeitige Darmaffektion Torfubrt. 

Hochsinger (Wien). 

Netter, H. Beitrag zur Pathologie der Varicellen. Arch. 
f. Ehk. XXX. Bd. 

Netter vertritt die Ansicht, daß die Windpocken durchaus keine 
harmlose Krankheit seien. Bei der im Norden von Berlin 1899 aufgetre- 
tenen Anhäufung von Yaricellenerkrankungen, die Kinder bis zum Alter 
von 10 Jahren betraf, beobachtete der Autor — in schweren Fällen, 
meist nach Masern — ein fieberhaftes Prodromalstudium, verbunden mit 
Schlafsucht, Erbrechen und völliger Appetitlosigkeit. Während der Dauer 
der Krankheit blieb das Fieber — wo es überhaupt auftrat — ein konti- 
nuierliches, der Intensität der Eruption entsprechendes. Netter schildert 
Eigentümlichkeiten und Komplikationen einer Reihe von Fällen, wobei 
er Analoga aus der Literatur zitiert, und kommt zu dem Schlüsse, daß 
die Varicellen — je nach ihrer besonderen Lokalisation — zu erheblichen, 
bald vorübergehenden, bald bleibenden Schädigungen, ja sogar zum tot- 
liehen Ausgange führen können. Zufällig vorausgegangene Hautreize 
können sehr ungünstig auf das Exanthem und seinen Verlauf einwirken. 

Als Folge der Varicellen konnte der Autor in zwei Fällen tief- 
gehende, speckig aussehende Geschwüre auf der Haut des ganzen Körpers 
beobachten; eine Anzahl ähnlicher Beobachtungen weist er in der Lite- 
ratur nach. Von Interesse ist ein tötlich verlaufener Fall von septischen 
Varicellen, in dem es noch während der Rückbildung des Ausschlages zu 
einer teigigen, entzündlichen Schwellung am rechten Fuß und Unter- 
schenkel über dem äußeren Malleolus, zu Gangrän der Bläschen, ödem 
des rechten Fußes und Vereiterung der Malleolusgegend kam. Unter 
ziemlich hohem Fieber kam es nun auch zu Schwellung und Vereiterung 
an den Schnltergelenken und anderen Körperstellen, bis nach Auftreten 
von Ikterus Exitus eintritt — Netter weist aus der Literatur noch 
nach, daß auch Nierenerkrankungen, Wassersucht, Chorea minor, Para- 
lysen etc. etc. nach Varicellen beobachtet wurden, daß das Varicellengift 
an jedem Punkte des zentralen und peripheren Nervensystems angreifen 
und vorübergehende oder dauernde Schädigungen setzen kann, und 
wiederholt, daß die Varicellen demnach als eine ernste Erkrankung an- 
gesehen werden müssen. Hochsinger (Wien). 

Kosmak, Geo. W. AnlnstanceofAccidentalVaccination. 
Med. News, 11. Oktober 1902. 

In dem von Kosmak veröffentlichten Falle handelt es sich um 
eine akzidentelle Übertragung der Vaccine bei einem 15 Monate alten 
Mädchen. Das Kind bot eine typische Impfpustel der linken Wange, von 



294 Bericht über die LeiBtongen auf dem Gebiete 

sieben bis achttägigen Bestände dar. Die Matter, von der ans die Über- 
tragung stattfand, wnrde etwa vier Wochen vorher am Arme geimpft. 

A. F. Buch 1er (New-Tork). 

Yueetic, N. Yaccina generalisata. Archiv f&r Ehk, 
XXYÜI 5, 6. 

Bei der Yaccina humana kommt es, wie bekannt, neben den typi- 
schen J e n n e rächen Bläschen mitunter auch zur Entstehung eines fleckigen 
Erythems, öfters auch zur Entstehung acoessorischer Yaccinebl&schen. 
Die Vaccineimpfung kann aber auch zu einem generalisierten Ausbruch 
von Yaccine-Effloreszenzen föhren. Fälle vpn Yaccine g^n^ralis^e ^ptive, 
deren jede Einzeleffloreszenz denselben Yerlauf, wie das Yaccinebläschen 
durchmacht, wurden bereits mehrfach von französischen Autoren berichtet. 
Auch Yuöetiö schildert einen solchen Fall, ein 8 Monate altes Kind 
betreffend, bei dem es sich diagnostisch zweifellos um Yaccina generali- 
sata handelte. Die Abimpfung eines Bläschens vom Oberschenkel des 
Patienten auf ein zweites Kind ergab eine normal verlaufende Yaccine- 
effloreszenz bei dem geimpften. Der Ausschlag selbst hatte einen irregu- 
lären Yerlauf und durchaus unregelmäßige Yerbreitung, das Kind blieb 
bei geringem Fieber verhältnismäßig frisch. Die Yerschleppung des 
GKftes scheint durch das Blut oder die Lymphe zu erfolgen. Die Yaccina 
generalisata ist eine an sich harmlose Erkrankung. 

Hochsinger (Wien). 

BaraiiiiikoT,N. Zur Frage der Bakteriologie derYaccine- 
lymphe. Journal russe de maL cut, 1901. Nro. 6. 

Auf Grund seiner Untersuchungen kommt Barannikov zu fol- 
genden Schlußfolgerungen: In der in verschiedenen Orten gefertigten 
Yaccine ist eine kulturell verschiedene Formen und bedeutende Größen- 
schwankungen aufweisende Bükrobe enthalten. Bestimmte morphologische 
Merkmale der einzelnen Mikrobenformen können unter bestimmten Be- 
dingungen von Seiten der Nährböden in vielen aufeinanderfolgenden 
Kulturen eine geraume Zeit lang nach Wunsch des Untersuchers erhalten 
werden. Sehr ähnliche Mikroben finden sich bei klinisch verschiedenen 
Hautaffektionen. Der Entwicklnngszyklus des betreffenden Mikroben ist 
noch nicht zur Genüge studiert, doch läßt er sich schon jetzt als ziemlich 
kompliziert bezeichnen. Seine Beziehung zu anderen in der Lymphe sich 
findenden Bakterien und sein Anteil am Yaccinierungsprozeß bedarf weiterer 
Untersuchungen. Er hat die Fähigkeit, verschiedene Pigmente zu erzeugen. 

Yerfasser glaubt ans der Beobachtung einer 7 Tage alten Kultur 
des Mikroben schließen zu können, daß die von Guarnieri als „Gytor- 
ryotes vacoinae^ bezeichneten Körperchen mikrobiellen Ursprungs sein könn- 
ten,ohne selbstverständlich die anderen möglichenEntstehnngsarten (Gewebs- 
zerfall etc.) in Abrede zu stellen. Einen Namen will er ihnen erst dann 
geben, wenn das Studium des ganzen Formenentwioklungszyklus beendet 
sein wird. Biehard Fi sc hei (Bad Hall). 



der Hautkrankheiten. 295 

Pag6§. Coexistance d'^rnption vacoinale et varioli- 
eate. Varicelle, vaeeine et variole. Annal, de med. et ohir. 
in£ 1902 Nr. 8. 

Pag 6 t teilt folgende interessante Beobaohtang mit: Ein fünf Jahre 
altes bisher noch nicht vacciniertes Kind wird wegen mehrerer Yariolafalla 
in der Umgebung des Kindes, nachdem es knrs vorher Masern fiberstanden 
hatte, gegen Blattern geimpft, erkrankte aber trotzdem bald nach dem Auf 
treten der Impfpnsteln an Variola vera. Bei einem zweiten gleichalterigen, 
gleichfalls ungeimpften M&dehen, welches wegen Varicellen aufgenommen 
u. sofort gegen Blattern geimpft wurde, entstanden fast zur gleichen Zeit nach 
der Impfung Variolapusteln in der typischen Weise. Verfasser meint, daß 
die Impfung dazu beigetragen hat, daß in beiden Fällen die Variola- 
infektion so günstig verlaufen ist, da beide Kinder genasen. (Ob hier 
nicht Vaccina generalisata mit im Spiele war? Ref.) 

Hoohsinger (Wien). 

Rehns, Jules. Contribution k Petude de Pimmunit6 vac- 
cinale. Gompt rend. de la soc. biol. 1902. Nr. 11, pag. 878. 

Behns hat Versuche angestellt, um verschiedenen Tierspezies 
(Kaninchen, Meerschweinchen, weiße Batten) gegen Variola vaccinia zu 
immunisieren. Die Technik seines Verfahrens besteht darin, durch Aus- 
reißen der Haare verletzte Hautstellen mit dem Impfstoffe intensiv zu 
imprägnieren. Es gelingt auf diese Weise die Variola vaccinia auf diese 
Tiere zu übertragen. Zum Unterschiede von dem gewöhnlichen Vaccine - 
verlauf findet man eine bedeutend längere Zeitdauer des papnlösen Sta- 
diums im Gegensatze zum vesikulösen als bei dem gewöhnlichen Vaccine- 
verlaufe. Die auf diese Weise erzielte Immunität dauert nicht länger als 
6 Wochen. Das Blut der geimpften Tiere hatte keinerlei antitoxische 
Wirkung. Mit gewöhnlichem Variolaeiter gelang es nicht, diese Versuchs- 
tiere anzustecken. Wenn auch durch Verimpf ung von Pockeneiter Exan- 
theme zustande kamen, so schützte dies durchaus nicht gegen nachfol- 
gende Vaccinationen. Hochsinger (Wien). 

Wiggins, Henry. Keloid in Vaccination Sears. British 
Medical Journal. 27. September 1902. 

Bei einem achtjährigen Knaben, sowie bei einem l^ährigen 
Mädchen, die beide zum erstenmale geimpft wurden, entwickelten sich 
wenige Wochen nach Ablauf der Impferscheinungen Keloide in jeder Narbe, 
die ziemliche Schmerzen verursachten. Obwohl dieselbe Lymphe auch 
bei anderen Individuen zur Revaccination gebraucht worden war, zeigte 
sich bei keinem Kinde eine ähnliche Erscheinung. 

Rudolf Böhm, Prag. 

Stoddarty W. H. A Gase of second Eruption in Vaccinia. 
British Medical Journal. 30. August 1902. 

Ein 29|jähriger Mediziner Ä wurde zum zweitenmale revacoiniert. 
Nach der Impfung in seiner Kindheit bekam er am Kölner einen Aus- 
schlag, der als Ekzem angesehen wurde. Die erste Revaccination im Alter 
von 18 Jahren war erfolglos geblieben. Die zwei Impfstellen wurden aiu 



296 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Arme gewählt. Die Pusteln entwickelten sich, heilten in der gewöhn- 
lichen Zeit ab, 10 Tage spater zeigte die eine Stelle eine Reizung und 
im Verlaufe von 48 Stunden entwickelte sich daselbst eine Blase von 
zirka Y, Zoll Durchmesser. Mit Zustimmung des Patienten und eines 
anderen Kollegen wurde nun folgender Tersuch gemacht. B, 88 Jahre 
alt, in der Jugend, femer im Jahre 1891 und 1894 erfolgreich geimpft, resp. 
revacciniert, wurde mit dem Blaseninhalt des Ä geimpfk. Nach zirka 11 
Tagen zeigte sich bei demselben eine große Blase, ähnlich der am Arme 
▼on A, Nachdem der Schorf abgefallen war, wurde B und ein dritter 
Mediziner C, der seit 1891 nicht revacciniert worden war, mit derselben 
Lymphe geimpft, die ursprünglich bei Ä verwendet worden war. Bei C 
hatte nun dieselbe einen Erfolg, B dagegen zeigte sich immun. Es zeigte 
sich also, daß die zweite Eruption bei Ä wirklich Vaccine war, obwohl 
diese sovrie die Eruption am Arme von B nicht die geringste Ähnlich- 
keit mit den gewöhnlichen Vaccineeruptionen hatten. 

Rudolf Böhm (Prag). 

Löwenbaeh, G. und Brandweiner, A. DieVaocineerkran- 
kung des weiblichen Genitales. Monatshefte für prakt. Dermato- 
logie. Bd. XXXVI. 

Die Verfasser berichten über 4 Fälle und stellen die diesbezügliche 
Literatur ausfahrlich zusammen. Die Vaccinepusteln können sich bei dem 
geimpften Individuum an anderen als den geimpften Stellen entwickeln, 
aber auch durch Übertragung auf derzeit nicht geimpfte Individuen an 
den verschiedensten Eörperstellen entstehen. Lokalisation am weiblichen 
Genitale nicht geimpfter Individuen konnten die Verfasser in der Lite- 
ratur nur in 3 Fällen finden. Die Patientinen kommen meist erst dann 
zur Beobachtung, wenn die Vaccinepusteln schon geplatzt und linsen- bis 
hellergroße Geschwüre mit graugelbem Belag am Genitale, Anos, Ober- 
schenkelinnenfläche entstanden sind. Am Rand der kreisrunden oder 
wellig konturierten Geschwüre läßt sich der Blasendeckenrest noch nach- 
weisen. In der Nachbarschaft Entzündung. Inguinaldrüsen geschwollen, 
druckempfindlich. Nach Heilung der Geschwüre konnten die Verfasser 
Narben nicht konstatieren, wahrscheinlich deswegen, weil infolge des 
Infektionsmodus der Prozeß sich nur in den oberflächlicheren Partien 
abspielt. Zur Differentialdiagnose kommen Ekzem, Herpes, Pemphigus 
in Betracht^ nach Zerfall zu Geschwüren, Aphthen, Lues. 

Ludwig Waelsch (Prag). 

Sibirski, A. W. Zur Frage der Hautveränderungen beim 
Typhus abdominalis. Journal russe de maladies cutaoees etc. 
Tom. L, pag. 8. 

Nach ausfahrlichen Literaturangaben und genauer Beschreibung 
der histologischen, übrigens durchwegs bekannten Methoden kommt der 
Autor zu folgenden Schlußsätzen: 

Die gelbliche Verfärbung der Handteller und Fußsohlen, die in 
einigen Fällen von Typhus abd. beobachtet wird (von Philipowitsch 
1898 zuerst beschrieben), hängt mit der Blutpigmentablagerung in der 



der Hautkrankheiten. 297 

Hant Eusammen (positive Eisenreaktion an Hantsohnitten). Nur in 347« 
der TyphusflUle begegnet man ihr; da sie aber aach bei an anderen 
Erankheitsprozessen Verstorbenen sich findet, ist sie für den Banchtyphui 
nicht oharakteristisoh. — In der Milz von Typhnsleichen zeigt sich eine 
große Menge Ton Blotpigment in geringerem Maße in der Leber, was 
auf einen starken Zerfall roter Blutkörperchen im Verlaufe der Erkran- 
kung hinweist. Mit der Dauer des Erankheitsprozesses wächst die Menge 
des Pigmentes. 

Tiefgreifende Veränderungen erfährt das elastische Gewebe der 
Haut und der Gefäße, die in einem Verlust der Färbbarkeit (s. B. mit 
Groein) und kömigem Zerfall desselben besteht. Ein Teil der elastischen 
Fasern geht gänzlich zu gründe. Die Degeneration ist in den Gefäßen 
deutlicher als in der Haut ausgeprägt und tritt vor der dritten Woche 
mit stetiger Zunahme bei Verlängerung des Erankheitsprozesses in Er- 
scheinung. 8'/, — 9^/9 Wochen nach Beginn der Erkrankung war eine 
Regeneration des elastischen Gewebes nicht bemerkbar. 

Eine teilweise kolorierte Tafel erläutert die gründliche Studie. 

B. Fischöl (Bad Hall). 

Nsught, J. G. Mc. Epididymitis as a Gomplication of 
Enteric Fever. British Medical Journal. 15. November 1902. 

In das Spital zu Boshof wurde ein Soldat mit typhösen Fieber 
eingebracht. Der Fall war ziemlich schwer, doch unkompliziert. Am Ende 
der dritten Woche Abfall der Temperatur zur Norm. Patient stand auf. 
Am nächsten Tage Schmerzen im rechten Hoden und Nebenhoden« Der- 
selbe zeigt sich geschwollen und druckempfindlich. Aus der Urethra 
ein geringer eitriger Ausfluß. Patient negierte jede frühere Infektion, 
eine frische war nicht möglich. Nach zirka sechs Tagen Verschwinden 
der Symptome. Verfasser weist darauf hin, daß Gsler in seiner Praotice 
of Medicine berichtet, daß bei typhösen Fieber in seltenen FäUen Orchitis 
gewöhnlieh mit katarrhalischer Urethritis vorkommt. In der Literatur 
finden sich zirka 16 Fälle. Rudolf Böhm (Prag). 

Bierens de Haan, J. G. J. Über eine Stomacaceepidemie 
während des südafrikanischen Krieges. Dtsch. med. Woch. 
Nr. 7. 19. Februar 1908. 

Aus dem südafrikanischen Kriege berichtet Bierens de Haan 
über eine Stomacaceepidemie, welche während eines Mangels an frischen 
Lebensmitteln und besonders an Salz im Burenlager ausbrach. Die 
schnelle Verbreitung der Erkrankung auf die benachbarten Kommandos, 
das Verschontbleiben zahlreicher auf entfernte Farmen geflüchteter 
Familien, sowie der in gesonderten Hütten lebenden Kaffern ließ Ver- 
fasser auf eine kontagiöse Affektion schließen. Die Buren disponierten 
zu derselben durch die Gewohnheit gemeinsamen Essens aus einem Topfe, 
gemeinschaftlichem Gebrauche der Tabakspfeife, durch ungenügende 
Mundpflege, sowie durch den im Lager überhand nehmenden Mangel an 
reinem Wasser und Seife. Als hauptsächliche Schädlichkeit erschien die 
aus dem groben Maismehl in harten Plättchen im Munde leicht haftende 



1 



298 Bericht über die Leitinngen aaf dem Gebiete 

Kleie. Aaffilllig war das ZuBammentreffen der Epidemie mit dem SaU- 
mangel. Das klinische Bild blieb sich stets gleich: Empfindlichkeit and 
Schwellong der Mandschleimhaut, verschieden große, oberflächliche, leicht 
blutende Geschwüre mit gelblich grauem eitrigem Belage, oft bis sum 
Pharynx herab, leichte Schwellung der benachbarten Lymphdrüsen, Fieber, 
Appetitlosigkeit, Mattigkeit, Schmersen beim Kauen und Schlucken. 
Heüung erfolgte meist unter Rauchverbot und Mundansspülungen mit 
leicht antiseptischen oder adstringierenden Lösungen. Verfasser erinnert 
an eine ähnliche Epidemie, welche Larrey 1807 im Heere Kapoleons 
beobachtete. Max Joseph (Berlin). 

Troje. Beitrag zur Frage der Rinder- und Menschen- 
tuberkulöse. Einwandsfreie Beobachtung eines Falles von Übertragung 
der Rindertuberkulose auf den Menschen durch suföllige Hautimpfung 
mit nachfolgender Lymphdrüsentuberkulose. Deutsche media. Wooh. 
Nr. 11. 12. M&rz 1903. 

Seinen früheren interessanten Untersuchungen über die Identität 
der menschlichen und tierischen Tuberkulose reiht Troje eine weitere 
bemerkenswerte Beobachtung an. Ein völlig gesunder 19j ähriger Mann 
aus gesunder Familie, welcher nachweist, nie mit Phtisikem in Berührung 
gekommen zu sein, akquirierte bei seiner Beschäftigung auf dem Viehhof 
eine Impftuberkulose der Haut mit begleitender regionärer Lymphdrüsen- 
tuberkulose und einem späteren Rezidiv. Patient hatte sich beim Heraos- 
nehmen einer perlsüchtigen Pleura den linken Unterarm verletat an 
einem scharfen durchsägten Brustbein, welches durch einen darunter 
liegenden perlsüchtigen Abszeß mit Eiter verunreinigt war, 6 Wochen 
später Pusteln neben der Narbe, starke Schwellung der knbitalen und 
axillaren Lymphdrüsen, scharf geränderte, mit Granulationen bedeokte 
Wunde am linken Unterarm. Die Diagnose auf tuberkulöse Erkrankung 
wurde durch die mikroskopische Untersuchung bestätigt. Nachdem die 
Symptome durch chirurgische Maßnahmen beseitigt waren, machte 7t 
Jahr später ein Lapusrezidiv eine zweite Operation nötig. Erst nachdem 
noch große Packete von Lymphomen aus der Achselhöhle und Infrakta- 
vikulargrnbe entfernt waren, erfolgte völlige Heilung. Unter dem Mikro- 
skop fanden sich zahlreiche Tuberkel, Neigung zu fibröser Degeneration, 
kräftige Riesenzellenbildung. Das mikroskopische Bild, welches Verfasser 
ausführlich schildert, hatte viel Ähnlichkeit mit echter Perlsucht. Wenn 
die Tnberkelbazillen in den Perlsuchtriesenzellen zahlreicher zu sein 
pflegen, so beobachtet man doch auch zuweilen ähnliche Erscheinungen 
fibröser Heilung bei vom Menschen stammendem Lupus. Verfasser be- 
streitet die Möglichkeit einer Differenzierung seiner von Perlsucht ver- 
ursachten Haut- und Lymphdrüsentuberkulose mit Lupus. Er niromt 
eine Bazillenart für beide Affektionen an. Die Virulenzunterschiede er- 
klärten sich durch die verschiedenartigen Nährböden bei Menschen und 
Tieren. Maßgebend sei vor allem die ähnliche Reaktion, welche sowohl 
Tuberkelbacillen als Perlsuohtbazillen im menschlichen Gewebe hervorrufen. 

Max Joseph (Berlin). 



der Hantkrankheiten. 299 

Thellung, Frits. Experimenteller Beitrag cor Frage 
der Agglatination der Tuberkelbazillen und zur Behand- 
lung der Tuberkulose mit Neutuberkulin Koch (Bazillen- 
emulsion). Zentralbl. f. Bakteriologie etc. Bd. XXXII, pag. 28. 

Thellung benutzte zu seinen Versuchen das Prftparat der Höchster 
Werke in der von Koch empfohlenen AgglutinationsflAssigkeit. Als Yer- 
iuchsobjekte dienten Meerschweinchen und Kaninchen. Es fand sich, daß 
die Agglutination der Tuberkelbazillen nicht regelmäßig aufbrat, daher 
als ein brauchbares diagnostisches Merkmal nicht anzusehen ist. Ein 
günstiger Einfluß des Neutuberkulin Koch (Bazillenemulsion) auf den 
Verlauf experimenteller Tuberkulose bei Meerschweinchen und Kaninchen 
konnte nicht beobachtet werden. Zwei mit dem Höchster Pr&parat 
geimpfte Meerschweinchen starben an Tuberkalose, Ton zwei mit dem 
ebendaher bezogenen Neutuberkulin geimpften, wurde eins tuberkulös. 
Beide Präparate enthielten also lebensfähige, für Meerschweinchen viru- 
lente Tuberkelbazillen. * Wolters (Rostock). 

Niessen, von. Zu Thellungs experimentellem Beitrag 
zur Frage der Agglutination der Tuberkelbazillen etc. 
Zentralblatt für Bakteriologie etc. Bd. XXXII, pa;;. 671. 

Niessen weist gegenüber den Angaben Thellungs darauf 
hin, daß er nicht nur in dem Pulver, sondern gerade in dem zu thera- 
peutischen Zwecken empfohlenen Präparate, der Bazillenemulsion, lebens- 
nnd fortpflaDzungsföhige Tuberkelbazillen durch Reinkultur festgestellt 
habe, wie aus seinen bezüglichen Mitteilungen in der Wiener medizin. 
Wochenschrift, 1902, Nr. 6 und Nr. 14, hervorgehe. 

Wolters (Rostock). 

Lepra in Dalmatien. Statistischer Bericht der k. n. k. 
Kriegsmarine für die Jahre 1900 und 1901. Wien 1902. In Kom- 
mission bei Wilhelm Braumüller. 

Nachdem 1900 bei einem aus Metkoviö stammenden Matrosen S. 
Lepra diagnostiziert und Leprabazillen durch den Vorstand des bakte- 
riologischen Institutes der k. u. k. Kriegsmarine, Marinestabsarzt Dr. J. 
Horöiöka, nachgewiesen wurden, erhielt Fregattenarzt Dr. Tandler, 
ein Schüler sowie gewesener 2. Assistent von Professor F. J. Pick in 
Prag un d Fregattenarzt Dr. Zechmeister vom Reichskriegsminist^um, 
Marinesektion, den Auftrag, gelegentlich der Assentierung nach weiteren 
Leprafällen zu fahnden und bereiste außerdem Fregattenarzt Dr. Zech- 
meister im Frülgahr 1901 das Dalmatinische Hinterland. In verdäch- 
tigen Fällen wurde Nasensekret, Blut- und exzidierte Gewebsstücke in 
das bakteriologische Institut nach Pola eingesendet und von Marinestabs- 
arzt Dr. J. Horöiöka in 12 Fällen Leprabazillen nachgewiesen. 

Zwei Fälle auf Lissa „Petronilla^ und „Luzia** wurden bereits 
1897 in Nr. 89 der Wiener medizinischen Wochenschrift von Dr. D o j m i 
ans Lissa beschrieben. Die Mütter der beiden alten Mädchen lebten mit 
ihren Töchtern in engem Haushalte ohne erkrankt zu sein, obwohl speziell 



800 Bericht über die Leistaxigen auf dem Gebiete 

in dem Naaentekret der Matter der letzthin verstorbenen PetronilU 
Leprabazillen naohgewiesen wurden; bei der Mutter der Luzia war diee 
nicht der Fall. 

Weiters der oben erwähnte Matrose S. aus Metkoviö. Bei seiner 48 
Jahre alten Mutter und 10 Jahr alten Bruder im Nasensekrete Lepra 
bazillen, sonst keine Leprabazillen. 

B. G. ans Yidonje, 31 Jahre alt, Lepra mutilans. Weder ein ezsi- 
diertes Stück Knoten, noch Sekret yon einer Geschwürsfläche zeigen Lepra- 
bazillen. 

A. M. aus Veliö, 65 Jahre alt, Lepra mutilans, Bazillennachweis 
positiv. Im Nasensekrete seiner Frau Befund positiv, im Nasensekrete 
seines Bruders und den vier Kindern negativ. Außerdem wurde noch je ein 
Fall in Zagozd, Vidox^je, Gastelnuovo und auf Lesina konstatiert, bei 
denen im Nasensekrete Leprabazillen nachgewiesen wurden. 

Die Leprabazillen in den meisten dieser Fälle mögen bei dem 
engen Zusammenleben zufällig in die Nase gelang^ sein, ohne daß diese 
Personen bisher Zeichen von Lepra zeigten, doch ist er insofeme von 
höchster Wichtigkeit, da es ein weiterer Beweis ist, daß Lepra am Wege 
der Nasenschleimhaut übertragen werden kann. 

Marinestabsarzt Dr. A. Plumort (Pola). 

Zlemann. Bericht über das Vorkommen des Aussatzes 
Lepra, der Schlafkrankheit, der Beri-Beri etc. in Kamerun. 
Dtsch. med. Woch. Nr. 14. 2. April 190S. 

Über das Vorkommen und die Zunahme der Lepra in Kamerun 
berichtet Ziemann. £r beobachtete sowohl die anästhetische wie die 
tuberöse Form und konnte mit Sicherheit LeprabaziUen im Nasensekret 
der Kranken nachweisen. Die meisten Neger kennen die Unheilbarkeit 
der ELrankheit. Die Furcht der Bevölkerung vor der Ansteckung und der 
bereits vorhandene primitive Versuch Lepröse zu isolieren, würde das 
Errichten von Lepraheimen, etwa in Duala, Jaunde und Garna erleich- 
tern. Aus dem interessanten Bericht über Nomenklatur und Heilmethoden 
der verschiedenen Stämme erhellt, daß die Lepra, außer bei einigen 
Stämmen im nördlichen Innenlande, in ganz Kamerun, sowie an den 
Küsten von Ober- und Unter-Guinea bekannt ist, im Hinterlande kommt 
die mörderische Schlafkrankheit! im Küstengebiet eine Art Beri-Beri vor. 

Max Joseph (Berlin). 

Schtaehokin, K. Ein Fall von Lepra. Journal russe de mal. 
cut. etc. 1901, pag. 157. 

Ein Fall von Lepra anaesthetica mit makulösen und knotigen 
Veränderungen der Haut, Solerodermia leprosa des Unterachenkels, bei 
dem die Diagnose durch den Bazillenbefund erhärtet wurde. Im Nasen- 
schleim und Blute zeigen sich in Aufstrichpräparaten Bazillen, sowohl 
in Zoogloea conglomerata als auch vereinzelt, in Schnittpräparaten 
von Hautknoten nur kleinzellige Infiltration um die Gefäße, Schweiß- 
drüsen, Haarbälge etc. Die Untersuchung des Nervensystems ergab: Er- 
höbung der Reflexe, Faßklonus, Druckempfindlichkeit des 8. Brustwirbels. 

Richard Fischel (Bad Hall). 



der Haatkrankheiten. 3Q1 

Fnkfl, L. Ein Fall von Lepra. Journal de mal. out. 1901, 
pag. 162. 

Bemerkenswert ist der Beginn der Erkrankung mit Blasenbildung 
ohne Beteiligung der peripheren Nerven and Rückgang der Knoten und 
Infiltrate der Hant und Nasenschleimhant und Nachlaß der Schmerzen 
nach 15 Snblimatinjektionen. Richard Fischel (Bad Hall). 

Unna, P. G. Zur Differentialdiagnose zwischen Hyalin 
nnd Bazillenhüllen im Bhinoskleromgewebe. Monatshefte f. 
prakt. Dermatologie, Bd. XXXVI. 

Um die gelegentliche Yerwechslnng zwischen HyaÜnkngeln uod 
Rhinosklerombazillen zn vermeiden, gibt Unna drei Methoden an: eine 
pol. Methylenblau — rotes Blutlaugensalzmethode, eine pol. Methylen- 
blau — Alkohol -|- Xylol — Anilin + Alaunmethode (Hyalin dunkelblau, 
Bazillen dankelviolett), und endlich eine pol. Methylenblau + Safranin — 
Alkohol + Xylol — Anilin + Alaunmethode (Hyalin safranrot, Bazillen 
duukelviolett). Bezüglich der Details der F&rbangen ist das Original ein- 
zusehen. Ludwig Waelsch (Prag). 

Pasini, A. Über das Vorkommen von Geißeln beim 
Rhinosklerombazillus und über die Agglutinations- 
erscheinungen desselben. Monatshefte far prakt. Dermatologie. 
Bd. XXXV. 

Pasini konnte mit Hülfe der Methode von de Rossi beim Rhino- 
sklerombazillus Geißeln nachweisen. Beschickung der in Schwefelsäure 
gekochten und dann wiederholt durch die Flamme gezogenen Deck- 
gläschen mit dem bakterienhaltigen Material (Aj^arkulturen). Dann Fär- 
bung des unfixierten Präparates mit einem Tropfen der Tannin-Kalilauge- 
lösung (25*0 Gerbsäure werden unter Erhitzen in 100*0 einer wässerigen 
ly^ Lösung von Kalilauge gelöst) und 4-5 Tropfen der gewöhnlichen 
V4V0 Zieh Ischen Lösung durch 15—25'. Dann reichliches Auswaschen 
in Aqua destillata, Balsam. Bazillen sind rot mit intensiver roter ICapsel 
und gewundenen Geißeln von 0*1 — 0'8 /* Länge, 0*2— 0*3 f* Dicke. Je 
älter die Kulturen (bis 20 d.), desto länger die Geißeln. Die Kapsel ist 
dann oft schwach gefärbt, stark aufgetrieben, Kulturen von 1—2—3 Mo- 
naten zeigten weder Kapseln noch Gilien. Agglutinationsversuohe ergaben, 
daß das Phänomen der Agglutination keine für den Rhinosklerombazillus 
charakteristische Erscheinung bildet. Ludwig Waelsch (Prag). 

Sachs, Milan. Zur Kenntnis der durch den Pneumonie- 
bazillus (Friedländer) verursachten Erkrankungen. Zeitsohr. 
f. Heilk. Bd. XXIU, Heft 10, pag. 384. 

Verfasser teilt einen neuen Fall von Allgemeininfektion durch 
Kapselbazillen mit, der beweist, daß der Bazillus pneumoniae (Fried- 
länder) unter Umständen eine hohe Pathogenität erlangen kann« Durch 
Friedländer-Bazillen, welche von der Harnröhre her in die PMitata 
eingedrungen waren, kam es in dieser zu ausgedehnter Abezeßbildung, 
welche in Venen durchbrach, wodurch eine Allgemeininfektion mit £ndo- 
litis, Meningitis und multiplen Nierenabszessen entstand. 

Alfred Kraus (Prag). 



802 Bericht über die Leistangeii aaf dem Gebiete 

Olscbanetzky. Über ein neues alkohol« nnd säarefestes 
Stäbchen. Zentndbl. far Bakteriologie etc. Bd. XXXn, pag. 16. 

Olscbanetzky beschreibt ein neaes teilweise alkohol- nnd 
•äorefestes St&bchen, das in einer Reihe von F&llen bei Mus decnmanua 
gefunden wurde. Dasselbe besitzt die Eigentümlichkeit des ausgespro- 
chenen Pleomorphismus und bildet Verzweigungen. Für Ratten ist es 
pathogen, läßt sich auf den verschiedensten Nährböden züchten. Seine 
partielle Säure und Alkoholfestigkeit büßt es auf der Kartoffel nach und 
nach ein und pflanzt sich auf Milch körnchenlos fort. Wegen seiner 
färberischen und morphologischen Eigenschaften sowie andererseits wegen 
seiner Streptothrix-Natur steht es nach Ansicht des Verfassers auf der 
Grenze zwischen Myko- und Corynebakterien. Wolters (Rostock). 

Nagftno, I. Über eine neue Saroina, die im Eiter gono- 
kokkenähnliche Degenerationsiormen zeigt. Zentralblatt für 
Bakteriologie. Bd. XXXII, pag. 827. 

Nagano fand im Eiter eines Ovarialabszesses eine Sarcina, die 
gonokokkenähnliche Degenerationsformen aufwies, und bei der G r am sehen 
Färbung sich entfärbte. Es wurde aus diesem Befunde geschlossen, daß 
es sich eventuell um (Gonorrhoe handeln könnte. Die Ergebnisse der 
Züchtung widersprachen dem, da der fragliche Mikroorganismus sich 
auf den verschiedensten Näiirböden züchten ließ, und zwar als Sarcina. 
Unter Einfluß von Eiter traten dann die Degenerationsformen auf. Ver- 
fasser schildert eingehend die Wachstumseigenschaften auf den verschie- 
denen Nährböden nnd die differentialdiagnostisch wichtigen Eigen- 
schaften gegenüber anderen Mikroorganismen und berichtet über die 
angestellten Tierversuche. Er schließt mit der wohl allgemein angenom- 
menen Bemerkung, daß nicht jeder nach Gram sich entfärbende Diplo- 
kokkus ein Gonokokkus sei, und rät in zweifelhaften Fällen zur Züchtung* 
Auch dieser letzte Vorschlag dürfte in Praxis schon recht häufig von 
dermatologischer Seite angewendet worden sein. Wolters (Rostock). 

Kasparek, Theodor. Einige Modifikationen von Einrich- 
tungen für bakteriologische Untersuchungen.^ Zentralblatt f. 
Bakteriologie etc. Bd. XXXII, pag. 382. 

Kasparek empfiehlt in der vorliegenden Mitteilung unter anderem 
statt der zor Sterilisation meißt verwendeten Eisenbüchsen, Gleichsehe 
Schachteln, die eine Hitze von 150^ im Trockenofen aushalten, und su 
billigem Preise zu haben sind. Ihre Anwendung bietet den Vorteil, daß 
die sterilisierten (Gegenstände nicht voll Rost werden. Des Weiteren 
empfiehlt er zur Erwärmung der Brütschränke Gasglühlichtbrenner, 
System Auer, die mit jedem Thermoregulator eine ruhige, gleichmäßige 
Wärmequelle abgeben, die durch Druckschwankungen nicht wesentlich 
beeinflußt werden, und nicht so leicht auslöschen als die Mikrobrenner. 

Wolters (Rostock). 

März, £. nnd Sticker, Anton. Weitere Untersuchungen 
über Mitigation des Epithelioma contagiosum des Ge- 
flügels. Dtsch. med. Woch. Kr. 5. 29. Jänner 1908. 



der Hantkrankheiten. 303 

Bereits in Mheren Arbeiten berichteten Marx und S t i c k e r. 
dafi das Epitheliom wohl von Tauben auf Hühner, aber nicht von 
Hfihnem auf Tauben übertragen werden könnte. Ebenso blieben Rück- 
impfungen Ton einem mit Taubenpocken infizierten Huhn auf Tauben 
negativ. Verfasser impiten nun in neueren Untersuchungen 18 Tauben 
▼on mit Taubenpocken infiaierten Hühnern« Unter diesen blieben sieben 
gesund, drei zeigten nur abortive Symptome, fünf erkrankten so leicht, 
daß kein Lidverschluß eintrat, nur drei wiesen ausgesprochene Erschei- 
nungen auf. Bei allen war die Inkubationsseit verlängert. Die Versuche 
beweisen, da6 das Virus der Taubenpocken bei einer Passage durch das 
Huhn viel von seiner Virulenz einbüße. Die Verschiedenheit der Impf- 
erfolge lasse sich wohl durch die ungleiche Widerstandskraft der ein- 
zelnen Individuen, also durch eine Mitigation des Virus erklären. 

Max Joseph (Berlin). 



Erythematöse, ekzematöse, parenchymatöse 

Entzflndnngsprozesse. 

Little, Graham, £. An eruption ocouring in the oourse 
of Diphtherie. British Journal of Dermatology 1902. 

Henoch hat auf das gelegentliche Auftreten von diffasen Ery- 
themen oder mehrweniger ausgebreiteter Roseola während des Verlaufes 
der Diphtherie aufmerksam gemacht. Little beobachtete das Auftreten 
eines Exanthems am Stamme eines 4 Monate alten, an Diphtherie er- 
krankten Kindes wenige Stunden nach Spitalsaufnahme. Der Ausschlag 
bestand anfangs aus kleinen, rötlichen, runden Flecken, aus denen am 
nächsten Tage mehr erhabene, harte, fast erbseng^ße Knötchen, später 
Bläschen und Pusteln wurden. Man dachte nun auch an Variola, die 
jedoch später ausgeschlossen wurde, indem man sich f&r die Annahme 
eines septischen Exanthems entschied. Daß es sich um sichere Diptherie 
gehandelt hatte, bestätigte die positive bakteriologische Untersuchung, 
sowie die Obduktion des nach zwei Tagen verstorbenen Kindes. Die In- 
jektion von 4000 Einheiten Antitoxin, die Verabreichung von Chinin 
beeinflußten den ungünstigen Verlauf nicht im geringsten. 

Robert Herz (Pilsen). 

Lobligeois* £tude oliniqne et diagnostique des £ry- 
thömes scarlatiniformes et de la scarlatine vraie appa- 
raissant au cours de la dipth6rie. Thdse de Paris. 1902. 

Weitschweifige Beschreibung der durch Diphtherieserum entste- 
henden scharlachähnliehen Exantheme durch Lobligeois. Bei der 
großen Schwierigkeit, die letzteren von wahrem Scharlach zu unter- 
scheiden, suchte Lobligeois nach klinischen Unterscheidungsmerk- 
malen, welche er in einer besonderen Art der Leukooytose und durch 
die Diazo-Reaktion gefunden zu haben glaubt. Verfasser glaubt, daß der 



304 Bericht über die Leiitangen auf dem Gebiete 

Scharlach durch eine „Polynnkleose* and positive^ wenn anoh zn weilen 
rasch vorfibergehende Diazo-Reaktion zieh mit g^ßer Wahrscheinlich* 
keit von den skarlatiniformen Semmexanthemen, die durch negative 
Diazo-Reaktion und eine nicht deutlich ausgeprägte Polynukleose cha- 
rakterisiert seien, unterscheiden lasse. Hoohsinger (Wien). 

Rittershain, O. B. von. Erfahrungen über die in den 
letzten 4 Jahren beobachteten Serum-Exantheme. Jahrbuch 
für Kinderheilkunde. Berlin 1902. 642—656. 

Rittershain berichtet über die Serum*£xantheme, welche in 
den Jahren 1898^1901 an der Einderklinik Oanghofers in Prag be- 
obachtet wurden, unter 1224 iigizierten Kindern trat Semm-Exanthem 
79mal (6*457o) a°^- ^®i ^ Kindern trat 2mal ein derartiges Exanthem auf. 
Bei dem ersten dieser beiden wurden 2 li^ektionen in rierwöchentlichen 
Intervallen gemacht. Beim zweiten Kinde war wohl nur eine Injektion 
appliziert worden. Der zweite Exanthemausbruch war als Rezidive des 
ersten aufzufassen. 

Frühere Statistiken ergaben 227o Exanthem, so daO eine Abnahme 
in der Häufigkeit der Serum-Exantheme zu konstatieren ist. Bei An- 
wendung großer Serummengen sind Exantheme häufiger. 22mal waren 
lokale und 59mal generalisierte Eruptionen vorhanden. Lokale Eruptionen 
erschienen spätestens 10 Tage nach der Injektion; sie dauerten 2 »S Tage, 
erschienen ohne Fieber und ohne Alteration des Allgemein befindens. Die 
generalisierten Exantheme erschienen spätestens am 6. Tage, Spätaus- 
brüche nach einem mehrwöchentlichen Zeiträume wurden nicht beob- 
achtet. Abgesehen von 10 scharlachartigen Exanthemen und 7 mit Kom- 
plikationen ausgestatteten Formen bestand nur in 13 Fällen Fieber, 
wurde aber in 27 anderen Fällen vermißt. 

Bezüglich der Exanthemform wird folgendes berichtet: 8Imal 
bestanden urtioariaähnliche Eruptionen, 2mal diffuse Erytheme, lOmal 
scharlachartige, 6mal masemähnliche und 5mal polymorphe Erscheinungs- 
formen. Was die skarlatiniformen Exantheme anbetrifft, wird die große 
Schwierigkeit der Differentialdiagnose gegenüber echtem Scharlach betont, 
ja V. Rittershain glaubt, daß in den meisten Fällen wirklicher 
Scharlach zu gründe liegt. Hochsinger (Wien). 

Szontagh, v. Ein Fall von eigentümlicher Erkrankung 
nach Anwendung des Diphterieheilserums. Archiv f. Kinderhk. 
XXYIII. 6, 6. 

Bei einem 12jährigen Mädchen mit Rachendiphtherie injiziert 
▼. Siontagh Heilserum; Entfieberung und beginnende Heilung; nur 
die Drüsenschwellungen haben an Größe und Schmershaftigkeit zuge- 
nommen. Nach 48 Stunden Fieber und Unruhe, welche trotz Schwindens 
aller anderen Symptome nicht nachließen. Nach einiger Zeit tritt ein 
von beiden Ii^ektionsstellen (untere Thoraxhälften) ausgehendes und sich 
über die Oberschenkel verbreitendes urticariaarügea Serumexanthem auf, 
das nach 8 Tagen abblaßt. Gleichzeitig mit dem Exanthemausbruch ent- 
ziehen rasende Schmerzen in den unteren Extremitäten, verbunden mit 



der Haatkrankbeiten. 305 

Appetit- und SchUflosigkeit; die Fieberbewegnngen penittieren aacb 
nach VerblMsen des Exanthem b. £b kommt zn einer förmlichen Diplegie 
der unteren Extremitäten, zu Schwellungen der Gelenke, intensiver 
Schmerzhaftigkeit des ganzen Körpers, Anorexie, Stublverhaltung, starker 
Abmagerung etc., bis nach zirka 8 Wochen eine Besserung und endlich 
Gesundung eintrat. Einen ähnlichen, wenngleioh nicht so beunruhigenden 
Fall sah Szontagh schon früher bei einer Kousine der Patientin. 

Hochsinger (Wien). 

Tripke, A. Ober eine neue Kinderseuche in Coblenz 
und Umgebung. „Der Kinderarzt**. 1900. Heft 4. 

Tripke beobachtete im Jänner und Februar 1900 in Coblenz und 
Umgebung eine größere Epidemie einer bis jetzt fast gänzlich nnbe* 
kannten Krankheit, die er als ein akut auftretendes, hochrotes, je nach 
der Lokalisation fleckiges oder gitterartiges und infektiöses Exanthem 
schildert. Die nach wenigen Tagen wieder ablaufende Erkrankung war 
Ton hochgradigem Fieber und yollständiger Appetitlosigkeit begleitet 
und pflegte eine schwere Kachexie zurückzulassen, von der sich die 
Kinder nur langsam erholten. Eine Beteiligung der Schleimhäute des 
Respirationstraktes, der Lymphdrüsen oder irgend eines inneren Oiganes 
war niemals zu konstatieren, was die Difierentialdiagnose dieses übrigens 
schon in seinem Aussehen ganz charakterislischen Erythems gegenüber 
Scharlach, Masern und Röteln wesentlich unterstützte. Auch Influenza 
als ätiologisches Moment schließt Tripke aus. In seltenen Fällen beob- 
achtete Tripke Nachschübe und Rezidiven des Ausschlages, sowie 
zweimal unter 8 Fällen von Komplikation mit Pneumonie Exitus letalis. 

Tripke hält seine Beobachtungen für identisch mit den von 
Schmidt in Graz und Sticker in Gießen veröffentlichten Berichten 
über eine neue exanthematische Seuche. Er hält den von ersterem Autor 
vorgeschlagenen Namen |,Erythema infectiosum" für trefiend und möchte 
nur noch eine febrile und eine afebrile Form unterschieden wissen. Als 
deutsche Bezeichnung wählte er den Terminus: Kinderrotlauf. 

Die Therapie Tripkes beschränkte sich auf Herabsetzung des 
Fiebers und Bekämpfung der zu erwartenden Kachexie (Prießnitzum« 
schlage, Tokayer Wein, Eisensomatose). Hochsinger (Wien). 

Kramfltyk. Erythema scarlatiniforme desquamativum 
recidivans. Jahrb. f. Kindhk. Bd. LV. Heft 8. 

Kramstyk hat in Warschau 8 Fälle von wiederkehrenden Ery- 
themen bei Kindern beobachtet, welche den in der französischen Literatur 
unter dem Namen ,,Erytheme desquamatif exfoliant scarlatiniforme reci- 
divanf ganz analog verliefen. Diese Exantheme, aufweiche Fe reo 1, 
dann auch Besnier und Hallopeau zuerst aufmerksam gemacht 
hatten, sind sehr häufig von Scarlatina nicht zu unterscheiden, da sie 
sogar auch mit Nieren und Ohrenentzündung verlaufen können. Das wich* 
tigste Unterscheidungsmerkmal zwischen diesen und dem wirklichen Schar* 
lachexanthem ist das Fehlen schwererer Erscheinungen von Seiten der 
Rachenschleimhaut, das Fehlen des initialen Erbrechens und das frühe 

Areh. f. Dermst. a. Syph. Bd. LXYIII. g ) 



306 Bericht über die Leistaogen auf dem Gebiete 

Aaftreten einer überaus reichlichen Abschuppimg. Das wichtigste diffe- 
rentialdiagnostische Moment liegt aber in dem h&nfigen Rezidivieren des 
Iixanthems, welches in einem der Fälle des Verfassers neunmal in 7 Jahren 
stattgefunden hatte. Der Verfasser schließt in ätiologischer Besiehong 
medikamentöse und toxische Einflüsse ans und hält auch diese Exanthem- 
Form für eine Infektionskrankheit. Hochsinger (Wien). 

densollen. De P^rythöme polymorphe r^cidivant. Ann. 
de derm. et de syphiligr. 1908. p. 115. 

Gensollen bringt neben zwei von Dobreuilh, zwei von 
Hutchinson und einem von Brault bereits publizierten Fällen drei 
Krankengeschichten eigener Beobachtung, in welchem polymorphe Ery- 
theme alljährlich oder auch in kürzeren Intervallen wiederkehrten. 
Besonders interessant ist ein Fall, in welchem neben der Haut der Extre- 
mitäten und den Schleimhäuten des Mundes, beide Augen hochgradig 
beteiligt waren, insofern starkes ödem der Lider, Injektion und Chemosis 
der Goigunctiva bulbi bestand, welche Erscheinungen sich bei jeder der 
vier Attacken wiederholten. Differentialdiagnostisch kommen Antipyrin- 
exantheme und die Dermatitis herpetiformis Duhring in Betracht, jedoch 
treten beim ersteren die Effloreszenzen plötzlich auf, bei jedem Rezidiv 
gleich lokalisiert, sich nicht weiter verbreitend, mit lange Zeit persi- 
stierenden Pigmentationen abheilend. Bei der Derm. herpetif. sind die 
einzelnen Schübe von längerer Dauer, der Juckreiz ein größerer. 

Walther Pick (Wien). 

Bramwell, W., Liverpool. Urticaria acuta. British Medical 
Journal. 22. Nov. 1902. 

Verfasser wird zu einem 7jährigen Kinde gerufen, das nachts er- 
krankt ist. Der ganze Körper zeigt sich mit ürticariaquaddeln besetzt, 
namentlich die Brust und die unteren Extremitäten. Einzelne Herde 
waren bereits bullös, von klarem Serum erfüllt und erinnerten an einen 
Pemphigus. Diese Blasen erschienen auch von einem roten Saom um- 
geben. Temp. 89*6, nach 8 Tagen aber normale Temperatur. Im Gesicht 
war ein eigentümliches Erythem vorhanden, unter den Augen tief dunkle 
Ringe. Gegen Ende des 8. Tages wurden die Blasen eitrig, gedellt und 
erinnerten auffallend an Variolapusteln, erwiesen sich aber beim Eröffnen 
unilokulär und zeigten eine glänzende rote Basis. Die Patientin zeigte 
sich nur müde, sonst aber subjektiv wohl. Anamnestisch wurde festge- 
stellt, daß das Kind große Mengen eingemachten Rhabarbers gegessen 
hatte. Im Harn reichlich Urate, kein Eiweiß, auf Oxalate wurde nicht 
ontersucht. Rudolf Böhm (Prag.) 

Weber Parkes. F. Sequel of a case of trophic disorder 
of the feet. British Journal of Dermatology. 1902. 

Da Weber den betreffenden Fall bereits im Jahre 1901 (Februar- 
heft d. B. J. of D.) damals unter der Diagnose einer Sderodactylia kom- 
biniert mit Raynaud sehen Phänomenen in eingehendster Weise be- 
Bohrieben hatte, so verweist der Referent auf das bezügliche Referat 
(Archiv für Dermat. u. Syph. Bd. LXIIL p. 458), in welchem die Be« 



der Haatkrankheiten. 307 

Bchreibang des kliniBchen Bildes nnd Verlaufes aasf&hrlicher wiederge* 
geben erscheint. In Ergftnsang zu. seiner damaligen Pablikation teilt nnn 
Weber mit, daß bei dem Patienten im J&nner 1901 eine Amputation 
des linken Fußes vorgenommen wurde und daß der Patient seit dieser 
Zeit sieh der besten Gesundheit erfreut Die histologische Untersuchung 
ergab Endarteriitis obliterans der Kapillaren, dagegen in den größeren 
Arterien außer m&ßiger Verdickung der Media weder Endarteriitis obli- 
terans noch Thrombose. Die mikroskopische Untersuchung des Musculus 
extensor digitorum breyis ergab die typischen Merkmale von Myositis 
ischaemica mit starker Verdickung der intramuskulären Gefaßchen, inter- 
stitieller Bindegewebswucherung, atrophische Veränderungen in einzelnen 
Muskelfasern. Robert Hers (Pilsen). 

Taubert. Über Erytbromelalgie bei Syringomyelie des 
Gervicalmarks. Dtsch. med. Woch. 8. 15. Jänner 1008. 

Taubert kennzeichnet die Symptome der Erytbromelalgie als 
heftige Schmerzen, Rötung, Schwellung der Glieder, chronischen Verlauf 
und berichtet hieran anschließend über einen Fall von Erytbromelalgie bei 
Syringomyelie des Gervicalmarks. Ein 25j ähriger, anscheinend nicht erblich 
belasteter Mann hatte als Eind ein zwei Monate langes Nierenleiden, 
das ihn am Geben und Stehen hinderte, später Brustbeschwerden. Pat., 
welcher jetzt bei den Soldaten als Schuhmacher tätig war, f&hlte den 
Beginn der Erkrankung als Zittern, Kraftlosigkeit, Schmerzen der rechten 
Hand, später bläuliche VerHürbung, Spannung, Bewegungsbeschränkung. 
Während Schmerzen in der rechten Brust und Schalter auftreten, er- 
scheinen Blasen mit rotem Hofe an der rechten Hand und eine 1 cm 
große Verdickung am ersten Zwischenfingergelenk. Die verschiedensten 
therapeutischen Maßnahmen, wie Massage mit Ichthyol und Jodkali, Salicyl- 
schwitzkur, Heißluftbäder, Elektrizität blieben vrirkungslos. Die Tempe- 
ratur der Hand sank, krampfhafte Beugestellung erfolgte. Muskelschwund 
war nicht zu bemerken. Allmählich traten unter starker Rötung der 
Hand anfallsweise heftige, bis in die Schulter strahlende Schmerzen mit 
krampfhaftem Schließen der Hand auf. Hitze und röte Knötchen an der 
Hand begleiteten den Anfall. Die Erkrankung ergriff auch die linke 
Hand, die von Händen und Armen ausstrahlenden Schmerzen vereinigten 
sich auf der Brust. Schließlich nahm der Temperatursiun ab und die 
Schmerzempfindnng an Händen, Armen, Brust und linken Oberschenkel 
verschwand völlig, die Muskulatur atrophierte. Verfasser konstatiert eine 
Syringomyelie mit den charakteristischen vasomotorischen, trophischen, 
sekretorischen und Sensibilitätsstörungen und kommt zu dem Schlüsse, 
daß die Erytbromelalgie hier nur zum Symptomenkomplex der Zentral- 
erkrankung des Gervicalmarks gehöre. Die zuerst nur im Bezirke des 
rechten Armes vorhandene Höhlenbildung dehnte sich im Verlaufe der 
Erkrankung immer weiter aus. Max Joseph (Berlin). 

Falk, Ludwig, Lodz. Ein Fall von morbus maculosns 
Werlhofii (Purpura hämorrhagica) nach Masern. 

20* 



308 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

Falk, berichtet über ein 4V, Jahre altes Arbeitertkind, 
welches 14 Tage nach dem Auftreten von Masern von Parpnra hämorr- 
hagica befallen wurde; auch Sohleimhantblutungen sowie Nieren- and 
Darmblutungen stellten sich ein. Obwohl der Fall unter schweren Er- 
scheinungen begonnen hatte, verlief er doch günstig. In ätiologischer 
Hinsicht betrachtet der Verfasser die Purpura nach akuten Exanthemen 
als eine sekundäre Infektion, und die akuten exanthematischen Infek- 
tionskrankheiten als prädisponierende Ursachen für das Zustandekommen 
der ersteren. Hochsinger (Wien). 

Lenoble^ Les purpuras et leurs modalites cliniques 
d'apr^s leur formule sanguine. Ann. de derm. et de syphil. 
1902. p. 1096. 

L e n o b 1 e unterscheidet zunächst eine echte Purpura (P. myeloide), 
welche alle Organe befallen kann, mit Epistaxis, Gastrorrhagien, Häma- 
temesis, Hämoptyse bei Frauen auch mit profuser Menstruation einher- 
geht und unter umständen su schwerer Anämie, ja auch zum Tode 
führen kann. Sie yerläuft chronisch, akut oder subakut mit längerem 
oder nur ephemerem Bestand. Das Blut zeigt hiebei verlangsamte oder 
auch vollständig fehlende Gerinnbarkeit, mehr oder weniger zahlreiche 
kernhaltige rote Blutkörperchen, neutrophile, seltener eosinophile Myelo- 
cythen, die Hämatoblasten sind an Zahl vermindert, an Volumen ver- 
mehrt. Zuweilen findet sich auch eine leichte Leukocythose, besonders 
die Lymphocythen erscheinen vermehrt, und der großen Zahl der roten 
Blutkörperchen steht ein geringer Hämoglobiogehalt gegenüber. 

Eine zweite Form ist die falsche Purpura (Les faux purpuras 
hömorrhagiques), bei welcher die Begleiterscheinungen geringfügiger 
Natur sind und welche sich mehr durch die Neigung zu Hämorrhagien 
als durch wirkliche Hämorrhagien auszeichnen. Hieher gehören vor allem 
die mit Gelenkaffektionen einhergehenden Purpuraformen, Der Blutbefnnd 
bei dieser Form ist weniger charakteristisch. Der Austritt des Serums 
aus dem Blutkucben erfolgt meist normal, die meist neutrophilen Myelo- 
cythen stellen eine Übergangsform zu den Leukocythen dar, die Häma- 
toblasten sind normal, die Leukocythose ist noch geringer als bei der 
echten Purpura, es besteht keine Anämie. Die banalen Purpuraeruptionen 
unterscheiden sich von den vorigen durch ihren ephemeren Verlauf und 
das Fehlen von Blutveränderungen. 

Der Verfasser kommt zu dem Schlüsse, daß echte Purpura nur 
dann vorliegt, wenn das Blut den für LHsionen des Knochenmarkes 
charakteristischen Befund darbietet. Doch genügt eine Abscbwächung der 
myelocytären Reaktion an und far sich nicht, sie muß, wenn auch nur 
von einer geringen Reaktion der Normoblasten begleitet sein. 

Walther Pick (Wien). 

Locke, Edwin, A. A Report of the Blood Examination in 
Ten Gases of Severe Bums of the Skin. Boston Med & Surgical 
Journal 30. Okt. 1902. p. 480. 



der Hautkrankheiten. 309 

Locke berichtet über Blutuntersachnngen, die er in 10 Fällen 
schwerer Verbrennung der Haut vornahm, mit folgenden Resultaten: 

1. Bei schwerer Verbrennung wird eine Verlangsamung der Zirku- 
lation beobachtet. 

2. Innerhalb weniger Stunden tritt bei schwerer, jedoch nicht 
tötlioh endender Verbrennung eine Zunahme der Erythrocyten von 1,000.000 
bis 2,000.000 per m>, bei tötlichem Verlaufe eine solche von 2,000.000 
bis 4,000.000 per m> ein. 

S. Eine rasch auftretende Leukocytose ist stets vorhanden. 

4. Die Erythrocyten zeigen nur geringe morphologische Verftn- 
denmgen. 

5. Der Prozentsatz der Neutrophilen ist höher als normaliter, 
jedoch nicht so hoch wie bei der gewöhnlichen Leukocytose. 

6. Eine beträchtliche Degeneration der Lymphocyten, speziell bei 
sehr schwerer Verbrennung, wird beobachtet. 

7. Bei sehr schwerer Verbrennung findet man gelegentlich 
Myelocyten. 

8. Eine Vermehrung der Zahl der Blutplättchen ist die Regel. 

A. F. Büchler (New- York). 

Rey (Aachen). Über das Säuglingsekzem. Vereinigung nieder- 
rheinisch-westphälisoher Kinderärzte. Sitzung vom 8. Dezember 1901 zu 
Dnsseidorf. Zentralblatt für Einderheilkunde. 1902. 

Bey ist der Annschanung, daß die Säuglingsekzeme durch die 
klinischen Erscheinungsformen: Lokalisation, Verlauf, Therapie und 
Ätiologie von den übrigen Ekzemen sich wesentlich unterscheiden. Drei 
Grundformen sind von einander abzutrennen: 

L Die seltenen akuten, fieberhaften Ekzeme, die mit einem ery- 
themartigen oder urticariaähnlichen Vorstadium beginnen und in kurzer 
Zeit in ein ausgebreitetes Bläschenekzem übergehen. 

2. Die an den Backen, an der Stirn, seltener auch an den Ellbogen, 
den Kniekehlen und Nates entstehenden, anfangs trockenen, später 
schilfernden Ekzeme. 

8. Die von vornherein impetiginösen Ekzeme des Kopfes und Ge- 
sichtes. — AUe diese Ekzemformen der Säuglinge sind nach Reys An- 
sicht endogener Natur. Das Säuglingsekzem ist nicht parasitärer Natur, 
vielmehr von Verdauungsstörungen in erster Linie abhängig. 

Charakteristisch für das Säuglingsekzem ist die Zeit seines Be- 
ginnes, welcher immer innerhalb des ersten Lebenshalbjahres gelegen 
ist und der besonders therapeutisch nachweisbare Zusammenhang mit 
intestinaler Autointoxikation. Zur Behandlung empfiehlt er Darmirri- 
gationen mit O'^y^ger Taninlösung, daneben Regelung der Diät und Darm- 
antiseptica. 

In der darauf folgenden Diskussion wird von Bloch, Simon» 
Kastenholi und Rönsberg auf das Vorkommen von plötzlichen 
Todesfallen nach rascher Vertreibung von Gesichtsekzemen bei Säuglingen 
hingewiesen und vor allzu intensiver äußerer Behandlung solcher Ekzeme 
gewarnt. Hochsinger (Wien). 



310 Bericht über die LeistuDgen auf dem Gebiete 

Strauss (Krefeld). Über SftuglingBekzeia. Jfthrboch f. Kinder- 
heUk. 1902. Bd. LYI. Heft 4. 

Die Abhandlung Strauss' richtet sich gegen die Torhin erörterte 
Ekzemdebatte im Vereine der niederrheinisch-westphaiischen Kinder* 
ftrzte. Strauss steht auf dem Standpunkte, daß auch das Säuglings- 
ekzem nichts anderes ist, als eine katarrhalische Hautentzündung, welche 
durch äußere Schädlichkeiten herTorgerufen wird, ganz ähnlich, wie auch 
Katarrhe der Schleimhaut bei Säuglingen durch Reize, welche von der 
Außenwelt herkommen, entstehen. Erkältung, übermäßige Luftfeuchtigkeit, 
der Reiz des Sonnenlichtes, unzweckmäßige Seifen, enge, drückende und 
reibende Kleidungsstücke, mangelhafte Kopfpflege kommen in Frage. 
Die erbliche Veranlagung zum Ekzem ist in einer größeren Vulnerabilität 
der Haut, welche familiär sein kann, gelegen. 

Strauss negiert den Zusammenhang zwischen Verdauungsstörungen 
und Säuglingsekzem ; wohl aber hat er solches als Folge ron Übemährung 
bei Adiposität häufig gefunden. Die Behandlung kann nur eine äußerliche 
sein : Zink-Naftalanpasten werden bevorzugt. Da jedes Ekzem große In- 
fektionsgefahren, besonders für die Lymphdrüsen, in sich birgt, so muß 
es energisch behandelt werden. Plötzliche Todesfälle durch Ekzembe- 
handlung werden nicht anerkannt. Hoohsinger (Wien). 
Quillier. L'Ecz6ma des nonrrisons. These de Paris 1901. 
Quillier ergeht sich in weitschweifigen Auseinandersetzungen 
über die Ätiologie der Säuglingsekzeme. Hier sollen parasitäre Einflüsse 
keine Rolle spielen; die Zahnung nur insoweit, als durch dieselbe 
Störungen des Gesamtorganismns hervorgerufen werden. Einer nervös* 
gichtischen hereditären Belastung wird ein Einfluß zugemessen; als un- 
mittelbare Ursache werden Übemährung, Verdauungsstörungen und un- 
zweckmäßige Mahrungsmittel bei der stillenden Mutter oder Amme hin- 
gestellt. Referent vermag sich den Anschauungen Quilliers keineswegs 
anzuschließen. Hoohsinger (Wien). 

Leuillier. Eczema arthritique de l'enfance. Arch. demMe- 
cine des enfants. Tom. V. N. 6. 1902. 

Leuillier beschreibt eine bestimmte Type der Säuglingsekzeme, 
nämlich die trockenen, nicht krustösen, heftig juckenden hartnäckigen 
Formen als arthritische Ekzeme (?) der Kinder. Solche Ekzeme 
können auch bei Säuglingen unter den idealsten Emährungs- und hygi- 
enischen Verhältnissen vorkommen und werden im Sinne der Lehren 
Combys, dessen Schüler der Verfasser ist, auf arthritische Grundlage 
gestellt, wiewohl die von den Franzosen bei [solchen Kindern angenom- 
mene Vermehrung der Hamsäureausscheidnng durch den Urin in vielen 
solchen Ekzemfallen gar nicht besteht. Dieser Widerspruch wird dadurch 
erklärt, daß, wo eine vermehrte Hamsäureaosscheidang im Urin nicht 
tu konstatieren ist, doch eine Anhäufung derselben im Blute bestehen 
könne. Des weiteren wird eine nervös-gichtische Heredität in Anspruch 
genommen. 

Referent kann sich mit diesen Auseinandersetzungen nicht einver- 
standen erklären. Hoohsinger (Wien). 



der Haatkrankheiten. 311 

Engllsh» A., W. Evelyn. PaoriasiB inherited (?) from myx- 
oedematoas Parent. British Medical Journal. Nr. 22. 1902. 

Eine 27jfthrige Fraa litt 4 Jahre an PaoriasiB, die auf keinerlei 
Behandlung hin yersohwinden wollte. Verfasser erfahr nun, daß die Matter 
der Patientin an Myzoedem gelitten hatte und wendete daraufhin Thy- 
roideztrakt an. Es folgte nun in zirka 14 Tagen ein so rasches Ver- 
schwinden der Psoriasis, daß Verfasser ganz überrascht war. Die Pati- 
entin war sonst gesnndi kein Zeichen einer Thyreoiderkranknng vorhanden. 

Rudolf Böhm (Prag). 

Warde, W. B. Lupus erythematosus: its association 
with hypertrophic rhinitis aud Ozaena, aud atrophic 
changes of the tympanum aud ext. auditory meatus. British. 
Journal of Dermatology. September 1902. 

Die Mitbeteiligung der im Titel angeführten Veränderungen der 
Schleimh&ute bei Lupus erythematosus fand Warde häufiger, als er er- 
wartet hatte, und er ist geneigt, sie als verwertbares Moment für die 
Beurteilung eines Zusammenhanges zwischen Tuberkulose und Lupus 
erythematosus aufzufassen. Warde selbst steht nicht auf dem Standpunkte 
eines direkten Zusammenhanges von Tuberkulose und Lupus erythema- 
tosus; er faßt die chronischen Katarrhe der Schleimh&ute als Ausdruck 
einer lymphatischen Konstitution auf. Seine Beobachtnugsreihe umfaßt 

15 Fälle, davon 18 Frauen, zumeist in mittleren Jahren. Die Befunde, 
die im Titel wiedergegeben sind, bedürfen keiner näheren Beschreibung 
in einem kurzen Referate. Robert Herz (Pilsen). 

Warde, W., B. Lupus erythematosus. — An examina- 
tion of the notes of fifteen consecutive cases. Second com- 
munication. British Journal of Dermatol. Oktober 1902. 

Die vorliegende Arbeit stellt die Ergänzung eines früher erschie- 
nenen Aufsatzes dar, in welchem der Verfasser über das Auftreten von 
hypertrophischer Rhinitis und Ozaena und atrophischen Veränderungen 
am Trommelfell und dem äußeren Gehörgang Mitteilung macht. (British 
Journal of Dermatol. Septemberheft 1902.) Er berichtet nun über die 
Zirkulationsanomalien, femer über die Haut-, resp. Schleimhautverän- 
derungen an den Ohren und im Munde der von ihm beobachteten 

16 Fälle von Lupus erythematosus. Was die Zirkulationsstörungen an- 
langt, waren bloß drei Fälle frei von solchen, 5 litten au ulzerierenden, 
8 an nicht ulzerierenden Frostbeulen, 2 an kalten Extremitäten, 8 an 
„toten Fingern** (lokaler Synkope), 2 an lokaler Asphyxie und ein Fall 
an deutlichen Teleangiektasien im Gesichte. Was die Hautveränderungen 
an den Ohren anlangt, war in 2 Fällen ein Erythema pernio ohne 
Ulzeration, und in 2 Fällen ein solches mit Ulzeration an Helix und 
Ohrläppchen, in 8 Fällen völlige Atrophie an den weichen Partien von 
Helix und Ohrläppchen, in 5 Fällen ein schuppendes Erythem der Ohr- 
muschel und in 8 FäUen „Orangeschalen'-ähnliche Veränderungen an der 
Ohrmuschel konstatiert worden. Die Mundschleimhaut zeigte folgende 
pathologische Veränderungen: Kleine, erythematöse Flecken in 1 Falle, 



312 Bericht über die Leistungen auf dem Oebiete 

perlmatterartigei atrophische Herde in 4, Atrophie der Zangenschleim- 
haat in 2, Atrophie der Schleimhaut des harten Gaumens in 8| An- 
schwellung der Schleimhaut in toto in 4, Anschwellungen der Drüsenaus- 
f ührungsgänge in 3, multiple cystische Degeneration des Mundbodens 
in 1, kleine, gelbliche Retentionscysten der Wangenschleimhaut nahe dem 
Lippenrande in 8 Fällen. Vier Fälle waren frei, in 8 Fällen war nichts 
Näheres verzeichnet worden. Robert Hers (Pilsen). 

Himmel, J. Die Behandlung des Lupus erythematosus 
mit frequentem Unterbrechungsstrom. Journal russ. de mal. 
cut. etc. 1901. p. 465. 

H;immel berichtet aus eigener Anschauung über die Resultate, 
die mit der von Bisseriö konstruierten Kondensatorelektrode auf der 
Brocqschen Klinik bei der Behandlung des Lupus erythem. erhalten 
wurden. Besonders bei dem erythöme centrifuge waren die Erfolge sehr 
günstig und stellt sich der ProEcntsatz der Geheilten bei einer Behand- 
lungsdauer von 2 — 6 Monaten auf 767o* Er stellt die Methode Über alle 
bisher geübten. Richard Fischöl (Bad Hall). 

Warde, W., B. Lupus erythematosus: A study of the 
disease. British Journal of Dermatology. Dezember 1909. 

Der Verfasser, der bereits mehrfach seine Beobachtungen über 
Lupus erythematosus im British Journal of Dermatology, Jahrgang 1902, 
niedergelegt hat (siehe die diesbezüglichen Referate), kommt am Ende 
der vorliegenden Arbeit zu dem Resultat: Erstens, daß Lupus erjrthe- 
matosns kein deutlich ausgeprägter Krankheitstypus, sondern bloß ein 
bei einer bestimmten Kategorie von Individuen häufig anzutreffendes Symp- 
tom eines allgemeinen Prozesses sei, von dem atrophische Rhinitis ein 
anderes Symptom darstellt. Zweitens, daß das wesentlichste, in seltenen 
Fällen sogar das einzige Symptom ein perniziöses, schwer zu beseitigendes 
ödem sei, das degenerative und atrophische Veränderungen hervorrufen 
könne. Daß, drittens, dieses ödem bedingt sei durch eine Lähmung und 
Erweiterung kleiner Blutgefäße, welchen Erscheinungen nach kürzerer 
oder längerer Zeit, unbeeinflußt durch die Behandlung, deren Degenera- 
tion und Destruktion folgen könne, zugleich mit der des Granulations- 
gewebes, das sich rings um die Gefäße in der gewöhnlichen Tendenz, das 
Schwindende zu ergänzen, bildete. Viertens, daß dieses Ödem und die 
Gefäßdegeneration einerseits indirekt abhängt von einer schwachen 
Zirkulation, die zu einem schlechten Ernährungszustand der Gefäß- 
wandung führt, sowie von der Anspannung, in die diese Gefäße beim 
Blutzufluß versetzt werden, sowie außer von manchen anderen bekannten 
oder unbekannten Ursachen auch noch von der anatomischen Lage der 
Haut, wo nämlich dieselbe über unnachgiebigen Teilen in dünnen 
Lagen gespannt erscheint, andererseits direkt von äußeren Schädlich- 
keiten, Hitze, Kälte, femer von der Anwesenheit verschiedener Efflores- 
zenzen an der Haut, die durch Gifte oder bestimmte Fieberloxine oder 
durch die Tätigkeit von Bakterien oder durch andere bekannte oder un- 
bekannte Ursachen bedingt sind. Fünftens, daß die GefSäßdegeneration 



der Hautkrankheiten. 313 

und Atrophie direkt henrorgernfen werden könne dnrch gewisse ober- 
flftchliche Formen des Lupus vulgaris und eine Disposition hiezu auch 
geschaffsn werden könne durch eine tuberkulöse Belastung oder durch 
akqnirierte Tuberkulose, daß aber die f&r die Krankheit typischen EfBo- 
reszensen auf keinen Fall als tuberkulös aufzufassen seien. 

Robert Herz (Pilsen). 

Sequeira, J. H. and Baleau, H. Lupus erythematosus: 
a olinical study of seventy one cases. Brit. Journal of Derma- 
tology. 1902. 

Die Verfasser beschäftigen sich vorwiegend mit der Frage der 
tuberkulösen Natur des Lupus erythematosus. Von den 71 Fällen ihrer 
Beobachtung betrafen nur 11 das m&nnliche Geschlecht, die meisten Er- 
krankungen traten im Alter von 16—80 Jahren auf. Erkrankungen an 
Tuberkulose unter Familienmitgliedern waren in 84 Fällen vorgekommen. 
Die Schlflsse der Autoren gehen dahin, daß es sich nach der entzünd- 
lichen Natur und der symmetrischen Anordnung des Prozesses wohl um 
im Blute zirkulierende Toxine handelt, die aber nicht tuberkulöser Natur 
sein dürften. Von den beiden Formen, unter denen der Lupus erythema- 
tosus auftritt, war die disseminierte viel häufiger — in 707o — i^^t Tuber- 
kulose kombiniert, als die diskoide — in 18%* Die Verfasser weisen ins- 
besondere auf die von Walther Pick mitgeteilten Untersuchungen über 
den Ausfall der Tuberkulinreaktion beim Lupus erythematosus hin. Die 
disseminierte Form — bei der auch die familiäre Belastung in 80^0 kon- 
statiert werden konnte — scheint insbesondere in schweren Fällen fast 
konstant mit Tuberkulose kombiniert zu sein oder vielleicht auch durch 
letztere in ungünstigem Sinne modifiziert zu werden. Das bei der disse- 
minierten Form häufige Auftreten von Albuminurie kann entweder im 
Sinne einer Nephritis analog der während des Verlaufes akuter Exan- 
theme aufb«tenden gedeutet werden, also etwa toxischen Ursprungs, oder 
aber die Nephritis bildet das Antecedens, durch welche Komplikation 
dann gleichfalls die schwerere Form der Hauterkrankung bedingt sein 
könnte. Die Autoren neigen sich mehr der ersteren Anschauung zu. 

Die Lokalisation der Krankheitsherde scheint erstens von einem 
nervösen, vielleicht angioneurotischen Faktor, femer von einer allgemein 
lohwachen Zirkulation, schließlich von einer lokalen Irritation beeinflußt 
SU sein; bezüglich der letzteren betonen die Verfasser das beobachtete 
Auftreten von Lupus erythematosus nach erweichenden Umschlägen, 
Cantharidenpflastcm, nach Beizungen durch chemische Lichtstrahlen und 
nach Mosquitostichen. Robert Herz (Pilsen). 

Jaqaflt. Snrl'acn6chlorique. La Semaine mödioale. 22. An- 
nöe. Nr. Ö8. 

Im Anschluß an die bisherigen Publikationen über „Chlorakne'' 
veröffentlicht Jaquet eigene Beobachtungen; die ausfährliche Darstel- 
lung des klinischen Bildes und Verlaufes zweier eingehend studierten 
Fälle bildet eine wertvolle Bereicherung der Kasuistik. Besonders aus- 
führlich beschäftigt sich Jaquet mit der Ergründung der Pathogenese 



314 Berioht über die Leistungen auf dem Gebiete 

dieser Aflektion und kommt auf Ornnd eigener Beobachtungen und ex- 
perimenteller, an Tieren gewonnener Resultate zu der Überseugnog, dafi 
bei der Entstehung des Leidens jedenfalls eine lokale Irritation der Talg- 
drüsen stattfindet, während er die Hypothese von der Aufnahme einer 
in der Luft der Arbeitsränme vorhandenen fluchtigen Chlorverbindung 
durch die Lungen und späteren Ausscheidung durch die Talgdrftsen für 
durchaus unerwiesen und unhaltbar hält. Verantwortlich för den lokalen 
Reiz der Haut macht Jaquet die Einwirkung des mit Natriumhydroxyd 
gesättigten Zementstaubesi welcher bei der Instandhaltung gewisser für 
die Ghlorfabrikation notwendigen Apparate verstreut wird; die mikro- 
skopisch-chemische Untersuchung des Eomedoneninhaltes ergab die ge- 
wichtigste Stütze für diese Auffassung. Verfasser fügt zu seinen Aus- 
fährungen hinzu, daß diese Annahme der lokalen Einwirkung des Ätz- 
natrons natürlich nicht die Möglichkeit ausschließt, daß daneben eine 
Chlorverbindung bei der Entstehung der Chlorakne mitwirke; doch habe 
sich in dieser Richtung bisher kein sicherer Beweis erbringen lassen. 

BMtz Callomon (Breslau). 

Tschlenow, M. Über Pityriasis rubra (Hebrae). Journal 
russe de mal. cut. etc. 1901. Heit 7 bis Heft 12. 

Diese umfangreiche Arbeit, die sich auf 182 Literaturangaben 
stützt, ist wesentlich gekürzt (das Literaturverzeichnis enthält nur 
21 Nummern) als Originalartikel in diesem Archiv (Bd. LXIV. p. 21) 
erschienen. Es wird daher auf diesen verwiesen. 

Richard Fischöl (Bad Hall). 

Pawlow, P. Ein Fall von Dystrophie papillaire et 
pigmentaire. Journal russe de mal. cut. 1901. Nr. 8. 

Ausführliche klinische Beschreibung eines Falles. Die histologischen 
Befunde zeigen nur graduelle Verschiedenheiten von den bisher publi- 
zierten. Ob ein Tumor des Magens (Schmerzen bei Bernhrang der Herz- 
grübe, bedeutende Verminderung der HCl im Magensafte) vorhanden ist, 
ob nach einem vor Jahren gegen den Scorbiculus cordis stattgefundenen 
Trauma entzündliche, zur Sklerosierung führende Prozesse das sympa- 
thische Nerfengeflecht ergriffen haben, wagt Pawlow nicht zu ent- 
scheiden. Richard Fischöl (Bad Hall). 

Mantoiix. Porokeratose papiliamateuse palmairc et 
plantaire. Ann. de dorm, et de syphiligr. 1903. p. 16. 

Die Affektion besteht bei der 2^ährigen Patientin seit 18 Monaten 
und beginnt mit kaum stecknadelkopfgroßen, in der Tiefe der Epidermis 
gelegenen, gelblich durchscheinenden, sehr derben Effloreszenzen, über 
welchen die Hautfelderung leicht abgeflacht erscheint, während sich 
kleinste, ganz seichte Substanzverluete im Stratum comeum finden. Im 
weiteren Verlaufe tritt im Zentrum ein bei Loupenvergrößerung gelappt 
aussehender dunkler Punkt auf, der, sich allmählich vergrößernd, zu einer 
Einschmelzung des umgebenden Gewebes führt, so daß sich 6 — 6 mm 
große Substanzverluste bilden, in deren Zentrum sich die kleine, sehr 
derbe, papillomatöse Neubildung findet. Diese letztere fallt spontan ab 



der Hautkrankheiten. 315 

oder wird von der Patientin losgerissen und es bleibt eine leicht rosa 
gefärbte, von ddnner Epidermis überzogene, etwas deprimierte Flftohe 
znrüok. Stellenweise sind mehrere yerschieden alte Effloreszenzen zn 
einem größeren Herde konfluiert. Nach einmonatiichem Aufenthalte yer- 
ließ die Patientin gebeilt das Spital. Die bakteriologische üntersuchnng 
ergab kein Resultat. Histologisch fand sich eine papillomatose Binde- 
gewebswucherang mit hochgradig diktierten Gef&ßen, in deren Umge- 
bung Proliferation des Epithels und Hyperkeratose. Der Autor identi- 
fiziert seinen Fall mit einem Fall Besniers (ESratose localis^ k l'os- 
tium sndorif^re) und einem von Hallopeau demonstrierten Fall. Diffe- 
rentialdiagnostisch kommt Syphilis, Liehen planus, Psorospermosis und 
Naeyus in Betracht. Die Pathogenese ist unbekannt, doch neiget der 
Autor dazu, einen Parasiten als Erreger anzunehmen. Der Abhandlung 
sind histologische und klinische Abbildungen beigegeben. 

Walther Pick (Wien). 

Beck und Grösz. Über Liehen scrophnlosorum und 
dessen Beziehungen zu den Tuberoulides cutanöes Darier. 
Arohiv för Kinderheilkunde. Bd. XXXIV. p. 25. 

Aus den Ergebnissen der histologischen und bakteriologischen 
Untersuchung der Effloreszenzen eines bei einem 6 Jahre alten Kinde 
beobachteten Liehen scrcphulosorum, die von Beck und Grösz vor- 
genommen wurden, geht hervor, daß der Liehen scrophulosorum nicht 
als wirkliche Hauttuberkulose aufzufassen, vielmehr in die Gruppe der 
Tuberkulide, d. i. jener Hauterkrankungen bei Tuberkulose zu zählen ist, 
die nicht durch Ansiedlung des Tuberkelbazillus in der Haut, sondern 
durch Toxinwirkung entstehen. In histologischer Hinsicht fand sich das 
typische Grannlationsgewebe mit Riesenzellen ohne Tnberkelbazillen. 

Hochsinger (Wien). 

Mo§kalew, N. Ein Fall von phagadenischem Ekthyma 
(Yortäuschung eines gangränösen Schankers). Journal russe de 
mal. cut. 1901. p. 179. 

Bei dem schlecht genährten Individuum täuschte ein Ekthyma 
gangraenosum auf luetischer Basis einen phagadenischen Primäraffekt 
vor, der von Tarnovsky als Folge einer Mischinfektion (Staphilococ- 
cia syphilitica) angesehen wird. Hier werden konstitutionelle, chemische 
(Urin) und mechanische Einflüsse als Ursache angenommen. Die Konsi- 
stenz, das Fehlen der symphatischen Drnsenschwellung, die Erschei- 
nungen syphilitischer Rezidiven an den übrigen Körperstellen sicherten 
die Diagnose. Hervorgehoben wird der günstige Einfluß der „Elektro- 
photo-hydrotherapie", die nebst der üblichen spezifischen Behandlung 
eingeleitet wurde. Richard Fischöl (Bad Hall). 

RibaUdn. Hysterische Gangrän der Haut. Journal russe 
de mal. cut. 1900. 149. 

Bei einem 17jährigen Patienten mit deutlichen hysterischen Stig* 
mata (Anaesthesien und Hypaesthesien der ganzen linken Körperhälfte) 
entwickelten sich 9 Wochen nach einer Yerbrennunpf der Innenfläche des 



316 Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 

linken Unterarmes mit Schwefelsäure in der Umgebung der durchs 
Trauma getroffenen Stelle, in 8 Schüben gangränöse Herde, die mit 
Pigmentation und Keloidbildnng abheilten. Simulation kommt nach An- 
sicht des Autors nicht in Frage. Syringomyelie wird differentialdiag- 
nostisch ausgeschlossen. Bichard Fischel (Bad Hall). 

Amstein, Bob. Ein Fall yon «spontaner*, aknter Gan- 
grän des Skrotum. Prager medixinische Wochenschrift. 1902. Nr. 29. 

Verfasser skizziert zunächst kurz den gegenwärtigen Stand unserer 
einschlägigen Kenntnisse. Nach den bisherigen Beobachtungen scheint 
die zur Gangrän des Skrotum führende Entzündung von der Haut sowohl 
als von den tiefer gelegenen Organen ausgehen zu können. Über die Art 
des infektiösen Agens herrscht keine Übereinstimmung. Es wird ein 
Fall eigener Beobachtung mitgeteilt, der akut einsetzte, unter schweren 
Allgemeinerscheinungen aber einen guten Verlauf nahm. Als Initial- 
symptom hebt Verfasser einen plötzlich aufgetretenen Schmerz in der 
Leistengegend besonders hervor. Bezüglich der Aetiologie und Patho- 
genese ließ sich nicht entscheiden, ob intraskrotale Ursachen mit im 
Spiele gewesen sind oder nicht Da allgemeine Ursachen überhaupt, von 
lokalen Erysipel und entzündliches ödem ausgeschlossen werden konnten, 
neigt Verfasser zu der Ansicht, daß eine primäre Infektion der Skrotal- 
haut eine phlegmonöse Entzündung derselben bedingt hat, die äußerst 
rasch zur Gangrän führte; doch scheint ihm, daß — da sich bei der 
Operation eine kleine, oberflächliche Nekrose am linken Boden sowie 
eine Vergrößerung des linken Hodens und ein Ödem des Samenztranges 
vorfand — auch eine intraskrotale Ursache jder Affektion nicht außer 
acht zu lassen sei, daß eventuell an ein Zusammenwirken beider Fak- 
toren gedacht werden müsse. Alfred Kraus (Prag). 

RAdeliffe-Groeker, H. A new case of Granuloma annn- 
lare. British Journal of Dermatology. 1902. 

Der 34jährige Patient zeigte bei seiner am 8. April 1902 erfolgten 
Vorstellung zwei orbiknläre Herde, den einen über dem ersten Knöchel 
der rechten Hand, den anderen an den Seiten und der Palmarfläche des 
linken Zeigefingers. Der Beginn beider Herde wird auf i Jahre vorher 
angegeben, die periphere Ausdehnung ging allmählich während des ersten 
Jahres vor sich, während das Zentrum sich rückbildete. Der Verfasser 
gibt eine genaue Beschreibung des klinischen Bildes dieser seltenen 
Hauterkrankung, die bisher in der Literatur nur mit 6 Fällen — der 
vorliegende ist der siebente — verzeichnet war. 

Bobert Herz (Pilsen). 

Jamiesoiiy Allan, W. Dermatitis vegetans. British Journal 
of Dermatology. 1902. 

An der Hand eines derartigen Falles -» eines 8jährigen Mädchens, 
das am 6. Dezember 1901 znr Beobachtong kam — und dessen Krank- 
heitsbild klinisch und histologisch erörtert und durch beigelegte Dln- 
strationen veranschaulicht wird, stellt Jamieson eine Parallele zwischen 
Dermatitis vegetans und Pemphigus vegetans auf. Bisher sind 6 Fälle 



der Haaikrankheiten. 317 

dieser Art beobachtet, Anf von Hallopeau, einer yon Harte eil. 
Der Fall JamieBoni ist der erste, der ein Kind betriBPL Die unter- 
scheidenden Merkmale der beiden oben genannten Dermatosen findet 
Jamieson in folgendem: 

1. Beginn im Mnnde, spftter Attacken an anderen Stellen des 
Körpers bei P. ▼. — Bei D. t. dagegen bei Jamiesons Fall ToUiges 
Freisein des Mnndes, in den übrigen Fällen gleichseitiges Befal- 
lensein yon Mund and anderen Körperregionen. 

2. Bei P. ▼. sind Blasen die Primäreffloreszenien, die wuchernden 
yVegetationen** dagegen treten später, und da nur auf einzelnen Herden, 
auf. Bei D. y. ist die Primäreffloressens eine Pustel ; auf jeder einseinen, 
wo immer sie sich bilden mag, treten in der Folge die Wucherungen auf. 

8. Die sehr ausgedehnte Pigmentation bei Jamiesons Fall yon 
Pemphigus yegetans war wahrscheinlich größtenteils bedingt durch die 
lang^ndauemde Verabreichung yon großen Dosen Arsens. Bei D. y. ist 
die lokale Pigmentation an jedem Einzelherde eine Erscheinung der In- 
yolution, ganz unabhängig yon dem Arsengebranche. 

4. Fehlen eosinophiler Zellen im Blaseninhalt in dem Pemphigus- 
faUe Jamiesons. — Vorhandensein derselben bei D. y. 

6. Das Allgemeinbefinden bei P. y. yon allem Anfang an ernstlich 
gestört, der Ausgang fast in allen Fällen letal. Bei D. y. geringe Störung 
des Allgemeinbefindens selbst nach monatelanger Krankheitsdauer. 

6. Lokalbehandlung erreicht bei P. y. nur einen bessernden oder 
lindernden Effekt, bei D. y. wird die natürliche Tendenz zur Inyolution 
beschleunigt. 

7. Bei P. y. ist möglicherweise die Hautyeränderung bedingt durch 
degeneratiye Veränderungen in den Zellen des Zentralneryensystems. — 
Bei D. y. scheinen die Hautyeränderungen durch einen bisher nicht ent- 
deckten Mikroorganismus bedingt zu sein. Zieht man in Betracht, wie 
wenig Bazillen ausreichen, um die typischen Lupusknötchen zu bilden, 
so wird es nicht Überraschend sein, daß auch der Organismus der Der- 
matitis yegetans, der möglicherweise auch nur in spärlicher Anzahl an- 
wesend ist, sich bisher der Entdeckung entzog. 

Robert Herz (Pilsen). 



Buehanzeigen und Bespreehungen. 

Schindelkai Prof. Dr., Hugo. Hantkrankheiten. (In: Handbach 
der tier&rztlichea Ghirargie und Geburtshilfe.) Wien und Leipzig. W« 
BraumAller. 1908. 

Zum erstenmal finden wir, wie der Autor im Vorwort erwähnt, die 
Hautkrankheiten der Hanstiere in zusammenfassender Weise, nioht als 
bloßen Adnex der speziellen Pathologie und Therapie der inneren Krank» 
heiten oder der Chirurgie dargestellt. Die Schwierigkeiten eines ersten 
Versuches hat der Autor in glücklichster Weise überwunden und so ist 
das Buch geeignet, in gleicher Weise das Interesse der Tierärzte wie der 
Dermatologen zu erregen. 

Der allgemeine Teil, in welchem die Anatomie und Physiologie der 
Haut, die allgemeine Symptomatologie und Ätiologie der Hautkrankheiten, 
deren Diagnose, Verlauf und Therapie erörtert werden, weicht nicht we- 
sentlich Yon den diesbezüglichen Kapiteln in den Lehrbüchern der Der- 
matologie ab. 

Unter den Funktionsstörungen der Haut steht an erster Stelle der 
Pruritus, der sich universell als Begleiterscheinung von Allgemein- 
erkrankungen (Trichinen, Beschälkrankheit der Pferde, Nierenkrankheiten 
der Hunde, Verdauungsstörungen der Rinder etc.) findet, als lokaler 
Pruritus an der Nase bei der Öötmslarvenkrankheit der Schafe, an der 
Bißstelle bei der Wut, ohne nachweisbare Ursache an der Schweifspitze 
der Hunde vorkommt. Hyperidrosis findet sich universell als vorüber- 
gehende Erscheinung zuweilen nach universellen Verletzungen (Schädel- 
basisfraktur etc.), auch ohne nachweisbare Ursache, als lokale Hyperidrosis 
konnte sie der Autor an den kahlen Stellen eines mit Herpes tonsurans 
behafteten Hundes nachweisen. Zu den Fällen mit halbseitiger Hyperi- 
drosis fugt der Autor einen Fall eigener Beobachtung, der ein an Angina 
leidendes Pferd betraf, bei welchem starkes Schwitzen der rechten Ge- 
sichtshälfte, des rechten Ohres und der rechten Halsseite bestand. Die 
Seborrhoe findet sich beim Pferde zumeist als S. sicca, während sie 
bei Hund und Schaf auch als S. oleosa vorkommt. Von besonderer Wich- 
tigkeit wird die Seborrhoe an den Genitalien männlicher (insbesondere 
kastrierter) Haustiere, wo sie zu Balanoposthitis mit konsekutiver Störung 
der Harnentleerung fuhren kann. Gomedonen finden sich als belang- 
lose Affektion bei Schweinen und Hunden. Die Acarusräude kommt 
beim Hunde in zwei Formen vor, einer benigneren squamösen und einer 
malignen pustulösen Form, doch ist auch die letztere nach des Autors 
Erfahrung heilbar. Auch bei Katze, Rind, Ziege, Schwein, Schafe in den 
Meibomschen Drüsen, Feldmaus, Ratte, ja sogar bei einer Fledermaus und 
bei einem Sambuhirsch wurde die Demodexräude in einzelnen Fällen 
nachgewiesen. Leider findet sich in diesem Kapitel nichts von etwaigen 
Unterschieden der Demodexmilben bei den verschiedenen Tierarten, sowie 



Buchanzeigen und Bespreohnngen. * 319 

▼on ObertragangsTennohen yon einer Tiarart auf die andere erwfthnt ; 
das leittere wohl deshalb, weil schon die Übertragung innerhalb derselben 
Tierart nur schwer gelingt. Urticaria findet sich durch Brennessel, 
Raupenhaare etc., merkwürdigerweise äußerst selten dnrch Episoen her- 
Torgerufen. Nach Fntterwechsel, verdorbenem Futter etc. finden wir eine 
U. ex ingestis, wir finden Urticaria als Begleiterscheinung verschiedener 
Infektionskrankheiten, wie der Schweinepest, als „Talerflecke^ bei der 
Besch&lkrankheit der Pferde, und auch einen Fall von U. pigmentosa 
ehren, konnte der Autor bei einer Höndin beobachten. Eine U. vesiculosa 
s. bullosa findet sich beim Pferde und beim Schwein ; bei dem letzteren 
bildet ein urticarielles Exanthem oft ein Symptom des Rotlaufes, speziell 
gilt dies von den flach erhabenen, eckigen „Backsteinblattem**. Das Vor- 
kommen von Prurigo bei Tieren ist noch nicht sichergestellt ; Purpura 
und Skorbut wurden als symptomatische Exantheme beobachtet. Die 
akuten Exantheme wie Masern, Röteln, Scharlach, wurden bei Tieren 
noch nicht beobachtet. Ekzeme wurden beim Tier unter ganz fthnlichen 
Verhältnissen wie beim Menschen beobachtet, so durch Schweiß, in der 
Umgebung der Ostien durch reizende Sekrete, durch Medikamente, dureh 
Störungen im Gebiete des Magen-Darm kanales, der Nieren, der Oenital- 
organe, ein Ekzema solare insbesondere an woißbehaarten Stellen etc. 
Interessant ist die Beobachtung des Autors, wonach die Ekzeme bei Tieren 
nicht nur am Kopf, sondern auch am übrigen Körper selten anders als 
symmetrisch Yorkommen. Herpes tonsurans kommt am häufigsten 
beim Pferd und Rind vor, weniger häufig bei Hunden und Schweinen, 
seltener bei Schafen, Ziegen und Katzen. Es finden sich sämtliche auch 
beim Menschen vorkommende Formen vertreten. Der Autor bringt zahl- 
reiche, auch selbst beobachtete Beispiele von Übertragung von einer Tier- 
art auf die andere, nur bei Schweinen haftet der Pilz schwer und ist die 
künstliche Übertragung noch niemals gelungen, die natürliche vom Rinde 
in einem Falle nicht ganz sicher. Von großem Interesse ist die Beobachtung 
von Pityriasis rosea beim Schweine, welche der Autor dadurch vom 
Herp. tons. differenziert, daß sie nur bei jungen Individuen vorkommt 
durch Verdauungsstörungen eingeleitet wird, ausnahmslos an der Unter- 
fläche des Körpers lokalisiert erscheint und spontan abheilt. Favus 
findet sich am häufigsten beim Qeflügel, seltener bei Mäusen und Ratten, 
Katzen, Hunden, Kaninchen und Feldmäusen, am seltensten beim Pferde, 
Der Autor berichtet eingehend über seine Übertragungsversuche vom 
Menschen auf verschiedene Tierarten. Bei Mäusen mißlang dieselbe, bei 
Katzen und Hühnern traten typische Scutula auf, beim Rind verlief die 
Erkrankung ganz ähnlich wie der Herpes tonsurans maculosus, beim 
Pferde gelang die Übertragung nur in 8 von 7 Fällen, beim Esel führte 
sie zur Bildung festhaftender Borken. Die Übertragung von Erythrasma 
und Pityriasis versicolor auf Tiere ist dem Autor nicht gelungen. Von 
den verschiedenen Skabiesarten der Tiere ist nur die Sarkoptesräude 
auf andere Tierarten und den Menschen übertragbar, nicht aber die 
Dermatocoptes- und die Dermatophagusräude. Molluscum contagi- 




820 Varia. 

osnm findet lich bei Hfthnem, Paten nnd Tauben und warde auch in 
London bei Sperlingen beobachtet; der Autor teilt 8 Fälle, darnnte» einen 
in Wien snr Beobachtung gelangten, von Übertragung vom Tier auf den 
Menschen mit. Als bullöses Exanthem yerl&uft die Maul- und EJauen- 
Seuche bei Rind, Schwein, Schaf und Ziege. Zum Pemphigus rechnet 
der Autor, nach Ausschaltung zahlreicher in der Literatur so beseiohneter 
Fälle, nur einen in Berlin zur Beobachtung gelangten, einen Hund be- 
treffenden Fall, bei welchem die Sektion, abgesehen von einer Enteritis, 
ein negatives Resultat ergab. Impetiginöse Exantheme finden sieh 
bei der Staupe des Hundes, bei der Schweine- und Rinderpest; bei 
Pferden wird als Dermatitis contagiosa pustulosa canadensis eine der 
Impetigo contagiosa des Menschen klinisch ähnliche Erkrankung bazillärer 
Ätiologie beschrieben. Akne wurde bei Hunden, Pferden, Schafen und 
Schweinen beobachtet, über eine solche, herrorgerufen durch Medika- 
mente (Jod und Brom), fehlen ausreichende Erfahrungen. Toxische 
Exantheme kommen teils in Form von Erythemen, teils auch in Form 
bullöser und pustulöser Dermatitiden, nach verschiedenen Medikamenten 
und Futtermitteln (Buchweisen, Schlempe etc.) vor. Hauttuberkulose 
fand sich äußerst selten in Form von Skrophnloderm beim Rinde, unter 
der Form von Tbc. verrucosa cutis bei Papageien. Ob die als Sklero- 
dermie bei Schweinen und Rindern beschriebene Erkrankung mit der 
des Menschen identisch ist, scheint noch nicht hinreichend sichergestellt. 
Außer der angeborenen Alopecie kommt namentlich bei Schafen, Kühen 
und Pferden, im Gefolge von Ernährungsstörungen, Darreichung von 
Medikamenten, namentlich Quecksilber, eine Alopecie zustande. Area 
Gelsi und Trichorrhexis nodosa sind namentlich bei Pferden 
häufige Erkrankungen. 

Die genaue Erörterung der Symptomatologie, Differentialdiagnose 
und der Therapie, in welcher die modernsten dermato-therapeutischen 
Mittel Anwendung finden, machen das Buch für den Tierarzt zu einem 
notwendigen Behelf. Aber auch die Lehre von den Hautkrankheiten des 
Menschen darf von diesem Zweige der Tiermedizin, welcher mit einem 
zu Experimenten geeigneten Materiale arbeitet, in vieler Beziehung Auf- 
klärung erhoffen und so können wir, schon in diesem Sinne, dem Buche 
größte Verbreitung wünschen. Walther Pick (Wien). 

Varia. 

Erkl&miig. Im ersten Heft des LXVU. Bandes des „Archiv für 
Dermatologie und Syphilis^ hat Herr I w a n o f f das von Herxheimer und 
Hildebrand in Lubarsch-OstertaK, Band VH, 190Q/1901, erschienene 
Referat seiner Arbeit über nHautsarkome" bezüglich mehrerer Punkte an- 
gegriffen. Bezüglich der l^Mtsellen ist bei Abfassung des Konzepts mit dem 
Worte ^massenhaft** ein Irrtum entstanden, wodurch der erste Punkt der 
Iwan off sehen Kritik erledigt ist; auf die weiteren Punkte seiner Ver- 
öffentlichung werde ich gelegentlich später zurückkommen. 

Hildebrand (Frankfurt a. M.)- 



üriginalabhandlungen. 



Areh. U DenuAt. n. Sjrph. B<L LXVIII* ^1 



Das Wachstum der Haare 

in der Achselhöhle und der angeborene 

Defekt der Brustmuskeln. 

Von 

Dr. Moriz Schein (Badapest). 



Das Wachstum der Haare in der Achselhöhle kann als 
ein spezieller Fall eines allgemeinen Gesetzes des Haarwachs- 
toms angesehen werden. Dieses von mir aufgestellte allgemeine 
Gesetz des Haarwachstums lautet: Das Wachstum der Haare 
ist dem Flächenwachstum der Haut umgekehrt proportional. 
Mit anderen Worten: Haarwachstum tritt dort ein, wo die 
Haut im Flächenwachstum zurückbleibt; es tritt in dem Maße 
auf, in welchem ein Hautfeld gegenüber den umgebenden Haut- 
gebieten im Flächenwachstum zurückbleibt. Das im Flächen- 
wachstum zurückbleibende Hautfeld wird nämlich in demselben 
Maße besser ernährt als die intensiver wachsende Umgebung, 
in welchem es dieser gegenüber im Flächenwachstum zurück- 
bleibt und dieser Überschuß an Ernährungsmaterial wird zum 
Wachstum der Haare verwendet. 

Haben wir einmal dieises Gesetz des Haarwachstums 
kennen gelernt, so wird uns die Entwicklung der Behaarung 
der Achselhöhle in der Pubertät, welche ihrem Wesen nach 
bloß als intensives Wachstum der ursprünglichen Lanugo- 
Härchen der Achselhöhle aufzufassen ist, sehr leicht verständ- 
lich. In der Pubertät tritt ein sehr reges Wachstum des M. 
pectoraUs major und des M. latissimus dorsi ein; das von 
diesen beiden Muskeln und vom M. coracobrachialis und 
Biceps brachii begrenzte und umschlossene Gebiet, welches 

21* 



S24 Schein. 

keine Muskulatur zur Unterlage hat, bleibt hingegen im Wachs- 
tum zurück. Über den genannten Muskeln mufi auch die Haut 
stärker wachsen, es tritt daher ein rasches, lebhaftes Flächen* 
Wachstum der Haut ein, in der zwischen den genannten Muskeln 
befindlichen Grube hingegen bleibt die Haut im Flächenwachs- 
tum zurück und in dem Maße, in welchem dies geschieht, 
wächst und entwickelt sich aus den Lanugo-ilärcben die Be- 
haarung der Achselhöhle, bei Männern stärker als bei Frauen. 

Auf diese Weise ist es auch leicht zu yerstehen, warum 
die Achselhaare früher wachsen als die Haare der Extremi- 
täten und warum die Achselhaare auch bei solchen Personen 
vorhanden sind, bei welchen an der Streckseite der Extremi- 
täten kein Haarwuchs zu bemerken ist. Die Wachstumsunter- 
schiede der Haut in der Achselhöhle und um dieselbe herum 
sind eben schon in der Pubertät so groß, daß Haarwachstum 
schon zu dieser Zeit auftreten kann. Das weniger wachsende 
Hautgebiet wird entsprechend besser ernährt und das Blut, 
welches in der Umgebung der Achselhöhle zum Wachstum 
der Haut verwendet wird, dient innerhalb der Achselhöhle zum 
Haarwachstum. An den Extremitäten hingegen sind die Wachs- 
tumsunterschiede der einzelnen Hautpartien viel geringere, 
weil hier die Wachstumsunterschiede der von der Haut ge- 
deckten Muskulatur viel geringer sind, darum wächst das Haar 
an den Extremitäten viel später, erst zu Beginn des Mannes- 
alters, zu welcher Zeit die Muskulatur sich noch einmal eines 
regen Wachstums erfreut; doch ist hier auch dann noch das 
Haarwachstum ein viel geringeres, als in der Achselhöhle. 

Wenn es wahr ist, daß das Wachstum der Lanugo der 
Achselhöhle vom Wachstum der die Achselliöhle umgebenden 
Muskeln und der über denselben gelegenen Haut abhängt, so 
müssen wir konsequenterweise erwarten, daß in solchen Fällen, 
wie der hier vorliegende, in welchem ein vollständiger Mangel 
des linken Pectoralis major und minor besteht, der Haarwuchs 
der Achselhöhle entweder vollständig fehlt, oder doch in viel 
geringerem Grade entwickelt ist, als auf der gesunden Seite, da ja 
die Wachstums- und folglich auch Ernährungs-Unterschiede der 
Haut fehlen oder geringer sind. Es ist daher begreiflich, daß ich bei 
unserem Kranken nach Entdeckung eines vollständigen Defektes 



Das Waohstom der Haare in der Aobselhöhle etc. 326 

des Pectoralis major, minor und serratos ant mit besonderer 
Genugtuung ein ToUstandiges Fehlen jedweder Behaarung in 
der Achselhöhle konstatierte. Ich konnte den Zusammenhang 
mit um so größerer Genugtuung konstatieren, als in derselben 
Woche, in welcher ich den Kranken zum ersten Mal sah, 
Lengs felder in der Wiener klinischen Wochenschrift (Über 
einen angeborenen Defekt des M. pectoralis. Wiener klin. 
Wochenschr. Nr. 49. 1 902) einen ganz ähnlichen Fall beschrieb, 
in welchem die Behaarung der Achselhöhle ebenfalls ToUständig 
fehlte. Daß hier von einer zufälligen Koinzidenz nicht die Rede 
sein kann, beweist der Umstand, daß sowohl in dem Lengs- 
felder sehen als in meinem Falle das vom Rande der Achsel- 
höhle zum Oberarm hinziehende Haarbüschel auf der Seite 
des Defektes stärker entwickelt war. Lengsfelder beschreibt 
die Verhältnisse der Behaarung mit folgenden Worten: ,,Die 
Achselhöhle rechts hat keine Haare, während die angrenzende 
innere Fläche des Oberarmes tippigen Haarwuchs zeigt. Hier 
sind die Haare länger und gerade verlaufend. " Li meinem Falle ist 
das Haar des Oberarmes an der Seite des Defektes nicht bloß stärker 
entwickelt, sondern auch in größerer Ausdehnung vorhanden 
als auf der gesunden Seite. Das behaarte Gebiet ist auf dem 
linken Oberarme um 2 cn ausgedehnter als am rechten. Die 
Ursache dieser Erscheinung erblicke ich darin, daß linkerseits 
die Haut infolge der schwächeren Entwicklung des M. biceps nnd 
der stärkeren Entwicklung des M. triceps und deltoides zwischen 
diesen beiden Muskeln stärker in ihrer Flächenentwicklung 
zurfickgeblieben ist als rechterseits, wo sich diese beiden Mus- 
keln parallel entwickelt haben. Die den Deltamuskel und den 
Triceps bedeckende Haut ist verhältnismäßig stärker gewachsen, 
die zwischen dem Triceps und dem Biceps befindliche Haut- 
partie verhältnismäßig schwächer, weniger, tlit anderen Worten : 
die Furche wurde linkerseits mit der Entwicklung der Musku- 
latur länger und tiefer und das ist die Ursache dessen, daß 
die brachiale Behaarung im Gegensatz zur angrenzenden axi - 
laren links stärker ist als rechts. 

Der Fall Lengsfelders stimmt also nicht bloß darin 
mit meinem Falle tiberein, daß in beiden Fällen ein vollstän- 
diger Defekt der Behaarung der Achselhöhle vorhanden ist. 



326 Schein. 

sondern aach darin, daß in beiden Fällen auf der Seite des 
Defektes die Behaarung an der Innenfläche des Oberarmes 
eine stärkere ist. 

In Yorliegendem Falle muß ich mit Rücksicht auf die 
das Haarwachstom beeinflussenden Umstände noch konsta- 
tieren, daß der linke M. latissimos dorsi, welcher die hintere 
Wand der Achselhöhle bildet, schwächer ist als der rechte, 
denn die geringere Entwicklung dieses Muskels war auf das 
Wachstum der Haut der Achselhöhle und so mittelbar auch 
auf das Wachstum der Haare von Einfluß. 

Der Defekt des Brustmuskels wurde bisher in mehr als 
hundert Fällen beobachtet. In einem Teil der Fälle kümmerte 
man sich entweder gar nicht um die Behaarung der Achsel- 
höhle oder man verwechselte sie mit der angrenzenden Behaa- 
rung des Oberarmes, in anderen Fallen (z. B. dem von Eulen- 
burg) konnte noch kein Haarwuchs yorhanden sein, wieder 
in anderen Fällen ist die Beschreibung so allgemein gehalten, 
daß wir bezüglich des Haarwuchses in der Achselhöhle keine 
sicheren Daten erhalten. In deigenigen Fällen, in welchen man 
jedoch auf die Behaarung der Achselhöhle Rücksicht genom- 
men hat, wurde entweder der Mangel oder die schwächere. 
Entwicklung derselben ausnahmslos konstatiert. Schlesinger 
äußert sich in einem sehr bemerkenswerten Artikel (Zur Lehre 
Yom angeborenen Pektoralis- Rippendefekt und dem Hochstande 
der Skapula. Wiener klin. Wochenschrift Nr. 2. 1900) mit fol- 
genden Worten über die Behaarung der Achselhöhle: j^Auch 
ist die Behaarung in der Aixilla der afßzierten Seite wesentlich 
schwächer als auf der gesunden Seite.'' Es sei mir gestattet, 
die drei Fälle Schlesingers einzeln zu zitieren. Vom ersten 
Falle sagt Schlesinger: „Die Behaarung ist auf beiden 
Seiten different und zwar ist auf der linken Brustseite die 
Behaarung eine dürftigere als auf der rechten. Auch in der 
Axilla ist ein solches Verhalten nachweisbar.^ Im zweiten 
Falle sagt Schlesinger mit Bezug auf die Behaarung fol- 
gendes: „Auf der linken Seite ist sowohl in der Axilla als auch 
um die Mammilla herum reichliche Behaarung bis gegen die 
Mittellinie zu vorhanden, auf der rechten Seite aber nur dicht 
neben der Mittellinie und in der nächsten Umgebung der 



Das WaohBtam der Haare in der Achselhöhle ete. 327 

Mf^nmilla, während in der Achselgrube die Behaarong voll- 
kommen fehlt*' Im dritten Falle endlich waren die Verhältnisse 
der Behaarung folgende : „Die Behaarung, welche auf der rechten 
Brustseite und in der rechten Axilla sehr mächtig ist, schneidet 
in der Mittellinie plötzlich ab und fehlt links fast Tollkommen.*' 

Nebst diesen erwähnten Fällen können wir uns auch auf 
einen von Benario mitgeteilten Fall berufen, in welchem die 
Behaarung der Achselhöhle ebenfalls vollständig fehlte. Be- 
nario sagt folgendes (Berl. klin. Wochenschrift 1890): „Die 
normalerweise in der Achselhöhle sitzenden Haare finden sich 
nicht an dieser Stelle, sondern am mittleren Drittel des Ober- 
armes und zeichnen sich gegenüber den normal gekräuselten 
Achselhaaren linkerseits durch dicke, lange, gradlinig verlau- 
fende Haarschafte aus.* 

Wie sicher und eindeutig wir auf Grund dieser Fälle 
die Behaarung der Achselhöhle bei einseitigem Pektoralis- 
defekt beurteilen konnten, so schwer ist die Beurteilung 
der Behaarung der Brusthaut, denn hier ist es unmöglich 
eine so allgemein gültige Regel aufzustellen wie bezüglich 
der Achselgrube. Da beim Wachstum der Behaarung auf Grund 
des oben Gesagten die Wachstumsunterschiede der Haut in 
Betracht kommen und nicht das totale Wachstum derselben 
als solches, müßten wir a priori erwarten, daß auf der Seite 
des Defektes die Behaarung der Brusthaut eine schwächere 
sein wird als auf der gesunden Seite. Die Brusthaut wird 
nämlich unbehaart bleiben, wenn ihr Flächenwachstum ein 
gleichmäßiges ist und es ist dabei gleichgültig, ob gleichzeitig 
präformierte Entwicklungsunterschiede der Muskulatur vor- 
handen sind oder nicht. Sie wird demnach auch dann unbe- 
haart bleiben, wenn auf der einen Seite unter ihr einzelne 
Muskeln fehlen, falls beim Wachstum des Thorax auf dieser 
Seite keinerlei Unterschiede im Wachstum und in der Ernährung 
einzelner Hautpartien eintreten. Linkerseits ist die Haut, gerade 
infolge des ausgebreiteten Defektes gleichmäßiger gewachsen 
als rechterseits. Dementsprechend ist sie weniger behaart und 
sind um die Mammilla herum etwas weniger Haare vorhanden 
als rechts. Über dem Stemum fehlt linkerseits jede Behaarung 
der Haut. In anderen Fällen ist der Unterschied noch auffallender. 



838 Sohein, 

In den meisten Fallen, in welchen ein Defekt der Brosi- 
nnsknlatur Torhanden ist, ist die Behaarung auf der Seite des 
Def^es eine schwächere, es gibt sogar Fälle, in welchen 
auf der gesunden Seite bis zur Mittellinie reichlicher Haar- 
wuchs Yorhanden ist, auf der kranken Seite aber jede Spur 
einer Behaarung fehlt (Die Fälle von Eobler und Schle- 
singer.) Ausnahmsweise kommen jedoch auch Fälle vor, in 
welchen gerade umgekehrt die Behaarung der Brusthaut auf 
der defekten Seite stärker ist, als auf der gesunden. (Die Fälle 
Ton Benario und Ullmann.) Wir dürfen eben nicht yer- 
gössen, daß die Behaarung )ier Brusthaut beim Manne auch 
unter normalen Verhältnissen eine sehr wechsellide ist. So lange 
wir die unter normalen Verhältnissen yorkommenden Behaarungs- 
Typen nicht Tcrstehen, können wir uns im Falle eines Defektes 
noch yiel weniger zurechtfinden. 

Doch ist es unsere Pflicht die bestehenden Verhältnisse 
auch dann genau zu registrieren, wenn wir sie nicht yerstehen. 
Bei unserem Kranken sind um den Warzenhof herum beider- 
seits einzelne Härchen zu sehen, rechts etwas mehr als links. 

Diesbezfiglich besteht jedoch zwischen den beiden Seiten 
kein nenoenswerter Unterschied. Anders am Brustblatt. In der 
unteren Hälfte des Sternums stoßen wir rechterseits auf ein 3 cm 
langes behaartes Oebiet, welches genau in der Mitte des Brust- 
blattes aufhört. Links ist die Haut des Sternums unbehaart 
Wir müssen bemerken, daß gleichzeitig das Stemum selbst 
asymmetrisch ist. In seinem oberen Drittel wölbt es sich an 
der Ansatzstelle der rechtseitigen Rippen etwas yor, im unteren 
Drittel finden wir gerade an der entgegengesetzten Stelle, nämlich 
an der Ansatzstelle der linken Rippen eine höckerartige Auftrei- 
bung. Entsprechend dieser unteren Verwölbung des Sternums 
fehlt linkerseits die Behaarung, yielleicht aus dem Omnde, 
weil hier oberhalb des yorspringenden Teiles des Brustblattes 
die Haut stärker gewachsen ist, da sie eine größere Oberfläche 
SU bedecken hatte als rechterseits. 

Wie immer man jedoch den Umstand, daß auch in 
unserem Falle auf der Seite des Defektes über dem Stemum 
die Behaarung fehlt, während sie auf der gesunden Seite er- 
halten ist, beurteilen mag, jedenfalls muß in Zukunft die Be- 



Dm Wachstum der Haare in der Aohselhöhle etc. S29 

haarang der Brusthaat, der Bmstwarze, der Achselhöhle and 
des Oberarmes einzeln und besonders beschrieben werden, weil 
die Behaarung jeder dieser Stellen sich ganz selbständig ent- 
wickelt 

Nicht nur unter abnormen Verhältnissen, auch bei ge- 
sunden Individuen müssen wir ferner die Behaarung der Achsel- 
höhle scharf von der des Oberarmes unterscheiden nnd gerade 
der Umstand, daß diese Unterscheidung bisher yernachlässigt 
wurde, trägt Schuld daran, daß man beim Pectoralis-Defekt 
bisher den Mangel oder die schwächere Entwicklung der Achsel- 
haare nicht genügend beachtet hat — Untersuchen wir darauf- 
hin gesunde Leute, so finden wir, daß die Behaarung der 
Achselhöhle und des Oberarmes gewöhnlich durch einen 
schmalen, unbehaarten oder schwächer behaarten Streifen yon 
einander getrennt ist und daß die Behaarung des Oberarmes 
manchmal in entgegengesetzter Richtung wächst, als das Achsel- 
haar ; letztere gegen den Thorax zu, erstere g%en den Unter- 
arm zu. 

Auch in unserem Falle ist rechterseits zwischen der Be- 
haarung der Achselhöhle und des Oberarmes eine schmale 
unbehaarte Furche zu konstatieren. Die Behaarung der Achsel- 
höhle bildet in unserem Falle rechterseits ein umschriebenes, 
2 cm langes Haarbüscliel, die angrenzende Behaarung des 
Oberarmes nimmt ein diffuseres, weniger scharf begrenztes 
Gebiet ein. 

Die Achselhaare sind bei einem Manne mit normaler 
Muskulatur immer Torhanden, die angrenzende Behaarung des 
Oberarmes fehlt jedoch häufig. Bei Frauen ist das zwischen 
dem Biceps und Triceps befindliche Feld, wo sich die in Rede 
stehende Behaarung des Oberarmes gewöhnlich lokalisiert, 
meistens unbehaart. 

Die Anomalien der Behaarung werden gewöhnlich anders 
gedeutet als wie es hier geschieht. In solchen Fällen, wie der 
unserige, pflegt man gewöhnlich von trophischen Störungen zu 
sprechen; in anderen Fällen wird das Fehlen der Behaarung, 
ebenso wie das stärkere Wachstum der Haare auf nervöser 
Grundlage erklärt Besonders beliebt ist diese Erklärung in 
Fällen, in welchen auch irgend eine Störung des Neryensystems 
nachweisbar ist. 



330 Schein. 

In unserem Falle kann von trophischen Störungen wohl 
kaum die Rede sein, weil die Brosthaut auf der Seite des 
Defektes in jeder Beziehung die gleiche Entwicklung und das 
gleiche funktionelle Verhalten aufweist, wie auf der gesunden 
Seite, weil femer auf der Seite des Defektes in der unmittel- 
baren Nachbarschaft der Achselhöhle^ am Oberarm, ein stär- 
kerer Haarwuchs Yorhanden ist als auf der gesunden Seite. 

Bei unserem Kranken ist das Fettgewebe auf der Seite 
des Defektes ebenso gut entwickelt wie auf der gesunden Seite. 
Wenn jedoch die subkutane Fettgewebsschichte auf dieser 
Seite dünner wäre, ja selbst wenn sie ganz fehlen würde, 
dürfte man trotzdem von einer trophischen Störung der Brust- 
haut keineswegs sprechen. Die Entwicklung des Fettpolsters 
hängt nämlich dayon ab, ob die Brusthaut auf der Seite des 
Defektes fester an ihrer Unterlage haftet, als auf der gesunden 
Seite oder nicht. Je fester die Haut auf der Seite des Defektes 
an ihrer Unterlage haftet, um so weniger wird sich auf dieser 
Seite Fettgewebe entwickeln können. Auch unter normalen 
Verhältnissen machen wir die Beobachtung, daß das Fettgewebe 
an Stellen, an welchen die Haut mit ihrer Unterlage inniger 
zusammenhängt, wie z. B. an der behaarten Kopfhaut, der 
Palma manus und der Planta pedis, sich in dünnerer Schichte 
entwickelt und geringere Schwankungen seines Bestandes auf- 
weist als an Stellen, wo das subkutane Gewebe locker ist, 
denn das Fettgewebe wächst um so stärker, je größeren Schwan- 
kungen der Spannung und des Volumens es in dem Räume, 
in welchem es eingelagert ist, unterworfen ist. (Siehe Schein: 
Über das Wachstum des Fettgewebes. Wiener klin. Wchschr. 
1895 und Pester medizin. chirurg. Presse 1900.) 

Man darf also weder die Wachstumsunterschiede des 
Fettgewebes noch die der Behaarung als trophische Störungen 
auffassen, sondern muß jeden einzelnen Fall abnormen Haar- 
wachstumes zuerst Ton dem Standpunkte aus beurteilen, in wie- 
ferne die lokalen Verhältnisse von den normalen abweichen. 
Wenn wir die normalen Bedingungen des Wachstums der Achsel- 
haare kennen, so werden wir untersuchen, in welchem Maße 
die gegebenen Verhältnisse von der Norm abweichen; dann 
werden wir auch den Mangel der Achselhaare verstehen. 



Dm WaeMmn der Hasre in der Achselhöhle etc. 33 1 

Ebenso verhält es sich mit den Anomalien des Nerven-' 
Systems. Auch hier darf man Abnormitäten im Haarwachstum 
nicht ohne weiteres mit dem Nervensystem in Zusammenhang 
bringen. Es sei mir gestattet, mich zur Illustration dieser Be- 
hauptung auf einen Kranken zu berufen, den Sarbo und 
Török gemeinsam beobachtet und in der Gesellschaft der 
Spitalsärzte in Budapest vorgestellt haben. Die linke Wade des 
Kranken war viel dicker als die rechte; dennoch bestand hier 
kein Haarwachstum, während die rechte atrophische Wade von 
dichtem Haarwuchs bedeckt war. Das Haar entwickelte sich 
also auf einem solchen Hautgebiete stärker, welches in seinem 
Flächenwachstum aus dem Grunde zurückgeblieben war, weil 
darunter die Muskulatur der Wade seit Kindheit atrophisch 
war.') Ich selbst beschrieb den Fall eines Mädchens von sieben 
Jahren, welches an Pachymeningitis cervicalis caseosa litt (Arch. 
f. Dorm. u. Syph. 1892). Es war mir aufgefallen, daß beide 
Waden des Kindes mit aufifallend langen Haaren bedeckt waren, 
während wir hier sonst nicht einmal bei erwachsenen Männern 
Haarwuchs finden. Es war auch bei diesem Kinde der M. 
triceps surae beiderseits atrophisch, infolgedessen blieb die Haut 
der Wade im Flächenwachstum zurück. 

Aus diesen beiden Fällen geht hervor, daß man auch bei 
Erkrankungen des Nervensystems das abnorme Wachstum der 
Haare nicht einfach trophischen oder Nerveneinflüssen zu- 
schreiben darf. 

Es kommt vielmehr in solchen Fällen gewöhnlich auf Er- 
nährungsunterschiede der Haut an, von welchen die Ernährung 
und das Wachstum der Haare abhängig ist. Dies wird auch 

durch das Tierexperiment bewiesen. 

Sigmund Mayer f&hrte folgendes Experiment ans (Hermanns 
Handbuch der Physiologie, Bd. H., 1. Teil p. 206): An einem erwach- 
senen Kaninchen wurden gleichzeitig beide Ohren mit Kalziumsulfhydrat 
vollständig enthaart und sodann auf der einen Seite Stücke aus dem 
Halssympathicus und dem N. auricularis magnus excidiert. Nach Verlauf 
▼on ly, — 2 Monaten waren die Haare auf der entnervten Seite über das 
ganze Ohr yerbreitet, in der Größe von etwa 2 mm wieder gewachsen, 



') Siehe: Sarbo, Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde, Bd. XIX. 
Spinale Muskelatrophie infolge von Bleivergiftung an eine infantile Po- 
liomyelitis sich anschliefiend. 



332 Schein. 

wfthrend aal der gesunden Seite sich nur dem Yerlanfe der mitt- 
leren Arterie entlang ein deutlicher Haantreif entwickelt hatte. 

Edmand Saal fei d (Ein Beitrag zur Lehre von der Bewegung und 
der Innervation der Haare, Arcb. f. Auat. u. Physiologie, Physiolog. Abt^i 
1901) beschreibt seine Experimente folgendermaßen: Nachdem einem 
Kaninchen die Dorsalseite beider Ohren mit Galoiumsulfhydrat epiliert 
war, resezierte ich dem Tiere vom linken Sympathious iVi om und vom 
linken Auricularis magnus 2 em. Nach der Operationsstellte sich Erwei- 
terung der Yenen des linken Ohres, das sich w&rmer als das rechte an- 
fählte, ein. Fünf Monate nach der Operation sind die Haare des linken 
Ohres reichlich, stark gewachsen, während an dem rechten Ohre nur ein 
geringes Wachstum zu konstatieren ist. 

«Analog lagen die Verhältnisse bei einem zweiten Kaninchen, dem 
ein 1 em langes Stück des rechten Auricularis magnus reseziert wurde, 
nachdem die Dorsalseite beider Ohren mit Kalziumsulfhydrat epiliert 
war. Nach der Operation waren die Gefäße des rechten Ohres hyper- 
ä misch. Drei Wochen nach Beginn des Versuches fingen die Haare im 
untersten Teil des Ohres und in der Umgebung der Wunde zu wachsen 
an, während das linke Ohr noch kahl blieb. Nach weiteren 8 Wochen 
waren auf der rechten Seite die Haare am Stamme des Ohres weiter 
stark gewachsen, während auch am übrigen Teile des Ohres Lanngo- 
haare sich zeigen. Das linke Ohr ist noch völlig kahl. Nach ferneren 
3 Wochen ist das Haar Wachstum auf dem rechten Ohr weiter fortge- 
schritten. Am Stamme des Ohres ist es sehr stark, £ut schon wieder 
normal. Ein stärkeres Haarwachstum als an den übrigen Stellen 
zeigt sich längs der Mittelvene. Auf dem linken Ohr ist noch 
kein deutlicher Haarwuchs zu konstatieren.^ 

Diese Versuche werden von Saalfeld ebenso gedeutet wie von 
mir, indem er sagt: „Das Resultat dieser beiden Versuche von der Existenz 
trophischer Nerven abhängig zu machen, erscheint nicht notwendig, viel- 
mehr ist es wohl erlaubt, das stärkere Wachstum der Haare auf der 
operierten Seite auf eine Übemährung infolge größerer Blutzufuhr, wie 
sie nach der Durchschneidong des Sympathicus auftritt, zurückzufahren. 
Diese Erklärung trifft auch für den zweiten Versuch zu, insofern als im 
Auricularis magnus sympathische Fasern verlaufen. Analog dfLrfteu die 
Verhältnisse bezüglich des stärkeren Wachstums der Schnarrhaare nach 
Facialisresektion liegen. Auch hier ist die vermehrte Blatzufuhr durch 
Lähmung der Vasomotoren zu erklären, denn der Facialis steht mehr- 
fach mit dem Sjrmpathicus in Verbindung.'' 

„Vielleicht ist aber noch folgende Deutung statthaft. Die Muskeln 
der operierten Seite sind gelähmt (Resektion des N. facialis), kontra- 
hieren sich also nicht; infolge dessen ist eine Kontraktion der Blut- 
gefäße, wie sie durch die Muskeln, von denen sie umgeben werden, 
bedingt wird, ausgeschlossen. Es kann daher permanent eine größere 
Blutmenge zu der gelähmten Gesichtshälfte zufließen und auf diese Weise 
eine stärkere Ernährung der Haare stattfinden als auf der gesunden 



Das Waohstam der Hasre in der Aohselhöhle etc. 338 

Seite, worani ein bedeutenderes Waohstam resultieren dfirfte. Mögliober- 
weise ist aber dieser aweite Faktor in Yerbindnng mit der ersten An- 
nahme geeignet, das st&rkere Waohstam der Spürbaare nach Facialis- 
resektion za erklären. ** 

Man darf demnach auch nach Durchschneidung von 
Nerven im Tierexperiment nicht ohne weiteres an trophische 
oder nervöse Einflüsse denken, sondern muß in erster Reihe 
die Unterschiede der Ernährung der Haut untersuchen, auf 
diesem Wege wird man gewöhnlich die Erklärung für Wachs- 
tumsunterschiede der Haare finden. 

Das abnormale Verhalten der Achselhaare auf der Seite 
des Defektes bildet den besten Beweis für die Unrichtigkeit 
derjenigen Hypothese, dergemäß die Behaarung der Achsel- 
höhle sich auf Orund irgend welcher funktioneller Verhält- 
nisse aus dem Grunde entwickelt hätte, damit die Reibung 
zwischen der Haut des Thorax und des Oberarmes vermieden 
oder herabgesetzt werde. Es wäre nicht einzusehen, warum 
dann in unserem Falle auf der Seite des Defektes in der 
Axilla kein Haarwachstum eintrat, während in unmittelbarster 
Nachbarschaft der Oberarm sogar in höherem Maße behaart 
war als auf der gesunden Seite. Es ließe sich ferner nicht 
einsehen, warum sich nicht schon bei Kindern in der Achsel- 
höhle Haarwachstum zeigt und warum sie durch den Mangel 
der Achselhaare nicht zu Schaden kommen. Schließlich könnte 
man nicht begreifen, warum sich bei Frauen die Achselhaare 
bedeutend schwächer entwickeln als bei Männern. Aber abge- 
>^ehen von alldem ist diese Erklärung von vorneherein zu ver- 
werfen, denn sie erklärt bloß, welche Funktion den schon vor- 
handenen Achselhaaren zukommt, nicht aber, warum sich 
dieselben entwickelt haben. Diese beiden Fragen sind aber 
strenge von einander zu trennen. Etwas anderes ist die Ur- 
sache des Haarwachstums und wieder etwas anderes die 
Funktion des fertigen Haares. Das Haarwachstum kann nie- 
mals einer späteren Funktion zu Liebe zu stände kommen. 

Bringen wir hingegen die Behaarung der Achselhöhle mit 
dem Wachstum der umgebenden Muskeln und der diese be- 
deckenden Haut sowie auch mit dem Wachstum der Haut der Achsel- 
höhle selbst in Zusammenhang, so werden wir leicht verstehen, 
warum sich bei Kindern keine Achselhaare entwickeln. Aus 



S34 Schein. 

dem einfachen Oronde, weil das Wachstum des M. pectoralis 
major und des Latissimus dorsi noch nicht so stark ist und 
also auch die Unterschiede im Flächenwachstum der Haut noch 
keine so großen sind, daß in der Achselhöhle Haarwachstum 
eintreten könnte. Die Ernährung der Haut in der Achselhöhle 
ist noch nicht um so vieles hesser als die Ernährung der 
stärker wachsenden umgehenden Hautpartien, daß auch für das 
Haarwachstum genügendes Nährmaterial übrig bliebe. Über- 
haupt werden die Haare der Achselhöhle so lange nicht wachsen, 
als die Haut der Achselhöhle noch intensiv wächst 

Wir verstehen auch, warum die Behaarung der Achsel- 
höhle bei Männern stärker zu sein pflegt als bei Frauen. Aus 
dem einfachen Grunde, weil die Unterschiede im Flächen- 
wachstum der Haut bei Männern größer zu sein pflegen als 
bei Frauen. Da der Pectoralis major, der Latissimus dorsi und 
die diese Muskeln deckende Haut bei Männern ein stärkeres 
Wachstum aufweisen, bleibt das von diesen Muskeln um- 
schlossene muskelfreie Hautgebiet in höherem Grade im 
Flächenwacbstum zurück. 

Dessen ungeachtet behaupte auch ich keineswegs, daß 
der Defekt des Pectoralis major der einzige Umstand wäre, 
welcher einen Mangel der Achselhaare bedingen könnte. Ich 
habe im heurigeu Jahre einen 25 Jahre alten Arbeiter be- 
handelt, dessen beide Achselhöhlen unbehaart sind, trotzdem 
die Brust- und Rückenmuskulatur normal entwickelt ist. Ich 
glaube, daß in diesem Falle eine gewisse Schwäche und Kraft- 
losigkeit der Lanugo- Härchen Schuld an der Haarlosigkeit 
trägt. Die Haut des betreffenden Individuums ist auffallend 
glatt und weich. Der Bartwuchs fehlt, nur ein ganz schwacher 
blonder Schnurrbart ist vorhanden; die Schamhaare grenzen 
sich oberhalb der Symphisis ossium pubis in einer horizon- 
talen Linie scharf ab. An der Streckseite der Extremitäten ist 
schwacher Haarwuchs zu sehen. Auffallend ist der Umstand, 
daß die Schamhaare gut entwickelt sind, während die Achsel- 
haare vollständig fehlen. Die Ursache davon ist wahrscheinlich 
in dem Umstände zu suchen, daß sich die Lanugo-Härchen 
nicht überall normal und an verschiedenen Körperstellen ver- 
schieden stark entwickeln können, daß sie hier normale Wachs- 



Das WftchBtam der Haare in der Achselhöhle etc. 335 

tums-Energie besitzen, dort mangelhaft, schwach entwickelt 
sein können und an einzelnen Stellen anscheinend jedes Wachs- 
tnmstriebes entbehren. 

Wir schreiten nunmehr zur Würdigung des Muskel- 
defektes unseres Patienten. Bei unserem Kranken haben wir 
es mit einem vollständigen Defekte des Pectoralis major und 
minor zu tun. Gewöhnlich ist der Defekt nicht so groß, in der 
größten Zahl der mitgeteilten Fälle war die daviculare Portion 
des PectoraUs major erhalten geblieben. 

In dem von Eulenburg beschriebenen Falle war eine 
abdominale Portion erhalten geblieben, in einem Falle 
Noordens einige schwache Muskelbündel, im Falle Kahle rs 
zwei Bündel der Costal-Portion. 

In unserem Falle fehlt nicht nur der M. pectoralis major 
und minor, sondern auch der M. serratus anticus. Dort, wo 
sich rechterseits die Teile dieses Muskels entsprechend den 
einzelnen Rippen vorwölben, sind linkerseits die nackten Rippen 
sichtbar und tastbar. 

Wenn der Kranke seine Arme bis zur Horizontalen empor- 
hebt, so steht infolge des Defektes des Serratus ant. die linke 
Skapula flügeiförmig vom Rumpfe ab, so daß man die ganze 
Hand unter die Innenfläche der Skapula stecken kann. 

Ein solch ausgebreiteter Muskeldefekt gehört schon zu den 
größten Seltenheiten. 

Nebst diesen 3 Muskeln weist auch der M. deltoideus 
Veränderungen auf. Der daviculare und spinale Teil des Muskels 
fließt nicht zu einer einheitlichen Muskelmasse zusammen, wie 
das rechterseits bei unserem Kranken der Fall ist, sondern 
es ist zwischen beiden Portionen des Muskels eine tiefe Furche, 
eine Grube zu konstatieren. Diese Anomalie ist bei Beurtei- 
lung der Frage von besonderer Wichtigkeit, ob der Defekt bei 
unserem Kranken als angeboren oder als erworben zu be- 
trachten ist, denn sie berechtigt uns zu dem Schlüsse, daß 
wir es hier mit einer angeborenen Entwicklungs-Anomalie der 
Muskulatur zu tun haben. Dafür spricht auch der Umstand, 
daß die linke Mammilla, welche übrigens ganz normal ent- 
wickelt ist, der Mittellinie um ly« ^^ näher gerückt ist als 
die rechte. Diese beiden Umstände sind so eindeutig, daß sie 



336 Schein. 

die andere Idöglichkeit, daß nämlich der Mnskeldefekt ein er- 
worbenes Leiden wäre, mit voller Sicherheit ausschliefien lassen. 
Der Kranke selbst führt sein Leiden wohl anf eine im Alter 
von einem Jahre erlittene Schnlterlnxation zurück; wir aber 
sind gezwungen, die Muskelanomalie als eine angeborene and 
im Keime praformierte AnomaUe aufzufassen. Nicht etwa darum, 
als ob solche Muskeldefekte auf traumatischem Wege nicht 
zu Stande kommen könnten. Hat doch Hasebroeck erst Yor 
einigen Monaten im ärztlichen Verein in Hamburg ein Indi- 
Tiduum Torgestellt, bei welchem es nach einem vor 3 Jahren 
erlittenen Trauma zu einer vollständigen Atrophie des linken 
Deltoides gekommen war, so daß dieser Muskel vollständig 
fehlte, während die anderen Muskeln unversehrt blieben. 
(Deutsche medizinische Wochenschrift Nr. 50, 1902. Yereins- 
beilage. Ärztlicher Verein in Hamburg.) Sondern es ist der an- 
geborene Charakter des Zustandes nebst den erwähnten zwei 
Gründen auch aus dem Grunde anzunehmen, weil man in einem 
Teile der in der Literatur beschriebenen Fälle auch andere 
angeborenen Anomalien konstatieren konnte. So beobachtete 
man Kippendefekte, mangelhafte Entwicklung der Mammilla 
und des Fettgewebes, mangelhafte Entwicklung der oberen Ex- 
tremität oder der den Defekt aufweisenden Körperhälfte, Syn- 
dactylie, Schwimmhaut, mangelhafte Entwicklung des einer oder 
des anderen Muskels (Deltoideus, Biceps, Serratus, GucuUaris, 
Latissimus dorsi). 

Über die Entstehung des Muskeldefektes können wir nur 
so viel sagen, daß dieser Defekt schon im intrauterinen Leben 
vorhanden ist, daß wir es also mit einer Anomalie der Keim- 
entwickluDg zu tun haben. Schlesinger (1. c.) erklärt die 
Entstehung des Defektes auf folgende Weise : Die Ursache der 
Entstehung des Defektes ist wahrscheinlich darin zu suchen, 
daß einzelne Teile des Körpers infolge mangelnder Wachs- 
tumsenergie in der Entwicklung zurückbleiben. Entwickelt sich 
ein Körperteil mangelhaft^ so hat vielleicht die Anlage dieses 
Körperteiles vollständig gefehlt oder war nur schwach ange- 
deutet und hat sich nicht weiter entwickelt, weil es in einem 
verhältnismäßig sehr frühen Stadium zu einem Stillstande in 
der Entwicklung kam. Die mangelhafte Keimesentwicklung be- 



Das Waclutam der Haare in der Achselhöhle etc. 337 

triffb manohinal den Maakel selbst, manchmal das Nerven- 
system, in welchem Falle sowohl in der Muskulatur als im 
Nervensystem jedwede Degenerationserscheinong fehlt Schier 
Singer führt also den Mangel der Brustmuskulator nicht auf 
eine Entwicklungsstörung, sondern auf mangelhafte Wachstums- 
energie zurück. Doch gibt die Schlesinger sehe Hypothese 
keine Anhaltspunkte dafür, warum gerade der Defekt des Pecto- 
ralis major und minor ein so häufiges Vorkommnis darstellt 
R. Bing, der die Falle angeborener Muskeldefekte zusammen- 
gestellt hat (Virchows Arch. Bd. 170. HeftH.), gibt an, daß 
der Pectoral-Muskel in 102 Fällen, der GucuUaris in 18 Fällen, 
der Serratus major in 14 Fällen, der Quadratus femoris in 16 
Fällen gefehlt hat 

Es bedarf jedoch nicht nur der Umstand, daß gerade 
der M. pectoralis so häufig mangelhaft entwickelt ist, einer 
Erklärung, sondern vielleicht in noch höherem Maße der Um- 
stand, daß die Entwicklung einzelner, bestimmter, isolierter 
Muskeln eine mangelhafte ist, ohne daß andere Muskeln auch 
nur die geringste Abweichung von der Norm aufwiesen. Beson- 
deres Interesse bietet diesbezüglich der Fall eines Trachom- 
kranken, welchen ich unter dem Titel: „Ein Fall von abnor- 
mer Entwicklung des Bartes*' am 13. März 1897 im Buda- 
pester königlichen Ärzteverein vorgestellt habe. (Yergl. Pester 
medizinisch Chirurg. Presse, 1897.) Bei dem betreffenden 36 
Jahre alten Individuum war eine mangelhafte Entwicklung der 
rechten Hälfte des M. orbicularis oris zu konstatieren und es 
fehlte auch die rechte Hälfte des Schnurrbartes. Solche Ent-» 
Wicklungsanomalien müssen, insoweit sie sich auf den Ursprung 
des Defektes der Muskulatur beziehen, ohne Erklärungsver« 
suche vorläufig einfach registriert werden. 

Kehren wir nun zu unserem Falle zurücL Dieselbe Ano- 
malie des Deltoideus, welche wir beobachtet haben, wurde auch 
schon von Noorden (Deutsche med. Wochenschr. Nr. 39, 
1885) beschrieben. Im Falle Noordens fehlte rechterseits 
der ganze Pectoralis m%jor und minor, links die sternokostale 
Portion des Pectoralis major und der ganze Pectoralis minor. 
Zwischen der clavicularen und spinalen Portion des rechten 
M. deltoideus war eine breite Furche zu konstatieren. 

Areh. f. Denuit. v. Sjph. Bd. LXVni. 22 



338 Schein. 

Eine ähnliche Anomalie konstatierte auch Schlesinger 
und zwar auf der gesunden Seite. Vom linken Peotoralis major 
war nur die claviculare Portion Yorhanden. Die 3 Teile des 
rechten Pectoralis major waren durch zwei breite Furchen von 
einander geschieden. Letztere Anomalie wurde erst bei der 
Sektion entdeckt. 

In unserem Falle ist sowohl der linke M. latissimus dorsi 
als auch der Biceps schmcher entwickelt Vergleichen wir 
diese beiden Muskeln mit dem rechten breiten Rückenmuskel 
und dem zweiköpfigen Muskel, so fallt es auf, um wie vieles 
die letzteren stärker sind. 

Wenn wir nach Eonstatierung der anatomischen Verän- 
deruDgen untersuchen, welche funktionellen Störungen bei 
unserem Kranken infolge des Muskeldefektes vorhanden sind, 
so müssen wir sagen, daß zwischen beiden Seiten bloß inso- 
ferne gewisse Unterschiede vorhanden sind, als der linke Arm 
früher ermüdet als der rechte und daß er etwas schwächer ist; 
doch ist der Unterschied ein geringer und stört er unseren 
Kranken kaum in der Arbeit 

Dasselbe konnte in den anderen Fällen von pektoralem 
Muskeldefekt konstatiert werden. Die Ursache dessen, daß der 
Mangel der Muskeln keine Herabsetzung der Arbeitsfähigkeit 
verursacht, ist darin zu suchen, daß eine vikariierende Hyper- 
trophie anderer Muskeln eintritt. Bei unserem Kranken haben 
mehrere Muskeln die Rolle der fehlenden Muskeln übernommen, 
in erster Linie der M. deltoideus, dessen beide Portionen — 
besonders aber die claviculare Portion — eine au£EaUende 
Hypertrophie aufweisen. Nebst dem M. deltoideus sind noch 
die M. scaleni und der M. sternocleidomastoideus zweifellos 
hypertrophisch. Infolge der Hypertrophie dieser Muskeln ist 
die linke Fossa supraclavicularis viel besser ausgefällt und 
weniger tief als die rechte. Hypertrophisch ist ferner der M. 
triceps und der M. cucuUaris. Der linkseitige Triceps weist 
jedenfalls eine relative Hypertrophie auf, denn dieser Muskel 
ist links mindestens ebenso stark entwickelt als rechts, trotz- 
dem der Mann Rechtshänder ist ; auch erscheint dieser Muskel 
verglichen mit dem linksseitigen M. biceps, welcher auch für 
einen linksseitigen Muskel recht schwach ist, sehr stark. Die 



Das Wachstum der Haare in der Achselhöhle etc. 339 

Hypertrophie des Cncullaris fallt auf, wenn unser Kranker 
seine Arme nach Torne hebt und die linke Skapula von den 
Rippen absteht. In dieser Situation hebt sich der linke Gucol- 
laris Yon seiner Unterlage ab und wird stark angespannt, dem- 
zufolge er gut umgriffen werden kann und sich dicker er- 
weist als der rechtsseitige. Doch ist auch der occipitale Anteil 
des M. cucuUaris hypertrophisch. 

Wie in unserem Falle blieb der Defekt der Brustmusku- 
latur auch in anderen Fällen ohne funktionelle Störungen. 
Dennoch wäre es falsch zu glauben, daß das Leiden gar keine 
Bedeutung für das betreffende Individuum habe. Eulenburg 
(Deutsche med. Wochenschrift 1877^ gab zuerst der Vermutung 
Ausdruck, daß solche Individuen auf der Seite des Defektes 
in erhöhtem Maße zu Erkrankungen der Pleura und der Lunge 
disponieren. Lengs felder, der einen großen Teil der Fälle 
nach dieser Bichtuug hin untersucht hat, konstatiert, daß wir 
bei ihnen auf der Seite des Defektes tatsächlich sehr häufig 
Erkrankungen der Pleura und der Lungen begegnen. Auch 
unser Kranker gibt an, vor 6 Jahren an Typhus und im An- 
schluß an denselben an linksseitiger Pleuritis gelitten zu haben. 
Reste dieser Pleuritis sind zwar nicht nachzuweisen, doch haben 
wir keine Ursache an den Angaben des Kranken zu zweifeln. 

Wir halten es für wichtig, diese Disposition zu konsta- 
tieren, denn gerade bei diesem Übel ist der Begriff der Dis- 
position keine vage Annahme, sondern eine Tatsache und wir 
sind sogar im stände zu sagen, auf welche Weise der Mangel 
der Brustmuskulatur die Disposition zu katarrhalischen Zu- 
ständen erzeugt. Wenn nämlich die Brustmuskeln fehlen, so 
wird die Haut des Thorax auf der Seite des Defektes durch 
Muskelarbeit weniger erwärmt und die Pleura wird gegen 
Temperaturschwankungen viel weniger geschützt sein. Die 
Pleura wird nur durch Haut und durch die Intercostal-Musku* 
latur bedeckt und dieser Schutz wird sehr oft ein ungenügender 
sein. Er wird besonders dann mangelhaft sein, wenn das Indi- 
viduum auch ansonst mager ist und überdies auf der Seite des 
Defektes das subkutane Fettpolster schwächer entwickelt ist. 

Der Defekt der Brustmuskulatur wird seit Ziemssen 
(Die Elektrizität in der Med. 2. Aufl. pag. 158) sehr häufig 

22* 



340 Schein. 

zur Erforschung der Funktion der Musculi intercostales extemi 
und intern! benutzt Ziemssen konstatierte zuerst, daß die 
Intercostalräume am Anfange der Inspiration einsinken, bei 
forcierter Exspiration aber, wenn die Glottis geschlossen ist, 
sich Yorwölben. Ziemssen schloß aus diesem Verhalten, 
daß sowohl die äußeren als die inneren Intercostal-Muskeln 
Inspirations-Muskeln seien. N o o r d e n akzeptierte diese 
Konklusion Ziemssens mit der Einschränkung, daß die 
genannten Muskeln nur Aushtilfs-Muskeln der Inspiration sind, 
welche nur bei tiefer Atmung in Aktion treten. Sämtliche 
Autoren, welche solche Fälle zu untersuchen Oelegenheit hatten, 
stimmen darin überein, daß die Intercostalmuskeln bei der 
Exspiration keine Rolle spielen. Bei unserem Kranken ist in 
der Inspiration keine Einziehung der Intercostalräume zu sehen, 
hingegen wölbt sich der dritte — an und für sich sehr breite — 
Intercostalraum beim Husten, so wie das Ziemssen beschrieb, 
in der Ausdehnung von 6 — 6 cm stark vor. Unser Kranker ist 
auch zur Demonstration der von Eduard Weiß beschriebenen 
Phonations-Erscheinungen geeignet. Dort, wo die Brustmusku- 
latur fehlt, wölben sich beim Aussprechen mancher Worte die 
Intercostalräume — besonders der dritte — auffallend vor. 

Bevor ich die Krankengeschichte folgen lasse, möchte ich 
noch der beim Kranken vorhandenen Skoliose gedenken. Bei 
unserem Kranken besteht eme linksseitige Skoliose, deren Kon- 
vexität dem Defekte zugekehrt ist und welche in der Höhe 
des 8. Brustwirbels ihre größte Neigung nach links erreicht 
Bei dem in Rede stehenden Übel wurde in vielen Fällen im 
thorakalen Teile der Wirbelsäule eine Skoliose konstatiert In 
den meisten Fällen befand sich die Skoliose auf der Seite des 
Defektes, doch wurden auch einige Fälle beobachtet, in welchen 
die Skoliose sich der gesunden Seite zukehrte. 

Was schließlich die Seite der Erkrankung anbelangt, 

wird in sehr vielen Fällen der Defekt der Brustmuskulatur 

rechterseits gefunden; die linke Seite wird selten befallen. 

Unser Fall gehört diesbezüglich zu den selteneren Fällen. 

Die Krankengeschichte teile ich in folgendem mit. S. M., 
27 Jahre alt, ledig, Tischler, gibt an, daß er im Alter von 
1 Jahr einen Sturz erlitt und eine Schultergelenksluxation 
eintrat; seither soll die Asjmetrie seines Thorax bestehen. Im 



I>a8 Wachstum der Haare in der Achselhöhle etc. 841 

Alter YOD 20 Jahren litt er an Typhus, welchem sich eine 
linksseitige Pleuritis anschloß. Im ganzen war er damals drei 
Monate lang krank. Sonst war er immer gesund. Der linke 
Arm ermüdet bei der Arbeit etwas leichter und ist im ganzen 
etwas schwächer als der rechte, doch stört ihn das nicht in 
seiner Beschäftigung. Er leistete 8 Wochen lang Militärdienst 
und ertrug die Strapazen desselben sehr gut. 

Der übrigens an Bj*ätze leidende Patient ist mittelgroß« 
die Muskulatur ist gut, der Panniculus adiposus schwach ent- 
wickelt. Schon bei oberflächlicher Beobachtung fällt auf, daß 
der Brustkorb vollständig asymetrisch ist; er ist links flacher 
und dort, wo rechterseits Brustmuskeln und der M. serratus 
ant. magnus dem Thorax das gewolmte Relief verleihen, zeichnen 
sich linkerseits die Konturen der Rippen scharf ab. Die linke 
Thoraxhälfte sieht von vpme betrachtet so aus, als wäre 
der M. pectoralis major und minor und der M. serratus 
in seiner ganzen Ausdehnung abgelöst, so daß sich unter der 
Haut die nackten Rippen vorwölben. Auch die seitlichen An- 
teile des Thorax sind asymmetrisch. In seiner linken Hälfte 
wölbt er sich stärker vor, rechts ist er ein wenig eingesunken. 
Auch in der Fossa supra* und infraclavicularis besteht eine 
Asymmetrie. Die linke Fossa supraclavicularis ist fast voll- 
ständig von hypertrophischen Muskeln ausgefällt, die rechte 
Fossa supraclavicularis dagegen ist tief. Links wölbt sich der 
hypertrophische M. stemocleidomastoideus dem Halse und der 
Fossa supraclavicularis entlang vor, rechts liegt er im Niveau 
der Umgebung. Links sind Scaleni und CucuUaris hyper- 
trophisch, rechts sind diese Muskeln schwächer entwickelt und 
füllen dflJier auch die Grube oberhalb des Schlüsselbeines 
nicht aus. 

Umgekehrt verhält sich die Sache bezüglich der 
Fossa infraclavicularis. Die linke Fossa infraclavicularis ist 
um vieles breiter und tiefer als die rechte, weil hier die 
Clavicular-Portion des M. pectoralis fehlt. Unter der Cla- 
vicula ist die Pulsation der Art. subclavia gut sichtbar 
und die erste Rippe ist leicht durchzutasten. Am äußeren 
Rande der linken Fossa infraclavicularis wölbt sich die selbst- 
ständige Portion des Deltoides stark vor — sie ist stark hyper- 
trophisch. Läßt der Kranke die Arme hängen, so erscheint 
links zwischen der clavicularen und spinalen Portion des Del- 
toides eine seichte Furche, welche rechts vollständig fehlt, da 
hier die beiden Portionen des Deltoidias zu einem einheitlichen 
Muskel verschmolzen sind. Noch auffallender ist der Unter- 
schied zwischen den zwei Seiten, wenn beide Musculi deltoidei 
angespannt sind. Dann bildet sich zwischen den beiden Por- 
tionen des linken Deltoides eine tiefe Furche oder besser ge8aQ;t 



342 Schein. 

eine Grube, welche rechts voUständig fehlt Es lallt gleichzeitig 
auf, daß der linke Deltoides viel stärker entwickelt ist als der 
rechte, daß besonders seine claviculare Portion stark hyper- 
trophisch ist Unter diesem Muskel läßt sich der Processus 
coracoideus gut umgreifen, zum Beweise dessen, daß auch der 
M. pectoralis minor fehlt. 

Links wird die vordere Wand der Achselhöhle durch 
eine zum Oberarm hinzieheude verhältnismäßig sehr schwache 
Hautfalte gebildet, unter welcher auch dann kein Muskel- 
bündel zu tasten ist, wenn der Kranke seinen Arm fest an den 
Thorax andrückt Rechts hingegen wölbt sich der normal ent- 
wickelte Pectoralis major scharf unter der Haut vor. An Stelle 
der linken Brustmuskeln ist unter der Haut nur ein schwacher 
Strang zu fühlen, welcher nach Lengs felder einem von 
Henle beschriebenen Fascien-Bündel entspricht. Daß der linke 
Pectoralis major und minor vollständig fehlt, geht nicht nur 
aus den beschriebenen Tatsachen, sondern auch daraus hervor, 
daß auf Berührung der an der vorderen Grenze der Axilla be- 
findlichen Hautfalte mit der Elektrode nicht einmal bei star- 
ken faradischen und galvanischen Strömen eine Eontraktion 
auszulösen ist Linkerseits ist auch auf dem M. serratus ent- 
sprechenden Gebiete keine Kontraktion auszulösen. Wir er- 
wähnten schon einmal, daß die einzelnen Zacken des rechts- 
seitigen M. serratus sich unter der Haut deutlich vorwölben, 
während links an der Stelle des Serratus nur Rippen und 
Intercostalräume zu sehen und zu tasten sind. 

Die linke Mammilla zeigt in ihrer Entwicklung kaum 
irgend welche Abweichung von der rechten, sie ist vielleicht 
etwas tiefer eingezogen. Die linke Mammilla befindet sich in 
der Höhe der vierten Rippe, die rechte 1 — 2 mm tiefer. Die 
Mitte der Unken Mammilla liegt um 1 7« cm näher zur Mittel- 
linie des Sternums als die Mitte der rechten. Die Entfernung 
der linken Mammilla von der Mittellinie beträgt 8 cm^ die der 
rechten 9Vs cm. Am Rande beider Warzenhöfe sind einige 
Härchen zu sehen, rechts etwas mehr als links. 

Das Sternum verläuft in schräger Richtung nach rechts 
und abwärts. In seiner oberen Hälfte wölbt es sich an der 
Ansatzstelle der rechten Rippen etwas vor, in seiner unteren 
Hälfte ist gerade umgekehrt am Ende der linken Rippen eine 
geringgradige Vorwölbung zu sehen. Auf dem den unteren Teil 
des Sternums deckenden Hautgebiete ist rechterseits eine 
Haarzone sichtbar, welche sich scharf in der Mittellinie ab- 
grenzt. Auf der linken Hälfte des Sternums ist die Haut un- 
behaart. Auf der linken Seite des Thorax zeichnen sich alle 
Rippen von der ersten angefangen gut unter der Haut ab, weil 
sie nicht von Muskulatur gedeckt sind, wie dies rechterseits 



Das Wadistnm der Haare in der Achselhöhle etc. 343 

der Fall ist. Die linke dritte Rippe wölbt sich aufifallend stark 
▼or. Der Int^rcostalraam zwischen der dritten und vierten 
Bippe ist auffallend breit 

• Beim Hasten wölbt sich der durch seine Breite auffal- 
lende dritte Intercostalraum in der Ausdehnung von 5 — 6 cm 
stark vor; an den anderen Intercostalräumen ist eine solche 
Vorwölbung nicht zu konstatieren. Bei der Phonation (z. B. 
beim Aussprechen des Wortes „Kette**) wölbt sich auch dieser 
Intercostalraum stärker vor als die anderen. 

Bei tiefer Inspiration ist keine Einziehung der Inter- 
kostalräume zu beobachten. 

Bei ungezwungener Körperhaltung hängt die linke Schulter 
leicht herab. 

Die Behaarung der Axilla: Man muß zwischen 
axillarer und brachialer Behaarung unterscheiden. Die aadllare 
Behaarung ist reohterseits umschrieben, 2 cm lang, bildet ein 
dichtes Haarbüschel Die axillare Behaarung ist hier durch eine 
schmale Furche von der brachialen Behaarung geschieden, 
diese ist an der Innenfläche des Oberarmes in der Ausdehnung 
von 6 cm zu sehen. Die brachiale Behaarung ist nicht so schan 
begrenzt, ausgebreiteter und schütterer als die axillare Be- 
haarung. In der Wachstumsrichtung der einzelnen Haare ist 
kein Unterschied zu konstatieren. 

Links fehlt die axillare Behaarung vollständig, 
die brachiale Behaarung dagegen ist in der Ausdehnung von 
8 cm, also in einer um 2 cm größeren Ausdehnung vorhanden 
als reohterseits. Die Haare sind hier etwas dichter und länger 
als rechts, wodurch das behaarte Gebiet hier besser abgegrenzt 
und schärifer umschrieben ist als rechts. 

Am linken Oberarme fällt nebst der Hypertrophie der 
beiden von einander getrennten Teile des Deltoides noch der 
zwischen dem M. biceps und triceps bestehende Kontrast auf. 
Während der linke Biceps auffallend schwach ist, ist der 
Triceps auffallend gut entwickelt Vergleichen wir den linken 
und den rechten Ooerarm miteinander, so finden wir, daß der 
linke Triceps wenigstens so dick ist, wie der rechte, vielleicht 
sogar dicker als dieser. 

Betrachten wir den Rücken des Patienten, so fällt uns 
vor allem auf, daß infolge der Hypertrophie des M. cucullaris 
sich die linke Hälfte des Nackens etwas stärker vorwölbt, als 
die rechte. 

Femer fällt auf, daß auch der Rücken asyn^metrisch ist. 
Die Wirbelsäule weist eine geringgradige, linksseitige Skoliose 
auf. Der stärkste Grad der Verkrümmung entspricht der Höhe 
des achten Brustwirbels. 



844 Schein. 

Hebt der Kranke seine beiden Arme nach vorne bis zur 
Horizontalen empor, welche Bewegung zum Vergleiche der Funk- 
tion der beiden Musculi serrati dient, so hebt sich ^e linke 
Skapula flügelföimig ron den Rippen ab und es entsteht zwischen 
der Innenfläche der linken Skapula und dem Thorax eine tiefe 
Grube, so daß man die ganze Hand nnter die Skapula stecken 
kann. Dieser Umstand beweist, dafi der linke M. serratus anticui 
ToUständig fehlt. 

Übrigens befinden sich beide Schulterblätter in gleicher 
Höhe, welcher Umstand darum Erwähnung verdient, weil man 
in letzter Zeit die Sprengel sehe DifiFormität, bei welcher ein 
Schulterblatt höher steht ids das andere, auf eine mangelhafte 
Entwicklung oder auf den Defekt der unteren Portion des 
Cucullaris zuräckgefuhrt hat 

In unserem Falle ist dieser Muskel in seinem unteren 
Anteile eher etwas hypertrophisch zu nennen, denn wenn sich 
der Muskel anspannt, erscheint er dicker als der rechte. 

Untersuchen wir den die hintere Wand der Axilla dar- 
stellenden M. latissimus dorsi, so finden wir, dafi zwischen 
den beiden Muskeln ein Unterschied besteht; der linke ist 
nicht so dick und so breit, wie der rechte, besonders in seinem 
als Teres major bezeichneten Anteile. 

Die beiden oberen Extremitäten sind sonst gleichmäfiig 
entwickelt, gleich lang. 

In den inneren Organen ist keinerlei Abweichung von 
der Norm zu konstatieren. Spuren der in der Anamnese er- 
wähnten linksseitigen Pleuritis sind nicht mehr nachweisbar. 

Erwähnenswert wäre noch der Umstand, dafi links eine 
Yaricocele vorhanden ist und dafi an beiden unteren Extremi- 
täten, besonders aber an der linken, erweiterte Venen vor- 
handen sind. 

Andere Anomalien sind am Körper des Kranken nicht zu 
konstatieren. 



Ans der k. k. derxnatologisolien Universitätsklinik von Prof. 

Pick in Prag. 



Zur Frage der 
metastatischen Lymphdrusenerkrankung 

beim Rhinosklerom. 



Von 

Dr. Alfred Krans, 

II. AiaUtent der Klinik. 



Während eine zum spezifischen Prozesse des Rhinoskleroms 
gehörige Beteiligung der regionären Lymphdrüsen früher nicht 
bekannt war, ja das stets konstatierte Fehlen derselben viel- 
fach in differentialdiagnostischer Beziehung verwertet wurde, 
fährten die Untersuchungen Bönas (1) zu dem gegenteiligen 
Resultate, daß das Rhinosklerom von einer höhergradigen regio- 
nären Lymphdrüsenschwellung begleitet sei. Er berichtet über 
fünf Fälle von Rhinosklerom mit regionärer Drüsenschwellung 
und stellt das Postulat auf, daß von nun an jeder Fall von 
Rhinosklerom nach dieser Richtung genau untersucht werden 
möge. Bei der Untersuchung der Natur dieser Drüsenschwel- 
lungen in einem Falle seiner eigenen Beobachtung vermochte 
er zuerst aus dem Safte der regionären, geschwellten Drüsen 
mit Leichtigkeit Reinkulturen von Kapselbazillen zu isolieren, 
die mit jenen vollständig identisch waren, welche vorher von 
einer Schnittfläche des Geschwulstgewebes selbst gezüchtet 
worden waren. Wenngleich sich bei der Untersuchung der ex- 
stirpierten Lymphdrüsen charakteristische Bazillen nicht nach- 
weisen ließen, in denselben vielmehr nur ein subakuter ent- 
zündlicher Prozeß konstatiert werden konnte, gelangte Röna 
zu dem Schlüsse, daß die an das Rhinosklerom sich anschlie- 



346 Kraus. 

ßenden Lymphdrüsenschwellangen den Charakter der metasta- 
tischen Erkrankung an sich tragen. 

Während diese Befunde zunächst keine Bestätigung fanden, 
dagegen andererseits direkt auf Widerspruch stießen, berichtete 
Röna (2) in einer zweiten Arbeit, welche sich mit dem gleichen 
Thema beschäftigt^ über zwei weitere Fälle von Rhinosklerom 
mit Lymphdrüsenbeteiligung, in deren einem es ihm gleich- 
falls gelang, aus der Drüse Eapselbazillen in Reinkultur zu 
achten, die denselben morphologischen und tinktoriellen Cha- 
rakter aufwiesen als jene, die aus der bestehenden Nasen- 
geschwulst isoliert werden konnten. Gleichzeitig mit Material 
einer Drüse von einem skrofulösen Individum und einer an 
exulzeriertem Nasentupus leidenden Person ausgeführte Eontrol- 
Tersuche hatten insofern ein negatives Resultat, als die beschickten 
Nährböden entweder völlig steril geblieben waren oder auf den- 
selben nur zufallige Verunreinigungen aufgegangen waren. Röna 
fand in diesen Ergebnissen eine Stütze für seine früher ausge- 
sprochene Ansicht, daß die regionären Lymphdrüsengeschwülste 
beim Rhinosklerom als rhinoskleromatöse Metastasen aufzu- 
fassen seien. 

H u b e r (3) berichtete dann die Elrgebnisse der histologischen 
Untersuchung der im zweiten Falle Rönas ezstirpierten Lymph- 
drüsen. Auch H u b e r aber konnte, soweit er die Drüsen direkt 
nach der Entnahme fixierte und untersuchte, in ihnen nur einen 
chronischen Entzündungsvorgang ohne jeden spezifischen Cha- 
rakter wahrnehmen; dagegen gelang ihm auch der histologische 
Nachweis der Bazillen im Drüsengewebe, als er die in den 
Drüsen scheinbar in geringer Menge aber sicher vorhandenen 
Bazillen durch einen Kunstgriff vermehrte, indem er Gewebs-. 
Stückchen der Drüsen vor der Fixierung zunächst durch 24 Stunden 
im Thermostaten auf geeignete künstliche Nährböden brachte, und 
so gewissermaßen eine Anreicherung des Gewebes mit denselben 
erzielte. Sichere Mikulicz sehe Zellen fand Hub er jedoch 
auch in dem „kultivierten^ Gewebe nicht. Seine Untersuchungen 
führten daher zu dem Schlüsse, daß die regionären Lymph- 
drüsenschwellungen beim Rhinosklerom als spezitisch anzusehen 
seien. Ja man in denselben bakteriologisch und histologisch 
den Rhinosklerombazillus nachweisen könne. Bezüglich der 



Zar Frage d. met. Lymphdrüsenerkrankung b. Rhinosklerom. 347 

Dignität gehöre diesem das Vorrecht vor den Mikulicz sehen 
Zellen. Abgesehen von dem zu erhebenden Bazillenbefuude trü- 
gen die in den Lymphdrüsen yorhandenen Veränderungen keinen 
spezifischen Chsrakter. 

Zwei Fälle von Rhinosklerom, die wir in letzter Zeit auf 
der Klinik beobacliten konnten, und die beide letal abgelaufen 
sind, boten uns die erwünschte Gelegenheit, der durch die an- 
geführten Beobachtungen von Rona und Hub er angeregten 
Frage, die metastatische Lymphdrüsenerkrankung bei Rhinoskle- 
rom betreffend, näher zu treten. 

Fall L ') Derselbe betraf eine 69jährige Fraa. Die Affektion hatte 
▼or mehr als 20 Jahren am linken Naseufiogel begonnen, sich yon hier 
ans langsam aber fortwährend aasgebreitet nnd nach ll^ährigem Bestände 
das rechte Nasenloch ergriffen, das ganze Naseninnere erfällt und aach 
Teile der Oberlippe in sich einbezogen. Als Patientin zum ersten Male 
Spitalshilfe aufsnchte, waren bereits beide Nasenlöcher durch Tamormassen 
▼erstopft, ebenso waren die Nasenspitze, das Septum and die Nasenflftgel 
in dem Tamor aufgegangen. Es worden damals die beiden Nasenlöcher 
durch Exoision der Tamormassen freigelegt, wodurch das Fortschreiten 
des Prozesses für eine Zeit wesentlich eingeschränkt wurde. Seit dem Jahre 
1892 stand Patientin mit geringen Unterbrechungen in klinischer Behandlung, 
während welcher Zeit die Affektion sich allmählich auch auf den weichen 
Gaumen und das Ka^nm phary ngonasale ausbreitete. Im Februar j. J. 1902 
erlag Patientin einer tuberkulösen Basilarmeningitis, welche sich an eine 
kurze Zeit vorher florid gewordene Lungentuberkulose angeschlossen hatte. 

Dem Sektionsprotokoll entnehmen wir folgendes: Das knöcherne 
OerüBt der Nase nicht abnorm. Der linke Nasenflügel, die Nasenspitze 
und die yorderste Partie des rechten Nasenflügels vollständig defekt. Da- 
doreh eine einzige Nasenöfiiiung bedingt, deren Ränder von blutigen 
Borken bedeckt sind, worunter sich eine etwas härtliche Oranulations- 
masse befindet Das Stptum narium cartilagineum vollständig fehlend. 
Die mittlere Partie der Oberlippe etwas verdickt, aber nicht sehr hsrt. 
Innere Meningen im Bereiche der Konvexität etwas getrübt, stark serös 
durchfeuchtet. An der Himbasis um die Optici und in den Fossae Sylvii 
sowie auch in der Gegend der Art. basilaris die Meningen stark verdickt, 
getrübt, von reichlicher, seröser Flüssigkeit durchtränkt. Das Bxsudat 
flüssig, hie und da Fibrinflocken enthaltend. Uvula vollständig fehlend. 
Die Gegend des Isthmus faucium, u. zw. der ganze weiche Gaumen, die 
Gaumenbögen und der Zungengrund von einer höckerigen, graurötliohen, 



') Ober die Untersuchungsergebnisse dieses Falles habe ich auf der 
74. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Karlsbad berichtet. 
Siehe „Verhandlungen** pag. 484. 



848 Er am. 

•tellenweise — namentlich am Bande — mit einer weiOlichTerdiokten 
narbigen Epitheloberfl&ohe versehenen Masse durohsetst, welche auf der 
Zunge znm Teil auch noch in die Muskulatnr hineinragt. Die Hals- 
lymphdrüsen beiderseits etwas vergrößert, am Querschnitte 
von grauroter Farbe, stellenweise weißliche Knötchen 
seigend. In beiden Lungen hochgradige tuberkulöse Veränderungen. 

HerrHofirat Ghiari hatte die Freundlichkeit, der Klinik 
eine der vergrößerten Halslymphdrüsen des Falles zu über- 
lassen, wofür ihm der beste Dank gesagt sei. 

Dieselbe entstammte der rechtsseitigen Karotisgegend. 

Von einer steril hergestellten Schnittfläche, welche — wie 
die der übrigen bei der Sektion ausgeschnittenen, vergrößerten 
Halslymphdrüsen am Querschnitt eine graurote Farbe und 
stellen Vfeise kleine weißliche Knötchen zeigte — wurde, gleich- 
falls steril, etwas Gewebssaft mit einer Öse abgestrichen, und 
mit demselben drei Glyzerinagarplatten beschickt. Schon nach 
24stündigem Verweilen derselben im Thermostaten waren in 
allen Strichen reichlich kuppenförmig über das Niveau erhabene 
Kolonien einer einzigen Art aufgegangen, die — bis Hellergroße 
erreichend — einen grauen Farbenton, starken Glanz, bedeu- 
tenden Feuchtigkeitsgehalt und eine scharfe Umrandung zeigten« 
Unter dem Mikroskop erwiesen sich dieselben als Reinkulturen 
des Rhinosklerombazillus. Zur Feststellung des Artcharakters 
des aus der Drüse gewonnenen Stammes wurde aus dem Ge- 
schwulstgewebe eines zweiten zu dieser Zeit auf der Klinik 
befindlichen Rhinoskleromkranken der „Rhinosklerombazillus* 
isoliert und beide einer vergleichenden bakteriologischen Unter- 
suchung unterworfen. Das Verhalten beider war in jeder Be- 
ziehung gleich. 

Eeine weitere Kontrolluntersuchung führte 'ich mit Ma- 
terial von zwei Lymphdrüsen, je einer Hals- und einer Unter- 
kieferlymphdrüse aus, die von einem an Carcinoma ventriculi 
verstorbenen Patienten herrührten. Bei der Obduktion derselben 
waren keinerlei pathologische Veränderungen im Bereiche der 
Nasen-, Mund- und Rachenhöhle erhoben worden und es boten 
die Drüsen makroskopisch keine Abweichungen von der Norm 
dar. Auf den mit dem steril entnommenen Gewebssaft derselben, 
oder nach dem Vorgange Hubers mit Gewebsteilen selbst 
beschickten Nährböden gingen keinerlei Kapselbakterien 



Zar Frage d. met. Lymphdrütenerknmkimg b. Rhinosklerom. .349 

auf, sie blieben entweder steril oder es gingen nur ubiquitäre 
Eitermikroorganismen auf. 

Nachdem — wie aus dem vorhergehenden ersichtlich ist — 
die bakteriologische Untersuchung in unserem Falle mit der aus- 
schließlichen Anwesenheit des Rhinosklerombazillus ein positives 
Resultat ergeben hatte, gingen wir an die histologische Unter- 
suchung des Drnsengewebes. Bemerken will ich, daß mit der 
Drüse die Hub ersehe Versuchsanordnung nicht durchgeführt 
wurde, u. zw. deshalb, weil in diesem unserem Falle die Ver- 
haltnisse schon dadurch wesentlich andere waren, daß die be- 
treffende Drüse erst bei der 48 Stunden post mortem statt- 
gefundenen Obduktion dem Körper entnommen worden war. 
Wir haben diese Drüse vielmehr sofort in I07oigem Formol fixiert. 

Das Resultat der histologischen Untersuchung nun deckt 
sich gleichfalls vollständig mit dem von Rona und Hu her 
an den Schnitten des nicht „kultivierten** Drüsengewebes ge- 
fundenen Veränderungen. Es fanden sich lediglich die Zeichen 
eines in der Drüse sich abspielenden, subakuten, durch nichts 
speziell charakterisierten Entzündungsprozesses. Rhinosklerom- 
bazillen im Gewebe aufzufinden gelang mir nicht, und ich kann 
H u b e r nur völlig beipflichten, wenn er behauptet, daß es sehr 
schwer ist die Bazillen, wenn sie in spärlicher Zahl vorhanden 
seien — und das müssen wir für das Drüsengewebe wohl an- 
nehmen — von verschiedenen Zellelementen zu unterscheiden. 
Endlich konnte auch ich das Vorhandensein der für den Rhino- 
skleromprozeß charakteristischen Zelldegenerationen, Mikulicz- 
scher und hyaliner Zellen, in der Drüse nirgends konstatieren. 



Wie bereits erwähnt, hatten wir in einem zweiten Falle 
von Rhinosklerom Gelegenheit, diese Untersuchungen fort- 
zusetzen, speziell den von Hub er vorgeschlagenen Versuchsweg 
einzuschlagen. 

Ich will zunächst über den Verlauf desselben und das 
Ergebnis der erfolgten Obduktion in Kürze berichten. 

Fall n. B. M. 84j&hrige, verheiratete Arbeiterin, auf die Klinik 
aufgenommen am 21./IX. 1902. — Die Nasenaffektion bestand seit swei 
Jahren, ebensolange konnte Patientin angeblich nicht mehr durch die 



350 Kraur. 

Nase atmen. Atmaog durch den Mand war nie behindert. Niemals Sehling- 
beschwerden. Die Affektion verlief yollkommen Bchmerzloe. 

Seit 16 Wochen bestand eine Ohrenaffektion mit beiderseitiger 
hochgradiger Schwerhörigkeit einhergehend. — Vater der Patientin an 
Lungentuberkulose gestorben. 

Bei der Aufnahme wurden folgende Befunde erhoben: 
Sehr schlechter Em&hrungssustand. Die Nase erscheint im knorpeligen 
Anteile leicht assymmetrisch nach rechts gebogen, an ihrer linken Seite 
am Übergange des knorpeligen in den knöchernen Teil etwas vorgewölbt. 
Die Begrenzung des linken 'Nasenloches, welches bedeutend enger erscheint 
als das rechte, zeigt gegen das Septum zu eine rötliche, ziemlich scharf 
begrenzte Yerförbung mit leichter, weißlicher Schuppenauflagerung. Die- 
selbe Yeräuderung zeigt die übrige Wand des Atrium nasi, soweit sie bei 
einfacher Inspektion sichtbar ist, beiderseits, doch erstreckt sie sich rechts 
nicht so weit gegen die Oberlippe nach abwärts wie links. Bei der Pal- 
pation fallt die eigentümliche, knorpelharte Konsistenz dieser Teile auf. 
Die Nasenspitze erscheint ebenso wie die beiden Nasenflügel nur in ge- 
ringer Ausdehnung beweglich. Untersuchung des Naseninneren: Die rechte 
Nasenseite ist durch breite Verwachsung der Innenfläche des Nasenflügels 
mit dem Septum vollständig verlegt. Links eine gleiche Verwachsung bis 
auf einen für die Sonde noch durchgängigen Spalt. Über den Innenraum 
der Nase läßt sich daher nichts aussagen, ebenso wie über den Nasenrachen- 
raum, da der weiche Gaumen mit der hinteren Rachenwand bis auf 
schmale Fistelöfihungen verwachsen ist. Am hinteren Teile des harten 
Gaumens nach hinten an Extensität zunehmende oberUächliche belegte 
Exulcerationen. Der weiche Gaumen erscheint dem tastenden Finger sehr 
derb. Uvula fehlt; an Stelle der Ganmenbögen derbe Narbenstränge, 
die gegen die hintere Rachenwand hinziehen. Die Erkrankung der Schleim- 
haut des Rachens reicht nach abwärts bis zum Larynx und hat auch die 
aryepiglottischen Falten und die Aryknorpel mitergriffen. Die Stimmbänder 
sind etwas verbreitert, ihre Schleimhaut gelockert, scheinen aber noch von 
Sklerom frei zu sein. 

Die Unterkiefer- und Halslymphdrüsen beiderseits 
bis zur Mandelgröße geschwellt. 

Untersuchungen der Ohren: Beiderseits chronische eitrige liittel- 
ohrentzundung mit Granulationsbildung und Garies der Paukenhöhlenwände. 

Befund rechts: Warzenfortsatz nicht druckempfindlich. Äußerer 
Gehörg^Dg hinten oben etwas vorgewölbt. An der vorderen oberen Peri- 
pherie ein über erbsengroßer Granulationspolyp, welcher das ganze Ge- 
sichtsfeld bis auf einen schmalen Spalt hinten unten verdeckt, durch wel- 
chen eitriges Sekret sich entleert. Trommelfell nicht sichtbar. 

Befund links. Am inneren Ende des äußeren Gehörganges ist 
hinten oben ein breit aufsitzender, etwas über stecknadelkopfgroßer Po- 
lyp zu sehen. Vom und unten ist die Paukenhöhlenschleimhaut, die blaß 
aussieht und sezemiert, sichtbar. Trommelfell fehlend. 



Zur Frage d. met Lymphdrüsenerkrankmig b. R